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Buchvorschau
Ein Platz in meinem Herzen - Patrick Osborn
Widmung
Für Angelika,
meiner besten Freundin, geliebten Frau und Komplizin
Für Rita, Thorsten, Petra und Michael,
die besten Freunde, die es gibt
Katarina
Tausend Gedanken schossen Katarina Neuhaus durch den Kopf, als sie ihren Nissan Micra in der Tiefgarage des Apartmenthauses in der Nähe des Berliner Reichstages abstellte.
Ein moderner Aufzug brachte sie in die achte Etage. Vorsichtig kramte sie in ihrer Guccitasche nach dem Schlüssel und öffnete die Tür zu Olivers Wohnung.
Obwohl er diese seit mehr als einem Jahr nicht betreten hatte, war er Katarina immer noch gegenwärtig. Sie konnte ihn mit jeder Faser ihres Körpers spüren. Sie war kurz davor, die Fassung zu verlieren. Erinnerungen wallten in ihr auf. Sie hätte nicht geglaubt, dass sich ihr Leben so entwickeln würde. Und zum hundertsten Male fragte sich Katarina, was Oliver und sie falsch gemacht hatten.
Behutsam schloss sie die Tür hinter sich. Die Wohnung sah noch so aus, wie an dem Tag, als Oliver seine Reise begonnen hatte. Katarina betrat das Wohnzimmer, ließ ihren Blick umherwandern und sah die mit Chintz bezogenen Lehnsessel, das alte Leinensofa und die Fotogalerie über dem Kamin. Behutsam streiften Katarinas Finger einen Bilderrahmen auf dem Kaminsims, als sie sich abrupt umdrehte und das Zimmer verließ.
Ihr Mund war trocken und sie beschloss, sich ein Glas Wasser einzugießen. Zum wiederholten Male fragte sie sich, was sie hier eigentlich wollte.
Vielleicht hatten Oliver und sie doch noch eine Chance, wenn es ihnen gelang, die Zeit zurückzudrehen.
Sie trank aus und ging in die zweite Etage. Die Maisonettewohnung mit einem atemberaubenden Blick auf das neue Zentrum Berlins hatte Oliver ein kleines Vermögen gekostet. Das obere Geschoss bestand ausschließlich aus Olivers Arbeitszimmer. In der Mitte des Raumes thronte ein riesiger Schreibtisch, der so chaotisch aussah, als hätte Oliver bis eben noch an einem Manuskript gearbeitet. Der Mac war mit Notizzetteln zugeklebt. Es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt etwas auf dem Bildschirm hatte lesen können.
Katarina nahm auf dem großzügigen Ledersessel Platz und ließ ihren Blick durch das Zimmer gleiten. Wenn sie hier saß, fühlte sie sich Oliver ganz nah. Gleichzeitig wurde sie wütend, dass er einfach abgereist war. Nach allem, was sie gemeinsam erlebt hatten, wäre es doch nicht zu viel verlangt gewesen, ein paar Abschiedsworte zu finden. Wieder kämpfte Katarina mit den Tränen. Ihr Blick wanderte durch das mit Bücherregalen vollgestopfte Arbeitszimmer. Sie wusste es nicht genau, schätzte jedoch, dass Oliver einige hundert Romane besaß: Werke von Günter Grass standen dort ebenso wie die Thriller von Tom Clancy und John Grisham. Als begeisterter Leser von J.R.R. Tolkien besaß Oliver alle erhältlichen Ausgaben. Katarina erinnerte sich daran, dass er in ihrer Anfangszeit immer eine abgegriffene Taschenbuchausgabe vom kleinen Hobbit mit sich herumgetragen hatte. Weiterhin entdeckte sie jede Menge Fachbücher, die sich mit verschiedenen Problemen der menschlichen Psyche beschäftigten.
An einem Buch blieb ihr Blick hängen. Auf dem Rücken stand kein Titel. Auch der Einband passte nicht zu den anderen Büchern.
Katarina erhob sich und trat auf das Regal zu. Ihr Puls beschleunigte sich. Sie ahnte, dass dieses Buch etwas ganz besonderes war. Sie atmete durch und nahm das kleine schwarze Buch aus dem Regal.
Überrascht runzelte sie die Stirn.
Vorsichtig drehte sie das Buch um und hätte es beinahe fallen lassen, sosehr erschrak sie vor Olivers Handschrift. Für Florian stand handgeschrieben auf dem Einband.
Florian!
Katarinas Hände zitterten. Sie wagte kaum zu atmen und es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass sie ein Tagebuch finden würde, dass Oliver für Florian geschrieben hatte. Seit seiner Abreise hatte Katarina oft hier gesessen und nie war ihr dieses Buch aufgefallen.
Warum heute?
War dies ein Fingerzeig des Schicksals?
Benommen ging Katarina zu dem Ledersessel zurück. Ihre Gedanken überschlugen sich, ohne einen greifbar werden zu lassen. Schwerfällig ließ sie sich in den Sessel fallen. Ihre Finger zitterten, als sie die erste Seite des Tagebuchs aufschlug. Tränen stiegen in ihre Augen, die sie energisch wegwischte.
Dann begann sie zu lesen.
Tagebuch
Lieber Florian,
viele Jahre konnte ich mir nicht vorstellen, eines Tages Vater zu werden und die Verantwortung für ein menschliches Leben zu übernehmen. Erst seit ich deine Mutter kenne, habe ich mich mit diesem Gedanken beschäftigt und festgestellt, dass mir dies nicht mehr so abwegig vorkam.
Da ich die meiste Zeit meines Lebens mit Büchern verbringe (ich bin ein relativ erfolgreicher Autor musst du wissen), habe ich beschlossen, etwas für dich zu tun, worüber du dich vielleicht später einmal freuen wirst.
Ich möchte ein Tagebuch für dich schreiben! Und ich werde versuchen, es so gewissenhaft wie möglich zu führen.
Da dieses Tagebuch ausschließlich für dich ist, habe ich deiner Mutter nichts davon verraten. Wenn du ihr später davon erzählen möchtest, ist es in Ordnung. Aber die Entscheidung sollst du treffen.
Jetzt, da ich diese erste Eintragung vornehme, hast du gerade das Licht der Welt erblickt. Früher als geplant. Aber lass mich der Reihe nach erzählen und damit beginnen, was sich vor deiner Geburt ereignet hat, damit du deine Mutter und mich besser verstehen kannst.
Ich werde an einem regnerischen Abend in Berlin beginnen, an dem ich zu einer Party meiner Lektorin Patricia eingeladen war. Pat (so nennen sie alle) korrigiert meine Bücher und macht diese erst zu einem fertigen Werk.
Ich muss dazu sagen, dass ich solche Partys hasse, allerdings war gerade mein erster Roman `Der Wunschbrunnen´ erschienen und zur großen Überraschung des Verlages hatte er sich zu einem Bestseller gemausert.
Ich werde dir kurz schildern, wie es dazu kam. Ich komme aus einer Bankiersfamilie. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich dreizehn Jahre alt war. Ein Alter, in dem man beide Elternteile braucht, um sich im Leben zurechtzufinden. Aber meine Mutter hatte einen anderen Mann kennen gelernt und verließ meinen Vater über Nacht. Da ich zum damaligen Zeitpunkt zu meiner Mutter ein angespanntes Verhältnis hatte, entschloss ich mich, bei meinem Vater zu bleiben. Trost fand ich in meinen Büchern. Ich habe schon damals alles gelesen, was mir in die Finger kam. Ich hoffe, dass du ein paar von diesen Genen von mir geerbt hast.
Im Alter von zwölf Jahren schrieb ich meine erste Geschichte. Heimlich unter der Bettdecke, da ich Angst hatte, man würde mich auslachen. Ich habe dieses Werk niemandem gezeigt. Mit sechzehn hatte ich endlich den Mut, eine Kurzgeschichte an einen Verlag zu senden. Und das Unglaubliche geschah: Die Geschichte wurde tatsächlich veröffentlicht. Stolz hielt ich das Buch in der Hand. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich Schriftsteller werden wollte. Mein Vater begegnete diesem Entschluss mit Verachtung und Häme. Für ihn gab es nur die Option, dass ich nach dem Abitur in seiner Bank anfangen würde. Doch statt mich mit schulischen Dingen zu beschäftigen, schrieb ich in jeder freien Minute. Nach dem Abitur zog ich aus. Mein Vater bekam einen Tobsuchtsanfall und wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Er hielt mich für einen Spinner, der von der großen Karriere träumte und den Sinn für die Realitäten verloren hatte. Etwa zu dieser Zeit begann ich, meinen Roman `Der Wunschbrunnen´ zu schreiben. In den folgenden Monaten hielt ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Tagsüber kellnerte ich und nachts schrieb ich an meinem Roman.
Schon während des Schreibens suchte ich einen Verlag, jedoch ohne Erfolg. Allmählich glaubte ich, dass mein Vater Recht behalten sollte, zumal meine finanziellen Mittel immer kleiner wurden. Eines Tages bediente ich eine junge Frau, mit der ich ins Gespräch kam. Patricia Sellmann arbeitete als Lektorin in einem renommierten Berliner Verlag. Sie kam mehrmals die Woche ins Café und durch Zufall bekam ich heraus, was sie beruflich machte. Es dauerte einige Wochen, bis ich den Mut aufbrachte, ihr von meinem Roman zu erzählen. Zu meiner Überraschung interessierte sich Pat für die Idee und wollte einen Blick in mein Manuskript werfen. Ich kann dir nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war, als sie mich zwei Wochen später anrief, um mir zu sagen, dass der Verlag meinen Roman veröffentlichen wollte. Und du kannst sicher sein, dass ich nicht im Traum daran gedacht hatte, dass das Buch so erfolgreich werden würde.
Ich war also auf Pats Party, nippte an einer Whisky-Cola und ließ den Blick in die illustre Runde schweifen. Mit den meisten der hier anwesenden Gäste konnte ich nicht viel anfangen. Den Hauptteil bildeten Pressevertreter und Verlagsleute, die mir zu meinem Erfolg gratulierten und schon auf den nächsten Roman warteten, in der Hoffnung noch mehr Geld mit mir zu verdienen. Obwohl ich froh sein sollte, dass der Roman so erfolgreich war, konnte ich mich nicht mit einem Platz auf der Bestseller-Liste anfreunden. Denn durch den Erfolg hatte ich ein großes Stück Anonymität aufgegeben.
Ich wollte mich gerade aus dem Staub machen, als Pat auf mich zukam. In ihrem Schlepptau eine Frau, bei deren Anblick es mir den Atem verschlug.
Deine Mutter!
Sie trug ein kurzes, schwarzes Kleid, das ihre langen Beine und ihre weiblichen Formen perfekt zur Geltung kommen lies. Fast alle anwesenden Männer warfen Blicke zu ihr herüber. Die blonden Haare hatte sie zurückgekämmt und zu einem Knoten aufgesteckt. Am meisten faszinierten mich jedoch ihre Augen. Glasklar blickten sie mich an und ich schien mich darin zu verlieren.
„Katarina ist eine Studienfreundin von mir", riss mich Pat aus meinem Tagtraum. Ich drückte ihre Hand und ein Schauer jagte mir über den Rücken.
„Freut mich, Sie kennen zu lernen. Ihre Stimme war warm und weich. „Haben Sie auch mit der Verlagsbranche zu tun?
Pat rollte mit den Augen. „Kati, das ist Oliver Neuhaus. Sein Roman `Der Wunschbrunnen´ steht im Moment ganz oben in den Bestsellerlisten. Ich habe dir doch ein Exemplar geschenkt. Hast du es noch nicht gelesen? Deine Mutter errötete leicht. „Oh, du weißt doch, dass ich nicht allzu viel lese. Und wenn, sind es Gesetzestexte.
Sie wandte sich mir zu. „Ich bin Anwältin. Tut mir leid, dass ich Sie nicht erkannt habe."
„Kein Problem", antwortete ich.
„Vielleicht erzählen Sie mir etwas über Ihr Buch?" Sie hakte sich bei mir ein, während wir zur Bar gingen.
Der Rest des Abends verging wie im Fluge. Wir unterhielten uns stundenlang und ich hatte das Gefühl Katarina schon ewig zu kennen. Es war bereits zwei Uhr nachts, als uns Pat freundlich aber bestimmt fragte, ob wir nicht auch gehen wollten. Ich brachte deine Mutter zu ihrem Wagen und fragte sie, ob wir uns wiedersehen. Als sie kurz nickte, machte mein Herz einen Freudensprung.
In den nächsten Wochen traf ich deine Mutter fast jeden Tag. Die Arbeit an meinem zweiten Roman litt natürlich darunter, was mir den einen oder anderen Rüffel von Pat einbrachte. Sie befürchtete, dass ich meinen Abgabetermin nicht einhalten konnte.
„Hast du schon jemals ein Ruderboot benutzt?", fragte mich deine Mutter an einem sonnigen
