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Brechen wir aus!: Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol
Brechen wir aus!: Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol
Brechen wir aus!: Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol
eBook693 Seiten7 Stunden

Brechen wir aus!: Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol

Von Leokadia Justman und Dominik Markl (Editor)

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Über dieses E-Book

Als Jüdin versteckt in Tirol
Eine bewegende Flucht- und Überlebensgeschichte im Zweiten Weltkrieg

Leokadia Justman überlebte als Jugendliche die grausame Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Polen. Nach der Flucht aus dem Warschauer Ghetto nahm ihre Mutter die Deportation nach Treblinka auf sich, um das Leben der Tochter zu retten. Mit ihrem Vater gelang die Flucht nach Tirol. Dort lebten sie unter falschen Identitäten, bis sie an die Gestapo verraten wurden. Nach der Ermordung ihres Vaters im Lager Reichenau entkam Leokadia mit einer Freundin aus der Haft und versteckte sich in Innsbruck. Unterstützt von mutigen Personen, überlebte sie die letzten Kriegsmonate in der Region von Lofer. Dieser erstmals ins Deutsche übersetzte autobiografische Bericht gibt einen seltenen, authentischen Einblick in das Leben und Überleben als Jüdin in Tirol während der NS-Zeit.
SpracheDeutsch
HerausgeberTyrolia
Erscheinungsdatum31. Jan. 2025
ISBN9783702242886
Brechen wir aus!: Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol

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    Buchvorschau

    Brechen wir aus! - Leokadia Justman

    Vorwort

    Auf der Suche nach Leben …

    Über viele Monate reifte in mir der tiefe Wunsch zu schreiben, all die aufgestauten Gefühle zu Papier zu bringen, die aus Wehmut entstanden waren.

    Ich hoffe, meinen Kindern und Enkeln auf diese Weise die Geschichte der Familie Justman zu erzählen, die in vielem dem Schicksal aller anderen jüdischen Familien ähnelt, die während des Krieges ihr Verderben fanden.

    Nur hat sie ihren besonderen Charakter, und vielleicht verleiht ihr der dramatische Verlauf eine eigene Bedeutung.

    Ich versuche, diese Geschichte so zu erzählen, wie sie geschah – für euch, meine lieben Kinder, und für zukünftige Generationen.

    Damit sie nie in Vergessenheit gerät.

    Damit sie in unserer Erinnerung und in unseren Herzen weiterlebt, solange die Welt existiert.

    Dies ist das einzige Monument, das man für jene errichten kann, die nicht länger unter uns sind und deren Leid eine Brücke schlagen soll zu ewigem menschlichen Verständnis und Frieden!

    Lorraine Justman-Wisnicki

    Teil I

    Während des Krieges in Polen

    In Łódź

    Kapitel I

    In jenem Jahr, 1939, begann der September mit einem Farbenrausch aus Grün und Gelb und Braun. Die Sonne strahlte golden und strich mir übers dunkle Haar. Ich liebte dieses Wetter. Es sorgte dafür, dass ich mich Gott und der Natur nahe fühlte. Alles schien angenehm und warm in dieser frühherbstlichen Stimmung. In ein paar Tagen würde die Schule wieder anfangen. In der vertrauten Południowa-Straße 18, in meinem Gymnasium … mit meinen Lehrern, meinen Freunden. Ich sah mich schon hineingehen, Begrüßungen und Umarmungen austauschen und fröhlich mit den anderen plaudern. Nach zwei Monaten Ferien freute ich mich auf das neue Schuljahr.

    Noch aufregender war die Aussicht auf unsere geplante Umsiedlung nach Australien. Ich würde zwar meine vertraute Umgebung, meine Heimatstadt Łódź, meine Schule, meine Freunde verlassen müssen, aber ich sah gewöhnlich immer das Positive an allem und vor allem die abenteuerlichen Seiten, welche die Zukunft bringen würde. Außerdem war ich nicht allein. Ich fühlte mich sicher, geborgen und glücklich, denn ich hatte meine Eltern, und weil es ihre Entscheidung war fortzugehen, hatte ich mich entschlossen, ihnen vorbehaltlos zu folgen.

    Fast ein ganzes Jahr waren sie schon mit den Vorbereitungen für unsere Emigration beschäftigt. Der Gedanke, Polen in Richtung eines weit entfernten Kontinents zu verlassen, wurde durch die Reisen geboren, die meinen Vater durch das ganze Land führten.

    Als Vertriebschef für Schweizer und polnische Schokoladenhersteller kam er weit herum und traf die unterschiedlichsten Menschen, gute, aber auch schlechte mit den absurdesten politischen Einstellungen und schrecklichen rassistischen Ansichten. Diese Begegnungen führten ihn zu dem Schluss: Polen war kein sicherer Ort für Juden. Und er war Jude, auch wenn man es ihm nicht gleich ansah. Groß, blond und blauäugig besaß er eher die stolze Erscheinung eines Wikingers und dazu noch eine charismatische Persönlichkeit.

    Warum sie nichts nachbestellten, wo die Zahlungen blieben und warum die Korrespondenz stockte, fragte er seine Kunden, als er merkte, dass seine Umsätze zurückgingen. „Bitte schicken Sie uns keine jüdischen Handelsvertreter, erhielt er, wenn auch bedauernd, als Antwort. „Wir machen lieber Geschäfte mit unseresgleichen. „Aber es sind anständige Leute und gute Mitarbeiter, entgegnete er stets. „Wir sind doch schließlich alle Polen … Doch immer wieder bekam er dasselbe zu hören: „Wir sind Christen und betreiben ein christliches Geschäft. Das müssen Sie verstehen." Er verstand es nicht. Und kehrte nach der Abwicklung seines letzten erfolgreichen Auftrags enttäuscht und mutlos zurück. Unsere Familien lebten schon seit Generationen in Polen. Jahrhunderte zuvor hatten sie sich in kleinen Städten und Dörfern niedergelassen und angefangen, mit den Bauern Handel zu treiben. Als Besitzer von Textilwaren- und Lebensmittelgeschäften lebten sie nach den Gesetzen Gottes und in Eintracht mit der christlichen Bevölkerung.

    Polen, das seit dem achtzehnten Jahrhundert zwischen Deutschland, Österreich und Russland aufgeteilt war, litt unter der Zwangsherrschaft. Wer konnte unterdrückte Menschen besser verstehen als diejenigen, die selbst zu leiden hatten?

    Während der polnischen Aufstände hatten sich auch Juden den kämpfenden Truppen angeschlossen. Viele starben auf dem Schlachtfeld – Landsleute im Leben, Brüder im Tod. Die Forderung nach Gleichberechtigung von Polen und Juden, die 1863 von bekannten polnischen Schriftstellern und anderen freiheitlich Denkenden erhoben wurde, gab der jüdischen Bevölkerung unter preußischer und russischer Besatzung neue Hoffnung. Und als Polen nach dem Ersten Weltkrieg seine Unabhängigkeit wiedererlangte, schien der Traum von einem besseren Leben wahr zu werden.

    Meine Eltern waren nach ihrer Hochzeit zusammen mit ihrer Familie nach Łódź gezogen, das sich in den frühen zwanziger Jahren zu einer der führenden Industriestädte entwickelte und daher auch das polnische Manchester genannt wurde. Łódź hatte sowohl Polen als auch „Volksdeutschen" und Juden, die aus verschiedenen Orten in die Stadt der Schornsteine kamen, viel zu bieten. Es war kein schlechter Ort zum Leben und bei Weitem keine so „böse Stadt" wie in der Literatur oft beschrieben. Die Menschen fanden Brot und Lohn dort und eine Zukunft für sich und ihre Kinder.

    Kriege waren für mich Geschichte, unterdrückte Völker traurige Kapitel der Vergangenheit. Wir lebten im zwanzigsten Jahrhundert, einer Zeit der Aufklärung und des Fortschritts. Das lehrte man uns in der Schule, und so versuchten wir die Welt zu sehen.

    Während ich in einem behüteten Zuhause lebte, mit liebevollen Eltern, regelmäßigen Besuchen von Verwandten und mit unserem treuen Dienstmädchen Veronia, wurde ich nie mit offenem Antisemitismus konfrontiert. Dennoch wusste ich, dass es ihn gab. Eine Erkenntnis, die mir umso bewusster wurde, als Hitler in Deutschland an die Macht kam. Ich freundete mich mit zwei Flüchtlingsmädchen an, die in gebrochenem Polnisch unfassbare Geschichten von Gräueltaten erzählten, von Bücherverbrennungen, von Gewalt und von ihrer Vertreibung.

    Vater, dessen Geschäftsreisen ihn bis zur deutschen Grenze führten, bekam die Tragödie selbst zu sehen: Familien mit Kindern und Babys drängten sich an den Straßen, gestern noch Menschen mit Vermögen und Ansehen, heute Mittellose ohne Hoffnung … Mit vielen von ihnen sprach er, war gerne bereit, mit Ratschlägen zu helfen oder indem er nach seiner Heimkehr ihre Verwandten anrief, die noch in Polen lebten.

    Dieser grausamen Realität direkt ins Auge sehen zu müssen, traf ihn zutiefst. „Wenn das in Deutschland passieren kann, wiederholte er mit gepresster Stimme immer wieder, „dem Land Goethes und Schillers, dann könnte es auch anderswo geschehen … Der Wind aus dem Westen bringt uns nichts Gutes. Schmutzige Propaganda, die auf Vorurteilen und grundlosem Hass beruhte, verbreitete sich in Windeseile. Und Antisemitismus war kein neues Phänomen. Er war so alt wie die jüdische Diaspora und unterschied sich nur durch Art und Ausmaß an Unmenschlichkeit. Wie eine ansteckende Krankheit verbreitete er sich in Polen. Die Regierung war mit inneren Machtkämpfen und den Ungerechtigkeiten durch die Deutschen beschäftigt. So gab es wirtschaftliche Boykotte und an den Universitäten wurde der Numerus Clausus eingeführt. Wir, die wir mit Herz und Seele zu diesem Land gehörten, wurden wie Außenseiter behandelt. Womit mussten wir wohl als Nächstes rechnen? „Wir sollten von hier fortgehen, sagte mein Vater eines Tages zu meiner Mutter. „Und zwar jetzt, solange wir noch jung sind und uns eine glücklichere Zukunft für uns und unser Kind schaffen können.

    Nach diesem Gespräch leitete er alles Nötige in die Wege, um Einreisevisa nach Australien zu bekommen. Das war 1938. Jetzt warteten wir auf die abschließende Entscheidung der Einwanderungsbehörde und die Zusendung der Papiere.

    Es war nur noch eine Frage von Wochen oder gar Tagen. Ich würde reisen und die Welt sehen! Ein Anfall von Wehmut überkam mich. Ich blickte zum Himmel. Er war blau, etwas diesig, teils von malerischen Rauchwolken überzogen, die aus den Schornsteinen meiner Heimatstadt aufstiegen. Łódź … Hier war ich geboren und aufgewachsen, dennoch überwog die Abenteuerlust in mir und meine Melancholie wich romantischen Träumen. Während ich so auf dem Balkon unserer Wohnung stand, weckten plötzlich ein paar Zeitungsjungen meine Aufmerksamkeit, die aus dem großen Gebäude der Republika schwärmten, einer der bekanntesten Tageszeitungen. Eigentlich ein gewohnter Anblick um diese Tageszeit, und doch war etwas ungewöhnlich an ihrem Verhalten. In ihren Gesichtern spiegelten sich Verwirrung und Entsetzen. Sie riefen aufgeregt durcheinander, schubsten sich gegenseitig und strömten wie ein Schwall schwarzer Tinte in die Straßen von Łódź. Jeder hatte einen Packen Zeitungen unter dem Arm und schwenkte eine frisch gedruckte Ausgabe in der Hand.

    Ich strengte mich an, den Inhalt dieses lauten Stimmengewirrs zu verstehen, herauszufinden, was die öffentlichen Bekanntmachungen besagten … und spürte, wie mir die Knie wegsackten. Tränen stiegen mir in die Augen … ich hörte mein Herz im Rhythmus von Geschützfeuer pochen. Deutsche Streitkräfte überqueren die polnische Grenze! Die Bürger Polens vereint im Kampf gegen die deutsche Invasion!, lauteten die Schlagzeilen.

    In Piątek

    Kapitel II

    Meine Mutter versuchte wie immer, ruhig zu bleiben. Sie setzte sich neben mich aufs Sofa, und ihre sanfte Stimme zerstreute all die Angst, die mich beschlichen hatte. Ich holte tief Luft und sah ihr in die schönen braunen Augen. Sie war durch nichts zu erschüttern, und ihr Lächeln, das mich noch in späteren Jahren an die Mona Lisa erinnerte, vermittelte mir Stärke und Selbstbewusstsein.

    „Den Traum von Australien müssen wir vorerst begraben. Aber das Leben geht weiter, und wir sollten mutig sein."

    „Mama …" Eigentlich wollte ich ihr mein Herz ausschütten, über den Krieg sprechen, ihr von meiner Furcht erzählen – Furcht vor Bombardierungen, vor der unsicheren Zukunft –, aber während ich sie umarmte, formten meine Lippen nur einen einzigen Satz.

    „Mama, ich hab dich so lieb! Was das Schicksal uns auch bringt, ich hoffe wir bleiben für immer zusammen."

    Sie blinzelte. „Was das Schicksal uns bringt, ist manchmal schwer zu verstehen, antwortete sie mit feuchten Augen, „die Umstände, in die das Leben uns führt, für den menschlichen Verstand unergründlich. Trotzdem dürfen wir den Glauben nicht verlieren und müssen weitermachen. Was auch passiert, ich möchte, dass du das Leben bis zur letzten Minute auskostest, auch wenn es manchmal bitter ist. Du musst stark bleiben. Papa und ich werden immer bei dir sein. In Wirklichkeit oder … im Geist. Denn eins darfst du nie vergessen: Liebe ist unendlich.

    Als an jenem Nachmittag mein Vater von seiner Reise in eine kleine Grenzstadt zurückkehrte, war er ernst und traurig. Wir waren froh, dass er wieder bei uns war, bestärkte uns seine Anwesenheit doch in der Hoffnung, die schlechte Nachricht über den Ausbruch den Krieges würde uns nicht direkt betreffen. Ich versuchte sogar, mir einzureden, dass dieser, ehe wir es uns versahen, vorbei wäre, dass die Gerechtigkeit siegen müsste und wir deshalb nichts zu befürchten hätten. Eine Vorstellung, die ich zum kurzzeitigen Trost für wahr hielt … Dennoch verbreiteten sich die schlimmen Nachrichten in Windeseile. Deutsche Truppen überqueren die polnische Grenze und rücken in motorisiertem Verband ins Landesinnere vor. Deutsche Truppen besetzen eine Stadt nach der anderen. Die Menschen sprachen offen über Evakuierung. Łódź als eine der größten Industriestädte könnte zum Ziel deutscher Bomben werden.

    Nach längerer Beratung beschlossen meine Eltern, in die kleine Heimatstadt meiner Familie zurückzukehren, die eine Stunde Busfahrt von Łódź entfernt lag. Ihr Name war Piątek, was übersetzt einfach „Freitag" heißt.

    Ich schwebte auf Wolken. Ohne weiter an den Krieg und all das Leid zu denken, das er mit sich brachte, begann ich zu packen, freute mich auf das Wiedersehen mit meinen Cousins und Cousinen, mit meiner Tante Rózia und meinem Onkel Edek. Wir verließen Łódź am Nachmittag. Zusammen mit meiner Großmutter, die wegen ihrer Arthrose ohne Stöcke nicht mehr gehen konnte, was uns große Sorgen bereitete. Wir glaubten, in einer unbedeutenden Kleinstadt wie Piątek ließen sich die Härten und Entbehrungen des Krieges besser überstehen als in der großen Industriestadt Łódź. Und Oma wäre bestmöglich versorgt.

    Sie steckte voller Humor und Leben, meine Großmutter, sang auf der Busfahrt Lieder, erzählte fröhlich Witze und ließ uns den Ernst der Zeit vergessen. Zusammen mit anderen Mitfahrenden stimmte sie die polnische Nationalhymne an und klatschte zu Volksliedern den Takt. Die traurige Stimmung, die anfangs unter den Menschen im Bus herrschte, wich bald schon Frohsinn und Heiterkeit. Es dauerte nicht lange, da sangen alle wie die Kinder auf einem vergnügten Ausflug.

    Piątek bot wie immer einen freundlichen Anblick. Es war eine typische polnische Kleinstadt mit viereckigem Marktplatz, umgeben von ein paar engen Sträßchen. Die Sträßchen waren von Geschäften gesäumt, hinter denen oft die Besitzer mit ihren großen Familien wohnten.

    Die Bevölkerung war gemischt, mit einem hohen jüdischen Anteil. In Piątek trugen die Juden glänzend schwarze Gabardinemäntel und kleine Hüte, die Frauen bedeckten die Köpfe mit Kopftüchern, außer am Sabbat, wenn sie gewöhnlich Perücken aufsetzten. Sie waren tiefreligiös, strenggläubige Juden mit alten, unveränderten Traditionen und einigen Besonderheiten, die ihren christlichen Nachbarn merkwürdig vorkamen. Im Allgemeinen jedoch herrschte gegenseitiges Verständnis und sehr oft tiefe Freundschaft zwischen den Einwohnern der Gemeinde. Manchmal wurden die Menschen allerdings durch irgendeinen Wanderprediger aufgestachelt, der sich Gottespriester nannte und sie zu hassen lehrte statt zu lieben, zu zerstören statt zu erschaffen. Oft konnten die Christen noch Tage nach dieser Volksverhetzung in Gottes Namen den Juden nicht vergeben, dass sie angeblich an der Ermordung von Jesus von Nazareth beteiligt waren, und ließen dabei völlig außer Acht, dass Jesus selbst Jude war. Für sie ist er rein arisch gewesen, und obendrein Pole.

    Meistens dauerte der Wirbel allerdings nicht lange, und die Bewohner der umliegenden Dörfer fuhren fort, ihren „Moschek, ihren lieben, guten Juden zu besuchen oder mit ihm Geschäfte zu machen. Und so wurden wir bei unserer Ankunft in Piątek freundlich von unseren Angehörigen und der engsten christlichen Freundin meiner Großmutter, Frau Gajewitz, begrüßt. Meine Großmutter war, nebenbei bemerkt, in dieser kleinen Stadt geboren und aufgewachsen, genau wie ihre Mutter und deren Mutter und alle, so weit sie zurückdenken konnte. Sie kannte hier jeden Winkel, war vertraut mit jedem Gesicht, und alle bewunderten sie für ihre gesunde, unerschrockene Lebenseinstellung. Als sie fünfundzwanzig war, starb ihr Mann, der als größter Talmudgelehrter der Stadt galt, und ließ sie mit zwei kleinen Kindern, der vierjährigen Zofia und dem zweijährigen Mosche, zurück. Nach einer kurzen Periode der Verzweiflung rappelte sie sich wieder auf und begann, den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen. Sie hatte ein kleines Geschäft und gewann mit dem herzlichen Lachen in ihrem runden, rotwangigen Gesicht rasch die Herzen der Bauersfrauen aus der Umgebung, die ihre treuen Kundinnen und Freundinnen wurden. Außer Geld bekam sie häufig auch Geschenke. Freitagmorgens war ihr kleiner Laden erfüllt von Gelächter, heiterem Geplauder und dem Gackern von Hühnern. In dieser Umgebung wuchs meine Mutter zu einem glücklichen, unglaublich wissbegierigen Menschen heran. Das kleine Piątek war weit entfernt von Zivilisation und Fortschritt des zwanzigsten Jahrhunderts (von elektrischem Licht konnte man nur träumen), Hausunterricht war jedoch weit verbreitet, und so standen meiner Mutter mit Hilfe von Großmutters Geld alle Möglichkeiten offen, etwas zu lernen. Mit achtzehn sprach sie drei Fremdsprachen fließend, was ihr den Titel „Kluger Kopf von Piątek einbrachte.

    Die Klugheit lag ihr im Blick, und ihr freundliches Gemüt spiegelte sich in ihrem ovalen Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Kein Wunder, dass der begehrteste junge Mann der ganzen Stadt, der große, blonde, gutaussehende Jakub, sich in sie verliebte.

    Sofia Zylberberg und Tochter Leokadia (ca. 1930)

    Sofia Zylberberg und Tochter Leokadia (ca. 1930)

    Er gehörte zu einer der angesehensten jüdischen Familien, deren Name allein schon Respekt hervorrief. Seine Eltern waren Flüchtlinge aus der Stadt Kalisz, die im Ersten Weltkrieg niedergebrannt worden war. Mit sieben Kindern und kaum Hab und Gut konnten sie knapp entkommen. Einige Jahre später lernte Jakub, der Viertälteste, Zofia, seine erste Liebe, kennen. Sie heirateten und lebten, wie in allen Märchen, glücklich zusammen, bis die Nachrichten über einen näher rückenden Krieg ihren Frieden störten.

    Unser zweiter Tag in Piątek näherte sich dem Ende. Gemeinsam mit Tanten, Onkeln, Cousins, Cousinen und einigen Freunden unterhielten wir uns bestens. Das helle Lachen meiner Tante Rózia erfüllte die Luft wie das Klingeln unzähliger Glöckchen. Mein Vater verließ das Haus, um die politische Lage mit dem Bürgermeister zu besprechen. Die beiden waren alte Freunde, schon aus der Zeit, bevor meine Eltern nach Łódź gezogen waren, und er freute sich über ihr Wiedersehen. Vater kam bedrückter zurück, als wir ihn je gesehen hatten, und ermahnte seine kichernde Schwester, mit diesem Unsinn aufzuhören und ihm stattdessen zuzuhören. Die Lage schien wirklich ernst, und mit einem Mal hielten alle inne, um sich den grausamen Fakten der Realität zu stellen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir versucht, uns etwas vorzumachen, uns vom Ernst der Situation abzulenken.

    „Die Deutschen besetzen eine Stadt nach der anderen. Sie stehen schon kurz vor Łódź …, erklärte mein Vater. Bleiernes Schweigen verbreitete sich im Wohnzimmer. „Das kann doch nicht sein … unsere Armee … Tante Rózia kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Ohrenbetäubende Detonationen ertönten plötzlich … dann ein Schrei. „Bomben! Alle auf den Boden!", rief ein Mann. Meine Cousine Renia schrie laut auf. Ein Granatsplitter hatte sie am Knie getroffen. Das Haus bebte und dichter Rauch machte es unmöglich, länger im Inneren zu bleiben. Die Männer führten uns auf die Straße, die voller Flüchtender war und über der beißende, giftige Rauchwolken hingen. Rote Flammen züngelten gierig an den Häusern und Geschäften von Piąteks Einwohnern.

    Die Bevölkerung sammelte sich zusammen mit Hunderten von Fremden aus anderen Städten und Gemeinden auf dem Marktplatz. Man versuchte, die Kinder zu beruhigen, und alle blickten furchterfüllt zum Himmel. Der graue Dunst wurde von feuerrotem Lichtschein durchbrochen. Deutsche Stukas (Sturzkampfflugzeuge) flogen über uns hinweg und brachten Angst und Zerstörung.

    Die Stukas weiter im Sturzflug. Wir konnten sie leicht zählen. Zwei … vier … acht … zwölf … das laute Rattern von Maschinengewehren … Schreie … Gebete und Blut … warmes menschliches Blut. Deutschlands glorreicher Einmarsch in Polen und seine Ausbeute.

    Die deutsche Invasion

    Kapitel III

    Die Menschen flohen panisch in alle Richtungen. Es war zu gefährlich, im Freien zu bleiben; es war unmöglich, in die halb niedergebrannten qualmenden Häuser zurückzukehren.

    Schwaden von Rauch fraßen sich in unsere Lungen, brannten uns in den Augen, nahmen uns den Atem. Plötzlich war das menschliche Leben, sonst so wertvoll und kostbar, bedeutungslos. Mensch gegen Mensch hieß es … Der erste Akt der Tragödie hatte gerade begonnen. Uns kam es vor wie der Weltuntergang. Wir rannten, rannten wie gejagte Tiere. Wir rannten um unser Leben.

    Während die deutschen Stukas uns verfolgten und auf uns schossen.

    In Straßengräben versteckt warteten wir auf die Dunkelheit. Sie wurde zu unserer Verbündeten. Irgendwann verschwanden die Stukas und die ersten kleinen Sterne funkelten am Firmament, das noch einen Tag zuvor so still und friedvoll gewesen war. Bauern aus der Umgebung öffneten uns ihre Türen und Herzen, versorgten uns mit Nahrungsmitteln und Schlafplätzen und gaben sich alle Mühe, uns in unserer Angst zu trösten.

    „Keine Sorge, sie werden dahin zurückmüssen, woher sie gekommen sind, diese Deutschen, diese Teufelsdiener, diese Hurensöhne. Unsere Armee wird’s ihnen schon zeigen!"

    Aber unsere Truppen waren zu schwach, zu unvorbereitet, um der deutschen Invasion entgegenzutreten. Am nächsten Tag machten widersprüchliche Gerüchte die Runde. „Die Deutschen wurden zurückgedrängt; sie haben große Verluste erlitten und werden den schrecklichen Eroberungsplan wahrscheinlich aufgeben. Bestärkt wurde diese wunderbare Nachricht, die sich von einem Dorf zum anderen verbreitete, durch Wojtek Hula, Piąteks größten Herumtreiber und stadtbekannten Hohlkopf, der allen versicherte: „Ich hab sie gesehen! Ich hab unsere Jungs gesehen! Unsere Truppen!

    Anders als gewöhnlich wurde er dieses Mal von keinem ignoriert. „Wo?, „Kann das denn sein?, fragten Männer, Frauen und Kinder und scharten sich aufgeregt um ihn.

    Es herrschten Skepsis und Zweifel, weil der ehemalige Gerichtsdiener zuvor verkündet hatte, die Deutschen hätten bereits Piątek besetzt und könnten jeden Moment die angrenzenden Dörfer einnehmen.

    „Wojtek, du Dummkopf, du hast bestimmt die Deutschen gesehen und erzählst uns Märchen", sagten die Leute. Doch ausnahmsweise wollten sie seinen Worten so gerne glauben, dass einige sich auf den Weg machten, um nachzusehen.

    Es dauerte nicht lange, da drangen aufgeregte Rufe durch die angespannte Atmosphäre. „Es stimmt! Hurra, Wojtek! Hurra, unsere polnische Armee!" Mit ausgebreiteten Armen liefen die Menschen unseren siegreichen Soldaten entgegen – dem Stolz des ganzen Landes. Sie waren müde und erschöpft, aber sie strahlten vor Glück. Die komplett motorisierte, bestens vorbereitete und mit neuesten Waffen ausgestattete deutsche Armee zurückzuschlagen, war eine der schwierigsten Aufgaben gewesen, die sie je erfüllen mussten. Die Polen, die, von Spionen aus dem Westen unterminiert, mit inneren Machtkämpfen zu ringen hatten, waren noch nicht bereit für den großen Blitzkrieg. Doch eines wussten sie genau: Freiheit und Unabhängigkeit waren das allerhöchste Gut, und so waren sie entschlossen, wenn nötig ihr Leben dafür zu geben.

    Obwohl die Atmosphäre in den höchsten Rängen der polnischen Regierung und Streitkräfte durch zahlreiche deutsche Spione vergiftet war, obwohl im polnischen Staat manches „faul" war, liebten die Soldaten, junge Männer aus allen Gesellschaftsschichten, ihr geschundenes Land mit patriotischer Hingabe.

    Hungrig, ohne richtige Führung, nur mit den primitivsten Waffen ausgestattet, waren sie Kilometer für Kilometer auf ihren wunden Füßen marschiert, um sich der Deutschen Armee entgegenzustellen, die, unterstützt von Hunderten Kampfflugzeugen ihren Siegeszug fortsetzte. Die Schlachten an der Bzura, rund um Piątek und nahe Kutno fanden Eingang in die polnischen Geschichtsbücher. Als sie den Deutschen gegenüberstanden, hatten die polnischen Soldaten ihre Bajonette gezogen und den Feind in blutigem Gefecht vorerst zurückgeschlagen.

    Die Bauern boten ihnen an, bei ihnen zu übernachten, doch die Soldaten hatten beschlossen, ihren Marsch trotz ihrer Müdigkeit fortzusetzen, um weitere Teile ihres zerstreuten Bataillons zu treffen.

    Am nächsten Tag kehrten wir nach Piątek zurück. Wir saßen auf den Trümmern der einst so friedlichen Stadt und schmiedeten Pläne für die nahe Zukunft, als erneut schlechte Nachrichten eintrafen: „Die Deutschen kehren zurück!"

    Die jungen Leute erhielten die Anweisung, sofort Richtung Kutno aufzubrechen. Man zog in Erwägung, dass sie sich der polnischen Armee anschließen und wenigstens die Stadt gemeinsam verteidigen könnten. Den Älteren sagte man, sie sollen bleiben und sich in Kellern verstecken, während die deutschen Truppen näher rückten. Großmutter gab mir ihren Segen und nahm mich in den Arm. „Sei tapfer, bis wir uns wiedersehen", sagte sie und folgte uns noch lange mit dem Blick.

    Und als wir uns irgendwann umdrehten, war Piątek nur noch ein verschwommenes Etwas. Wir versteckten uns in Gräben, durchquerten Wälder und Wiesen. Müde und ganz benommen vor Erschöpfung versuchten wir Kutno zu erreichen, bevor die Deutschen uns fassen konnten. Mit zerrissenen Kleidern und schmutzigen Gesichtern näherten wir uns nach einem langen Fußmarsch den Vororten der Stadt, während so ohrenbetäubende Bombenexplosionen die Luft zerrissen, dass uns fast das Herz stehen blieb.

    Freundliche Menschen gewährten uns Unterschlupf. Dort warteten wir zutiefst verzweifelt und hilflos. Es gab weder Waffen noch Munition, um uns zu verteidigen. Nur kochend heißes Wasser und Messer – ein lächerliches Spiel mit dem Tod. Wir warteten auf irgendeinen Hoffnungsschimmer. Plötzlich flog die Tür zum feuchten Keller auf, in dem wir uns versteckt hielten. Mit groben Flüchen auf den Lippen, die Maschinengewehre im Anschlag, stampften triumphierend die Besatzer herein. Sie grinsten spöttisch, während einer, höchstwahrscheinlich ihr Befehlshaber, uns mit seiner Taschenlampe blendete. „Raus hier, ihr dreckigen Ratten!, brüllte er und lachte. „Der Krieg ist vorbei! Und fügte kurz darauf, wobei er ein paar schlanke junge Mädchen musterte, hinzu: „Schöne Frauen, diese polnischen Frauen."

    Kapitel IV

    Es war kein böser Traum. Schlagartig wurde uns die schreckliche Wahrheit bewusst. Uns blieb keine Zeit zu reagieren. Alles ging blitzschnell. Zwei ältere Männer wurden erschossen, mehrere junge Mädchen vergewaltigt und misshandelt. Andererseits versetzten gewisse Vorkommnisse die örtliche Bevölkerung in eine Art Rauschzustand. Schließlich jubelten etliche Polen zusammen mit den Besatzern auf den Straßen und vergaßen völlig das schlimme Schicksal ihres Heimatlandes. Von der deutschen Armee wohlwollend geduldet, plünderten sie Geschäfte, lachten und tanzten und wiederholten wie in Trance: „So übel sind die Deutschen gar nicht." Auf der Straße wurde Essen an die Bürger verteilt, während Kameras klickten und Fotos geschossen wurden und Soldaten blondhaarige Kaśkas und blauäugige Maryśkas umarmten, Schokolade an kleine Kinder verschenkten und ihre rotwangigen Gesichter küssten. Die Mehrheit der Bevölkerung war jedoch misstrauisch und am Boden zerstört. Die Menschen versteckten sich in ihren Wohnungen und suchten nach einem Ausweg aus dieser hoffnungslosen Situation. Vergeblich. Das Blatt der Geschichte hatte sich gewendet, und nichts und niemand konnte den Lauf des Schicksals noch aufhalten. Zwei Tage später beschlossen wir, nach Piątek zurückzukehren. Blitze zuckten am Himmel. Donnerschläge erschütterten die regennasse Luft, versuchten scheinbar, die entsetzlichen Explosionen der vergangenen Tage zu übertönen.

    Völlig durchnässt erreichten wir Piątek. Bleiernes Schweigen lag über der kleinen Stadt, und die Trauer, die sich seit Beginn des Krieges in unseren Herzen breitgemacht hatte, wurde angesichts der Ruinen des einst so belebten Ortes noch tiefer.

    Wir sahen uns um. Wo waren die Menschen? Hielten sie sich etwa noch immer versteckt? Da schlich eine kleine, ängstliche Gestalt aus einem halb verbrannten Haus. Es war Josele, der Sohn des großen Don. Er sah uns so erschrocken an, dass ich Schlimmes ahnte.

    „Weißt du, wo meine Großmutter ist, Josele?", fragte ich. Meine Mutter bewegte stumm die Lippen. Angsterfüllt sah sie dem Jungen ins Gesicht und wurde immer blasser.

    Josele zitterte, begann zu schluchzen. Undeutliche Laute drangen aus seiner Kehle. Er versuchte wegzulaufen, der Frage zu entkommen – und uns. Doch mein Vater packte ihn fest am Arm. Josele fing an zu weinen. Und während sich sein Schmerz und seine Trauer in Tränen auflösten, drangen Worte aus seinem Mund, kurze zusammenhanglose Sätze, die uns erbarmungslos trafen.

    Zerstörte Häuser am Hauptplatz von Piątek, wo das Haus der Zylberbergs stand.

    Zerstörte Häuser am Hauptplatz (Rynek) von Piątek im September 1939, wo sich das Haus der Familie Zylberberg befand.

    „Bomben sind gefallen … Brandbomben … und die Deutschen haben geschossen, sind mit ihren Flugzeugen immer tiefer gekommen. Sie war in der Hütte dort hinten … und hat mit ihrem älteren Bruder gesprochen. Plötzlich dieser schreckliche Lärm. Und Feuer … es hat sich blitzschnell verbreitet. Niemand konnte ihr noch helfen herauszukommen. Ihr Bruder hat es versucht, aber ein Granatsplitter traf ihn im Rücken … sein Bart fing Feuer … keiner traute sich aus dem Haus … sie … ach, bitte … lasst mich gehen! Ich kann nicht darüber sprechen … bitte …" Mit aller Macht riss er sich los und rannte heulend und schreiend wie ein verwundetes Tier davon.

    Kapitel V

    Der Verlust meiner Großmutter war ein schwerer Schlag für uns. Meine Mutter hatte die Hände auf die Knie gelegt und starrte schweigend auf das halb zerstörte Dach des Hauses meiner Tante. Sie war unfähig zu sprechen, unfähig zu weinen. Sie stand so unter Schock, dass niemand sie ablenken, niemand ihr die schwere Last der Verzweiflung erleichtern konnte. Die Zeit verging jedoch schnell, und quasi minütlich passierte etwas Schreckliches.

    In Piątek wimmelte es von deutschen Soldaten in grauen Uniformen. Unter der Herrschaft des Hakenkreuzes flossen von Anfang an Blut und Tränen. Die Menschen wurden auf die Straßen getrieben, um sie zu säubern, um die Leichen zu beerdigen. Nicht selten mit einer Kugel als Belohnung.

    Auch an unsere Tür klopften zwei deutsche Soldaten, die Männer zum Arbeiten suchten. Es war meine erste persönliche Begegnung mit dem Feind, mit Fremden, die ich nicht hassen konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte. Der ältere, ein Mann in den Vierzigern, hatte ein gütiges Gesicht und einen freundlichen Blick. Als er sich umsah, entdeckte er das Foto meines Großvaters an der Wand, das Bild eines Patriarchen mit kurzem dunklen Bart. „Ein Jude, rutschte es dem Mann heraus. Sein Blick wanderte zu mir, dann zu meiner Mutter. „Verstecken Sie das Foto lieber, bevor jemand anfängt, Ihnen deswegen Probleme zu machen. Es tut mir leid, sagte er mit entschuldigendem Unterton in der Stimme. „Alles, was gerade passiert, tut mir leid, fügte er noch hinzu. „Aber ich kann es nicht verhindern. Er zog eine Birne aus der Tasche und reichte sie mir. „Lass sie dir schmecken", sagte er lächelnd und ging.

    Der jüngere, der in der Zwischenzeit das Innere des zerstörten Gebäudes inspizierte, untersuchte die Wände nach Gold, gab jedoch schließlich auf und begann eine Unterhaltung. Offenbar war er froh darüber, dass er jemanden gefunden hatte, der seine Sprache sprach. Er war fast noch ein Kind, ein verwirrter Junge, der mit Hitlers Siegen prahlte, während er gleichzeitig die armen Polen bemitleidete. Er bedauerte uns angesichts unseres Unglücks, und er hasste uns, weil wir so dreist waren, einen Krieg gegen Deutschland zu führen. Er bewunderte meine Locken, lobte mich für mein Deutsch, hatte anscheinend das Gefühl, wir könnten Freunde sein. Doch dann fiel ihm wohl wieder ein, dass ich Jüdin war und Juden die Wurzel allen Übels, dass … trotzdem gefielen ihm meine Haare … Ich war doch so jung und hübsch. In Polen galten die Nürnberger Gesetze noch nicht. „Ich komme heute Abend vorbei, sagte er und nahm meine Hand, „sperr nicht die Tür zu. Dann lenkte er seine Schritte Richtung Ausgang und ließ mich fassungslos zurück.

    Ich sah, wie meine Mutter zitterte, doch kurz darauf hatte sie sich wieder gefasst.

    „Wir gehen zurück nach Łódź, sagte sie entschieden. „Egal, wie gefährlich es ist, wir müssen das Risiko eingehen.

    Großmutters Freundin Frau Gajewicz überredete einen alten Bauern, uns drei aus Piątek zu schleusen. Zwei Stunden später saßen wir auf einem Wagen, der von einem grauen, wohlgenährten Pferd gezogen wurde, und fuhren Richtung Łódź. Unsere Heimkehr verlief trist, trist und schweigsam. Der Tag war warm und golden, die Straßen und die Felder, die wir passierten, konnten ihre eigenen Geschichten vom Krieg erzählen. Überall verstreut lagen entwurzelte Sträucher, und Haufen aus schmutzigen Zweigen versperrten uns den Weg. Zahlreiche Explosionen hatten den Erdboden aufgerissen; das zertrampelte Gras war voller Blut. In den Gräben das ganze Grauen der vergangenen Tage. Eine Leiche auf der anderen … Deutsche und Polen im Tode vereint.

    In Łódź selbst hatte sich kaum etwas verändert. Entgegen allen Voraussagen war die Stadt nicht bombardiert worden. Der einzige Unterschied bestand darin, dass auf der Straße vorwiegend Deutsch gesprochen wurde. Überall waren schwarze Hakenkreuze auf den Armen polnischer Bürger deutscher Herkunft zu sehen, und fremde grüne Uniformen beherrschten das Bild meiner Heimatstadt. Jeder wartete auf gute Nachrichten aus der Hauptstadt, doch gute Nachrichten waren eine Illusion.

    Der Fall Warschaus, das sich drei aussichtslose Wochen lang verteidigte, das Hunger und Durst ertrug, das den Verlust Tausender Einwohner hinnehmen musste, war der finale Schlag gegen das polnische Volk. Er markierte das Ende der Unabhängigkeit, für die man so tapfer gekämpft hatte; er markierte den Beginn der deutschen Besatzung, den Anfang der deutschen Zwangsherrschaft.

    Im Angesicht von Angst und Schrecken weinten die Menschen in aller Öffentlichkeit wie die Kinder. Bald schon bestimmten strenge Anordnungen unseren Alltag und trübten jegliche Hoffnung für die Zukunft. Wer nicht gehorchte, dem drohte die Todesstrafe. Juden wurden auf der Straße aufgegriffen und zu schwerer Arbeit gezwungen. Sie wurden gedemütigt, geschlagen, misshandelt. „Wir wollten den Krieg! Wir haben den Krieg angezettelt!", mussten sie auf offener Straße rufen. Man riss ihnen gnadenlos die Bärte aus, schlug ihnen aus Spaß ins Gesicht … Ihre Existenz war nur noch eine Spur aus Blut, Schmerz, Spott und Verachtung. Für sie war kein Platz mehr in der menschlichen Gesellschaft.

    Eines Morgens wurden die führenden Köpfe und die Geistlichen der Stadt gefangengenommen. In Radogoszcz, einem behelfsmäßigen Lager am Stadtrand von Łódź, wurden sie gefoltert, getötet oder, wenn es nicht gleich so schlimm kam, von dort aus nach Auschwitz transportiert.

    Juden mussten, um sie von der restlichen Bevölkerung zu unterscheiden, weiße Armbinden mit einem blauen Stern darauf tragen, die später dem gelben auf Brust und Rücken angebrachten Davidstern wichen. So waren sie schon von Weitem zu erkennen. Von da an bewegten sich Juden durch die Straßen wie verängstigte Kaninchen, fürchteten, jederzeit von hinten gepackt, rücklings erschossen oder an unbekannte Orte deportiert zu werden. Menschen verschwanden und kehrten nie zurück. Die Frauen, die bei den Deutschen arbeiten mussten, wurden missbraucht und misshandelt.

    Schließlich sollte ein Ghetto eingerichtet werden – ein abgeschlossenes Stadtviertel nur für Juden. Wer vorher die Stadt verlassen wollte, wandte sich an das Generalgouvernement in Zentralpolen, welches durch Annexion direkt dem deutschen Reichsgebiet unterstellt war, und erhielt die Erlaubnis mit maximal fünfundzwanzig Kilogramm Gepäck auszureisen.

    Wir ließen unsere Wohnung, unsere Möbel und fast all unsere Habseligkeiten zurück und brachen, nur mit Rucksäcken ausgestattet, in Richtung Łowicz auf, das sich auf dem Gebiet des Generalgouvernements befand. Wieder saßen wir auf einem Pferdewagen, dieses Mal in eine andere Richtung. Die hohen Schornsteine von Łódź schienen zu zergehen und verschwanden im milchig weißen Morgendunst. Adieu, Łódź, Stadt meiner Kindheit!

    In Łowicz

    Kapitel VI

    Łowicz gefiel mir vom ersten Tag an, als meine Tante Estera, die Schwester meines Vaters, mich in ihre Arme zog und mir einen dicken Kuss gab. Ich mochte die Sauberkeit dort, die Freundlichkeit und die Herzlichkeit, die alle einem entgegenbrachten, die in dieser reizenden polnischen Stadt wohnten.

    Bisher waren die Juden dort nicht allzu vielen Repressalien ausgesetzt gewesen. Sie standen in friedlichem Kontakt mit ihren christlichen Freunden und blickten im Glauben an Gott hoffnungsvoll in die Zukunft. Dennoch wäre es weit gefehlt zu behaupten, die Einwohner von Łowicz hätten nicht unter den Auswirkungen des Krieges gelitten. Sie befanden sich im Zentrum eines erbitterten Kampfes, zu dem sie heldenhaft und aufopferungsvoll beitrugen. Während eine geschlossene Einheit deutscher Soldaten immer näher gerückt und der Widerstand auf polnischer Seite ungebrochen geblieben war, hatten die Angreifer beschlossen, die Stadt mit einem abscheulichen Manöver in die Knie zu zwingen. Sie trieben Polen aus den bereits besetzten Gebieten zusammen und zwangen sie mit vorgehaltener Waffe, sich nebeneinander auf den Boden zu legen und so ein menschliches Schutzschild zu bilden. Mit dieser teuflischen Strategie glaubten sie, leicht zu gewinnen. Die polnische Armee, davon waren die Deutschen überzeugt, würde ihre Kampfhandlungen einstellen, um die unschuldigen Menschen zu retten. Auf polnischer Seite fiel die Entscheidung blitzschnell.

    Ohne Rücksicht auf die deutschen Gewehre stürmten die polnischen Soldaten, die im Umgang mit dem Bajonett äußerst geübt waren, auf die Feinde zu und metzelten Hunderte von ihnen nieder. Der Angriff wurde zurückgeschlagen, die Bevölkerung gerettet.

    Ein paar Tage darauf jedoch kehrten die deutschen Angreifer, von Kampfbombern unterstützt, zurück, und dieses Mal gelang es ihnen, die Stadt einzunehmen. Łowicz gehörte zu dem Teil Polens, der das Generalgouvernement bildete. Der polnische Bürgermeister hatte weiterhin Einfluss auf das Leben in der Stadt und versuchte nach einer Woche Chaos und Gewalt, die Ordnung auf seine Weise wiederherzustellen; durch Bestechung und mit Hilfe der „Volksdeutschen".

    Als wir eintrafen, pulsierte das Leben fast wie vor der Invasion, bis auf die Ausgangssperre, die ab neun Uhr abends herrschte und die sorgenvolle Ungewissheit, die alles überschattete. Umgeben von meinen Cousins, Cousinen, Onkeln und Tanten fühlte ich mich sicherer. Ihre Nähe und Zuwendung, ihre Zuversicht milderten die Ängste, die mich seit den ersten schmerzvollen Erfahrungen mit dem Krieg belasteten.

    Meine Cousine Sala und ich waren im selben Alter, wir hatten gemeinsame Freunde und Interessen. Da den jüdischen Kindern der Schulbesuch untersagt war, setzten wir unsere Ausbildung mit Hilfe heimlich beschaffter Bücher unter der Anleitung meiner Mutter fort. Wir trösteten uns mit der Hoffnung, dass der Krieg bald vorüber wäre und dass unsere westlichen Alliierten Adolf Hitler seine wohlverdiente Lektion erteilen würden. Wir waren noch so jung, und junge Menschen fügen sich leicht in alle möglichen äußeren Umstände, während sie oft an das Unmögliche glauben. Unsere lebhafte Fantasie ließ uns der Zukunft naiv entgegenblicken, große Pläne schmieden, Luftschlösser bauen. In jenen späten Herbsttagen lernte ich Ryszard kennen.

    Er war stattlich und gutaussehend und fast schon siebzehn. Er hatte die blauesten Augen, die ich je gesehen hatte, und blonde Haare, die golden schimmerten. Er spielte meisterhaft Klavier und erfüllte unser einsames Dasein mit Musik. Ich fühlte mich wieder unbeschwert, hoffnungsvoll, war wieder ganz ich selbst. Das Leben ist schön, wenn man sich öffnet, jeden Augenblick, jedes Geschenk der Natur genießt. Wenn man hinauf zum Himmel blickt und die Sterne zählt, stets etwas dazulernt, wenn man Musik hört und sich Gott näher fühlt. Unsere Freundschaft wuchs mit jedem Tag. In Gesellschaft suchten wir die Nähe des anderen. Wir lernten, mit Blicken zu sprechen, während unsere Lippen schwiegen. Wir spazierten durch den Park, hielten uns die Hände und sprachen über alles, was uns in den Sinn kam.

    Die Welt schien uns zu gehören, und die Zeit verging wie im Flug. Als sich mit den ersten Schneeflocken der Winter ankündigte, war der Krieg noch immer nicht vorbei.

    Das besetzte Polen litt unter der eisernen Faust der deutschen Herrschaft, wobei die Juden die Hauptopfer waren. Eine neue Anordnung wurde erlassen und in allen kleineren Städten und Dörfern umgesetzt: die Massendeportation nach Warschau. Aus sämtlichen Teilen Polens trafen Ströme von Flüchtlingen mit frierenden Kindern und ihren Habseligkeiten im Generalgouvernement ein, die ins deutsche Reichsgebiet gebracht werden sollten. Besitzlose Menschen, die alles verloren hatten, suchten ein neues Zuhause, kämpften um ihre Daseinsberechtigung. Tante Esteras Haus stand allen offen.

    Wir kochten ihnen Tee, versorgten die Kinder mit Essen, redeten ihnen gut zu, bevor sie wieder hinaus in die Kälte gingen, um sich eine andere Bleibe zu suchen. Und so verging ein Tag nach dem anderen, überschattet von schlechten Nachrichten aus allen Richtungen. Dann kam der Frühling. Die Bäume wurden grün, Knospen öffneten sich unter dem blauen Himmel, der Duft des Erwachens lag in der Luft. Unsere Hoffnungen wuchsen. Unsere Stimmung stieg mit dem einsetzenden Zwitschern der Vögel. Doch die Natur sollte uns täuschen. Neue Nachrichten über die unheilvolle Bedrohung erreichten uns, die fortan über unseren Köpfen schwebte wie ein Damoklesschwert.

    Mit der Zustimmung der polnischen Bevölkerung, vertreten durch den Bürgermeister und den Stadtrat, sollten die Juden von Łowicz gezwungen werden, in einem Ghetto zu wohnen. Ich saß neben Ryszard und begann zu weinen. Es fiel mir schwer, mich zu beherrschen. Er hielt meine Hand in seiner …

    „Ryszard, können wir denn jetzt noch von einer rosigen Zukunft träumen? Leben, hoffen und Pläne schmieden? Oder ist das der Anfang vom unausweichlichen Ende?" Er trocknete mir mit einem Taschentuch sanft die Tränen und küsste – unerwartet für mich und wohl auch für ihn – meine Wangen. Dann gab er mir einen langen innigen Kuss auf den Mund. Ich hörte sein Herz pochen. Und fürchtete, mein eigenes könnte mir vor Aufregung aus dem Brustkorb springen. Die Welt um uns drehte sich. Etwas Neues, Wundervolles geschah mir. All unsere Ängste und Sorgen schmolzen mit unserem ersten Liebeskuss dahin.

    Kapitel VII

    Das Ghetto von Łowicz bestand aus ein paar schmalen Straßen und war durch einen Zaun vom christlichen Teil der Stadt getrennt. Wir wurden von der polnischen Polizei bewacht

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