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Omaboy: Roman
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eBook364 Seiten4 Stunden

Omaboy: Roman

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Über dieses E-Book

„Es mochte der Eindruck entstehen, sie läge einen bedächtigen und intensiv ausharrenden Akt des Entkleidens hin. Die Wahrheit war jedoch, dass sie weder zeitschindend noch erotisch handelte. Sie konnte sich einfach nicht schneller ausziehen. Nicht nur der Spiegel neben dem Bett verriet ihr Alter – warum sollte sie dann ablegen können wie ein junges Ding?“ Inge und Jens sind Geschäftspartner. Sie ist 73, er halb so alt, arbeitslos und ihr Zuhälter. Dass er in dieser Hinsicht keine Erfahrungen vorzuweisen hat, weder als Arbeitsloser noch als Lude, hält ihn nicht davon ab, ihr zu helfen. Denn auch Inges bisheriger Lebensweg ist alles andere als einschlägig für diesen Bereich. Doch für sie gilt irgendwann: Konto leer, Leben leer. An genau diesem Punkt endet die Freiwilligkeit. Selbstbestimmung wird unbezahlbar. Weder Inge noch Jens beginnen ihren steinigen Pfad in die Prostitution freiwillig. Das Leben gerät aus den Fugen. Die Daseinsberechtigung bröckelt, und schon schwinden die Optionen. Die Abzweigungen werden übersichtlich, undenkbar. Dann heißt es: Finde einen Weg und mache ihn zu deinem. „Omaboy“ skizziert die Grundfesten unseres Seins und deren Erosion. Prostitution im Alter? Allein diese Frage bringt unsere Wertvorstellungen ins Wanken. Aber was tun, wenn die Optionen immer spärlicher werden? „Omaboy“ ist ein eindringlicher Roman, der die Fragilität unserer Existenz mit zunehmendem Alter thematisiert.
SpracheDeutsch
HerausgeberOmnino Verlag
Erscheinungsdatum15. Nov. 2024
ISBN9783958943179
Omaboy: Roman
Autor

Sascha Heeren

Sascha Heeren, Jahrgang 1981, wuchs im Elbe-Weser-Dreieck auf. Studium in Hamburg und München sowie berufliche Stationen in der Personalpsychologie und Organisationsentwicklung. Er lebt heute in der Nähe von Bonn und bleibt auch mit seinem neuesten Roman der literarischen Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der Gesellschaft und den Abgründen des Menschseins treu. Zuletzt erschienen von ihm: „Gnadenschuss“ und „Omaboy“, beide im Omnino Verlag.

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    Buchvorschau

    Omaboy - Sascha Heeren

    Omaboy

    Impressum

    Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

    ISBN: 9783958943179

    © Copyright: Omnino Verlag, Berlin / 2024

    Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

    Inhalt

    Liebe Leserin, lieber Leser

    Ein Tagtraum oder: Keine Zeit zum Explodieren

    Prolog – Einsammeln, absetzen, zurückfahren

    Hinterlassenschaften

    Einsturzgefährdete Decken

    Ein neues Kapitel, ob du willst oder nicht

    Beine breit

    Das Zeug dazu haben

    Ein Familiendienst

    Wie eine Schnapspraline

    Blutig gepflockt und erschrocken

    Wiedergutmachung

    Der Geschäftsmann

    Nicht viel verlangt

    Kein Spaß

    Wenn auch in Eile

    Innen und Außen

    Nicht sofort sterben oder: Keiner redet hier vom Töten

    Appetitanregende Dinge

    Hi, my name is …

    Die erste Platte des Büfetts

    Robuste Natur

    Greifbare Bilder

    Bock und Gärtner

    Der Unfallbeauftragte

    Ein Heißgetränk, das an Urin erinnert

    Zum Glück

    Epilog – Klarschiff

    Liebe Leserin, lieber Leser,

    das Geschehene, das ich mit den folgenden Seiten versuche zu schildern, ergibt sich – wie beinahe alles im Leben – nicht nur durch ein einziges Paar Brillengläser. Nicht aus einer einzelnen Perspektive. Da mir naturgegeben allein meine eigene zur Verfügung steht und diese selbstverständlich nur einen Teil des Ganzen erleuchten kann, habe ich mir erlaubt, hier auch andere Blickwinkel anzunehmen. Nicht aus künstlerischem Drang, sondern aus der Verpflichtung zur Vollständigkeit heraus. Vor dem Hintergrund der ganzen Geschichte mag es anmaßend scheinen, dass ich aus Inges Perspektive schildere, wo ich doch nicht weiter von ihrer Sichtweise, der einer Frau, entfernt sein könnte. Habe ich die gleichen Eingriffe erleben müssen wie sie? Und wenn, stand nicht auch hier eine naturgemäße Unvergleichbarkeit im Raum? Doch ich versichere, ich tue dies nicht, um es mir einfach zu machen oder eine Version zu schaffen, die es meinem Weltbild nicht allzu schwer macht. Ich spreche nicht mit Inges Stimme, um besser schlafen zu können. Ganz im Gegenteil, ohne Inge gäbe es diese Geschichte schlichtweg nicht, und damit auch keine Wahrheit. Und ohne Wahrheit bliebe von all dem, was uns widerfahren ist, nichts. Da ich allerdings keineswegs so selbstlos bin und hier schreibe, wie an dieser Stelle der Anschein entstehen könnte, sage ich Ihnen: Für nichts ist einfach zu viel geschehen. Kunst hin, Vollständigkeit her. Am Ende bleibt mir nur, gerade auch Inges Sicht zu schildern und im gleichen Atemzug zu bitten, auf meine gewissenhafte Sorgfalt zu vertrauen, wenn auch nur auf die eines Mannes.

    Inge ist doppelt so alt wie ich, und doch hat uns die gemeinsame Zeit in einer Art und Weise zusammengeschweißt, dass Alter und Geschlecht zur Nebensache geworden sind. Allein dies hier zu schreiben, lässt mich wieder einmal spüren, wie wenig präsent ihr Alter in all der Zeit und bei all unseren Aktivitäten war. Aber genau darin liegt und lag auch stets die Gefahr – der ich mir vielleicht erst jetzt richtig bewusst werde. Wie muss sich dieser Mensch, so ganz anders als ich, gefühlt haben? Eine Frau in ihrem Alter, in ihrer Situation? Wenn ich es damals nicht wusste oder leichtsinnig abtat, mag das mein jugendlicher Leichtsinn erklären – auch wenn er es immer nur gut meinte. Aber jetzt, nach dem, was war, was geschah, darf einfach nichts Jugendliches und Leichtsinniges mehr am Steuer sitzen. Ob ich es heute besser weiß, da bin ich mir nicht sicher. Umso mehr weiß ich, dass Inges Perspektive mein ganzes Bemühen und meine größte Anstrengung verdient. In diesem Sinne ist jedes Urteil, was Sie sich nun über das Geschehene und mich bilden, erlaubt.

    Ihr Jens Probst

    Ein Tagtraum

    oder: Keine Zeit zum Explodieren

    Ich habe Kaffee aufgesetzt. Es dauert nur noch wenige Minuten. Nicht dass es zu meinen Aufgaben gehören würde, Kaffee zu kochen. Ich habe studiert. Ich mache es also nebenbei. Die Maschine arbeitet in den letzten Zügen. Es dauert nur noch wenige Sekunden. Ich koche nebenbei, und es macht mir absolut nichts aus. Ich trinke das Zeug selbst. Abgesehen davon würden meine Kollegen meinem Chef den Vogel zeigen, und das auch nur, weil es schneller geht, als den Mittelfinger in Stellung zu bringen. Der Kaffee ist fertig, und ich habe ihn aufgesetzt. Die Zeit ist um.

    Freundlicherweise hat mein Chef seine Tasse gleich neben die Maschine gestellt. Erspart mir einen Weg. Ich fülle seinen Becher. Lasse noch ein wenig Platz, den ich mit dem üblichen Schuss Milch abrunde. Zucker nimmt er nicht. Fast nie. Nur spätabends, wenn er bereits seit mehr als zwölf Stunden wild gestikuliert hat und dabei jedem seiner Mitarbeiter tierisch auf die Nüsse gegangen ist. Auch jedes Mal, wenn er sein Büro verlässt und pfeifend über den Flur schlendert, dabei den Habt-ihr-nichts-zu-tun-Blick parat. Nur dann nimmt er spätabends noch Zucker.

    Ich greife mir seine Tasse und meinen Sprengstoffgürtel. Beide sind gut. Den einen habe ich gekocht, den anderen nicht von der Stange. Das ist tatsächlich Maßanfertigung. Qualität. Nicht vom Laden um die Ecke. Der Gürtel trägt sich bequem, auch die Schulterriemen schnüren nicht unter dem Gewicht der C4-Blöcke ein. Die kleinen Täschchen mit den Metallkügelchen verursachen keinen unangenehmen Druck auf der Haut. Zumindest noch nicht. Meine vorherige Weste hatte Nägel und Schrauben eingenäht. Auf Dauer nervt dieses Stechen. Die Spitzen finden immer irgendeinen Weg durch den Stoff. Dann stecken sie in der Haut. Unschön, gerade die roten Flecken.

    Ich klopfe. Ich warte. Dann öffne ich, denn wir sind ein offener Haufen. Da gibt es keine verschlossenen Türen. Ich warte nur so lange, damit mein Chef die Chance hat, den Finger aus der Nase zu nehmen. Ich verharre zwei Meter vor seinem Schreibtisch. Er würdigt mich keines Blickes und sagt: „Herein! „Ihr Kaffee, sage ich, aber er schaut noch immer nicht von seinem Bildschirm auf. In diesem Moment bin ich froh, die blinkende Variante ausgewählt zu haben. Sie macht was her. Eine rote, eine gelbe und eine grüne LED-Leuchte blinken abwechselnd an meinem Sprengstoffgürtel. Erinnern an die Windschutzscheibe eines Trucks und sind so angebracht, dass der Betrachter, wenn er den Lämpchen folgt, einmal quer über das gesamte C4-Sortiment geführt wird. Mein Chef sieht sie nicht. Schade eigentlich, aber egal. Ich denke, die Investition hat sich trotzdem gelohnt, auch wenn die Beleuchtung nur Show ist.

    In der Rechten den Totmannschalter, reiche ich mit der Linken den Milchkaffee rüber. Erst jetzt nimmt er mich wahr. Seine Blicke wandern vom Monitor zum Becher. „Vielen Dank, sagt er. Jetzt bestaunt er auch meine neue Weste. Rot, gelb, grün. Er folgt den Wegweisern. „Keine Ursache, sage ich. Ich meine es auch so. Das hätte doch jeder getan. Jeder an meiner Stelle. Jeder in der Abteilung. Plötzlich öffnet sich die Tür hinter mir. Es hat vorher nicht geklopft. Die Tür fliegt förmlich auf.

    Soll es das jetzt tatsächlich gewesen sein? Ich erinnere mich, wie mich der Verkäufer beglückwünschte. Zu meinem Gespür für Qualität. Ich hatte Hilfe, entgegnete ich und verwies auf das Preisschild. „Qualität hat halt ihren Preis, räusperte er sich, aber es war kein verlegenes Räuspern. Es war ein ehrliches, ein stolzes. „Sie müssen sich immer vor Augen halten, dass ein preisgünstiges Exemplar ohne Frage seinen Zweck erfüllen wird – die sind alle geprüft –, aber ob Sie damit glücklich werden? Das steht auf einem anderen Blatt. Es zwickt hier. Es quetscht da. Das ist bei Klamotten nicht anders. Wer billig kauft, kauft zweimal, sagt man doch, nicht wahr? Wenn Sie sich also nicht sicher sein sollten, dann sparen Sie nicht am falschen Ende. Womöglich verlieren Sie noch Ihr Gesicht. Und das ist doch das Letzte, was man will.

    Die Tür zum Büro meines Chefs steht sperrangelweit offen. Die Vorzimmerdame, die mich vor circa dreißig Sekunden noch gequält angelächelt hatte, stürmt mit feuerrotem Schädel und einer leicht feuchten Stirn an mir vorbei. Sie hat was vor. Ihre Augen fixieren den angefetteten Oberkörper unseres Chefs. Er schlürft seinen ersten Schluck und nickt wohlwollend. Sie erinnert mich an diese Selbstmordattentäter, die bereits seit Minuten durch selbstbestimmtes Gebrabbel versuchen, sich in den Tatendrang zu wiegen. Aber sie hat bloß ein Messer dabei. Bloß ein Messer. Es betreten zwei weitere Figuren das Büro. Sie haben mehr als nur Messer dabei. Zwei Pistolen. Noch bevor die Dame den Schreibtisch unseres Chefs erreichen könnte, macht ein Teil ihrer Schädelinnenseite vor, was dem Rest ihres schmächtigen Körpers verwehrt bleiben wird.

    Ein Traum, oder?

    Prolog

    Einsammeln, absetzen, zurückfahren

    Inge hat gute Arbeit geleistet. Gute Vorarbeit, wenn man es genau nimmt. Der alte Siebensitzer ist voll, heißt also abzüglich Fahrer und Lockvogel: fünf zahlende Gäste.

    Ich habe mir den Ausdruck Gast angewöhnt, denn Kunde hört sich zu distanziert an. Was hier geschieht, bedeutet die wortwörtliche Überschreitung von Grenzen. Sie dringen in dich ein. Passieren deine Linie. Natürlich mit deiner freundlichen Einladung, aber letztlich nur durch Euros legitimiert. Eure Verbindung, ihr Eindringen in dich, liegt also irgendwo zwischen Kunde und Fremder, zwischen höflich und unverschämt, zwischen Distanz und Überschreitung deiner höchstpersönlichen Grenze. Es geht in dich hinein. Es gibt keine persönlichere Form, deine Schwelle zu überschreiten.

    Ich finde, Gast liegt irgendwie dazwischen, ohne zu verdrängen, dass es letztendlich doch nur um Geld geht. Selbst ein Hotelgast wird – zumindest in den Hotels, die auf wiederkehrende Kundschaft bauen – von allen Seiten gehegt und gepflegt, in aufopferungsvoller Weise und unter Wegfall der eigenen Grenzen. Allerdings bekommt niemand ein schlechtes Gewissen, wenn am Ende die ehrlichste aller Fragen im Raum steht: Zahlen Sie bar oder mit Karte?

    Ich stelle diese Frage schon im Auto. Es ist eigentlich keine Frage, es ist vielmehr ein organisatorischer Hinweis. „Bitte zahlen Sie direkt auf dem Zimmer. Wir akzeptieren nur bar", sage ich auch dieses Mal. Zum zweiten Mal heute.

    Vormittags schafft es ein Fahrer, je nach Berufsverkehr und Schulferien, eine Wagenladung hin- und zurückzukutschieren. Nachmittags ebenfalls eine. Letztlich steht und fällt jedoch der Abfahrtsplan mit dem Tempo, in dem der Wagen mit Gästen gefüllt wird. Wir fahren erst, wenn wir voll sind – oder zumindest sehr nahe daran. So lautet die Regel.

    Inge ist ausgestiegen. Die fünf Herren verlassen ebenfalls das Auto und folgen ihr unsicher. Mancher macht den Eindruck, schon mal hier gewesen zu sein. In diesen Gesichtern geht mit jedem Schritt näher ein wachsendes Lächeln auf, sie schauen sich nicht wie ertappte Jungs um. Der Weg vom Wendehammer zum Reihenendhaus dauert nur wenige Sekunden. Dann ist die Meute im Hauseingang verschwunden.

    Eine dritte Runde werde ich nicht mehr schaffen, auch wenn es erst kurz nach Mittag ist. Diese Wagenladung – eine nicht zu verachtende und selten genug vorkommende Fünferpackung – will auch erst mal abgearbeitet werden. Dafür wird jeder benötigt. Inge ist jetzt im Haus gefragt. Ich parke also den Wagen, bereite alles für den morgigen Einsatz vor und tapere dann selbst ins Reihenhaus.

    Wenn ich der Fahrer bin, was noch immer vorkommt, dann macht Kadim die Ansage im Haus. Meist in der Küche. Fünf Gäste finden problemlos einen Platz in dem kleinen Raum, der je nach Tageszeit nach Kaffee oder Eintopf riecht. Wir haben auch einen kleinen Hocker. Der ermöglicht es, allen direkt in die Augen zu schauen. Von oben herab. Ich parke also das Auto, und Kadim bläut unsere Grundregeln ein. Edith, Ursprung des Kaffee- oder Eintopfgeruchs, verlässt mittlerweile nicht mal mehr die Küche, wenn unser kleines Einmaleins an die Gäste verteilt wird.

    Die Küche ist ein guter Platz. Entscheidender Vorteil: Es glotzt dir keiner rein. Anders als im Auto, wenn du als Fahrer versuchst, dich umzudrehen, um allen tief in die Augen zu schauen. Als wir Kadim noch nicht hatten, erklärte ich den Jungs auf genau diese Weise, worauf es ankommt. Wir saßen also nicht nur in der Siedlung auf dem Präsentierteller, ich verdrehte mir auch äußerst ungünstig das Kreuz.

    „Lassen Sie mich noch das ein oder andere loswerden, auch wenn Sie uns vielleicht schon mal beehrt haben, sagte ich. Am Blick erkannte ich, ob sie zum ersten Mal in diesem Auto saßen oder doch schon gedanklich in bereits Bekanntem versinken. „Nicht alle von Ihnen sind mehr die Jüngsten. Es knirscht und drückt also nicht nur in Ihrem Gebälk, auch unsere Damen haben vielleicht schon die ein oder andere Schramme, Lackschaden oder den ein oder anderen Achsenbruch erlitten oder stehen diesem deutlich näher als eine gelenkige Mittzwanzigerin. Sie steigen hier also nicht in einen Neuwagen oder einen jungen Gebrauchten, sie schlüpfen in einen Oldtimer. Ich erwarte nicht von Ihnen, dass Sie mir nach der Probefahrt einen Neuwagen auf dem Hof abstellen, aber einen gut in Schuss gehaltenen Oldtimer, wie er Ihnen anvertraut worden ist. Ich finde den Vergleich mit Autos passend. Da sitzen Männer vor dir. Das verstehen die eher, als wenn du denen mit Oberschenkelhalsbrüchen kommst. Oder mit verminderter Beckenelastizität. Dass man ein Auto nicht aus dem Kalten heraus in den roten Drehzahlbereich bringt, ist jedem klar. Deshalb stellen wir ja auch genügend Zeit zur Verfügung. Benutz das Autobeispiel, habe ich zu Kadim gesagt. Du musst erklären, was geht und was nicht. Nimm das Oldtimer-Beispiel. Ich glaube, er tut es nicht. Ich habe es ein paar Mal versucht, doch jedes Mal hat er nur die Stirn gerunzelt. Aber das Wichtigste bringt er rüber. Immer und jedes Mal wieder.

    Ich betrete das Reihenhaus. Nach dem kleinen Eingangsbereich folgt sofort die Küchentür auf der linken Seite. Sie ist verschlossen, also ist Kadim noch bei seinen warmen Worten. Ich öffne die Tür, und neben seiner Stimme schlägt mir der Kaffeegeruch in die Nase. Ich schleiche mich rein, an den lauschenden Herren vorbei, und direkt neben Edith bleibe ich mit unwiderstehlichem Lächeln stehen. Sie versteht mich und reicht mir einen Becher Kaffee. Dann drehe ich mich wieder zu den Gästen, und meine Miene versteinert sich.

    „Stopp heißt Stopp, sagt Kadim. Er braucht keinen Hocker, um einen Kopf über seiner Zuhörerschaft zu thronen. Sein Blick trifft jeden. Zieht selbst mich in seinen Bann. Diese tiefe Stimme, die dunklen Augen. Zudem hat er ein Kreuz so breit wie Edith und ich zusammen – damit kaum in der Lage, diese Ansprache im Auto abzuhalten – und einen Türsteherblick, der seinesgleichen sucht. Erst durch Kadim haben Inge und ich verstanden, wie „Stopp heißt Stopp auch durch Körpersprache eindrucksvoll untermalt werden kann.

    Edith räumt das Geschirr vom Vormittag in die Spülmaschine. „Jeder soll hier auf seine Kosten kommen, aber wie schon gesagt, benehmen Sie sich Ihrem und dem Alter der Damen entsprechend, sagt Kadim. Noch immer huscht kein Lächeln über seine Lippen. Er ist Profi. „Für diejenigen von Ihnen, die heute zum ersten Mal hier sind: Sie werden gleich in den Aufenthaltsraum geleitet. Dort warten Sie. Mit Kaffee, Tee oder auch Kaltgetränken wird Sie unsere Edith, hier hinter Ihnen, versorgen.

    Alle drehen sich zu Edith. Sie lächelt freudestrahlend. „Sie haben auch die Gelegenheit, sich dort einen Überblick über unser Angebot zu verschaffen. Die Damen, die für Sie frei sind, werden sich bei Ihnen im Aufenthaltsbereich einfinden. Sie entscheiden, mit wem Sie die nächste Stunde verbringen werden. Nichts unter einer Stunde. Die Zeit beginnt, wenn sie auf dem Zimmer sind und endet mit Verlassen. Klar soweit? Ein einstimmiges Grummeln bildet sich in der kleinen Küche. „Gut, dann hole ich Sie in wenigen Sekunden ab.

    Kadim verlässt die Küche. Wie immer prüft er, ob alles im Wohnzimmer vorbereitet ist. Ob alles eingedeckt und nichts mehr von der letzten Runde zurückgeblieben ist. Diskretion steht für uns an oberster Stelle. Ordnung natürlich auch.

    „Meine Herren, richte ich nun das Wort an die fünf, „hat Ihnen unser Kadim von den Oldtimern erzählt? Mehr als ein unsicheres Gemurmel schlägt mir nicht entgegen. Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee. Ich bin nicht überrascht. Ich erzähle ihnen also meine Oldtimer-Geschichte. Eine Kurzversion. „Da Sie nun alle auch Kadim persönlich kennenlernen, seine Qualitäten begutachten konnten, sage ich, „ist mir wichtig, Folgendes zu betonen: Alles, was Sie meinen Oldtimern antun, tut Ihnen im Anschluss auch Kadim an. Steigen Sie also ein und treten unangemessen auf die Tube, steigt Kadim bei Ihnen ein und tritt bei Ihnen unangemessen auf die Tube. Achten Sie also stets auf den Drehzahlbereich.

    Ich wünsche den Herren viel Spaß. Meine Drohung klingt auch weniger bedrohlich, als man jetzt meinen könnte. Würde dies Kadim zu jemandem sagen und man kennt ihn nicht, man würde sich vermutlich einnässen. Aber ich? Ich versuche, die Gäste mit einem zwinkernden Auge zu erreichen. Sie auf die bestehende Harmonie hinzuweisen. Die wir unbedingt erhalten wollen.

    Ich wünsche meinen fünf richtig viel Spaß und übergebe an Kadim, der mich freundlicherweise zuerst durch den Türrahmen huschen lässt, bevor er ihn völlig vereinnahmt. Es knarzt über mir. Die drei von der vorherigen Tour kommen die Treppe aus dem Obergeschoss herunter. Ich weise wortlos den Weg in den Eingangsbereich. Der Aufenthaltsraum ist für sie tabu. Kein Kontakt zwischen den Gruppen. Nur innerhalb. Sie sehen zufrieden aus, still und in sich gekehrt, aber mit einem seichten Lächeln. Ich stehe mit ihnen in unserem Flur und schaue auf die Uhr. Es ist Abfahrtszeit. „Meine Herren, sage ich, „ich darf Sie zum Auto geleiten. Unser Fahrer wartet schon. Ich hoffe, es war alles zu Ihrer Zufriedenheit? Natürlich weise ich mehrmals darauf hin, dass sie uns doch bitte bald wieder beehren mögen. Ich versuche, so wenig wie möglich als Bittsteller rüberzukommen.

    An vieles musste ich mich erst gewöhnen. Kommst du nicht aus diesem Bereich oder hattest nie etwas mit diesem Geschäftsmodell zu tun, dann kannst du dir nichts, wirklich gar nichts gedanklich ausmalen. Es gibt Dinge, die treffen dich unvorbereitet. Was ist, wenn … Erst in der Situation erkennst du, dass ein solcher Was-ist-Fall eingetreten ist. Dass du mittendrin steckst. Welche Form von Smalltalk führst du mit deinen Mitarbeiterinnen? Andere überschreiten ihre Grenzen, darfst du das auch? Mit Sicherheit: nein. Aber welche Fragen gehen bereits zu weit? Fragst du: Und, wie war’s?

    Du gehst mit drei Freiern im Schlepptau zu deinem Fahrer, aber worüber unterhältst du dich? Welche Form von Smalltalk führst du mit deinen Gästen? Und ja, es ist sehr gewöhnungsbedürftig. Gerade waren Sie noch in schweißtreibender Grenzüberschreitung mit deinen Mitarbeiterinnen am Machen, nun trotten sie befriedigt neben und hinter dir her. Gedanklich liegen sie für dich immer noch auf Inge oder verkrampfen sich hinter Maggi. Während also im Reihenhaus andauernde Routine herrscht, die Vorbereitungen für die nächste Runde laufen und sich die Typen neben dir bereits aufs Mittagessen freuen und überlegen, was denn heute auf dem Plan steht, laufen bei dir noch vergangene Bilder ab. Du bist noch mittendrin, dabei warst du gar nicht dabei.

    Ich sage, dass das Wetter in den letzten Wochen recht stabil war, und erkundige mich, was denn heute auf dem Speiseplan steht. Holst du sie aus dem Heim ab, frag nach dem Speiseplan. Kohlroulade, so die beiden Älteren. Einer der beiden hält es aber für unwahrscheinlich, dass sie um diese Uhrzeit noch eine ordentliche, komplett mit Kohl ummantelte Roulade bekommen. Ein zerfledderter Rest entspricht wohl eher der Realität. Wie die Tiere, bestätigt der andere Alte. Er klopft mir auf die Schulter und sagt: „Gegen das, was uns gleich auf dem Teller erwartet, sind Ihre Mädels knackiges Gemüse, mein Junge."

    „So soll es sein", sage ich. Vermute ich. An manche Gespräche gewöhnt man sich nur schwer. Zudem irritiert es selbst mich, wenn jemand meine Oldtimer als Mädels bezeichnet. Der Jüngere der drei, vielleicht Ende fünfzig, wird mit einem Bäcker am Bahnhof vorliebnehmen.

    Wir setzen sie dort ab, wo wir sie eingesammelt haben. Dankbar nehme ich unseren Chauffeur wahr, der dieses Versprechen umsetzen wird. Der kurze Plausch zwischen Parkplatz und Reihenhaus hat ein Ende. Der Motor läuft. Der Fahrer wirft seine Kippe aus dem heruntergelassenen Fenster. Die vorletzte Fuhre rollt für diesen Nachmittag. Meine fünf wird er danach, in circa einer Stunde, wieder zurückfahren.

    *

    „Wir setzen sie dort ab, wo wir sie eingesammelt haben", hatte ich zu Andi beim offiziellen Vorstellungsgespräch gesagt. Damit war seine Aufgabe klar umschrieben. Zu dem Zeitpunkt kannte ich Andi nur vom Arbeitsamt her. Nicht gut, aber zumindest so gut, wie sich zwei Menschen im Wartebereich einer Behörde kennenlernen können. Und übers Hörensagen.

    Inge bat ihn herein, begrüßte ihn herzlich und führte ihn ins Wohnzimmer, wo ich ihn in Empfang nahm. Auch wenn es sein Vorstellungsgespräch war, so war mir die Anspannung sichtbar ins Gesicht geschrieben. Er machte einen coolen und unnahbaren Eindruck. Nichts Neues für mich. Vielleicht war ich deshalb auch aufgeregt. Wir saßen uns am Esstisch gegenüber, als Inge verschwand und den Kaffee aus der Küche holte. Ansonsten war alles akkurat eingedeckt.

    „Hier ist es also?", brach Andi das Schweigen. Es lastete ein Druck auf mir, als säße ich wieder auf dem Arbeitsamt.

    „Was?", fragte ich. Im ersten Moment verstand ich es nicht, obwohl es glasklar war.

    „Hier macht ihr es also?"

    „Nein, sagte ich, „nicht hier. Ein paar Häuser weiter. Du kannst auch von der anderen Seite in die Siedlung fahren. Da ist so eine Sackgasse mit Parkplätzen und so.

    „Ein Wendehammer", sagte Andi.

    Inge kam mit dem Kaffee rein: „Ja, ein Wendehammer. Nehmen Sie Milch oder Zucker zu Ihrem Kaffee?", fragte sie. Andi schüttelte den Kopf.

    „Direkt am Wendehammer liegt das Reihenendhaus", erklärte ich weiter.

    „Und das ist es dann?"

    Inge setzte sich neben mich. „Ja, kurze Fluchtwege, wenn Sie verstehen." Sie lächelte ihn verschmitzt, aber konzentriert an, ihre Blicke versuchten, in möglichst kurzer Zeit viel von ihm zu erfassen.

    „Schnell rein, schnell wieder raus", sagte Andi.

    „Wir verstehen uns, erwiderte Inge. „Und Sie wollen für uns arbeiten?, legte sie unverblümt nach.

    „Na, Sie kommen ja schnell zur Sache."

    „Schauen Sie mich an, in meinem Alter konzentriert man sich aufs Wesentliche", sagte sie.

    „Warum machen Sie das?"

    „Warum sitzen Sie hier und wollen einen Job? Ich vermute mal, es ist bei Ihnen nicht anders als bei mir oder Jens, oder?"

    „Ich sitze hier, sagte Andi, „weil Jens meinte, Sie beide brauchen noch Unterstützung.

    Während sich bei mir innerlich der Wunsch ausbreitete, Andi die Stelle schmackhaft zu machen, verharrte Inge wie ein Fels in der Brandung. „Ja, wir benötigen Unterstützung. Sie sind aber wohl nicht nur hier, weil Sie ein herzensguter und hilfsbereiter Mensch sind. Nicht dass ich Ihnen das nicht auch unterstellen möchte, mein Junge, sagte sie liebevoll lächelnd und versank mit ihrer Nase in der Kaffeetasse. „Ich mache das, was ich mache, auch nicht, weil ich ein herzensguter und hilfsbereiter Mensch bin.

    „Wir brauchen einen Fahrer", warf ich ein. Während sich beide gewissermaßen abtasteten, war ich darum bemüht, hier und heute einen weiteren Fahrer zu bekommen. Egal wer sich nun bei wem bewerben sollte.

    „Das, was ihr hier macht, ist komplett durchgeknallt, und das sage ich als herzensguter und hilfsbereiter Mensch, sagte Andi. „Interessant, aber durchgeknallt.

    „Sie suchen einen Job, wir haben einen", sagte

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