Jesus und die Frauen: Ein Weg zur selbstanalytischen Praxis
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Über dieses E-Book
Günter von Hummel
Dr. von Hummel arbeitet als Arzt und Psychoanalytiker in München. Über das Thema Analytische Psychokatharsis hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht.
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Buchvorschau
Jesus und die Frauen - Günter von Hummel
1. Die Tochter des Jairus
In meinem Buch ‚Signifikant gott?‘ habe ich neben allgemeinen psychologischen und theologischen Bemerkungen mehrere Gespräche von Jesus, die er mit verschiedenen Frauen geführt hat, geschildert.¹ Ich hatte festgestellt, dass die Art, wie Jesus die Gespräche handhabt, auch modernen, psychoanalytische Aspekten gehorcht. Jesus gibt nicht gleich eine Anweisung, sondern er lässt zuerst etwas in der Beziehung zu seinen Gesprächspartnerinnen auftauchen, das dem in der Psychoanalyse wichtigen Vorgang von Übertragung und einer daraus resultierenden Beziehungs-Deutung entspricht. Übertragung heißt, dass der Patient oder Klient in der Therapie Bedeutungen aus eigenen, früheren oder anderen derzeitigen Beziehungen auf den Therapeuten überträgt, er diesem also ein Wissen, eine Fähigkeit, unterstellt, die dieser möglicherweise – zumindest in so gearteter Form – gar nicht hat. Anfänglich sah Freud wegen dieser Inadäquatheit die Übertragung als etwas Nachteiliges an.
Denn es war bald klar, dass man dadurch eine künstliche Neurose erzeugte. Die Beziehung des Patienten zum Psychoanalytiker hat etwas Irrelevantes an sich, denn letzterer ist ja nicht der Heiler, den der Patient sich erwartet und wünscht. Die Heilung muss vielmehr aus dem Inneren, dem Unbewussten des Patienten selbst kommen. Der Therapeut kann nur durch sein Zuhören und vorsichtige Interventionen, indem er aggressives oder libidinös Verdrängtes aus den Äußerungen und dem Verhalten des Patienten herausfiltert, eine Veränderung erreichen, die die krankhaften Symptome mindert. Beide wissen nichts vom andern, es geht um Seelisches (Psyche), und dass etwas analysiert (aufgelöst) werden muss.
Sowohl Seele wie auch Analyse, sind keine Realitäten, sondern einerseits so etwas Bild-Wirkendes, Imaginäres, und andererseits etwas Wort-Wirkendes, Symbolisches. Letzteres wird in der Psychoanalyse schwerpunktmäßig betont, während Bilder, Blicke sowie die Träume und Phantasien, also all das Bild-Wirkende zwar ins Sprechen einbezogen wird, aber kein eigener Schwerpunkt ist. Im Endeffekt kommt es jedoch auf den Zusammenhang von beiden an, um so an das besonders hartnäckig Wirkende, an das Reale, heranzukommen. Den Zusammenhang von Symbolischem, Imaginärem und Realem zu eruieren, ist eines der Hauptanliegen des therapeutischen Vorgangs.
Genauso wie das Symbolische und das Imaginäre scheinen auch psychoanalytische Wissenschaft und Religion (Meditation) für gewöhnlich etwas Gegensätzliches zu sein. Trotzdem genügt schon eine kleine Annäherung an das Problem, um zu sehen, dass beide Verfahren auch sehr nahe verwandt sind. Dies ist wichtig, denn das Vorgehen von Jesus in seinen Therapien steht dem Meditativen, Imaginären nahe, während der Psychoanalytiker sich hauptsächlich im Worthaften, im Symbolischen bewegt. Letztendlich gilt für beide gleichermaßen das Reale (Freud nannte es die „psychische Realität", was kein idealer Ausdruck war), das das Beständige und doch auch unmöglich ganz zu Erreichende darstellt.
So muss der Analytiker seinem Patienten mit „schwebender Aufmerksamkeit zuhören, was sehr an eine meditative Haltung erinnert. Die Aufmerksamkeit soll nicht auf rationale Inhalte und Zusammenhänge gerichtet bleiben, sondern eher auf das Schwanken, auf ein Stolpern, ein „Sich-Versprechen
, kurz: irrationale Momente in der Rede des Analysanden. Umgekehrt soll dieser in einer Weise reden, als befände er sich geradezu in Trance, er soll „frei assoziieren", bis zur Blödheit und Peinlichkeit alles aus sich heraussprudeln, was also ebenfalls an eine spontane, freie, meditative Praxis erinnert.
Auch beinhalten beide Methoden immer eine gewisse Form der Askese: Jahrelange Sitzungen beim Analytiker sind in regelmäßigen Abständen notwendig, und während dieses ganzen langen Zeitabschnittes muss man alle größeren lebensverändernden Vorhaben zurückstellen, denn man soll nichts ausagieren und außerhalb der Analyse abreagieren. Auch in der Meditation muss man mit langen Jahren des Rückzugs in sich selbst rechnen, mit einem Ringen und Kämpfen in sich selbst, denn der Meditationslehrer nimmt einem nicht die Arbeit an sich selbst ab. So sind die Gemeinsamkeiten deutlicher als die Unterschiede, und so kann ich versuchen, die Dialoge von Jesus mit denen heutiger psychoanalytischer Praxis vergleichen.
Um diesen Vergleich einfach und verständlich zu machen und dennoch wissenschaftliche Vorgaben aus der Psychoanalyse zu nutzen, berufe ich mich auf den französischen Psychoanalytiker J. Lacan, der die Freud’sche Trieb-Struktur-Theorie etwas umformuliert hat. Statt den Eros-Lebens-Trieb und seinen Gegenspieler, den Todes-Trieb in den Vordergrund zu stellen, erklärt Lacan das Paar genau dieses Bild-Wirkende und Wort- Wirkende zu den Grundtrieben des Seelenlebens. Es geht also wieder um das Gleiche, was ich noch weiter vereinfachend auch ein Es Strahlt und ein Es Spricht, nenne. Der Anschaulichkeit halber zeige ich die verschiedenen Begriffe in ihrer Zusammenfügung in einem Schema. Auch wird gleich klar, dass das Dritte Verbindende das psychisch Reale ist, das alles konkretisiert, stets am gleichen Ort ist und Ursprüngliches und Begrenzendes zugleich bedeutet.
Dieses Schema spiegelt die Begriffe Es Strahlt / Es Spricht mit den dazugehörigen Unterbegriffen wieder, der Schrägstrich vermittelt das verbindend-trennende Reale, wozu ich erst später Stellung beziehen will. Ich hätte auf der rechten Seite noch dazuschreiben können ‚linguistisch‘ und auf der linken ‚kristallin‘, denn Lacan bezeichnet das Unbewusste als ‚linguistischen Kristall‘, also ebenfalls wieder als ein sprechendes Strahlt oder ‚kristallines Spricht, die sich überkreuzen und überlappen. Damit zuerst einmal Schluss mit der Theorie, die so knapp zu kennen aber notwendig sein wird.
In der Begegnung mit einer Frau namens Martha in Lk 10;38-41 und 11; 27-28 geht es gleich sichtbar und konkret um ein Problem mit diesem Bild-Wort-Wirkenden, das in der Religion mit starken Gefühlen besetzt ist. Freud hatte mehrere Kommentare zu einer Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller und Philosophen Romain Rolland geführt, weil ihn zu starker Gefühlsreichtum störte. Rolland schrieb der Religion und der Meditation ein „ozeanisches Gefühl" zu, das groß und wichtig sei, während Freud dem Intellekt und seinen wissenschaftlichen Begründungen treu bleiben wollte. Was es damit auf sich hat, lässt sich an dem Beispiel der Begegnung mit Martha verstehen. Martha ist etwas kapriziös, betont die mehr auf der Seite des Bild-Wirkenden stehende Frage nach der weiblich-mütterlichen Identität, aber Jesus beharrt auf dem Wort-Wirkenden des Vater-Wesens, der Vater-Bildes, des Vater-Namens. Es gilt nur eins, sagt er in etwa zu Martha, das zusammengeführte Bild-Wort-Wirkende, das vor’bild‘liche Vater-Wort, der vor’bild‘liche Vater-Name, oder noch konkreter: die Vater-Formel in einem selbst.
Exakt diesen muss man in sich erfahren und hören. Jesus hebt, wie ich noch an vielen anderen Gesprächen mit den Frauen zeigen will, stets die Wichtigkeit und Vorbildlichkeit der Frau heraus, aber er will, dass sie auch das authentische Vater-Wort, die Vater-Formel, in sich hören, so wie er es selbst erfahren hat. An dieser Stelle spricht Jesus zwar vom Wort Gottes, selbst redet er jedoch stets vom Vater, diesem bedeutenden Namen, Ur-Signifikanten, oder mit welchen Begriffen soll man eine verbindliche Sprache zwischen Glauben und Wissenschaft, zwischen Theologie und Psychoanalyse finden? Von der Psychoanalyse her spricht man vom groß zu schreibenden Anderen in einem selbst, der sich durch Eltern, Lehrer, Vorgesetzte etc. in einem als Wesentliches verinnerlicht hat, als wesentliches Strahlt / Spricht, dessen psychoanalytische und religiöse Bedeutung ich auf den nächsten Seiten noch weiter erklären will, auszugehen. Nur selten bezeichnet sich Jesus als von Gott gesandt wie in Joh 8; 42, sondern spricht meist von sich als ‚Menschensohn’, als Sohn des göttlichen Vaters, so wie der Psychoanalytiker – wenn diese Analogie erlaubt ist – sich als Sohn Freuds sehen kann.
Dass die Signifikanten bzw. deren Kombination, heilen können, kann man jedoch am besten in der Geschichte von Jesus und der Tochter des Jairus sehen, die in vielfältigem Zusammenhang mit der gerade erwähnten Martha steht.² Jairus ist Synagogenvorsteher und von daher sicher auch ein strenger, ultraorthodoxer Vater.
Die Autorin F. Kiefer hat klar erkannt, dass dem zwölfjährigen Mädchen in einem derartigen Haus, bei solch einem Familienoberhaupt und bei einer derartig rigiden Erziehung eine starre Konventionalehe droht und sie sich wohl deswegen in eine schwere affektive Störung mit katatonischen Begleiterscheinungen und Lähmungen hineinmanövriert hat.³ Sie war also nicht verstorben, wie die lärmende Menge um Jairus herum beklagte. Die Jesus auslachenden Klageweiber, die sich schon eingefunden hatten, musste Jesus erst aus dem Haus werfen, denn für ihn war klar, dass die Tochter des Jairus nicht tot war.
In einer Katatonie ist die Muskulatur steif, wie erstarrt, Lebensfunktionen scheinen nicht nachweisbar zu sein. Solche Zustände sind selbst für den Arzt schwer zu erfassen, nur mit einer genauen Auskultation des Herzens kann man ein Lebenszeichen feststellen. Die Menschen damals haben solch eine Erkrankung nicht als psychisch-nervlich bedingt erkannt, sondern an einen in Totenstarre befindlichen Körper gedacht und nichts Therapeutisches unternommen. Derartige Fälle sind auch heute in Nervenkliniken nicht selten, aber Jesus hatte damit wohl schon einige Erfahrungen gemacht.
Jedenfalls fasste Jesus das Mädchen an und sagte in einem warmen,aber auch sehr resoluten Tonfall: „Talita Kumi, was man mit „Ich sage dir, steh auf
übersetzt hat, aber es könnte auch ein rätselhaftes vergleichbares Wort gewesen sein, vielleicht eher eine Segnungsmetapher oder etwas anderes Ähnliches. Ein solcher, noch dazu von einem jungen Mann in warmherzigem und doch auch stringentem Ton gesprochener Satz konnte natürlich eine ganz andere Wirkung gehabt haben, als die hart-sterile, apodiktische Rede des Synagogendirektors, der seine Familie nur herumkommandierte. Auch zaghafte Unterweisungen hätten hier nichts genützt.
Schon vorher, beim Eintreten in das Haus des Jairus hatte Jesus auf die positive Übertragung hingewiesen, die Voraussetzung für die Heilung des Patienten ist. Der Patient muss hinsichtlich der Qualität des Therapeuten Phantasien haben, er muss fest glauben und positiv vertrauen. Erst danach, wenn die Leute alle ihre ‚freien Assoziationen‘ beigetragen haben, indem sie durcheinander reden und sagen, dass das Mädchen schon gestorben ist und dass es gar keinen Sinn mehr macht einen Therapeuten zu holen, dass sie weinen und lachen, wie es bei Lukas heißt,⁴ kann Jesus dieses Deutungswort sprechen: Ich kann dich nicht heilen, aber „du wirst aufstehen können, wenn ich das Wort spreche, das Losungswort, das Identitätswort, „Rivka
. Denn es gibt Autoren, die behaupten, dies sei der Name des Mädchens gewesen,⁵ und
