Bitten statt fordern: Ein Schulentwicklungsprojekt mit Gewaltfreier Kommunikation
Von Hilde Fritz-Krappen und Gottfried Orth
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Über dieses E-Book
Stimmen nach mehr Strafen und mehr Konsequenz werden laut. Aber auch solche, die ganz andere Wege suchen, haben doch Ordnungsmaßnahmen bislang keine nachhaltigen Erfolge gezeigt. Eigenverantwortung und Wertschätzung gelte es zu fördern. In diesem Buch wird beispielhaft ein weiter andauernder Entwicklungsprozess an einer öffentlichen Schule beschrieben, in dem sich Kollegium und Schulleitung darauf einließen, auf ganz andere Weise mit Macht umzugehen und ein neues Verständnis kommunikativer Prozesse zu entwickeln. Forderungen an die jeweils andere Seite – an Schülerinnen und Schülern genauso wie an Lehrerinnen und Lehrer – wurden durch Bitten ersetzt. Erzählend und reflektierend berichtet das Buch über einen Versuch gewaltfreier Schulentwicklung, der von Lehrerinnen und Lehrern selbst initiiert wurde.
Hilde Fritz-Krappen
Hilde Fritz, Förderschullehrerin und Mitglied des Schulleitungsteams der Albert-Schweitzer-Schule Gießen. Zusatzqualifikationen als Sprachheilpädagogin, in Ausländerpädagogik und als Lehrerin für Darstellendes Spiel. Derzeit Weiterbildung in systemischer Beratung.
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Buchvorschau
Bitten statt fordern - Hilde Fritz-Krappen
1. „Alles fing damit an, dass ich in der Schule von Gewaltfreier
Kommunikation erzählte ..." – Eine kurze Einführung in Gewaltfreie Kommunikation
Aufgrund eigener Gewalterfahrungen in seinem Heimatstadtteil in Detroit während seiner Jugend und aufgrund seiner Unzufriedenheit mit klinisch-therapeutischer Arbeit hat Marshall B. Rosenberg Gewaltfreie Kommunikation im Kontext der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren entwickelt. Rosenberg praktiziert sie und entwickelt sie weiter als Hilfe in sowohl alltagssprachlichen Zusammenhängen als auch bei persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Konflikten. Sie nimmt Überlegungen von Rosenbergs akademischem Lehrer Carl Rogers auf und versteht sich als Haltung, deren Ziele Selbstachtung und Selbstliebe sowie der Aufbau wertschätzender und achtsamer Beziehungen zwischen Menschen sind.
„Jedem Menschen eine grundsätzliche Wertschätzung entgegenzubringen, ist die schönste Umgangsform, die wir uns selbst gegenüber wählen können. Wenn ich mich dafür entscheide, in jedem Menschen seine Schönheit zu sehen, dann behandle ich auch mich selbst mit Liebe. Das habe ich mir nicht ausgedacht, alle Religionen sagen das auf ihre Weise: ‚Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet‘, ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘."³
Um gewaltfreie Kommunikation zu üben, hat Rosenberg zwei Tierpuppen eingeführt: den Wolf und die Giraffe. „Wolfssprache ist diejenige, die beurteilt und in Gewinner-Verlierer-Kategorien denkt. „Giraffensprache
bemüht sich um Respekt und Wertschätzung jedes Menschen, seiner Gefühle und Bedürfnisse; sie ermöglicht Kooperation und erkennt Differenzen an.
Ein Beispiel kann verdeutlichen, was mit Wolfssprache gemeint ist: „Wie immer: Du kommst schon wieder zu spät zum Unterricht! Ein klarer Vorwurf wird hier geäußert, und wenn ein Wolf so angegriffen wird, kann er eigentlich nur zurückbeißen – und schon ist eine Eskalation, die Kommunikation nahezu unmöglich macht, fast selbstverständlich. Zur Wolfssprache gehört auch, sich selbst und andere zu beschuldigen. Kennen Sie den Satz: „Ich kann ja eh nichts machen!
, oder: „Als Lehrer bin ich eigentlich nie gut genug ..." So beschuldigen und greifen Sie sich selbst an. Sie machen sich klein und erfahren sich dann oftmals wirklich als handlungsunfähig ...
Giraffensprache kommt dagegen ganz ohne Vorwürfe oder Verurteilungen aus: Mit dieser Sprache drücken wir unsere eigenen Bedürfnisse und Gefühle aus und zeigen so, was jetzt in uns lebendig ist. Dabei können ‚Giraffen‘ auch den ‚Wolf‘ verstehen, weil sie davon ausgehen, dass auch er Gefühle hat und sich seine Bedürfnisse erfüllen möchte – er verwendet dafür nur leider Wörter und Sätze und Sprachformen, die das Verstehen so schwer machen.
Warum aber ausgerechnet eine Giraffe? Die Giraffe – so sagen Schülerinnen und Schüler immer wieder – hat den Überblick, „weil sie so einen langen Hals hat". Das stimmt sicher auch. Für Rosenberg ist bedeutsam, dass die Giraffe das Landtier mit dem größten Herzen ist – und Gewaltfreie Kommunikation versteht sich als eine Sprache der Herzen.
1.1 Haltung und Dialogmodell Gewaltfreier Kommunikation
Die Schönheit und Würde jedes Menschen
Gewaltfreie Kommunikation will die Schönheit und Würde jedes Menschen betonen und achten. Im Kontext von Schule, in dem sich täglich ganz viele verschiedene Menschen begegnen, können sich Gedanke und Praxis der wechselseitigen Anerkennung der Würde jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin bewähren. Unter vergleichsweise Gleichen einander Würde zuzuerkennen bleibt einfach gegenüber der Aufgabe, die Würde und die Schönheit des anderen auch dann anzuerkennen, wenn er bleibend verschieden fühlt, argumentiert, denkt und lebt. Diese Würde können Schülerinnen oder Schüler spüren, wenn sie von Mitschülerinnen und Mitschülern oder Lehrerinnen und Lehrern in einem sehr qualifizierten Sinne wahrgenommen und ‚gesehen‘ werden. Ein solcher wertschätzender Blick auf die einzelnen Kinder und Jugendlichen nimmt diese als Individuen wahr, ohne sie zu vergleichen oder unter-, über- und einzuordnen. Es geht zunächst darum, das einzigartig Schöne in jeder Schülerin und jedem Schüler entdecken zu wollen. Dann kann ich als Lehrerin oder Lehrer diese darauf hinweisen und ihnen zu dieser Wahrnehmung ‚Übersetzungshilfen‘ anbieten angesichts dessen, dass sie selbst sich untereinander oftmals eher vergleichen, einordnen oder gar abwerten.⁴
See Me Beautiful
See me beautiful
Look for the best in me
It’s what I really am
And all I want to be
It may take some time
It may be hard to find
But see me beautiful
See me beautiful
Each and every day
Could you take a chance
Could you find a way
To see me shining through
In everything I do
And see me beautiful
(Kathy und Red Grammer, „See Me Beautiful")⁵
Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen
Jeder Mensch hat Bedürfnisse, braucht z. B. Beachtung, Liebe, Wertschätzung, Nahrung, Sicherheit und Schutz.
Grundannahmen Gewaltfreier Kommunikation
„Alle Menschen möchten ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen.
Wir leben in guten Beziehungen, wenn wir diese Bedürfnisse durch Zusammenarbeit statt durch aggressives Verhalten erfüllen.
Jeder Mensch hat bemerkenswerte Ressourcen (Fähigkeiten), die uns erfahrbar werden, wenn wir durch Einfühlung mit ihnen in Kontakt kommen.
Jedes Verhalten ist der mehr oder weniger gelungene Versuch, ein Bedürfnis zu erfüllen.
Jedes Bedürfnis dient dem Leben, insofern gibt es keine ‚negativen‘ Bedürfnisse!"⁶
Bedürfnisse, so Gerlinde Fritsch, sind universelle Lebensmotive, d. h. alle Menschen in allen Kulturen haben die gleichen grundlegenden Bedürfnisse, um zu gedeihen und ein erfülltes Leben zu führen. „Alles Verhalten ist darauf ausgerichtet, Bedürfnisse zu erfüllen. Selbst tragisches Verhalten dient letztlich dem Ziel, das Leben zu verschönern. Ob das wirklich gelingt, ist eine andere Sache. Die spannende Frage ist, welches Bedürfnis durch ein Verhalten oder einen Verhaltensimpuls eigentlich befriedigt werden soll"⁷ – und wie dies gewaltfrei, friedensfördernd und lebensbereichernd gelingen kann.
Im Zentrum Gewaltfreier Kommunikation steht die Wahrnehmung dessen, was ich selbst und andere Menschen zum Leben brauchen. Verbindung zu mir selbst und anderen, so die bereichernde Erfahrung gewaltfreier Kommunikation, wird möglich, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse ebenso wahr- und ernst nehme wie die meiner Mitmenschen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – „Liebe dich selbst wie deinen Nächsten
.
M. Max-Neef hat neun solcher Grundbedürfnisse der Menschen formuliert:
Bedürfnisse des physischen Lebens (Wasser, Essen, Luft usw.)
Sicherheit / Schutz
Verständnis / Empathie
Liebe
Erholung / Spiel
Kreativität
Geborgenheit / Gemeinschaft
Autonomie / Selbstbestimmung
Sinn / Inhalt
Diese Grundbedürfnisse, so Max-Neef, sind unabhängig von den kulturellen, religiösen, gesellschaftlichen Bedingungen, innerhalb derer Menschen leben, und daher konstitutiv für alle Menschen.⁸
Gefühle und Bedürfnisse
Gefühle zeigen unsere Lebendigkeit. Sie sind differenzierte Möglichkeiten, die Welt, sich selbst und die eigenen Beziehungen immer neu wahrzunehmen. Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, Gefühle näher zu kennzeichnen.⁹ Entscheidend erscheint uns folgende Differenzierung: Angenehme Gefühle zeigen uns, dass wichtige Bedürfnisse von uns erfüllt sind. Unangenehme Gefühle zeigen uns, dass wichtige Bedürfnisse von uns nicht erfüllt sind. Dabei ist „das innere Erleben von Gefühlen orientierungsgebend für uns selbst, und der Ausdruck von Gefühlen ist beziehungsbeeinflussend"¹⁰.
Gefühle sind komplexe Gebilde:
Sie hängen ab von einer auslösenden Situation oder Erinnerungen an Situationen
und meinen Gedanken / Urteilen / Bewertungen dieser Situation;
sie sind körperlich spürbar: Gefühle manifestieren sich stets in Körperempfindungen und in Körpersprache;
und Gefühle münden schließlich in Handlungsimpulse.
Weil Gefühle also von meiner Bewertung einer Situation und von meinen jeweiligen Bedürfnissen abhängen, ist es wenig sinnvoll, anderen Menschen die Verantwortung für das zu geben, was ich fühle. Sie entstehen im Zusammenspiel mit meiner Erziehung und Sozialisation, meiner aktuellen körperlichen und seelischen Verfassung, meinem Denken ... Entscheidend dabei erscheint, dass jeder und jede selbst auf seine bzw. ihre Gefühle aktiv einwirken kann, sie also nicht lediglich ‚erdulden‘ muss.
Dazu gehört auch, dass Gefühle nicht direkt veränderbar sind. Es nutzt nichts zu sagen: „Du brauchst keine Angst zu haben." Unangenehme Gefühle verschwinden vielmehr dann, wenn
das zugehörige Bedürfnis erkannt wird – was allein schon Klarheit und Beruhigung mit sich bringt;
das Bedürfnis durch angemessene Strategien versorgt wird oder
der Auslöser anders interpretiert wird.¹¹
Bedürfnisse und Strategien ihrer Erfüllung
In Gewaltfreier Kommunikation wird zwischen Bedürfnissen und Strategien unterschieden: Mit Strategien erfüllen Menschen sich selbst und einander ihre Bedürfnisse und die der anderen. M. B. Rosenberg¹² stellt die auf die Ebene der Strategien zielende Frage: „Willst du recht haben oder glücklich sein?", und aufgrund seiner Erfahrung behauptet er, dass beides zusammen nicht gehe. Um Missverständnissen dieses Satzes gleich zu wehren: Er zielt zum einen nicht auf ein Aufgeben eigenen Rechts, wohl aber darauf, dem anderen sein Recht zu lassen; mein Recht ist letztlich ebenso wenig maßgebend wie seines. Und er weist zum Zweiten – und dies ist bedeutsamer – darauf hin, dass es im Dialog um Strategien darauf ankommt, die Bedürfnisse wahrzunehmen, zu deren Erfüllung sie gewählt werden, um sich auf der Ebene der allen Menschen gemeinsamen Bedürfnisse zunächst miteinander zu verbinden. Wenn dies gelingt, kann ich recht haben und der andere recht haben, können beide Bedürfnisse zugleich oder in einer zeitlich versetzten Weise erfüllt werden – und beide können glücklich sein! Bleiben wir dagegen lediglich auf der Ebene divergierender Strategien, die ich jetzt anwende, um mein Bedürfnis jetzt zu erfüllen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer zu nehmen, erscheint dies kaum möglich. Konflikte sind fast notwendig vorprogrammiert.
In der Schule treffen täglich ganz unterschiedliche Menschen zusammen. Sie handeln sehr unterschiedlich, so wie sie es jeweils gelernt oder eingeübt haben; in der Sprache Gewaltfreier Kommunikation: Ihre Strategien sind verschieden. Was sie dagegen vereint, sind ihre Bedürfnisse.¹³ Das Zusammenleben mit so verschiedenen Menschen gewinnt dann an Leichtigkeit, wenn es nicht mehr darum geht, Verhaltensweisen oder handlungsleitende Impulse, also Strategien, gegeneinander durchzusetzen, sondern Leben in der Gemeinsamkeit der Bedürfnisse zu gestalten und die Strategien herauszufinden, die bleibend verschiedenen Menschen die gewaltfreie, friedensfördernde, lebensbereichernde und oftmals unterschiedliche Erfüllung ihrer Bedürfnisse ermöglichen. Der Blick auf die Bedürfnisse lockert bei klarer Wahrnehmung und Unterscheidung von „Ich und „Du
die Grenzen zwischen „mir und „anderen
.
Die vier Schritte
Gewaltfreie Kommunikation ist zunächst eine Haltung grundsätzlicher Wertschätzung mir selbst und anderen gegenüber. Sie zielt auf ein gewaltfreies Miteinander ich-starker Menschen. Als Hilfestellung, diese Haltung einzuüben, hat Rosenberg sein aus vier Schritten bestehendes Kommunikationsmodell entwickelt. Er selbst vergleicht sein Modell einmal im Rückbezug auf eine abgewandelte buddhistische Parabel mit einem Floß: „Sie stehen am Ufer eines Flusses, den Sie überqueren wollen, um an einen wunderbaren Ort zu gelangen. Deshalb besorgen Sie sich ein Floß. Dieses Floß ist genau das richtige Hilfsmittel, um Sie über den Fluss zu bringen. Sobald sie erst einmal auf der anderen Seite des Flusses angelangt sind, müssen Sie nur noch wenige Kilometer zurücklegen, um diesen wunderbaren Ort zu erreichen. Und die buddhistische Parabel endet folgendermaßen: ‚Der ist ein Narr, der den Weg zum heiligen Ort fortsetzt, und sich dabei das Floß auf seinen Rücken lädt.‘ Gewaltfreie Kommunikation ist ein Werkzeug, um mir über meine kulturellen Konditionierungen hinwegzuhelfen, damit ich zu dem wunderbaren Ort gelangen kann. Gewaltfreie Kommunikation ist nicht der Ort."¹⁴
Die vier Schritte
Ich benenne die klare Beobachtung einer Situation, ohne diese zu beurteilen oder zu bewerten.
Ich drücke die Gefühle aus, die ich mit der Situation verbinde / die die Situation in mir auslöst und die mich auf meine Bedürfnisse hinweisen.
Ich formuliere die Bedürfnisse, die erfüllt oder unerfüllt sind.
Ich formuliere eine konkrete und handlungsorientierte Bitte an andere oder an mich selbst, die meine Bedürfnisse hier und jetzt erfüllen kann – eine Bitte, die, wenn sie erfüllt wird, mein Leben in dieser konkreten Situation schöner werden lässt.
Schritt 1: Beobachtung
Der erste Schritt zielt darauf, eine Beobachtung – gleichsam im filmischen Blick (was sehe ich, was höre ich?) – zu äußern, ohne dass irgendeine Bewertung mitschwingt. Meistens äußern Menschen Beobachtungen sogleich verknüpft mit Verurteilungen, Analysen, Kritik, Lob oder Diagnose. Das macht es dem / der Zuhörenden schwer, sich auf die Beobachtung zu konzentrieren, weil er / sie sogleich die Bewertung mithört. Die Beschreibung der Beobachtung ist also so angelegt, dass sie von dem / der anderen vermutlich geteilt werden kann.
Beispiel:
Statt: „Also Timo, ich bin stinksauer, weil du andauernd während meines Unterrichts mit deinem Handy spielst!"
sagt der Lehrer in GFK: „Timo, ich sehe, dass du in dieser Stunde zum dritten Mal unter dem Tisch dein Handy anschaust und Tasten drückst."
Der Vorteil dieser beobachtenden Formulierung liegt zunächst darin, dass ich mich mit Timo nun weder über „andauernd" streiten muss noch darüber, ob er spielt oder recherchiert oder SMS schreibt. Timo kann wahrscheinlich dieser Beobachtung zustimmen, und Lehrer und Schüler sind sogleich beim Thema.
Schritt 2: Gefühle
Konflikte sind immer gefühlsgeladen; bei den verschiedenen an den Konflikten beteiligten Personen können dies ganz unterschiedliche, auch einander widersprechende Gefühle sein. So ist es wichtig, seine Gefühle wahrzunehmen und zu äußern – doch, und dies erscheint uns entscheidend, getrennt von der
