Unsere Welt ist heilig: Gespräche auf dem Weg zu einer globalen Spiritualität
Von Christoph Quarch
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Buchvorschau
Unsere Welt ist heilig - Christoph Quarch
Christoph Quarch – Vorwort
Globale Spiritualität: Ein tragfähiges Fundament für das Miteinander auf Erden
Einig zu sein, ist göttlich und gut; woher ist die Sucht denn unter den Menschen, dass nur Einer und Eines nur sei? (Friedrich Hölderlin)
Vorbei sind die Zeiten, zu denen es einem Europäer egal sein konnte, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Heute wissen wir: Für die globale Wirtschaft könnte dieses Ereignis folgenreich sein. Wir wissen auch, dass der umfallende Reissack unser Wetter beeinflussen kann – ganz so wie der berühmte Flügelschlag eines Amazonas-Falters. Und nicht nur das: Wir wissen, dass der Abrieb der Gummireifen unserer Autos das Eis der Arktis schmelzen lässt. Wir wissen, dass der Hunger der Welt uns nicht gleichgültig sein kann. Wir sehen, wie ein Virus in Mexiko die ganze Welt in Angst versetzt; und ahnen, dass sie durch unsere Waffen in Schutt und Asche gelegt werden kann. Kurz: Wir wissen, dass alles mit allem in Beziehung steht. Wir wissen, dass die Menschheit vor gravierenden Aufgaben steht. Und wir wissen, dass wir diesen globalen Herausforderungen nur werden begegnen können, wenn wir ein globales Bewusstsein ausprägen. Wir könnten es jedenfalls wissen. Wenn wir wollten. Und wenn wir wollten, könnten wir es nicht nur wissen, sondern auch diesem Wissen gemäß handeln. Aber davon sind wir weit entfernt. Und das ist – gelinde gesagt – ein Problem.
„Der weiteste Weg im Leben eines Menschen ist der Weg vom Gehirn zur Hand. So sagt es Angaangaq, der Schamane eines Eskimo-Stamms in Westgrönland. Und er sagt auch, dass dieser Weg durchs Herz führt – dass er aber unbegehbar wird, wenn das Herz in uns gefroren ist. Weil dann die Quelle unseres Handelns vereist ist; weil wir dann nicht mehr beherzt sein können – leidenschaftlich, couragiert, tapfer; weil wir uns dann nicht mehr berühren lassen von dem, was vorgeht in der Welt; weil wir dann den Sinn für unsere Verbundenheit mit allem verlieren und stattdessen selbstbezogen um unser Ego kreisen. „Solange wir das Eis in unseren Herzen nicht zum Schmelzen bringen, wird sich nichts ändern
, sagt Angaangaq. Was so viel heißt wie: Solange wir nicht empfänglich sind für das Sein dieser Welt – solange wir uns nicht vom Sein dieser Welt in Anspruch nehmen lassen, werden wir keine passenden Antworten auf die Herausforderungen dieser Zeit finden und unsere Verantwortung als Menschen nicht genügen können.
Der erste Schritt dazu ist, dass wir uns freimachen von spirituellen, moralischen oder ideologischen Konzepten, wie Mensch und Welt zu sein hätten. Solange wir nur um unsere Konzepte kreisen, werden wir in unserer Seele nicht die Kraft und Begeisterung finden, die wir bräuchten, um die Welt zu verändern. Oder umgekehrt: Wenn wir irgendetwas für diese Welt tun wollen, wenn wir irgendwie den globalen Herausforderungen der Menschheit mit einem globalen Handeln begegnen wollen – dann müssen wir eine Konversation mit dem Sein beginnen: uns angehen lassen von den Ansprüchen, die das Leben, die Natur, die Wesen an uns haben. Überall auf der Welt. Und wenn wir die An- und Rückbindung an das Sein wie die Lateiner Religio nennen, dann können wir sagen: Die stimmige Antwort auf die globalen Herausforderungen an die ganze Menschheit ist eine globale Religio – die freilich ganz etwas anderes ist, als das, was wir in Kenntnis der großen religiösen Systeme der Welt als Religionen kennen
Damit soll nichts gegen Religion und Moral gesagt sein. Im Gegenteil. Religionen und Morallehren weisen oft die richtige Richtung. Hans Küngs Eintreten für ein Weltethos verdient unser aller Dank und Ehrfurcht. Denn das Weltethos ist gleichsam ein Leuchtfeuer, das den Schiffen der unterschiedlichen Religionen und Kulturen die Richtung weist. Doch es treibt sie nicht an. Es füllt ihre Segel nicht mit Wind. Der Wind weht von woanders her. Er weht aus der Begeisterung des Herzens. Er weht aus der Begegnung mit dem Heiligen Sein dieser Welt. Er kündet von der Erfahrung des göttlichen Geistes. Wir können diesen Wind Spiritualität nennen. Er ist die Frucht gelebter Religio – der Konversation mit dem Heiligen Sein. . Und er weht auf allen sieben Meeren. Er ist global.
Der Wind des globalen Geistes weht auch durch die siebzehn Gespräche, die in diesem Band versammelt sind. Er weht dabei aus wechselnden Richtungen. Und er fühlt sich jeweils anders an. Denn die Menschen, die er bewegt, sind sehr unterschiedlich. Aber sie sind doch erkennbar des gleichen Geistes Kind. Ein jeder und eine jede von ihnen gibt etwas von dem einen Geist der Weisheit und Lebendigkeit zu erkennen, der jede und jeden inspiriert – von diesem Geist, den die Menschheit so dringend braucht, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu sein. Es ist mein innigster Wunsch, dass dieses Buch dabei hilft, diesen Geist zu Bewusstsein zu bringen und einer globalen Religio und einer globalen Spiritualität (die ihren Namen wirklich verdient) den Weg zu bereiten.
Globale Spiritualität – was ist das? Und was ist sie nicht? Der Begriff ist sperrig, und daher ist es angezeigt, ein mögliches Missverständnis auszuschließen. Globale Spiritualität ist keine Super-Religion, die sich anschickt, die religiösen Traditionen der Vergangenheit zu überbieten oder abzulösen. Sie ist nicht – um sich des berühmten Bildes aus Lessings Nathan der Weise zu bedienen – der wahre Ring, von dem die Ringe des Judentums, Christentums und Islam lediglich Kopien wären. „Der wahre Ring, vermutlich, ging verloren", sagt der weise Richter in Lessings Drama – und trägt damit der Wahrheit Rechnung, dass jede Religion immer nur eine mögliche Perspektive auf das Ewige und Grenzenlose eröffnen kann, es nie aber vollständig und ganz zu fassen bekommt. Globale Spiritualität – um im Bilde zu bleiben – gleicht eher dem Golde, aus dem ein jeder Ring gefertigt wurde. Sie ist die Substanz, die jede konkrete Religion und jede Weisheitslehre, ja jede einzelne Frau und jeder einzelne Mann, auf ihre ganz besondere Weise gestaltet und formt. Und die folglich in jeder Religion und jeder Weisheitslehre jederzeit präsent ist.
Globale Spiritualität ist immer plural. Sie ist nicht eine transkonfessionelle Spiritualität, die in einem evolutionären Überstieg über die bekannten konfessionellen Spiritualitäten der bekannten Religionen hinausführte in eine übergeordnete, gemeinsame Sphäre. Globale Spiritualität – so verstanden – wäre zumindest nicht das, was das Gros der Gesprächspartner dieses Buches nahelegt. Und das scheint mir gut so. Denn eine konfessionsneutrale globale Spiritualität wäre keine verlockende Perspektive. Schlimmstenfalls wäre sie eine Art Airport-Spiritualität, die – ganz wie die Duty-Free-Shops in den Flughäfen aller Herren Länder – überall auf der Welt gleich aussehen würde: steril, gesichtslos, langweilig.
Globale Spiritualität, wie sie mir und einigen meiner Gesprächspartner vorschwebt, ist anders: Sie ist bunt, vielgestaltig, sinnenfroh. Sie hat viele Gesichter und existiert nur in ihnen. Sie spricht viele Sprachen und ist kein Esperanto. Sie ist nicht eine die Religionen und Weisheitslehren getrennt zurücklassende Spiritualität, sondern sie ist eine die Religionen und Weisheitslehren tragende und verbindende Spiritualität, die sich aus der immer neuen und immer anderen Religio an das Heilige Sein dieser Welt speist. Sie ist nicht transkonfessionell, sondern subkonfessionell. Damit meine ich: Sie ist der Wurzelgrund, der Humus, aus dem die vielen schönen Gewächse der jeweiligen Religionen und Weisheitslehren hervorgegangen sind und hervorgehen werden. Sich diesem Grund zuzuwenden, bedeutet deshalb immer: sich vertiefen in die Wurzeln des eigenen Baumes, sich annähern an die Quelle des eigenen Stroms, sich vorwagen zu den Fundamenten des eigenen Hauses, sich hinzugeben an den tragenden Grund allen Lebens: das Heilige Sein dieser Welt. Globale Spiritualität – um es mit dem Theologen Paul Tillich zu sagen – vollzieht nicht nur den Schritt von der Oberfläche der Konfession in die Tiefe der Erfahrung: sie meint darüber hinaus die Erfahrung der Tiefe unseres und aller Dinge Sein.
Und das ist es, was das Zu-Bewusstsein-Bringen der ursprünglichen Religio und einer globaler Spiritualität zu dem wohl einzigen tragfähigen Fundament für das interreligiöse Gespräch macht. Kurz vor seinem Tod sagte mir in unserem letzten Gespräch mein damals 100jähriger Lehrer Hans-Georg Gadamer, die philosophische Aufgabe zu Beginn des 21. Jahrhunderts sei es, eine Hermeneutik des interreligiösen Dialogs zu entwickeln – das heißt: die Grundlagen zu klären, auf denen eine wirkliche Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägungen gelingen kann. Aus Gadamers Mund war das eine echte Herausforderung: Die von ihm entwickelte philosophische Hermeneutik bietet wenig Anhaltspunkte für die Lösung dieser Aufgabe, hatte Gadamer doch mit Virtuosität gezeigt, wie sehr das Verstehen darauf angewiesen ist, dass Menschen einen gemeinsamen geschichtlichen und kulturellen Bezugsrahmen haben; eine Voraussetzung, die in der interreligiösen Begegnung nun aber gerade nicht gegeben ist. Denn der interreligiöse Dialog ist gerade dadurch qualifiziert, dass in ihm unterschiedliche Bezugsrahmen aufeinandertreffen. Ihm fehlt der gemeinsame Horizont, vor dem Verständigung geschehen kann. Weshalb sie wohl auch so oft ausbleibt beziehungsweise gar nicht erst versucht wird. Denn nur allzu oft lässt es der real existierende interreligiöse Dialog daran vermissen, dass in ihm wirkliche Verständigung über zentrale Fragen zu Gott und der Welt gesucht wird. Allzu oft findet unter dem Label „interreligiöser Dialog" stattdessen ein gar zu fruchtloser Austausch von Wahrheitsansprüchen und Argumentationen statt, der weder der einen noch der anderen Seite irgendeine neue Einsicht, geschweige denn irgendein tieferes Verstehen eröffnen könnte.
Anders aber ist es, wenn sich die Gesprächspartner auf ihre persönliche Erfahrung beziehen und dabei ihren heimischen Bezugs- und Deutungsrahmen hintanstellen. Das kann zwar nie vollständig geschehen, aber – wie die Gespräche in diesem Buch bezeugen – doch zu einem hohen Maße. Und wenn dies geschieht, dann öffnet sich darin hinter den jeweiligen Bezugsrahmen und trotz aller Individualität der Erfahrung doch ein gemeinsamer, menschlicher Horizont, der nicht nur wechselseitiges Verstehen ermöglicht, sondern darüber hinaus ein tieferes Verständnis von Mensch, Welt und Gott zulässt: ein Verständnis, das aus der Erfahrung des einen und umfassenden Heiligen Seins der Welt erwächst.
Von dieser Erfahrung reden alle meine Gesprächspartner. Und das Wunderbare dabei ist: Sie alle stimmen darin überein, dass diese Erfahrung das Herz öffnet und das Bewusstsein weitet. So sehr weitet, dass es die ganze Erde umspannt. So weit, dass es das Ganze umfasst. So weit, dass es die Verbundenheit von allem mit jedem spürt und sich die daraus erwachsene Verbindlichkeit zu Herzen nimmt. Eine aus der Religio an das Heilige Sein der Welt gewachsene globale Spiritualität erweist sich hier als die Tiefendimension jeder spirituellen oder religiösen Tradition, in der die Verbundenheit unserer spirituellen oder religiösen Traditionen zu Bewusstsein kommt. Und nicht nur zu Bewusstsein kommt, sondern mit einem achtsamen und offenen Herzen umarmt wird. Wenn es Worte gibt, in denen globale Spiritualität zur Sprache kommen kann, dann sind es Konversation, Empfänglichkeit, Liebe und beherztes Handeln. Eine Konversation mit dem, was ist; eine Empfänglichkeit, die ins Hier und Jetzt führt, eine Liebe, die nichts negiert und alles integriert – die in doppelter Hinsicht global ist: weil sie alles umschließt und weil sie allem zugrunde liegt; und weil sie die Erde mit der auf ihr lebenden Menschheitsfamilie und sie beseelenden Natur als Gegenüber ihres beherzten Handelns liebt.
Wenn dieses Buch für eine globale Spiritualität wirbt, dann meint es damit diese Spiritualität der Konversation mit und der Liebe zu dieser Welt. Diese Spiritualität ist nicht jenseits der Religionen und Weisheitslehren. Sie maßt sich nicht an, diese evolutionär zu überwinden. Vielmehr weiß sie sich zuhause in vielen Häusern. Und jedes von ihnen liebt sie beherzt und offen – ohne dass sie dabei ihre je eigene Herkunft verleugnen müsste.
Dieses Buch versteht sich mithin als Einladung zu einer neuen Religio – einer Konversation und mit dem Sein dieser Welt und einer Spiritualität, die sich von ihm begeistern lässt; als Einladung: dort, wo Sie gerade stehen, in die Tiefe zu gehen, den Schutt abzutragen und die reine Essenz ihrer Lebendigkeit zu entdecken. Es ist eine Einladung, eingeschliffene Gedankenmuster loszulassen und das Herz zu öffnen. Wenn Sie das tun, haben Sie bereits einen ersten Schritt in Richtung globale Spiritualität vollzogen. Sie machen sich weit und hören auf die Worte von Priestern, Schamanen, Gelehrten – auf Worte von Christen, Muslimen und Juden, auf Worte von Buddhisten und auf Worte von Menschen, die in keiner Religion zuhause und dabei doch religiös sind.
Die Auswahl meiner Gesprächspartner folgt keinem Plan. Und sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie hat sich aus Begegnungen ergeben, die mir im Verlaufe zweier Jahre geschenkt wurden. Und sie vertraut darauf, dass globale Spiritualität nicht daran gebunden ist, dem üblichen Proporz zu folgen. Dass kein Repräsentant hinduistischer Spiritualität darunter war, schmerzt mich dennoch. Dass nur zwei Frauen zu Wort kommen, ebenso. Auch wüsste ich Dutzende zu nennen, die ich gerne für dieses Buch gewonnen hätte. Aber so sollte es nicht sein. Und am Ende ist das wohl auch ganz gut so. Denn diejenigen, deren Gedanken Sie hier finden, sind genau die Richtigen. Sie sind es vor allem dann, wenn sie – wie Seàn ÓLaoire oder Claudio Naranjo – der Idee einer globalen Spiritualität eher kritisch gegenüberstehen.
Überhaupt werden Sie erhebliche Differenzen und Unterschiede zwischen den einzelnen Protagonisten dieses Buches finden. Ich habe mich darüber sehr gefreut, denn gerade darin zeigt sich auf eindrucksvolle Weise die besondere Qualität dessen, was eine globale Spiritualität auszeichnet: dass sie Widersprüche und Differenzen zulassen – ja: sich an ihnen erfreuen – kann; dass sie den Facettenreichtum der Wahrheit anerkennt; dass sie nicht auf Einheit starrt, sondern den Einklang liebt. Liebt denn weil sie in ihrer Essenz in den Augen aller Gesprächspartner Liebe ist – nur deshalb ist sie kraftvoll und beseelt. Sie ist – um ein altes Bild von Nikolaus von Kues zu verwenden – eine coincidentia oppositorum: der Zusammenfall der Gegensätze; die Harmonie des Geistes, die viele Stimmen so zusammenstimmen lässt, dass jede darin ihre Schönheit entfalten und sich gleichzeitig in die Schönheit des Ganzen fügen kann.
Genauso die Stimmen meiner Gesprächspartner. Jeder und jedem von ihnen bin ich von Herzen dankbar. Ich durfte von ihnen so viel lernen. Jedes Gespräch geriet zu einem Fest. Ich wünsche mir und Ihnen, dass die Begeisterung, die mich oft erfüllte, auf sie überspringt. Und ich wünsche mir und Ihnen, dass diese Begeisterung Ihnen Lust darauf macht, den achtsamen und liebevollen Austausch mit Menschen anderer Religionen und Kulturen zu suchen – und beherzt dafür einzutreten, dass das Leben auf Erden in Schönheit erblüht.
Willigis Jäger
Ich bin ein Tanzschritt, und Gott ist der Tanz
Alle Religionen weisen über sich selbst hinaus in die Erfahrung eines namenlosen Urgrundes, der sich in jedem einzelnen Wesen manifestiert. Diesen Urgrund zu erfahren ist Mitte und Essenz einer transkonfessionellen und globalen Spiritualität, sagt der Zen-Meister und Benediktiner-Pater Willigis Jäger.
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Willigis, Sie sind ein Benediktiner, der sich mehr und mehr der Kirche ab- und einer transkonfessionellen Spiritualität zugewandt hat. Wo liegt das Problem der Kirchen?
Die Kirchen befinden sich in einer großen Krise. Sie ahnen nicht einmal, dass sich die Tradition, die sie verkörpern, erschöpft hat. Die Menschheit von heute hat ein vollkommen anderes Weltverständnis und Menschenbild als das, was die Kirchen verkünden. Gehe ich in eine Kirche, dann fühle
