Meines Herzens Lust!: Das klangvolle Leben des Paul Gerhardt. Roman
Von Fabian Vogt
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Über dieses E-Book
Fabian Vogt
Dr. Fabian Vogt (Jg. 1967) ist Schriftsteller, Theologe und Künstler. Er arbeitet bei "midi", der Zukunftswerkstatt für Kirche und Diakonie - wenn er nicht gerade als Autor oder Kabarettist (Duo Camillo) neue Geschichten erlebt und schreibt. Für seinen Roman "Zurück" wurde der kreative Pfarrer mit dem "Deutschen Science Fiction Preis" ausgezeichnet. Außerdem ist er regelmäßig beim Kultsender hr3 und als Kolumnist verschiedener Zeitschriften zu erleben. Besonders faszinierend findet Fabian Vogt es, wenn er von komplexen theologischen Themen so erzählen kann, dass sie für alle nachvollziehbar und inspirierend werden. Und wenn die Leserinnen und Leser Lust bekommen, weiter zu denken. www.fabianvogt.de
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Buchvorschau
Meines Herzens Lust! - Fabian Vogt
1676: An der Pforte
Hallo. Hört mich jemand? Hallo! Was ist das denn hier? Der Himmel? Die Hölle? Das Purgatorium? Die Ewigkeit? Die Pforte? Oder was? Hallo! Kann mal jemand mit mir reden? Bitte!
Seltsam. Es wird heller. Immer heller. Um mich … und in mir. Als ob sich der Morgennebel aus den Tälern meiner Gedanken zurückzieht. Klarer wird es. Lichter. Zarter. Mit jeder Sekunde. Es ist erstaunlich: Ich bin wach … und wache weiter auf.
Noch fühlt es sich an, als sähe ich alles wie durch einen getrübten Spiegel und könnte nur rätselhafte Schemen erkennen. Aber gleich, gleich wird etwas in mir aufbrechen, und ich werde von Angesicht zu Angesicht schauen. Mich. Ihn. Dich.
Ich? Wer ich bin? Paul heiße ich. Nach meinem Großvater väterlicherseits. Paul Gerhardt. Noch lieber Paulus Gerhardt. Das klingt … kraftvoller. Honoriger. Gestatten: Paulus Gerhardt. Geistlicher und Dichter. Zumindest manchmal. Bisweilen.
Ich dichte immer dann, wenn die Worte anfangen, in meinem Kopf zu rumoren – und einfach nicht mehr aufhören wollen. Bis ich sie freilasse und ihnen auf einem Blatt Papier eine neue Heimat schenke, eine Tanzfläche der Poesie.
Oder wenn mir die betörenden Worte des Kirchenvaters Augustinus in den Sinn kommen: „Wer singt, betet doppelt." Dann dichte ich. Und freue mich, wenn meine Worte in den Stimmen und den Herzen der Menschen zu klingen anfangen. Zu schwingen. Zu Tönen werden, in denen Zuversicht widerhallt. Doch mir scheint: Ich schweife ab. Was genau wollt Ihr von mir?
Ob ich mich freue, hier zu sein? Natürlich! Ich freue mich! Und wie! Ich freue mich sogar unglaublich, hier zu sein. Darauf habe ich mich doch mein ganzes Leben lang gefreut. Wie heißt es: „Wir sind Gott alle einen Tod schuldig." Jetzt bekommt er meinen. O ja. Bitte schön, der Herr. Mein Herr!
Ob ich keine Angst habe? Ich? Wovor denn? Wovor sollte ich Angst haben? Ach, geht es um diese garstigen Schnurren vom Jüngsten Gericht? Nein, davor habe ich keine Angst. Im Gegenteil: Ich habe die fröhliche Hoffnung, dass mein lieber frommer Gott mich aus dieser Welt erlösen und in ein besseres Leben führen wird, als ich es bisher auf Erden hatte.
Und, mal unter uns, viel schlimmer kann es ja kaum werden. Ich meine: schlimmer als mein Leben! Mein LEBEN. Vergesst nicht: Ich habe fast meine gesamte Erdenzeit im Ausnahmezustand verbracht. Dreißig Jahre lang Krieg. Mord und Totschlag, Gemetzel und Hass. Ständig Blut und Gewalt. Dreißig Jahre lang! Eine permanente Notlage. Dazu der schwarze Tod. Die Cholera. Die Ruhr. Die Dürren. Die Trauer. Viehisch!
Ich sag’s mal so: Der Tod saß bei uns immer mit am Tisch. Bräsig. Bei jeder Mahlzeit. Allerdings hat er seinen Hunger nicht mit Graupensuppe oder geschmortem Hühnchen gestillt, sondern mit Leben. Selbst wenn er unsere Körper verschont hat, hat er sich an unserem Lachen gestärkt, unseren Träumen, unseren Tränen, unseren Sehnsüchten und unseren Erwartungen. Zurück blieben oft nur Verwüstung und Angst.
Ja, ich war dabei, als 1637 in Wittenberg die Hälfte aller Einwohner an der Pest starb. Die Hälfte! Auch die Hälfte meiner Freunde. Als alles voller Leichen war. Als der beißende Geruch des Todes durch die Straßen zog und jegliche Fröhlichkeit mit sich riss.
So, wie ich dabei war, als die Stadt 1640 in Flammen aufging. Sich in Glut verwandelte. Da, wo sich eben noch Häuser und Gassen befanden hatten, schrie plötzlich nur noch ein schwelendes Trümmermeer. Grausamer kann die Hölle keinesfalls sein.
Ich habe auch die Rauchwolken gesehen, als meine Geburtsstadt Gräfenhainichen von den schwedischen Truppen vernichtet wurde. Von ferne. Als sie wüteten wie Ungeheuer und ruchlos alle dahinschlachteten – auch meinen Bruder. Diejenigen, die kurz zuvor noch auf unserer Seite gestanden hatten.
Aber, als wäre das nicht genug für ein Menschenleben: Ich habe meine Eltern als Jugendlicher verloren, ich musste mit ansehen, wie vier meiner fünf eigenen Kinder gestorben sind – und ich habe meine Frau viel zu früh beerdigt. So viel Elend!
Ach ja, bevor ich es vergesse: Außerdem hat mich der Kurfürst hinausgeworfen. Meines Amtes enthoben. In Berlin. Weil ich nicht bereit war, meinen Glauben zu verraten. Weil ich nicht die Obrigkeit vor die Wahrheit stellen wollte.
Soll ich noch mehr aufzählen? Nein! Ich denke: Das reicht. Es ist genug für ein Menschenleben. Für zehn. Ach was, für tausend.
Um auf Eure Frage zurückzukommen: Mir scheint, viel schlimmer kann es nicht werden. Ganz gleich, wo ich hier bin. Also: Was soll diese lächerliche Frage, ob ich Angst habe?
Also: Nein! Ich habe keine Angst vor dem, was kommt. Ich nähre mich von Hoffnung. So wie ich es mein ganzes Leben getan habe. In einem meiner Lieder habe ich es einmal so in Worte gefasst: „Ich sprech: ‚Ach weh, mein Licht verschwindt!‘ Gott spricht: ‚Willkomm’n, du liebes Kind.‘"
So ist es! Ich bin Gottes Kind. Das war ich immer. Und das bleibe ich. Ganz gleich, was das hier für ein Ort ist: Ich weiß, dass Gott mich willkommen heißt. Wenn ich das nicht wüsste, nicht glauben könnte, dann stünde ich nicht hier. Dann wäre alles, was ich je zu Papier gebracht habe, falsch gewesen. Und dann hätte ich niemals so hingegeben jubilieren können. So leidenschaftlich.
Jemand hat mal behauptet, ich wäre der Sänger, der die Furcht nicht kennt. Das stimmt nicht. Ich kenne die Furcht. Und wie ich sie kenne. Sie war meine ständige Begleiterin. Aber ich habe im Lauf meiner pochenden Jahre erkannt, dass ich die Furcht nicht loswerde. Die Angst. Die sich an mir festsaugt wie ein hungriger Blutegel.
Es gibt nur eine Möglichkeit, mit der Angst umzugehen: Du brauchst eine Zuversicht, die die Angst in ihre Schranken weist. Eine Hoffnung, vor der die Angst kuscht. Die den Blutegel austrocknet. Diese Zuversicht habe ich. Hier, schaut mich an: Sie dringt mir aus allen Poren. Seht Ihr’s? Ich bin die Zuversicht. Wer will mir den Himmel rauben, den schon Gottes Sohn beigelegt im Glauben?
Auch jetzt und hier, in diesem Augenblick gilt … ganz gleich, was das für ein Ort ist: der Himmel. Die Hölle. Das Purgatorium. Die Pforte. Oder sonst etwas. Ich vertraue darauf, dass ich meinen Weg nicht allein gehen werde … dass da einer ist, der an meiner Seite steht und mit mir geht. Bei jedem Schritt, jedem Wort und jedem Bangen, in jeder Not und jedem Verzagen.
Was wollt Ihr noch von mir wissen? Wie gesagt: Paulus Gerhardt bin ich. Geboren 1607. Am 12. März. In Gräfenhainichen. In Kursachsen. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen. Im Norden der Dübener Heide.
Hänichen, wie die Menschen bei uns meist sagen, hatte damals rund tausend Einwohner und sieben Mühlen. Und drei Bürgermeister. Einer davon war mein Vater. Er bürgermeisterte, wenn er sich nicht um unsere kleine Landwirtschaft oder um seine Gaststätte kümmerte.
Und ja, in dieser Gaststätte sagten die Gäste nach einigen Humpen Bier gelegentlich: „Hey, Wirt, dein Sohn, der Paul, der versteht die Dinge recht schnell … und er weiß gefällig zu reden. Aus dem könnt’ was werden."
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