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Die Leiche auf der Deichkrone. Ostfrieslandkrimi
Die Leiche auf der Deichkrone. Ostfrieslandkrimi
Die Leiche auf der Deichkrone. Ostfrieslandkrimi
eBook241 Seiten2 StundenPolizei Greetsiel ermittelt

Die Leiche auf der Deichkrone. Ostfrieslandkrimi

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Über dieses E-Book

»Da liegt eine tote Frau auf dem Deich!« Die Greetsieler Kriminalhauptkommissarin Ruth Fasan genießt ihren freien Tag bei einem gemütlichen Frühstück, als es an ihrer Tür klopft und ihr der Fund einer Leiche gemeldet wird. Dass die Tote praktisch direkt vor ihrem Haus abgelegt wurde: Zufall oder Absicht? Will der Täter damit einen Hinweis geben? Oder war es gar nicht der Täter selbst? Zusammen mit ihrem Kollegen Hagen Reese findet Ruth schnell heraus, dass die junge Archäologin Flora Rubens offensichtlich auf brisante Unterlagen zur Sturmflut von 1825 gestoßen war. Musste sie deshalb sterben, war sie ihrem Chef, dem Ausgrabungsleiter Professor Klingbeil, mit ihren Nachforschungen im Weg? Oder war es eine Eifersuchtsgeschichte? Hat ihr Freund, der spurlos verschwunden ist, etwas mit dem Mord zu tun? Erst als eine Eisenwarenhandlung in den Fokus der Ermittlungen gerät, beginnt sich der Nebel zu lichten. Doch gelöst ist der Fall damit noch lange nicht …

SpracheDeutsch
HerausgeberKlarant
Erscheinungsdatum31. Okt. 2023
ISBN9783965868670
Die Leiche auf der Deichkrone. Ostfrieslandkrimi
Autor

Jan Olsen

Jan Olsen ist das neue Pseudonym eines seit 1991 in verschiedenen Genres erfolgreichen Schriftstellers. Jan ist mit einer Hebamme verheiratet, hat drei inzwischen erwachsene Kinder und darf sich seit Kurzem auch Großvater nennen. Als Kind des Nordens ist er der Nordsee mit all ihren rauen und lieblichen Facetten besonders zugetan und ließ kaum eine Ferienzeit verstreichen, ohne diese Gestade mit seiner Familie zu besuchen. Auch heute noch stehen Ferien an der Nordsee jedes Jahr auf dem Programm. Seine Vorliebe für die Nordsee und die dort lebenden Menschen kann er in seinen Ostfrieslandkrimis nun nach Herzenslust ausleben.

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    Buchvorschau

    Die Leiche auf der Deichkrone. Ostfrieslandkrimi - Jan Olsen

    Kapitel 1

    Fred Jensen zog den Reißverschluss seiner grünen Arbeitsjacke bis zum Kinnbart hoch. Dann blickte er skeptisch zum Himmel empor. Vom Meer her schoben sich düstere Wolkengebirge heran. Sie verdunkelten die Morgensonne und warfen Schatten auf das Vorland mit seinen Salzwiesen, den Sielen und Deichen. Der Wind trieb die Wolkenbänke machtvoll vor sich her; nicht mehr lange und ihr graues Zwielicht würden auch das Fischerdorf Greetsiel erreichen.

    »Wir müssen uns ranhalten!«, rief Fred seiner Kollegin von der Deichacht zu. »Es wird bald Regen geben!«

    Hildrun Henner löste den letzten Spanngurt, der den wuchtigen Einachsmäher auf der Ladefläche des Trucks sicherte. Das Fahrzeug parkte oben auf der Krone des westwärts führenden Inlandsdeichs. »Ich verstehe immer noch nicht, warum man es nicht den Schafen überlässt, das Gras auf den Greetsieler Deichen kurz zu halten!«, rief sie herüber. Eine Böe fuhr durch ihr kurzes blondes Haar und ließ einen Aufschlag ihres Jackenkragens hochflappen.

    Fred lachte kurz auf. »Stell dir mal eine Herde Schafe zwischen all den Besuchern des Greetsieler Hafens vor. Und wie das wohl aussehen würde, wenn die Tiere zwischen den Tischen und Stühlen der Cafés herumliegen oder es sich auf dem Pier gemütlich machen.« Er lachte erneut.

    »Ja, das geht natürlich nicht«, räumte Hildrun ein und schob den Mäher die Rampe hinunter, die hinten am Truck anlag. Mit einer Handbewegung deutete sie um sich. Der Abschnitt, auf dem sie sich befanden, lag außerhalb der westlichen Dorfgrenze und zog sich mehr oder weniger gerade bis zum Pilsumer Leuchtturm hin, wo er sich im Dunst des Morgens verlor. »Aber hier … hier würden ein paar Schafe doch niemanden stören«, sagte sie.

    Fred schüttelte über seine junge Kollegin nachsichtig den Kopf. »Die Deichacht Krummhörn ist nun mal für die Greetsieler Deiche zuständig«, erläuterte er geduldig. »So wird das schon seit langem gehandhabt, und daran wird sich auch nix ändern.«

    Hildrun lächelte säuerlich. »Ne, natürlich nicht«, sagte sie nüchtern.

    Fred nahm den Einachsmäher entgegen. »Schnapp du dir den einfachen Rasenmäher und mach das Gras entlang des Spazierpfades kurz«, wies er Hildrun an. »Ich kümmere mich um die Böschung.«

    »Willst du mir das nicht überlassen?«, fragte Hildrun spitzbübisch. »Die alten Deiche hier sind sehr steil. Und du bist auch nicht mehr der Jüngste.«

    Fred tätschelte die Griffe des Mähers. »Mit diesem Spezialgerät musst du erst noch umzugehen lernen«, belehrte er sie. »Man braucht Übung … und Muskeln.«

    Hildrun krempelte einen Ärmel hoch, und als sie eine Faust ballte, zeichneten sich unter ihrer zarten Haut schlanke Muskelstränge ab. »Ich bin kräftig genug, um locker mit dir mithalten zu können«, behauptete sie.

    Fred griente. »Aber was Alter und Erfahrung betrifft, stehst du weit hinter mir zurück.« Er beendete die kleine Frotzelei, indem er den Benzinmotor des Spezialmähers anwarf. Das laute Röhren der Maschine zerstörte augenblicklich die frühmorgendliche Stille dieses malerischen Landstrichs. Mehrere Enten flogen von dem Krach erschreckt vom Leyhörner Sieltief auf, das sich nicht weit vom Deich entfernt als graues Band dahinzog.

    Geschickt lenkte Fred den lärmenden Mäher auf die Böschung zu. Die schwingenden Zähne des Balkenmähers fällten die kniehohen Halme dabei reihenweise.

    Fred fluchte leise, während er die schwere Maschine auf dem Hang zu bändigen versuchte. Seine Gelenke protestierten schmerzhaft gegen die Belastung, der sie plötzlich ausgesetzt wurden, und einmal mehr nahm er sich vor, Hildrun diese schwere Arbeit das nächste Mal zu überlassen. Dies hätte er auch diesmal gerne getan, aber weil sie ihn wegen seines Alters aufgezogen hatte, hatte er auf stur geschaltet und die mühsame Tätigkeit selbst übernommen.

    Nach wenigen Metern hatte er sich eingearbeitet und auch seine Knochen hatten sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Steifbeinig stakste er auf der Schräge des Deiches hinter dem Mäher her, während dieser die Gräser auf Handbreite kürzte.

    Unterdessen hatte Hildrun ihren Rasenmäher angeschmissen und führte ihn parallel zum Trampelpfad auf der Deichkrone entlang. Für sie war diese Tätigkeit nicht anstrengender als ein Spaziergang, und als sie Fred einholte, winkte sie ihm fröhlich zu.

    Der Deicharbeiter erwiderte die Geste mit säuerlichem Gesichtsausdruck.

    Im nächsten Moment ließ Hildrun den Handgriff ihrer Maschine los und presste beide Fäuste vor den Mund. Sie wirkte geschockt und blieb wie angewurzelt stehen. Dann fing sie sich, fuchtelte wild mit den Armen und rief Fred etwas zu, das er wegen des Lärms nicht verstand.

    Die Sache kam ihm seltsam vor und so stoppte er den Einachsmäher.

    »Halt an. Halt an!«, hörte er Hildrun jetzt rufen. »Vor dir liegt eine Person im Gras!«

    Fred lief ein kalter Schauer über den Rücken. Hildrun scherzte nicht, das sah er nun auch. Er ließ den Motor ersterben.

    Da kam seine Kollegin auch schon die Böschung hinuntergerannt. Sie hielt auf den Bereich vor den Zähnen des Balkenmähers zu, blieb dann aber zögernd stehen, als hätte sie plötzlich ihren Mut und ihren Elan verloren.

    »Eine Frau!«, keuchte sie. »Und sie rührt sich nicht!«

    Umständlich umrundete Fred den Mäher, und als er die Gestalt im hohen Gras liegen sah, blieb auch er befremdet stehen. Der Lärm der Maschine hätte die Schläferin eigentlich wecken müssen. Stattdessen lag sie wie aufgebahrt da, vom hohen Gras halb verborgen.

    Abermals überlief es den Deicharbeiter eiskalt. Wenn Hildrun die Fremde von der Deichkrone aus nicht entdeckt und ihn gewarnt hätte, hätten die Mähzähne die Liegende womöglich schwer verletzt.

    »He, Sie da!«, rief er jetzt zornig. »Müssen Sie Ihren Rausch unbedingt auf dem Deich ausschlafen?«

    Die Frau reagierte nicht, und eigentlich hatte Fred das auch nicht erwartet. Mit dieser Fremden stimmte etwas nicht. So wie sie lang ausgestreckt auf dem Rücken dalag, die Hände über der Brust gefaltet, wirkte sie wie eine in einem Sarg aufgebahrte Tote. Ihre Kleidung, bestehend aus einer Jeans und einer wetterfesten Jacke, wirkte makellos. Um den Kopf war ein Tuch mit Paisley-Muster gewickelt; es war tief in die Stirn gezogen und bedeckte die Augen.

    Fred trat näher.

    »Ist sie … ist sie …«, stammelte Hildrun, die nicht fähig war, sich zu rühren.

    Fred kniete neben der Liegenden hin, fasste sie behutsam am Oberarm und stupste sie an. Weil sie noch immer keine Reaktion zeigte, beugte er sich tief über sie und hielt die Wange dicht vor ihren Mund.

    »Nichts«, sagte er schließlich und richtete sich in sitzende Position auf. »Die ist mausetot, wenn du mich fragst.«

    Hildrun gab einen kläglichen Laut von sich. »Was machen wir denn jetzt?«

    Fred runzelte die Stirn; ihm war etwas aufgefallen. Mit spitzen Fingern schob er die Zipfel des aufgestellten Kragens der Frau zur Seite und entblößte so ihren Hals. Eine dünne, feuerrote Furche war tief in das Fleisch eingegraben.

    »Sie … sie ist stranguliert worden!«, keuchte Hildrun entsetzt.

    Fred zog seine Hände zurück und stand so abrupt auf, dass er auf dem steilen Hang des Deiches fast das Gleichgewicht verloren hätte. »Ich bin ja kein Fachmann, was das betrifft«, sagte er rau. Dann nickte er bestimmend. »Aber ja … meines Erachtens sind das unzweifelhaft Strangulierungsspuren.«

    »Dann ist sie womöglich ermordet worden!«, erkannte Hildrun. »Wir müssen sofort die Polizei alarmieren!« Nervös nestelte sie nach ihrem Handy, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, dass ihr das Gerät aus den Händen glitt und ins Gras fiel. Hastig bückte sie sich und hob das Smartphone auf.

    »Wir brauchen kein Telefon, um die Polizei zu rufen«, meinte Fred.

    Hildrun sah ihn verständnislos an, worauf Fred mit dem Daumen hinter sich auf ein alleinstehendes strohgedecktes Haus wies. Es erhob sich landeinwärts nur etwa dreißig Meter vom Deich entfernt und hatte den stolzen Kapitänsgiebel Richtung Meer gewandt.

    »Wenn ich richtig informiert bin, wohnt in diesem Deichhaus eine Kriminalhauptkommissarin«, erläuterte er. »Ihr Name lautet Ruth Fasan. Sie ist für die Greetsieler Polizei tätig.«

    »Du meinst, wir sollten da hin und die Kommissarin über unseren Fund informieren?«, fragte Hildrun, als wäre sie schwer von Begriff. Das lag aber nur daran, dass sie unter Schock stand, wie Fred ahnte, denn er kannte Hildrun nur als schlagfertige, plietsche Person.

    »Genau das meinte ich«, bestätigte er und gab seiner Kollegin mit einem Wink zu verstehen, ihm zu folgen. Er wollte Hildrun in ihrem Zustand lieber nicht allein bei der Toten zurücklassen. Sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und brauchte jetzt jemanden an ihrer Seite, der ihr genau sagte, was zu tun war.

    Fred stieg die Böschung Richtung Deichhaus hinab. Hildrun folgte ihm, wobei sie einen großen Bogen um die Tote und den Mäher machte. Unbehaglich ließ sie die nach unten gekehrten Handflächen über die Ähren der hohen Gräser gleiten, als handelte es sich dabei um lästige Lebewesen, die sie bedrängten und die sie abwehren musste. Als sie zum Haus hinüberblickte, stellte sie fest, dass hinter einem der Fenster Licht brannte.

    *

    Ruth Fasan schob den Kaffeebecher von sich. »Irgendwie schmeckt mir dein Gebräu heute nicht«, murrte sie, vergrub die Finger in ihr dunkles, lockiges Haar und schüttelte die Strähnen durch, als hoffte sie, ihre Lebensgeister dadurch wachzurütteln.

    Felix Seitz, der vor dem Kühlschrank stand und nach einer Packung Milch griff, sagte gutgelaunt: »Vielleicht möchtest du zum Frühstück lieber einen ostfriesischen Schwarztee?«

    »Du weißt, dass ich Schwarztee nicht ausstehen kann«, gab Ruth patzig zurück.

    Felix drehte sich zu ihr um. »Ich habe dich schon öfter schwarzen Tee trinken sehen«, gab er leicht verwundert zurück. »Ich dachte, du hättest dich langsam an die ostfriesische Gepflogenheit gewöhnt und sie dir sogar zu eigen gemacht.«

    »Tee trinke ich nur in Ausnahmefällen.«

    »Wenn dir mein Kaffee nicht schmeckt, ist das ein Ausnahmefall«, scherzte Felix.

    Ruth stand auf. »Ich koche mir meinen Kaffee in Zukunft lieber selbst«, beschied sie.

    Felix setzte sich an den Küchentisch. Zurückhaltend beobachtete er die in ihren blumigen Morgenmantel gehüllte Hauptkommissarin, wie sie sich lustlos an der Kaffeemaschine zu schaffen machte. Schließlich nahm er den von Ruth verschmähten Becher und trank einen Schluck. »Mit diesem Kaffee ist alles in bester Ordnung«, konstatierte er.

    Gereizt fuhr Ruth zu dem Kapitän der Wasserschutzpolizei herum. »Willst du damit andeuten, dass stattdessen mit mir etwas nicht stimmt?«

    Felix lächelte begütigend, und sympathisch wirkende Krähenfüße bildeten sich um seine hellblauen Augen. »Ich will gar nichts andeuten.« Er legte den Kopf schief. »Vielleicht sagst du mir einfach, welche Laus dir über die Leber gelaufen ist.«

    Ruth fuchtelte ungehalten mit den Händen. »Also doch!«, schimpfte sie. »Du denkst, dass mit mir …« Sie verstummte und richtete den Kopf horchend auf. »Endlich ist wieder Ruhe eingekehrt«, sagte sie unvermittelt. »Dieses Motorengebrüll draußen ist mit gehörig auf die Nerven gegangen!«

    »Das waren bloß die Deichpfleger, die das Gras kürzen«, wandte Felix ein.

    »Müssen die das denn ausgerechnet heute …«, erneut brachte Ruth einen angefangenen Satz nicht zu Ende. Nachdenklich starrte sie vor sich hin. »Merkwürdig«, brummelte sie dann vor sich hin.

    »Was ist merkwürdig?«, hakte Felix fürsorglich nach.

    Ruth sah ihren Geliebten verblüfft an. »Ich habe schlechte Laune«, stellte sie schließlich fest.

    Felix zuckte mit den Schultern. »Das kommt schon mal vor.«

    Ohne die Kaffeemaschine eingeschaltet zu haben, kehrte Ruth an den Tisch zurück und setzte sich. Gedankenverloren schüttelte sie den Kopf. »Seit ich meinen Dienst bei der Greetsieler Polizei angetreten habe, hatte ich keine schlechte Laune mehr.«

    Felix nickte beeindruckt. »Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass du jetzt fast eineinhalb Jahre in Greetsiel wohnst und arbeitest.«

    Ungehalten furchte Ruth die Stirn. »Ich meine es ernst. In Hamburg war ich ziemlich oft schlecht gelaunt. Ich war schnell genervt … besonders während meiner Schichten bei der Hamburger Kripo.«

    Auf Felix’ markantem braungebranntem Gesicht machte sich plötzlich Sorge breit. »Glaubst du, dass es an mir liegt?«

    »Was?« Ruth wirkte geschockt. »Wie kommst du darauf?«

    »Womöglich nerve ich dich«, sagte Felix. »Wenn zwei Menschen sich so nahekommen wie wir, löst das zuweilen Abwehrreaktionen aus. Wir beide haben einige Jahre allein gelebt, ehe wir zueinanderfanden.« Er deutete um sich. »Unsere Zweisamkeit, die wir hier zelebrieren, ist uns noch nicht recht vertraut.«

    »Meinst du?« Ruth horchte in sich hinein, schüttelte dann aber entschieden den Kopf. »Ich bin nach wie vor in dich verliebt«, stellte sie dann sachlich fest, als bestätigte sie ein kriminalistisches Indiz, dessen Glaubhaftigkeit für sie zu keiner Zeit infrage gestanden hatte.

    Felix lächelte selig. »Ich kann auch nicht behaupten, dass du mir auf die Nerven gehst.«

    Ruth musterte Felix über den Tisch hinweg konzentriert. Sein blondes Haar wirkte noch ein wenig zerzaust, weil sie erst vor kurzem den Weg aus dem Bett gefunden hatten. Beide trugen sie Morgenmäntel und an den Füßen dicke Socken. Sie mochte diesen Kapitän der Wasserschutzpolizei sehr, vielleicht liebte sie ihn sogar. Und womöglich machte ihr genau dies Angst. Verliebt sein war schließlich etwas gänzlich anderes, als einen Menschen tief und inniglich wahrhaftig zu lieben.

    Ruth schluckte trocken. »Vielleicht hast du ja manch…«

    Das Schellen der Türklingel riss ihr das Wort ab.

    »Erwartest du Besuch?«, fragte Felix.

    Ruth schüttelte den Kopf. »Ich habe heute einen freien Tag, den ich nur mit dir verbringen wollte. Da lade ich mir doch keine Gäste zum Frühstück ein!«

    Felix hob begütigend die Hände. »War ja nur eine Frage.«

    Ruth verzog verdrießlich den Mund. »Ich war schon wieder pampig, nicht wahr?«

    Felix wiegte schmunzelnd den Kopf, enthielt sich jedoch eines Kommentars.

    Erneut schrillte die Türglocke, und dann schlug jemand mit der Faust vehement gegen das Türblatt.

    Erzürnt zurrte Ruth den Knoten ihres Morgenmantelgürtels fest und machte sich resoluten Schrittes auf den Weg zur Haustür.

    *

    »Ja, was gibt es denn?«, rief Ruth ungehalten, während sie die Haustür aufriss, die unentwegt mit Faustschlägen malträtiert wurde.

    Vor ihr stand ein bärtiger Mann, den sie auf etwa Mitte Fünfzig schätzte. Verlegen ließ er seine zur Faust geballte Hand sinken. Hinter ihm hielt sich eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren auf, die wie der Mann in dunkelgrüne wetterfeste Kluft gekleidet war.

    Ehe der Mann das Wort erheben konnte, platzte es aus seiner Begleiterin heraus: »Da liegt eine tote Frau auf dem Deich!«

    Ruth hob die Augenbrauen. Die beiden machten auf sie nicht den Eindruck, als wollten sie sich mit ihr einen Scherz erlauben. »Wo genau?«, wollte sie wissen.

    Der Mann drehte sich dem Deich zu und deutete in Richtung eines Balkenmähers, der mit robusten Rädern ausgestattet war. Die Maschine stand in bedenklicher Schieflage auf dem steilen Hang, hatte hinter sich eine Schneise gefällter Halme durch das hohe Gras gefräst. Das Gerät befand sich fast auf gleicher Höhe wie Ruths Deichhaus, verstellte ihr jedoch die Sicht auf den unmittelbar vor dem Mähbalken liegenden Bereich. Einen auf dem Deich liegenden Menschen konnte sie nirgendwo ausmachen.

    »Ich hätte die Frau mit meinem Mäher fast erwischt«, berichtete der Mann jetzt. »Zum Glück hat Hildrun sie noch rechtzeitig entdeckt.«

    Die junge Frau nickte abgehackt. Um die Nase

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