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Demontage: Ein autobiografischer Roman
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eBook437 Seiten5 Stunden

Demontage: Ein autobiografischer Roman

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Über dieses E-Book

Inge ist 17, als sie Rolf, den erfolgreichen, charismatischen Architekten aus großbürgerlichem Hause kennenlernt. Ende der 60er Jahre teilen sie eine Leidenschaft miteinander die Leidenschaft für Autorennen auf dem Nürburgring. Er ist Rennfahrer, Ehemann, Vater ... und zwölf Jahre älter als sie. Nach einem Rennen wird aus der Beifahrerin Inge die Geliebte ... und die beiden ein heimliches Liebespaar. Doch im Alltag hat ihre Beziehung keine Chance. Schließlich gilt es für Rolfs Familie, gesellschaftliche Konventionen zu wahren ...Inge und Rolf begegnen sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder in verschiedenen Lebenssituationen sie können nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander leben. Und ihre Leben sind geprägt von Abhängigkeiten: von Rolfs Abhängigkeit von gesellschaftlichen Verpflichtungen und dem Alkohol, dem er verfällt und der ihn letztendlich völlig zerstört, weil er an der Diskrepanz zwischen dem, was er glaubt, darstellen zu müssen, und dem, was er wirklich ist, zerbricht. Zum anderen aber auch von der Abhängigkeit Inges von diesem Mann, den sie liebt ... und doch nicht halten und retten kann.Ingeborg Langes autobiografischer Roman handelt von ihrer Beziehung zu diesem Mann mit all ihren Höhen und Tiefen und der ausweglosen Dramatik der Suchterkrankung ihres Lebensgefährten, der 2002 starb. Das Buch entstand 2003, als die Autorin nach dem Tod ihres Partners versuchte, diese seelische Belastung auf irgendeine Art zu verarbeiten.
SpracheDeutsch
HerausgeberHerzsprung-Verlag
Erscheinungsdatum1. Mai 2020
ISBN9783960741572
Demontage: Ein autobiografischer Roman

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    Buchvorschau

    Demontage - Ingeborg Lange

    Impressum:

    Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Besuchen Sie uns im Internet:

    www.herzsprung-verlag.de

    www.papierfresserchen.de

    info@papierfresserchen.de

    © 2019 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

    Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

    Telefon: 08382/9090344

    Alle Rechte vorbehalten.

    Erstauflage 2019

    Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM: www.literaturredaktion.de

    ISBN: 978-3-96074-048-3 - Taschenbuch

    ISBN: 978-3-96074-157-2 - E-Book (2020)

    *

    Inhalt

    I

    II

    III

    IV

    V

    VI

    Autorin

    *

    I

    An einem heiteren Morgen Anfang August wurde Rolf begraben.

    Der Sarg aus billiger Fichte, ohne jeden Blumenschmuck, erschien mir winzig, wie er da in der kargen Kapelle – als hätte man ihn versehentlich vergessen – mitten im Gang stand. Ich erinnerte mich des kräftigen, breitschultrigen Mannes und konnte mir nicht vorstellen, dass sein massiger Körper in diese schmale Kiste passen könnte. Einen Moment lang keimte Hoffnung in mir auf, dass er gar nicht der Tote war.

    Rolfs jüngster Sohn Roman aß mit gutem Appetit vor dem Totenhaus sein Frühstücksbrot. Seine spindeldürre, verhärmt aussehende Ehefrau erweckte den Eindruck, irrtümlicherweise auf diesen Friedhof verschlagen worden zu sein, aber nicht das Mindeste mit der Angelegenheit zu tun zu haben, während das zweijährige Kind des älteren Sohnes Benedikt ungehindert und fröhlich vor sich hin babbelnd versuchte, den Sarg zu öffnen, was glücklicherweise nicht gelang.

    Wie versteinert hockten einige grau-schwarz Gewandete bewegungslos und in sich zusammengesunken auf den wenigen Stühlen – die wenigen Weggefährten des Toten aus dem Pflegeheim, in dem er die letzten zwei Jahre seines Lebens verbracht hatte.

    Rolfs älterer Bruder Wilhelm war aus München angereist und machte einen genervten, ruhelosen und irritierten, aber keinesfalls traurigen oder betroffenen Eindruck. Er beschränkte sich darauf, mir flüsternd seinen Ärger darüber mitzuteilen, dass der dritte, vielleicht noch lebende, aber seit Jahren verschwundene jüngere Bruder Andreas immer noch nicht gefunden worden war, dabei hätte er von ihm noch reichlich Geld zu bekommen. Der einzige Kommentar zum Tode seines Bruders Rolf lautete: „Ein schrecklich rechthaberischer Mann!"

    Und dann war da noch Rolfs ehemaliger Schwager Reinhard, der Bruder seiner ersten Frau Hannah. Ich war sehr verwundert, ihn bei dieser Gelegenheit anzutreffen. Er schien der Einzige, der ein Mindestmaß an Betroffenheit aufbrachte. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich – beste Freundin seiner jüngeren Schwester Pauline – in seinem Elternhaus ein und aus gegangen war. Reinhard war immer schon ein Stiller gewesen, unauffällig und in sich zurückgezogen. Pauline und ich wollten ihn damals ständig in Kneipen und Discos mitschleppen, aber er hatte niemals Lust dazu. Nur Autorennen konnten ihn hinter dem Ofen hervorlocken, ansonsten blieb er lieber mit einem Buch auf dem Sofa und alleine. Er hatte sich seinerzeit geweigert, das elterliche Geschäft zu übernehmen, und war deswegen bei seiner Familie in Ungnade gefallen. In den Augen seiner Eltern war „nichts aus ihm geworden". Er fristete nun sein Dasein als kleiner Verkäufer in einer Buchhandlung und hatte auch nie die berühmte richtige Frau gefunden. Eine Zeit lang hatte ich gedacht, er sei schwul, aber wahrscheinlich war er einfach nur ein Eigenbrötler. Roman war ein lieber Mensch, jemand, der jedem Streit aus dem Wege ging, jemand mit einem sanften Lächeln und einer leisen Stimme. Jetzt schien er aus dem ganzen Familienclan, der jahrzehntelang Großbürgertum vorgegaukelt hatte und inzwischen samt und sonders ruiniert war, der Einzige zu sein, der Trauer empfinden konnte für einen Mann, der ihn ein ganzes Stück auf seinem Lebensweg begleitet hatte. Ich war froh, dass er da war.

    Außer dem Kinderlachen, dem Geraschel des Brötchenpapiers und gelegentlichem Hüsteln gab es kein Geräusch, und die Stille schien - trotz der sommerlichen Wärme – alles in Eis zu verwandeln. Ich musste mich zwingen, an diesem ungastlichen Ort auszuharren, an dem nicht eine einzige Kerze brannte und ein Mensch mit dem minimalsten Aufwand, der überhaupt möglich war, unter die Erde gebracht werden sollte. Die Situation war zu grotesk, um Schmerz zu verursachen. Ich hatte das Gefühl, etwas völlig Unwirkliches zu erleben.

    Um Punkt 11 Uhr drückte ein Mann in schwarzem Anzug aus einer Gruppe von vieren, die draußen lustlos herumgestanden und miteinander leise getuschelt hatten, auf einen Knopf an der Kapellenwand, und sofort durchschnitt der dünne Ton der Totenglocke die Stille. Das klagende, gleichförmige, aber gleichwohl unaufhörliche Gebimmel ließ die Armseligkeit dieses ansonsten völlig lautlosen Rituals noch dramatischer erscheinen.

    Die vier Männer erbarmten sich des kleinen Sarges, der nackt und kahl auf einer Rollvorrichtung stand, und bugsierten ihn kreuz und quer über den weitläufigen Friedhof. Die sogenannte Trauergemeinde folgte stumm, gemessenen Schrittes und mit unbewegten Mienen. Eine Pflegerin, die einen Rollstuhl schob, verlor auf einem abschüssigen Wegstück beinahe die Kontrolle, und ein Absturz des Rollstuhles samt Insasse schien unvermeidlich. Alle anderen glotzten nur blöd, keiner eilte zu Hilfe, niemand sprach ein Wort, aber glücklicherweise konnte der Rollstuhl von der sich abmühenden Pflegerin im letzten Moment noch gebremst werden. Ich konnte ein hysterisches Lachen, das in mir immer stärker an die Oberfläche drängte, kaum unterdrücken.

    Der Morgen war sonnig und mild, das Licht tanzte durch das Laub der uralten Bäume, als die vier schwarz gekleideten Fremden den toten Körper der Liebe meines Lebens zu seinem letzten Platz auf diesem Planeten karrten. Die Grube – auch sie erschien mir erschreckend eng und kurz – wartete schon unter einer riesigen Eiche. „Das hätte ihm gefallen, dachte ich, „unter dem Dach eines schön gewachsenen großen Baumes zu liegen. Bei dem Gedanken verschwand das Gefühl der Unwirklichkeit für einen ganz kurzen Moment und machte plötzlich einem heftigen Schmerz Platz.

    Kein Priester tauchte auf, niemand sprach ein Gebet, niemand sagte überhaupt irgendetwas. Offensichtlich irritiert ob dieser Form-, Pietät- und Wortlosigkeit hoben die vier Männer in den schwarzen Anzügen den Sarg über die Grube und senkten ihn dann ab, standen noch ein wenig unschlüssig herum, um sich dann ein Stück weit zu entfernen.

    Eine schöne junge dunkelhaarige Frau trat an die Grube, warf eine rote Rose hinein und weinte lautlos. Ich dachte verwundert, dass es Rolf selbst in todkrankem Zustand offenbar noch verstanden hatte, schöne junge Frauen zu beeindrucken, und erstaunt stellte ich fest, dass ich eifersüchtig war auf diese fremde junge Frau.

    Die anderen Trauergäste, meist betagte Heimbewohner, zeigten keinerlei Reaktionen, sondern standen nur verloren herum. Rolfs Söhne und ihre Frauen schauten indifferent und ungeduldig – und das zweijährige Kind wurde langsam unleidlich. Ich fragte Benedikt im Flüsterton, ob ich mich in Zukunft mit um das Grab seines Vaters kümmern sollte.

    „Nein, das brauchst du nicht, meinte er, „wir werden uns alle überhaupt nicht mehr darum kümmern, und so wird es – da es niemand pflegt – automatisch von der Friedhofsgärtnerei nach ein paar Monaten wieder eingeebnet. Wir haben uns dahin gehend erkundigt. Aber danke trotzdem.

    Ich sah Benedikt bei dieser ungeheuerlichen Aussage fassungslos an und ich hörte, wie die junge Frau neben mir, meine jetzt fast erwachsene Tochter, die unter der Obhut des Verstorbenen, als er noch sein Leben mit uns teilte, ein unbeschwertes Stück Kindheit erlebt hatte, scharf den Atem einzog.

    Endlich, nach kurzer, jedoch endlos scheinender Zeit am offenen Grab entschloss sich die Familie, diesen unwirtlichen Ort der Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit schnell zu verlassen und wieder zur Tagesordnung überzugehen. Die Verabschiedung der Familienmitglieder voneinander glich der nach einem geselligen Abend an der Haustür: „Tschüss, man sieht sich." Die Söhne und ihre Frauen schlenderten von dannen, als hätten sie an einem Picknick teilgenommen. Sie hatten noch viel zu erledigen, flogen sie doch alle am nächsten Tag nach Schweden zu einem ihrer traditionellen Familientreffen. Rolfs alter Bruder schlurfte mehr, als dass er schritt, was auf einen Gehirnschlag zurückzuführen war, den er vor Jahren erlitten hatte, aber niemand bot ihm hilfreich den Arm. Rolfs ehemalige Mitbewohner aus dem Altenheim gingen grau und still, wie sie gekommen waren, fort, und die schöne junge Frau, die eine rote Rose in das Grab geworfen und geweint hatte, schob den Rollstuhl.

    Nun waren wir alleine auf dem stillen schattigen Friedhof vor der Grube mit dem viel zu kleinen Sarg – mein Kind und ich. Ich hatte es nicht über mich gebracht, an das Loch zu treten und Erde auf die kleine Kiste zu werfen. Es erschien mir respektlos und grausam diesem Mann gegenüber, den ich zuerst bewundert und später geliebt hatte. Ich hatte es nicht über mich gebracht, auch nur eine einzige Träne zu vergießen, und wenn man mich gefragt hätte, wie ich mich fühlte, ich hätte in diesem Moment keine Antwort gewusst. Ich fühlte mich überhaupt nicht, ich fühlte nichts. Ich verstand jetzt den Sinn des Begriffes „außer sich sein". Ich war außer mir. Ich stand einfach da und rührte mich nicht und sagte nichts und fühlte nichts und existierte nicht. Der Mann, mit dem ich den Rest meines Lebensweges hatte gehen wollen, der Mann, der meiner Tochter ein Vater gewesen war, es gab ihn nicht mehr. Er hatte mich über dreißig Jahre meines Lebens begleitet. Jetzt war er einfach weggegangen, und man hatte ihn in ein Loch versenkt und verscharrt wie ein totes Tier.

    Die vier Männer, die eben noch dunkle Anzüge getragen und den Sarg über endlose verschlungene Wege geschoben hatten, erschienen in einem weißen, sich langsam der Grube nähernden Lieferwagen mit der Aufschrift Friedhofsamt. Sie trugen nun Arbeitskleidung, waren mit Schaufeln bewehrt und schienen unschlüssig, ob sie ihre Arbeit aufnehmen oder lieber noch warten sollten. Sie entschieden sich, noch zu warten.

    „Das können wir nicht zulassen, Mama, zischte meine Tochter, „nicht einmal bei meinem Vater würde ich das wollen, obwohl der nie etwas für mich getan hat! Wir können doch nicht einfach weggehen und Rolf vergessen. Und in ein paar Wochen ist hier einfach nur Gras und alle Leute laufen darüber! Sie hatte Zorn und Schmerz in den Augen und Wut in der Stimme, und ich hätte sie am liebsten in den Arm genommen.

    „Nein, das werden wir auch nicht", beruhigte ich sie und im selben Moment wusste ich, dass die Entscheidung, die ich gerade für mich getroffen hatte, richtig war und wichtig für meine Trauer um diesen Mann.

    Mein Blick musste den Arbeitern signalisiert haben, dass sie nun kommen und ihre Arbeit tun könnten, denn sie näherten sich zögernd. „Stimmt das, dass ein Grab, wenn man sich nicht darum kümmert, nach einiger Zeit eingeebnet wird?", fragte ich den einen.

    „Ja, sagte er, „wenn wir sehen, dass niemand da ist, der das Grab pflegt, dann säen wir Gras darüber.

    „Das möchten wir aber hier nicht, sagte ich. „Wir haben uns gerade entschieden, dass wir uns um das Grab kümmern werden. Der Verstorbene war ein guter Freund der Familie. Warum hatte ich nicht gesagt: „Der Verstorbene war die Liebe meines Lebens." Ich wusste es nicht. Ein bisschen kam ich mir vor wie Judas, der seinen Herrn verleugnet, und ich schämte mich.

    „Das war ja eine nette Gesellschaft, sagte der andere Arbeiter, „die sahen doch wirklich alle nicht arm aus, aber was die für ein Theater gemacht haben, damit es ja nichts kostet! Wir erleben das ja ab und zu schon mal, aber nicht häufig, und auch nicht bei Leuten, die so nach Geld aussehen.

    „Warum hat das Grab kein Holzkreuz mit Namen?", fragte ich.

    „Weil das zu teuer gewesen wäre", meinte ein dritter Arbeiter hämisch.

    „Wo bekommen wir denn nun einen Holzrahmen her, um das Grabfeld abzugrenzen?", fragte ich.

    Die Männer sahen sich an, und einer meinte dann: „Lassen Sie mal, gute Frau, wir machen das für Sie. Wir haben hier noch Rahmen, einen davon nehmen wir nachher, wenn das Grab aufgefüllt ist, als Einfassung. Wenn Sie heute Nachmittag wiederkommen, dann sieht das schon ganz anders aus." Die anderen drei Arbeiter nickten zustimmend und machten sich ans Werk. Mein Kind und ich gingen still und langsam und versteinert traurig fort.

    Nachmittags fuhr ich wieder zum Grab. Zu Rolf. Ich nahm eine Laterne mit, die in meinem Stall stand und vom Grab meines Patenonkels stammte. Als ich sie vor noch gar nicht so langer Zeit vom Friedhof geholt hatte, weil das Grab nach Jahrzehnten eingeebnet worden war, hätte ich niemals gedacht, dass ich sie so bald schon auf Rolfs Grab würde stellen müssen.

    Ich kaufte einen Strauß weißer Rosen mit roten Rändern an den Blüten, weil mir dunkelrote Rosen übertrieben erschienen, hatte ich doch in den letzten Jahren meine Leidenschaft für diesen Mann aus den Augen verloren, und nahm meinen Hund mit, den er mir vor Jahren zum Geschenk gemacht hatte.

    Die Arbeiter hatten den Grabhügel sorgfältig aufgeschüttet und mit einem Holzrahmen versehen. Ich legte die Rosen auf die Erde und zündete eine Kerze in der Laterne an. Ich sah durch die Bäume das Gasthaus im Tal schimmern, auf dessen Terrasse ich so oft mit ihm gesessen hatte, nachdem wir mit den Hunden gewandert waren, in dessen Gaststube wir abends bei Kerzenschein hin und wieder gegessen und Pläne für die Zukunft geschmiedet hatten.

    Er war mir so nah wie schon lange nicht mehr. Ich sah ihn mir gegenüber sitzen, dieses ironische Lächeln in den Augen. Ich meinte, seine Stimme zu hören und seine Haut zu riechen, und da erst fing ich an, haltlos, trostlos, verzweifelt zu weinen.

    Ich ging in die Hocke, umarmte meinen Hund, sagte dem Toten, dass ich ihn liebe, fragte ihn schluchzend, warum das alles so tragisch enden musste, klagte ihn an, dass er mich alleine gelassen hatte, verließ tränenblind den Friedhof, lief mit dem Hund ziellos über die Wege des Tals, die wir früher gemeinsam gegangen waren, und konnte nicht aufhören zu weinen, um diesen Mann, um meine Liebe, um meinen letzten verlorenen Traum.

    *

    II

    Meine beste Freundin hieß Pauline, aber alle nannten sie Paulchen. Sie saß neben mir in der Klasse der Höheren Handelsschule, und ihre Eltern wohnten in einem alten, großen Haus mitten in einem riesigen Park mit himmelhohen Bäumen und einem kleinen Weiher. Ich war siebzehn Jahre alt und unendlich gerne in diesem Haus und in diesem Park. Paulchen hatte noch eine Schwester, Hannah, und einen Bruder, Reinhard, und das ganze Haus war erfüllt von Leben – im Gegensatz zu meinem Zuhause, wo ich als Einzelkind mit Eltern und Großeltern lebte. Paulchens Schwester Hannah, einige Jahre älter als wir, war bereits verheiratet und lebte mit ihrem Mann Rolf, einem Architekten, und ihren kleinen Söhnen Benedikt und Roman in der Nähe von Köln.

    Paulchens Bruder Reinhard, ein fanatischer Autonarr, fuhr kleinere Orientierungsfahrten in einem ortsansässigen Motorclub und besuchte jedes Autorennen in erreichbarer Nähe. Besonders beliebt waren Ausflüge zu Autorennen auf dem Eifelkurs Nürburgring – und eines schönen Sonntags fuhren wir gemeinsam dorthin: Paulchen, ihr Bruder, ein paar Freunde aus dem Motorclub und ich.

    Ein paar Kilometer vor der Rennstrecke trafen wir uns in einem Eifeldörfchen mit ihrem Schwager Rolf. Im Nachhinein erinnerte ich mich dunkel an einen etwas übergewichtigen Mann Ende Zwanzig mit schwarzen, lockigen Haaren, klaren, blauen Augen und einem verwöhnten, sinnlichen Mund, der einen roten Alfa fuhr. Obwohl ich ursprünglich gar keine Lust gehabt hatte, mitzufahren, ergriff mich am Rande der Rennstrecke sofort eine merkwürdige Faszination, die mich nie mehr loslassen sollte. Es stank nach Benzin und verbranntem Gummi und die Luft war erfüllt vom ohrenbetäubenden Gebrüll der Motoren. Später an diesem sonnigen Tag stand Rolf neben mir am Zaun der Rennstrecke, er hatte seine Hände in Schulterhöhe in die Maschen des Zauns gehakt und wandte sein Gesicht der Sonne zu. Mir fiel sein klares, klassisches Profil auf. Er hatte eine angenehme Stimme und kluge Augen, und es machte Spaß, sich mit ihm zu unterhalten. Er strahlte eine heitere Sicherheit aus. Ich fühlte mich wohl in seiner Nähe, aber als wir am Ende des Tages wieder zu Hause angekommen waren, hatte ich ihn bereits vergessen.

    „Ich fahre zu meiner Schwester nach Köln. Kommst du mit?", fragte Paulchen eines Tages.

    „Warum nicht?", meinte ich.

    Das Haus der Schwester lag direkt an der Straße, war aus dunkelroten Ziegeln gebaut und hatte dunkelgrüne Fensterrahmen. Wir läuteten an einem hohen Schmiedeeisentor, Hannah erschien in der Haustüre und drückte den Öffner, als sie uns sah. Das Innere des Hauses bezauberte mich sofort. Die Zimmer waren klar in der Aufteilung, die Farben warm, die Möbel alt und schwer und wertvoll, antike Waffen hingen an den Wänden und ein großer Kupferstich des Kölner Doms. Irgendwann erschien Rolf, der von einem Kundentermin kam, und ich stellte verwundert fest, dass ich mich freute, ihn zu sehen, ja, dass ich ihn vermisst hatte. Er passte in dieses Haus.

    Wir saßen zusammen, aßen, plauderten, lachten, fühlten uns behaglich. Die ganze Atmosphäre vermittelte Gediegenheit und Geborgenheit. Ich hoffte, noch oft in dieses Haus kommen zu können.

    Das Haus liebte ich zuerst.

    Blauer Rauch stieg auf von unserem Lagerfeuer gegen den nachtschwarzen Sommerhimmel. Grelle Blitze erhellten sekundenlang unsere fröhlichen Gesichter, als das Feuer knisternd und züngelnd seine Flammenspeere in die warme Nacht warf. Die Luft war erfüllt vom schweren Duft eines vergangenen heißen Tages und von unserem ausgelassenen Lachen.

    Wieder war ein Tag an der Rennstrecke vorüber. Die Männer veranstalteten grölend ein Wettschießen auf Bierdosen und waren nicht mehr ganz nüchtern. Irgendwann an diesem Abend zog Rolf mich auf seinen Schoß. War es die seltsame verzauberte Stimmung dieser Nacht? Die Unverfänglichkeit und Unbeschwertheit, die die Freundschaft zwischen diesem Mann und mir in den letzten zwei Jahren gekennzeichnet hatte, verflog von einem Augenblick zum anderen. Ich spürte die Wärme seiner Haut durch den Stoff meiner Jeans, ich fühlte seinen Atem in meinem Nacken, in meinem Haar. Er presste sich gegen mich und ich spürte, wie sein Glied hart und groß wurde. Ich wich nicht aus. Ich versuchte nicht, von seinem Schoß aufzustehen. Ich versuchte nicht, die Katastrophe, die ich ahnte, noch abzuwenden. Ich war verzaubert, verwirrt und in einem Alter, in dem das Abenteuer reizt, auch wenn man insgeheim fürchtet, einen hohen Preis dafür bezahlen zu müssen. Dieser Mann und ich waren auf einmal ganz still – und alleine auf einem anderen Planeten versanken wir in unseren Gefühlen.

    Als die anderen längst in ihren Zelten lagen, kam er zu mir, nahm mich bei der Hand und ging mit mir hinunter zur Rennstrecke, die sich wie ein bleiernes Band durch den schwarzen Wald zog. Wir schritten wortlos durch die Stille. Ich hatte Angst. Und wusste nicht, wovor. Ich wusste nur, dass etwas auf mich zukam, das ich nicht mehr unter Kontrolle haben würde, und dass ich im Begriff war, etwas zu tun, was Verrat an meiner Freundschaft zu Paulchen und ihrer Familie bedeuten würde. Ich war zwanzig, frei, gutgläubig und unbekümmert – er war zweiunddreißig, verheiratet, zweifacher Vater, erfolgreicher Architekt, klug und ein wenig arrogant.

    Am Rande der Piste setzte er sich schließlich ins Gras und zog mich hinunter zu sich. Er legte seinen Kopf in meinen Schoß und begann zu erzählen. Er erzählte die Geschichte, die alle verheirateten Männer erzählen, nur kannte ich sie damals noch nicht. Es war die alte Geschichte vom Nicht-Verstanden-Werden, vom Nicht-Geliebt-Werden, vom Einsamsein, vom Unglücklichsein, die alte Geschichte von der bösen Ehefrau und dem armen Ehemann. Jung und naiv wie ich war, glaubte ich ihm, war entsprechend entsetzt und brachte das erforderliche Maß an Mitleid auf.

    Vor lauter Ergriffenheit brachte ich kein einziges Wort hervor. Ich nahm nur sein Gesicht behutsam in meine Hände und streichelte sein Haar. Als er mein Gesicht zu sich hinunterzog und mich zum ersten Mal küsste, lag darin eine so schmerzliche Verzweiflung, ein so wahnsinniges Suchen nach Geborgenheit und Zärtlichkeit, dass ich es anfangs einfach verstört geschehen ließ, bevor die Lust mich überschwemmte und wir in einem Taumel von Zärtlichkeiten versanken. Irgendwann in dieser Nacht gingen wir erschöpft und eng umschlungen zu unseren Zelten zurück und hofften, dass niemand unser nächtliches Treiben beobachtet hatte.

    Als der Morgen unter dunstigen Sonnenschleiern über der erwachenden Hektik am Rande der Rennstrecke dämmerte, erschien mir das nächtliche Geschehen eher wie ein Albtraum. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich versuchte, mich durch hektische Aktionen wie der Zubereitung von Frühstück abzulenken. Die Sonne war schon lange aufgegangen, als die Männer endlich verkatert und verschlafen aus ihren Zelten krochen. Ich hatte Angst, Rolf in die Augen zu sehen, und versuchte, ihm so lange wie möglich auszuweichen.

    Irgendwann standen wir einander gegenüber und sahen uns an. Mir war übel und mein Herz raste. Und er? Er stand im Sonnenschein, das jungenhaft unbeschwerte Lachen in den Augen, sicher, souverän, kühl und gelassen – der erfolgreiche Geschäftsmann, der glückliche Familienvater. Der Mann, der noch vor wenigen Stunden ein Bündel an Verzweiflung und Ratlosigkeit gewesen war, empfindsam, verletzt, dieser Mann schien am Morgen nicht mehr zu existieren ... und er schien zugleich nie existiert zu haben. Es gab keinen Blick, der an die Nacht erinnerte, es gab keine Geste, die den ausgetauschten Zärtlichkeiten entsprach, es gab kein Wort, das einen weicheren Klang gehabt hätte als gestern noch. Es war, als hätte es diese Nacht niemals gegeben.

    Ich fühlte mich betrogen, benutzt, gedemütigt, ich war wütend – ich konnte es nicht glauben. Er hatte sich einen Scherz mit mir erlaubt. Ich würde diese Nacht vergessen, ich würde vergessen, was in dieser Nacht zwischen uns geschehen war, ich würde nie mehr etwas anderes in diesem Mann sehen als den Schwager meiner besten Freundin, der mich weiter nichts anging. Selbst wenn etwas von dem, was er in dieser unheilschwangeren Nacht gefaselt hatte, stimmte, ich wollte ihm nicht helfen, ich konnte ihm nicht helfen, ich würde ihm nicht helfen. Er war es nicht wert. Ich beschloss, ihm einfach aus dem Weg zu gehen. Ich würde ihn nicht wiedersehen. Bestürzt merkte ich, dass bereits dieser Entschluss mir wehtat und mich traurig machte.

    Der Sommertag ging zu Ende. Wir bauten unsere Zelte ab. Was übrig blieb, waren schleichende, stinkende Autoschlangen, gebräunte, staubbedeckte, übermüdete Menschen, plärrende Radios, Parkplätze, bedeckt mit Abfall. Das große Rennen war vorbei.

    Als ich mich in die Autoschlange einreihte, sah ich noch einmal zurück. Sein Wagen verschwand als unmerklich kleiner werdender Punkt am Horizont, ein blitzendes Lichtbündel, den letzten rotgoldenen Strahl der untergehenden Sonne reflektierend. Eine ohnmächtige Wut kroch lähmend in mein Bewusstsein, als ich erkannte, dass sich eine gähnende Leere in mir ausbreitete, jetzt, wo er fort war, ein Gefühl von dumpfer Trauer, von Verzicht, so als hätte ich etwas lieb gewordenes unwiederbringlich und für immer verloren. Ich wollte ihn nicht wiedersehen.

    Ich sah ihn zwei Jahre nicht mehr.

    *

    Der sonst so stille Park war erfüllt von lauter Musik, von Lachen, Gläserklirren und Stimmengewirr. Es roch nach Feuer, Rauch, Bratwürsten und Bier. Dick in Mäntel und Jacken vermummte Gestalten bevölkerten die weiten Rasenflächen unter den alten Bäumen und versuchten, mit ihren Stimmen das unablässige Prasseln des Regens zu übertönen. Eine verregnete Grillfete im Garten meiner Freundin. Unbekannte Gesichter. Vertraute Gesichter. Neben mir hockte Klaus, groß, schlank, blond, mein Freund seit einiger Zeit. Er war nicht aufregend, aber angenehm, nicht umwerfend, aber zuverlässig.

    Und dann tauchten aus dem verräucherten Dämmerlicht der zum Partyraum umfunktionierten Garage, in der sich um Tische und Stühle langsam Regenwasserpfützen bildeten, plötzlich diese Augen, diese Schultern, diese Hände, dieses traurige Lächeln wieder auf.

    Rolf.

    Wir begrüßten uns befangen, zurückhaltend. Wir tauschten Höflichkeitsfloskeln. Der Regen trommelte mit konstanter Boshaftigkeit auf das Blech des Daches. Ich drehte mein Glas in den Händen, immer und immer wieder. Ich wusste mit einem Mal nicht mehr, wohin ich schauen, was ich noch sagen sollte. Da war sie wieder, diese diffuse Angst. Aus den nassen Mauern strömte Modergeruch, die Kälte kroch wie Totenhände langsam über meine Haut. Und dann war da plötzlich wirklich eine Hand, warm und fest und sicher auf meinem Arm.

    Rolf.

    Dieses vertraute Gesicht, dieser ernste Blick, der mich stumm bat, jetzt nicht zu gehen. Diese leise, eindringliche Stimme, die wieder von Einsamkeit sprach und von Ratlosigkeit und mich traf bis ins Mark.

    Ich wollte mich amüsieren, tanzen, lachen und später mit Klaus ins Bett gehen. Stattdessen saß ich nun hier neben diesem unbequemen, unmöglichen Mann, und dieses Monstrum von unbestimmter Furcht hüllte mich ein. Ich wollte das nicht. Ich wollte das alles nicht. Ich suchte den Blickkontakt mit Klaus, aber der flirtete gerade am anderen Ende des Raumes ungezwungen und fröhlich mit einer Blonden.

    Ich wusste plötzlich, dass ich auch ihn nicht mehr wollte, dass er keinen Halt bedeutete und schon gar keinen Ersatz für diesen schrecklichen Mann neben mir mit diesem römisch-klassischen Profil. Es verursachte mir einen fast körperlichen Schmerz, diese schwere, warme Hand auf meiner Haut zu spüren, diese anklagenden Augen zu sehen, diese Stimme zu hören: „Ich bin allein. Ich brauche dich. Warum lässt du mich allein? Warum?"

    Ich schüttelte seine Hand ab, sprang auf, raffte in hastender Eile meine Sachen zusammen und rannte taumelnd durch den dichten Regenvorhang zu meinem Auto. Die Räder drehten durch im spritzenden Schlamm, ich nahm verständnislose Blicke der Feiernden wahr und hatte immer noch seine bittende Stimme in den Ohren, als ich wie von Furien gehetzt auf die Straße hinausfuhr, durch das Lichtermeer der Stadt zurück nach Hause, mit Tränen im Gesicht, mit zitternden Händen und doch nur weg, fort von ihm.

    Ich stand noch lange am Fenster und sah hinaus in den peitschenden Regen, unfähig zu begreifen, was diese panikartige Flucht in mir ausgelöst hatte. Noch lange hatte ich einen Funken Hoffnung, er könnte mir gefolgt sein, er könnte plötzlich hier bei mir sein. Ich hatte vor nichts mehr Angst, aber gleichzeitig wünschte ich mir nichts intensiver.

    Zwei Jahre – sie hatten nichts genutzt. Die Zeit dazwischen, angefüllt mit Enttäuschungen und Ereignissen, dem Auszug von Zuhause, der ersten eigenen Wohnung, dem ersten guten Job, durchtanzten Nächten, vermeintlichem Glück, mit Erlebtem und Verpasstem – ein Intermezzo ohne wirkliche Bedeutung. Ich war keinen Schritt weiter. Ich hatte Angst vor dem, was dieser Mann für mich war. Ich wartete die halbe Nacht. Er kam natürlich nicht. Ich redete mir ein, er hätte zu viel Angst vor Zurückweisung oder ihm würde einfach die nötige Spontaneität fehlen. Ganz tief in mir fürchtete ich allerdings, dass er schlicht zu bequem war und ich ihm zu gleichgültig. Ich legte mich schließlich erschöpft ins Bett und quälte mich in den nächsten Tag. Ich fand zurück in den Alltag und beendete meine Beziehung zu Klaus.

    Der Sommer ging vorüber, der Herbst.

    *

    November. Mein vierundzwanzigster Geburtstag. Kälte. Nässe. Schnee. Die Fete fand – wie üblich in den letzten Jahren – im Keller der alten Villa bei Paulchens Eltern statt. Ich fühlte mich stark genug für eine Konfrontation und hatte auch Rolf und Hannah eingeladen. Ich würde mich dieser Begegnung gelassen stellen. Aber belog ich mich nicht selbst? War es nicht eher so, dass ich Rolf sehen wollte, dass er mir fehlte, dass ich ihn vermisste? Er kam ... und er lächelte mich an auf seine scheue und doch so wissende Art.

    Eng umschlungen bewegten sich Körper im dämmrigen Halbdunkel träge über die Tanzfläche. Lachen. Gläserklirren. Gesprächsfetzen. Paulchen küsste Sepp. Hannah flirtete mit Peter, Paulchens aktuellem Freund. Rolf saß eine Armeslänge von mir entfernt, hatte sich meinen Pelzmantel umgehängt und sah aus wie ein tollpatschiger Bär. Irgendwann an diesem Abend bat er mich, mit ihm zu tanzen. Die Stimmen von ABBA dröhnten durch das Gewölbe und sangen von alter Freundschaft. Zuerst tanzten wir, ohne uns zu berühren, dann zog er mich an seinen Körper und umschloss mich mit seinen Armen, als wollte er mich nie mehr freigeben. Ich wehrte mich nicht. Ich spürte jede Faser seines Körpers. Ich verbrannte in seiner Wärme. Ich fühlte sein Glied, hart und groß. Ich hörte seinen erregten Atem, spürte ihn kitzelnd an meinem Ohr. Flammen fuhren immer wieder in mir empor. Wieder waren wir alleine auf unserem Planeten.

    Irgendwann, nach einer Ewigkeit, lösten wir uns voneinander und verließen die Tanzfläche. Wir saßen nebeneinander in einer schummrigen Ecke des zugigen Kellers, die Musik brandete über uns hinweg, und ganz weit entfernt lachten und sprachen die anderen.

    „Ich liebe dich", sagte eine leise, dunkle Stimme flüsternd an meinem Ohr.

    „Ich liebe dich", sagte der warme große Körper neben mir.

    Alles in mir hielt den Atem an.

    „Ich liebe dich", sagte das ernste Gesicht mit den klugen Augen.

    „Ich liebe dich", sagte Rolf, dieser vernünftige Mann.

    Das war das Ende meiner Rebellion. Ich lehnte mich an ihn, erschöpft von all den Jahren, in denen ich mich gegen genau diesen Satz, gegen diese Erkenntnis gewehrt hatte, resignierend, nicht einmal glücklich. Nein, ich empfand diese unbestimmte Angst immer noch, aber die plötzliche Gewissheit, dass ich diesem Mann und allem, was die Zukunft mit ihm für mich bereithielte, niemals würde entkommen können, war auf ihre Art tröstlich und machte mich ruhig. Ich wollte jetzt nicht mehr fortlaufen. Ich wollte mich auch nicht mehr dagegen wehren. Ich sagte nichts. Ich wusste nicht, was ich auf dieses Ich liebe dich, das mir wie ein Urteil erschien, erwidern sollte. Ich wandte mich ihm zu, nahm sein Gesicht in meine Hände, sah in seine Augen und verlor mich in ihnen.

    „Ich liebe dich." Dieser Satz hatte alles verändert, er hatte meinen Widerstand zu Hingabe und meine Wut zu Trauer um die verlorene Zeit werden lassen, nur eines hatte er nicht verändern können: Meine Furcht war geblieben.

    „Halte mich fest, bitte, ganz fest", war meine erste gehauchte Antwort gewesen, damals in dem

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