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Sauerländische Friedensboten: Friedensarbeiter, Antifaschisten und Märtyrer des kurkölnischen Sauerlandes. Erster Band
Sauerländische Friedensboten: Friedensarbeiter, Antifaschisten und Märtyrer des kurkölnischen Sauerlandes. Erster Band
Sauerländische Friedensboten: Friedensarbeiter, Antifaschisten und Märtyrer des kurkölnischen Sauerlandes. Erster Band
eBook756 Seiten7 Stundenedition leutekirche sauerland

Sauerländische Friedensboten: Friedensarbeiter, Antifaschisten und Märtyrer des kurkölnischen Sauerlandes. Erster Band

Von Peter Bürger (Editor)

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Über dieses E-Book

Dieser Band zur "Friedenslandschaft Sauerland" erschließt über 20 Biographien von Frauen und Männern, die sich für Frieden und Menschenrechte eingesetzt haben. Die Botschaft der nahen Vorbilder lautet: "Versagt euch den völkischen Hetzern und der Kriegsmaschinerie! Sagt NEIN!" Die Geschichten von Mut und Menschlichkeit handeln mehrheitlich von "katholischen Lebenswegen". Der Umschlag zeigt jedoch den israelischen Friedensarbeiter Gabriel Stern (1913-1983), der im Sauerland aufgewachsen ist und ein Mitarbeiter Martin Bubers wurde.
Das Buch vereinigt Arbeiten von Peter Bürger, Dr. Ilse Eberhardt, Karl Föster (1915-2010), Paul Lauerwald, Werner Neuhaus, Dr. Wolfgang Regeniter, Dr. Erika Richter, Werner Saure, Dr. Reinhard J. Voß (Geleitwort) und Joachim Wrede ofm cap. In mehreren Kapiteln werden außerdem historische Quellentexte dokumentiert.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum14. Dez. 2016
ISBN9783743107458
Sauerländische Friedensboten: Friedensarbeiter, Antifaschisten und Märtyrer des kurkölnischen Sauerlandes. Erster Band

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    Buchvorschau

    Sauerländische Friedensboten - Peter Bürger

    Inhalt

    Geleitwort

    Von Reinhard J. Voß

    Vorbemerkungen zu diesem Buch

    Rektor Ferdinand Wagener (1871-1931) als Seelsorger im Kriegsgefangenenlager Meschede 1914-1919

    Von Werner Neuhaus

    Der Borberg – Berg des Friedens

    Ein sauerländisches ‚Heiligtum für den Frieden‘

    Die Friedenskapelle auf dem Borberge (1924)

    Franz Hoffmeister: Niu is use Kapelle inwigget (1925)

    Die Kapelle auf dem Borberge (1925)

    Theodor Pröpper: „Schauderbarste Verirrungen auf dem Gebiet der Kriegerehrungen" (1925)

    Josef Rüther: Von der Friedensbewegung im Sauerlande (1926)

    Sagen über den Borberg (1926)

    Franz Geuecke: Kriegerkult im Sauerland, „Mahnruf in der zwölften Stunde" (1928)

    Josef Rüther: Die Kapelle der Königin des Friedens (1930)

    Berichterstattung der NSDAP-Zeitung „Rote Erde" über die Kundgebung des Friedensbundes deutscher Katholiken auf dem Borberg (1931)

    Die Kundgebung des Friedensbundes deutscher Katholiken 1931 auf dem Borberg als Kapitel der NSDAP-Parteigeschichte Gau Westfalen-Süd (1938)

    Josef Rüther: Der Borberg und sein Heiligtum (1950)

    F. Hillebrand: Ein Geschichtchen vom Borberg (1957)

    Karl Föster: Symbol Sauerländer Friedensgesinnung – Der Borberg (1994)

    Aus den Aufzeichnungen des Sekretärs Ferdinand Tönne (1995)

    Wolfgang Nickolay: Die Kapelle auf dem Borberg wird 75 Jahre alt (2000)

    Paul Hennecke: Zum Bau der Borbergkapelle (2000)

    Literatur zum Borberg und zur Friedenskapelle

    „Ich bin Pazifist, das gebe ich offen zu"

    Egon Matzhäuser (1876-1947) aus Altenhundem wurde wenige Wochen nach Beginn des 2. Weltkrieges wegen „deutsch-feindlichem Denken" inhaftiert und kehrte aus dem Zuchthaus als gebrochener Mann zurück

    „Sie nannten den Kühnen einen Revolutionär ..."

    Der linkskatholische Pazifist und Heimatforscher Josef Rüther (1881-1972) gehörte in der Weimarer Republik zu den frühesten Warnrufern, die die Gefahr von rechts erkannten

    Engagement in der Sauerländer Heimatbewegung

    Wegbereiter des Friedensbundes deutscher Katholiken im Sauerland

    Wider den neuheidnischen Abfall vom Christentum

    Verfolgung durch die Nationalsozialisten und Nachkriegszeit

    Heinrich Thöne (1895-1946)

    Ein katholischer Geistlicher im Kampf um Frieden, Völkerverständigung und gegen reaktionär-restaurative Kräfte im Eichsfeld in der Weimarer Republik

    Von Paul Lauerwald

    Vorbemerkung

    Wer war Heinrich Thöne?

    Heinrich Thöne und seine Auseinandersetzungen mit dem Jungdeutschen Orden

    Heinrich Thöne und die Friedensbewegung

    Der weitere Weg von Heinrich Thöne

    „Im neuen Deutschland haben Männer von solchem Schlag keinen Platz mehr"

    Der Hüstener Bürgermeister Dr. Rudolf Gunst (1883-1965) wirkte für den Friedensbund deutscher Katholiken und galt den Nationalsozialisten schon lange vor 1933 als Feind

    Von Karl Föster

    Ein Leutnant hört die Friedensnote von Papst Benedikt XV.

    „Einer der letzten Kavaliere der alten Schule"?

    Einsatz für den „Friedensbund deutscher Katholiken"

    Ein von den Nationalsozialisten besonders gehasster Mann

    Öffentliches Wirken nach Ende des zweiten Weltkrieges

    Textdokumentation: Zwei Briefzeugnisse des Jahres 1922 zum Antisemitismus des Hüstener Vikars Dr. Lorenz Pieper

    „Fern sei uns der Geist des Völkerhasses und der Rache"

    Der Journalist Franz Geuecke (1887-1942) aus Bracht kam als Gegner des Nationalsozialismus im KZ Groß-Rosen um

    Von Peter Bürger

    Studium und Berufsweg als katholischer Redakteur

    Separatisten-Konflikt, nicht nur in Wiesbaden

    Sauerländische Friedenskultur statt Kriegerkult

    Tödliche Verfolgung durch die Nationalsozialisten

    Textdokumentation A: „Die Krise in der Zentrumspartei" von Dr. F. Geue[c]ke (1920)

    Textdokumentation B: Geueckes Mundartskizze „Noverskops" (1931), mit Übersetzung

    „Wachsender Seelenraum – das Geheimnis des Reisens"

    Der Sauerländer Hubert Tigges (1895-1971), pazifistischer Quickborner, Anwalt der europäischen Idee und sehr erfolgreicher Reiseunternehmer

    Soldat im ersten Weltkrieg – Visionär eines geeinten Europa

    Student und Volkshochschul-Dozent

    Von den Gruppenfahrten zum Reiseunternehmen

    Neuanfang nach dem zweiten Weltkrieg

    Textdokumentation: Festreden über Gruppenfahrten (1936/1937)

    „Wer jetzig Zeiten leben will, muss haben ein tapferes Herze"

    Junge Katholiken verweigerten die Anpassung, gerieten in die Hände der Gestapo und verloren in vielen Fällen ihr Leben als Soldaten in einem verbrecherischen Krieg

    Verhaftungswelle im Herbst 1941

    Die Folgen: Schulverweise, Arbeitsplatzverlust und früher Kriegstod

    Die Namen: Katholische Jugend in Gestapo-Haft

    Textdokumentation: „Der Bischof kann da auch nichts machen ..."

    „Diesen Krieg haben verursacht die Partei, der Militarismus und ein großer Teil der Industriellen"

    Der Volksgerichtshof verurteilte Pfarrer Peter Grebe (1896-1962) aus dem Kreis Olpe am 16.11.1944 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tod ...

    Ein Staatsfeind im Priesterrock mit Offiziersrang und drei Kriegsorden

    Textdokumentation: KPD-Zeitung 1949 zum Verfahren gegen die Denunzianten von Peter Grebe

    „Also lebt wohl, und in der Ewigkeit sehen wir uns wieder"

    Der Bauer Josef Hufnagel (1903-1944) aus Dünschede wurde wegen „Hören von Feindsendern" denunziert und nach kurzem Prozess hingerichtet

    Von Werner Saure

    Im Zuchthaus Brandenburg-Görden

    Keine Sühne

    „Wat wohr is, draff me ok sien"

    „Alle Menschen stammen von Adam und Eva ab"

    Katholische Sauerländer, Antisemiten und „Judenfreunde"

    Von Peter Bürger

    „Artvergessene Erbhofbauern" am Pranger

    Manche Sauerländer ließen sich durch die Propaganda nicht einschüchtern

    Unangepasste Seelsorger und Gläubige: „Das Heil kommt von den Juden"

    Sauerländische Juristen verteidigen die Geltung des Rechts

    Die Geschichte des Neheimers Johann Ulrich (1899-1967)

    Literatur (mit Kurztiteln)

    „Da hat keiner gehungert und gefroren ..."

    Der Esloher Fabrikant Eberhard Koenig (1908-1981) beschäftigte während des 2. Weltkrieges Zwangsarbeiter in seinem Rüstungsbetrieb und galt noch lange nach 1945 als ein „Freund der Russen"

    Von Peter Bürger

    Lagerkomplex, „Russenküche", Krankensorge und Schule

    Schnapsbrennerei und Musikkapelle in den Zwangsarbeiterbarracken

    Der Fabrikant als „Arbeiterführer" unter der Sowjetfahne

    Unternehmer, unverheirateter Einzelgänger und Wohltäter

    „In den Augen Gottes gibt es weder Engländer noch Deutsche noch Franzosen"

    Franz Stock (1904-1948) – „Seelsorger in der Hölle" und Botschafter des universellen Friedens unter den Völkern

    Der Neheimer Arbeitersohn entscheidet sich für das Priestertum

    Ein „Erzengel" auf der Hinrichtungsstätte

    Das „Stacheldrahtseminar"

    Gedenken an Abbé Franz Stock

    Günther Keine: Die friedenspolitische und kirchenpolitische Dimension des Wirkens von Franz Stock

    „Ein Steppenwolf, der extrem gefährliche Unternehmungen machte"

    Nach seiner Ausweisung aus Deutschland wurde der Olper Redakteur und Heimatdichter Carlo Travaglini bewaffneter Partisanenkämpfer in Italien

    Von Peter Bürger

    Heimatbewegtes Forschen und Schreiben im Kreis Olpe

    Eine Wilddiebgeschichte im Roman „Die Heiderhofs"

    Ein „judenfreundliches Werk"?

    Hetzkampagne der NSDAP Olpe und Ausweisung

    Dokumentenfälschung: Travaglini als „Mailänder Oscar Schindler"

    Frühe Aktivitäten im gewaltsamen Widerstand und Todesurteil

    Die Dokumentenfälschung fliegt auf – Anschluss an die Partisanen

    Winter 1944: Rückkehr nach Mailand

    Kriegsende: Ein Mann, der in keine Schublade passte

    „Ein guter Mensch, der alle Menschen achtete"

    Der Sauerländer Gabriel Stern (1913-1983) war schon vor der Gründung des Staates Israel ein Pionier der Verständigung zwischen Juden und Arabern

    Ein Kind alteingesessener Sauerländer wird Zionist

    Im Kreis friedensbewegter Zionisten – Mitarbeiter Martin Bubers

    Journalist bei der linken Zeitung „Al Ha-Mischmar"

    Textdokumentation: „Onkel Alex aus Beckum"

    Exkurs: Judentum und Pazifismus

    Eine Spurenlese gegen den Strich – zugleich ein Beitrag zum jüdisch-christlichen Dialog unter friedensbewegtem Vorzeichen

    Von Peter Bürger

    Dialog: Einander die Bedürftigkeit offenlegen

    Pioniere der deutschen Friedensbewegung im 19. Jahrhundert

    Pazifisten aus jüdischen Elternhäusern im Bannkreis des ersten Weltkrieges

    Interkonfessionelle Zusammenarbeit gegen Ende der Weimarer Republik

    Die Nazi-Sichtweise: „Pazifismus als Handlanger des Judentums"

    Jüdische Friedens-Theologie und Pazifismus im Zionismus

    „Brit Schalom und Martin Bubers „hebräischer Humanismus

    Hannah Arendt über nationalreligiöse Ideologisierung

    Prälat Josef Kayser (1895-1993)

    Deutsche Geschichte im Spiegel eines bewegten Lebens

    Von Erika Richter

    Der Lagerkaplan

    Der Divisionspfarrer

    Der Anstaltsgeistliche

    Textdokumentation: „Der tote Pfarrer Kayser spricht: Moskau, den 20. November 1943"

    Ergänzende Literatur- und Archivhinweise

    „Hier waren noch sehr viele andere Mütter, die alle auf die kleinen Erdenbürger warteten"

    Die letzten Wochen des zweiten Weltkriegs im Sauerland. Aufzeichnungen von Else Lindemann (1913-1958) aus Essen-Werden

    Eingeleitet von Ilse Eberhardt, geb. Lindemann

    Zum Hintergrund der Tagebuch-Aufzeichnungen

    Auszüge aus dem Tagebuch meiner Mutter Else Lindemann, Januar bis Juni 1945

    „Kein Deutscher darf jemals wieder ein Gewehr tragen"

    Der katholische Publizist Georg D. Heidingsfelder (1899-1967) wurde wegen seiner Ablehnung der Wiederbewaffnung in der Adenauer-Republik zum brotlosen Nonkonformisten

    „Waren Sie gegen die Nazis? – „Ein wenig, Herr Leutnant.

    „Bürger des Niemandslandes"

    Erinnerung an Adenauers Votum für ein neutrales Deutschland ohne Kriegsindustrie

    „Für den Frieden beten, aber man muss auch was tun"

    Die Meschederin Irmgard Rode (1911-1989) war eine streitbare katholische Pazifistin – und eine „Legende der Menschlichkeit"

    Karl Föster (1915-2010), pax christi-Pionier im Sauerland

    Ansprache zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 6. November 2006

    Von Wolfgang Regeniter

    „Versagt euch ihnen, sagt NEIN!"

    Theo Köhren (1917-2004) aus Warstein gehörte bei der NS-Machtübernahme zu den friedensbewegten „Kreuzfahrern" und nahm 1948 an der pax christi-Gründung in Kevelaer teil

    Theo Köhren: Erinnerungen eines alten Sturmschärlers an NS- und Kriegszeit

    Theo Köhren: Der Tag des Friedens (pax christi-Gründung 1948)

    Plattduitske Priäke – Altenwarstein 2015:

    „Sierwentig Jaohre naoh me twiären Wiältkruige"

    Van Joachim Wrede ofm cap

    Zu den Autorinnen und Autoren

    Geleitwort

    Von Reinhard J. Voß

    Der vorliegende Band ist Teil eines Forschungs- und Publikationsprojektes „Friedenslandschaft Sauerland. Die eigene Heimat als „Friedenslandschaft bezeichnen zu dürfen, tut ihr alle Ehre an. Diese Berggegend – zwischen Rhein und Weser, zwischen Ruhr und Rothaarkamm – war allzu lange als „Sauer-Land", als ein Synonym für Rückständigkeit und Verschlafenheit sowie für das Abgehängtsein von der sich entwickelnden Moderne verschrien. Aber das hat sich grundlegend geändert, und zwar im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunächst durch den wachsenden, ja explodierenden Tourismus, besonders aus den Niederlanden, dem Ruhrgebiet und Norddeutschland. Heute lebt das Sauerland im Sommer und im Winter zu großen Teilen vom Tourismus, der traditionelle Landwirtschaft und Kleinindustrie ergänzt oder auch ersetzt hat.

    Nun zeigt uns seit Jahren Peter Bürger aus Düsseldorf, selbst geboren im sauerländischen Eslohe und Bearbeiter des Christine-Koch-Mundartarchivs am dortigen DampfLandLeute-Museum, wie in diesem Landstrich die Widerständigkeit gegen das „Dritte Reich" entstand: neben dem inneren und religiösen auch der politische Widerstand – oftmals mit friedensbewegtem Hintergrund. Gerade den ersteren kennt man als Sauerländer durchaus – wie auch ich persönlich aus meiner alteingesessenen Familie in Lenne an der Lenne; aber man kannte kaum Kriegsdienstverweigerung oder Emigration aus politischen Gründen. Die letzte Emigrationswelle nach Amerika passierte zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund der großen ökonomischen Not.

    Man kannte oder anerkannte bisher also kaum den dortigen politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus; bei der überwiegend katholischen Bevölkerung dieser Gegend war man durchaus sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber den Aktivitäten der Nazis an der Basis; es gab Distanz zur Hitlerjugend und zum BDM (Bund Deutscher Mädchen). Ich erinnere mich, dass meine Mutter es meiner Oma übel nahm, dass diese ihr das Mitmachen beim BDM verboten hatte. Die Vernichtung bzw. Gleichschaltung der heimischen (meist katholischen) Verbände hatte die Ablehnung erhöht; nur der Pakt der Nazis mit dem Vatikan schien die Loyalität notdürftig zu sichern. Walter Dirks erzählte mir einmal in seinen letzten Jahren bei Freiburg, dass er – selbst Dortmunder, aber Sauerlandliebhaber – in der Nazizeit bei aller Ablehnung des Regimes sich in den Kirchenbänken der katholischen Kirche wohl und geerdet gefühlt habe.

    Dieser Einheit von innerer Emigration und politischem Widerstand geht Peter Bürger nach, indem er sukzessive mit seinen Veröffentlichungen zum Thema „Friedenslandschaft Sauerland" ein voluminös-fleißiges Werk vorlegt und damit viele Schleier lüftet – 70 Jahre nach Kriegsende.

    In einer Einführung stellt Peter Bürger schon den zuerst erschienenen Buchband „Friedenslandschaft Sauerland"¹ in den politisch-ethischen Zusammenhang des Jahres 2015, indem er die neue hemmungslose Kriegstreiberei weltweit anprangert, aber dieser „allgegenwärtigen Militarisierung auch den jesuanischen Ansatz der „glücklichen Friedensstifter entgegen hält. Heimatverbundenheit und Friedens-Engagement gehören für ihn zusammen.

    Dr. Reinhard J. Voß (geb. 1949) stammt aus einer Bauernfamilie in Lenne (Kreis Olpe) und war von 2001 bis 2008 Generalsekretär der deutschen Sektion der Internationalen katholischen Friedensbewegung pax christi.


    ¹ Bürger, Peter: Friedenslandschaft Sauerland. Antimilitarismus und Pazifismus in einer katholischen Region. Norderstedt: BoD 2016, S. 7-11.

    I.

    Vorbemerkungen zu diesem Buch

    Glücklich die Friedensarbeiter, denn sie werden

    Söhne und Töchter Gottes heißen.

    (Matthäus-Evangelium 5,9)

    Unser Gemeinwesen nimmt seinen Ausgang bei einem Fundamentalsatz, der wenigstens von Zeit zu Zeit eine Erschütterung in uns bewirken müsste: „Die Würde des Menschen ist unantastbar." Mit diesem Fundamentalsatz sind einige Selbstverständlichkeiten verbunden. Dazu gehört es z.B., Drahtzieher und Kollaborateure des deutschen Faschismus, Rassisten jeglicher Richtung oder Handlanger der verbrecherischen Kriegsapparatur im öffentlichen Raum nicht gedankenlos als „Vorbilder auszuweisen. Wo etwa im Rahmen der Straßennamendebatte mit Hilfe historischer Aufklärungsarbeit vergangene Fehler „wieder gutgemacht werden, tun wir nur unsere minimale Pflicht und Schuldigkeit. Auch wenn es im Zuge der erschreckenden Rechtstendenzen in der Gesellschaft hierbei Gegenwind gibt – bis hin zu hasserfüllten Reaktionen, brauchen Demokraten nicht viel Aufhebens darum zu machen. Wehleidigkeit ist dieser Tage nicht angesagt. Gefragt sind Selbstbewusstsein und Streitbarkeit überall da, wo das Fundament der Würde jedes einzelnen Menschen keine Geltung mehr haben soll. Denn die Demokratie ist keine Naturtatsache und auch nicht nur ein rein formales Politikprinzip. Sie muss in jeder Generation erstritten, gestaltet und gewissermaßen sogar neu erfunden werden. Die Revision unhaltbarer Geschichtsbilder (Straßennamendebatte u.v.a.) und die Abwehr jeder Form von Menschenverachtung gehören aber eben für Demokraten in den Bereich des Selbstverständlichen – oder sollten es zumindest.

    Der Fundamentalsatz unserer Verfassung erschöpft sich mitnichten darin, eine Schutzmauer wider den Abgrund aufzurichten. Sein Verständnis setzt vielmehr die Freude am eigenen und gemeinsamen Menschsein voraus. Diese Freude also gilt es zu mehren. Führt unsere Bedürftigkeit zwangsläufig dazu, dass wir bestechlich werden? Oder eröffnet sich in ihr eine Ahnung davon, wie schön der Mensch sein könnte? Wir fangen nicht beim Nullpunkt an. Viele Liebhaber der Menschen und des Menschseins – Frauen und Männer – sind uns als Lehrer, Vor-Bilder oder Bei-Spiele vorausgegangen. Wer die Tuchfühlung mit ihnen sucht, kommt nicht zu spät. Zu spät kommt, wer nur verteidigt oder abwehrt. Zur richtigen Zeit macht sich auf den Weg, wer das „Herz der Menschlichkeit sucht und aufsucht. Eine solche Suche führt stets zu Menschen, auch zu Menschen, die schon lange nicht mehr auf der Erde weilen. Die Sache ist ungleich bedeutsamer als etwa die Entzauberung faschistoider Idole, wie sie unter anderem eben auch in der Straßennamendebatte geschieht (und geschehen muss): „Mensch wird man durch andere Menschen.

    Es geht also um Nähe. Auch die räumliche Nähe kann hierbei eine Hilfe sein. Junge Leute sind offen, wenn wir von nahen Menschengeschichten und von überzeugenden Vorbildern aus der Geschichte des heimatlichen Raums erzählen. Es zeigt sich ein neues Bedürfnis nach sogenannter „regionaler Identität. Das kann leicht zu einer Zunahme des Aggressiven und Hässlichen führen. Wenn keiner da ist, der „aus der Nähe etwas zu erzählen weiß, das zu mehr Weite und Schönheit inspiriert, wird es sogar zwangsläufig zur Wiederkehr eines hässlichen ‚Regionalismus‘ mit Phrasen aus der Stammesideologie kommen. Für alle humanistischen ‚Heimatpatrioten‘, die das bekümmert, soll das Projekt „Friedenslandschaft Sauerland" Materialien und Anregungen bereitstellen. Ich würde gerne von „Dienstleistungen" sprechen, wenn das Wort in den letzten Jahrzehnten nicht so missbraucht worden wäre.

    Die Internetveröffentlichungen unter der Leitüberschrift „Friedenslandschaft Sauerland" (www.sauerlandmundart.de) werden gegenwärtig überarbeitet und als Buchreihe ediert.² Der Werkstattcharakter des Unternehmens bleibt hierbei erhalten. Die Leser finden in den Büchern den kurzen ‚Essay‘³ und auch den wissenschaftlichen Aufsatz, die Dokumentation von Quellen oder älteren Arbeiten, Einblicke in neue Forschungen und ebenso den ‚Exkurs‘. Die Neugierigen können sich einen Überblick verschaffen oder entlang des Inhaltsverzeichnisses bewusst auswählen. Die Forschenden sollen die Fußnoten nicht vermissen, die solide Belege und Weiterführendes erschließen. Der hier vorliegende Band ist der erste von zwei bislang geplanten Teilen einer Sammlung zu „Friedensarbeitern, Antifaschisten und Märtyrern des kurkölnischen Sauerlandes". Das besondere – aber nicht ausschließliche – Augenmerk gilt darin den Friedensboten. Allen, die etwas beigesteuert oder eine Abdruckerlaubnis erteilt haben, sei herzlichst gedankt.

    Als Herausgeber und Autor mit einer sehr „katholisch" geprägten Sauerland-Identität bearbeite ich zwangsläufig nur einen begrenzten Ausschnitt jenes Spektrums, das zum Verständnis des ersten Artikels unserer Verfassung etwas beizutragen vermag. Als Christ bin ich dem Judentum und auch dem Islam geschwisterlich verbunden. Als katholischer Sozialist pflege ich treue Anhänglichkeit an Gefährten meiner ‚christdemokratischen Jugendjahre‘ und bin offen für das Gespräch mit jedem Konservativen, der diesen Namen verdient. Mit allen Sachwaltern einer glaubwürdigen Sozialdemokratie, die sich von der Kapitalismuskritik des gegenwärtigen Papstes berühren lassen, fühle ich mich unabhängig von jeglichem religiösen Bekenntnis verbunden. Schließlich könnte ich nicht sagen, wie eine offene Gesellschaft ohne das Ideal des Liberalismus zu denken wäre – vorausgesetzt, dieses Ideal ist nicht schon mit dem Programm eines aggressiven Wirtschaftens vertauscht worden. Schwer fällt es mir allerdings, Brücken zu bauen zu jenen Mitmenschen, die noch immer der militärischen Heilslehre und dem Märchen von menschenfreundlichen Kriegseinsätzen Glauben schenken.

    Diese persönlichen Bekenntnisse mögen manchen Leserinnen und Lesern den Eros einer lagerübergreifenden Freundschaft von Demokraten in Erinnerung rufen. Ohne diesen Eros wäre es schlecht bestellt um unser Gemeinwesen. Dass der hier vorgelegte Band mit Beiträgen über historische Gestalten und Geschichten aus – vermeintlich – vergangenen Zeiten keineswegs dem Geschäft der Staubwedelei nachgeht, braucht jetzt nicht mehr wortreich erläutert werden.

    Düsseldorf, im November 2016 Peter Bürger


    ² Bislang liegen vor: Bürger, Peter: Friedenslandschaft Sauerland. Antimilitarismus und Pazifismus in einer katholischen Region. Norderstedt: BoD 2016; Bürger, Peter (Hg.): Irmgard Rode (1911-1989). Dokumentation über eine Linkskatholikin und Pazifistin des Sauerlandes. Norderstedt: BoD 2016; Bürger, Peter / Hahnwald, Jens / Heidingsfelder, Georg D.: Sühnekreuz Meschede. Die Massenmorde an sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern im Sauerland während der Endphase des 2. Weltkrieges und die Geschichte eines schwierigen Gedenkens. Norderstedt: BoD 2016.

    ³ Nicht wenige Beiträge aus meiner eigenen Werkstatt basieren auf einer Reihe mit ‚Porträts‘ für das Landwirtschaftliche Wochenblatt Westfalen-Lippe und zielen auch in sprachlicher Hinsicht nicht auf ein wissenschaftliches Fachpublikum. – Beiträge, in denen ich im Wesentlichen nur die Arbeit eines einzigen Forschenden referiere bzw. zusammenfasse, sind im Inhaltsverzeichnis nicht mit Verfassernamen gekennzeichnet.

    II.

    Rektor Ferdinand Wagener (1871-1931)

    als Seelsorger im

    Kriegsgefangenenlager

    Meschede 1914-1919

    Von Werner Neuhaus

    [Zur Erläuterung: Das Kriegsgefangenenlager Meschede wurde im Herbst und Winter 1915/15 unter Federführung des Stellvertretenden Generalkommandos des XVIII. Armeekorps in Frankfurt a. M. auf freiem Felde nördlich von Meschede errichtet. Dort wurden im Verlauf des Ersten Weltkrieges zunächst hauptsächlich bis zu 11.000 französische Kriegsgefangene, im Winter 1916/17 ca. 8.000 belgische Zwangsarbeiter und 1917/18 in erster Linie italienische Kriegsgefangene untergebracht. Hinzu kamen bei ständig wechselnden Belegschaftszahlen britische und russisch-polnische Kriegsgefangene. Gemeinsam war allen Nationalitäten, dass die in Meschede registrierten Gefangenen auf hunderte von Arbeitskommandos in der gesamten Region verteilt wurden, wo sie in Industriebetrieben und in der Landwirtschaft arbeiteten, untergebracht und versorgt wurden. Von 1915 bis 1919 wurden auf dem Mescheder Lagerfriedhof insgesamt 935 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter beerdigt.]

    Rektor Ferdinand Wagner (1871-1931),

    Mescheder Lagergeistlicher im 1. Weltkrieg

    Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.

    Dieses berühmte Diktum von Karl Marx trifft auch auf das Leben und Wirken Ferdinand Wageners (1871-1931), des Rektors der Höheren Stadtschule von Meschede und katholischen Seelsorgers im Kriegsgefangenenlager Meschede, zu.

    Zu den „überkommenen und vorgegebenen Bedingungen" seines Lebens gehörte zunächst unhinterfragt der Katholizismus, der durch den Bildungsgang des auf einem Bauernhof bei Röhrenspring geborenen Jungen am Gymnasium in Attendorn und dem Priesterseminar in Paderborn ein unerschütterliches Fundament bekam. Hinzu kam dann bei dem Priester und Lehrer nach dem Ende des preußischen Kulturkampfes eine nationalpatriotische Überzeugung, die besonders in den Jahren des Ersten Weltkrieges hervortrat. Dieser Nationalismus ermöglichte es dem katholischen Priester, sich als Lagerseelsorger – bei aller punktuellen Kritik – mit der auf preußischem Kriegsrecht und militärischer Kommandogewalt beruhenden Mescheder Lagerleitung und ihren vorgesetzten militärischen Behörden zu arrangieren. Dabei half ihm, dass er sogenannte preußische Tugenden wie Gehorsam, Ordnungsliebe und Pflichterfüllung als hohe Werte gleichsam internalisiert hatte und als unerlässlich für das Gedeihen von Staat, Kirche und Gesellschaft ansah.

    Wie aus seinen „Notizen" – einer Art Tagebuch, das er über die gesamte Kriegszeit hinweg trotz hoher Arbeitsbelastung gewissenhaft führte – hervorgeht, akzeptierte Wagener die militärische Kommandogewalt mit all ihren teilweise unmenschlichen Härten, die sie für seine Schutzbefohlenen im Lager und auf den auswärtigen Arbeitskommandos bedeutete. Andererseits zögerte er nicht, sich bei der Lagerkommandantur in Meschede, der Lagerinspektion beim Stellvertretenden Generalkommando in Frankfurt a. M. oder beim Bischof in Paderborn zu beschweren, wenn er seine Rechte als Seelsorger unangemessen beschnitten sah. In solchen Fällen konnte er ein sauerländer Dickschädel sein, der keinem Konflikt aus dem Wege ging, wenn es um das Seelenheil der ihm anvertrauten katholischen Kriegsgefangenen ging.

    Andererseits, und das brachte ihn häufig in Gewissensnöte, war er aufgrund seiner nationalistischen Überzeugung von der Gerechtigkeit der deutschen Sache im Weltkrieg überzeugt. In seinen Augen hatten die „Herren Alliierten den Krieg vom Zaun gebrochen, gegen geltendes Völkerrecht die Hungerblockade auf hoher See installiert, waren in Elsaß-Lothringen und Ostpreußen brutal gegen die deutsche Zivilbevölkerung vorgegangen und hatten deutsche und päpstliche Friedensinitiativen zum Misserfolg verdammt. Daher waren die Verwendung von Giftgas an der Westfront durch deutsche Truppen, die Zerstörungen, Erschießungen und Zwangsdeportationen in Belgien, der uneingeschränkte U-Bootkrieg und das Beharren auf einem „siegreichen Frieden für ihn nur deutsche Antworten auf vorher erfolgte Missetaten und Völkerrechtsbrüche der Feinde Deutschlands. In Predigten im Lager und Gesprächen mit ausländischen Priestern und Gefangenen verteidigte er Aspekte der deutschen Besatzungspolitik und die Härten der Zwangsarbeit bis zum Kriegsende ohne Wenn und Aber.

    Auf einer anderen Ebene liegen seine persönlichen Gefühle, so weit er diese seinem Tagebuch anvertraute. Hier finden sich im Laufe des Krieges immer öfter Eintragungen, die das Blutvergießen und Massenelend anprangerten und aus denen tiefes Mitleid mit der geschundenen menschlichen Kreatur und den unter Hunger, Kälte, Krankheiten und Knochenarbeit leidenden Gefangenen und Zwangsarbeitern sprach. Da steckte er auch mal einem hungrigen jungen Belgier, obwohl dieser ihm gegenüber auf dem Sakrileg der Verweigerung des Sakramentenempfangs bestand, ein Butterbrot zu, und er sorgte „auf dem kleinen Dienstweg" dafür, dass Kranke im Lazarett besseres Essen bekamen. Auch setzte er sich auf zahlreichen Inspektionsreisen zu auf über die gesamte Region verstreuten Arbeitskommandos schuftenden Zwangsarbeitern für eine Besserung von deren Lebens- und Arbeitsbedingungen ein.

    Dabei ist zu bedenken, dass Wagener nur im Nebenberuf Lagerseelsorger war, denn hauptamtlich war er seit 1912 Leiter der höheren Stadtschule in Meschede, und der Krieg bescherte ihm gerade in dieser Funktion riesige Probleme, da immer mehr Lehrer „zu den Fahnen gerufen" wurden und der Schulleiter sich z.B. selbst um die Zuteilung von Kohlen zur Heizung der Schule kümmern musste, um den Unterrichtsausfall nicht noch stärker anwachsen zu lassen. Als Hauptkritikpunkt an seiner Arbeit als Schulleiter wirkte sich jedoch seine Beanspruchung als Lagerseelsorger mit zahllosen Gesprächen mit der Lagerkommandantur, Beichten, Gottesdiensten, Predigten und Beerdigungen aus. Diese physische und psychische Doppelbelastung als Lagerseelsorger und Schulleiter führte dann im Winter 1916/17 zu einem ersten körperlichen Zusammenbruch, von dem er sich nur langsam erholte.

    Seinen Kritikern in Elternschaft und Stadtrat hielt er entgegen, dass sein Beharren auf schulischer Leistung auch der Kinder „besserer Kreise für die Kritik der Mescheder „Patrizier an seiner Arbeit verantwortlich sei. Überhaupt geißelte er in seinen Notizen besonders in der zweiten Kriegshälfte die zunehmende Herausbildung einer Zweiklassengesellschaft sowie Habgier und Protzerei der Kriegsgewinnler und Schieber in Meschede.

    Ähnliche Motive unterstellte er auch den meisten Mitgliedern des Soldatenrates, der am 11. November 1918 formal die Macht im Lager sowie in der Stadt und im Kreis Meschede übernahm, auch wenn Lagerkommandantur sowie Stadt- und Kreisverwaltung bestehen blieben und weiter arbeiteten. Im Soldatenrat waren in seinen Augen ‚Frankfurter Sozialisten‘ und ‚jüdische Zuhälter‘ tätig, die ihre „roten Lappen" aufzogen, Chaos verbreiteten, Inkompetenz und Korruption zu ungeahnter Blüte brachten und Stadt und Land in den Abgrund zu reißen drohten.

    Um dieses zu verhindern, ließ sich Rektor Wagener im Winter 1918/19 für das Zentrum als Kandidat für die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung aufstellen und agitierte besonders gegen die sozialistische „antichristliche" preußische Schulpolitik während der Revolutionszeit.

    Seine Arbeit als Lagerseelsorger endete im Februar 1919, und bei den Kommunalwahlen im März 1919 wurde er in den Mescheder Stadtrat gewählt. Er hatte seine Arbeit als Lagerseelsorger nicht aus „selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen Umständen getan, und unter den neuen „gegebenen Umständen wandelte er sich vom monarchistischen Nationalisten zum Vernunftrepublikaner. Sein Beharren auf den überlieferten Traditionen des katholischen Glaubens blieb dagegen auch in Weltkrieg und Revolution eine unverrückbare Konstante im Leben und Wirken Ferdinand Wageners.

    Die hier gemachten Ausführungen beruhen auf meinem Aufsatz „Die ‚Notizen‘ des Gefangenenseelsorgers Ferdinand Wagener als kulturgeschichtliche Quelle für die Geschichte des Gefangenenlagers und der Stadt Meschede 1914-1919", der im SüdWestfalenArchiv 16 (2016 [2017]) veröffentlicht wird. Dort finden sich auch die Belege für das oben Gesagte.

    „Grausige, aber lehrreiche Zahlen"

    Nach dem 1. Weltkrieg erschien in einer sauerländischen Zeitung folgender Text („Grausige, aber lehrreiche Zahlen), der in einem alten Exemplar des „Fotobandes zum Mescheder Kriegsgefangenenlager aus dem Archiv von Hans-Peter Grumpeeingeklebt ist:

    „Der Weltkrieg dauerte 4 Jahre, 3 Monate und 10 Tage = 1.560 Tage. Es blieben tot im Felde 12.990.570 blühende Menschenleben. Jeden Tag fielen im Durchschnitt 8.327, in jeder Minute 6 Männer. Ebenso oft ging ins Hinterland das inhaltsschwere Wörtchen „Gefallen, dort unsägliches Leid, Ströme von Tränen erzeugend. Sämtliches Eisenbahnrollmaterial Preußens würde nicht ausreichen, allein die losgetrennten Köpfe der Gefallenen zu transportieren. Würden die Köpfe der Getöteten in einen Eisenbahnzug verpackt, so daß dieser ganz gefüllt wäre, so würde der Zug vom Hauptbahnhof Berlin bis zum Bahnhof München reichen. Das Blut der Gefallenen hat 52 Millionen Liter betragen, eine rätselhafte Menge, die der ungeheuren Wassermenge des Niagarafalles für einen Tag gleichkommt. Würden die Leichen Kopf an Kopf, Fußende an Fußende liegen, so ergäbe sich eine Strecke von 16.000 km, d.i. mehr als 35mal von Meschede bis Berlin. – Verwundet wurden rund 20 Millionen. Etwa 10 Millionen davon sind heute Invaliden. Der Krieg gab Deutschland allein 2.900 vollkommen Erblindete, 5.400 Geisteskranke, 44.357 Krüppel mit einem Bein, 20.952 Krüppel mit einem Arm, 1.269 Krüppel ganz ohne Beine, 135 ohne beide Arme. – Die direkten täglichen Kosten des Krieges betrugen 758 Millionen Goldmark, insgesamt 1,37 Billionen = 1/9 des Gesamtvermögens der Erde. Man hätte für diese gewaltige Summe jeder Familie in Deutschland, Oesterreich, Rußland, Belgien, Frankreich, England, Italien, den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Kanada und Australien ein Haus im Werte von 10.000 Goldmark mit einer Einrichtung im Werte von 4.000 Goldmark und einen Garten im Werte von 2.000 Goldmark beschaffen können. Die Tötung jedes Kriegers kostete über 100.000 Goldmark.

    Westfälische Friedensmahnung aus dem Jahr 1909

    „Es gibt viele Leute in Deutschland, die zwar die furchtbaren Rüstungsausgaben beklagen, aber darin gleichsam eine Versicherungsprämie gegen den Krieg sehen. Liegt die Gefahr nicht allzu nahe, dass, wenn man Milliarden jährlich für ein gutes Werkzeug ausgibt, man auch dazu neigt, im gegebenen Falle davon Gebrauch zu machen? Niemals ist in Europa und außerhalb von Europa mehr gerüstet worden wie im letzten Jahrzehnt. Und das Resultat? Eine ständige Spannung."

    WALTHER SCHÜCKING (1875–1935), Völkerrechtler und Politiker aus Westfalen, 1909 in seiner Schrift „Die Organisation der Welt"


    ⁴ Quelle: http://www.hpgrumpe.de Vgl. im Internet auch folgende, z.T. jetzt überholte Darstellung: Bürger, Peter: „Eine Stadt neben der Stadt". Über 25.000 Menschen waren während des 1. Weltkrieges zeitweilig im Kriegsgefangenenlager Meschede interniert. Als Gefangenenseelsorger ging Rektor Ferdinand Wagener (1871-1931) bis an seine Grenzen. In: Friedenslandschaft Sauerland – Beiträge zur Geschichte von Pazifismus und Antimilitarismus in einer katholischen Region. = daunlots. internetbeiträge des christine-kochmundartarchivs am museum eslohe. nr. 77. Eslohe 2015. www.sauerlandmundart.de, S. 209-214.

    ⁵ Zitiert nach Strodrees, Gisbert: Ein Vordenker des Friedens. Aus Westfalen auf das internationale Parkett: Das Leben des Völkerrechtlers und Politikers Walther Schücking (1875–1935). In: Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben Nr. 52-53 / 2015, S. 122.

    III.

    Der Borberg – Berg des Friedens

    Ein sauerländisches ‚Heiligtum für den Frieden‘

    Die Kapelle auf dem Borberg sollte sein „ein Dank für die Beendigung des Krieges 1914-1918 und „eine steinerne Bitte um Frieden⁶. Ursprünglicher Ideengeber für den Bau einer Friedenskapelle zwischen Brilon und Olsberg ist mit großer Wahrscheinlichkeit – trotz einiger anderslautenden Chroniknotizen – Josef Rüther (1881-1972) gewesen, der jedenfalls zu den „entschiedensten Verfechtern dieses Plans gehörte: „Im Dezember 1923 hatte der Vorstand des Sauerländer Heimatbundes (SHB), zu dem auch Rüther gehörte, in Wennemen einen entsprechenden Entschluß gefaßt, der im Herbst [24. Oktober] 1924 zur Grundsteinlegung führte. Als Standort war eine Terrasse des Borbergs ausgesucht worden, auf der früher zunächst eine fränkische Burg und schließlich ein Kloster gestanden hatten. Das Ereignis wurde als ‚Volksfest edelster Art, ohne Alkohol‘ gefeiert. Die Urkunde, die dreifach miteingemauert wurde (in lateinischer, hochdeutscher und plattdeutscher Sprache), enthielt unter anderem folgenden Satz: >Die Kapelle, die der ;Königin des Friedens‘ geweiht werde, soll sein ein Haus des Friedens mitten im Frieden des Waldes, ein Zeichen des Widerspruchs gegen den Unfrieden der Zeit, gegen den Völker-, Partei- und Standeshaß.< Bei der Namensgebung für die Kapelle knüpfte der SHB an die Friedensbemühungen des Papstes 1917 an, als die ‚Königin des Friedens‘ als weitere Anruferin in die Lauretanische Litanei aufgenommen worden war.⁷ Die festliche Einweihung erfolgte unter Teilnahme von etwa dreitausend Bewohnern der Umgebung am Christi-Himmelfahrts-Tag (21. Mai) 1925.

    Die Borberg-Kapelle wurde in der Folgezeit ein – weit über die Grenzen des Sauerlandes hinaus bedeutsamer – Begegnungsort für die katholische Friedensbewegung in der Weimarer Republik. Fast 1.000 Menschen nahmen z.B. im September 1926 – kurz nach dem Beitritt Deutschlands zum Völkerbund – teil an einer Friedenskundgebung auf dem Borberg mit Prinz Max von Sachsen, dem Ehrenvorsitzenden des Friedensbundes deutscher Katholiken. Ein Höhepunkt der westfälischen FdK-Arbeit wurde der legendäre Borberg-Friedensgipfel mit französischen Gästen und wiederum etwa 1.500 Besuchern – sowie Pflanzung einer Friedenseiche – am Sonntag, den 13. September 1931⁸. Die Nationalsozialisten, die den Borberg übrigens in ihrem Sinne zur „altgermanischen Thingstätte" umdeuteten, versuchten den Ablauf dieser Veranstaltung zu torpedieren.

    Die in dieser dokumentarischen Abteilung versammelten Beiträge erschließen unterschiedliche Zugänge zur Geschichte des sauerländischen „Friedensheiligtums auf dem Borberg, die von Anfang an auch ein Ringen um Deutung und Bedeutung gewesen ist. Genau besehen zieht sich dieses Ringen bis in die jüngste Vergangenheit hinein. Auf einmal taucht für den „Berg des Friedens der neue Name „Europa-Berg"⁹ auf. Damit wird der katholische – universale – Friedensgedanke eingeengt auf einen wirtschaftlichen starken und hochgerüsteten Machtblock des Erdkreises, der im Inneren ein erhebliches soziales Gefälle bis hin zu existenzbedrohender Armut aufweist und an dessen militärisch abgeschotteten Grenzen die Armen eines anderen Kontinentes zu Tausenden im Meer ertrinken. Die internationale katholische Friedensbewegung pax christi steht in einer weltkirchlichen Tradition, der schon die maßgeblichen Initiatoren des Kapellenbaus auf dem Borberg verbunden gewesen sind. Auf dem Berg erinnert seit 1965 ein besonderes Friedenskreuz an das vom ‚Friedenspapst‘ Johannes XXIII. einberufene Konzil: Frieden auf Erden! Dem Eurozentrismus, dessen Ende in der römischkatholischen Weltkirche mit dem Pontifikat von Franziskus eingeläutet worden ist, wird man aus dieser – auf das Ganze der Menschenfamilie schauenden – Tradition heraus heute den überlieferten Namen „Borberg – Friedensberg" entgegenhalten. Lokale Zeichen wider eine globale „Kultur der Gleichgültigkeit" tun Not.

    Ist aber in diesem Zusammenhang auch die Weihe der Borbergkapelle an die ‚Königin des Friedens‘ noch zeitgemäß? Im April 2016 durfte ich als ein Vertreter der deutschen pax christi-Sektion am Kongress „Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit und Frieden" der Internationalen katholischen Friedensbewegung und der päpstlichen Kommission ;Justitia et Pax‘ in Rom teilnehmen. Der philippinische Bischof Antonio Ledesma SJ (Erzdiözese Cagayan de Oro) hat mir dort erzählt, in seinem Land würden Katholiken und – unter Bezugnahme auf den Koran – Muslime gemeinsam Maria als Botschafterin oder Prophetin des Friedens betrachten. Die Weihewidmung der Friedenskapelle des Sauerlandes aus dem Jahr 1925 ist also alles andere als ‚provinziell‘.

    Für weitere Erkundungen kann auch die Bibliographie hilfreich sein, die diese Abteilung beschließt. Nicht berücksichtigt habe ich im Folgenden umfangreichere hoch- und plattdeutsche Manuskripte zum Borberg aus dem Nachlaß des Olsberger Heimatdichters Aloys Sallinger¹⁰ (1919-1967). In ihnen dominiert ein lokalpatriotischer, bisweilen sehr bigotter Zugang. Die gut dokumentierten überregionalen Bezüge der Geschichte der Borbergkapelle sowie der Friedensgedanke spielen dagegen in den nach zwei Weltkriegen verfassten Texten so gut wie keine Rolle.

    P.B.

    1.

    Spendenaufruf:

    Die Friedenskapelle auf dem Borberge (1924)¹¹

    Es ist heute eigentlich keine Zeit mehr, Feld- und Waldkapellen neu zu bauen. Man hat soviel Geld nötig für die allsonntäglichen Ausflüge und Feste, für hundert gesellige Vereine und Vereinchen, für seinen abendlichen Schoppen, für eine neue Schützenhalle usw., und so kann man die alten Kapellen und Feldkreuze nicht einmal vor dem Verfalle schützen. Trotzdem wollen die Ortsgruppen des S.H.B. [Sauerländer Heimatbundes] in der Nachbarschaft des Borberges im Vereine mit den kirchlichen Vereinen eine Waldkapelle auf dem Borberge bauen, zu der schon zahlreiche Scherflein gegeben sind.

    Eine Friedenskapelle soll es sein; denn sie soll der Friedenskönigin geweiht sein, soll ein Mittelpunkt für die Vereine der umliegenden Ortschaften sein und so die Gemeinschaft fördern; sie soll eine dauernde Bitte um Frieden in Vaterland, Heimat, Häusern und Herzen sein, aber auch ein Protest gegen die friedlose Gegenwart, in welcher Völkerhaß, Parteihaß, Ständehaß und alle anderen Söhne des Zeitgeistes Materialismus auch unser Volk verwüsten; sie soll auch eine Erinnerung sein an die lieben Heimatgenossen, die im Kampfe um den Frieden der Heimat ihr Leben ließen; sie soll endlich inmitten des heimischen Waldfriedens ein steinerner Dank sein für die Schönheit, die Gott unserer Heimat so reichlich verlieh.

    Auf dem Borberg, zwischen Brilon, Olsberg und Elleringhausen, auf einer Klippe ins Land schauend und unschwer erreichbar für alle die umliegenden Ortschaften soll sie ihren Platz finden. An historischer Stätte, an der noch zerfallene Wälle von der einstigen Karolingischen Burg und Mauerreste von einem Kirchlein und einem wahrscheinlich dort einst befindlichen Nonnenklösterchen sprechen, und um die sich die Sage gerankt hat. Auf heiliger Stätte, von der einst das Christentum zuerst in die Umgegend gekommen zu sein scheint. Und so soll das Kapellchen Fäden mit der Vergangenheit wieder anknüpfen und die Erinnerung an sie wachhalten, aber auch das Gedenken an die friedlose und friedebedürftige Zeit, in der es erbaut wurde, forttragen zu den Nachkommen und ihnen sagen, daß auch in unserer Zeit des Materialismus, der Habsucht und Vergnügungssucht der Glaube und das Verlangen nach seinem Frieden noch nicht erstorben war.

    Wer zu diesem Denkmal des Friedens, dem Kapellchen der Friedenskönigin, eine Gabe spenden will, richte sie an die Kreissparkasse in Bigge auf das Konto „Baufond für die Borbergkapelle" (Postscheckk. Köln 115 576).

    2.

    Niu is use Kapelle inwigget (1925)¹²

    [Von Franz Hoffmeister]

    „Kingers, Wilm, gistern hef ik ne Dag hat, diän vergiät’ ik meyn Liäwen nit. Feyf Schützenfeste loot ik derfüär imme Dampe. Wilm, do hiäste fehlt!"

    „No, bät sall der dann wiäst seyn? Prohl, bät diu west; wat Schönderes ase ik hiäste sieker nit metmacht. Jiä, ik sin met dem Heimatbund oppem Borberge wiäst. „Diu auk oppem Borberge? Dät is jo grad meyn Gekuiere. Awwer me hiät dik jo gar nit te Gesichte kriegen!

    „Is dät en Wunder? Do was jo en Gekriemeltse ase imme Kramänzeltenhaupen. Un sau graut biste nit, dät me dik unger draidiusend Luien foorts riuter fingen könn."

    „Jo, awwer de Hälfte is doch äist no Middag kummen, bo vey dem Aulwersken Frauenbund seyn Fierdagsiäten all praiwet harren. Kingers ey Luie, harren dai en Iärftensöppken roort! Un en Stücke Mettwuarst! Wilm – briukest et meyner Frugge nit te seggen – biäter hiät et mey de äisten Dage no der Hochteyt auk nit schmacht."

    „Äist harr ik gar kännen Tüg doropper. Awwer ik genk no Fritz – hai was no’m Borberge – ik genk no Hendirk – do stonk auk Schmies Kätteken vüär der Düär. Et ganße Duarp was lieg, ments en paar Moihmekes humpeleren no der Kiärke – un ik saggte: No, etwas weste auk hewwen van dem schoinen Hiemelfohrtswiär, do hew ik mik sau imme Middage op de Stöcker macht."

    „Näi, Wilm, dann hiäste ’t Schoinste verpasset. Diu wäißt, ik goh all mol geren in de Froihmisse, weylank mey’t Haugamt te lange duurt, awwer düse Haumisse do uawen – ik segge dey, seyt meynem Witten Sundag heww ik sau nit mehr biäen konnt. Un sungen hef vey unger diän Baiken – jo, se is mey richtig daip un laif in’t Hiärte kummen, use laiwe Mutter Guodes vam gurren Friäen oppem Borberge. Bo di Vikarges, dai’t Kummando harr, no’m Tedeum – Kingers, dät hiät schällert! – saggte, vey söllen niu nette in Prossejaune häime gohn, do heww ik mik naumol sachte int Kapelleken druggt un der laiwen Mutter Guoades „Gurre Nacht saggt. Jiä, Wilm, un – suih, ik laupe mey kain Bliekees inter Kiärken – awwer et was mey, ase wann sai saggt härr: ‚Wann diu mol wat hiäst, dann kumm ments hey ropper; ik well ug dät nit vergiäten, dät ey mey met sauviel Schwäit un Mögge düt Kiärksken bugget het.‘

    „Jiä, de Mutter Guades mott wual selwer hulpen hewwen, süß kann ik et nit klain kreygen, biu dät Kapelleken sau fix is ferreg woren. Dät is jo nau nit viel üwwer’n Johr hiär, dät Dr. Körling¹³ tem äistenmol van düm Plane redet hiät."

    „Sieker, awwer bät manneger äine auk dofüär dohn hiät – de Giersker het nau gar kaine Tiufeln plantet vüär liuter Mutterguadesaarbet."

    „Niu, dai sall use Hiärguatt all wier derbey wassen loten. Awwer in Aulwer un Breylen sall auk manneger wuiste aarbet un offert hewwen."

    „Do is käin Tweywel aane. Van niks kann niks kummen. Awwer auk füär dät Wiggefäst was feyne vüäraarwet. Dät sind sieker auk kaine Packetällen wiäst."

    „Wündert heww ik mik üwer diän allen Breylsken Dechanten. Diäm miärkere me seyne feyfunsiewenzig Johre auk nit aan, bo hai beym Inwiggen de Lettnige van allen Heiligen sank. Un bey de Haumisse, do het ’me de Augen löchtet; hai was düär un düär Füer un Flamme füär de Mutter Guades. Un seyne Priäke, dät was sau richtig wat füär us."

    „Dann dött et mey duwwelt läid, dät ik äist sau late kummen sin. Awwer no der Maiandacht, bo dai Breylske Cäzilienchor un dai Jungfern van Aulwer sau nette inne süngen, was doch auk nau ne schoine Priäke. Sau klor was mey dät nau niemols wiäst met diäm jo un näi."

    „Jo, Wilm, bät was do nit schoine? Bät konnen dai Jungens iut dem Josefsheim blosen! Un dai Breylsken het auk in der Haumisse all sungen – achtstemmeg, segget se, awwer –."

    „Un et Nummedages dät Kapellenlaid, dät peß jo, ase wann’t extro füär diän Daag macht wör. Ment schade – bey diäm Mysterienspiel was ik te weyt af van der Bühne, do was et te unrüggelk."

    „Ik heww et awwer neype saihn. Wäißte, ik hewwe dai ganßen Borbergsgeschichten luasen, awwer dät Spiel is schönder ase dät alles. Un spielen konnen se, ne rainen Stoot!"

    „Hiäste dann auk mol kucket, bät de Luie alle vergnaiglek un stillekes gnäiseren, bo de Miäkens van Aulwer de Reigen mächten? Me spuarte, do was en ganz ander Plasäier bey ase bey usem eins, zwei, drei imme Schüttentelte."

    „Wilm, me könn dervan prohlen, bit emme de Tunge droige weert. Ik segge blauts nau äinte: Wann dai Luie vam Heimatbund ment sau vernünfteg sind un haalt us gint Johr imme Mai wier dorop – ik kaffäiere derfüär: use Düärper sind wier daut un lieg, un bey der Mutter Guades oppem Borberge statt se wier tau diusenden – wann’t ok wier kain Bäier git."

    3.

    Die Kapelle auf dem Borberge (1925)¹⁴

    Der Gedanke, auf dem Borberge, einem der landschaftlich schönsten und geschichtlich ehrwürdigsten Punkte am Knie der Ruhr eine Kapelle zu Ehren der „Königin des Friedens" zu erbauen, tauchte gelegentlich einer Zusammenkunft des weiteren Vorstandes des S.H.B. in den Weihnachtsferien 1923 auf. Die von dem Gedanken erfüllten Personen interessierten im Laufe der folgenden Monate die Ortsgruppen des S.H.B. in der Umgegend, und von diesen Gruppen wurde für den Gedanken in anderen Vereinen und in der Bevölkerung weitergeworben. Es zeigte sich ein weit verbreitetes Interesse für den schönen Gedanken, das sich in Anerbieten von Gratisarbeiten und Lieferungen, sowie in den Erträgen verschiedener Sammlungen in den Ortschaften und bei Vereinsveranstaltungen zeigte. Der Herr Baumeister Matern schenkte dem Plane ebenfalls ein besonderes Interesse und entwarf einen der Landschaft und heimischen Art angemessenen künstlerischen Plan. So konnte man mit dem Bewußtsein, im Sinne der großen Mehrheit der heimischen Bevölkerung

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