Die Hölle auf Erden: Der Arzt vom Tegernsee 64 – Arztroman
Von Laura Martens
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Über dieses E-Book
Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen.
Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird.
»Ich begreife nicht, weshalb ich mich dieses Jahr nicht von meiner Grippe erholen kann«, sagte Beate Stegmeyer. »Es ist ja nicht das erste Mal gewesen, daß ich eine Grippe hatte.« »Vergessen Sie nicht, es handelte sich um eine schwere Virusgrippe, Frau Stegmeyer«, antwortete Dr. Eric Baumann der älteren Frau, die ihm am Schreibtisch gegenüber saß. »Dennoch sind bereits vier Wochen vergangen, seit ich das Bett verlassen habe.« Sie seufzte tief auf. »Ich fühle mich nach wie vor schlapp und abgespannt. Es gibt Tage, da meine ich, kaum einen Fuß vor den anderen setzen zu können. Morgens fällt es mir schwer aufzustehen. Ich muß mich regelrecht dazu zwingen.« »Das heißt nur, daß Sie noch einige Zeit brauchen, um zu Kräften zu kommen, Frau Stegmeyer, und diese Zeit sollten Sie sich auch nehmen«, meinte der Arzt. »Mit den Folgen einer Grippe ist nicht zu spaßen.« »Mein Mann hat mich überredet, vorläufig nicht zu arbeiten«, sagte sie. »Ich habe meiner Tochter Karen die Leitung des Blumengeschäftes übertragen. So lächerlich es klingen mag, im Moment habe ich genügend mit dem Haushalt zu tun, obwohl mir die große Arbeit von unserer Angestellten abgenommen wird.« »Auch wenn Sie deswegen womöglich ein schlechtes Gewissen haben, Sie sollten sich untertags ab und zu für ein paar Minuten hinlegen«
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Die Hölle auf Erden - Laura Martens
Der Arzt vom Tegernsee
– 64 –
Die Hölle auf Erden
Laura Martens
»Ich begreife nicht, weshalb ich mich dieses Jahr nicht von meiner Grippe erholen kann«, sagte Beate Stegmeyer. »Es ist ja nicht das erste Mal gewesen, daß ich eine Grippe hatte.«
»Vergessen Sie nicht, es handelte sich um eine schwere Virusgrippe, Frau Stegmeyer«, antwortete Dr. Eric Baumann der älteren Frau, die ihm am Schreibtisch gegenüber saß.
»Dennoch sind bereits vier Wochen vergangen, seit ich das Bett verlassen habe.« Sie seufzte tief auf. »Ich fühle mich nach wie vor schlapp und abgespannt. Es gibt Tage, da meine ich, kaum einen Fuß vor den anderen setzen zu können. Morgens fällt es mir schwer aufzustehen. Ich muß mich regelrecht dazu zwingen.«
»Das heißt nur, daß Sie noch einige Zeit brauchen, um zu Kräften zu kommen, Frau Stegmeyer, und diese Zeit sollten Sie sich auch nehmen«, meinte der Arzt. »Mit den Folgen einer Grippe ist nicht zu spaßen.«
»Mein Mann hat mich überredet, vorläufig nicht zu arbeiten«, sagte sie. »Ich habe meiner Tochter Karen die Leitung des Blumengeschäftes übertragen. So lächerlich es klingen mag, im Moment habe ich genügend mit dem Haushalt zu tun, obwohl mir die große Arbeit von unserer Angestellten abgenommen wird.«
»Auch wenn Sie deswegen womöglich ein schlechtes Gewissen haben, Sie sollten sich untertags ab und zu für ein paar Minuten hinlegen«, riet Eric. Beate Stegmeyer gehörte zu den Frauen, die es einfach nicht fertigbrachten, sich ein wenig Ruhe zu gönnen und am liebsten rund um die Uhr arbeiteten, selbst wenn sie es nicht nötig hatten. »Versprechen Sie mir, vernünftig zu sein.«
»Es wird mir ohnehin nichts anderes übrigbleiben«, erwiderte sie mit einem Lächeln.
»Wie geht es Ihrer Tochter?« Dr. Baumann hatte Karen Seemüller schon einige Zeit nicht mehr gesehen.
»Ausgezeichnet. Karen ist sehr glücklich. Sie und Alexander sind wie füreinander geschaffen.« Frau Stegmeyer lehnte sich zurück. »Natürlich vermisse ich sie, aber so ist nun einmal der Lauf der Welt. Wie gesagt, sie hat einen sehr guten Mann.«
Eric spürte einen stechenden Schmerz in seiner Brust, der allerdings so schnell vorüberging, daß er sich fragte, ob er sich diesen Schmerz nicht nur eingebildet hatte. »Und ist mit Armin alles in Ordnung?« erkundigte er sich.
»Armin ist vor einigen Wochen von Ute geschieden worden. Mein Mann und ich hoffen, daß es jetzt nur noch mit ihm aufwärts gehen kann«, antwortete Beate Stegmeyer. »Im Laufe des letzten Jahres hat er große Fortschritte gemacht. Er leidet nicht mehr so unter Minderwertigkeitsgefühlen wie früher. Viel dazu trägt natürlich bei, daß er als Kraftfahrer bei seinem Schwager arbeiten kann. Der Druck, der jahrelang auf ihn gelastet hat, muß schrecklich gewesen sein. Ich bin froh, daß mein Mann inzwischen eingesehen hat, daß man das Leben seiner Kinder nicht vorbestimmen kann. Armin hat seit seiner Kindheit darunter gelitten, eines Tages unsere Gärtnerei übernehmen zu müssen. Nicht jeder ist zum Gärtner geboren.«
»Wie wahr«, bestätigte Eric. »Allerdings kann ich mir vorstellen, daß es für Ihren Mann nicht leicht ist, seine Träume aufzugeben. Andererseits haben Sie ja noch einen zweiten Sohn, und Günther hat den sogenannten grünen Daumen.«
»Gott sei Dank«, sagte Beate Stegmeyer und griff nach ihrer Handtasche. »Wir haben noch eine junge Frau für das Blumengeschäft eingestellt. Meine Tochter kann nicht die ganze Arbeit allein bewältigen. Sie werden Doris Gall nicht kennen, Doktor Baumann, sie hat die letzten Jahre bei ihrer Tante in Saarbrücken gelebt.« Sie verzog das Gesicht. »Zum Glück haben wir vorher nicht gewußt, daß Doris die uneheliche Tochter von Elfriede Müller ist. Ich glaube nicht, daß wir sie eingestellt hätten. Dabei ist sie eine unwahrscheinlich nette, junge Frau.« Resignierend hob sie die Schultern. »So ist das nun einmal mit Vorurteilen. Doris’ Mutter gehört nicht zu den Leuten, in deren Gesellschaft man gern ist.«
Dr. Baumann mußte Beate Stegmeyer in diesem Punkt recht geben, auch wenn er das natürlich nicht laut aussprach. »Ich hatte keine Ahnung, daß Frau Müller eine erwachsene Tochter hat«, bemerkte er.
»Doris wird diesen Monat dreiundzwanzig. Ihre Mutter muß bei ihrer Geburt knapp siebzehn gewesen sein«, sagte die Geschäftsfrau. »Frau Müller sitzt übrigens mit ihrem Sohn im Wartezimmer. Sie macht auf mich noch denselben schlampigen Eindruck wie früher. Ehrlich, Doktor Baumann, ich verstehe nicht, weshalb man ihr ihre jüngeren drei Kinder, die zwei Jahre in einer Pflegefamilie gelebt haben, wieder anvertraut hat. Alles, was ich über ihren zweiten Mann gehört habe, läßt mich das Schlimmste befürchten.«
Dr. Baumann hatte über Bernd Müller auch noch nichts Gutes gehört. Er wußte, daß der Mann eine grauenvolle Kindheit hinter sich hatte und dadurch hart und verbittert geworden war. Seine erste Ehe war vor einigen Jahren in die Brüche gegangen. Die Kinder aus dieser Ehe durfte Bernd Müller nicht sehen, weil sie von ihm so schwer mißhandelt worden waren, daß sie noch immer unter den seelischen Folgen litten. Nun waren ihm durch seine zweite Heirat erneut Kinder anvertraut worden.
»Verstehen kann ich das auch nicht, Frau Stegmeyer«, gab er zu. »Ich hoffe nur, daß die Behörden ein Auge auf die Familie haben.«
»Hoffen und harren…« Frau Stegmeyer stand auf. »Ich möchte Sie nicht länger aufhalten.«
»Das tun Sie nicht«, sagte er und brachte seine Patientin nach draußen.
Tina Martens rief Elfriede Müller auf. Bereits als sie mit ihrem elfjährigen Sohn Robert das Sprechzimmer betrat, stellte Dr. Baumann fest, wie verschüchtert der Bub wirkte. Er konnte Beate Stegmeyer nur recht geben. Elfriede Müller schien sich nicht zu ändern. Seit er sie kannte, hatte sie auf ihn einen äußerst schlampigen Eindruck gemacht. An diesem Tag trug sie grellgrüne Radlerhosen und darüber ein schwarzes T-Shirt mit grellbuntem Aufdruck, das voller Flecken war. Auch ihr dunkles Haar wirkte ungewaschen. In fettigen Strähnen hing es ihr bis auf die Schultern hinunter.
»Ich komme wegen dem Robert«, sagte sie zu Dr. Baumann. »Alle naselang hat der Bub etwas anderes. Zeig dem Herrn Doktor deine Knie«, forderte sie barsch ihren Sohn auf. Als er nicht sofort reagierte, fügte sie hinzu: »Auf was wartest du denn noch?«
»Was ist denn mit deinen Knien, Robert?« Dr. Baumann öffnete ein Glas und bot dem Buben eines der bunten Gummitierchen an, die sich darin befanden. »Am besten schmecken die roten«, verriet er.
Robert nahm sich eines.
»Und danke willst du nicht sagen?« fragte seine Mutter. Sie seufzte auf. »Die Kinder bringen mich noch zur Verzweiflung. Sie sind von ihren Pflegeeltern total verwöhnt worden, und nun habe ich die Last damit.«
»Danke.« Robert schaute zu Boden.
»Zieh dir bitte die Hosen aus, Robert«, bat der Arzt. »Und dann setz dich auf die Liege, damit ich deine Knie anschauen kann.«
Robert öffnete seine Jeans und zog sie aus. Auf den ersten Blick erkannte der Arzt, daß die Knie des Buben doppelt so groß waren, wie sie eigentlich sein durften. Bevor Robert noch wußte, wie ihm geschah, hatte ihn Eric schon angehoben und auf
