Psychoanalyse / Meditation: Broschüre zu Theorie und Praxis eines neuen selbsttherapeutischen Verfahrens
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Über dieses E-Book
Sie finden in einer Art von Bedeutungseinheiten, Lacan nennt sie Signifikanten, zueinander, und so etwas geschieht auch in einer Meditation. Hier muss der Übende mit der in ihm selbst wirkenden unbewussten Andersheit zusammenfinden. Ein Werkzeug, das aus derartigen, jedoch rein formalen, Bedeutungseinheiten gemacht ist, kann für ein neues selbsttherapeutisches Verfahren, das jeder selbst erlernen kann, genutzt werden. Es hilft nicht nur innere Balance zu finden, sondern auch mental gesund zu sein.
Das Buch stellt ein derartiges psychotherapeutisches Verfahren dar, das Psychoanalyse und Meditation verbindet und aus dem Text heraus direkt erlernt werden kann.
Günter von Hummel
Dr. von Hummel arbeitet als Arzt und Psychoanalytiker in München. Über das Thema Analytische Psychokatharsis hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht.
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Buchvorschau
Psychoanalyse / Meditation - Günter von Hummel
I. Einführung in die Thematik
Psychoanalyse und Meditation sind kein Widerspruch. Wie in einer üblichen Meditation muss auch der Psychoanalytiker in seiner Arbeit bei sich selbst nach innen gehen und sich dem anfänglich unbekannten Dunkel überlassen wie es der Meditierende bei seinem Rückzug ins Innere tut. Freud nannte dies eine „gleichschwebende Aufmerksamkeit", mit der und aus der heraus der Therapeut seinem Klienten zuhören sollte. Die Aufforderung zu einer derartigen Passivität bedeutete, dass der Therapeut in diesem Moment nicht (oder vorwiegend nicht) rational-logisch denken kann und soll. Er ist aber wach, auf die Aussagen des Patienten hin orientiert, befindet sich aber dennoch fast wie in leichter Trance. Denn es kommt darauf an, die Zwischentöne in der Rede seiner Patienten herauszuhören und nicht die absichtlich geäußerten Argumente, die nur das sagen, was dem Patienten ohnehin bewusst ist und nicht aus dem Unbewussten kommen.
Der Therapeut hört also dem völlig freien, spontanen Redefluss (‚freie Assoziation‘ genannt) seines Patienten in einer Art meditativer Verfassung zu, und muss dabei auf die kleinen Schwankungen, Stockungen, Versprecher, aber auch auf Besonderheiten aus erzählten Träumen und Phantasien achten. So kann er versteckte und verdrängte Bedeutungen herausfiltern, in Bezug zum therapeutischen Verfahren bringen und interpretieren. Freud selbst drückte sich hinsichtlich der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit auch so aus, dass der Analytiker dem Patienten „sein Unbewusstes als empfangendes Organ zuwenden sollte
.¹ Das klingt ein bisschen seltsam. Denn wie diese Art jungfräulicher Empfängnis vor sich gehen sollte, konnte Freud nicht ganz klar definieren. Doch die ‚freien Assoziationen‘, die spontanen Einfälle des Patienten, kamen ihm entgegen, denn auch sie enthalten etwas Meditatives.
Der Patient muss sich dabei zwar nicht in Glossolalie (Zungenreden) üben, aber doch alles ohne Hemmungen, auch Peinliches und Unsinniges, das ihm einfällt, äußern. Er soll sich nicht aufs Denken konzentrieren, damit so aus dem Unbewussten genügend ‚Material‘ (Einfälle, Erinnerungen, Träume) zustande kommt, das gedeutet und interpretiert werden kann. Ganz Ähnliches passiert auch in der Meditation, wo man alle Gedanken beiseiteschiebt, und man sich ebenfalls mehr „gleichschwebend aufmerksam" treiben lassen muss, also so, wie es in der Psychoanalyse der Therapeut handhabt. Der Meditierende wartet darauf (mit Hilfe einer Übung), bis sich von selber, also direkt aus dem Unbewussten, ein Bild oder eine Bedeutung, unabweisbar aufdrängt, die ebenso eine– wenn auch noch nicht immer vollständige – Interpretation, Deutung aufweisen kann.
Es liegt ganz am Aufbau der Übung, wie es dazu kommt, dass in meditativen Verfahren derartige Interpretationen aus dem Unbewussten ähnlich wie in der psychoanalytischen Therapie zustande kommen. Die Gemeinsamkeiten zwischen Psychoanalyse und Meditation sind in Form dieser beiden Vorgänge (gleichschwebende Aufmerksamkeit und freie Assoziation) jedenfalls klar erkennbar. In meditativen Verfahren wird man ihnen meist andere Namen geben, aber die Parallelen der beiden Methoden sind deutlich. Vereinfacht könnte man also sagen, dass in der Psychoanalyse Therapeut und Klient gemeinsam meditieren und das Meditierte dann zusammen interpretieren, während in der Meditation der Übende selbst mit seinem Unbewussten in eine Art psychoanalytischen Kontakt treten und es z. B. direkt befragen muss.
Der Psychoanalytiker A. Ferro beschreibt beispielsweise, wie er mit seinem Patienten ‚gemeinsam träumt‘, d. h. beide phantasieren und erzählen sich alles Mögliche und versuchen dann therapeutische Schlüsse daraus zu ziehen.² Und so tut der Adept, der eine Meditation erlernt, mit dem puren Etwas vor seinem inneren Auge, mit dem Geheiß seines Lehrers, eventuell mit einer Formel, mit dem Vorgang seines Atems oder etwas Ähnlichem das Gleiche. Er ‚träumt‘ mit seinem Lehrer, auch wenn dieser physisch gar nicht da ist, und unterhält sich so direkter, unmittelbarer mit dem eigenen Unbewussten. Er stellt alle persönlichen Gefühle und unpassenden Gedanken zurück und lässt in der Trance nur hochkommen, was in ihm stark zur Bewusstheit drängt und er nicht aufhalten kann. Auch hier unterbrechen also dazwischen tretende Gedanken – man könnte sie Abfalls-Einsichten nennen – das kontemplative Vorgehen, so wie die übermäßig freien Einfälle in der Psychoanalyse auch einen Redeabfall und nicht nur therapeutisch Verwertbares erzeugen. Wohl die meisten Psychoanalytiker jammern darüber, wenn der Patient vom Hundertsten zum Tausendsten kommt, ohne dabei wirklich etwas zu sagen. Er redet nur, aber sagt nichts.
Auch der in der Psychoanalyse so wichtige Begriff der ‚Übertragung‘ spielt in der Meditation eine vergleichbare Rolle. Man ‚überträgt‘ in der analytischen Psychotherapie Gefühle und Bedeutungen aus früheren oder aktuell anderen Beziehungen auf den Therapeuten. Diese ‚Übertragung‘ ist unbewusst, wenn auch meist positiv getönt, aber sie ist auch inadäquat. Denn der Therapeut hat ja nicht wirklich etwas mit den Bedeutungen der früheren Beziehungen des Patienten zu tun. Er kann nunmehr jedoch aus den auf ihn ‚übertragenen‘ Aspekten und Bedeutungen eine Interpretation der verschiedenen Beziehungsgeschehnisse geben und so die Inadäquatheit, die Unangemessenheit der Übertragung auflösen. Er ist somit der Angelpunkt, das Scharnier des therapeutischen Dialogs, kurz: das eigentliche Objekt, das ‚Übertragungs-Objekt‘, während sonst subjektbezogene Vorgänge stattfinden.
In der Meditation findet diese ‚Übertragung‘ in die Leere, in das Nichts vor einem im Inneren statt, wo sie in Bezug zum Meditationslehrer meist in einer Weise steht, als sei dieser gegenwärtig. Man könnte fast von ‚eidetischer‘, bildhafter, archaischer Übertragung sprechen, die nicht wie in der Psychoanalyse aufgelöst wird, sondern unterschwellig positiv weiter wirken kann und soll. Die Interpretation des Unbewussten wird dann durch eine bereits vom Meditationslehrer festgelegte Lehre gesteuert, das heißt, alle Erfahrungen werden im Rahmen dieser Lehre gedeutet. So bleibt die Interpretation wissenschaftlich und logisch ungenau, während sie in der Psychoanalyse dem Wissenschaftlichen der Freud‘schen Lehre folgt, die exakter formuliert ist. Dennoch kann man an ihrer herkömmlichen Form Kritik anbringen. Der Meditierende hat schneller Erfolg, der Psychoanalysierte ein präziseres Ergebnis, beide sind sie faszinierend, so gesehen aber für mich nicht mehr ausreichend befriedigend.
Mich erinnert diese Thematik an die deutschen Romantiker am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Die Historikerin A. Wulf hat kürzlich über sie ein Sachbuch veröffentlicht, in dem sie aufzeigt, wie die Gebrüder Schlegel, der Dichter Novalis, Alexander und Wilhelm von Humboldt, Goethe, der Philosoph J. G. Fichte, Schiller, einige Frauen und weitere dem sogenannten Jenaer Kreis Angehörende, sich gegenseitig begeisterten – alle Gegensätze überwindend.³ Sie waren
