Der steinerne Kompass
Von Rüdiger Woog und Ria Raven
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Über dieses E-Book
Tris, ein junger Fischkopf von der Waterkant, begibt sich in den 80er Jahren auf einen Foottrip durch ein fremdes und aufregendes Deutschland, der ihn bis hinauf zum Zugspitzplatt führt; am Gürtel ein Walkman mit Springsteen-Songs, im Rucksack jede Menge Erbsensuppenbier und an der Hand ein bunter Schmetterling.
In seinem neuen Roman nimmt uns Rüdiger Woog mit auf eine Zeitreise, die den Leser manchmal schmunzeln lässt und manchmal melancholisch stimmt, aber auf jeden Fall ein paar Schritte weit glücklich macht.
Rüdiger Woog
Rüdiger Woog wurde 1971 in Eckernförde geboren. Er wuchs in einem kleinen Dorf am südlichen Rand des Altmühltals auf, studierte Germanistik und Romanistik und lebt heute mit seiner Familie in der Nähe von Ingolstadt, wo er als Schriftsteller, Sprachenlehrer, Lehrmittelautor und Werbetexter arbeitet. Woog erschrieb sich bereits mit seinem historischen Roman Die verwandelte Zeit“einen Namen. Mit seinen Krimis Der Einschläfer“ und Der letzte Gig“ machte er sich schließlich auch überregional bekannt. Im seinem neusten Roman Das hellgrüne Rentier”beweist er, dass er literarisch nicht nur in historischen oder kriminologischen Gefilden zu Hause ist.
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Buchvorschau
Der steinerne Kompass - Rüdiger Woog
Inhaltsverzeichnis
Zur Vorgeschichte gemachte Nachgeschichte
Das Land zwischen den Meeren
Jenseits der Meere
Den Steinen hinterher
Tom Petty und eine Karte voller Narben
Der steinerne Kompass
Aufbruch
Landgang
Durch die große Schlange getrennt
Wachsen drüben keine blauen Blumen?
Wölfe suchen und meiden die Menschen gleichermaßen
Der Schmetterling
Harinam
Am Morgen der Welt
Der steinerne Drache
Menschen im Tal
Und da waren’s drei
Weg
Der steinerne Mann
Zum Intermezzo gemachte Nachgeschichte
Herbsttage mit dem Puppenspieler
Das Ende der Achtziger
Alles außer nine to five
The walking man walks
Ein langer Weg hier herauf
Im Purpurregen
Tage wie Nummern
Weiß
In der Zeitschleife
Danksagung
Vollständige e-Book-Auflage 2024
Originalausgabe: »Der steinerne Kompass«
Copyright © 2024 WOLFSTEIN VERLAG
ein Imprint der Spielberg Verlagsgruppe, Neumarkt
Lektorat: Beate Brosig
Umschlaggestaltung: © Ria Raven, www.riaraven.de
Bildmaterial: © shutterstock.com
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung
können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
ISBN: 978-3-95452-128-9
www.spielberg-verlag.de
In treuer Erinnerung an meinen Freund, Grafiker und Wegbegleiter
James D. Beckett
und für
Bruce,
mit bestem Dank für den Soundtrack meines Lebens!
I have climbed highest mountains
I have run through the fields
Only to be with you
Only to be with you
I have run
I have crawled
I have scaled these city walls
These city walls
Only to be with you
But I still haven‘t found what I‘m looking for
But I still haven‘t found what I‘m looking for
U2, 1987
Zur Vorgeschichte gemachte Nachgeschichte
Sollte es den lieben Gott wirklich geben, dann muss er einen recht schrägen Humor haben, denke ich mir, wie ich auf die grau gekränzten, kahlen Hinterköpfe vor mir starre. Denn sicherlich hat er diese glänzende Ödnis der männlichen Eitelkeit einer Stelle zugedacht, die naturgemäß für alle Anderen sichtbar ist, nur nicht für den leidtragenden Herrn selbst, in, nach oder im schlimmsten Falle noch vor seinen besten Jahren. In ihren schwarzen Anzügen und Winterjacken wirken sie von hinten alle wie geklont. Die Frauen haben sich hauptsächlich auf der linken Seite des offenen Grabes versammelt, während die Männer ihnen gegenüber auf der rechten stehen, getrennt durch eine unüberwindbare, 1,80 Meter tiefe Kluft. Es ist der 10. November und an den altehrwürdigen Bäumen auf dem Anger halten sich noch hartnäckig blassgelbe, orange und braun gefleckte oder auch wie in Ochsenblut getränkte, altbordeauxfarbene Blätter. Sie tanzen wie flimmernde Seelen im sich allmählich auflösenden Morgennebel, der hierzulande gerne mal bis in den späten Mittag Land und Mensch verschluckt, bestimmt, um sich über die kahlen Köpfe der Männer zu erheben und spöttisch auf sie niederzublicken, wie sie vor dem schwarzen Loch ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft stehen, in aufgeputzten Sonntagsschuhen, mit rosig klammen, faltigen Händen, die für fünfzig Cent das Sterbebild einer jungen Frau halten, die seltsamerweise genauso alt ist wie die meisten ergrauten oder unnatürlich kupfern gefärbten Trauergäste. Es ist ihre Generation, die anstelle des Mädchens in dem hellen Eichensarg alt geworden ist. Von denen, die zu ihren Lebzeiten schon alt waren, lebt, soweit mir bekannt ist, niemand mehr. Also blieb uns gar nichts anderes übrig, als diese Rolle zu übernehmen und für sie mit zu altern, eigentlich ganz logisch. Nein, ich korrigiere mich: eigentlich nur ganz konsequent. Denn wo bleibt die Logik, wenn Fünfzig- bis Sechzigjährige eine gleichaltrige Neunzehnjährige zu Grabe tragen?
Niemand weint. Die Tränen hätten früher fließen müssen, viel, viel früher …
Der klamme Friedhofsdunst packt mich an meinem alten Knieleiden und lässt mein linkes Bein wieder zittern, wie so oft, wenn ich lange stehen muss. Ich frage mich, wann es wohl ganz seinen Dienst quittieren wird.
Das Land zwischen den Meeren
Irgendwo zwischen den großen, dunkelgrauen, mit Feldspat, Quarz und Glimmer gemaserten Granitfindlingen in unserem Vorgarten, halb überwuchert von immergrünen Bodendeckern, buschigen Kiefern und krummen, kleinwüchsigen Zedern, da im hohen Norden nicht allzu viel von Frühlings- und Sommerblütlern zu erwarten war, irgendwo dort oben, im Hintergarten meiner Kindheit, im Schutze unseres roten Klinkerhauses, das sich , wie fast alle Häuser im Dorf, durch keinerlei Zaun, Hecke oder gar Mauer von der Nachbarschaft abgrenzte, irgendwo in jener kindlichen Zauberlandschaft erwuchsen die Urbilder. Die Urbilder meines Denkens. Ich meine damit keine politischen Einstellungen oder besonderen Denkweisen, sondern vielmehr die Prototypen irgendwelcher alltäglichen Dinge oder Örtlichkeiten, die einem sofort, wenn man das eine Wort nur hört, gewissermaßen als Urmuster, in den Kopf schießen.
Wenn ich noch heute an bestimmte Begriffe wie etwa zu Hause, Küche, Garten, Sommerabend oder Ähnliches denke, dann sehe ich vor mir eine schmiedeeiserne Reling. Ich weiß immer noch, wie glatt und ein bisschen grieselig sie sich anfühlte. Weiße und königsblaue Töpfertassen hingen daran, und unter der Reling ertaste ich blind eine von meinem Vater aus einer uralten Mooreiche selbst angefertigte Arbeitsplatte nebst Schränken und Regalen aus Kiefernholz, das, egal, wie alt es wurde, immer diesen harzigen Geruch behielt, als wäre es erst frisch geschlagen und geschnitten worden. Man vergisst im Laufe seines Lebens viele Dinge, aber niemals ihren Geruch. Es ist doch seltsam, dass sich unsere Nase besser an Dinge und Menschen zu erinnern vermag als unsere Augen, Ohren oder Fingerspitzen.
Nun, wenn ich in meiner Erinnerung noch ein wenig tiefer grabe, dann blicke ich durch das Küchenfenster an den das ganze Jahr über weißen Armen meiner Mutter vorbei, die mit ihren gehäkelten, dänischen Topf handschuhen ein Blech mit allerhand heißen, eigentümlich klickenden und klappernden Gefäßen voller köstlicher Blaubeermarmelade aus dem alten Emailleherd holt. Im Garten zieht indes mein Vater in Gummistiefeln, graumeliertem Bart, Kaiser-Wilhelm-Mütze und blauem Arbeitskittel seine konstanten, einem ebenso strikten wie mysteriösen Muster folgenden Rasenmäherbahnen, obwohl es schon neun oder sogar zehn Uhr abends ist. Die Sommerabende waren lang und hell, hoch im Norden, im Land zwischen den Meeren, sodass sich das Alltagsgeschehen im diffusen, goldenen Sonnenlicht ausdehnte und all das nachholte oder vorwegnahm, was ihm die kurzen Wintertage wiederum verwehrten. Im ewigen Kreislauf von Licht und Dunkelheit gab es kein Vorher oder Nachher. Tag und Nacht, Wachsein und Traum verschmolzen zu einer einzigen Harmonie. Keiner der Nachbarn empfand da so etwas wie spätes Rasenmähen als Ruhestörung.
Endlose, weichgezeichnete Sommertage wie auf Polaroidfotos, gefühlte Dauernacht in den Wintermonaten, die so finster gar nicht waren, rote Klinkergebäude, die Höfe und Scheunen darunter fast alle mit Reet oder dunkelgrün gestrichenem Blech gedeckt, Findlinge, immergrüne Bäume, knorrig und verwachsen wie verzauberte Kobolde. Die mächtigsten dieser Koboldbäume umrandeten beschützend einen sanften Hügel mit dem Dorfanger, auf den tatsächlich die Bergstraße führte. Sie war ungefähr dreihundert Meter lang, doch man überwand auf dieser Strecke nur gerade mal drei knappe Höhenmeter. Auf und um den Hügel versammelten sich die Kirche mit Friedhof, dessen verwitterte Grabsteine aus dem hohen Gras zu wachsen schienen, der Kindergarten und die Grundschule, ein Bäcker, ein Fleischer und ein Tante-Emma-Laden.
All das sind die bunten Legosteine meiner Kindheit und Jugend. Und wenn ich so an die große Legokiste unter meinem Bett zurückdenke, dann bilde ich mir ein, dass jeder Stein, ob Vierer, Sechser oder Sechsereinreiher, und jede der vier Farben – die übrigens die gleichen waren, wie Berts Pullover aus der Sesamstraße – seinen eigenen Geruch hatte. Natürlich trägt meine Nase auch diesen Legogeruch immer noch überall mit sich herum.
Außerhalb unseres Dorfes aber gab es eine Welt aus Wiesen und Koppeln, allerhand bunte Schmetterlinge beherbergenden Knicks, kerzengeraden Straßen und Wanderwegen, schilfgesäumten Mooren, kleinen Birken- und Kiefernwäldern mit herrlichen Steinpilzen, flinken Blindschleichen und stoischen Störchen, die sich irgendwie zackig bewegten, wie die Ägypter in den Asterixheften, außerdem riesigen, schwarzweiß gefleckten Kühen, Pferden und freilaufenden Schweinen mit dichten, dunkelgrauen Borsten, aber auch Habichten, Falken, Bussarden und zuweilen sogar Adlern. Zwischen den Knicks, Wäldchen und Wiesen stieß man immer wieder auf Hünengräber, aufgeworfene Grabhügel oder Steingräber aus der Jungsteinzeit, die sich relativ unscheinbar, wie vergessen, in entlegenen Feldwinkeln verbargen. Wir Kinder nannten sie Hühnergräber und konnten uns lange nicht erklären, weshalb unsere Vorfahren nur so ein Aufhebens um ihr verstorbenes Federvieh gemacht hatten.
Wenn man das Dorf mit seinen Findlingen, immergrünen Bäumen und gepflegten Vorgärten also hinter sich ließ, über reichlich Wälle und Gatter kletterte und lange genug über Viehweiden zog, durch moosbedeckte Wälder streifte, um den alten, breiten, sandigen Wikingerwegen zu folgen, dann, ja dann wurde die Luft zunehmend salziger und auch ein wenig modrig, und man sah endlich das, was einem die Möwen, wenn es Abend wurde, hoch über den Reetdächern unseres Dorfes so sehnsuchtsvoll verhießen – man sah den Ursprung allen Lebens und den geheimnisvollsten und größten Ort der Welt, man sah das Meer.
Im Westen nahm es sich so ebenmäßig aus, dass man sich bei ruhigem Seegang einbilden mochte, am Horizont die Erdkrümmung ausmachen zu können; und doch wühlte es sich zuweilen so zornesmächtig auf, dass sich die Menschen seit Jahrhunderten mit Haus, Hof und Vieh hinter hohen Deichen verschanzten. Im rauen Osten aber tobte es noch viel ungestümer und schlug wütend an die zerklüftete Küste. So umfassten die Meere sanft und stürmisch das Wunderland meiner Kindheit.
Das Meer. Mit dem Meer ist es so eine Sache. Man kann sich gerade an dem schönsten Ort der Erde befinden, am Strand sitzen und hinaus auf die Dünung blicken, die das Sonnenlicht mit Milliarden Silberschuppen überzieht, die dann mit dem Abendhimmel zu flüssigem Rotgold verschmelzen, bevor sie ihren Glanz zurück nach oben an die Sterne schicken. Oder man lässt sich auf einer Klippe die Haare zerzausen, während sich tief unter einem die gischtenen Schimmel wieder und wieder an die felsigen Ufer werfen, und man fragt sich dabei, ob die wundersamen Fluggebilde der Seevögel eine geheime, kunstvolle Botschaft der Natur bedeuten möchten.
Ganz egal, wie beruhigend, aufbrausend, zurückgezogen oder allmächtig, einladend oder gefährlich sich das Meer den Gestaden der Menschen auch nähert, man verspürt immer ein und dasselbe Gefühl, und das ist unbändiges Fernweh.
Das Seltsame am Meer war für mich aber von jeher, dass man sich, egal von welcher Seite aus betrachtet, immer ausmalt, was wohl dahinter liegen mag, und sich immerzu wünscht, an jenseitige Küsten zu gelangen, als wären wir ruhelose Zugvögel, die eine instinktive Sehnsucht während eines endlos währenden Winters nach Süden zieht, wo immer dieser Süden auch liegen mag.
Jenseits der Meere
A cloud appears above your head
A beam of light comes shining down on you
Shining down on you
The cloud is moving nearer still
Aurora borealis comes in view
Aurora comes in view
And I ran, I ran so far away
I just ran, I ran all night and day
I couldn‘t get away
A Flock Of Seagulls, 1982
Ich habe irgendwann die roten Klinkerhäuser und runden Findlinge verlassen, um den einen oder anderen Berggipfel zu erklimmen – und ich spreche hier von richtigen Bergen, nicht etwa von unserer alten Bergstraße, die ich mich todesmutig mit Gokart oder knallgelben Rollschuhen hinabstürzte. Wenn ich echte, alpine Berge bestieg, begnügte ich mich jedes Mal damit, die Spitze mit dem Gipfelkreuz erreicht zu haben und hinunter ins Tal oder hinüber zu den anderen gezackten Giganten zu blicken. Aber das Meer, ja das Meer erfüllte mich nicht so leicht. Es lud mich stets mit seinem verführerischen Glitzern ein, wie eine alte Liebschaft, und ich glaube, auch jeden anderen Menschen, nicht um einfach nur staunend zu verweilen und den Augenblick zu genießen, sondern um das nächste Schiff, ein Boot oder irgendeine Nussschale zu besteigen und von Möwen geleitet aufzubrechen ins Ungewisse oder in eine unbekannte oder vergessene Heimat, von der die Wellen leise und geheimnisvoll murmeln, immer und immer wieder.
Kein Mensch kann diese überirdische Magie leugnen, die dasselbe und niemals gleiche Meer von jeher auf unsere Spezies ausübt. Vielleicht liegt es ja daran, dass alles Leben der Erde dem Meer entstammt und die Wellen, der Wind und die Möwen uns unaufhörlich Geschichten über unsere ursprüngliche Heimat und Herkunft erzählen.
Wahrscheinlich ist es diesem Meerweh geschuldet, dass ich mich mit dem druckfrischen Abitur in der Tasche im Sommer des Jahres 1989, unbedarft und voller Hoffnung, mit glühenden Ahnungen aufmachte, das Land zwischen den Meeren für eine Weile hinter mir zu lassen und auf gleichsam kontinentale Wanderschaft zu gehen.
Ich hatte natürlich überhaupt keine Ahnung, ob und schon gar nicht, was ich studieren sollte. Studienberatung, Praktika und Jobmessen waren damals noch nicht einmal Science-Fiction. Tatsächlich liebäugelte ich, wie auch ein paar meiner Freunde, unter anderem mit einer Offizierslaufbahn bei der Marine, die unweit meines Klinkerdorfs stationiert war. Ja, ich gebe zu, dass Tom Cruise und vor allem die heiße Kelly McGillis in Top Gun ihren Teil zur Idee einer völlig romantisch verklärten Bundeswehrkarriere beigetragen hatten, aber ich war bereits vor den mündlichen Prüfungen bei der Musterung gewesen, die damals noch Pflicht war. Dort hatte man mich für uneingeschränkt tauglich befunden und mir gleich schon einmal alle notwendigen Unterlagen mitgegeben. Ich glaube, am liebsten hätten sie mich gleich geschoren und eingekleidet.
Obwohl die meisten Familien unseres roten Klinkerdorfes schon seit ein paar Jahren Farbfernsehgeräte besaßen, war die Welt in den
