Entdecken Sie mehr als 1,5 Mio. Hörbücher und E-Books – Tage kostenlos

Ab $11.99/Monat nach dem Testzeitraum. Jederzeit kündbar.

Der Brieffreund aus Svealand: Roman | Der neue Schweden-Roman von Frieda Lamberti I Eine Geschichte über Freundschaft und Familie, der perfekte Winterroman
Der Brieffreund aus Svealand: Roman | Der neue Schweden-Roman von Frieda Lamberti I Eine Geschichte über Freundschaft und Familie, der perfekte Winterroman
Der Brieffreund aus Svealand: Roman | Der neue Schweden-Roman von Frieda Lamberti I Eine Geschichte über Freundschaft und Familie, der perfekte Winterroman
eBook305 Seiten3 Stunden

Der Brieffreund aus Svealand: Roman | Der neue Schweden-Roman von Frieda Lamberti I Eine Geschichte über Freundschaft und Familie, der perfekte Winterroman

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Nach einem Schicksalsschlag, den Ana verkraften muss, findet sie Trost bei ihrem ehemaligen Schulkameraden, dem schwedischen Autor Tjorben, mit dem sie seit Jahren eine enge Brieffreundschaft aufrechterhält. Als es ihr wieder besser geht, reist sie zu ihm ins winterliche Svealand, um sich persönlich für seine Unterstützung zu bedanken. Doch als sie dort eintrifft, wird sie nicht von ihm, sondern von Jördis empfangen, die sich als seine Lebensgefährtin vorstellt. Sie erklärt Ana, dass Tjorben sich in seinem Landhaus aufhalte, um in aller Abgeschiedenheit an einem neuen Drehbuch zu arbeiten. Dennoch schickt sie Ana nicht fort, sondern bietet ihr ein Gästezimmer an. Tage vergehen und Ana spürt, dass etwas nicht stimmt. Sie versucht, Licht ins Dunkel zu bringen und begibt sich auf eine Suche, die nicht nur ihr Leben verändern wird.

SpracheDeutsch
HerausgeberHarperCollins eBook
Erscheinungsdatum22. Okt. 2024
ISBN9783749907816
Autor

Frieda Lamberti

<p>Frieda Lamberti ist das Pseudonym einer gebürtigen Hamburgerin. Die Autorin lebt gemeinsam mit ihrer Golden-Retriever-Hündin Lotte in der Lüneburger Heide. Sie ist erst spät in ihrem Leben zum Schreiben gekommen und veröffentlichte ihr Debüt mit 50 Jahren. Inzwischen hat sie mehr als 50 Romane veröffentlicht.</p>

Ähnliche Autoren

Ähnlich wie Der Brieffreund aus Svealand

Ähnliche E-Books

Reisen – Europa für Sie

Mehr anzeigen

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Der Brieffreund aus Svealand

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Der Brieffreund aus Svealand - Frieda Lamberti

    Kapitel 1

    Es war das zweite Wochenende im November, als Olli und ich nach einem Kinobesuch in unser Stammlokal einkehrten. Statt über den Film zu sprechen, wie wir es bisher immer angeregt getan hatten, fragte er mich nach meinem Befinden. »Bist du glücklich, Ana?«

    Verwundert schaute ich ihn an, ahnte bislang nicht, welche Richtung das Gespräch nehmen würde.

    »Nun, ich bin zufrieden«, antwortete ich, was auch der Wahrheit entsprach. Schließlich führte ich ein sorgenfreies Leben an seiner Seite, war gesund und konnte in meinem geliebten Beruf als Eventmanagerin arbeiten, ohne das Gefühl zu haben, meiner Rolle als Mutter und Ehefrau nicht gerecht zu werden. Gerade setzte ich an, ihm zu antworten, dass ich ständig Glücksmomente verspürte, obgleich seit Kurzem noch Luft nach oben bestünde, als er mir zuvorkam.

    »Ich bin es nicht.« Er presste die Lippen fest zusammen und wich meinem Blick aus.

    Im ersten Moment wusste ich nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Wir kannten uns seit der Schulzeit, waren nach vielen Umwegen seit zwölf Jahren ein Paar, acht davon verheiratet, und hatten gemeinsam Höhen und Tiefen erlebt. Doch diese Offenbarung kam für mich völlig unerwartet.

    »Was fehlt dir denn?«, fragte ich vorsichtig, während ich versuchte, meine Bestürzung zu verbergen. Da er nicht antwortete, sprach ich meinen ersten Gedanken laut aus. »Gibt es eine andere Frau? Hast du dich verliebt?«

    »Nein, nein, damit hat es nichts zu tun«, beeilte er sich zu sagen. »Es ist … es ist mehr eine innere Leere, die ich verspüre.«

    Ich griff nach seiner Hand, um ihm zu versichern, dass ich fest an seiner Seite stehen werde. »Zusammen bekommen wir das hin«, versprach ich vollmundig.

    Kopfschüttelnd beugte er sich vor. »Da muss ich allein durch, deshalb werde ich ausziehen.« Beschwörend schaute er mich an. »Selbstverständlich bin ich immer für dich und Daniel da. Darauf kannst du dich verlassen.«

    Ollis Worte trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ausziehen? Er beabsichtigte, unsere gemeinsame Wohnung, das Zuhause, das wir liebevoll über die Jahre gestaltet hatten, zu verlassen? Die Vorstellung, dass unser Sohn zwischen zwei Welten pendeln müsste, brach mir das Herz.

    »Aber warum?«, stammelte ich, meine Stimme zitterte vor Unglauben und Traurigkeit. »Können wir nicht zusammen daran arbeiten und herausfinden, was dir fehlt?«

    Olli sah mich lange an, ich erkannte die Müdigkeit in seinen Augen. Er schien sich schon lange mit dieser Entscheidung herumgeschlagen zu haben. »Ich muss diesen Weg allein gehen und herausfinden, wer ich bin, ohne mich in der Rolle des Ehemanns oder Vaters zu verstecken.«

    Meine Brust zog sich zusammen, ich konnte kaum atmen.

    Die Bedienung brachte unsere Getränke, aber sie blieben unberührt. Das laute Gelächter und die Gespräche um uns herum bildeten einen schmerzhaften Kontrast zu der Stille, die zwischen uns herrschte.

    »Und was ist mit Daniel? Er begreift doch noch gar nicht, was passiert«, stammelte ich mit brüchiger Stimme.

    »Ich werde es ihm so erklären, dass er es verstehen kann. Er ist stark, wie du«, sagte Olli, ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. »Ich möchte, dass du weißt, dass ich euch beide liebe. Das ändert sich nicht. Aber ich kann nicht bleiben und gleichzeitig versuchen, mich selbst zu finden. Es wäre nicht fair euch gegenüber.«

    Die nächsten Tage waren ein Wirbelsturm aus Emotionen und organisatorischen Herausforderungen. Olli packte seine Sachen, und wir versuchten, Daniel so behutsam wie möglich auf die bevorstehenden Veränderungen vorzubereiten. Während Olli unsere Wohnung verließ, stand ich an der Tür, unfähig, die Tränen zurückzuhalten. Es war das erste Wochenende im Dezember, und das Leben, wie ich es kannte, hatte sich unwiderruflich verändert.

    In der Eventbranche herrscht zur Adventszeit Hochkonjunktur. Ich hetzte von einem Auftrag zum nächsten, Zeit für meinen Sohn hatte ich kaum noch. Gut, dass ich mich auf den Rest der Familie verlassen konnte, denn sowohl Ollis als auch meine Mutter sprangen ein, wann immer ich sie darum bat. Lieber war es mir, dass meine Schwiegermutter sich um ihren Enkel kümmerte. Anders als meine eigene verschonte Monika mich mit bissigen Kommentaren und belegte mich nur mit mitleidigen Blicken. Sie selbst konnte sich auch keinen Reim auf das Verhalten ihres Sohnes machen.

    »Ich verstehe ihn nicht. Wie konnte er euch kurz vor dem Fest verlassen? Olli war doch stets verantwortungsbewusst.«

    Ja, das war er, penibel hielt er sich an Absprachen. Er war die Zuverlässigkeit in Person. Aber damit war es nach seinem Auszug abrupt vorbei. Es gab Tage, an denen er nicht ans Handy ging, geschweige denn auf meine Nachrichten reagierte. Sein Versprechen, den Weihnachtsbaum zu besorgen, hielt er ebenfalls nicht.

    Heiligabend ergatterte ich in letzter Minute eine krumme Blautanne, schleppte sie in den zweiten Stock und schmückte sie allein mit unserem Sohn. Obwohl mir zum Heulen zumute war, ließ ich mir aus Rücksicht auf mein Kind nichts anmerken. Daniel sollte nicht spüren, wie es tief in mir aussah.

    Stunden um Stunden vergingen, draußen war es längst stockfinster, als mein Kleiner zum wiederholten Mal fragte, wann es endlich Geschenke gäbe.

    »Jetzt«, entschied ich, denn es war nicht mehr davon auszugehen, dass Olli sich noch blicken ließ. Ich kniete mich auf den Boden und deutete auf das größte Paket unter dem Baum. »Fang damit an, Schatz«, riet ich, als es klingelte.

    Mit einer Mordswut im Bauch stampfte ich in den Flur und riss die Tür auf. Mein bitterböser Blick traf die Falschen. Nicht mein auf Selbstfindungstrip befindlicher Ehemann, sondern meine Kolleginnen Ines und Mira standen im Treppenhaus. Ein Blick genügte, um festzustellen, dass sie bereits reichlich angeschickert waren. Albern und in völlig schiefer Tonlage stimmten sie das Lied All I want for Christmas is you an.

    »Komm mit uns, Ana. Wir machen einen Zug durch die Gemeinde«, schlug Ines vor.

    Ich konnte über ihren Vorschlag nur den Kopf schütteln. »Heute? Schon mal einen Blick auf den Kalender geworfen? Es ist der vierundzwanzigste Dezember.«

    »Stimmt, es ist der langweiligste Tag im Jahr. Lass uns Spaß haben. Du weißt doch, alles, was wir heute verzehren, zahlt der Chef. Wir wollen ihn doch nicht so billig davonkommen lassen«, quietschte Mira.

    »Selbst wenn ich wollte, ich kann nicht. Nur zur Erinnerung, ich bin Mutter. Wir sind gerade bei der Bescherung. Amüsiert euch ohne mich.«

    Noch während ich dabei war, die beiden Partymäuse abzuwimmeln, kam Daniel aufgeregt in den Flur gerannt. »Mami, das ist das beste Geschenk der Welt«, freute er sich und umklammerte meinen Oberschenkel.

    »Was hast du denn bekommen?«, lallte Mira, beugte sich zu ihm hinunter und geriet dabei fast ins Trudeln. Sie hob ihre Hand, um seinen Kopf zu streicheln. Mir widerstrebte es, meinen Sohn von einer Betrunkenen tätscheln zu lassen.

    »Das erzähle ich euch nach den Feiertagen. Wie gesagt, habt viel Spaß, aber nun entschuldigt uns bitte.« Ich schlug ihnen die Tür vor der Nase zu, nahm Daniel an die Hand und ging mit ihm zurück ins Wohnzimmer.

    Es dauerte keine fünf Minuten, bis es erneut energisch an die Tür klopfte. Ines entschuldigte sich. »Wir kommen nicht raus. Jemand hat inzwischen die Haustür abgeschlossen.«

    Ich stöhnte laut auf, nahm den Schlüsselbund vom Bord und begleitete sie die Treppe hinunter.

    Mira saß auf der ersten Stufe und würgte.

    »Wage es nicht, hier drinnen zu spucken«, warnte ich sie, schloss die Eingangstür auf und sah die beiden Schluckspechte davontrotten, bis sie am Ende der Straße um die Ecke bogen.

    Erneut marschierte ich an den Briefkästen vorbei. Anders als zuvor, als ich schwer bepackt war und keine Hand frei hatte, schloss ich unseren Kasten auf und nahm einen Stapel Post heraus. Auf dem Weg nach oben überprüfte ich neugierig, wer uns geschrieben hatte. Neben Werbung und Rechnungen fand ich auch ein privates Schreiben, das an Olli und mich adressiert war. Der Brief wurde in Schweden aufgegeben. Obwohl ich genau wusste, wer der Absender war, legte ich das Kuvert auf den Wohnzimmertisch und nahm mir vor, Tjorbens Zeilen erst zu lesen, sobald ich meinen Sohn ins Bett gebracht hatte. Doch bis dahin musste ich mich noch zwei Stunden gedulden. Mein Sohn verhielt sich derart aufgekratzt, dass an Schlafen noch lange nicht zu denken war. Unermüdlich spielte er mit seinen neuen Star-Wars-Figuren, während seine Wangen vor lauter Aufregung glühten. Hunger hatte er keinen. Den Tisch feierlich zu decken und das Raclettegerät anzuheizen, hätte ich mir getrost sparen können. Nicht einmal fragte er an diesem Abend nach seinem Papa. Dabei hatte er extra für ihn ein Bild gemalt, das er ihm schenken wollte. Vielmehr fieberte Daniel dem ersten und zweiten Weihnachtstag entgegen, an denen er von seinen Omis und Opis noch ein weiteres Mal großzügig beschenkt werden würde.

    Es war bereits kurz vor Mitternacht, als ich mich den schwedischen Weihnachtsgrüßen widmen konnte. Tjorben, mein ehemaliger Klassenkamerad, späterer WG-Mitbewohner und Ollis bester Buddy, wünschte uns ein geruhsames Fest, Glück und Gesundheit für das kommende Jahr. Über seinen letzten Satz musste ich schmunzeln.

    Bestimmt werdet ihr wieder Raclette essen. Existiert das alte Gerät noch, oder habt ihr euch endlich ein neues angeschafft?

    Augenblicklich stellten sich die Bilder aus längst vergangenen Zeiten vor meinem inneren Auge auf. Zu dritt hatten wir uns während des Studiums eine Wohnung geteilt. Wenn er zum Küchendienst eingeteilt wurde, war das Chaos programmiert. Teller türmten sich wie moderne Kunstwerke in, vor und neben der Spüle, während Besteck und Kochutensilien in kreativem Durcheinander verstreut lagen. Es hatte mich damals enorme Anstrengungen gekostet, ihm etwas Ordnung und Disziplin beizubringen. Aber trotz der Unannehmlichkeiten und der endlosen Diskussionen über Regeln und Sauberkeit, die unseren WG-Alltag prägten, waren diese Zeiten gefüllt mit Lachen, tiefsinnigen Gesprächen und dem Gefühl einer unerschütterlichen Freundschaft.

    Jahre später trennten uns nicht nur tausend Kilometer Entfernung, sondern auch unterschiedliche Lebenswege. Tjorben zog noch vor Daniels Geburt nach Schweden, um sich in der Heimat seines Vaters ein neues Leben als Drehbuchautor aufzubauen. Olli und ich schlugen unseren gemeinsamen Weg Richtung Berlin ein, doch die Verbindung zwischen uns blieb bestehen. Tjorbens jährliche Weihnachtsgrüße waren ein festes Ritual geworden, eine Brücke, die uns über die Entfernung hinweg verband und uns für einen kurzen Moment wieder zusammenbrachte.

    Ich lehnte mich zurück und ließ meinen Blick durch die stille Wohnung schweifen. Der Weihnachtsbaum funkelte in der Ecke des Wohnzimmers, indes mein Herz immer schwerer wog.

    »Ach, Tjorben, du liebenswerter Chaot. Wenn du wüsstest, was hier los ist«, brach es traurig aus mir heraus. Im ersten Moment war ich versucht, ihm mitzuteilen, dass Olli sich aus unerklärlichen Gründen aus dem Staub gemacht hatte. Doch dann ließ ich es bleiben. Es handelt sich bestimmt nur um eine temporäre Phase, redete ich mir ein. Schon bald wird mein Mann wieder zur Vernunft und nach Hause kommen. Folglich sah ich keinen Grund, an diesem Tag die Pferde scheu zu machen. Ich nahm eine neutrale Karte aus dem Sekretär und antwortete Tjorben.

    Für das kommende Jahr wünschen wir dir nur das Beste und drücken ganz fest die Daumen für dein neues Drehbuch. Es wird sicherlich wieder ein Erfolg. Wir lieben deine Krimis und sind mächtig stolz auf dich. Hoffentlich klappt es bald mit einem Treffen. Es wird Zeit, dass wir uns endlich wiedersehen. In Liebe, Ana, Olli und Daniel.

    Sowohl am ersten als auch am zweiten Weihnachtstag nahm Olli nicht an den Familienfeierlichkeiten mit seinen und meinen Eltern teil. Er reagierte nicht auf meine Anrufe, ignorierte meine Nachrichten und öffnete nicht die Tür zu seiner neuen Wohnung, obwohl sein Wagen vor dem Haus parkte. Ich musste mich bis zum neuen Jahr gedulden, um ihn zur Rede zu stellen.

    Am dritten Januar wartete ich auf dem Firmenparkplatz seines Arbeitgebers auf ihn. Er nahm keine Notiz von mir, als ich auf ihn zuging. Es schien, als wäre er tief in Gedanken versunken, als ich ihn ansprach und ihm Daniels Zeichnung überreichte.

    »Die soll ich dir geben«, sagte ich knapp.

    Mit bestürzter Miene nahm Olli sein Geschenk entgegen. »Es tut mir leid«, nuschelte er. »Ich konnte nicht kommen. Es war mir weder physisch noch psychisch möglich, euch zu sehen.«

    Mir platzte der Kragen. Ich wurde lauter. »Was stimmt nicht mit dir?«

    »Ich weiß es doch selbst nicht«, jaulte er. »Und du hilfst mir nicht dabei, es herauszufinden, wenn du täglich bei mir anrufst. Bitte, lass mich in Ruhe!«

    »Geh zum Arzt, du Idiot!«, schrie ich ihn an. »Du tickst doch nicht mehr richtig!«

    Mein verbaler Ausraster blieb nicht unbemerkt. Einige von Ollis Kollegen schauten konsterniert zu uns rüber.

    »Hast du vor, mich noch mehr zu blamieren? Dann nur zu. Mir ist mittlerweile alles egal«, raunzte mein Mann mich an.

    Ich sah ein, dass ich zu weit gegangen war, und ruderte sogleich zurück. Deutlich leiser und mit engelsgleicher Stimme fuhr ich fort. »Warum redest du nicht mit mir? Wir haben bisher über alles sprechen können. Warum machst du dicht? Was zum Teufel ist mit dir los? Ich erkenne dich nicht wieder.«

    Er kniff die Augen zusammen. Es fühlte sich für mich an, als könne er meinen Anblick nicht ertragen. Er schluckte. Nach einer gefühlten Minute des Schweigens versprach er, sich bei mir zu melden. »Gib mir ein paar Tage«, bat er, und ich stimmte zu.

    Aus Tagen wurden Wochen. Im Vorgarten des Mehrfamilienhauses, in dem ich nun allein mit Daniel wohnte, blühten bereits die Narzissen, als ich Olli dringend sprechen musste. Ich brauchte seine Zustimmung, um unseren Sohn nach den Sommerferien in einer privaten Kita unterzubringen, da wir in der bisherigen Einrichtung keinen Platz für eine Ganztagsbetreuung bekommen hatten. Als ich in seiner Firma anrief, musste ich erfahren, dass er nach wie vor arbeitsunfähig geschrieben war. Eine unbändige Angst machte sich in mir breit. Olli war krank? Was fehlte ihm?

    Ohne lange zu überlegen, fuhr ich zu seiner Wohnung. Obwohl sein Wagen nicht zu sehen war, klingelte ich Sturm. Ein mir fremder Mann öffnete die Tür und teilte mir mit, dass er der Nachmieter sei.

    »Und wo ist mein Mann?«

    Diese Frage konnten auch meine Schwiegereltern mir nicht beantworten. Monika wurde leichenblass, als ich ihr berichtete, dass ihr Sohn die Wohnung aufgegeben hatte.

    »Für mich sieht sein Verhalten nach einer schweren Depression aus«, mutmaßte ich und erkundigte mich bei meinem Schwiegervater, ob es in der Familie bereits ähnliche Fälle gegeben habe. »Die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, ist bei einer erblichen Vorbelastung um ein Vielfaches höher.«

    »Erbliche Vorbelastung?«, regte Gerald sich auf. »Du attestierst meinem Sohn einen Dachschaden? Wer bist du, dass du eine solche Aussage treffen kannst? Hast du zwischenzeitlich Medizin studiert? Frage dich lieber, welchen Anteil du an seinem Abtauchen hast. Es wird schon einen triftigen Grund geben, weshalb er mit dir nichts mehr zu tun haben will.«

    Er durchbohrte mich mit einem stechenden Blick, der mich frösteln ließ. Gleich darauf verließ er die Küche und knallte die Tür hinter sich zu.

    Monika entschuldigte sich für sein Verhalten. »Es tut mir leid, Ana. Bei uns liegen die Nerven seit Monaten blank.«

    Ich fragte bei Bekannten nach, doch niemand hatte Olli gesehen. Auch die Polizei war mir keine Hilfe. Olli war nicht auffindbar.

    Inzwischen war es Sommer geworden. Noch immer hatte ich keine Ahnung, wo mein Mann sich befand, geschweige denn, wie es ihm ging. Es war mein Geburtstag, kein runder, aber meine Kolleginnen meinten, dass auch der dreiunddreißigste Grund genug sei, um die Puppen tanzen zu lassen. An sechs Tagen pro Woche täglich nahezu zwölf Stunden zu arbeiten, war an mir nicht spurlos vorübergegangen. Ich war ausgelaugt, sehnte mich nach einer Pause, einem langen Wochenende, das Daniel nicht wieder bei meiner Mutter verbringen sollte, sondern mit mir. Mein Junge fehlte mir unbeschreiblich, und er vermisste mich auch.

    Ich nutzte die Mitarbeiterbesprechung, die mittags im Chefbüro stattfand, hob drei Finger und baute mich selbstbewusst vor meinem Boss auf. »Gib mir drei Tage frei oder du bist mich los«, forderte ich in einem Ton, der keinen Zweifel an meiner Drohung zuließ.

    Erkan zuckte zusammen. Diese Art der Ansprache war er von seinen Angestellten nicht gewohnt.

    »Ana, allein in der nächsten Woche stehen drei Hochzeiten an. Wie stellst du dir das vor?«

    »Ich scherze nicht, Boss.« Erkan liebte es, wenn ich ihn so betitelte. »Es reicht! Ich kann nicht mehr. Es gibt auch noch ein Leben außerhalb deiner Agentur.«

    »Ich weiß, wie schwer du es hast, seit du alleinerziehend bist …«

    Weiter kam er nicht, denn sein vorwitziger Bruder, der in dem Familienunternehmen für die Personalleitung zuständig war, mischte sich mit einem unverschämten Kommentar ein. »Wenn Ana Entspannung braucht, sollte sie sich mal wieder kräftig durchnudeln lassen.«

    Der erwartete Lacher der Belegschaft blieb aus.

    »Mein Liebesleben geht dich einen feuchten Dreck an! Mach dir lieber Gedanken über die Zahlungen von Weihnachtsgeld und Urlaubsgratifikationen, wie es in jedem soliden Unternehmen üblich ist, statt uns mit lächerlichen Getränkegutscheinen abzuspeisen«, konterte ich und hatte nicht die Spur einer Ahnung, woher ich den Mut aufbrachte, das auszusprechen, was wir alle seit geraumer Zeit dachten.

    Wegen des obszönen Spruchs wies Erkan seinen Bruder nicht in die Schranken, stattdessen wandte er sich erbost an mich.

    »Behauptest du gerade, ich führe mein Unternehmen nicht solide?«

    »Ich stelle lediglich fest, dass die Arbeitsbedingungen zum Himmel schreien. Du zahlst uns keine Überstunden, steckst dir das Trinkgeld der Kunden in die eigene Tasche und gewährst uns noch nicht einmal ein freies Wochenende.«

    Erkan schnaubte, Mira und Ines duckten sich und mieden direkten Blickkontakt zu mir.

    »Du bist mit den Arbeitsbedingungen nicht einverstanden?«, wiederholte mein Boss, während eine dicke Zornesfalte auf seiner Stirn hervortrat. »Dann solltest du dich nach einer anderen Stelle umsehen, wenn es dir hier nicht passt.«

    »Eine gute Idee«, stimmte ich ihm trotzig zu. Im Raum wurde es augenblicklich mucksmäuschenstill. Es war noch nicht einmal ein Atemzug zu hören. Jeder wartete darauf, dass der Chef die Situation entschärfen, in die Hände klatschen und so wie üblich alle auffordern würde, ihr Bestes zu geben. Aber Erkan schwieg. Sekundenlang starrte er mich an, offensichtlich darauf wartend, dass ich meine Anschuldigung zurücknehme und mich entschuldige. Doch das tat ich nicht.

    »Du willst gehen? Dann raus mit dir!«, schimpfte er. Ich folgte seiner Aufforderung, ging zum Parkplatz und setzte mich in meinen Wagen. Noch bevor ich abfahren konnte, klopften Ines und Mira an die Scheibe.

    »Bist du von allen guten Geistern verlassen? Du kannst doch in deiner Situation nicht kündigen. Wie willst du ohne Gehalt über die Runden kommen?«

    »Haltet die Klappe! Ein Wort der Zustimmung von euch, und es wäre nie so weit gekommen. Schließlich habe ich nicht nur für mich gesprochen.«

    Ines konnte mir noch immer nicht in die Augen sehen.

    »Aber es bleibt doch dabei, oder? Heute Abend lassen wir dich hochleben«, stotterte Mira.

    »Vergiss es! Danach steht mir nach dem Debakel wirklich

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1