Die körperlich kranke Seele I: Eine Broschüre zu Theorie und Praxis der Analytischen Psychokatharsis als einem neuen Verfahren zur Psychosomatik und Selbsterfahrung
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Günter von Hummel
Dr. von Hummel arbeitet als Arzt und Psychoanalytiker in München. Über das Thema Analytische Psychokatharsis hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht.
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Buchvorschau
Die körperlich kranke Seele I - Günter von Hummel
1. Einführung
Auch wenn im Titel von ‚körperlich krank‘ die Rede ist, so hat diese Broschüre doch auch mit der ‚psychisch kranken Seele‘ zu tun. Schließlich geht es ja gerade darum, wie Körper und Psyche in dem von mir jetzt als übergeordnet gesetzten Begriff der Seele verbunden sind. Das ‚körperlich krank‘ der Seele stellt nur einen Schwerpunkt des Verfahrens (Analytische Psychokatharsis) dar, das modernen und exakten, wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und dessen einfaches und klares Konzept ich hier erläutern will. Es hat vielleicht eine entfernte Verwandtschaft mit dem „autogenen Training von I. H. Schulz, insbesondere mit dessen sogenannter „Oberstufe
. D. h. man kann dieses Verfahren genauso wie das „autogene Training" oder eine Meditationsübung zu Hause selbst erlernen, wenn man diese Broschüre studiert hat. Dazu biete ich in diesem Text zwei Vorübungen an, mit denen man – nach ein paar einführenden theoretischen Bemerkungen – schon einmal eine praktische Erfahrung machen kann.
Dennoch darf der Leser nicht erwarten, dass die weitere Lektüre dieses Textes leicht und völlig unproblematisch ist. Um eine der üblichen Abhandlungen, die z. B. Depressionen auf falsch entwickelte Gefühle zurückführen, ein paar warmherzige Anweisungen geben und positives Denken empfehlen, handelt es sich nicht. Ich könnte die Praxis des Verfahrens zwar auf ein paar Seiten darstellen, aber selbst wenn man dann bereits mit den ersten Übungen einen gewissen Erfolg hätte, könnte es durchaus noch sein, dass man nicht genügend überzeugt ist. Eine Darstellung der dazugehörigen Theorie bzw. des wissenschaftlichen Rahmens ist nämlich notwendig, um ausreichendes Vertrauen und Sicherheit bezüglich der Methode zu haben. Dass ein Psychotherapeut oder ein Meditationslehrer so wie früher einfach eine gewisse Seriosität ausstrahlt, reicht heutzutage nicht mehr aus. Entweder ist er in einem wissenschaftlichen Verfahren wie zum Beispiel der Psychoanalyse geschult, oder er kann nach ausführlichen Beweisen den Erfolg seiner Methode als umfangreich und gesichert nachweisen. Ich denke ich kann mich auf beides berufen und dies bereits an Hand es vorliegenden Textes plausibel machen.
Und so ist der hier vorgelegte Text keine Broschüre in der Form eines simplen Ratgebers oder beruhigender Suggestionen, sondern wissenschaftskonformes Traktat über ein in Theorie und Praxis bewährtes Verfahrens. Ein gewisses intellektuelles Verständnis ist also erforderlich. Jedoch auch von sonstigen Darstellungen etablierter Psychotherapien, verhaltenstherapeutischen Methoden oder auch sogenannt ‚alternativer’ psychotherapeutischer Verfahren grenzt sich dieser Text hier ab. Denn die Lektüre der ersteren setzt ein Fachwissen voraus, die der letzteren hat jedoch den Nachteil, dass sie – wie etwa verschiedene Schilderungen von Meditation, Gesprächs- und Entspannungstherapien – zwar einfach, klar und praxisbezogen ist, aber keine genügende beweisgestützte Begründung aufweist.
Eine solche ist in der vom französischen Psychoanalytiker J. Lacan beschriebenen Form gegeben, deren therapeutisches Vorgehen aber aufwendig und deren theoretischer Hintergrund sehr komplex ist. Trotz des Aufwands und ihrer Komplexität ist die Psychoanalyse aber eben wissenschaftlich präzise, sie garantiert Gewissheit und Zuverlässigkeit, weshalb ich für viele begriffliche Erklärungen auf sie zurückgreife. Mein Vorgehen erreicht außer der Wissenschaftlichkeit auch Einfachheit und Klarheit durch einen doppelten Ausgangspunkt, indem es kombiniert mit der Psychoanalyse auch den meditativen Zugang benutzt, wie oben schon mit dem „autogenen Training" und der Praxisbezogenheit angedeutet. Psychoanalytische Theorie und meditative Praxis sind nur scheinbar widersprüchlich, zusammengeführt ergeben sie jedoch einen starken selbstverbessernden und selbsttherapeutischen Effekt.¹
Auch der Psychoanalytiker muss meditieren, wenn er – wie es heißt – seinem Patienten mit „gleichschwebender [also kontemplativer] Aufmerksamkeit" zuhören soll, wie es Sigmund Freud formulierte. Und der Meditierende muss die Ergebnisse seiner Kontemplation auch analytisch nachbearbeiten, will er zu der befreienden, beglückenden Katharsis eine verstandesmäßige Erkenntnis erreichen. So ist das grundlegende Konzept des seelisch Unbewussten für beide Methoden das gleiche. Das Unbewusste ist mit verdrängten, verschlüsselten Inhalten, die nach außen drängen gefüllt, und muss so in der psychoanalytischen wie in der meditativen Methode behutsam geöffnet, erschlossen und letztendlich logisch interpretiert in die bewusste Seele integriert werden. Man kann es vereinfacht in zwei Bereiche, Grundtriebe oder primäre Ordnungen einteilen.
Den erste Bereich, der mehr mit dem meditativen Vorgehen zu tun hat, nenne ich eine ‚imaginäre Ordnung‘ (ein Bild-Wirkendes, Ikonisches). Der zweite Bereich, der mehr mit dem analytischen Vorgehen zu tun hat, ist am besten als ‚symbolische Ordnung‘ (als ein Wort-Wirkendes, Sprachbezogenes) bezeichnet. Dieser zweifache Ausgangspunkt sagt schon fast alles, was von Theorie und fundiert belegtem Hintergrund verstanden werden sollte. Er erfasst nämlich das Wesen der Psychoanalyse darin, dass dort der Patient spontan gedankliche, „freie Assoziationen" äußern soll, die bis zu Einfällen auch absurder und peinlicher Art gehen können, und so Aspekte der ‚imaginären Ordnung‘ enthalten. Mit Hilfe von Übertragung und Deutung kommt nun jedoch auch die ‚symbolische Ordnung‘ zum Zug. Übertragung heißt, dass Bedeutungen, Konflikte, Gefühle auf den Therapeuten übertragen werden, die mit ihm selbst nur indirekt etwas zu tun haben, weil sie aus früheren oder zeitnahen anderen Beziehungen des Patienten selber stammen, also vorwiegend inadäquat sind. Durch Deutung der Zusammenhänge werden die Probleme jedoch einer Lösung zugeführt.
Assoziative Gedanken und Bilder, das Imaginäre, werden in meditativen Verfahren meistens durch immer erneutes Wegschieben gefiltert, gereinigt, und so – ich sage es einmal selbst noch ungefiltert – einem letztendlichen Weisheitsaspekt zugeführt. Um was es sich dabei genau handelt muss ich hier nicht weiter erörtern, denn in dem entsprechenden meditativen Teil der Analytischen Psychokatharsis spielt ein derartiges Vorgehen eine gewisse Rolle und wird so noch ausführlich behandelt. Im Mittelpunkt dieses Verfahrens steht ein schlichtes, aber präzises Werkzeug, das für die Aufschlüsselung und Neugestaltung der ‚kranken Seele‘ notwendig ist, und das die
