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Lange Strümpfe & Blaues Halstuch: Ich war ein Kind des Sozialismus
Lange Strümpfe & Blaues Halstuch: Ich war ein Kind des Sozialismus
Lange Strümpfe & Blaues Halstuch: Ich war ein Kind des Sozialismus
eBook301 Seiten3 Stunden

Lange Strümpfe & Blaues Halstuch: Ich war ein Kind des Sozialismus

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Über dieses E-Book

1945. Deutschland lag in Schutt und Asche.
Der Werwolf streifte durch das Land, suchte nach Männern oder Knaben, die noch taugten, in eine Uniform gesteckt zu werden und eine Panzerfaust zu tragen um den bereits sinnlos
gewordenen Krieg noch länger hinaus zu zögern.

Der Vater des Autors war nicht mehr an die Front zurück gekehrt und lag zu dieser Zeit schwer krank im Heimat-Lazarett.

Kurz nacheinander lösten sich nach Kriegsende amerikanische und russische Besatzer in Thüringen ab.
Die abziehenden Amerikaner nahmen den Vater als Gefangenen mit nach Westen.
Niemand wusste zunächst etwas über seinen Verbleib.

In dieses Chaos hinein wurde Edgar Stötzer am 27. September geboren.
Dies ist ein Bericht, wie er die Kindheit in dem selbst noch in Kinderschuhen steckenden sozialistischen Staat wirklich empfunden hat.
Ohne pathetische Nostalgie berichtet er aus seiner Jugend als heranwachsende Persönlichkeit.
Eine Kindheit, ohne Carepakete aus den USA, ohne jegliche Spielzeuge und ohne Urlaubsreisen mit den Eltern.
Sachlich schildert er, wie er die Zeit aus kindlicher und jugendlicher Sicht und den späteren Wandel im Bewusstsein wirklich empfunden hat.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum1. Juli 2014
ISBN9783849583378
Lange Strümpfe & Blaues Halstuch: Ich war ein Kind des Sozialismus

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    Buchvorschau

    Lange Strümpfe & Blaues Halstuch - Edgar Stötzer

    Prolog

    Mein Vater hatte Glück. Kurz vor dem Ende des Krieges hatte er Heimaturlaub bekommen um sich von einer chronischen Herzmuskelentzündung zu erholen, die er sich nach einer Virusgrippe in einem der unendlichen, todbringenden, russischen Winter zugezogen hatte.

    Trotz aufopferungsvoller Pflege durch meine Mutter wurde er immer schwächer, und der Tag seiner Meldung zum Dienst an der Front rückte immer näher.

    Die beiden Fronten müssen sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf deutschem Boden befunden haben. Genaue Daten sind mir aber nicht bekannt.

    Einen Arzt zu finden war in den Wirren dieser letzten Kriegswochen nicht einfach. Zumal mein Vater als Soldat eben auch verpflichtet war, einen Militärarzt aufzusuchen.

    Gehfähig war er nicht und an einen Hausbesuch durch einen Mediziner war natürlich auch gar nicht zu denken.

    So packte die Mutter unseren Papa kurzerhand in mehrere Decken und in einen Handwagen und machte sich zu Fuß mit dem Wägelchen im Schlepp auf, um in der 19 km entfernten Garnisonsstadt einen Militärarzt aufzusuchen.

    Eine Fahrt mit dem Zug war nicht angeraten; zum einen, weil der Transport des todkranken Mannes so nicht möglich gewesen wäre. Zum anderen, weil es ohnehin keine planmäßigen Verbindungen mehr gab. Entweder war keine Kohle für die Lokomotiven da oder es fehlten ganz einfach die Lokomotiven, die anderenorts kriegswichtige Einsätze zu fahren hatten. Es konnte aber auch sein, dass die Bahngleise bereits zerbombt waren.

    Also, wie auch immer – der Handwagen erwies sich als das beste und auch das einzige, zur Verfügung stehende Transportmittel.

    Nun stelle man sich vor: Eine 24-jährige junge Frau - schwanger, im Winter auf der Landstraße mit einem Handwägelchen in welchem ein dick eingemummelter todkranker junger Mann liegt. Wenigstens vier Stunden Wegezeit, unterbrochen von anfliegenden Bombergeschwadern, die auf dem Weg waren, um über den näheren Klein- oder fernen Großstädten ihre tödliche Last abzuwerfen. Unterbrochen, weil man sich in dieser Situation schnellsten in den Straßengraben zu ducken hatte um dort ganz still auszuharren, bis der Pulk vorüber geflogen war. Den Schutz der Nacht nutzten sie schon lange nicht mehr, denn die Flugabwehr und der größte Teil der Luftwaffe des deutschen Heeres waren bereits ausgeschaltet. Es gab keinen nennenswerten Widerstand mehr.

    Irgendwann war man dann doch in der Flak-Kaserne angekommen und hatte sich bis zum Feldarzt durchgefragt.

    Der stand sodann breitbeinig mit sorgsam gewichsten Stiefeln und die Daumen im Koppel, vor dem Häufchen Unglück, das von einem Menschen - von einem verdienten Frontsoldaten übrig geblieben war, betrachtete meinen Vater geringschätzig und fragte nach seinem Stellungsbefehl. Alsdann schnauzte der Herr Feldarzt den Mann an, dass er ja wohl nur simuliere und nun schleunigst zusehen soll, dass er sich auf den Weg zu seiner Einheit in Marsch setze. Ansonsten würde er ihn auf der Stelle wegen Wehrdienstverweigerung vor ein Standgericht bringen.

    Also packte Muttchen den Vater wieder in seine Decken, alle zusammen in das Handwägelchen und machte sich erneut auf den Weg.

    Wohin? Das wusste sie in diesem Moment auch noch nicht…

    Der Zufall wollte es, dass ihnen ein Oberstabsarzt auf dem Kasernenhof über den Weg lief und fragte, was denn mit dem Kameraden los sei.

    Sie konnte ihm kurz über den Zustand des Patienten berichten und dieser Oberstabsarzt gebot ihr alsdann, ihn mit ihrem Mann in sein Kabinett zu begleiten.

    Nach gründlicher Untersuchung gab er der Mutter einen Einweisungs-Schein und riet ihr, sich umgehend auf den Weg in das nächste Lazarett zu begeben. Nicht ohne ihr vorher noch klar zu machen, dass der Zustand des Patienten wirklich ernst sei.

    Besagtes Lazarett befand sich wiederum ca. 20 km von der Kreisstadt entfernt im Kurhaus eines kleinen Kurbads, unweit meines späteren Geburtsortes Ernstroda.

    Also noch einmal die Prozedur: Decken, Mann, Handwagen und ab auf die Landstraße. Diesmal wohl ohne Unterbrechung durch feindliche Bombergeschwader. Möglicherweise auch der Tatsache geschuldet, dass der Weg über große Strecken durch bewaldetes Gebiet führte.

    Sie lieferte ihren Mann im Lazarett ab und begab sich weitere vier Kilometer zu Fuß zu meinen Großeltern - ihren Eltern, die unweit des Kleinstädtchens lebten.

    Hier richtete sie sich ein und konnte jetzt auf kürzerem Weg täglich meinen Vater besuchen.

    Dessen Zustand indes verschlechterte sich zusehends.

    Der kleine Luftkurort Friedrichroda am Rande des Thüringer Waldes wurde massiv von amerikanischen Bombern attackiert. Zweifellos hatten die Alliierten Kenntnis von einem geheimen Projekt erlangt, welches hier in der Werkstatt eines Möbeltischlers das „unsichtbare Flugzeug, eine immer wieder angekündigte Wunderwaffe, entwickelte. Es soll sich um einen „Nurflügler mit Holzbeplankung und Radar absorbierendem Tarn-Anstrich gehandelt haben. Ein Eisenbahntunnel ganz in der Nähe, unter dem Rheinhardsberg, in welchem bisher Granaten gedreht wurden, diente jetzt der Teilefertigung für das Flugzeug. Tatsächlich war man mit der Entwicklung der „Horten IX" der Zeit schon weit voraus. Aber das Flugzeug ging nie in Serienproduktion.

    135 Einwohner kamen damals im Bombenhagel um. Über 35 Häuser wurden zerstört.

    Der damalige fanatische Gauleiter der NSDAP von Thüringen, Fritz Saukel, hatte noch immer die Vision, dass dieses Städtchen das Zentrum „seines" 4. Reiches werden solle, während sich um Thüringen herum, im übrigen Deutschland, die Alliierten bereits etabliert hatten.

    Unser Städtchen hieß in den Geheimakten der Nazis „Wolfsturm. Regierungszentrum von Saukels 4. Reich sollte das bekannte Schloss „Rheinhardsbrunn werden.

    Der Gauleiter ließ obendrein noch fieberhaft weitere unterirdische Produktionsanlagen für Waffen und Gerät in ganz Thüringen errichten.

    Aber zu spät…

    Als die Amerikaner am 14. April 1945 Friedrichroda erreichten, fiel ihnen neben den Konstruktionsunterlagen auch der fast fertige dritte Prototyp des Flugzeugs „Horten IX" in die Hände. Noch heute ist das Flugzeug im National Air and Space Museum der USA zu sehen.

    Der Krieg ging seinem Ende zu. Seit dem 16. April 1945 wurden das Land Thüringen und der Regierungsbezirk Erfurt von amerikanischen Militärregierungen in den Stadt- und Landkreisen beherrscht.

    Am 9. April 1945, war das Kurhaus, ein repräsentatives Gebäude hoch über der Stadt, durch Artillerie-Beschuss und durch die Explosion von, im Keller gelagerter Munition zerstört worden. Die Patienten wurden eiligst in ein anderes Gebäude „Haus Buchholz" evakuiert, nachdem das ehemalige Kurhaus bereits in hellen Flammen stand. Es brannte bis auf die Grundmauern ab.

    Noch in den Tagen, nach der Einnahme durch amerikanische Truppen beschossen Partisanen der so genannten „Organisation Werwolf" vom Tal aus das Lazarett auf dem Berg, welches durch die Amis bereits besetzt war und in dem mein Vater als Patient lag, mit Mörsern.

    Der „Werwolf war noch im September 1944 von Heinrich Himmler ins Leben gerufen worden. Als „nationalsozialistische Untergrundbewegung sollten die Werwölfe unter anderem subversive Anschläge auf die Besatzungsmächte verüben, und die deutsche Bevölkerung von einer Zusammenarbeit mit den Alliierten abhalten.

    Diese „Treuen Volksgenossen, verblendet von der noch immer anhaltenden Propaganda und der Parole vom bevorstehenden „Endsieg hatten in Kauf genommen, dass Dutzende von schwerkranken Soldaten in den Flammen umkommen würden. Wie viele letztendlich dort den Tod fanden, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Mein Erzeuger muss da jedenfalls noch am Leben gewesen sein.

    Das ehemalige Kurhaus von Friedrichroda (Alte Postkarte)

    Die nahen Forste des Thüringer Waldes wurden zu dieser Zeit auch noch von SS-Leuten intensiv nach „Deserteuren" durchkämmt. Fand man einen Mann, der sich vor den SS-Schergen aus irgendeinem Grund versteckt hatte, wurde der auf der Stelle erschossen.

    Dem aufmerksamen Wanderer auf dem Rennsteig werden die zahlreichen Gräber die sich noch heute zu beiden Seiten des Weges befinden, sicher nicht entgangen sein. Aber im Allgemeinen sind diese Grabstätten derzeit unauffällig im Unterholz zu finden und meistens im Laufe der Jahre ganz und gar verwittert. Da trifft man nicht selten auf Gräber von 16 bis 17- jährigen Jungen. Entweder bei letzten aussichtslosen Kämpfen mit den Alliierten gefallen, oder gar von der SS hingerichtet.

    Am 25. April treffen bei Torgau an der Elbe sowjetische und amerikanische Truppen aufeinander. Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa rückte in greifbare Nähe.

    Kurz nach der Kapitulation am 07. Mai 1945, wurde Mitte Juni vom VIII. US-Corps eine Militärregierung in Thüringen ausgerufen.

    Zunächst bestand Ausgangssperre von 18:00 Uhr bis 08:00 Uhr. Waffen, Kraftfahrzeuge und Fotoapparate mussten abgegeben werden oder wurden liquidiert.

    Jedoch lediglich drei Monate sollte das Sternenbanner über dem Land Thüringen wehen.

    Am 30. Juni 1945 kam der Befehl an das VIII. US-Corps, das Haupt-Quartier und das Land Thüringen am 3. Juli zu verlassen. Die militärische Kommandozentrale und die Militärregierung für Thüringen zogen bereits am 2. Juli ab. Mit dem Abrücken dieser Kommandostellen endete die amerikanische Besetzung Thüringens.

    Später stellte sich heraus, dass die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen bereits auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 so beschlossen wurde. Auch war da schon besiegelt worden, dass jede von den vier Militärmächten einen Sektor der deutschen Hauptstadt Berlin erhalten sollte sollte.

    Beim Verlassen des Landes Thüringen nahmen die Amerikaner auch die gefangen genommenen Patienten des Lazaretts mit auf den Transport gen Westen.

    Damit verlor sich erst einmal jede Spur von meinem Vater.

    Jetzt zogen die Russen als Besatzer in Thüringen ein. Eilends wurden von den Menschen die wenigen Wertgegenstände oder das, was man dafür hielt, vergraben.

    Die Soldaten der Roten Armee hatten für alles Verwendung: Uhren aller Art, Fotoapparate, Fahrräder…

    Häuser und Ställe wurden geplündert. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, ließen die Soldaten mitgehen.

    Sie molken Ziegen und Kühe, schlachteten das Vieh, pochten nachts an Türen oder Fenster, machten sich in den Stuben breit und tafelten nach Herzenslust. Sie soffen Unmengen von Wodka und gaben sich als Sieger. Nicht selten wurde auch von Vergewaltigungen berichtet, wenn sich die Frauen widersetzten.

    Wie mir meine Oma väterlicherseits erzählte, ging man aber mit marodierenden Soldaten der Sowjetarmee auch nicht gerade zimperlich um:

    „Wie Vieh warf man die besoffenen Kerle auf die Pritschen der Lkws, berichtete sie. „Wenn einer fliehen wollte, wurde kurzer Prozess gemacht.

    „Was ist ‚kurzer Prozess‘ Oma"?

    „Der wurde mit Gewehrkolben geschlagen, bis er liegen blieb oder gleich erschossen".

    Die Männer des Dorfes waren zum Großteil noch immer nicht aus dem Krieg heimgekehrt. Sie waren Gefangene einer fremden Macht, galten als vermisst oder waren gar gefallen.

    Wie sollte man sich gegen eine solche Übermacht zur Wehr setzen. Noch war keine „Normalität" wieder hergestellt.

    Die Lage konsolidierte sich erst, nachdem am 9. Juli 1945 die Sowjetische Militäradministration des Bundeslandes Thüringen in Weimar ihre Verwaltungstätigkeit in dem nun vereinigten Land Thüringen aufgenommen hatte.

    Zunächst hatte es den Anschein, dass die sowjetische Besatzungszone zum Motor eines demokratischen Neuanfangs in Deutschland werden würde.

    Die Sowjetische Militäradministration Deutschlands (SMAD) ließ bereits am 10. Juni 1945 die Gründung von Parteien und Gewerkschaften in ihrer Besatzungszone zu. Nach wenigen Wochen hatten sich die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands), die SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands), die CDU (Christlich Demokratische Union) sowie die LDPD (Liberal Demokratische Partei Deutschlands) formiert.

    Unter dem Druck der sowjetischen Besatzungsmacht kapitulierte der damalige Vorsitzende der SPD, Otto Grotewohl und reichte Wilhelm Pieck beim Vereinigungsparteitag am 21./22. April 1946 im Ost-Berliner Admiralspalast die Hand. Damit war die Vereinigung von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vollzogen.

    Wilhelm Pieck wird mit Gründung der Deutschen Demokratischen Republik 1949 Staatspräsident und Otto Grotewohl Ministerpräsident im neu gegründeten Staat. Die Vormacht der SED ist damit besiegelt.

    Der symbolische Händedruck der beiden Parteivorsitzenden vor roter Fahne blieb bis zum Ende der SED 1989 im Logo der Partei.

    Frühe Kindheit

    Mitten in das herrschende Chaos wurde ich hineingeboren. Es war der 27. September 1945. Erst wenige Tage vorher hatte meine Mutter die Nachricht vom Ableben des Vaters in einem amerikanischen Lazarett in Marburg an der Lahn erhalten. Seit fünf Monaten war sie im Ungewissen über den Verbleib ihres Mannes gewesen.

    Mutter, Oma und Tante bemühten sich redlich, mir kleinem, unterernährten Geschöpf das Leben zu erhalten. Das war nicht einfach. Meine Mutter hatte keinerlei Milch – ganz sicher den vorangegangenen Umständen geschuldet. Von den Bauern im Dorf war auch nichts zu bekommen. Geld hatte keinerlei Wert mehr. So gab sie alles, was von meinem Vater an Habseligkeiten noch vorhanden war: Hemden, Hosen, Jacken, Unterwäsche etc. Bettelnd um den einen oder anderen Liter Milch für ihr Baby. Dass sie in ihrer Trauer möglicherweise gar kein Interesse am Überleben ihres Kindes mehr hatte, kann man spekulieren.

    Die Bauern gaben nicht ein Viertelliter Milch ab, ohne eine Gegenleistung, sprich ein Tauschobjekt zu verlangen.

    So sprach man damals davon, dass sie sogar die Ställe regelrecht mit Teppichen aushängten, welche sie der minderbegüterten Bevölkerung der Dörfer und Städte für ein paar Kartoffeln, Eier oder Milch abnahmen.

    Mein Opa Wilhelm befand sich zu dieser Zeit noch immer in französischer Kriegsgefangenschaft, wo er sich in der Lagerküche recht gut zu ernähren wusste und den Franzosen delikateste Thüringer Wurst machen konnte. Dadurch hatte er natürlich auch einige Vergünstigungen durch die Franzosen.

    Aus den Erzählungen von Mutter und Oma weiß ich, dass man täglich in Sorge war, ob ich als Baby noch überleben werde.

    An diese schwere Zeit habe ich verständlicherweise keinerlei Erinnerungen.

    Ich weiß aber noch, dass man mich noch als Kleinkind stundenlang nötigen musste, auch nur einen Bissen zu mir zu nehmen. Lebertran und die Beschwörungsformeln einer „Besprecherin" aus dem Dorf brachten auch keinen Erfolg.

    Meine Oma Marie habe ich aber bereits seit der frühesten Kindheit gut im Gedächtnis.

    Wie habe ich sie geliebt…! Noch heute habe ich manchmal ihren speziellen Geruch in meiner Nase. Sie war eine Seele – eben eine richtige Oma…

    Sie kümmerte sich rührend um mich, nahm mich in den Arm, wenn ich traurig war, schälte Äpfel für mich, versuchte mir immer, trotz allem Mangel, eine Leckerei zuzubereiten.

    Einmal muss ich wohl den Wunsch geäußert haben, dass ich gerne Eierpfannkuchen essen möchte. Es war aber keine Milch und auch kein Mehl im Haus. Eier hatte man wohl, denn es liefen immer ein paar Hühner auf dem Hof herum.

    Jetzt wurde eiligst in der Nachbarschaft um Mehl und Milch nachgefragt. Nachdem man alles nötige zusammen hatte und die Eierkuchen duftend auf dem Tisch standen, war mein Appetit vorbei.

    Jetzt wischte sich die Großmutter wieder mal diskret mit der Schürze über die Augen: „Was soll nur aus dem Kind werden…"?

    Nun folgt eine recht heitere Anekdote wie der Opa aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam und die er selbst später immer wieder gern erzählte:

    Ich hatte noch eine ältere Schwester – Anita, die vier Jahre alt war bei meiner Geburt.

    Eines Tages – es muss 1946 gewesen sein, betrat Wilhelm als Heimkehrer die Stube. Die Frauen waren zu diesem Zeitpunkt in Hof und Stallung beschäftigt. Meine Schwester kannte der Opa noch vom letzten Urlaub. Von meiner Existenz hatte er jedoch keine Ahnung. In Gefangenschaft gab es keine Post.

    Somit hatte auch niemand im Hause meiner Großeltern mit seiner Rückkehr gerechnet – ja man wusste nicht einmal, ob der Großpapa noch am Leben war.

    Anita spielte auf dem Boden und ich lag als winziges Etwas im Körbchen und strampelte mit den klingeldrahtdürren Beinchen.

    Man kann sich vorstellen, was in dem Manne vorging, der ja keinen Schimmer davon hatte, dass in der Familie Zuwachs angekommen war. Die Tante war noch zu jung und unverheiratet. Meinen Vater wähnte er als Soldaten in Gefangenschaft oder wer weiß wo.

    Es wird doch nicht…. seine eigene Frau?

    Er fragte die große Schwester, wem denn das Baby gehöre.

    „Uns"! war die simple Antwort des Kleinkindes.

    Nun - die Lage klärte sich kurzerhand auf und er konnte beruhigt sein. Während seiner Abwesenheit hatte man ihm kein Kuckuckskind in die Wiege gelegt.

    Nicht sehr viele Erinnerungen habe ich an meine frühe Kindheit bzw. an die Vorschulzeit.

    An das Bad am Samstagabend erinnere ich mich gut.

    Das Ritual war fast identisch mit dem gleichnamigen von Wilhelm Busch:

    Unsere Mutter ging in den Keller und schleppte den schweren Holzbottich in das 3. Obergeschoss. Dort wohnten wir bei einem Bauern unter dem Dach. Drei winzige Zimmerchen mit Dachschrägen. Lediglich die Küche war mittels Kohleherd beheizbar. Dort warteten schon mehrere Töpfe mit heißem Wasser, die sodann in den hölzernen Badebottich ausgeleert wurden. Wenn der Bottich längerer Zeit nicht benutzt war, kam es nicht selten vor, dass die Dauben eingetrocknet waren und das Gefäß leckte. Dann mussten eine Menge Handtücher, Scheuerlappen und dergleichen herbeigeschafft werden, um die Flut aufzufangen.

    Meine Schwester und ich kamen zuerst in die Wanne. Wenn ich einmal vom Spielen sehr schmutzig war, an Händen und Beinen vielleicht Wagenschmiere hatte, scheute sich Mutter auch nicht, rabiate Methoden anzuwenden, um den fast unlösbaren Schmutz abzuschrubben.

    Da war zunächst die Wurzelbürste. Half das nicht, musste ATA herhalten. Zusammen mit Bürste und

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