Rahmenvorgaben und Binnenstrukturen der Zentren für Lehrerbildung: Eine bundesweite Dokumentenanalyse
Von Niels Aleff
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Niels Aleff
Niels Aleff, am 30.10.1993 geboren in Dorsten, absolvierte von 2013-2020 ein Lehramtsstudium an der Westfälischen Wilhems-Universität Münster, welches er in den Fächern Geschichte, Niederländisch und Bildungswissenschaft mit dem Master of Education abschloss. Im November 2021 beginnt sein Referendariat am Gymnasium Arnoldinum in Steinfurt. Die voraussichtliche Graduation des Autors erfolgt im April 2023.
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Buchvorschau
Rahmenvorgaben und Binnenstrukturen der Zentren für Lehrerbildung - Niels Aleff
Vorwort zur Reihe
Impulse sind Antriebe, Anstöße und Anregungen. Als Denkanstöße sind sie im hochschulischen (Arbeits)Alltag auf vielfältige Weise Ausgangspunkt und zugleich Gegenstand von Wissenschaft. Daraus resultierende Forschungsvorhaben sind zumeist vorerst exklusiv Wissenschaftler*innen vorbehalten.
Leider viel zu selten – hier sei aus der Perspektive der Erziehungswissenschaft gesprochen – wird die Lehre als Forschungsraum verstanden. Gemeint ist damit keineswegs, dass die Studierenden in den Lehrveranstaltungen zu Probanden von Studien werden oder diese evaluieren. Intendiert sind ebenfalls keine Praxisseminare, die z. B. im Rahmen von Lehr-Lern-Laboren den Professionalisierungsprozess von Lehramtsstudierenden forcieren und deren Selbstwirksamkeitsüberzeugungen steigern wollen. Ohne Zweifel haben die skizzierten Settings alle ihre Berechtigung, verbinden die für die Hochschulen elementaren Sphären der Forschung und Lehre jedoch nicht ganzheitlich, weil die Forschung als Prozess nicht im Seminarkonzept inhärent ist, sondern zum spezifischen Inhalt (z. B. Publikationen) wird oder als Additum angesehen werden muss.
Dazu konträr stehen jene Lehrformate, in denen Forschung und Lehre verschmelzen und die Studierenden zu Forschenden werden. Ohne Frage muss der Gehalt studentischer Forschung anders bewertet werden als wissenschaftliche Forschung. Studierende sind Forschungsnovizen, die das Forschen erlernen müssen. Dennoch können aus studentischer Forschung Impulse hervorgehen. Für Dozierende ist die hochschuldidaktische Gestaltung von „Forschungsseminaren" eine polyvalente Herausforderung, gilt es doch eine wissenschafts-theoretische und methodologische Basis zu schaffen und die (Forschungs)Interessen aller Teilnehmenden zu berücksichtigen. Das Anliegen stößt zudem nicht selten auf administrative Hürden, da solche Formate nicht immer mit Studienordnungen kompatibel sind. Studentische Abschlussarbeiten – in Zeiten der Internationalisierung des Studiums vor allem Bachelor- und Masterarbeiten – haben das Potential, ausgehend von den Interessen der Studierenden zu kleinen Forschungsvorhaben zu werden. Die Studierenden bearbeiten über einen Zeitraum von mehreren Monaten selbstständig eine Fragestellung und erschließen sich Forschungsmethoden und Diskurse mit dem Ziel, ihre Ergebnisse in einen Kontext zu stellen. Dabei behandeln sie Themen, die für wissenschaftliche Forschung zu partikular sind. Nicht selten wird mit ihnen neues Wissen generiert, aus dem sich wiederum Möglichkeiten für sich anschließende wissenschaftliche Forschung ergeben können oder die Abschlussarbeiten sind bereits die Weiterentwicklung eines vorausgegangenen Studienprojektes aus dem Praxissemester.
Die Reihe Erziehungswissenschaftliche Impulse setzt es sich zum Ziel, exzeptioneller studentischer Forschung ein Forum zu bieten. Anker sind neben der Bedeutung des Gegenstandes und der gewählten Herangehensweise auch Anerkennung und Wertschätzung der Leistung. Dabei sollen die veröffentlichten Arbeiten auch als Impuls, das heißt als Anregung verstanden werden, die erwähnten partikularen Themen aufzugreifen und weitere Forschung (vor-)an-zutreiben.
Münster, im Sommer 2021
Patrick Gollub
Inhalt
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Der Entstehungszusammenhang der Zentren für Lehrerbildung
2.2 Die Strukturreformen des Hochschulwesens in den 1990er und 2000er Jahren
2.3 Der Strukturdiskurs zu den Zentren der Lehrerbildung
2.3.1 Erfahrungen der Modellversuche und deren Auswirkungen auf den Diskurs
2.3.2 Der Strukturdiskurs in den Empfehlungen der Terhart-Kommission
2.3.3 Die ruhige Periode des Diskurses
2.3.4 Die Bestandsaufnahme fünf Jahre nach den Empfehlungen
2.3.5 Die zweite Phase der Bestandsaufnahme
2.3.6 Die aktuellen diskursiven Entwicklungen und Tendenzen
3. Forschungsziel und -ansatz
3.1 Teil I: Rahmenvorgaben
3.2 Teil II: Binnenstrukturen
4. Dokumentenanalyse
5. Forschungsmethodik
5.1 Teil I: Rahmenvorgaben
5.2 Teil II: Binnenstrukturen
6. Stichprobe
7. Ergebnisdarstellung
7.1 Teil I: Rahmenvorgaben
7.1.1 Typologie
7.1.2 Hauptkategorie Institutionalisierung
7.1.3 Hauptkategorie Zusammensetzung & Organisation
7.2 Teil II: Binnenstrukturen
7.2.1 Hauptkategorie Institutionalisierung
7.1.2 Hauptkategorie Zusammensetzung
7.1.3 Hauptkategorie Organisation
7.1.4 Hauptkategorie Evaluation undQualitätsmanagement
7.1.5 Subkategorie Organisation: Aufgaben und Funktionen der Organe
8. Ergebnisdiskussion
8.1 Teil I: Rahmenvorgaben
8.2 Teil II: Binnenstrukturen
9. Methodendiskussion
9.1 Teil I: Rahmenvorgaben
9.2 Teil II: Binnenstrukturen
10. Fazit/Ausblick
11. Literaturverzeichnis
11.1 Monographien und Sammelbände
11.2 Wissenschaftliche Vorträge
11.3 Online-Quellen
11.4 Gesetzestexte
11.5 Satzungen/Ordnungen der Zentren
12 Anhang
12.1 Anhang I: Tabellenverzeichnis
12.1.1 Tabelle 1: Ablauf der typenbildenden qualitativen Inhaltsanalyse
12.1.2 Tabelle 2: Ablauf der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse
12.1.3 Tabelle 3: Darstellung des Merkmalsraumes und Beschreibung der Typologie
12.1.4 Tabelle 4: Explizite Zuordnung der Einzelfälle zu den gebildeten Typen
12.1.5 Tabelle 5: tabellarische Darstellung der Hauptkategorie Institutionalisierung.
12.1.6 Tabelle 6: tabellarische Darstellung der Hauptkategorie Organisation.
12.1.7 Tabelle 7: Geordnete Liste der gebildeten Subtypen: strategische/steuernde Aufgaben & Funktionen
12.1.8 Tabelle 8: Geordnete Liste der gebildeten Subtypen: administrative Aufgaben & Funktionen
12.1.9 Tabelle 9: Geordnete Liste der gebildeten Subtypen: kommunikative/koordinierende Aufgaben und Funktionen
12.2 Anhang II: Abbildungsverzeichnis:
12.2.1 Abbildung 1: Landkarte auf Basis „natürlicher Gruppen"
12.2.2 Abbildung 2: Landkarte auf Basis „natürlicher Gruppen" ergänzt mit Typologie
12.2.3 Abbildung 3: Diagramm der Subkategorien
1. Einleitung
[...] so vertreten wir die These, dass die heutige Lehrerbildung – trotz einiger Fortschritte – den wachsenden Anforderungen an den Lehrerberuf nicht gerecht wird und ihren gesellschaftlichen Auftrag einer professionsbezogenen Vorbereitung nicht oder nur unzureichend erfüllt. (Schubarth 2017, 128)
Die aktuelle Entwicklung der Lehrerbildung¹ in Deutschland wurde von Wilfried Schubarth unter Mitarbeit von Wolfgang Böttcher, Ewald Terhart und Peter Tremp in sieben Thesen zusammengefasst. Das Fazit bleibt, wie an der skizzierten These deutlich erkennbar, ernüchternd. Was zunächst als frappierend erscheint, ist unter Berücksichtigung früherer Diskussionen, beinahe als diskursive Konstante zu bezeichnen. Denn die Kritik an der Lehrerbildung ist so alt wie die Lehrerbildung selbst (Vgl. Merzyn 2004). Die letzte Periode, in welcher diese zunehmend in Frage gestellt wurde, ist nun bereits über zwanzig Jahre her. Als Zäsur mag hierfür der Pisa-Schock gelten, welcher die Probleme des gesamten Bildungssystems und damit auch der Lehrerbildung an die breite Öffentlichkeit trug. Innerhalb des bildungswissenschaftlichen Diskurses wurden die Probleme der Lehrerbildung jedoch bereits in den 1990er Jahren ausführlich diskutiert (Vgl. Blömeke et al. 1999; Blömeke 2000a; Bayer et al. 2000). Zu diesem Zeitpunkt bestand weitestgehend der Konsens, dass die Einrichtung von Zentren für Lehrerbildung² eine adäquate Reaktion auf die Probleme der Lehrerbildung zu sein scheint. Hieraus resultierte ein Gründungsboom
(Roer 2020, 34) von Zentren für Lehrerbildung und mittlerweile sind diese beinahe an jeder Hochschule anzufinden, welche Lehramtsstudiengänge anbietet (Vgl. Rischke et al. 2015). Galten jene damals noch als Retter in der Not
(Blömeke 2000a, 251), so stehen sie aktuell im Fokus der Kritik. So heißt es in These 4 von Schubarth Die Lehrerbildung hat an Universitäten keinen zentralen Ort. Die Zersplitterung der Lehrerbildung lässt sich auch durch die Schaffung von Zentren für Lehrerbildung nicht auflösen
(Schubarth 2017, 130). Die anfangs noch breit angelegte Euphorie über die Zentren für Lehrerbildung scheint zunehmend abzuflachen.
Ein Grund hierfür liegt in jüngeren Studien zu diesen Einrichtungen. Hier ist insbesondere die Studie Strategisch aufgestellt und professionell organisiert? Eine explorative Studie zu Strukturen und Status der Lehrerbildung
zu nennen, in welcher unter Anderem in Frage gestellt wird, ob die Zentren die von ihnen erwartete Neuerung der Lehrerbildung evozieren können (Böttcher/Blasberg 2015a, 21). Eins ist deutlich: die Zentren für Lehrerbildung stehen auf dem Prüfstand und werden immer breiter diskutiert. Dies spiegelt auch die zunehmende Anzahl an Studien zu diesem Themengebiet in den letzten Jahren wider. Freilich stellen Zentren für Lehrerbildung bis hierhin noch ein relativ unerforschtes Gebiet dar, doch in den letzten fünf Jahren wurden neben der Studie von Böttcher und Blasberg zwei weitere groß angelegte Studien zu den Zentren publiziert. Hier sind einerseits die Studie „Form follows function?! - Strukturen für eine professionelle Lehrerbildung (Rischke et al. 2015) und andererseits „Die Ausgestaltung der Zentren für Lehrerbildung in Nordrhein-Westfalen. Ergebnisse einer landesweiten Dokumentenanalyse
(Roer 2020) zu nennen. Prinzipiell lassen sich auf diesem Gebiet zwei verschiedene Richtungen an Studien eruieren: Wirkungsstudien, die die Wirkung der Zentren messen und steigern wollen, und Diversifizierungsstudien, die die strukturelle Vielfalt der Zentren erfassen wollen (Vgl. Ebd., 42-58). Während die Zentren zu Beginn noch überwiegend durch Diversifizierungsstudien, wie etwa „Zentren für Lehrerbildung in der BRD (Hilligus 2005) oder „Lehrerbildungszentren in Deutschland
(Wilke 2005), untersucht wurden, ist mit der Studie von Böttcher und Blasberg aktuell ein Trend zu Wirkungsstudien zu verzeichnen. Dem aktuellen Trend entgegen handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine Diversifizierungsstudie. Es soll sonach nicht die Wirkung der Zentren analysiert und bewertet werden, sondern die Zentren sollen hinsichtlich der Rahmenvorgaben und der Binnenstrukturen strukturell erfasst und beschrieben werden, um so den Status quo darzustellen. Die Struktur der Arbeit soll im Folgenden dargestellt werden.
Da mit den Rahmenvorgaben und den Binnenstrukturen sowohl die Makroebene als auch die Mikroebene der Zentren untersucht werden soll, ist ein breit angelegter theoretischer Rahmen und damit ein möglichst holistischer Blick obligatorisch. Hierin sollen die Strukturen der Zentren zunächst aus historischer Perspektive kontextualisiert werden. Das bedeutet konkret, dass zuerst der Entstehungszusammenhang der Zentren für Lehrerbildung skizziert werden soll. In diesem soll einerseits ein kurzer Überblick über die Geschichte der Lehrerbildung und die Entwicklungen der Lehrerbildung innerhalb der 1990er und 2000er Jahre gegeben werden. Andererseits sollen auch
