Über dieses E-Book
Gerhard Krieg
Gerhard Krieg arbeitet als Verwaltungsangestellter und betreibt das Hobby Schreiben seit sieben Jahren.
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Rezensionen für Falkan und der Fluch von Kali
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Buchvorschau
Falkan und der Fluch von Kali - Gerhard Krieg
1
Böse Überraschung
Gelegentlich trug der Wind das leise Rauschen vorbeifahrender Nachtschwärmer von der A66 herüber, sonst war die Nacht still. Es war zwei Uhr, die Stadt schlief. Die Laternen beschienen die einsamen Straßen der Innenstadt und spiegelten sich in den Schaufenstern. Vom Himmel leuchtete die volle Scheibe des Mondes herab. Viele der dunklen Fenster standen offen, denn es war wieder eine dieser schwülen Sommernächte, die die Hitze des Tages nicht hatte verdrängen können und die einem den Schweiß auf die Haut trieb. Die Menschen verkrochen sich in die kühlsten Ecken ihrer Betten, niemand streckte den Kopf in der Hoffnung auf Kühlung aus dem Fenster. Daher sah auch niemand die schwarz gekleidete Gestalt, die sich an den Wänden entlang bis in den Hinterhof eines der Häuser schlich, stets darauf bedacht, den Lichtschein der Straßenlaternen zu meiden. Schlimm genug, dass man den Vollmond nicht ausschalten konnte.
Der Nachtschärmer wartete, bis sich seine Augen einigermaßen an die Dunkelheit des Hofs gewöhnt hatten, dann suchte er nach einer Hintertür. Er entdeckte sie neben den leeren Flaschenkästen und den Mülltonnen, von denen die typischen Düfte der Gastronomie ausgingen. Es roch nach Essensresten südlicher Küche.
Der Mann sah sich um. Der Hof war umschlossen von Bäumen, einer Abstellhalle und einem Zaun, an den ein Nachbarsgarten angrenzte. Nirgendwo brannte Licht, daher wagte er es, die Taschenlampe anzuknipsen, um sich das Schloss der Hintertür anzusehen. Der erste Blick sagte ihm, dass es kein Problem darstellte. In solchen Sachen hatte er noch Routine von früher. Schlösser knacken war wie Fahrradfahren, man verlernte es nie. Als die Tür nach einer Minute aufschwang, hielt er die Luft an. Keine Sirene, keine blinkenden Lichter auf dem Dach. Eine direkte Leitung zur Polizei hatte die alte Bude sicherlich auch nicht. Es handelte sich ja schließlich nicht um die Kreissparkasse.
Im Schein der Lampe tastete er sich an den Toiletten und dem Eingang zur Küche vorbei in den Gastraum. Was er suchte, sollte irgendwo hier hängen. Sein Herz schlug schneller, nicht, weil er nachts unerlaubt in fremdes Eigentum eingebrochen war, sondern in Erwartung des Anblicks von Kali. Er war nicht besonders religiös, doch die Geschichten, die sich um die Göttin des Todes rankten, waren schauerlich und grausam und machten auch einen realistisch denkenden Menschen nachdenklich.
Der Schein seiner Lampe glitt an der Theke vorbei über die Tische zu den Wänden. Wie zu erwarten war, hingen überall Bilder aus Italien. Schwarz-weiß Aufnahmen aus dem Rom der fünfziger Jahre, einfache Gemälde von sonnigen südlichen Landschaften und überall das Meer und der Strand. Und mittendrin – der Atem stockte ihm für eine Sekunde – hing sie. Unscheinbar, kaum zu bemerken, ein Bildchen, kaum zwanzig mal zwanzig Zentimeter groß.
Der Eindringling näherte sich ihr mit klopfendem Herzen und schalt sich gleichzeitig einen Narren. Es war doch nur das Bild einer Frau mit vielen Armen, die mit einem abgeschlagenen Kopf in einer Hand und einem Schwert in einer anderen auf einer am Boden liegenden kopflosen Leiche tanzte. Aus ihrem grausam verzogenen Mund tropfte Blut. Nichts also, worüber man besorgt sein müsste, und dennoch zitterten seine Finger, als er nach dem Rahmen griff. Ihm war, als würde sie ihn mit ihren grausamen Augen direkt anstarren. Unwillkürlich ließ er den Strahl der Lampe sinken, sodass ihre Augen im Dunkeln lagen. Nun, da er sich nicht mehr beobachtet fühlte, löste er das Bild vom Haken und steckte es in den mitgebrachten Beutel. Geschafft, sagte er sich und machte sich auf den Rückweg. Als er an der Theke vorbeikam, verharrte er einen kurzen Moment und überlegte, ob er noch einen Blick in die Kasse werfen sollte.
Er war noch zu keinem Entschluss gekommen, als von der Hintertür eine Stimme in den Gastraum drang. Es klang, als fluche jemand auf Italienisch. Gehetzt sah sich der Mann um, doch noch ehe er in der Garderobe am Haupteingang verschwinden konnte, flammte das Licht auf, und ein dicklicher Mann in kurzer Hose und fleckigem T-Shirt kam vom hinteren Flur herein.
Die beiden Männer starrten sich an, jeder auf seine Art erschrocken. Der Dicke überwand seine Überraschung zuerst und machte einen Satz in die Küche. Der Weg zur Hintertür war frei, der Eindringling hätte einfach abhauen können, doch stattdessen folgte er dem Dicken mit langen Sätzen. Er fand es nicht gut, dass der Kerl ihn gesehen hatte, und die unerwartete Situation verwirrte ihn. Als er das lange Küchenmesser in der Hand des Dicken sah, wollte er im ersten Impuls doch durch die Hintertür hinaus, doch er war es nicht gewohnt, richtige Entscheidungen schnell zu treffen und zögerte noch.
„Hau’ einfach ab!", forderte ihn der Dicke mit kaum unterdrückter Angst in der Stimme auf. Der Einbrecher verharrte eine Weile auf der Stelle und tat dann aus einem Impuls heraus, was ihm sein schwerfälliger Verstand als richtig suggerierte. Er sprang aus dem Stand in die Luft, wobei sein rechter Fuß nach vorne schnellte und die Brust des Dicken traf. Dieser taumelte mit aufgerissenen Augen gegen einen Ofen und ließ das Messer fallen. Keuchend bückte er sich, um es wieder an sich zu bringen, doch sein Gegner war schneller. Fast berührten sich ihre Hände auf den Fliesen, als der Einbrecher den Griff zu fassen bekam und die Klinge mit einer ihm bis dahin unbekannten Kaltblütigkeit senkrecht nach oben stieß, dorthin, wo das Gesicht des Dicken schwebte. Mit einem gurgelnden Ächzen sackte der schwere Mann zu Boden. Der Mörder erhob sich schwer atmend und besah sich sein Werk. Aus dem Mund des Toten, in den das Messer bis zum Griff eingedrungen war, sickerte Blut und floss zähflüssig auf den Beutel zu, der dem Eindringling bei der Attacke entfallen war. Schnell hob er ihn auf und presste ihn mit den Händen besitzergreifend an sich.
So stand er schweigend eine Zeitlang über der Leiche, unfähig, zu begreifen, was er getan hatte. Nach und nach drang es in sein Bewusstsein, und sein Blick glitt ängstlich zu dem Beutel in seinen Händen. Er wagte nicht, das Bild herauszuholen, doch in seinen Gedanken sah er Kali, mit dem abgeschlagenen Kopf in der Hand und dem Blut, das aus ihrem Mund tropfte. Mit einem Stöhnen drehte sich der Mörder um und rannte zur Hintertür. Nur weg, schrie es in ihm, hinaus in die Nacht, die von alledem nichts mitbekommen hatte.
Kurt Falkan stieg vom Rad, zog den Strohhut vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Als er am Morgen losgefahren war, hatten die Schönwetterwolken noch zeitweise für Schatten gesorgt, doch jetzt, am Nachmittag, brannte die Sonne aus dem wolkenlosen Blau unbarmherzig herab und versengte die Welt. Vor ihm lag Somborn, hinter ihm Alzenau und der Meerhofsee. Schon in früheren Zeiten, als Sigi und er ihre Urlaube im Linsengericht verbrachten, hatten sie in Sommern wie diesem hin und wieder Querfeldeinradtouren an den schönen See in Bayern unternommen. Ein paar Kilometer Strampeln, dann ein Sprung ins kühle Wasser und danach eine leckere Feuerbratwurst vom Grill. Dieser Ablauf war ihnen zur kleinen Tradition geworden. Falkan hatte die Tradition heute nach Jahren wieder aufleben lassen, allerdings alleine und etwas mehr außer Puste als damals.
Er zog den Hut wieder auf und setzte seinen Weg fort. Es waren noch ein paar schöne Kilometer bis nach Hause, und der arme Fritz hockte schon den ganzen Tag alleine in der stickigen Bude. Gott sei Dank ging es erstmal bergab, und der Rest der Strecke war ein ständiges seichtes Auf und Ab, das Menschen über sechzig nicht allzu große Anstrengungen abverlangte. Trotzdem war er froh, als er eine knappe halbe Stunde später daheim war und den Kopf unter den Wasserhahn halten konnte. Fritz hatte das Beste aus seiner Einsamkeit gemacht und lag faul im Körbchen. Sein Wasserschälchen und der Fressnapf waren leer.
„Armer Kerl, sagte Falkan und streichelte seinem Dackel über den Kopf. „Ich hätte dich ja mitgenommen, aber die Leute dort haben etwas gegen kleine Häufchen am Sandstrand.
Er befüllte Fritz’ Schälchen und machte sich dann an ein frühes Abendessen. Eine Runde durch den See und die zwanzig Kilometer mit dem Rad durch die Hitze des Nachmittags hatten die Feuerbratwurst vom Morgen aufgezehrt. Allerdings musste er feststellen, dass der Kühlschrank nicht mehr allzu viel hergab. Er hatte die Wahl zwischen Rollmops und Gouda, beides erschien ihm angesichts der sportlichen Leistungen des Tages als kulinarische Belohnung eher ungeeignet. Daher stieg er in den Keller hinab, inspizierte die Kühltruhe und kam kurz darauf mit zwei tiefgefrorenen Rouladen zurück. Als er sie zum Auftauen in die Mikrowelle tat, fiel ihm bei einem Blick durchs Fenster der fremde Wagen auf, der drüben vor Friedrichsens Haus parkte. Durch seine langjährige Freund – und Nachbarschaft zu den Friedrichsens kannte Falkan so ziemlich jeden ihrer Bekannten, doch der blaue BMW war ihm fremd.
Falkan stellte den Apparat auf fünf Minuten, während deren er mit einer Zwiebel, etwas Dörrfleisch und einem halben Suppenwürfel eine kleine Soße anrührte, in denen die bereits gebratenen Rouladen noch eine Weile schmurgeln sollten. Als das leise `Pling´ das Ende der fünf Minuten verkündete, holte er den Teller mit den beiden Fleischrollen aus der Mikrowelle und legte sie zur Soße in den Topf. Drüben, bei den Friedrichsens, machte sich der Besuch soeben auf den Heimweg. Ein Mann und eine Frau, die Falkan noch nie gesehen hatte, und in der Mitte ging Mike, Simone Friedrichsens Bruder. Mike arbeitete zurzeit auf der Rinderfarm der Eltern seiner Freundin Melinda in Kenia und war für eine Woche nach Deutschland gekommen, um sich mit einigen Freunden zu treffen. In der Haustür stand Simone und sah den Dreien hinterher. Falkan glaubte, in ihrem Gesicht eine große Sorge zu erkennen. Die fremde Frau setzte sich hinter das Steuer des BMW, der Mann und Mike stiegen hinten ein. Dann fuhr der Wagen davon. Simone stand noch eine Weile an der Tür, dann ging sie hinein. Irgendwie erinnerte die Szene Falkan an eine Handlung, die er in seinem Arbeitsleben unzählige Male vollzogen hatte. Gott alleine wusste, wie viele Leute er zur Befragung oder zum Haftantritt aus ihren Häusern geholt hatte. Stirnrunzelnd legte er den Kochlöffel beiseite, schaltete den Herd aus und begab sich zur Klärung des Geschehens ins Nachbarhaus.
„Hast du’s gesehen, Kurt?", fragte Simone Friedrichsen mit ernster Miene.
„Gesehen hab’ ich’s, aber ich weiß nicht, was ich gesehen habe."
„Sie haben Mike mitgenommen."
„Wer?"
„Die Polizei."
„Warum?"
Falkan war sich sicher, dass es sich, egal, um was es ging, um einen Irrtum handeln musste. Er kannte Michael Grebner, seit er damals aus der Haft entlassen und Falkan zu seinem ehrenamtlichen Bewährungshelfer ernannt worden war. Mike hatte die Zeit seiner Jugendsünden schnell hinter sich gelassen und hatte als zeitweiliger Mitarbeiter der Detektei Falkan bewiesen, dass er mit der anderen Seite des Gesetzes abgeschlossen hatte.
„Ach, ich weiß nicht so genau. Es muss wohl irgendwo einen Toten gegeben haben, und sie wollen ihn dazu befragen. Die Freunde, mit denen er sich getroffen hat, müssen da irgendwie mit drinhängen. Sagt die Polizei."
„Und was sagt Mike?"
Simone lächelte traurig.
„Er sagt, er habe so viele Kriminalisten in der Bekanntschaft, dass die Sache in null Komma nix aufgeklärt sei. Du kennst ihn ja."
„Hast du Benji schon angerufen?"
Simone nickte.
„Ja, er will sich gleich mit den Hanauer Kollegen in Verbindung setzen. Mein Gott, Kurt. Sie haben ihn behandelt wie einen Verbrecher."
Falkan legte ihr tröstend die Hände auf die Schultern.
„Lass’ mal, mein Mädchen, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Du sagst, die Beamten kamen aus Hanau?"
„Haben sie gesagt. Die Sache muss wohl in Langenselbold passiert sein."
„Ja, da ist, wenn ich mich recht erinnere, Hanau zwei zuständig. Wir warten erstmal ab, was Benji ausrichten kann, aber für den Notfall kenne ich da bestimmt auch noch ein paar Kollegen. Falkan fiel ein, dass er schon einige Jahre im Ruhestand war. „Wenn sie inzwischen nicht auch schon pensioniert sind.
„Das ist ein ziemlicher Schlamassel, in den er da geraten ist."
Sie saßen zu dritt am Tisch. Falkan, Simone und Bengt Friedrichsen. Es war nach acht, der kleine Paul war schon im Bett.
„Aber sie können ihn doch nicht einfach so dabehalten, Benji."
Simone hatte den mittäglichen Schock überwunden und war jetzt nur noch verzweifelt. Friedrichsen und Falkan wussten es aus Erfahrung besser.
„Doch, können sie, wenn es eine bestimmte Beweislage gibt", widersprach ihr daher Friedrichsen und erntete dafür einen wütenden Blick.
„Was heißt hier Beweislage? Mike hat doch keinen Menschen umgebracht."
„Natürlich nicht, aber es sind wohl ein paar Ereignisse zusammengekommen, die es so aussehen lassen, als… „Ach, erzähl’ mir nichts, Bengt, sagt mir lieber, was ihr nun zu unternehmen gedenkt.
„Was sind das denn für Ereignisse?, wollte Falkan wissen. „Die Kollegen haben dir doch bestimmt Einzelheiten mitgeteilt.
„Mike hat sich letzte Woche mit einigen Typen getroffen, die er aus dem Knast kennt."
„So wie du das sagst, hört es sich an, als sei er ein Gewohnheitsverbrecher", beschwerte sich Simone vorwurfsvoll.
„Aber wenn’s doch wahr ist. Es war sozusagen ein Ehemaligentreffen, wenn dir das lieber ist. Na ja, auf jeden Fall haben die fünf sich in einer Pizzeria in Langenselbold getroffen. Die gehört dem Vater von einem der Knackies, Verzeihung, der fünf jungen Herrn." Simone warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Und in
