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Notizen vor Tagesanbruch: Politische Gedichte
Notizen vor Tagesanbruch: Politische Gedichte
Notizen vor Tagesanbruch: Politische Gedichte
eBook175 Seiten54 Minuten

Notizen vor Tagesanbruch: Politische Gedichte

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Über dieses E-Book

Notizen vor Tagesanbruch ist die aktualisierte, um neue Texte ergänzte Neuauflage eines der bekanntesten gemeinsamen Bücher von Urs M. Fiechtner und Sergio Vesely und enthält nun eine Auswahl ihrer Gedichte und Lieder von 1975 – 2015.
Freiheit, Menschenrechte, Widerstand das sind immer wieder ihre Themen, um die auch das vorliegende Buch kreist. Ihre Erfahrung damit ist jedoch nicht allein literarischer Natur: Sergio Vesely schrieb seine ersten Gedichte und Lieder als politischer Gefangener der chilenischen Militärdiktatur, Urs M. Fiechtner ist seit vielen Jahren für Menschenrechts-organisationen tätig. Nichts an diesem Buch ist künstlich, jeder einzelne Text beruht auf persönlicher Erfahrung.
Notizen vor Tagesanbruch wird ergänzt durch die zuletzt in der 4. Auflage im Schmetterling-Verlag Stuttgart erschienene Auswahl von Kurzgeschichten und Erzählungen Geschichten aus dem Niemandsland, die auf erzählerischer Ebene die Themen dieses Buches aufgreift.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum10. Mai 2015
ISBN9783737543514
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    Buchvorschau

    Notizen vor Tagesanbruch - Sergio Vesely

    Lied für Antonio

    Für Antonio Lagos.

    Er wollte verteidigen, was er am meisten liebte,

    und kehrte zurück, um für sein Volk zu kämpfen.

    Als die Erde kam

    umarmte sie das Holz

    Als die Sonne kam

    brannte sie hell in der Höhe

    Als das Wasser kam

    war es durchtränkt von Liebe

    Erde und Baum

    Sonne und Baum

    Wasser und Baum

    Die eine das Nest

    die andere die Wärme

    das dritte der Fluss

    Die Erde blieb

    als Gefährtin des Baumes

    Die Sonne blieb

    als Blüte des Baumes

    Das Wasser blieb

    als Leben des Baumes

    Dann

    kam der Mensch

    und blieb

    und blieb

    und blieb.

    Beginn mit Zweifeln

    Ich bin angetreten

    um ein paar Zweifel zu wecken.

    Und als sie wach waren

    wandten sie sich gegen mich.

    Widerspruch

    Und daran denken

    dass die Bastion des Lachens

    Schritt um Schritt

    auf einem Gebirge

    aus Tränen fußt

    Neu Anfangen

    (Ein Taufgedicht für Manuel)

    Wiederhole unsere Fehler.

    Sie tun weh. Aber anders

    versteht man sie nicht.

    Verzeihe uns nicht. Aber

    finde unsere Gründe heraus.

    Bleibe nicht stehen

    wo wir standen.

    Achte die Irrtümer. Sie werden bald

    deine eigenen sein. Habe Respekt

    vor den Unwissenden. Schließlich

    gehörst du zu ihnen. Aber versuche

    die Ignoranten zu erkennen

    die bösartig Nichtswissenden

    die wissentlich Blöden

    die selbstzufrieden Großmäuligen

    die Stammtischkrakeeler, die Verkäufer

    die Propheten, die kopflosen Führer

    die Einredner, die Missionare

    die dummdreisten Fahnenschwenker: Sie

    sind verantwortlich. Sie

    sind haftbar.

    Überlasse ihnen die Straße nicht.

    Und nicht das Wort.

    Respektiere die Würde der anderen.

    Aller anderen.

    Nur davon hängt deine eigene ab.

    Du wirst nicht größer, indem

    du andere kleiner machst.

    Nur armseliger.

    Suche die Stärke nicht

    in Missachtung oder Gewalt

    sondern in Einsicht.

    Aber lass Dich nicht abhalten die Zähne

    zu zeigen, wenn es notwendig ist.

    Behandle die Menschen, als seien sie gut.

    Aber verharre nicht im Zustand

    der Unschuld. Die Unschuldigen sind freundlich doch sie helfen nicht weiter.

    Sie lassen gewähren.

    Sie bekämpfen die Schuldigen nie.

    Durch deine Unschuld werden die

    Geschundenen nicht weniger geschunden.

    Deine Unschuld befreit

    die Gedemütigten nicht.

    Man kann sie nicht essen.

    Belästige dich mit dem Wesen der Dinge.

    Sieh alles dir an. Lasse nichts aus.

    Wenn du die Wahrheit verteidigen willst

    lerne den Seitengang der Lüge zu verstehen.

    Was immer du suchst — suche dort

    wo man es am wenigsten findet, und

    befrage die Unterlegenen.

    Viel wissen die Rechtlosen über das Recht

    die Gefangenen über die Freiheit.

    Viel wissen die Hungernden über das Brot.

    Begnüge dich nicht mit der Gegenwart.

    Wirf deinen Blick über die Zeiten.

    Die Vergangenheit hat alles geformt

    was du siehst. Auch in deinem Spiegel.

    Ohne von der Herkunft der Dinge zu wissen

    wirst du sie nicht ändern, nur wiederholen.

    Was immer du tust, ist ein Schritt

    in die Zukunft. Aber kein Fußbreit

    ist sicher, ohne den Boden zu kennen

    auf dem du dich bewegst.

    Folge den Rattenfängern nicht, es sei denn

    du zählst dich unter die Ratten.

    Hänge dich nicht an die glitzernd

    Vielbewunderten an

    die Folgsamen sind doch nur Kopien

    und Anhänger sind niemals mehr

    als der Schwanz am Hintern des Hundes.

    Von diesen haben wir genug.

    Wenn du etwas Neues probieren willst

    versuche bescheiden, aber beharrlich

    einfach selbst ein Jemand zu sein.

    Was auch geschieht: lasse es nie allein

    nach dem Willen der anderen geschehen.

    Genieße jede Bewegung, solang sie

    deine eigene ist. Du hast Zeit. Noch.

    Koste sie aus mit Stolz. Mit Leidenschaft.

    Und behaupte nicht am Ende

    du hättest nichts gewusst. Oder

    einer allein könne ja doch gar nichts tun.

    Das haben wir zu oft gehört.

    Mach etwas mehr aus dir als eine verblassende Eintragung

    in der Gästeliste.

    Und, versteht sich:

    Traue den Gedichten nicht

    mindestens solange du selbst

    noch keine geschrieben hast.

    Wiederhole unsere Fehler.

    Aber übertreibe es nicht.

    Das haben

    wir ja schon getan.

    Die Mechanik des Subalternen

    Man sagt ihm, er soll anlegen

    und er feuert.

    Man sagt ihm, er soll Ordnung schaffen

    und er schiebt unverzüglich eine Patrone

    zwischen seine Pupille

    und die Brust eines politischen Gegners.

    Man sagt ihm, er soll sauber machen

    und er säubert.

    Man sagt ihm, er soll sein Land verschönern

    und er durchkämmt Stadt um Stadt

    auf der Jagd nach Feinden.

    Man schaltet ihn ein

    und er springt an.

    Man erwähnt das Wort „Revolution"

    in seiner Gegenwart

    und der Mann verwandelt sich

    stehenden Fußes in einen perfekten Bluthund.

    Nur wenn jemand kommt und ihm befiehlt sich gegen sein erbärmliches

    Schicksal zu wehren

    widersetzt er sich

    und nimmt Alarmstellung ein.

    Dieses Subjekt trägt seine Menschenwürde

    verkehrt herum.

    Was für jeden anderen eine Schande wäre

    das ist sein ganzer

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