Das Blinddarm-Wochenende: und andere Geschichten aus meiner Jugend
Von Jürgen Aymar
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Über dieses E-Book
Jürgen Aymar
Jürgen Aymar, geboren 1963 in Baden-Württemberg, lebt seit 2006 in Kassel, Hessen. Neben dem Schreiben ist er leidenschaftlicher Hobby-Fotograf und Besitzer von 3 verrückten Katzen.
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Rezensionen für Das Blinddarm-Wochenende
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Buchvorschau
Das Blinddarm-Wochenende - Jürgen Aymar
Vorwort
Geschichten aus meiner
Jugend.
Die Erfahrungen in meiner
Kindheit.
Heiter, aber auch
manchmal traurig.
Wenn ich heute an die
Dinge denke, die damals
passiert sind, kann ich nur
den Kopf schütteln, was
ich doch für ein
ungeschickter Tollpatsch
und Pechvogel als Kind
gewesen war. Fragen Sie
mich bitte nicht, wie ich
heute bin!
Inhalt
Das Experiment
Die Ohrfeige
Die Katze an der Leine
Der Blinddarm
Die Seifenkiste
Die Muschel-Mafia
Ein kleiner Schnitt
Dicke Luft im Zimmer
Schuld war der Tee
Ein
Experiment
oder:
Holz kann verdammt weh tun
Ein Zirkus war in der Stadt. Ich quengelte so lange herum, bis meine Mutter entnervt aufgab. Gegen einen sechsjährigen Weltmeister im Quengeln hatte keine Mutter dieser Welt eine Chance, nicht einmal meine.
Wir fuhren also mit dem Bus in die Stadt zum Zirkus, zur Nachmittagsvorstellung.
Es war so aufregend. Die wilden Tiere, die Clowns, einfach alles. Aber was mich am meisten faszinierte, waren die chinesischen Artisten. Sie hatten kein Trapez mit Netz und allem Drum und Dran. Nein, die Chinesen hatten nur eine simple Wippe. Eine einfache Wippe, also nur so ein Brett auf einem Rundholz. Einer stand immer auf einer Seite des Brettes. Ein anderer sprang auf das andere Ende. Dadurch wurde der andere in die Höhe katapultiert. Er schlug dann einen Salto oder sprang in die Höhe auf die Schultern eines Kollegen.
Das sah so toll aus. Einfach fantastisch!
Selbst auf dem Heimweg musste ich immer an diese Zirkusnummer denken.
Sie ließ mich einfach nicht mehr los.
Auch in den nächsten Wochen kreisten meine Gedanken immer wieder um diese chinesischen Artisten, die nur mit einer simplen Wippe so viele tolle Dinge anstellen konnten. Ob ich das auch könnte? Das fragte ich mich ernsthaft.
Das kann ich doch auch! Kann doch nicht so schwer sein. Kann doch jeder.
Wenn man sechs Jahre alt war, konnte man anscheinend alles.
Es war an einem warmen Sommertag.
Unser Nachbar und seine Familie waren an diesem Tag sehr beschäftigt. Er hatte in seinem Garten einen alten Baum gefällt. Nun sollte der Baum, der auch sehr groß gewesen war, weiter zerkleinert werden.
Unser Nachbar hatte eine mobile Bandsäge. Das war so ein uralter Traktor, auf dem hinten, direkt hinter dem Fahrersitz, eine Bandsäge montiert war. Mit dieser Maschine fuhr unser Nachbar immer zu den Menschen in unserem Dorf. Jeder, der Holz für seine Öfen benötigte, bestellte den großen Meister der Bandsäge.
Doch heute an diesem Tag brauchte er sie selber für sich in seinem Garten.
Für mich und auch die anderen Kinder war das ein Riesenerlebnis. Der Lärm der Säge, der Geruch von verbranntem Sägemehl und frischen Harz lag in der Luft.
Die Männer standen um den Traktor herum, fütterten mit immer neuen Holzstämmen die Säge, die mit ihrer hohen Stimme ihr kreischendes Lied sang. Das immer nur kurz tiefer wurde, fast brummend, wenn sich ihre Zähne gierig in das Holz fraßen.
Die Kinder halfen den Frauen, das Reisig zusammen zu sammeln. Die Frauen banden dann es dann zu Bündeln zusammen. Ich wusste damals nicht, wozu das gut war. Heute weiß ich es natürlich besser. Denn auch das Reisig wurde gebraucht. Nichts wurde weggeworfen. Holz war teuer, und mit Reisig gab es auch ein heißes Feuer.
Damals gab es in den meisten Küchen noch Beistellherde, die mit Holz und Reisig befeuert wurden. Und diese Herde waren hungrig. Wollten immer mehr von dem teuren Holz.
Wie auch immer. Ich beobachtete das geschäftige Treiben mit regem Interesse.
Ja, ich half sogar den Nachbarskindern beim Sammeln und Bündeln des Reisigs.
Doch auf einmal sah ich etwas, etwas, das mich das Ganze hier rundherum vergessen ließ.
Was sich leider später als schwerer Fehler entpuppte.
Es handelte sich dabei um ein kleines Brett, es lag in der Nähe eines Stapels kleiner, etwa armdicker Äste. Die Stücke waren beinahe gleichmäßig rund. Da hatte ich auf einmal eine Idee, allerdings eine folgenschwere. Was mir kurze Zeit später auf schmerzhafte Weise bewusst wurde.
So ein rundes Stück Holz und dieses Brett wären perfekt für eine Wippe, dachte ich. Fast wie im Zirkus bei den chinesischen Artisten.
Wenn man Artist werden wollte, musste man bestimmt sehr früh anfangen mit dem Training. Warum sollte ich nicht jetzt sofort anfangen zu trainieren? Auf der Stelle?
Ja, warum eigentlich nicht?
Gesagt, getan. Ich nahm das kleine Brett, eines von den Rundhölzern, ging ein paar Schritte beiseite. Ich schaute mich heimlich um. Konnte jemand sehen, dass ich etwas vorhatte? Anscheinend nicht, denn keiner achtete auf mich, sie waren allesamt beschäftigt. Das war doch perfekt für mein Vorhaben, dachte ich.
Die Erwachsenen standen nämlich meistens schnell bewaffnet mit ihren Dauersprüchen parat. Und feuerten natürlich gleich eine Breitseite voll weiser Ratschläge auf das hilflose und unbewaffnete Kind ab.
„Lass´ das liegen, du machst dich
schmutzig!"
„Finger weg!"
„Das ist nichts für kleine Kinder!"
„Was machst du da?"
„Wehe, du machst dir die Hose kaputt!"
oder
„Mach´ dich ja nicht schmutzig!"
Was man eben als Kind sich so anhören musste.
Aber ich hatte Glück, ich war diesmal nicht in Gefahr. Keiner der Erwachsenen nahm Notiz von mir und meinem wichtigen Projekt. Alles waren sie damit beschäftigt, den Baum zu zerkleinern.
Ich nahm also dieses Rundholz, legte es auf den Boden vor mir. Darauf legte ich das Brett. Perfekt! Ich hatte eine Wippe.
Tatsächlich. Sie sah wie eine Miniatur-Ausgabe der Zirkus-Wippe aus.
Der Durchführung meines Experimentes stand also nun nichts mehr entgegen.
Wer sollte den Countdown zählen? Und wer wird der Astronaut sein, wer wird gleich in den himmelblauen Äther geschossen, so hoch, so weit, wo noch nie ein Mensch gewesen war? Zumindest für meine Person, musste ich mir zugestehen.
Ich sollte vielleicht doch weniger die Fernsehserie „Raumschiff Enterprise" anschauen.
Wer oder was sollte also mein Flugobjekt sein? Ich schaute mich nach etwas Passendem um. Ah ja, hab dich!
Das könnte gehen. Ich hatte ein Holzscheit erspäht, der gerade groß genug war, um auf das Brett zu passen.
Ich legte das Stück Holz auf meine Wippe. Ich bekam eine Gänsehaut vor Erregung. Wie weit mag dieses Versuchsobjekt wohl fliegen? Würde es einen Salto machen? Und wenn ja, wie oft? Vielleicht sogar einen „Salto Mortale" einen tödlichen 3-fachen? Ich würde es in wenigen Augenblicken wissen. Die Spannung stieg ins scheinbar Unermessliche, so sehr war ich aufgeregt. Ich hob mein rechtes Bein so hoch ich konnte. Mit aller Kraft trat ich auf die Wippe.
Das Ergebnis war so spektakulär, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Durch die Wucht, wie mein Fuß auf das Brett der Wippe traf, es herunterschmetterte, wurde die andere Seite nach oben katapultiert. Das Holz trat seinen Flug ins freie All an. Mit einer ungeheuren Geschwindigkeit gewann es an Höhe.
Dennoch kam mir alles wie in Zeitlupe vor. Ich konnte das Flugobjekt mit meinen Blicken ohne Probleme verfolgen, schaute ihm nach, wie es nach oben schoss. Allerdings änderte sich plötzlich die Flugbahn in eine Richtung, die der Chef des Kontroll-Zentrums der NASA mit Sicherheit nicht so berechnet hatte. Was war geschehen?
„Houston, we have a problem!"
Jim Lowell, du Weichei, du weißt ja nicht, was Probleme sind. Hattest ja noch nie mein Problem gehabt.
Denn mein Problem war eines und zwar ein Gewaltiges!
Meine Erinnerung setzte erst an dem Punkt wieder an, als ich blutüberströmt, den Kopf weit hinten im Nacken, in Panik über die Straße rannte. Wie ich allerdings über die Straße kam, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich konnte ja eigentlich nichts sehen, nur den blauen, wolkenlosen Himmel. Mein Kopf war ja immer noch nach hinten gebeugt.
Ich blutete immer noch wie ein Schwein bei der Hausschlachtung, doch merkwürdigerweise hatte ich keine Schmerzen. Kann mich jedenfalls an keine erinnern. Ich denke mal, dass ich einen Schock hatte, anders kann ich es mir nicht erklären.
Was war denn eigentlich geschehen?
Mein Experiment hatte sich offensichtlich als ein massiver Fehlschlag entpuppt. Die Reise zu den Sternen hatte das Stück Holz nicht angetreten. Statt in die Umlaufbahn, war es geradewegs in mein Gesicht geflogen.
Nicht ohne einen gewaltigen Krater in meinem Gesicht, gleich unter der Nase, zu reißen.
So ein Holzscheit ist nämlich kein poliertes Stück Möbel. Er ist rau, rissig, mit scharfen Kanten. Und natürlich überhaupt nicht so weich wie ein Wattebausch. Das können sie mir glauben. Ich weiß, von was ich rede.
Ich wollte eigentlich nie im Mittelpunkt stehen. Da fühlte ich mich immer so beobachtet.
Doch durch meine Aktion hatte ich mich selbst in das grelle Rampenlicht der allgemeinen Aufmerksamkeit gestoßen.
Ich weiß noch, dass ich verantwortlich für eine Massenpanik war. Allerdings nur eine kleine, begrenzt auf unsere Straße, wo es ja passiert war.
Alle schrien und rannten wie verschreckte Hühner herum. Hatte es denn nicht gereicht, dass ich mit meinem blutigen Gesicht herumrannte? Doch das war mir in diesem Augenblick vollkommen egal. Ich blutete immer noch sehr stark. Doch Schmerzen, wie gesagt, an Schmerzen kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Vielleicht hatte ich ja doch einen kleinen Schock erlitten. Was dann geschah, keine Ahnung, Filmriss. Oder mein Bewusstsein hatte sich komplett ausgeschaltet. Das nächste, an das ich mich erinnern konnte, war, dass ich beim Hausarzt auf so einen komischen Stuhl saß. Er war ganz aus Metall. Und ich war angeschnallt. Plötzlich wurde der Stuhl nach hinten geklappt, ich saß auf einmal nicht mehr, ich lag flach.
Unser damaliger Hausarzt, ein lieber alter Mann, beugte sich über mich. Ich konnte ihn ganz gut leiden. Er mochte Kinder gern. Und er war noch ein Doktor alter Schule, wie es sie heute leider nicht mehr gibt. Diesen Typ Landarzt, der noch spät nachts durch den tiefen Schnee stapft. Der in der einen Hand die kleine, schwarze Doktortasche ganz festhält. Und mit der anderen Hand verhindert, dass sein Schal und sein Hut vom stürmischen Wind und dem Schneegestöber davon gerissen wird.
Der das alles tat, nur um einen Krankenbesuch bei dir zu machen. Weil deine Mutter ihn angerufen hatte, weil sie besorgt war, weil du Fieber hattest.
Damit er sich deinen Hals und die Mandeln ansehen konnte. Damit er deinen kleinen Oberkörper abhören und abklopfen konnte. Und um dir dann am Schluss einen süßen Saft gegen den schlimmen Husten verschreiben konnte.
Und bevor er dann wieder zurück in die kalte Winternacht stapfte, versprach er dir, am nächsten Tag noch mal nach dir zu schauen.
Aber ich bin abgeschweift. Wir hatten keinen Winter und ich hatte auch keine Grippe. Es war Sommer, und ich lag da so flach in seinem Folterstuhl. Hilflos wie eine Schildkröte auf dem
