Unfall ins Glueck: Nicht ohne meinen Sohn
Von Christine Jörg
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Buchvorschau
Unfall ins Glueck - Christine Jörg
1. Kapitel
Hupen durchdringt den Straßenlärm. Reifen schliddern auf der verschneiten Fahrbahn, gefolgt von einem dumpfen Aufprall.
Norbert Höchst reißt die Wagentüre auf und stürzt sich aus dem Auto.
„Hallo, schon beugt er sich über die leblos am Boden liegende junge Frau. „Hören Sie mich.
Keine Reaktion. Er versucht den Puls zu ertasten. Er fühlt ihn. Gott sei Dank.
Vor ihm liegt eine blonde Frau. Wie dünn sie ist? Sie ist nicht schlank sondern im wahrsten Sinn des Wortes dünn. Zerbrechlich wirkt sie. Über den verwaschenen Jeans trägt sie eine Jacke, um einige Nummer zu groß. Das schulterlange, blonde Haar fällt ihr ins Gesicht. Norbert schiebt es vorsichtig zur Seite um festzustellen ob Verletzungen vorliegen. In dem schmalen blassen Antlitz sieht er die erstaunlich dunklen Augenbrauen und Wimpern. Die wohlgeformten Lippen sind blutleer. Aber, zum Glück sind keine Verletzungen im Gesicht zu erkennen.
„Hören Sie mich", spricht er sie wieder an. Doch die leblose Frau reagiert nicht. Es hat keinen Sinn sie weiter anzusprechen, sagt er sich.
Norbert tastet in die linke Tasche seines Parkas und zieht sein Handy heraus. Sofort setzt er einen Notruf ab.
Inzwischen haben sich Schaulustige und Neugierige um ihn versammelt und wollen wissen was passiert ist.
Norbert versucht sich zu rechtfertigen. „Plötzlich stand sie wie aus dem Nichts auf dem Zebrastreifen. Ich habe sofort versucht zu bremsen, aber es war auf der rutschigen Straße zu spät." Bei diesen Worten zieht er trotz der Kälte seinen Parka aus und schiebt ihn vorsichtig unter den Kopf der jungen Frau.
„Kennt jemand die Frau?" Norbert blickt fragend in die Runde. Niemand meldet sich.
Inzwischen hört man das Martinshorn des Krankenwagens. Ein Aufatmen geht durch die Menge. Bereitwillig machen einige Leute Platz um den Rettern und dem Notarzt Durchgang zu gewähren.
Sofort beugen sich ein Sanitäter und die Notärztin zur Verletzten während der zweite Nothelfer fragt: „Haben Sie die Polizei verständigt?"
Norbert schüttelt den Kopf. Daran hat er nicht gedacht.
„Das müssen wir aber", schon zückt der Helfer sein Mobiltelefon und beordert die Polizei zur Stelle.
„Kennen Sie die Frau?", will der Sanitäter nun von Norbert wissen.
„Nein, rechtfertigt sich dieser erneut. „Sie stand plötzlich auf dem Zebrastreifen. Bei dem Schneematsch konnte ich nicht schnell genug anhalten.
Einige Schaulustige stellen fest, dass das Interessanteste überstanden ist und trollen sich von dannen. Manche müssen jetzt zur Arbeit weitereilen.
Wieder nähert sich das Tuten des Martinshorns und schon ist das Polizeiauto zu sehen. Die zwei Beamten setzen ihre Mützen auf und steigen aus.
„Sind Sie der Fahrer des Unfallwagens?" Zielsicher steuern die beiden Männer auf Norbert zu.
„Ja."
„Kennen Sie die Frau?", wird er nun zum zweiten Mal gefragt.
„Nein."
Einer der Beamten dreht sich zu den Nothelfern um. „Habt Ihr Papiere gefunden?"
„Nein, ist die Antwort, „bisher nicht.
„Also, der Beamte gesellt sich wieder zu seinem Kollegen und Norbert. Den fordert er auf: „Nun erzählen Sie mal.
Norbert schüttelt müde den Kopf: „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich bin den Straßenverhältnissen angepasst gefahren und plötzlich erscheint die Frau auf dem Zebrastreifen. Es ging sehr schnell. Ich konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen."
Die Sanitäter haben die Verletzte, die immer noch bewusstlos ist, versorgt und schieben die Trage in den Krankenwagen.
„Einen Augenblick", Norbert hastet zum Krankenwagen.
„Entschuldigung, ruft er dem Sanitäter zu, „in welches Krankenhaus fahren Sie?
„Ins Städtische", ist die knappe Antwort und weg sind sie. Wieder heulen die Sirenen auf.
Als er sich wieder den Polizisten zuwendet, sieht er, dass sie mit drei älteren Leuten im Gespräch sind.
„Herr,…, wie ist Ihr Name?", erkundigt sich einer der Polizisten.
„Höchst, Norbert Höchst."
„Herr Höchst. Der Polizeibeamte hat eine freundliche Stimme, „diese drei Herrschaften bestätigen, dass Sie ganz offensichtlich nicht schnell gefahren sind und versucht haben sofort zu bremsen. Es sieht so aus als wäre die Frau auch nicht direkt in Ihr Auto gelaufen, sondern vielmehr kurz vor ihrem Wagen zusammengebrochen.
„Ach, um Gottes Willen", Norbert ist völlig verwirrt.
„Wir brauchen aber dennoch Ihre Personalien und müssen die Spuren auf der Straße so gut es geht ausmessen", erklärt der Beamte mit Bedauern.
„Ja, klar." Norbert geht zum Wagen, holt die Fahrzeugpapiere und den Ausweis und reicht dem Polizisten die Dokumente.
Sein Handy klingelt.
„Entschuldigung", sagt er zu den Beamten.
„Ja, spricht er ins Handy. „Ach, du meine Güte
, ruft er aus, nachdem er sich die Vorwürfe seiner Kollegin und Geschäftspartnerin Kathrin angehört hat, „das habe ich ganz vergessen. Tut mir leid, aber ich bin hier in einen Unfall verwickelt und kann nicht weg. Verschieb den Termin oder geh alleine hin. Ich kann es jetzt auch nicht ändern. Wieder hört er zu und sagt dann leise und bedrückt: „Ich habe eine Frau angefahren.
Dann beendet er das Gespräch.
Die Polizeibeamten nehmen Norberts Personalien auf. Sie vermessen sorgfältig die Bremsspuren, die noch im Schnee zu sehen sind und fotografieren die Unfallstelle. Dann ist er entlassen.
*
„Schön, dass Sie wieder unter uns sind." Freundlich lächelt die Krankenschwester ins Gesicht der am Vormittag eingelieferten Patientin.
„Wo bin ich?" Sofort will sie sich erheben.
Sanft drückt die Schwester Melanie ins Bett zurück. „Nicht aufstehen. Sie sind im Städtischen Krankenhaus."
„Warum das denn?" Wieder will Melanie aufstehen.
„Sie sind von einem Auto angefahren worden."
Melanie scheint nicht gehört zu haben was die Schwester ihr eben gesagt hat und erklärt nur: „Ich muss gehen."
„Sie haben eine Gehirnerschütterung. Wie heißen Sie denn?", will Schwester Marie nun wissen.
„Melanie Frei."
„Frau Frei, Sie hatten keinen Ausweis oder sonstige Papiere dabei. Können wir jemanden benachrichtigen?"
„Nein."
„Wirklich nicht?"
„Nein, ich muss jetzt gehen."
„Bei welcher Krankenkasse sind Sie denn?"
Melanie sagt es der Krankenschwester und sinkt wieder erschöpft ins Kissen zurück.
„Jetzt schlafen Sie erst einmal, danach sieht die Welt ganz anders aus." Schwester Marie schaut die Patientin mitfühlend an.
Einen Augenblick bleibt die Krankenschwester im Zimmer und vergewissert sich, dass die junge abgemagerte Frau sich beruhigt hat und einschläft.
*
„Ich muss noch mal weg", ruft Norbert Höchst im Vorbeigehen in Kathrins Büro und verschwindet ohne eine Antwort abzuwarten.
Unterwegs, vor einer Konditorei, parkt er seinen Geländewagen und ersteht eine schöne Packung Pralinen. Dann setzt er seinen Weg in Richtung Städtisches Krankenhaus fort.
An der Anmeldung ist er nicht der Einzige, der Fragen und Bitten an die geplagte Sekretärin hat. Nervös tritt er von einem Fuß auf der anderen, während ein Wartender nach dem anderen sein Anliegen erledigt bekommt.
„Hallo, sagt er, als er endlich an der Reihe ist. „Heute Morgen so gegen halb neun oder neun ist eine junge Frau bei Ihnen eingeliefert worden. Können Sie mir sagen auf welchem Zimmer sie liegt?
„Machen Sie Witze?, knurrt die Frau ihn etwas ungehalten an. „Da könnte ja jeder kommen. Sie müssen mir schon den Namen sagen.
„Ja, eben den kenne ich nicht, erklärt Norbert vorsichtig. „Sehen Sie, ich habe die Frau heute Morgen angefahren und nun wollte ich Sie besuchen und mich erkundigen wie es ihr geht.
„Wie heißt die Frau?", beharrt Norberts Gegenüber.
„Sie hatte doch keine Papiere dabei. Die Sanitäter konnten es mir ja auch nicht sagen."
„Halb neun, sagen Sie", plötzlich geht in der Frau ein Sinneswandel vor sich. Sie greift zum Telefon, redet, wartet kurz und hängt wieder ein.
„Melanie Frei, Zimmer 131 im ersten Stock."
„Vielen Dank, dass Sie mir so freundlich geholfen haben:" Schon ist Norbert weg.
Krankenhäuser sind ihm ein Gräuel. Seit dem Tod seines Vaters vor sechs Jahren, der lange im Krankenhaus gepflegt werden musste, hat er keines mehr betreten. Schon allein die Gerüche machen ihn krank. Er wundert sich über sich selbst, es kostet ihn heute keine Überwindung weiter ins Innere des Gebäudes einzudringen.
Im ersten Stock geht er den langen Gang entlang. Seine Schuhsohlen quietschen auf dem sauber gewienerten, glänzenden Kunststoffboden.
Menschen hasten oder spazieren an ihm vorbei. Dort öffnet und schließt sich leise eine Türe. Hier schlendert langsam und gemächlich ein Patient, der sein Gestell mit dem Tropf vor sich herschiebt. Ein bisschen komisch wird Norbert nun bei diesem Anblick und Erinnerungen an seinen Vater werden wach. Er schüttelt leicht den Kopf und denkt an die junge Frau, der er in Kürze gegenübertreten wird.
Wie wird sie reagieren? Sie kennt ihn nicht. Was soll er sagen, wenn er eintritt. ‚Hallo, ich bin der, der Sie heute Morgen über den Haufen gefahren hat?’ Er hätte sich das vorher überlegen sollen. Jetzt fällt ihm nichts Passendes ein. ‚Egal, jetzt bist du da und gehst da rein‘, gibt er sich innerlich einen Stoß. Und schon steht er vor dem Zimmer 131.
Norbert atmet tief durch hebt die Hand und will anklopfen als sich die Türe wie von Zauberhand öffnet. Vor ihm steht eine Krankenschwester.
„Hallo", ist alles was Norbert hervorbringen kann.
„Grüß Gott", erwidert freundlich die Schwester und schließt die Türe bevor Norbert eintreten kann.
Schwester Marie hält den Mann leicht am Arm fest und zieht ihn ein paar Schritte
