Ein Tag voller Tränen: Dr. Norden Bestseller 222 – Arztroman
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Über dieses E-Book
Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration.
Fee Norden holte ihre Tochter Anneka vom Kindergarten ab. Diesmal aber schien Anneka sich weitaus schwerer zu trennen als sonst. Sie spielte mit einem Jungen Ball.
»Kommst du jetzt, Anneka, wir müssen uns beeilen«, rief Fee.
Anneka fasste den Jungen an der Hand. »Das ist meine Mami, Christian«, sagte sie. »Ich habe auch einen kleinen Bruder, der Christian heißt, aber wir sagen nur Jan zu ihm. Er kann auch noch nicht laufen. Er ist noch ein Baby und ein Zwilling. Komm mit, du kannst uns bestimmt bald besuchen. Meine Mami ist sehr lieb.«
Und so lernte Fee Norden den kleinen Christian Stenberg kennen, einen dunkelhaarigen kleinen Jungen mit pfiffigem Gesicht.
»Das ist Christian, Mami«, erklärte Anneka. »Er ist heute zum ersten Mal hier, aber wir haben uns gleich angefreundet. Darf er uns mal besuchen?«
»Aber sicher«, erwiderte Fee.
»Da kommt meine Mami auch schon«, sagte Christian leise.
Eine junge Frau im grünen Trachtenkostüm stieg aus einem Volkswagen. Lockiges Haar umgab ein schmales Gesicht, das ungeschminkt sehr anziehend auf Fee wirkte.
»Hat es dir gefallen, Chris?«, fragte sie, als der Junge sie stürmisch umarmte.
»Mit Anneka kann man fein spielen, Mami«, rief er aus. »Die anderen Kinder tun noch fremd mit mir.«
»Ich bin Anneka, und das ist meine Mami«, erklärte Anneka. »Und Christian ist ein lieber Junge. Ich mag es nicht, wenn Buben einen bloß ärgern.«
»Ich bin Fee Norden. Unsere Kinder haben sich schnell angefreundet«, sagte Fee in ihrer verbindlichen Art. »Sie sind erst neu zugezogen?«
»Wir haben die Pension Blume übernommen. Ich habe sie von meiner Patin geerbt. Heidi Stenberg
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Buchvorschau
Ein Tag voller Tränen - Patricia Vandenberg
Dr. Norden Bestseller
– 222 –
Ein Tag voller Tränen
Patricia Vandenberg
Fee Norden holte ihre Tochter Anneka vom Kindergarten ab. Diesmal aber schien Anneka sich weitaus schwerer zu trennen als sonst. Sie spielte mit einem Jungen Ball.
»Kommst du jetzt, Anneka, wir müssen uns beeilen«, rief Fee.
Anneka fasste den Jungen an der Hand. »Das ist meine Mami, Christian«, sagte sie. »Ich habe auch einen kleinen Bruder, der Christian heißt, aber wir sagen nur Jan zu ihm. Er kann auch noch nicht laufen. Er ist noch ein Baby und ein Zwilling. Komm mit, du kannst uns bestimmt bald besuchen. Meine Mami ist sehr lieb.«
Und so lernte Fee Norden den kleinen Christian Stenberg kennen, einen dunkelhaarigen kleinen Jungen mit pfiffigem Gesicht.
»Das ist Christian, Mami«, erklärte Anneka. »Er ist heute zum ersten Mal hier, aber wir haben uns gleich angefreundet. Darf er uns mal besuchen?«
»Aber sicher«, erwiderte Fee.
»Da kommt meine Mami auch schon«, sagte Christian leise.
Eine junge Frau im grünen Trachtenkostüm stieg aus einem Volkswagen. Lockiges Haar umgab ein schmales Gesicht, das ungeschminkt sehr anziehend auf Fee wirkte.
»Hat es dir gefallen, Chris?«, fragte sie, als der Junge sie stürmisch umarmte.
»Mit Anneka kann man fein spielen, Mami«, rief er aus. »Die anderen Kinder tun noch fremd mit mir.«
»Ich bin Anneka, und das ist meine Mami«, erklärte Anneka. »Und Christian ist ein lieber Junge. Ich mag es nicht, wenn Buben einen bloß ärgern.«
»Ich bin Fee Norden. Unsere Kinder haben sich schnell angefreundet«, sagte Fee in ihrer verbindlichen Art. »Sie sind erst neu zugezogen?«
»Wir haben die Pension Blume übernommen. Ich habe sie von meiner Patin geerbt. Heidi Stenberg ist mein Name«, sagte die junge Frau stockend.
Fees Gesicht überschattete sich. »Wir kannten Frau Blume gut«, meinte sie leise. »Sie war lange Jahre Patientin meines Mannes. Leider war ihr nicht zu helfen, Frau Stenberg.«
Heidi Stenberg nickte. »Tante Maria hat es mir oft geschrieben«, sagte sie leise. »Wenn Dr. Norden mir nicht helfen kann, kann mir niemand helfen. Aber wenn ihr dann das übernehmt, was mir so viel bedeutet hat, und wenn ihr mal einen Arzt braucht, dann wendet ihr euch an ihn. Und nun habe ich Sie schon kennengelernt, bevor wir einen Arzt brauchen, Frau Dr. Norden.«
»Und ich wünsche Ihnen, dass Sie lange keinen brauchen, aber Christian kann wirklich gern zu uns kommen.«
»Ich hab’s ihm schon gesagt«, warf Anneka ein. »Wir haben nämlich viele Kinder. Da kommt es auf eins mehr oder weniger nicht an, sagt Mami immer.«
Ein weiches Lächeln glitt über Heidi Stenbergs Gesicht. »Es ist schön, wenn man so etwas hört«, sagte sie.
»Gell, jetzt freuen wir uns, dass es hier liebe Menschen gibt, Mami?« Fragend sah Christian zu seiner Mutter.
»Es ist wirklich eine große Freude«, sagte Heidi. »Ich danke Ihnen vielmals, Frau Dr. Norden, und dir auch, Anneka. Christian wollte nämlich gar nicht gern in den Kindergarten gehen.«
»Zuerst wollte ich auch nicht«, sagte Anneka, »aber seit heute gefällt es mir ganz gut.«
»Dann können wir Mütter ja zufrieden sein, Frau Stenberg«, meinte Fee. »Wir werden uns sicher öfter sehen.«
»Tschüs, Christian«, verabschiedete sich Anneka.
»Wiedersehn, Anneka«, erwiderte er.
»Gell, er ist lieb, Mami«, sagte Anneka.
Das war der Anfang einer Bekanntschaft, die bald dramatische Formen annehmen sollte, doch das wussten alle Beteiligten zum Glück noch nicht.
*
Für Andreas Stenberg war es kein leichter Entschluss gewesen, nach München zurückzukehren, wenn es auch nahezu ein Geschenk des Himmels gewesen war, dass Heidi die sehr angesehene Familienpension ihrer Patentante geerbt hatte, da er gelernter Hotelkaufmann war, aber noch lange nicht so viel verdient hatte, um sich selbstständig zu machen. Und das war von eh und je sein Wunsch gewesen.
Heidi wusste um seine Bedenken, um sein Zögern. Da gab es nämlich noch einen Michael Stenberg, den um drei Jahre älteren Bruder von Andreas, der in eine reiche Familie eingeheiratet hatte und seither von seiner minderbemittelten Verwandtschaft nichts mehr wissen wollte. Und der lebte auch in München, wenn auch am anderen Ende der Stadt, im Prominentenviertel Geiselgasteig. Und auch diese Stenbergs hatten einen Sohn, der Christian hieß, wovon Andreas und Heidi allerdings ebenso wenig wussten, wie Michael und Denise Stenberg.
Denise wusste nicht einmal, dass der jüngere Bruder ihres Mannes verheiratet war. Über Andreas wurde in ihrem Haus nicht gesprochen. Michael hatte ihn als einen Versager bezeichnet, und er selbst war eben ein Karrieremann.
Zum Glück dieser Ehe trug das nicht bei. Die überaus zarte und empfindsame Denise litt darunter, dass ihrem Mann die Geschäfte wichtiger waren als das Familienleben. Aber ihrem Vater war der so tüchtige Schwiegersohn ganz nach seinem Geschmack. Und seiner Ansicht nach brauchte seine Tochter solch einen starken Mann, in dessen Händen er sein Lebenswerk bestens aufgehoben wusste, wenn er einmal abtreten musste. Und da war auch der kleine Christian, so zart und anfällig wie seine Mutter, und sie wussten alle nicht, wie ähnlich er äußerlich seinem Cousin war. Sie wussten nicht, dass es zwei Christian Stenbergs gab, und dass dies eines Tages zu einem Verhängnis werden würde.
*
Michael Stenberg kam nach Hause und war in Eile wie immer. »Ich habe heute Abend noch eine wichtige Verabredung«, sagte er. »Du solltest dabeisein, Denise.«
»Christian hat Fieber«, sagte sie, »ich möchte bei ihm bleiben.«
»Mein Gott, wann fehlt dem Jungen mal nichts. Du verhätschelst ihn zu sehr. Er muss abgehärtet werden.«
»Mehr weißt du nicht zu sagen«, begehrte sie auf.
»Wenn wir mehr Kinder hätten, würdest du dich nicht so auf Christian konzentrieren«, sagte Michael.
»Ich würde mich um zwei oder drei Kinder genauso sorgen, wie um ihn«, erwiderte Denise.
»Und noch weniger Zeit für deinen Mann haben«, konterte er.
Ein Zucken lief über ihr Gesicht, aber sie sagte nichts. Was war in letzter Zeit eigentlich los, dass diese Spannungen auftraten? Sie hatte es sich schon manches Mal gefragt, doch nun kam ihr der Gedanke, dass es da um eine andere Frau gehen könnte. Es war seltsam, aber es regte sie nicht einmal auf. Sie fühlte sich schon seit ein paar Tagen so müde und abgeschlagen, aber das schien Michael nicht zu bemerken.
Hat er mich eigentlich nur wegen der Firma geheiratet?, fragte sich Denise. Aber manchmal, wie vor drei Wochen, war er wieder so wie der Michael, in den sie sich so stürmisch verliebt hatte. Sie war glücklich gewesen, dass ihr Vater keine Einwände gegen eine Heirat erhob, obgleich Michael ihr gewiss nicht das bieten konnte, was sie gewohnt war, aber Martin Leuken hatte schnell erkannt, dass er da einen außerordentlich tüchtigen und ehrgeizigen Mann als Mitarbeiter gewonnen hatte.
»Ich würde gern mit Christian zu Mama nach Mittenwald fahren«, sagte Denise ganz beiläufig beim Abendessen, bei dem Michael nur ein paar Bissen aß, sozusagen als Unterlage.
»Ja, warum nicht?«, fragte er geistesabwesend.
»Würdest du uns hinbringen?«
»Natürlich. Warum bist du eigentlich so komisch, Denise? Du solltest doch wissen, dass ich meine Schwiegereltern außerordentlich schätze. Dem Jungen wird die Luftveränderung wohl gut bekommen. Nächste Woche muss ich sowieso ein paar Tage nach Wien. Du bist schon wieder so blass. Wenn dir etwas fehlt, sag es doch bitte.«
»Vielleicht steckt in mir auch eine Erkältung«, erwiderte sie.
»Dann ruf doch den Arzt an. Er kann auch gleich den Jungen anschauen.«
»Dr. Neudorf ist im Urlaub, und einen anderen Arzt mag Christian nicht«, erwiderte sie. »Kinder sind nun mal empfindlich.«
»Aber du solltest so vernünftig sein, auch mal einen anderen Arzt zu konsultieren, wenn du dich nicht wohl fühlst«, stellte Michael fest. Er stand auf. »Ich muss jetzt gehen. Ich fürchte, man wird langsam annehmen, dass in unserer Ehe etwas nicht stimmt, Denise, da du dich verkriechst.«
»Kommen die anderen Frauen denn immer mit?«, fragte sie spöttisch.
Nun wurde er leicht verlegen. »In anderen Ehen stimmt es eben oft tatsächlich nicht«, sagte er, »aber ich würde nicht mal meine Sekretärin mitnehmen. Darauf kannst du dich verlassen.«
Es tat ihr hinterher leid, dass sie so kurz angebunden gewesen war. Sie nahm sich vor, das auszugleichen, wenn sie am Wochenende zu ihrer Mutter nach Mittenwald fuhren, die diesen Zweitwohnsitz liebte und immer dort weilte, wenn ihr Mann geschäftlich im Ausland war.
