Der bretonische Wolf: Commissaire Julie Roches zweiter Fall - ein Bretagne-Krimi
Von Sanni Aran
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Julie und ihr Team heften sich an die Fersen des Mörders, der eine blutige Spur durch das Land zieht.
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Buchvorschau
Der bretonische Wolf - Sanni Aran
SANNI ARAN
DER BRETONISCHE WOLF
ambiente-krimis
Buch
Im Eurostar von London nach Paris wird ein Mann ermordet. Zufällig sitzt commissaire Julie Roche im selben Wagen. Zurück in der Bretagne erhält sie einen Anruf aus Paris: Da der Tote wie sie aus St. Malo stammt, soll Julie vor Ort die Ermittlungen durchführen. Als wenige Tage später eine weitere Männerleiche von der Flut an den Strand gespült wird, glaubt Julie nicht an einen Zufall. Schnell wird klar: Die beiden Morde hängen zusammen. Es folgen noch weitere Morde, und alle weisen sie eine Gemeinsamkeit auf: Die Körper der Toten sind von zahllosen Bisswunden übersät – Wolfsbissen!
Julie und ihr Team heften sich an die Fersen des Mörders, der eine blutige Spur durch das Land zieht.
Autorin
Die Autorin, die sich hinter dem Pseudonym Sanni Aran verbirgt, ist Reisejournalistin und hat unter ihrem bürgerlichen Namen bereits zahlreiche Bücher verfasst. Mit commissaire Julie Roche schickt sie eine außergewöhnliche Frau in der Bretagne auf Ermittlungstour.
Sanni Aran
Der bretonische Wolf
Commissaire Julie Roches zweiter Fall
Ein Bretagne-Krimi
ambiente-krimis
Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden und orientieren sich nicht an lebenden oder toten Vorbildern und Geschehnissen. Etwaige Ähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Verlag ambiente-krimis, Bad Aibling
www.ambiente-krimis.de
Erste Auflage 2016
ISBN der e-book-Ausgabe: 978-3-945503-17-1
Copyright © 2016 by ambiente-krimis
Alle Rechte vorbehalten
e-book-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
Umschlagfoto: Foto © SashaS – Fotolia.com
ISBN der Taschenbuchausgabe: 978-3-945503-16-4
Prolog
1994
Der tiefe Waldteich lag sanft schimmernd vor ihnen. Kein Windhauch strich über seine glatte, wie aus Wachs gegossene Oberfläche. Am Ufer quakte ein Frosch und kündigte den heran nahenden Abend an. Obwohl es tagsüber warm gewesen war, legte sich nun eine Kühle über den Wald.
Auf einem Baum, dessen Äste sich bis zum Wasser hinab senkten, saß eine Amsel und sang leise eine Melodie. Plötzlich flog ein Stein durch die Luft und traf den Vogel hart. Er verstummte und fiel von dem Ast auf den Boden hinab.
„Guter Wurf. Der singt nicht mehr!"
Gelächter. Sie stießen sich gegenseitig an, schubsten sich herum, johlten. Sie waren alleine in diesem Wald, die Könige über Bäume und Teiche, und niemand konnte ihnen etwas vorschreiben, etwas befehlen. Mit einem langen, vorne zugespitzten Ast ging einer von ihnen zu dem toten Vogel und spießte ihn auf. Triumphierend hielt er seine Beute in die Höhe, was eine erneute Jubelwelle zur Folge hatte.
Freiheit! Sie waren frei. Und niemand würde ihnen das zerstören.
Gegenwart
Bahnhof King’s Cross St. Pancras, London
Sein Atem ging schnell und stoßweise, als er durch die große Abfertigungshalle rannte. Der Schweiß lief ihm in Strömen aus den Poren seiner Stirn, hinab über das Gesicht und tropfte auf seinen steifen Hemdkragen.
Er hatte sich nicht getäuscht. Das wusste er jetzt.
Anfangs hatte er sich noch eingeredet, alles sei ein Irrtum. Ein Hirngespinst. Er hatte versucht zu verdrängen, was immer wieder nach oben kam, aus den dunklen Ecken seiner Erinnerung. Zuerst war es nur eine abstrakte Nachricht gewesen. Ein Anstoß, der die Gedanken ins Rollen gebracht hatte. Dann hatten sich die Hinweise gehäuft. Und nun konnte er sie nicht mehr leugnen.
Planlos rannte er eine Rolltreppe hinauf, die ihn auf eine Art Balustrade führte, wo sich Cafés und Schnellrestaurants aneinander reihten. Für einen kurzen Moment hielt er inne, bremste ab und atmete tief durch. Seine Augen suchten die einzelnen Tische ab, die Verkaufstresen. Aber er konnte nichts entdecken. War es doch nur eine Sinnestäuschung gewesen?
Wurde er etwa verrückt? Doch sogleich verwarf er diesen Gedanken wieder. Er hatte ihn gesehen. Leibhaftig. Zwar aus einiger Entfernung, aber zusammen mit all den Hinweisen konnte es keine Zweifel mehr geben.
Schnell ließ er sich alle Möglichkeiten durch den Kopf gehen. Was sollte er tun? Mit wem könnte er sprechen?
Immer mehr Menschen eilten die Rolltreppen hoch und bevölkerten die Cafés. Er begann sich unwohl zu fühlen. Er könnte sich leicht zwischen all den Menschen verbergen. Ihn beobachten. Ihm auflauern. Kurzerhand beschloss er, wieder zu den Gleisen abzusteigen und dort eine Toilette oder einen Aufenthaltsraum zu suchen. Er musste telefonieren. Es gab nur einen, dem er sich anvertrauen konnte. Inständig betete er, dass derjenige noch über den gleichen Anschluss zu erreichen war wie damals.
Er rannte die Treppe hinab, stolperte und wäre beinahe hinunter gefallen. Doch er fing sich, lief weiter und entdeckte schließlich ein Toilettenzeichen. Mit letzter Kraft drückte er die Tür auf und lehnte sich schweratmend gegen die weißgekachelte Wand.
Dann zückte er sein Handy und wählte eine Nummer, die er seit vielen Jahren nicht mehr angerufen hatte.
276 Fahrgäste und eine Leiche an Bord
Der Zug fuhr ratternd in den Tunnel ein. Julie schloss ihre Augen. Die nächsten zwanzig Minuten würde sie unter dem Meer sein, in einer engen Röhre. Ihr wurde flau im Magen. Obwohl sie bereits mehrere Male mit dem Eurostar nach Großbritannien und wieder zurück nach Paris gefahren war, beschlich sie immer wieder aufs Neue eine Beklommenheit, die sich rational nicht erklären ließ. Sie stellte sich vor, wie das Meer mit all seiner urgewaltigen Kraft gegen die Tunnelwände drückte, die irgendwann nachgeben würden und dann …
„Was möchten Sie trinken?"
Ein Zugbegleiter war mit einem Servierwagen neben ihr stehengeblieben und blickte sie nun erwartungsvoll an. Julie benötigte einen Moment, um in die Wirklichkeit zurückzukehren. Verwirrt fuhr sie sich durch ihre dunklen Locken und atmete tief durch. Irgendetwas musste passieren! Sie musste ihre Ängste, die sie ohne Vorwarnung plötzlich packten, endlich unter Kontrolle bekommen. Aber seit der Scheidung von Frank war alles nur noch schlimmer geworden. Die Panikattacken, die Albträume.
„Madame, bitte, möchten Sie etwas trinken?"
Die Stimme des Kellners hatte einen etwas entnervten Ton angenommen. Ungeduldig fuhr er mit den Fingerspitzen über die Flaschen, die oben auf seinem Wagen standen.
„Rotwein, bitte!", murmelte Julie. Der Mann stellte ihr eine kleine Flasche Merlot auf den Tisch, den er vor ihr herunterklappte.
„Mein Kollege mit dem Essen kommt gleich zu Ihnen!" Mit diesen Worten schob er seinen Getränkewagen weiter.
„Fahr doch erste Klasse. Du hast dir etwas Luxus verdient!", hatte sie ihr Kollege und bester Freund Yanick Le Guel aufgefordert, nachdem sie beschlossen hatte, mit dem Eurostar ihre Freundin Laura in London zu besuchen. Anfangs hatte sie sich noch gesträubt, das Kommissariat und ihre beiden Kollegen, Yanick und die etwas forsche Deutsch-Französin Lisa Baélec, allein zu lassen. Aber die vergangenen Monate hatten an ihr genagt.
Nachdem sie im Sommer ihren Mann Frank mit einer blonden Studentin im Bett erwischt hatte, hatte sie kurzerhand das gemeinsame Haus verlassen und war in einen kleinen Wohnwagen auf dem Bauernhof bei ihrer Freundin Gwenaëlle gezogen. Dort auf dem Land hatte sie ein bemitleidenswertes Dasein geführt, und keiner ihrer Kollegen hatte davon gewusst. Doch die Hoffnung, ihr untreuer Ehemann würde seinen Fehler erkennen und reuig zu ihr zurückkehren, bestätigte sich nicht. Vielmehr hatte er sie davon in Kenntnis gesetzt, dass er die Scheidung wolle. Momentan feierte er sein neues Leben mit der blonden Dame auf Martinique. Die beiden erwarteten ihr erstes Kind. Dies war ein zusätzlicher Schlag für Julie gewesen.
Erneut stoppte ein silberner Servierwagen an ihrem Platz, und ein sympathischer junger Mann stellte ihr einen Käseteller auf den Tisch.
„Etwas Brot dazu?" Gleichgültig zuckte Julie mit den Schultern. Sie hatte ohnehin keinen Appetit. Sie nippte an ihrem Wein und schob den Teller etwas von sich weg.
Yanick würde sie in Paris abholen und nach Saint Malo bringen. Dort wollte sie sofort ins Büro. Sicherlich hatte sich in ihrer Abwesenheit einiges dort angehäuft. Und wo sollte sie sonst hingehen?
Der Zug ratterte, und Julie wurde durchgeschüttelt. Sie hörte Gläser, die auf den Boden fielen, dann blieb der Eurostar mit einem kräftigen Ruck stehen. Für einen kurzen Moment erlosch das Licht, ging aber augenblicklich wieder an und flackerte gespenstisch. Eine Frau schrie auf, ein Kind redete panisch auf seine Mutter ein. Was war passiert?
Julie sprang auf und blickte in viele verwirrte Gesichter. Die Zugbegleiter eilten aus dem Abteil. Aufgeregtes Gemurmel machte sich breit. Was war nur passiert? Warum hatte der Zug so plötzlich angehalten?
Kurzentschlossen verließ Julie ihren Platz und eilte durch die aufgeregte Menschenmenge, die sich auf dem Gang versammelt hatte. Sie lief auf die Verbindungstür zum Wagen der zweiten Klasse zu. Mehrere Fahrgäste streckten ihre Köpfe aus den Abteilen, es wurde spekuliert.
„Vielleicht hat sich ja jemand auf die Gleise geworfen?", vermutete ein älterer Herr, wurde aber sofort jäh von einem Mittvierziger in schickem Dreiteiler unterbrochen, der ihn anraunzte:
„Natürlich. Hundertfünfzig Meter unter dem Meeresspiegel. Das wäre mal ein spektakulärer Selbstmord." Der Alte zog beleidigt den Kopf ein und verschwand in seinem Abteil. Plötzlich knisterte ein Lautsprecher und eine Stimme ertönte.
„Sehr verehrte Damen und Herren, wegen eines unvorhergesehenen Zwischenfalls verzögert sich unsere Weiterfahrt um unbestimmte Zeit. Bitte bleiben Sie auf ihren Plätzen. Wir werden Sie informieren, sobald es Neuigkeiten gibt."
Ein aufgebrachtes Stöhnen ging durch den Wagen. Die Fahrgäste ließen sich wieder auf ihre Sitze fallen und gaben den Blick frei auf eine Gruppe Zugbegleiter, die aufgeregt vor einer Toilette miteinander diskutierten. Julie näherte sich ihnen, wurde jedoch von einem resolut wirkenden Mann in Uniform aufgehalten.
„Hier können Sie nicht weitergehen. Haben Sie die Durchsage nicht gehört?", pfiff er sie unfreundlich an.
Julie stutzte. Was konnte hier nur passiert sein? Sie kramte ihren Dienstausweis aus der Handtasche und blaffte zurück:
„Kommissarin Julie Roche, Kriminalpolizei. Mit wem habe ich das Vergnügen?"
Der bullige Kerl starrte sie erstaunt an, dann wandte er sich an die Zugbegleiter.
„Die ist von der Polizei. Könnt Ihr sie gebrauchen?"
Zustimmendes Gemurmel.
„Dann gehen Sie! Aber sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Kein schöner Anblick!"
Langsam näherte sich Julie der Toilette. Die Männer traten einen Schritt zurück. Aus dem kleinen Raum drang ein abscheulicher Geruch nach Exkrementen und Desinfektionsmittel. Aber noch etwas anderes lag in der Luft. Ein Geruch, den Julie nur zu gut kannte. Der Geruch des Todes.
Der Mann lag in einer unnatürlichen Seitenstellung auf dem Boden der schmalen Zugtoilette. Seine Beine umklammerten das Klo, als wäre es sein Anker, seine Rettungsleine. Der Oberkörper wirkte irgendwie verdreht. Das Gesicht hatte der Tote zur Tür gewandt. Die weit aufgerissenen Augen starrten nun Julie entgegen. Sie ging in die Knie. Der Mann musste Ende Dreißig sein. Ein dunkler Bart bedeckte den unteren Teil seines Gesichts. Eine rote Pfütze hatte sich auf dem Laminatboden gebildet. Aber nicht das viele Blut, das aus einer hässlichen Wunde am Hals gequollen, oder die qualvolle Haltung, in der dieser Mann gestorben war, verschreckten Julie. Sein Gesicht,
