Bevor die Quellen versiegen: Schicksal einer Familie 1929 - 1951
Von Johannes Nier
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Über dieses E-Book
Der Autor schreibt für Kinder und Enkel in dem Bewußtsein, daß letzte Zeitzeugen wie er nicht mehr lange leben werden, daß noch vorhandene Dokumente unweigerlich eines Tages verlorengehen und somit die letzten Quellen für immer versiegen werden, aus denen dann Nachkommen nicht mehr schöpfen können, sobald sie sich auf der Suche nach "Halt im Sein" für ihre Ahnen zu interessieren beginnen.
Johannes Nier
Dr. rer. nat. Johannes Nier, geb. 1933. Abitur 1954. Studium der Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie). 1962 Diplom, 1965 Promotion in Stuttgart. Über dreißig Jahre Tätigkeit in technisch-wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung auf verschiedensten Fachgebieten. 1978 amtsärztliche Heilpraktikerprüfung. Mitarbeit in der Praxis der Ehefrau. Veröffentlichungen und Vortragstätigkeit zur Naturheilkunde. Fünf Jahre als Erster Vorsitzender einen "Verein für Homöopathie und Lebenspflege" geleitet.
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Bevor die Quellen versiegen - Johannes Nier
I
Behütete Heimat im Riesengebirge
Als die Eltern sich fanden
Das Riesengebirge in Niederschlesien war für Norddeutsche ein überaus beliebtes Ferienziel, so auch für meine Mutter aus Berlin-Neukölln, die im Frühjahr 1929 als Achtzehnjährige den Winterurlaub in Schreiberhau verbrachte. Dort brachte ein junger Volksschullehrer- mein späterer Vater - seinen Skihasen den seinerzeit üblichen „Stemmschwung und „Telemark
bei und besserte dadurch sein knappes Salär auf (Bilder 12, 13).
Wie erfolgreich jener Skikursus war, belegt die Verlobungsanzeige der Eltern vom Palmsonntag 1930, gedruckt auf Büttenkarton in Schreibschrift (Bild 14). Im Oktober des vorhergegangenen Jahres waren Vater 29 und im Dezember Mutter 20 Jahre alt geworden. Nunmehr wurde auch Mutter auf Wanderungen das Riesengebirge zur neuen Heimat (Bilder 15, 16, 17).
Während Vater zunächst weiter seinem Beruf als Volksschullehrer in Niederschreiberhau nachging, arbeitete Mutter im niederschlesischen Neumarkt als Arzthelferin bei dem gestrengen Dr. med. Lew, der ob seines großen Könnens hohes Ansehen genoß, wie Mutter mir später berichtete.
Am 30. Nov. 1930 schreibt sie aus Neumarkt (liegt zwischen Liegnitz und Breslau) ihrer Schwester Hildegard ³): Mein Leben hier geht seinen alten Gang weiter. Mit Lews stehe ich mich recht gut. Weihnachten kriege ich vielleicht noch den 3. Feiertag und den darauffolgenden Sonntag zu, „wollen noch mal drüber reden", meint Dr. Lew, der immer sehr in Versprechungen ist. Also - hoffen wir! Für Sylvester/Neujahr hat Richard Pläne mit Breslau-Sakrau, Cafe Scholz ¹) vielleicht, daß wir dort feiern. Sein Freund aus Rati-bor ²) (Bild 50) wird sicher mit seiner Frau um diese Zeit in Sakrau sein. … Richard ist rührend lieb zu mir. Heute morgen kam ein dicker Brief, mittag ein Anruf und nachmittag … ein Päckchen, zum Advent ein Konfektkästel, obendrauf Schokoladeherzen, hübsch verziert mit Tanne drumherum. Wir beide freuen uns natürlich riesig, Weihnachten beisammensein zu können, das erstemal allein in der Fremde. So gern wäre ich ja auch zu Haus - aber Du weißt ja, „dem Mann soll das Weib anhangen ".
In demselben Brief bittet Mutter, ihr weder zum 21. Geburtstag im Dezember noch zu Weihnachten Geschenke zu machen und weist auf die für das folgende Jahr vorgesehene Eheschließung hin: Ich möchte nichts haben, weil ich auch nichts geben kann. Bitte, sage es Papa. Sage ihm auch, daß er keinen Schreck bekommen möchte wegen unserer frühen Heirat. Richard kriegt einiges von seinen Eltern. Wäsche und Kleinkram habe ich auch schon; an Möbeln wollen wir nur das Allerallernötigste anschaffen. Es klappt doch gerade so wunderbar mit der Wohnung … in Schreiberhau.
Noch einige weitere Zeilen jenes Briefes möchte ich deshalb wiedergeben, weil sie von einer seelischen und menschlichen Reife meiner damals jungen Mutter zeugen, wie es sie als schönere Voraussetzung für eine Ehe wohl nicht geben kann. Es sind ihre tröstenden Worte, die sich auf einen bleibenden Schaden der Wirbelsäule beziehen, den ihre Schwester ³) (Bilder 1,5, 44) in früher Kindheit erlitten hatte und für diese eine lebenslang große seelische Belastung in der Beziehung zum anderen Geschlecht bedeutete: Dein Körperfehler ist so unwesentlich dabei. Du nimmst ihn für größer und tragischer, als er in Wirklichkeit ist. … Warum quälst Du Dich und ihn mit Deinen nutzlosen, grundlosen Bedenken? Soviel Schönes kann aus Eurem Zusammensein entstehen, nimm doch alles und halte es fest! Was kennt und was liebt er an Dir? Doch zuerst Dein geistiges Wesen, Deine Seele und somit auch Deinen Körper. Beides gehört doch ganz zusammen. Richard ist kein Gott und ich noch weniger als entsprechender Teil. Fehler, ganz gleich welcher Art, haben wir aneinander ebenso gern wie Vorzüge. Alles zusammen macht doch erst den Menschen, den man gernhat. Und es wird auch bei Euch so sein, ganz bestimmt. Liebling, Du mußt endlich einmal über dieses Problem, das Dir immer und immer wieder den Kopf schwermacht, hinwegkommen. Nutz- und grundlos ist es, Deinem ganzen sonstigen Wesen zuwider. Du, Hilde, wenn ich Dir raten kann: halte fest, wenn Du meinst, daß es ein Glück für Dich sein kann. Wenn nicht gerade das, dann doch eine Gemeinschaft, die beiden gibt.
Als mein Vater seinen Eltern die junge Verlobte vorstellte, habe seine damals 61 Jahre alte Mutter Selma ⁴) (Bild 6) Nier beim Betrachten der erst 20 Jahre alten zukünftigen Schwiegertochter festgestellt: Aber Richard! A su a junges Dingla?! Worauf ihr Ehemann Julius ⁴) (Bild 7) trocken geantwortet habe: Nu wart’s ock ab! Ale wern se von alleene!
Die junge Ehe
Am 22. Mai 1931 gaben sich die Eltern in der Nikodemus-Kirche zu Berlin-Neukölln das Jawort. Es sollte eine Ehe werden, in welcher das Gelöbnis, in Freud und Leid treu zueinanderhalten, bis daß der Tod uns scheidet seine volle Erfüllung fand.
In der „Villa nova" des Ehepaares Dorn zu Niederschreiberhau im Riesengebirge fanden die Jungverheirateten eine schöne Mietwohnung. Mitte Juni berichtet Mutter von ihrem jungen Glück auf das berührendste: Freitag werde ich eine vier-Wochen-alte Ehefrau sein, ich bin glücklich und froh! Richard ist der denkbar beste Ehemann, und das Bewußtsein, nach dem vielen Hin- und Hergeworfenwerden, dem ewigen Getrenntsein nun endlich beisammenbleiben zu dürfen, ist ganz köstlich. … Vor unserer Veranda sitzt der Morgenfink auf der Tanne, … Piepmätze, Piepmätze, wohin man sieht … Vom Speisezimmer kann man grad’ in ein Amselnest unter dem Dachfirst sehen. Die Alte saß treu auf ihren Eiern, vor einer Woche sind x Junge ausgekrochen. Die sperren ihre Riesenschnäbelchen den ganzen Tag nach Futter auf; und die Mutter liest für sie die Raupen von unserem Kohl. … Meine kleine Wirtschaft ist so hübsch und nett und praktisch, daß es Spaß macht, darin zu schaffen. …am Freitag, 22. 5., bei sachtem Regen unseren Einzug gehalten. … Der Garten stand in schönster Blüte -oben war von den Schulkindern die Tür umkränzt worden, und ein dicker Packen Glückwünsche steckte im Kasten. Sonnabend sahen uns die erstaunten Schreiberhauer. Abends kamen Geschenke: vom Kollegium vier verschiedene wundervolle Weinkelche, vom Bäcker eine große Torte, vom Installateur eine Gießkanne, und Blumen. An den folgenden Tagen: vom Fleischer Wurst und Schinken, vom Förster eine Zimmertanne, so eine zarte, kleine. Dann von Pastors ein Milch-Zucker-Service aus Nickel, und von den Eltern eines Schülers wiederum 2 sehr schöne Weingläser. Von Scholz aus Breslau 18 wunderbare rote Rosen.
Ich hatte ja alle Hände voll zu tun, um den Kindlein, die mit den Sachen kamen, Kuchen und Groschen auszuteilen. … Richard brachte von seiner Klasse eine Geflügelschere und ein Patent-Tee-Ei. … welche Drolligkeiten zu diesen Geschenken von den Kindern geplaudert wurden! Vom Schuldiener eine Kakaokanne, und von der Leiterin des Jugendheimes ein großer Einholkorb, enthaltend die ersten Karotten, andere Gemüse, zwei Büchsen Konserven, Obst, Blumen. Uff- ich kann nichts mehr aufzählen …
Im Jahr darauf trug meine Mutter einen neuen Zweig des Stammbaumes Nier unter ihrem Herzen, und es liegt die Frage nach dem Ursprung dieses Familiennamens nahe. In Vaters Nachlaß fand ich ein von seiner Hand geschriebenes Schriftstück mit der Überschrift: Wie man sich den Namen Nier erklärt, und im folgenden Text heißt es:
Im Althochdeutschen gibt es ein Wort „das nid. Es bedeutet eigentlich Geiz, aber nicht im heutigen Sinne als Verlangen nach Geld, sondern als ein Verlangen, ehrenhaft zu bestehen. Man könnte also „nid
mit Ehrverlangen übersetzen. Im Laufe der Zeit wandelte sich das Wort. Einige meinen so: nîd, ni-der, ni-er, nier. Andere: nid, nider, neder, ne-er, nier.
Für mich bedeutet also der Name Nier eine Verpflichtung, der ich nachkommen will, indem ich mich immer ehrenhaft betrage.
Der Erstgeborene
1933 kämpfte Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg noch immer politisch und wirtschaftlich um das Wiedererlangen eines angesehenen Platzes in der Völkergemeinschaft. Es war das Jahr der sog. „Machtergreifung durch Reichskanzler Adolf Hitler, welcher damals vielen Deutschen als der „Befreier von den Fesseln des Versailler Diktats
erschien, als mich in der Villa Nova am 5. April die Dorfhebamme ans Licht der Welt holte (Bilder 18, 19). Deutschland hoffte auf eine bessere Zukunft, in die auch ich hineingeboren zu sein schien. Johannes soll das Kindlein heißen -so zitierte Mutter bei passender Gelegenheit den Schreiberhauer Pastor, der mich taufte, doch war ich sogleich und für immer kurz der „Hannes".
Mutter hat später ein kleines Büchlein unter der Überschrift Heiteres und Besinnliches in Worten und Taten unserer drei Kinder soll dies Büchlein bewahren angelegt, in dem ich als erste Eintragung lese: Hannes vier Jahre: „Habt Ihr mich eigentlich gleich erkannt, als Ihr mich gekriegt habt? "
Als mein Vater 1934 einen Lehrauftrag an der Lehrerfortbildungsanstalt (Bild 23) in Hirschberg/Riesengebirge (21, 22) erhalten hatte, mieteten die Eltern zunächst eine Wohnung in einem unweit des Hauptbahnhofes gelegenen Eckhaus, bis sie 1935 ihr Eigenheim beziehen konnten - ein am Ende der einem Südhang angeschmiegten „Sonnenland"-Siedlung idyllisch gelegenes Einfamilien-Haus (Bild 24) mit herrlichem Blick auf das Riesengebirge mit der Schneekoppe im Zentrum des schönen Bildes (Bild 25).
1936 fand in Berlin die Sommer-Olympiade statt. Selbstverständlich reiste hierzu meine Mutter als Zuschauerin in ihre Heimatstadt. Mich damals Dreijährigen nahm sie ins Stadion zu den Leichtathletik-Wettkämpfen mit, wovon mir nicht das Geringste im Gedächtnis haften geblieben ist. Erst viel später erlebte ich das damalige Geschehen bewußt beim Anschauen des berühmten Films „Triumph des Willens" von Leni Riefenstahl.
Früheste Erinnerungen reichen bis ins Jahr 1937 zurück. An einem Maientag jenes Jahres rief Vater mich in den Garten und deutete in den blauen Frühlingshimmel, an dem ein silbern glänzendes Luftschiff gemächlich seine Bahn in Richtung Osten zog. Es war der Zeppelin LZ 129 „Hindenburg mit Ziel New York, in seinen Abmessungen vergleichbar mit der 25 Jahre zuvor auf der Reise nach demselben Ziel gesunkenen „Titanic
. Gleiches Schicksal verband diese Riesen des Meeres und der Lüfte! Auch die „Hindenburg" ging unter - in einem Feuerball mit 36 Toten bei ihrer Landung.
Ein weiterer Erinnerungsfetzen aus jenen Tagen knüpft sich an meine erste Begegnung mit einem Glasauge. Dieses lag auf dem Nachttisch des zu Bett liegenden Nachbarn Fritsch, Offiziersveteran aus dem I.Weltkrieg, den ich als schüchternes vierjähriges Bübchen besuchen durfte und dabei ehrfürchtig mit zugleich gelindem Grauen das künstliche Auge betrachtete.
Schuleindrücke
Am 12. April 1939 bestieg ich meine harte Volksschulbank in der an der Theaterstraße in Hirschberg gelegenen Hans-Schemm-Schule ⁵), die Rektor Dr. Sturm leitete. Mein erster Lehrer hieß Burkhardt. Mit der Einschulung entwickelten sich rasch Kontakte zu Gleichaltrigen aus der Nachbarschaft wie zu Ruth Wiedner (Bild 26), die ich als 6jähriger zu heiraten beschloß! In den Kriegsjahren wechselten die Lehrer häufig - junge wurden als Soldat eingezogen, ältere „reaktiviert. So soll ich lt. Mutters „Kindermund-Büchlein
einen neu erschienenden, glatzköpfigen Lehrer mit den Worten beschrieben haben: Er hat eine Scheibe Haut auf dem Kopf mit ein paar Haaren drum rum. Drei Jahre später meine Schwester an ihrem zweiten Schultag auf die Frage meines Vaters, wie es ihr gefallen habe: Heute haben die meisten Mädchen andere Kleider angehabt als gestern! Und ein Jahr zuvor auf dieselbe Frage mein Bruder an seinem ersten Schultag: Ich habe vergessen, den Lehrer zu fragen, wann es die nächsten Ferien gibt!
Mutter schreibt im Februar vor meiner Einschulung: Als ich vor einigen Tagen den Flaschenöffner suchte, zieht Hannes zögernd dieses große Ding aus seiner Hosentasche. Er kann es wahrscheinlich mal gebrauchen, meint er, deshalb trägt er’s immer bei sich! Ich untersuchte sofort seine Hosensäcke. Da kam ja allerlei zum Vorschein! Ein altes Portemonnaie von mir mit Aluminiumgeld, ein Taschenspiegel, Riesenkäuel Strippe, ein furchtbar schmutziges Taschentuch, 12 Schrauben und ein Lutschbonbon.
Einiges aus jenen vier Volksschuljahren hat mein Gedächtnis bewahrt. So bemerkte ich einstens bei näherem Hinsehen mit ungläubigem Staunen, daß die Schwärze auf dem kurzgeschorenen Hinterkopf meines vor mir Sitzenden von einer Schicht Kopfläuse herrührte! Ein andermal fiel ich aus der Bank der Länge nach in den Gang und blieb ohnmächtig liegen - Ursache war die verbrauchte Luft im Klassenzimmer. Noch heute sehe ich Lehrer Schreiber vor mir, Veteran mit einer Holzbeinprothese aus dem Ersten Weltkrieg. Seinen Unterricht begann er mit einem markigen Spruch zum Tage wie Einer für alle! oder Gemeinnutz geht vor Eigennutz!, den wir diszipliniert strammstehenden Schüler im Chor nachsprechen mußten, bevor der Befehl setzen! zum Besteigen der pultartigen Schulbänke erscholl.
Hatte ich mit dem auf den Rücken geschnallten dunkelbraunen, rindsledernen Schulranzen, aus dem seitlich an einer mit der Schiefertafel verbundenen Schnur Schwamm und Lappen herausbaumelten, auf dem Weg zur Schule am stadteinwärts gelegenen Ende der Schmiedeberger Straße die dortige Bäckerei erreicht, füllte mir deren freundliche Inhaberin auf Bitten stets eine Tüte mit „Kuchenrändeln. „Rändel
nannten wir die Randkrusten, welche vor dem Verkauf des Kuchens abgeschnitten wurden. Tief betroffen waren wir im September 1939, als kurz nach Beginn des Polenfeldzuges und damit des Zweiten Weltkrieges die Bäckersfrau den Wunsch nach Rändeln mit den Worten beschied: Ab jetzt gibt’s keine Kuchenrändel mehr, weil Krieg ist! Dieser Satz klingt mir noch heute im Ohr!
Als Kinder erlebten wir zu damaliger Zeit in unserer heimatlichen Riesengebirgslandschaft noch das typische Binnenlandklima mit ausgeprägt heißen Sommern und kalten, schneereichen Wintern. Oft hatte es nachts derartig stark geschneit, daß wir morgens unser Gartentürchen nicht öffnen und zur Schule gehen konnten. Doch noch bei fast kniehohem Schnee wagten wir uns auf den Weg, für den wir unter normalen Verhältnissen etwa eine halbe Stunde benötigten. Eine Begleitung auf dem Schulweg durch einen Elternteil gab es von Anfang an nicht!
Zu Weihnachten 1941 lagen unter dem Tannenbaum neue Skier für mich als Ersatz für die ramponierten alten. Stolz und glücklich rutschte ich damit nach den Weihnachtsferien auf dem breiten Gehweg seitlich der Schmiedeberger Straße stadtabwärts zur Schule und stellte meine Brettl nur ungern zu den vielen der anderen Schulkameraden in einen Kellerraum. Am liebsten hätte ich mein Weihnachtsgeschenk mit ins Klassenzimmer genommen! Nach dem ungeduldig erwarteten Unterrichtsende stürzte ich zu meinen Brettln - doch die waren auf Nimmerwiedersehen verschwunden! Vergeblich und ganz unglücklich suchte und wartete ich, bis auch der letzte Mitschüler seine Skier geholt hatte und der Keller schließlich leer war!
An jene Winter erinnern Bild 27 aus der Zeit zwei Jahre vor und Bild 28 zwei Jahre nach Beginn meines Volksschuleintritts. Auf letzterem hat Mutter uns drei Geschwister zusammen mit noch einem Jungen unseres Alters um sich geschart. Diesen hatten die Eltern im Rahmen der Verschickung von Kindern aus bombengefährdeten Großstädten Westdeutschlands im „Luftschutzkeller Schlesien aufgenommen. Es war Karl-Heinz Wimmelmann aus Hamburg, der sich rasch in die Enge unseres Häuschens eingelebt hatte. Unvergeßlich sind mir die bizarr gezackten, scharfkantigen Bombensplitter, die er uns von ersten „Terrorangriffen
auf seine Heimatstadt mitgebracht hatte und die wir ungläubig staunenden Klassenkameraden in der Volksschule zeigten. Bild 30 zeigt die typische Kinderbekleidung in kühler Jahreszeit, wobei die besonders von uns Jungens gehaßten, von „Strapsen" gehaltenen und ewig ausgeleierten langen Strümpfe ins Auge fallen!
Wand an Wand in demselben Backsteinbau befand sich die „Pestalozzi-Schule" ⁶), wie damals die sog. Hilfsschulen (heute „Sonderschulen") genannt wurden. In den Pausen tobten wir Schüler auf dem gemeinsamen, baumbestandenen Schulhof, der an die Rückfront des Stadttheaters grenzte.
Man schrieb 1943, das vierte Kriegsjahr. Stalingrad war gefallen, als ich die Aufnahmeprüfung für den im Herbst beginnenden Besuch der „Oberschule für Jungen ablegte. Dazu gehörten im Sinne der damals propagierten „Volksertüchtigung
auch anspruchsvollere Turnübungen wie u. a. das Klettern an Stange und Tau sowie Schwünge an Ringen, Reck und Barren. Zum hohen Ansehen, welches diese Schule genoß, darf ich den Hirschberger Heimatforscher Alfred Höhne ⁷) zitieren: Unter Leitung von Dr. Reuter wurde die „ Oberschule für Jungen - gewiß eine der schönsten und modernsten Schulen Schlesiens - als „besonders bedeutungsvolle Schule
anerkannt. Die physikalischen, chemischen und biologischen Abteilungen … waren in einem besonderen Flügel … untergebracht. Die biologische Sammlung hätte selbst den Neid einer Universität erregen können. Im Lehrerkollegium war eine Reihe von hervorragenden Fachkräften tätig, die sich auch durch wissenschaftliche Arbeiten einen Namen gemacht haben.
Mein neuer, halbstündiger Schulweg zur Oberschule führte nach Verlassen unserer Siedlung auf unbefestigter Straße entlang einer mächtigen Fliederbuschhecke der Schrebergartenanlage „Kleingärten Sonnenland" und vorbei am Friedhof bis zur Schmiedeberger Straße, auf dieser weiter zum Schwimmbad, dort rechts abbiegend über den Schützenplatz zum Kluckpark und zuletzt über den Fischerberg zur Schule (Bilder 22,40).
Dabei begleitete mich häufig ein still versonnener Schulkamerad namens Menz. Zu meiner Verwunderung fragte er mich eines Tages unvermittelt, was mehr weh tue - körperliche oder seelische Schmerzen. Obwohl er aus irgend einem Grund von steter Traurigkeit befallen schien, brachte er mir eine besondere Technik explosiven Knallens bei: Man stopfe in den hohlen Schaft eines der damals üblichen Buntbartschlüssel abgeschabte Streichholzköpfchen, führe einen in das Röhrchen passenden Nagel mit seinem stumpfgefeilten Ende ein, verbinde dessen Kopf über eine Schnurschlinge mit dem Schlüsselgriff, nehme die Schlinge mittig in die Hand und lasse nach einigem Hin- und Herschwingen das ganze Gebilde mit dem Nagelkopf auf eine harte Fläche prallen. Beim Aufschlag stößt das stumpfe Nagelende innerhalb des Schlüssels auf das Streichholzpulver und entzündet dieses nach Art eines Zündplättchens mit einem Knall.
Die 1 V2 Jahre in Sexta und Quinta bleiben mir unvergeßlich. In den Pausen tobten wir auf dem Schulhof, und auf dem Heimweg ging mir eine Zeitlang das englische Lied School is over, oh what fun!… nicht aus dem Sinn, welches zu den ersten englischen Sprachkenntnissen gehörte, die uns der hochgeschätzte und beliebte Stud.-Rat Dr. Domann vermittelte. Auf seine Bitte trug ich nach geschriebener Klassenarbeit an seiner Seite die Hefte zu ihm nach Hause in seine Villa am Kramstaweg, wo mir Frau Domann zur Belohnung eine Büchse Kekse oder Bonbons zum Hineinlangen reichte.
Stud.-Rat Hans Berntsch erteilte Kunstunterricht. Eine seiner uns gestellten Aufgaben bestand darin, den Hirschberger Marktplatz mit Rathaus und Laubenhäusern naturgetreu in Form und Farbe aus Karton zu basteln. Ein von ihm aufgenommenes Photo von dieser Tätigkeit ist mir erhalten geblieben (Bild 38). Wir Schüler wunderten uns immer über seine Aufforderung Zähne auseinander beim Sprechen!, bis wir später erfuhren, daß Berntsch hochgradig schwerhörig war. Nach unserer Vertreibung begegneten wir dem Ehepaar Berntsch zu unserer großen Überraschung wieder in dem ostfriesischen Städtchen Jever. Meine Mutter erwarb von ihm eine aus Lindenholz geschnitzte Madonna, für die seine bildschöne Frau Modell gestanden hatte. Dieses für mich so andenkenswerte Kunstwerk überließ ich 1984 schweren Herzens einem mir einst nahestehenden Menschen auf sein inständiges Bitten, in dessen Besitz es jedoch wenige Jahre später bei einem Wohnungsbrand für immer verloren ging.
Viele meiner damaligen Hirschberger Klassenkameraden waren unter Benutzung der elektrischen Bahn Fahrschüler aus allen Teilen des Hirschberger Tals bis hinauf ins Riesengebirge wie beispielsweise Krummhübel und Schreiberhau. Zu ihnen gehörte auch Wolfram Aust aus Schmiedeberg, später Prof. Dr. med. für Augenheilkunde an der Augenklinik Kassel, Hufeland-Preisträger und begnadeter Landschaftsmaler. Im Erwachsenenalter bedeutete er mir ein Stück schlesische Heimat, bis er 6 Tage vor seinem 80. Geburtstag verstarb. Wenige Wochen vorher hatte er mir eine bemerkenswerte Erscheinung mitgeteilt, die ihm im Operationssaal begegnet war: Eine etwa bleistiftstarke und durch den ganzen Raum sich hinziehende „helle Schnur habe seinen Körper mit etwas Fernem, Unsichtbarem verbunden, und er habe gewußt, daß an diesem „Silberfaden
sein Leben hängt.
Auch andere Klassenkameraden bekleideten hohe Ämter in akademischen, industriellen oder kommunalen Positionen. So manch einer von ihnen lebt nicht mehr wie auch mein sommersprossiger, fröhlicher Kamerad Gärtner, der den weiten Schulweg zu Fuß von dem benachbarten Dorf Schwarzbach bewältigte und mit dem ich mich einmal balgend während einer Schulpause auf der Erde wälzte.
Ein besonderes Erlebnis für uns Jungens war, als im vorletzten Kriegs-jahr eines Vormittages Soldaten auf dem Hinterhof der Schule eine Gulaschkanone aufgestellt und in Betrieb genommen hatten! Natürlich umringten wir in der Pause sofort die Landser, die zum allseitigen Vergnügen uns Jungens freigebig Suppe in ihren Kochgeschirren ausschenkten!
Jungvolk-Pimpf
Auf dem Hof der Hans-Schemm-Schule versammelten sich an jedem Mittwoch- und Samstagnachmittag die Hirschberger Fähnlein des sog. Jungvolks, dem ich seit 1943 als Pimpf angehörte (Bild 39). Alle Jungens von 10 bis 14 Jahren gehörten dieser staatlichen Jugendorganisation an, wurden anschließend in die „Hitlerjugend und mit 18 Jahren in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) übernommen. Unser „Fähnlein 3
, welches sich aus den östlichen Stadtbezirken rekrutierte, lag mit dem „Fähnlein 6 aus dem westlich gelegenen Altstadtgebiet in Fehde, die bei sog. „Geländespielen
offen ausgetragen wurde und in deren Verlauf man nicht zimperlich miteinander umging. Noch heute sehe ich das Bild vor mir, wie nach einem Aufeinandertreffen beider Fähnlein und anschließend wildem Handgemenge in einem Kiefernwäldchen unser seinerzeitiger Fähnleinführer Heiner Kruppa und seine Jungzugführer überwältigt und mit ihren Schulterriemen gefesselt auf dem Waldboden lagen. Mit Fahrtenmessern wurde ihnen von den siegreichen Gegnern symbolhaft das Genick blutig geritzt. Nach Freigabe der „Gefangenen" und Behandeln der Wunden mit Heftpflaster marschierten wir wieder stadteinwärts mit einem zackigen Lied auf den Lippen wie etwa Uns’re Fahne flattert uns voran …
Häufig marschierten mehrere Hirschberger Fähnlein gemeinsam durch die Straßen, wobei aber jedes gleichzeitig ein jeweils anderes Lied lautstark schmetterte. Alle zusammen wurden angeheizt durch vorausmarschierende Trommler. Die dann jedesmal entstehende gewaltige Klangfülle ging uns Jungens prickelnd unter die Haut! Einer unserer damaligen Schullehrer war eines Tages Zeuge derartiger Marschgesänge geworden und nahm anderntags im Unterricht Anstoß an dem beschriebenen Durcheinander der Lieder. Doch glaube ich gerade bei jenem Lehrer, daß seine Kritik sich mehr auf den Inhalt gewisser NS- und antisemitischer Lieder bezog, die wir unreifen Jungens zumeist gedankenlos erschallen ließen, aber auf einen feinsinnigen, nachdenklichen Menschen befremdlich bis abstoßend wirken mußten.
Ansonsten umfaßte unser Liederrepertoire auch weniger verfängliche Texte, die sich auf die Welt der früheren Landsknechte bezogen wie die bekannten Lieder Ein Heller und ein Batzen oder … Trumm, trumm, … die Landsknecht ziehn im Land herum …. Natürlich kam über unsere Lippen auch so manches noch heute gesungene Soldatenlied wie das wohl jedem bekannte Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, und das heißt Erika … oder O du schöner Westerwald…. Zu unserer Zeit sehr aktuell waren das „U-Boot-Lied" Heute wollen wir ein Liedlein singen … leb wohl mein Schatz … denn wir fahren gegen Engeland … und das ebenfalls auf England anspielende Ein Kampf ist entbrannt …es kämpfen die Buren Oranje-Transvaals gegen Engelands große Übermacht. Waren wir zur zweiten Strophe Da lieget der Bur mit zerschossener Brust und keiner stehet ihm bei gelangt, persiflierten wir vergnügt regelmäßig Da lieget der Bur mit zerschossener Uhr und keiner sagt ihm die Zeit. Besonders oft und laut tönte von unseren Lippen das Lied der deutschen Bombenflieger „Legion Condor" aus dem noch nicht lange zurückliegenden Spanischen Bürgerkrieg: …vorwärts im Kampfe sind wir nicht allein, denn die Freiheit muß Ziel unsres Kampfes sein. Vorwärts Legionäre …. Alle diese Lieder mußten wir Pimpfe unter Leitung unseres Jungenschafts- oder Jungzugführers gründlich auswendig lernen, was im „Dienst" und bei gutem Wetter stets im Freien z. Bsp. an einem Waldrand oder in einer Sandkuhle geschah.
Horst Schnase, Führer unseres Jungzugs „Kornblume mit seinen vier Jungenschaften, war bei uns Pimpfen sehr beliebt, weil er uns an nur lockerer Leine führte. Ich entsinne mich eines Sommertages, an welchem uns der Sinn nach allem anderen stand, nur nicht nach „Dienst
. Horst fühlte ebenso, ließ uns in eine verschwiegene Seitenstraße uneit des Stadttheaters marschieren und dort wegtreten mit dem Befehl, uns möglichst rasch und unauffällig nach Hause zu „verdünnisieren".
Wie oft wurden auch wir Pimpfe an der „Heimatfront" eingesetzt, sei es, um mit der Sammelbüchse auf den Straßen und an den Haustüren durch den Verkauf von Abzeichen für die verschiedensten staatlichen Hilfsorganisationen Geld einzutreiben oder durch Sammeln von verwertbarem Altmaterial den Rohstoffnachschub für die Rüstungsindustrie zu unterstützen. Wer kennt nicht aus jener Zeit den Spottvers Eisen, Knochen, Lumpen und Papier, ausgeschlag’ne Zähne sammeln wir!?Zum Ernten von Wildkräutern zur Teebereitung oder zum Suchen und Abklauben von Kartoffelkäfern wurden regelmäßig wir Jungens herangezogen.
Eines Tages in der Vorweihnachtszeit 1944 wurde unser Fähnlein auf dem Güterbahnhof zum Entladen von gebündelten Holzbrettchen eingesetzt, aus denen wir Pimpfe anschließend an vielen Abenden Kinderspielzeug basteln mußten. Mir bereiteten das Aussägen mit der Laubsäge, das Schleifen, Bohren, Fügen mit Nagel und Leim sowie das endliche Bemalen keine Schwierigkeiten, da ich ja seit Jahren von daheim derartige Arbeiten, die ich unter Vaters fachkundiger Anleitung erlernt hatte, gewohnt war. An den Adventssonntagen gab es für die Hirschberger Bevölkerung in den Foyers des Stadttheaters große Verkaufsausstellungen unserer Produkte, deren Erlös dem „Winterhilfswerk" (WHW) zugutekam.
In einem erdgeschossigen Seitenflügel des Stadttheaters war im Rahmen einer Wanderausstellung ein maßstabsgetreues Model in Originalgröße der im Ersten Weltkrieg eingesetzten deutschen 42-cm-Haubitze, im Soldatenjargon die „Dicke Berta", aufgestellt worden. Nach Entrichten der Eintrittsgebühr von einem Groschen (entspricht heute etwa 5 Euro-Cents) bestaunte ich mit offenem Mund dieses gewaltige Geschütz-Ungetüm. Eine daneben aufgestellte Granate überragte mich Pimpflein an Größe deutlich!
Klumpenschlacht
Wohl zu allen Zeiten und in ganz Deutschland rottete sich die Jugend jeweils benachbarter Orte oder Stadtteile in „Banden zusammen und trug „Schlachten
miteinander aus! So geschehen auch zwischen unserer „Sonnenland-,, und der „Schwarzbachbande, letztere benannt nach dem Dorf Schwarzbach, in Sichtweite vor unserer Siedlung mit Blick auf das Riesengebirge nur ein dreiviertel Kilometer entfernt gelegen. Grenzlinie und häufig Ort der Zusammenstöße war der dazwischen vorbeifließende Schwarzbach mit klarem Gebirgswasser, in welchem wir Forellen nachstellten und im Sommer badeten. Über jene Markierungslinie hinweg lieferten sich beide „feindlichen
Parteien regelrechte Schlachten, indem wir Jungens uns mit den reichlich beiderseits der Ufer auf den Feldern liegenden Steinen und Erdbrocken, den „Klumpen", erbittert bewarfen. Ein solcher traf mich einmal voll ins Gesicht, was mir scheußliche Schmerzen und einen über eine Woche stolz getragenen Kopfverband eintrug. Dazu Mutter am 18.10. 1942: Vorige Woche kam Hannes mit einem ganz entstellten Gesicht heim. Bei Schmeißerei mit Erdklumpen hatten ihn Jungens ganz gehörig ins Gesicht getroffen, so daß ein Auge völlig verschwollen war, Backe zerkratzt mit Bluterguß in den schönsten Farben. Es sah gefährlich aus. Beträchtlich war der Zorn meines Vaters, der hier die Grenzen unseres „Spielens überschritten sah - ging es doch um das Augenlicht seines Lümmels! Auch erinnere ich mich an eine mit blanken Steinen ausgetragene Schlacht auf dem „Menzelberg
am entfernt gelegenen Ende unserer Siedlung, in deren Verlauf mein Bruder mit einer heftig blutenden Platzwunde auf dem Kopf die Walstatt verließ. Nicht auszudenken, wenn das ins Auge gegangen wäre!
Dennoch haben uns die Eltern riskantes Treiben wie Klumpenschlachten oder mein leidenschaftliches, waghalsiges Klettern bis in die höchsten Baumwipfel niemals verwehrt, ebensowenig das Herumtollen auf der im Winter zugefrorenen Schwarzbach - wobei mein Bruder einmal einbrach und sich nur mit Hilfe eines Spielkameraden mit knapper Not retten konnte - oder das Herumstrolchen auf dem Übungsgelände der unweit gelegenen Kasernen, wo wir uns die Taschen mit Übungsmunition füllten und damit die leichtsinnigsten Knallereien anstellten, wovon noch die Rede sein wird.
Welten liegen zwischen unserem damaligen Jungensieben vor fast einem dreiviertel Jahrhundert und der heutigen vom audiovisuellen Behämmern durch Unterhaltungselektronik, Fernsehen, Computer und Smartphones geprägten, oft wirklichkeitsfremden weil virtuellen Welt junger Menschen!
Apotheke Natur
Meine Eltern haben uns Kinder beileibe nicht bedauert, wenn wir mal blutend nach Hause kamen oder unter sonstigen Mißbefindlichkeiten litten! Zimperlichkeit und überstürztes Rufen nach dem „Onkel Doktor" gab es nicht! Vater und Mutter waren mit der Erfahrungsheilkunde eng vertraut, so daß sie Verletzungen oder Erkrankungen soweit wie irgend möglich auf natürliche Art mit Mitteln aus der Naturheilkunde behandelten. Zudem kamen unserer Mutter auf das beste die in ihrer Zeit als Arzthelferin gesammelten Erfahrungen zustatten. Ihr diesbezügliches Wissen und Können, gepaart mit der Fähigkeit zu überaus praktischem Denken und Handeln, sind für die ganze Familie unzählige Male von höchstem Nutzen gewesen! Wie häufig werden heutzutage von überängstlichen Müttern die verzärtelten Kinderchen bei jedem Wehwehchen übereilt zum Arzt gschleppt!
Vater kannte sich in Heilkräutern und speziell der Homöopathie gut aus. Noch heute sehe ich seine Fläschchen von der „Deutschen Homöopathie Union mit den typischen roten Hütchen und den Tropfnäschen im obersten Fach des Küchenschrankes stehen. Auch lehrte mich Vater bereits in früher Kindheit die erstaunlich guten und vielseitigen Wirkungen beispielsweise des Wermuttees kennen und ihn trotz seines bitteren Geschmacks mit immer weniger Widerwillen trinken. Schon als kleiner Junge erfuhr Vater die wundersamen Heilkräfte der Pflanzen: Als ihm durch die unbedachte Bewegung eines vorausgehenden Bauernknechtes dessen über der Schulter getragene Sense mit der Spitze die linke Wange vom Mundwinkel an aufwärts ein gutes Stück durchschnitten hatte, dachte an das Nähen niemand! Vielmehr gelang es Großmutter mit ihrem wichtigsten Hausmittel, nämlich eine aus Alkohol und Arnikablüten gewonnene Tinktur, die klaffende Wunde sauber zu heilen. Die zurückgebliebene lange, feine Wangennarbe sah wie ein perfekter „Schmiß
aus, und Vater wurde des öfteren gefragt, welcher schlagenden Studententischen Verbindung er angehöre! Ebensowenig wurde bei meinem Bruder eine nach Mutters Worten regelrecht gespaltene und furchtbar blutende Unterlippe ärztlich behandelt, sondern mit einem Pflaster an der Gusche (Mund) ist Rainer einige Tage gelaufen, jetzt sehe ich, daß die Wunde gut zusammengezogen ist.
Vaters betonte Zurückhaltung gegenüber der Allopathie entsprach seiner Sympathie für Heilpraktiker. Bei einem namens Schleuder in Hirschberg mußte auch ich mich als noch kleiner Junge einer Irisdiagnose unterziehen, von deren Aussagekraft Vater fest überzeugt war. Jener Heilkundige verstand es, Vaters Nierensteinleiden mit Erfolg zu behandeln und erträgliche Steinabgänge zu bewirken, indem er Rubia tinctorum (Krappwurzel oder Färberröte) verordnete, die heute einem von behördlicher Ignoranz diktierten Verbot zum Schaden vieler Betroffener zum Opfer gefallen ist.
Bei Grippe war Einpacken zum Schwitzen das Mittel der Wahl - Medikamente, wie man sie heute oft sinn- und gedankenlos gegen Virenerkrankung verabreicht, gab es für Mutter nicht. Fieber wurde nicht unterdrückt, schlimmstenfalls gab es kalte Wadenwickel. Verdauungsproblemen schritt man mit Bittertee, Zwieback oder angemessenem Fasten, Darmerkrankungen mit Einläufen, Kohletabletten oder Heilerde zu Leibe. Eiternde oder entzündete Verletzungen, wie wir Kinder sie uns immer wieder zuzogen, wurden in Kernseifenlauge gebadet oder mit der guten, alten, brennenden Sepsotinktur bepinselt, bei tiefsitzenden „Schiefern (Holzsplitter) kam zusätzlich Zugpflaster zur Anwendung. Masern und Keuchhusten kurierten wir Kinder im Bett aus und wurden nicht mit Impfungen unterdrückt. „Abhärten
mit einem Kaltwasserguß nach jeder warmen Körperwäsche war eine Selbstverständlichkeit. Ohne den morgendlichen Löffel Lebertran gab es im Winter keinen Weg zur Schule.
In sinnvoller Ergänzung zu dieser naturfreundlichen Gesundheitspflege legten die Eltern größten Wert auf naturbelassene Nahrungsmittel. Hier kam uns der eigene Garten zugute, dem Vater als begnadeter Gärtner Jahr für Jahr Wurzel- und Blattgemüse sowie Beeren in unübertroffener Reinheit und Güte zu entlocken vermochte, was besonders in den Kriegsjahren von unschätzbarem Wert war. Und was noch auf den Tisch fehlte, erhielten wir von unseren bäuerlichen Verwandten in bester Qualität.
Flugbegeisterung
Schon in jungen Jahren hatte Vater Segelfliegerprüfungen in der unweit Hirschbergs gelegenen „Reichsschule für Segelflugsport in Grunau abgelegt, die mit vielen Namen weltberühmter Segelflugpioniere wie u. a. Wolf Hirth und Hanna Reitsch (Kapitel „Ein Idol
) verbunden ist. Dort wurde 1931/32 von Edmund Schneider das „Grunau Baby" konstruiert, ein abgestrebter Hochdecker, das weltweit meistgebaute Segelflugzeug.
Unauslöschlich das Bild, das sich mir im Verlaufe eines Ausfluges zum Segelfliegergelände Grunau bot. Mein Vater hatte mich auf den zwischen Galgenberg und Spitzberg rund 500 Meter hochgelegenen Übungshang mitgenommen, wo ich mich am Treiben der Flugschüler und deren Ausbilder nicht sattsehen konnte. Der Höhepunkt für mich aber war, als Vater einen „Schulgleiter SG 38 besteigen durfte. Fasziniert verfolgte ich das Anschnallen meines in Knickerbocker und Sommerjacke gekleideten Vaters auf dem völlig offenliegenden Sitz, für den dieses noch heute in aller Welt genutzte Übungs-Gleitflugzeug bekannt ist. Dann erfolgte der Seilstart, indem jeweils etwa sieben Flugschüler, die sogenannten „Gummihunde
, je eines der zwei V-förmig ausgelegten dicken Gummiseile, an denen der Schulgleiter eingehakt war, mit den Händen ergriffen. Der Fluglehrer kommandierte Ausziehen! und Laufen!, worauf die Startmannschaften vorwärtseilten und durch das damit verbundene Ausziehen der Gummiseile den Schulgleiter solange unter wachsende Zugspannung setzten, bis auf das Kommando Los! die hintere Haltemannschaft den Gleiter losließ. Das sich zusammenziehende Gummiseil trieb den Gleiter hoch, klinkte sich beim Überfliegen der Gummihunde von selbst aus und fiel zu Boden.
Ich erinnere mich, wie anfangs der Flügel von Vaters Gleiter ein wenig schwankte, doch Flug und Landung klappten tadellos, der Schulgleiter blieb tief unten am flach auslaufenden Übungshang ruhig auf eines seiner Flügelenden gekippt liegen. Die Startmannschaft schleppte den SG 38 wieder den Berg hinauf, Vater schritt wie einst als Flugschüler vorschriftsmäßig an einem der Tragflächenenden und hielt dieses fest in der Waagerechten. Ich war mächtig stolz auf ihn!
Noch heute öffnet sich vor meinem inneren Auge der weite Blick vom nördlichen Grunauer Übungshang hinab zum lang hingestreckten Straßendorf Flachenseiffen. Auf der entgegengesetzten Seite bot sich nach Süden die unbeschreiblich schöne Aussicht weit über das Hirschberger Tal bis hin zu den Sudeten von den Waldenburger Bergen über das gesamte Riesengebirges bis nach Westen zum Isergebirge und fern zur Görlitzer Landskrone.
Überhaupt gehörte die Segelfliegerei zu den tiefsten Eindrücken meiner Hirschberger Kindheit. Fast täglich beobachteten wir von unserem Haus aus, wie Doppeldecker in geduldigem Kurvenflug Segelflugzeuge in immer größere Höhen schleppten, nach dem Ausklinken in Steilkurve und Sturzflug abdrehten und Loopings schlagend mit langen Auspuff-Feuerschweifen in Richtung des Flugplatzes Hartau verschwanden. Doch auch von Notlandungen und Abstürzen mit im Baumgeäst hängengebliebenen Fallschirmen und weit verstreuten hölzernen Wrackteilen wurden wir Zeugen.
Es war naheliegend und gehörte zum Ausbildungsprogramm, daß mein Vater als Dozent für Werkerziehung in seinem speziell der Holzbearbeitung gewidmeten Lehrfach den Studenten auch die Kunst des Bauens von Segelflug- Segelschiffsmodellen vermittelte. Damit auch ich dies erlerne, weilte ich viele Male nach Unterrichtsschluß der Studenten in Vaters Werkstatt und erwarb von der Pieke auf die Grundlagen fachgerechten Bearbeitens und Gestaltens von Holz als dem wohl wunderbarsten Werkstoff überhaupt.
So saß ich lange Stunden und sägte aus dünnem Sperrholz mit der Laubsäge die vielen für ein Modell-Segelflugzeug erforderlichen Rumpf- und Tragflügel-Spanten aus, um diese unter geduldiger Anleitung meines Vaters mittels Holzleisten und Klebstoff zum tragenden Flugzeug-Gerippe zusammenzufügen. Dieses wurde mit einem speziellen Pergament-Papier überzogen, welches nach Bestreichen mit „Spannlack eine trommelfellartige Spannung und Festigkeit bekam. Die massiv hölzerne Nase des Modellflugzeuges enthielt Bohrlöcher, in welche zum Einstellen der Gewichtsbalance Bleistücke versenkt wurden. Das wohl meistgebaute Segelflugmodell namens „Jungvolk
wurde zu einem Begriff für die damalige Jugend.
Stolz und erwartungsvoll zogen wir mit dem eigenhändig gebauten Segelflugmodell auf geeignete Hügel, wo es gegen den Aufwind hangabwärts gestoßen wurde. Nach dessen Landung irgendwo weit drunten in Wiesen oder Feldern begann hurtiges Laufen, um den gelandeten Vogel zu bergen, dessen mittels zweier Gummiringe mit dem Rumpf fest verspannter Tragflügel beim Aufprall in der Regel unzerstört und nur verschoben oder abgesprungen war. Bald übten wir den Gummiseilstart. Die hierzu verwendeten kräftigen Gummischnüre verwendeten wir auch für Steinschleudern, deren bevorzugtes Ziel Fensterscheiben in den benachbarten Schrebergärten war. Natürlich pflegten wir auch das Basteln und Steigenlassen von Drachen mit langen Schwänzen aus Schnur mit hineingeknoteten Papierschleifen! Zum Ärgernis wurden die kriegsbedingt aus Papier hergestellten Schnüre!
Vaters Begeisterung für das Fliegen hatte für ihn die unangenehme Begleiterscheinung, in das National-Sozialistische-Flieger-Korps (NSFK) als zahlendes Mitglied hineingezogen zu werden. Hierzu war die Anschaffung einer entsprechenden Uniform obligatorisch, in welcher ich meinen Vater nur ein einziges Mal gesehen habe, nämlich auf einem Weihnachtsfest im Hirschberger Nobel-Hotel „Drei Berge", zu dem das NSFK eingeladen hatte. Vater sah in seiner goldbraunen Uniformjacke und schwarzen Beinkleidern beeindruckend aus, begleitet von der festlich in langes Kleid gewandeten Mutter. Natürlich hatten die Veranstalter uns Jungens verschiedenste Kriegsspielzeuge
