Patchwork hoch Vier: Verräterische Nähe
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Über dieses E-Book
Bianka Mertes
Um meinem Alltag ab und zu entfliehen zu können, schreibe ich bereits seit meiner Schulzeit und lasse mich in Fantasiewelten einladen. Neben fantastischen Welten greife ich auch gern alltägliche Themen und die Liebe in meinen Projekten mit auf. Im Vordergrund stehen fast immer weibliche Charaktere, die sich behaupten können. Geboren wurde ich 1968 in einem kleinen Ort namens Unkel, der am wunderschönen Rhein gelegen ist. Derzeit lebe ich mit zwei von vier Kindern und meinem Enkelkind mitten im Naturpark des Westerwaldes und widme mich neuen Herausforderungen und Abenteuern. Solariya ist mein Herzensprojekt, das bereits viele Hürden meistern musste, bis es endlich seinen würdigen Auftritt erhalten konnte. Ohne die Hilfe eines ganz bestimmten Menschen, würde es Solariya nicht mehr geben.
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Buchvorschau
Patchwork hoch Vier - Bianka Mertes
Kapitel 1
Dienstag Morgen und Jonas war schon wieder zu spät dran. Das kam in der letzten Zeit immer häufiger vor. Seitdem Larissa krank war und seine Mutter sich immer um sie kümmerte, konnte auch er sich immer weniger konzentrieren. Zwar hatte er mit Larissa eigentlich kaum etwas zu tun, dennoch konnte er die Traurigkeit seiner Mutter nicht übersehen.
»Ich bin jetzt weg«, rief Jonas seiner Mutter vom Hausflur zu, die war noch immer mit dem Geschirr vom Frühstück beschäftigt. Er musste sich echt beeilen. Es war kurz vor sieben und wenn er den Bus zur Schule noch erwischen wollte, wurde es höchste Zeit, sich auf die Socken zu machen.
»Kommst du heute früher nach Hause?« Anscheinend war sie noch immer nicht mit dem Spülen fertig, auf jeden Fall hielt sie das Küchenhandtuch in der Hand, als sie den Flur betrat.
»Mama, was für ein Tag ist heute?« Jonas verdrehte genervt die Augen. Seit es ihrer Freundin immer schlechter ging und sie jeden Tag zu ihr fuhr, um ihr bei den anfallenden Arbeiten im Haushalt zu helfen, war seine Mutter vollkommen durch den Wind. Einerseits konnte er sie ja verstehen, dass sie sich rührend um Larissa kümmerte, schließlich ging das an allen nicht spurlos vorüber, aber sie kam dabei die letzte Zeit einfach zu kurz. Vor allem nahm sie das mehr mit, als sie zugab. Und wenn sie nicht aufpasste, würde sie zum guten Schluss noch daran Zugrundegehen.
»Mittwoch oder nicht?« Sie sah ihn fragend an und lächelte dabei verlegen. Sie schien sich wirklich nicht mehr sicher zu sein.
»Nein, wir haben erst Dienstag. Und da ich dienstags Training habe, komme ich später, wie immer.« Jonas lachte ihr gequält ins Gesicht. Wenn das so weiterging, wüsste sie bald nicht mehr, wo hinten und vorne war. Er schnappte sich gerade seine Jacke, als seine Mutter aufschrie.
»Dienstag?« Sie ließ vor lauter Schreck das Küchenhandtuch fallen.
»Ja, wieso? Ist heute was Besonderes?« Jonas sah sie nachdenklich an. Es konnte ja nicht sein, dass sie schon wieder etwas vergessen hatte.
»Natürlich, ich habe Larissa versprochen, mit Celine die neue Schule zu besichtigen. Verdammt, das habe ich beinahe total vergessen.« Total verdattert hob sie das Handtuch wieder auf.
»Oh man. Meinst du nicht, du übertreibst es allmählich? Wenn du so weiter machst, weißt du bald nicht mal mehr, wo du wohnst. Ich mache mir langsam echt Sorgen um dich.« Auch wenn Jonas wusste, dass es hart klang, machte er sich neben seinem Vater echt Sorgen um seine Mutter. Früher war sie komplett durchorganisiert und jetzt hatte man eher das Gefühl, als ob alles, was sie machte, nur noch einem Puzzlespiel ähnelte. Eines, was sie nicht zusammenbekam. Vor zwei Wochen wusste sie nicht mal mehr, wo sie ihren Wagen geparkt hatte. Sie musste durch die halbe Stadt laufen, um ihn zu suchen, bis ihr aufgefallen war, dass sie ihn nicht einmal benutzt hatte. Sie war an diesem Tag mit der Straßenbahn gefahren und ihr Auto stand gesund und munter in der Einfahrt. Zu der Sorge um ihre Freundin kam noch deren Tochter Celine, die genauso alt wie Jonas war. Er kannte sie nicht persönlich, aber vom Hörensagen her. Und danach musste sie ihrer Mutter sehr ähneln.
Bis Larissas Krankheit ausbrach, glich sie einer Schönheit. Doch nach den ganzen Chemotherapien und den anstrengenden Kampf gegen den Krebs war sie nur noch ein Häufchen Elend. Aber auch das wusste er nur von den Erzählungen seiner Mutter. Seit der ersten Chemo durfte sie das Haus nicht mehr verlassen. Und so hatte er keine Gelegenheit gehabt, sie persönlich zu treffen. Doch die Gefahr, sich irgendeinen Virus einzufangen, war zu groß gewesen, somit konnte er sie auch nicht besuchen.
»Ich weiß, es ist momentan etwas viel, aber wenn Larissa sich wieder besser fühlt, kehrt auch wieder etwas Ruhe ein. Solange bin ich auf jeden Fall für sie und ihre Tochter da.« Und da ließ seine Mutter sich auch auf keinen Kompromiss ein, das wusste Jonas. Sein Vater war zwar auch der Meinung, dass sich seine Frau mit der Situation komplett übernahm, doch auch er tolerierte es notgedrungen. Denn sich in dieser Sache mit ihr anzulegen, brachte nichts. Dafür war sie zu dickköpfig und gutherzig. Sie liebte ihre Freundin, die sie bereits seit der Schulzeit kannte, über alles und würde auch alles für sie tun. Eigentlich eine Eigenschaft, die er an seiner Mutter bewunderte und liebte.
»Okay, aber ich muss jetzt wirklich, sonst rollt der Bus noch ohne mich los.« Kurz sah er auf seine Uhr. »Wir sehen uns dann später.«
»Ja, aber heute komme ich wirklich etwas später nach Hause«, rief sie ihm noch nach, als er zum Bus rannte, der bereits an der Haltestelle stand.
Geschafft ließ sie sich auf einen der vier Stühle in der Küche nieder. Jonas hatte absolut recht. Lange würde sie das wahrscheinlich nicht mehr aushalten. Aber sie hatte Larissa versprochen sich um sie und Celine zu kümmern, denn Larissa war dazu nicht mehr in der Lage. Zwar gab es irgendwo einen Vater, aber der hatte sich nach Verkündigung der Schwangerschaft kurzerhand aus dem Staub gemacht. Larissa hatte sich bis jetzt auch gut ohne einen männlichen Begleiter durchs Leben geschlagen und wenn Nina ehrlich war, hatte sie das auch bravourös gemeistert. Sie bewunderte ihre Freundin insgeheim dafür. Doch gerade jetzt, wo sie wusste, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, brauchte sie Nina. Sie kannten sich jetzt bereits so lange und all die Jahre hatten sie sich nie aus den Augen verloren. Doch jetzt war es auch für Nina kaum noch auszuhalten, ihre langjährige Freundin auf den sicheren Tod vorzubereiten und sie zu begleiten. Denn das war er, sicher. Auch wenn sie das vor Jonas geheim hielt, damit er sich nicht noch mehr Sorgen um sie machte. Larissa hatte bereits seit einem Jahr mit einem inoperabelen Tumor im Kopf zu kämpfen. Nach der Diagnose der Ärzte dürfte sie seit einem halben Jahr eigentlich schon nicht mehr leben. Doch sie war eine Kämpferin, die sich bis jetzt nicht an die Prognose der Ärzte gehalten hatte. Sie kämpfte für ihre Tochter, mit der sie noch so viel Zeit wie möglich verbringen wollte. Aber auch sie wusste, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb und die verbrachte sie lieber mit Nina und Celine, als im Krankenhaus vor sich hin zu vegetieren und unter starken Medikamenten nichts mehr um sich herum mitzubekommen.
Langsam raffte sich Nina wieder auf, legte das Handtuch zum Trocknen auf die Halterung und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Kurz darauf war sie auch schon unterwegs zu Larissa.
»Hey, da bist du ja endlich, ich dachte, du hättest schon wieder den Bus verpasst«, begrüßte ihn Sarah lächelnd, nachdem er abgehetzt das Schulgebäude betrat.
»Na ja, viel hat auch nicht mehr gefehlt.« Jonas grinste breit. Sarah wusste, dass er momentan nicht auf der Höhe wegen seiner Mutter war, aber sie sprach ihn auch nie darauf an, was er ihr hoch anrechnete. Sie war der Typ, der einem zuhörte, wenn man es brauchte.
Es dauerte jedoch nicht lange, da wurden die beiden von seinen Mannschaftskollegen in Beschlag genommen. Alle sprachen durcheinander wie jeden Morgen. Begrüßung hier und Kommentare zu den bevorstehenden Spielen da. Aber genau das, machte die Schule für ihn so interessant. Seine Freunde, auf die er sich immer verlassen konnte. Genau deshalb konnte er sich auch so gut in seine Mutter hineinversetzen. Wahrscheinlich würde er nicht anders handeln, wenn einer seiner Freunde in der gleichen Lage stecken würde.
»Heute wird es ein anstrengendes Training. Der Trainer wird uns sicher besonders hart rannehmen«, erinnerte Mike sie noch einmal alle an das bevorstehende wichtigste Spiel des Jahres. Sie standen kurz davor aufzusteigen und da hatte der Trainer sich die ganze Zeit schon besonders nette Sachen für die Mannschaft ausgedacht. Auch wenn das eher im negativen Sinne gemeint war. Fußball war aber nicht die einzige Leidenschaft, der Jonas nachging. Auch das Skaten lag ihm im Blut, das er auch jede freie Minute, die er hatte, ausübte. Auch dort hatte er bereits eine Menge Freunde gefunden und zu denen gehörte auch Peter aus seiner Klasse und Spielkollege.
»Lässt du dich heute nach dem Training auch blicken?« Peter konnte es bereits kaum erwarten auf seinem Skateboard neue Kunststücke zu üben.
»Ja, wahrscheinlich schon. Sonst hatte ich heute eigentlich nichts eingeplant.« Jonas lachte ihn breit an und war froh, sich endlich von seinen Teamkollegen loszureißen und sich einen Weg zwischen den ganzen Schülern bahnen zu können, die den kompletten Flur in Beschlag genommen hatten.
Sie waren jetzt vor drei Jahren nach Berlin gezogen und Jonas hatte schon auf dem Land das Gefühl gehabt, als wären die Schulen überfüllt. Doch hier in Berlin war es noch schlimmer. Es gab keine Klasse, in der unter dreißig Schüler waren. Viel zu viele Schüler für einen Lehrer. Und um ehrlich zu sein, wollte er auch mit denen nicht tauschen. Denn einige von diesen Schülern hatten es faustdick hinter den Ohren. Und das ließen sie auch die Lehrer regelmäßig spüren.
»Der Walter ist krank heute und so haben wir heute beim Direx Unterricht«, meinte Peter gelangweilt, als sie sich auf ihren Stühlen niederließen. Doch zu einer Antwort kam Jonas nicht mehr. Der Direx, vor dem wirklich fast alle Respekt hatten, betrat das Klassenzimmer, und die anfänglich aufkommende Unruhe verstummte sogleich. Wenigstens einer, der diese Bande im Zaum halten konnte.
Aber diese Ruhe währte nicht wirklich lange. Nur bis der Direx einen Test ankündigte. Ab da hätte man meinen können, er hätte den Raum niemals betreten. Mit einem lauten Knall schlug er mit dem Klassenbuch auf den Tisch.
»Ruhe jetzt.« Er blickte böse von einem zum anderen und sofort war es mucksmäuschenstill im Klassenraum. Danach verteilte er die Tests und alle versuchten angestrengt, die Aufgaben zu lösen, die er sich ausgedacht hatte. Man merkte, dass er der Direktor war, denn keine der Aufgaben war so einfach, wie es sich manche erhofft hatten. Im Gegenteil, sie waren alle froh, als es endlich zur heiß ersehnten Pause klingelte.
»Man, bin ich froh, dass der Tag endlich vorbei ist. Noch länger hätte ich nicht ruhig auf diesem Stuhl sitzen können, mir tut bereits jeder Muskel im Hintern weh«, meinte Peter, nachdem sie nach dem letzten Klingeln das Klassenzimmer verließen.
»Jetzt hast du bestimmt dicke Pocken am Hinterteil.« Jonas musste lachen, wenn er daran dachte, wie steif er auf diesem Stuhl gehangen hatte. Wenn es jemand gab, der einen gehörigen Respekt vor dem Direx hatte, gehörte Peter jedenfalls als erstes dazu. Aber auch er war froh, den Tag endlich überstanden zu haben. Auch wenn er den Direktor wirklich respektierte, war er einer der strengsten Lehrer der Schule, der so schnell nichts durchgehen ließ. Doch jetzt hieß es, sich erst einmal für das Training fertig zu machen, bei dem sie die aufgestaute Energie mit Sicherheit gut gebrauchen konnten.
Wie sich nach kurzer Zeit herausstellen sollte, konnten sie diese Energie wirklich
