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Buchvorschau
Sie schrie nie - Verena Brade
4. August 1960
Ein warmer Wind atmete durch die staubigen Straßen. Nach einem hektischen Arbeitstag ließ das süße Nichtstun endlich die Gedanken schweifen. Verschlafen lauerte eine Katze im Schatten. Da begann die nahe Kirchturmuhr plötzlich laut zu läuten. Es war genau 16:00 Uhr. Dann folgten wieder Stille und Leere. Heckenrosen dufteten am Wegesrand und bunte Schmetterlinge kreisten mit Leichtigkeit.
Trotz seines noch relativ jungen Alters ging er sehr langsam. Die Hitze und der viele Alkohol forderten ihren Tribut. Das Atemholen fiel ihm schwer. Mit Erreichen der Brücke, strich eine laue Brise durch sein Haar. Er blieb stehen und reckte das Gesicht lethargisch gen Himmel. Als er die Augen wieder öffnete, blickte er in einen sich übermächtig türmenden Wolkenberg. Kurz darauf brach sich ein erstes Grollen seine Bahn. Mühsam begriff er und lief weiter. Endlich in die Zielstraße einbiegend, sah er die Meute. Augenblicklich blieb er wie erstarrt stehen und hörte sie reden. Ein Kellerbrand mit verheerenden Folgen. Man hatte etwas Schreckliches gefunden. Niemand durfte das Haus betreten. Die fressende Neugier musste außerhalb der Mauern verharren. Ihm hätte man Informationen gegeben. Aber diese brauchte er nicht.
Noch einmal streifte sein Blick die wunderschöne Fassade bis zu dem breiten Fenster, dann löste er sich davon und lief den Weg zurück. Als er die Brücke betrat, zog der erste Blitz seine Bahn. Wenige Sekunden später folgte das Donnergetöse. Da war er bereits in der Tiefe der Leine verschwunden.
Drei Monate zuvor, Samstag, 7. Mai
Das Grundstück mit Gartenhaus im Bungalowstil befand sich in unmittelbarer Nähe des Maschsees.
In einem lindgrünen Kostüm aus wadenlangem Bleistiftrock, eng taillierter Jacke und dazu passenden cremefarbenen Bettie Pumps stand Frau Schinkowski am Tor und wartete auf ihre Gäste. Die extra für dieses Ereignis georderten italienischen Servicekräfte mit perfekten Deutschkenntnissen hatten wie von ihr gewünscht, auf einem Tisch direkt neben dem Eingang diverse Gläser, gekühlten Sekt, sowie Himbeer- und Zitronenlimonade für die Kinder bereitgestellt.
Als erste steuerten, bereits einige Minuten vor der veranschlagten Zeit, Herr und Frau Schmidt auf das eiserne Grundstücksportal zu. Sie trug anstelle der üblichen bunten Kittelschürze ein blaues Dirndl mit großem, ihre üppige Oberweite noch stärker betonendem Dekolleté. Außerdem war sie ganz offensichtlich speziell für diesen Anlass beim Friseur gewesen. Was eine krasse Ausnahme darstellte, denn gewöhnlich erledigte die resolute Frau derartige, wie sie es nannte, unvermeidbare Notwendigkeiten, selbst. Im ersten Moment hätte Frau Schinkowski sie fast nicht erkannt. Auch Herr Schmidt sah in seinem schneeweißen, akkurat gebügelten Hemd, schwarzer Hose und Lacklederschuhen so ganz anders als gewöhnlich aus. Als die stämmige Frau und ihr um einen halben Kopf kleinerer, glatzköpfiger Ehemann direkt vor der Gastgeberin standen, konnte diese ihr Erstaunen nicht mehr verbergen.
„Herzlichst willkommen, geschätztes Hausmeisterehepaar. Sie sehen so verändert aus. Ein Dirndl außerhalb der bayrischen Landesgrenzen zu tragen, wie verwegen. Aber es steht Ihnen ausgezeichnet. Auch Sie, lieber Herr Schmidt, haben, seit unserer Begegnung heute Mittag geradezu eine Outfit-Metamorphose durchlebt."
Obwohl Herr Schmidt nicht die leiseste Ahnung hatte, was mit dem Begriff Metamorphose gemeint sein könnte, strahlte er wie seine Frau über die außergewöhnlich freundliche Begrüßung der Nachbarin. Diese goss indes in die ersten Gläser Sekt und überreichte sie mit einer ausladenden Geste.
„Stoßen Sie mit mir an, auf schöne, unterhaltsame Stunden. Gleich jetzt dürfen Sie entspannt mein neues Anwesen inspizieren. Sie sind die Ersten und haben genügend Zeit dafür. Loretta, eines der italienischen Servicemädchen, wird Sie begleiten und Ihnen alles erklären. Ich habe sie ausführlich eingewiesen und sie hat hoffentlich gut aufgepasst. Selbstverständlich spricht Loretta perfekt Deutsch."
Überwältigt von dem ungewöhnlich respektvollen Umgang folgte das Ehepaar, wie geheißen, der jungen Italienerin.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht stützte Frau Schinkowski sich auf ihren Stock. Ausgerechnet heute gab ihr linkes Knie keine Ruhe. Dennoch wollte sie die anderen Gäste ebenfalls am Tor begrüßen. Geduldig wartete die Fünfundfünfzigjährige. Minute für Minute fiel ihr das Stehen schwerer. Auf einmal hörte sie von Weitem ein schallendes Lachen. Dieses kannte sie nur zu gut. Es gehörte Jürgen, dem ältesten Sohn der Müllers aus der oberen Etage. Kurze Zeit später bog die komplette Familie um die Ecke. Als der aufgeweckte Junge sie sah, riss er sich von der Hand der Mutter und rannte in Richtung des Tores. Unmittelbar davor bremste er ruckartig ab und schrie laut: „Ich bin der Erste!"
„Bist du nicht", antwortete, gespielt streng, die Gastgeberin.
Verwundert schaute er zu ihr auf. Im nächsten Moment entdeckte er den Tisch mit den Getränken.
„Bei dir gibt es rote Limonade. Ich habe riesigen Durst."
„So, hast du. Was machen wir denn da?"
„Ist doch klar. Du gibst mir eines von den Gläsern. Die sind für uns Kinder."
Inzwischen hatten auch die Eltern mit ihren drei Kleineren das Grundstück erreicht. Etwas verlegen meinte die junge Mutter: „Jürgen ist immer so ungestüm. Ich hoffe, dass er keine frechen Worte gesagt hat. Oder war er doch wieder vorlaut?"
Jovial hob Frau Schinkowski ihre freie Hand und begrüßte, ohne auf die Frage einzugehen, die Großfamilie. Dann reichte sie die Getränke. Beim ungestümen Trinken verschüttete die gerade vier gewordene Sabine rote Limonade auf ihre weiße Rüschenbluse. Sofort begann sie zu weinen. Jürgen trank in einem Zug sein Glas leer und forderte lautstark ein weiteres. Der Vater der Familie genoss den kühlen, prickelnden Sekt einige Schritte abseits.
Frau Müller hingegen versuchte die wegen ihres Malheurs schluchzende Sabine zu beruhigen und den immer impulsiver verlangenden Jürgen zu besänftigen. Als dann auch noch das Baby im Wagen mit Schreien begann, winkte die leicht konsternierte Gastgeberin, die bisher nur wortlos dem Geschehen zusah, eine der Servicekräfte herbei.
„Das ist die nette Familie Müller. Ich möchte, dass Sie heute ausschließlich für diese jungen Eltern und vor allem für die vier überaus reizenden Kinder da sind. Spielen Sie mit den Kleinen oder gehen Sie mit ihnen spazieren, dass ist ganz egal. Von allen anderen Verpflichtungen entbinde ich Sie."
Verwundert schaute die italienische Servicekraft ihre Auftraggeberin an, sodass diese sich fragend vergewisserte: „Sie haben doch alles verstanden, oder?"
Hastig bejahte die Frau.
„Worauf warten Sie dann? Nehmen Sie sich der Kleinen an. Einige Kinderspiele aus Ihrer Heimat werden Sie doch parat haben. Schließlich sind Sie noch jung. So etwas vergisst man außerdem nicht."
Weder Herr noch Frau Müller äußerten sich zu dieser Entscheidung. Wortlos blickten sie der fremden Italienerin, die mit ihren Kindern davonzog, hinterher.
„Kommen Sie, jetzt stoßen wir gleich noch einmal an. Mit meiner Entscheidung habe ich hoffentlich nicht in Ihr Erziehungskonzept eingegriffen?"
Schüchtern schüttelte Frau Müller den Kopf, während ihr Mann nur lachte und dann seinen Sekt in einem Zug austrank.
Kurz nachdem das Ehepaar Müller, ohne Kinder, dafür ebenfalls mit italienischer Begleitperson zur Grundstücksinspektion aufgebrochen war, erschien Familie Loose nebst dem im Erdgeschoss wohnenden alleinstehenden Herrn Anders. Sofort strahlte Frau Schinkowski. Sie streckte der im zart rosafarbenen Sommerkleid vor ihr stehenden blonden, hübschen Frau die Hand entgegen.
„Wie ich mich freue, Sie hier begrüßen zu dürfen, verehrte Frau Loose. Sie sehen wie immer bezaubernd aus. Wir müssen unbedingt heute über Ihren Schneider sprechen."
Dezent lächelte die Angesprochene und meinte: „Das Kompliment kann ich nur erwidern. Aber, apropos bezaubernd, das Adjektiv charakterisiert noch viel treffender als unsere Haute Couture diese wundervolle Gegend. Südlich des Stadtzentrums von Hannover hätte ich eine solche üppige grüne Oase nicht vermutet. Ich sagte eben zu meinem Mann, dass diese Wohnlage perspektivisch auch etwas für mich wäre. Hier könnte man dem Tag und Nacht währenden Geräuschpegel der Großstadt, dem Schmutz und vor allem der Hektik tatsächlich entfliehen. Und sich wirklich von der Arbeit erholen."
„Es freut mich sehr, dass es Ihnen hier gefällt. Aber bitte treten Sie erst einmal ein."
Die Männer wollten Frau Loose den Vortritt lassen. Sie jedoch begann, in ihrer Handtasche nach etwas zu suchen. Im nächsten Moment überreichte sie, etwas zögerlich, der freundlichen Gastgeberin ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen.
„Liebe Frau Schinkowski, ich muss Ihnen gestehen, dass es mir schwer fiel, ein passendes Gastgeschenk für Sie zu finden. Blumen oder Einpflanzungen in einen Garten zu tragen, fand ich unangebracht, deshalb habe ich Ihnen diese kleine, süße Köstlichkeit ausgewählt. Es sind Sahnetrüffel vom Chocolatier in der Parkstraße. Sie mögen doch Schokolade?"
„Aber selbstverständlich. Das wäre dennoch nicht nötig gewesen. Oh je, wenn ich an meine Figur denke." Gespielt verschämt deutete die Fünfundfünfzigjährige auf ihre schmale Taille. Danach legte sie die Bonbonniere auf dem kleinen Beistelltisch ab und reichte Herrn Loose sowie der dreizehnjährigen Tochter Sonja zum Empfang die Hand. Beim anschließenden gemeinsamen Anstoßen fiel nur dem Mädchen auf, dass der wortkarge Herr Anders, der ebenfalls mit am Tor stand, von Frau Schinkowski überhaupt nicht begrüßt wurde. Auch reichte sie ihm kein Glas mit Sekt. Es schien den jungen Mann mit schütterem Haar jedoch nicht zu stören. Kurzerhand bediente er sich selbst.
Zwanzig Minuten später nahmen die Anwesenden an der sommerlich dekorierten Gartentafel inmitten einer großflächigen, gepflegten Wiese Platz. Frau Schinkowski hatte reichlich einkaufen lassen. Zum Kaffee wurden vier verschiedene Fruchttorten, diverse Dessertstückchen, Blätterteigvariationen mit Sahne sowie Kakao für die Kinder gereicht. Gerade als man mit dem Probieren der Köstlichkeiten begann, erschienen die letzten, noch fehlenden Gäste. Es waren die Freundinnen Biene und Tine aus der obersten Etage.
Ohne aufzustehen, lächelte die Gastgeberin den zwei jungen Frauen entgegen.
„Schön, dass Sie es auch ermöglichen konnten, hierher zu kommen. Bitte nehmen Sie Platz."
Dabei deutete sie auf die freien Stühle am anderen Ende der Tafel und wünschte noch einmal allen Anwesenden guten Appetit.
Einige Zeit danach war ein Großteil der üppigen Süßspeisen verköstigt. Man hatte mehr gegessen, als man eigentlich vertragen konnte. Aber die angebotenen Verlockungen ließen die meisten der Anwesenden immer wieder schwach werden. Und so griffen sie mehrfach zu. Nun fühlten sie sich übermäßig gesättigt. Hausmeister Schmidt lockerte gerade den Gürtel seiner schwarzen Hose, als Frau Schinkowski mit einem Glas Sekt in der Hand aufstand. Augenblicklich unterbrachen alle ihre Gespräche und widmeten der Gastgeberin die Aufmerksamkeit. Nur die Großen der Müllers, Jürgen und Sabine, stritten weiter lautstark um ein letztes Stück Erdbeertorte. Eiligst eilte die Servicekraft herbei und zog die beiden von ihren Plätzen. Auch heftiger Protest und flehentlichstes Rufen nach der Mutter half ihnen nicht.
Zufrieden lächelnd begann Frau Schinkowski mit ihrer kleinen, vorbereiteten Rede:
„Liebe Bewohner der 29 oder besser gesagt, liebe Nachbarn, ich möchte noch einmal meiner Freude Ausdruck verleihen, dass Sie alle den Weg hierher fanden. Sicher haben sich einige von Ihnen über die Einladung gewundert. Aber es ist bekannt, dass nichts im Leben grundlos geschieht. Alles hat auch eine Ursache. Das klingt ein wenig theatralisch, Entschuldigung. Sie wissen sicher inzwischen, dass ich von der Bühne komme, da neigte man ein wenig zum Overstatement. Nein, keine Angst, es gibt keinen prekären Anlass, im Gegenteil. Ich wollte Ihnen zum einen dieses wundervolle Grundstück vorstellen. Zum anderen fand ich, dass die Zeit reif ist, einander besser kennenzulernen. Bereits seit fast einem Jahr teile ich mit Ihnen dieselbe Adresse. Wir grüßen uns freundlich, aber jeder geht seiner Wege. Wir eilen aneinander vorbei, ohne etwas voneinander zu wissen. Dabei leben ausschließlich fleißige, integere Menschen hier zusammen. Schließlich kann sich nicht jeder eine exklusive Wohnung in solch einem Haus aus der Gründerzeit leisten. Die schweren, entbehrungsreichen Jahre haben wir erfolgreich gemeistert und die Schatten der Vergangenheit abgeschüttelt. Dabei mussten Etliche einen Neuanfang wagen. Von meiner Person will ich an dieser Stelle gar nicht sprechen. Viel mehr möchte ich beispielgebend auf die verehrte Frau Loose mit ihrer Kanzlei oder unser tatkräftiges Hausmeisterehepaar, das nun bereits vier Häuser verwalten darf, verweisen. Wir alle haben angepackt und etwas geschaffen. Unter unserem Dach wohnen keine Faulenzer, Betrüger oder gar Verlierer. Wir können stolz auf uns sein. Lassen Sie uns deshalb mehr übereinander erfahren und ein wenig näher zusammenrücken. Stoßen Sie mit mir auf unsere reputable Hausgemeinschaft an!"
Einige der Anwesenden schauten verwundert, andere nickten zustimmend, aber alle erhoben sich. Noch während die meisten tranken, ergänzte die Gastgeberin ihre kleine Ansprache: „Eines möchte ich nicht vorenthalten. Ich beabsichtige in ferner Zukunft, gemeinsam mit meinem Sohn, auf diesem wunderbaren Stück Erde, auf dem Sie gerade den ersten Zauber des bevorstehenden Sommers genießen, ein Häuschen bauen zu lassen. Ganz in der Nähe des größten Gewässers unserer Stadt wohnen zu dürfen, ist doch ein Traum. Finden Sie nicht auch? Aber das ist eine Melodie der Zukunft. Alles will genau überlegt und geplant sein. Das beansprucht Zeit. Deshalb werde ich Ihnen in den nächsten zwei Jahren auf jeden Fall als Mitbewohnerin erhalten bleiben."
Schweigsam nahm man die unerwartete Information zur Kenntnis.
Der weitere Nachmittag verlief dann weniger ruhig und zurückhaltend. Die kleine Gesellschaft trennte sich klassisch nach Geschlechtern. Die Frauen fanden zunächst einen angenehm schattigen Platz unter dem ausladenden, alten Kirschbaum im hinteren Areal des Grundstücks. Man begann über typisch weibliche Themen zu plaudern. So lobte die Gastgeberin in höchsten Tönen ihren erst in der vergangenen Woche angebrachten AEG Thermofix.
„Meine Damen, Sie machen sich keine Vorstellung, welche Zeiteinsparung dieses kleine Wunderwerk bringt. Der Werbeslogan heißt nicht umsonst: ‚Jeder Zeit in Stadt und Land kochend Wasser aus der Wand.‘ Das mehrfach tägliche lästige Wasserkochen im pfeifenden Aluminiumkessel auf dem Herd ist endlich Geschichte. Wir brauchen noch viel mehr solche Erleichterungen."
Kräftig nickend stimmten alle ihr zu. Dann begann Frau Loose von ihrer neuen Einbauküche zu schwärmen. „Wir haben uns eine ‚Regina Küche‘ gegönnt. Das ist die Königin unter den Küchen. Alles ist in Kunststoff gefertigt, innen wie außen. Die Reinigung ist zum Kinderspiel geworden. Sie erfordert viel weniger Mühe als bei herkömmlichen Modellen. Im Handumdrehen ist nach dem Kochen oder Backen alles wieder sauber und glänzt, als hätte man die Küche noch nie benutzt."
„Die hat ein Vermögen gekostet. Ich kenne die Preise aus dem Katalog. Mir gefällt die ‚Regina‘ nämlich auch sehr", warf mit leicht zusammen gekniffenen Augen Frau Schmidt ein.
Frau Loose winkte ab. „Ja, Sie haben natürlich recht. Die ‚Regina‘ ist nicht ganz billig. Aber wozu gehe ich arbeiten? Selbstverständlich könnte auch ich mich mit den Pflichten als Hausfrau und Mutter begnügen. Das tue ich jedoch nicht. Oft verlasse ich sogar noch vor meinem Mann das Haus. Mitunter verbringe ich mehr als zehn Stunden am Tag in der Kanzlei. Nicht selten beginnt mein Feierabend erst, wenn es eigentlich schon Zeit zum Zubettgehen ist. Dabei darf ich mir keine Fehler erlauben. Wenigstens zu Hause will ich etwas entlastet werden."
„Ich arbeite doch auch, das sehen Sie jeden Tag, wenn ich das Treppenhaus putze. Dennoch, dafür würde das Geld nie reichen. Gerade mal dieses Dirndl habe ich mir geleistet. Seit vielen Monaten die erste persönliche Ausgabe. Fragen Sie nicht, welches Gezeter mein Mann veranstaltete, als er den Preis erfuhr", warf konsterniert die Hausmeisterin in die Frauenrunde.
Für einen kurzen Moment wandten sich alle Augenpaare der sichtlich deprimierten Frau Schmidt zu. Jede der Anwesenden dachte sich ihren Teil über das offenherzige Lamento. Dennoch hatte keine der Frauen das Bedürfnis, auf die vorgebrachte Misere näher einzugehen. Frau Schmidt war schließlich nur die Hausmeisterin. Der Erfolgreichen die Aufmerksamkeit entgegenzubringen, entsprach dem Gebot der Stunde und so widmete sich die Gastgeberin schnell wieder Frau Loose.
„Ich bewundere Sie wirklich. In dieser großen Kanzlei verbringen Sie so viele Stunden des Tages. Danach müssen Sie den Haushalt sowie die Aufgaben als Mutter und Ehefrau bewältigen. Und bei all der Arbeit sehen Sie zu jeder Zeit auch noch außergewöhnlich adrett aus. Wie machen Sie das nur? Wenn ich mich nicht irre, trugen Sie letzte Woche ein neues Kostüm im Pepita-Muster und am Freitag ein enges, azurblaues Kleid mit extra langer Knopfleiste am Rücken. Das kannte ich auch noch nicht. Beides stand Ihnen phantastisch. Offensichtlich finden Sie trotz der vielen Arbeitsstunden noch die Zeit, um regelmäßig bei Ihrem Schneider vorbeizuschauen. Ich vermute, dass er über eine ganz vorzügliche Ausbildung verfügt. Außerdem orientiert er sich bei seinen Kreationen an der Pariser Mode. Das ist hohe Schneiderkunst. Ganz mein Stil. Wie gern wäre auch ich Kundin bei einem solchen Meister und müsste nicht mehr in gewöhnlichen Boutiquen kaufen. Bereits mehrfach habe ich Sie nach seiner Anschrift befragt. Aber Sie machen daraus ein Enigma. Weshalb? Ist er so überlastet? Eine gut zahlende Kundin wie mich würde er gewiss nicht abweisen. Das er ‚Beyer‘ heißt, verrieten Sie zwar, jedoch handelt es sich dabei um einen Allerweltsnamen. Ich konnte sein Atelier trotz intensiver Bemühungen nicht ausfindig machen. Ganz unter uns gefragt, wollen Sie, liebe Frau Loose, ernsthaft vorgeben, dass in Ihrem hübschen, klugen Kopf seine Adresse nicht gespeichert ist? Wo Sie doch eine Stammkundin sind."
Stumm nahm Frau Loose die offenkundigen Vorwürfe zur Kenntnis. Für einen kurzen Moment wirkte sie der Situation irgendwie entrückt, so als hätte sie die letzten Sätze gar nicht wahrgenommen. Dann schenkte sie ihrer leicht aufgebrachten Gastgeberin ein mildes Lächeln.
„Ach, Frau Schinkowski, manchmal weiß ich nicht, was ich zuerst tun soll. Mein Tag bräuchte mehr als 24 Stunden. Irrelevante Sachen können schon mal übersehen werden. Mein Schneider hat das Atelier gewechselt. Die neue Anschrift muss ich tatsächlich nachschauen, denn ich war selbst noch nicht vor Ort."
Die Hände vor der Brust verschränkend, erwiderte Frau Schinkowski betont sarkastisch: „So, so, der Meister der flinken Nadel hat den Ort seines Schaffens gewechselt."
Danach sagte sie nichts mehr. Für alle Anwesenden war die abrupte Spannung zwischen den beiden Frauen spürbar. Unangenehm berührt, schwiegen sie. Scheinbar endlose Sekunden vergingen. Plötzlich stand Frau Schmidt auf, griff nach der halbvollen Sektflasche und füllte unaufgefordert die Gläser nach. Dann stellte sie sich breitbeinig hinter ihren Stuhl und sagte gespielt vornehm: „Fast täglich wechsle ich meine Garderobe für die Arbeit. Schließlich möchte ich jedem, der mir im Haus begegnet, einen netten Anblick bieten. Vielleicht interessiert es eine der Damen, wo ich diese schicken, pflegeleichten Kittelschürzen her habe. Ab einem Dutzend werden diese günstiger verkauft. Die Adresse kann ich sofort aufschreiben."
Mit weit aufgerissenen Augen starrten alle die stämmige Frau an, dann begann Frau Schinkowski herzhaft zu lachen.
Die Gespräche der Männer, die es sich mit zwei Kästen Bier und einer großen Flasche Apfelkorn auf der Terrasse des kleinen Gartenhauses gemütlich gemacht hatten, befassten sich zunächst hauptsächlich mit Fußball und Politik. Dabei wurde reichlich getrunken. Ohne die wachsamen Augen der Frauen und mit zunehmender Dunkelheit überschritten die meisten ihr persönliches Maß und so wurde die Diskussion stetig gelöster und lauter. Man protzte ungehemmt mit dem, was man sich wieder leisten konnte oder in absehbarer Zeit zu erwerben plante. Von modernster Anbauwand, über mehrwöchige Kreuzfahrt bis zum fabrikneuen Auto wurde alles thematisiert. Die Wunderjahre schienen in vollem Gange. Nur ein Anwesender, der Hausmeister Schmidt, schwieg. Gerade als Frau Schinkowski kurz nach Mitternacht sich zu den Männern gesellte, begann dieser mit schwerer Zunge bierselig über die Aussichtslosigkeit der Erfüllung seines großen Traumes zu lamentieren.
„Ich und Siglinde, meine seit dreißig Jahren Angetraute, wohnen in der kleinsten Wohnung dieses großflächigen Hauses. Wir räumen an sechs Tagen der Woche den Dreck von euch allen weg. Wir kehren, wischen, bohnern, putzen von morgens bis abends, vom Keller bis zum Boden. Pieksauber ist alles. Sind wir in unserem Haus fertig, geht es im nächsten weiter. Außerdem habe ich zu jeder Tageszeit, einsatzbereit zu sein. Mitten in der Nacht bin ich schon gerufen worden, nur weil ein Wasserhahn tropfte, stellt euch das mal vor. Dennoch, das Geld reicht nicht für das, was ich wirklich will. Damit meine ich keinesfalls meine Frau, die habe ich umsonst am Hals. Nichts auf der Welt wünsche ich mir mehr als eine R 69S. Sogar geträumt habe ich schon von ihr. Irgendwie ist das Leben nicht fair. Wenn es allen hier im Haus so gut geht, könntet ihr mich doch ein wenig unterstützen. Vielleicht spendiert jeder ein paar Scheine, die er zufällig bei sich hat. Das wäre wenigstens ein Anfang. Ihr könnt bei der Steuer den Betrag bestimmt als Spendengeld wieder abrechnen."
„Wenn das so ist, dann müssen wir dir natürlich helfen", lallte mitfühlend Herr Loose und die anderen stimmten zu. Beinahe synchron griffen alle Männer in ihre Hosentaschen, um die Portemonnaies herauszuholen, als Frau Schinkowski sich empört einmischte.
„Mein Gott, Schmidt, was ist denn mit Ihnen los? Das eben Gesagte war hoffentlich nicht ernst gemeint. Und was ist eine R 69S überhaupt?"
Schneller als der Befragte antworten konnte, stammelte Herr Müller: „Natürlich ein Motorrad. Das weiß doch jeder."
„Die R 69S ist nicht irgendein beliebiges Motorrad, sondern ein Sportmodell von BMW. Diese Maschine kann 175 Kilometer pro Stunde fahren", ergänzte der eigentlich so schweigsame, aber im Gegensatz zu den anderen völlig nüchterne Herr Anders.
„Kann schon sein. Aber deshalb muss Herr Schmidt doch unsere ehrenwerte Hausgemeinschaft nicht um Geld anbetteln? Wie blamabel! Sie sollten sich schämen. Außerdem meine Herren glaube ich, dass es für uns alle an der Zeit ist, den Heimweg anzutreten."
Ein lautes „Oh, nein noch nicht", wie man es eigentlich nur von Kindergeburtstagen kennt, erklang in einem brummenden Chor.
Es war bereits 1:00 Uhr in der Früh, als Sonja geduldig an der Pforte auf ihre Eltern wartete. Noch nie zuvor, nicht einmal an Silvester, hatte die Dreizehnjährige so lange wach bleiben dürfen. Dennoch verspürte sie nicht einen Hauch von Müdigkeit. Während der vielen Stunden beachtete zwar kaum einer der Erwachsenen Sonja, trotzdem gefiel ihr das Gartenfest sehr.
Das Mädchen war es gewohnt, bei Feierlichkeiten unsichtbar zu werden. In der Vergangenheit durfte sie meist den Gesprächen der Älteren nicht einmal beiwohnen. Für gewöhnlich lautete das abweisende Kommando: „Geh spielen!", und sie gehorchte. An diesem Nachmittag und Abend war es anders. Keiner verjagte sie. Sie fühlte sich als eine stumme Beobachterin, der nichts zu entgehen schien.
Zunächst lauschte sie den Gesprächen der Frauen über Küchengeräte, Kochrezepte und Mode. Das Thema Mode fand sie interessant, aber die unzähligen Tipps für irgendwelche neuen Kochrezepte langweilten sie. Dann wurde plötzlich kurz vor dem Abendessen Frau Müller aus der gemütlichen Runde gerissen. Die italienische Servicekraft, die für die Beaufsichtigung der Kinder zuständig war, hatte sich heftigst bei Frau Schinkowski über den Ältesten der Müllers beschwert. „Dieser Junge ist ein Teufel. Er bringt mich zur Verzweiflung. Nichts lässt er sich sagen und provoziert unablässig", jammerte sie unter Tränen, ohne sich beruhigen zu können. Die ihr übertragene Aufgabe wollte sie um keinen Preis weiterhin ausüben. Jürgen fand die Situation noch spaßig, machte Faxen über die verzweifelte Italienerin und ahnte nicht, welche Folgen sich daraus auch für ihn ergeben. Frau Schinkowski hörte sich einige Minuten das Geheul der Servicekraft an. Dabei beobachtete sie aufmerksam den schadenfroh lachenden, herumalbernden Jungen, sowie seine teilnahmslos dasitzende Mutter. Schließlich entschied sie patriarchalisch.
„Es ist wirklich bedauerlich, liebe Frau Müller, aber Sie werden unser kleines Gartenfest jetzt sofort verlassen.
