Tage am Meer mit dir: Drei Romane in einem eBook: »Ein Rezept zum Glücklichsein«, »Die Sterne über Florenz« und »Die Liebe eines Fremden«
Von Tania Kindersley, Brigitte D'Orazio und Anita Burgh
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Über dieses E-Book
EIN REZEPT ZUM GLÜCKLICHSEIN: Nach vielen Jahren kehren die Schwestern Rita und Constance auf die Mittelmeer-Insel ihrer Kindheit zurück. Nach dem Tod ihrer Eltern wollen sie Abschied nehmen von dem Haus, mit dem sie so viele komplizierte Erinnerungen verbinden. Doch noch immer verlangen einige Fragen nach Antworten, wie etwa, welcher der drei außergewöhnlichen Männer im Leben ihrer Mutter wirklich Ritas Vater war …
DIE STERNE ÜBER FLORENZ: Schon immer hatte Lisa den Traum, in die Toskana zu reisen und zum ersten Mal in ihrem Leben frei und unbeschwert zu sein. Weit fort von den Erwartungen ihrer bestimmenden Familie. Als sie in Florenz dem attraktiven Paolo begegnet, wagt sie es, auf etwas ganz Neues zu hoffen. Aber kann sie dem Schicksal wirklich so einfach davonlaufen?
DIE LIEBE EINES FREMDEN: Nach dem Tod ihres Mannes glaubt Ann, nie wieder Liebe und Geborgenheit verspüren zu können. Doch dann begegnet sie eines Tages in einer Londoner Galerie einem ebenso rätselhaften wie charmanten Fremden. Es fühlt sich an, als würde sie ihn schon ewig kennen – und so wagt sie das Unvorstellbare, und folgt seiner Einladung nach Griechenland. Doch Alex hütet auch ein Geheimnis …
Drei gefühlvolle Romane, die den Zauber des Meeres vereinen, für Fans von Margot S. Baumann, Amy Neff und Rebecca Serle.
Tania Kindersley
Tania Kindersley, Jahrgang 1967, studierte in Oxford Geschichte und lebte lange Zeit in London, bis sie sich aus der hektischen Metropole zurückzog und ihr Glück in Schottland fand. Sie hat zahlreiche Romane und Sachbücher veröffentlicht und arbeitet heute unter anderem als Schreibcoach. Mehr Informationen über Tania Kindersley finden Sie auf ihrer Website: taniakindersley.com Bei dotbooks veröffentlichte Tania Kindersley ihre Romane »Und morgen geht das Leben weiter«, »Als das Glück uns trotzdem fand«, »Ein Rezept zum Glücklichsein«, »Zwei Schwestern von allerbestem Ruf«, »Ein Kuss in aller Unschuld«, und »Eine Sommerliebe in Notting Hill«, »Forever Today« und »Our Last Summer«.
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Buchvorschau
Tage am Meer mit dir - Tania Kindersley
Über die Romane in diesem Sammelband:
EIN REZEPT ZUM GLÜCKLICHSEIN: Nach vielen Jahren kehren die Schwestern Rita und Constance auf die Mittelmeer-Insel ihrer Kindheit zurück. Nach dem Tod ihrer Eltern wollen sie Abschied nehmen von dem Haus, mit dem sie so viele komplizierte Erinnerungen verbinden. Doch noch immer verlangen einige Fragen nach Antworten, wie etwa, welcher der drei außergewöhnlichen Männer im Leben ihrer Mutter wirklich Ritas Vater war …
DIE STERNE ÜBER FLORENCE: Schon immer hatte Lisa den Traum, in die Toskana zu reisen und zum ersten Mal in ihrem Leben frei und unbeschwert zu sein. Weit fort von den Erwartungen ihrer bestimmenden Familie. Als sie in Florenz dem attraktiven Paolo begegnet, wagt sie es, auf etwas ganz Neues zu hoffen. Aber kann sie dem Schicksal wirklich so einfach davonlaufen?
DIE LIEBE EINES FREMDEN: Nach dem Tod ihres Mannes glaubt Ann, nie wieder Liebe und Geborgenheit verspüren zu können. Doch dann begegnet sie eines Tages in einer Londoner Galerie einem ebenso rätselhaften wie charmanten Fremden. Es fühlt sich an, als würde sie ihn schon ewig kennen – und so wagt sie das Unvorstellbare, und folgt seiner Einladung nach Griechenland. Doch Alex hütet auch ein Geheimnis …
Eine Übersicht über die Autorinnen finden Sie am Ende dieses eBooks.
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Sammelband-Originalausgabe Oktober 2024
Copyright © der Sammelband-Originalausgabe 2024 dotbooks GmbH, München
EIN REZEPT ZUM GLÜCKLICHSEIN: Copyright © der englischen Originalausgabe unter dem Titel »Blood and Water« 2005 by Tania Kindersley; Copyright © der deutschen Erstausgabe 2005 by Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München;
DIE STERNE ÜBER FLORENZ: Copyright © der Originalausgabe 2003 by Scherz Verlag, Bern, München, Wien; Copyright © der Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München
DIE LIEBE EINES FREMDEN: Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1988 unter dem Originaltitel »Love the Bright Foreigner« bei Pan Books, London, Copyright © 1988 by Anita Burgh; Copyright © der deutschen Erstausgabe 1996 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München; Copyright © der Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: dotbooks GmbH, München
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)
ISBN 978-3-98952-755-3
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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
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Tania Kindersley; Brigitte D'Orazio; Anita Burgh
Tage am Meer mit dir
Drei Romane in einem eBook
dotbooks.
Tania Kindersley
Ein Rezept zum Glücklichsein
Aus dem Englischen von Katharina Volk
Was ist das, eine glückliche Kindheit? Constance und Rita sind längst erwachsen, aber eine Antwort auf diese Frage haben sie nicht – vielleicht, weil ihren gerade verstorbenen Eltern das unkonventionelle Leben auf einer kleinen Mittelmeer-Insel immer wichtiger war als ihre Töchter? Nun kehren die Schwestern dorthin zurück, um Abschied zu nehmen von jenem Haus, mit dem sie so viele widersprüchliche Gefühle verbinden – und merken bald, dass dies der richtige Ort ist, um ihre aus der Balance geratenen Leben neu zu sortieren. Nicht ganz unschuldig sind daran die Männer, die im Leben ihrer Mutter eine besondere Rolle spielten – ein Dichter, ein Physiker, ein Schriftsteller und ein Künstler. Und auf einmal steht da dieser Verdacht im Raum: Sollte einer von ihnen Ritas leiblicher Vater sein?
Kapitel 1
Ein kleines Propellerflugzeug stieg hoch in den azurblauen Himmel hinauf und warf seinen Schatten auf verdorrte gelbe Erde; Luft, Himmel, Wind, das Dröhnen der Motoren, die es in weites, ungetrübtes Blau hinaufschoben. Dann –
Beerdigungen sind, wie glückliche Familien, alle gleich. Oder zumindest sehr ähnlich, dachte Rita; es war so ähnlich. Sie wusste nicht viel über glückliche Familien, aber auf Beerdigungen war sie oft genug gewesen.
Die Kirche war düster und niedrig und roch nach Stockflecken und altem Stein; Gotteshäuser wurden heutzutage nicht mehr so oft benutzt, und der Duft von Alter und Leere legte sich über sie wie ein Leichentuch. Rita wusste das, weil sie oft hinging. Sie ging nicht zur Kirche, sondern sie mochte die Gebäude an sich, die Stadtkirchen von Wren und Hawksmoor, die nie groß gelobt wurden und deren Architekten sie nicht hätte nennen können. Sie spazierte in der stillen Stunde, bevor der schlummernde Riese »Großstadt« sich zu regen begann, um den Tag mit Gestank und Lärm zu erfüllen, durch die frühmorgendlichen Straßen. Ihr gefiel diese irgendwie flache Stunde, in der nur Lastwagen ihre anonymen Lieferungen transportierten und die Fahrzeuge der Stadtreinigung ihr Aroma von Bleichmittel und Wasser versprühten. Dann ging sie spazieren, zur Lincoln Fields im Norden, zur Fleet Street im Osten und manchmal durch die verlorenen schmalen Gassen hinter dem British Museum. Auf dem Heimweg, wenn die morgendlichen Menschenmassen zusammenströmten und der Frieden zerstört war, machte sie manchmal in einer Kirche Rast und fragte sich, was Menschen dazu brachte, an etwas zu glauben. Daher wusste sie, wie Kirchen rochen.
»Ich war noch nie auf einer Beerdigung«, sagte Constance.
Sie saßen still und aufrecht in der ersten Bank. Sie waren früh gekommen, und außer ihnen war nur noch ein schmaler Mann in einem dunklen Anzug da, der rätselhafte religiöse Einzelheiten überprüfte (das Arrangement der Sakramente oder Altartücher oder was auch immer am richtigen zeremoniellen Ort liegen musste). Am Ende des Mittelganges standen zwei Särge vor dem Altar wie bei einer schrägen Parodie einer Hochzeit, bis dass der Tod uns scheidet.
»Ich dachte, die Särge würden sie erst später reinbringen«, bemerkte Constance. »Sollte es nicht Sargträger geben?«
»Wir hatten die Befürchtung, das wird zu kompliziert, da es ja zwei sind«, sagte Rita. »Es gäbe einen Stau oder so, und das wäre peinlich, eine Farce.«
»Ich war noch nie bei einer Beerdigung«, wiederholte Constance.
»Du solltest öfter aus dem Haus gehen«, sagte Rita.
»Ist das nicht seltsam?«, bemerkte Constance. »Ich bin dreiundvierzig Jahre alt und kenne niemanden, der tot ist.«
Rita kannte Menschen, die tot waren; sie war schon auf mehreren Beerdigungen gewesen. AIDS, Krebs, Selbstmord; ein Mann, der einen Berg hinaufgestiegen und auf der anderen Seite heruntergefallen war, aus keinem irgendwem begreiflichen Grund; ein Asthma-Anfall in einem fernen asiatischen Dschungel; eine allergische Reaktion auf Erdnüsse (so blöd und banal, fand sie immer, so sinnlos und unsinnig); ein älterer Herr, der von einem Bus überfahren worden war. Rita hatte gelacht, als sie davon gehört hatte; sie lachte, weil man diese Redewendung oft gebrauchte, sie aber nie gedacht hätte, dass so etwas im wirklichen Leben passierte. Es war genauso wie die Tatsache, dass man nie, niemals, auch nur einen einzigen Menschen auf einer Bananenschale ausrutschen sah. Aber der alte Mann hatte eine Straße in Camden Town überquert, und ein rasender roter Lastwagen war zu schnell um die Ecke gerast, und schon gab es eine weitere Beerdigung, auf die sie gehen konnte.
»Alle Beerdigungen sind gleich«, sagte sie. Sie glaubte das auch: Die Besetzung änderte sich, und der Ort, und der Tonfall der Veranstaltung. Manche waren nüchtern und traditionell, andere unerwartet und exzentrisch, manchmal war es eine Totenwache und dann wieder eine Party, aber das Gefühl blieb immer dasselbe – ein gewisser Kloß in der Kehle, eine Leere im Bauch, eine Enge irgendwo; eine geisterhafte Kindheitserinnerung an die besten Sonntagskleider, eine schwere Gewissheit der Sterblichkeit, ein Bedauern.
»Vielleicht ist es anders«, sagte Constance, »wenn es die eigenen Eltern sind, und auch noch beide zugleich.«
»Keine Ahnung«, sagte Rita. »Es kommt mir bekannt vor.«
»Mir nicht«, sagte Constance. »Das hier steht nicht im Drehbuch. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten und wie ich sein soll. Ich habe das Gefühl, als hätte ich die falschen Kleider an und als würde mich gleich jemand nach Hause schicken, damit ich mich umziehe.«
»Du siehst gut aus«, sagte Rita. »Du siehst immer gut aus.«
Sie waren Schwestern, was die Leute manchmal überraschte, denn sie waren sich überhaupt nicht ähnlich. Constance war schlank und sportlich, sie hatte ein kleines, sommersprossiges Gesicht und war auf ganz bestimmte Weise ordentlich, in ihrer Kleidung wie in ihrem Charakter, alles stets am rechten Fleck, als könnte sie die willkürliche Welt eindämmen, indem sie Ordnung in allem Möglichen hielt.
Rita war größer, jünger, breiter; sie trug das dunkle Haar lang und steckte es mit dem Erstbesten, was ihr in die Finger kam – ein Essstäbchen, ein Stift, ein Brieföffner – zu einem Knoten zusammen. Ihr Gesicht war geprägt von klaren, kräftigen Knochen und voll interessanter Details; ein starkes Gesicht. Die Augen lagen tief in den Höhlen, der Mund war lebhaft und fragend. Während Constance den Raum, den ihr Körper einnahm, säuberlich bewohnte, wie immer ein wenig zurückhaltend, vermittelte Rita irgendwie den Eindruck, sie breite sich aus, selbst wenn sie ganz still und aufrecht stand. Sie trug nicht wenig Gewicht mit sich herum, unmodisches Fleisch, das sich über ihren Hüften wölbte wie eine Geige – sinnlich, Rubensfigur, all diese Wörter könnten sie beschreiben, taten es aber nicht. Sie hatte etwas Unachtsames an sich, das ein altes Etikett nicht zu definieren oder einzugrenzen vermochte.
Viele Leute sagten, Constance sehe ihrem Vater ähnlich und Rita ihrer Mutter, aber nun lagen Mutter und Vater in Kisten aus Walnussholz, wie weggeräumt, und es würde nur noch die quälend ungenaue Darstellung auf Fotos geben, mit denen man sie vergleichen konnte.
»Ich wünschte, es würde endlich anfangen«, sagte Constance. »Ich finde, es wird Zeit, dass es anfängt.«
Die Leute kamen schließlich doch, zurückhaltend und ernst, in dunkler Kleidung. Ein Priester nahm seinen Platz zwischen den Särgen ein und sprach die passenden Worte. Orgelmusik schwoll an, und eine Trompete spielte Mozart.
»Warum eine Trompete?«, fragte Constance, die starr geradeaus schaute. »Wessen Idee war das?«
»Meine«, sagte Rita ein wenig trotzig. »Das war meine Idee.«
Die Zeremonie fing langsam an und gewann dann an Schwung, galoppierte auf das Ende zu, und die Orgel begann wieder zu spielen. Rita und Constance führten den Trauerzug an, hinaus auf die muntere Straße, wo ihnen die Luft nach der kriechenden Zeit drinnen lebendig erschien.
»Lassen wir sie jetzt einfach dort liegen?«, fragte Constance.
»Die Leichenbestatter werden sie abholen und verbrennen«, sagte Rita. »Das brauchen wir nicht zu machen.«
»Das ist schön für uns«, sagte Constance. »Dass wir das nicht zu machen brauchen.« Sie zog sich Handschuhe an, zarte, altmodische, aus hellgrauem Leder.
»Außer dir kenne ich niemanden, der Handschuhe trägt«, sagte Rita.
»Ich kenne viele Leute, die Handschuhe tragen«, sagte Constance. »Ich kenne sogar Leute, die mehr als zwei Paar besitzen.«
In einem niedrigen grünen Raum auf der anderen Seite der Stadt fand der Leichenschmaus statt. Die Sonne schien, schlüpfte gemächlich durch die Jalousien und durchzog den Raum mit gelben und orangeroten Streifen. Die Menge versammelte sich wieder und teilte sich in stiller Unsicherheit auf. Bei allen Beerdigungen gibt es diesen einen Moment, wenn der Gottesdienst vorbei ist und es Zeit wird, zu reden, aber niemand sicher ist, welchen Tonfall man anschlagen sollte. Gesichter verziehen sich und nehmen einen geborgten Ausdruck an – Trauer, Mitgefühl, Tapferkeit. Sollte man kondolieren oder Witze reißen, die Toten erwähnen oder lieber beiläufige Bemerkungen über etwas ganz anderes machen? Niemand weiß so recht, wo anfangen. Alle Stimmen sind leise und künstlich, die Luft schwer von ungesagten Dingen.
»Na los«, sagte Rita. »So geht das nicht. Wir sollten die Leute ein bisschen abfüllen.«
An einem Ende des Raums stand ein Tisch, ganz in weißem Leinen, mit grünen Flaschen voll Rotwein in langen Reihen. Rita nahm in jede Hand eine Flasche und begann, einzuschenken.
»Gib das den Leuten«, sagte sie zu Constance. »Gib allen etwas zu trinken, um Himmels willen.«
Sie trug auch selbst Gläser herum und reichte sie den Trauernden in ihren dunklen Kleidern. »Möchten Sie Wein?«, sagte sie. »Trinken Sie doch ein Glas Wein.«
Der Raum schien vor Erleichterung zu seufzen; endlich kannte man sich wieder aus, da war er, der erwünschte Tonfall. Ein Glas guten Rotwein trinken und lächeln, denn die Kinder würden nicht zusammenbrechen, nicht hier und nicht heute, nicht vor den Leuten. Wir sind keine Kinder mehr, dachte Rita. Dies war der letzte Tag, an dem wir jung waren.
Sie verzog den Mund zu einem Willkommensgesicht und sagte, zu niemand im Besonderen: »Nur zu, genießt den Wein, denn tot ist man lange.« Auch das erkannte die Menge, die erste geschmacklose Bemerkung, der Galgenhumor, den die Briten in schwierigen Zeiten gern bemühen. Die Mienen entzerrten sich, die leisen Stimmen hoben sich und gingen in einen natürlicheren Tonfall über.
Später zog sich Rita für einen Moment mit einem Glas in der Hand an den Rand zurück und beobachtete Constance, die höflich Konversation machte. Alle waren sie gekommen. Der Doktor aus Kiew, der Fahrer aus Syrien, der italienische Bauer aus einem Ort südlich von Neapel, auf dessen Land ihre Eltern Mitte der achtziger Jahre eine Anlage ausgegraben hatten, die so gut erhalten war wie Pompei. Die beiden begeisterungsfähigen Professoren aus Minneapolis waren da, die Studenten aus Damaskus und der armenische Anthropologe, der dort Anfang der siebziger Jahre an einer Ausgrabung mitgearbeitet und danach in Harvard groß Karriere gemacht hatte.
In diesem Raum wimmelte es nur so von akademischen Graden: Dr. Hyde aus Edinburgh, Dr. Ghazi aus Kairo, Dr. Bazarov und Dr. Kirsanov aus Sankt Petersburg, elegant und aufrecht in einreihigen Anzügen – solche Männer kamen einem stets vor, als trügen sie Gamaschen, obwohl sich seit der Weltwirtschaftskrise niemand mehr in so etwas hatte blicken lassen. Dr. Hudson aus Nova Scotia war da, der sich den Bart abrasiert hatte und im Alter wie ein Patrizier wirkte, und die lächelnde Dr. Huron aus Alaska, die immer aussah, als hätte sie ihre Brille vergessen, weil sie die ganze Zeit vor Fröhlichkeit und Kurzsichtigkeit die Augen zusammenkniff.
Als Rita noch sehr klein gewesen war, hatte sie geglaubt, jeder Mensch hieße Doktor, als sei das ein gebräuchlicher Vorname wie John oder Jane. Ein Raum voller Doktoren, dachte sie, genau wie früher, und schob den Gedanken weit von sich, denn sie konnte sich jetzt keine Sentimentalität erlauben – sie hatte eine Beerdigung hinter sich zu bringen.
Auch von der Insel waren alle gekommen, von der kleinen, vergessenen Insel, wo ihre Eltern wohnten: eine winzige, gelbe Insel im blauen Mittelmeer, wo den ganzen Tag lang die Sonne schien und die Zeitungen mit vier Tagen Verspätung ankamen. Da waren der Dichter, der Philosoph und der Physiker, adrett und ungewohnt in ihren feinen Anzügen für London; der Künstler, der Reiseschriftsteller und der weise alte Herr, der 1957 auf der Rennbahn von Cheltenham eine Kumulativwette gewonnen und seinen Gewinn in eine obskure Aktie gesteckt hatte; diese war zwei Jahre später in schwindelnde Höhen geschossen, und er hatte sich mit dem Profit daraus auf die Insel zurückgezogen, wo er den ganzen Tag in einer staubigen Bibliothek saß und die Essays von Montaigne las.
Sechs alte Männer, eigentlich gar nicht so alt, vielleicht in den Sechzigern; für Rita, die sie von klein auf kannte, waren sie alterslos und sahen immer gleich aus. Sie waren frauenlose Männer, die aus irgendeinem Grund nie geheiratet hatten und weder Männer liebten noch Frauen hassten, sondern schlicht allein am glücklichsten waren. Das gilt heutzutage als seltsam; das Einsiedlerdasein betrachtet man voll Misstrauen. Vielleicht waren sie deshalb ausgewandert, auf eine verlorene Insel, wo niemand Fragen stellte und die sanfte Brise nach Myrte und Salz duftete.
Der Reiseschriftsteller erspähte sie als Erster. Er war groß und kräftig gebaut und hatte ein Gesicht, das stets zu lächeln schien, selbst wenn es ganz entspannt war. Er sah spanisch aus, war aber Ire, aufgewachsen in einer fernen Ecke des irischen Westens, im Schatten der Twelve Bens in der bernsteinfarbenen Tundra Connemaras, wo alle Straßenschilder gälisch beschriftet waren, so dass man sich dort am helllichten Nachmittag verfahren konnte, ohne Hilfe von den Wegweisern zu bekommen. Er war früh von dort weggezogen, getrieben von unersättlicher Wanderlust. Er hatte die Seidenstraße bereist und war auf den kräftigen Ponys der Mongolen quer durch die Mongolei geritten; er war mit dem Zug von Warschau nach Peking gefahren, hatte den Peloponnes zu Fuß durchquert und war in einem grünen Mini Cooper von London nach Marrakesch gefahren. Zwischendrin kehrte er auf die Insel zurück, setzte sich in sein ockerfarbenes Arbeitszimmer und verfasste lyrische Bücher über die Orte, die er bereist hatte. Er schrieb von Hand in Notizbücher, die in braunes Leder gebunden waren, und eine Französin eine Bucht weiter tippte seine Geschichten auf einer summenden Corona-Schreibmaschine für ihn ab. Dann schickte er die dicken Manuskripte nach London, wo man Bücher daraus machte, die dann in siebenundzwanzig Ländern verkauft wurden.
»Die beste Totenwache aller Zeiten habe ich in den Bergen von Wicklow erlebt«, sagte er.
»Das hört sich an wie ein Lied«, sagte Rita. Sie war froh, ihn zu sehen, als gebe ihr das im plötzlichen Umsturz ein Gefühl der Kontinuität. Ihr war bewusst, dass sie noch immer von der Wirklichkeit des Geschehenen wie isoliert war; so ist das bei Beerdigungen, da gibt es so viel zu tun, zu planen und zu überlegen, dass die harte Realität des Todes gedämpft und in die Ferne gerückt wird, als wäre das einem Fremden passiert, jemandem, den man nie kennen gelernt hat.
»Da haben Kinder Geige gespielt und alte Männer rebellische Lieder gesungen, und alle haben Guinness getrunken und Irish Stew gegessen«, erzählte der Reisende. »Es war eigentlich zu schön, um wahr zu sein, aber so war es.«
»Irish Stew«, sagte Rita. »Das ist wirklich etwas, das ihr Iren der Welt vermacht habt.«
»Du hast mal einen netten Artikel darüber geschrieben«, sagte der Reisende. »Ich habe ihn in einer drei Monate alten Zeitschrift gelesen, als ich gerade in Taschkent war, und das hat mich an zu Hause erinnert.«
»Das weiß ich noch«, sagte Rita. »Ich war wütend, weil die Leute lauter Rezepte für einen braunen Eintopf verbreitet haben, wo doch jeder, der etwas davon versteht, wissen müsste, dass es ein weißer Eintopf ist. Noch dazu war meine entscheidende Kapazität auf dem Gebiet ausgerechnet Rudolph Old, ein Amerikaner, dessen Spezialgebiet eigentlich die französische Küche ist, deshalb kam mir das komisch vor. Aber ich war wochenlang wütend deswegen. Vielleicht bin ich sogar immer noch wütend.«
»Ich habe diesen Artikel gelesen«, sagte der Reiseschriftsteller und nickte, »und ich habe mir gedacht, ja, das ist Rita, das ist genau so eine Sache, über die sie sich ärgert, und das hat mich zum Lächeln gebracht.«
Sie sahen einander an, als wüssten sie, dass es jetzt nicht viel zu lächeln gab, im Angesicht des plötzlichen, unerwarteten Todes. Als wüssten sie, dass sie noch eine Weile weiterlächeln würden, denn sie hatten eine Beerdigung hinter sich zu bringen.
Es ging schließlich doch zu Ende, obwohl es einen Moment gab, als Rita glaubte, es werde nie enden und sie müsse für den Rest ihres Lebens in dem düsteren grünen Raum verharren, gefangen wie ein prähistorisches Insekt in einem Stückchen Bernstein. Sie aßen Sandwiches, tranken Rotwein und unterhielten sich, wie hätte es anders sein können, über die Vergangenheit. Rita lebte nicht in der Vergangenheit, aber alle anderen in diesem Raum taten es, denn da fühlten sie sich zu Hause. Sie sprachen diesmal von der jüngsten Vergangenheit, von etwas, das nicht dreitausend, sondern dreißig Jahre her war. »Ich weiß noch, damals«, sagten sie, »oh ja, daran erinnere ich mich«, als könnten sie die Toten für ein paar letzte Stunden lebendig machen, sie wieder beleben, so dass sie gingen und sprachen. Rita lächelte und antwortete und nickte, aber mit einer Gezwungenheit, die sie nicht abschütteln konnte. Es fühlte sich unwirklich an, wie eine Show, als spiele sie die Rolle der trauernden Tochter und als werde der Regisseur sie später zu sich rufen, um ihre Darstellung zu bewerten.
Doch schließlich schnalzte die Zeit, die sich elastisch und unwahrscheinlich gedehnt hatte, wieder zur Endgültigkeit zurück. Nach einem letzten Auf Wiedersehen war der Raum leer und still. Constance stand im Schatten, wie ein Mauerblümchen auf einem Ball, und blickte aus dem Fenster.
»Kommst du noch mit zu mir?«, fragte sie.
Constance war in einem ehrwürdigen alten Hotel am Rande von Mayfair abgestiegen, und dorthin machten sie sich nun auf den Weg. Beide wussten, dass sie auch zu Ritas Wohnung hätten gehen können, wo sie ihnen etwas gekocht hätte. Dann hätten sie die Fenster geöffnet und gegessen, während die Geräusche Sohos von der Straße zu ihnen herauftrieben, aber sie verspürten das unausgesprochene Bedürfnis, das Gefühl der Unwirklichkeit noch ein wenig andauern zu lassen. Alte Hotels mit ihren dicken Teppichen, der künstlichen Beleuchtung und den knarrenden Aufzügen halten die Welt draußen; die beiden Schwestern brauchten das noch eine Weile.
Constances Zimmer lag im dritten Stock. Es war hellblau und sehr ordentlich; an einer Wand hing ein Spiegel im vergoldeten Rahmen, der sie in seinem halb blind gewordenen Glas reflektierte. Constance zog ihre Handschuhe aus und blieb dann einen Moment still und blinzelnd stehen.
»Was, zum Teufel, machen wir jetzt?«, fragte sie.
Die erste hektische Woche war vorüber, die Tage des Organisierens und Telefonierens, die Stunden voller Listen und Termine, das Erledigen. Jetzt war alles getan, und ihnen blieben nur zwei dickbauchige Urnen mit dem Staub verkohlter Knochen und das Gefühl, in der Leere zu schweben; hierfür gab es kein Buch, keine Anweisungen, die sie lesen und einfach befolgen könnten.
»Lass uns etwas trinken«, sagte Rita.
Sie hatten den ganzen Tag lang Wein angeboten, aber selbst kaum etwas getrunken, weil sie den Druck spürten, gefasst zu bleiben und sich angemessen zu benehmen. Jetzt mussten sie erst einmal die Beerdigungsluft abschütteln.
»Wir sollten uns einen Whisky genehmigen oder so«, sagte Rita. »Wir bestellen uns Hamburger und Fritten und trinken Whisky, und dann ist der Tag endlich vorbei und erledigt.«
Sie aßen an dem kleinen Tisch, den der Zimmerservice gebracht hatte; der clevere Klappmechanismus war unter einem gestärkten weißen Tischtuch verborgen. Die Hamburger waren dick und halb durch, und dazu gab es drei verschiedene Sorten Sauce in weißen Porzellanschüsseln.
»Genau deswegen mag ich Hotels«, sagte Rita. »Diese kleinen, weißen Schüsseln für alles Mögliche, die man sonst nirgendwo sieht. Genau aus diesem Grund liebe ich Hotels.«
Sie aß mit den Händen und geübten weißen Zähnen. Constance dekonstruierte ihr Essen sorgsam mit dem schweren Silberbesteck; sie entfernte das Fleisch, schnitt es in Häppchen und schob die Gurkenscheiben beiseite, als sei diese Esserei lästig, eine vulgäre Zeremonie, die sie erst keimfrei ordnen musste. Das war ein weiterer Unterschied zwischen ihnen. Als sie fertig waren, war Ritas Teller sauber, kein Krümel mehr darauf, während Constances Teller mit Gefallenen übersät war wie nach einer blutigen Schlacht.
Rita unterdrückte ihren Ärger über diese Verschwendung; sie suchte nach Ablenkung. »Vermisst du sie?«, fragte sie.
»Ich weiß nicht«, antwortete Constance. »Ich weiß noch nicht, ob ich es überhaupt schon glaube.«
»Aber du hast geweint«, sagte Rita.
»Woher weißt du das?«, fragte Constance mit Misstrauen in der Stimme, als hätte jemand in der Schule gepetzt. Sie trug ihr Gesicht stets sorgsam geschminkt und wusste, wie sie Dinge mit Creme und Concealer verbergen und wiederherstellen konnte; immer die Fassade wahren, daran glaubte sie. Rita hatte überhaupt keine Fassade, bei ihr war alles offen einzusehen, wie in einem Puppenhaus, dem die vordere Wand fehlte.
»Ich merke es an deinen Augen«, sagte Rita. »Heute Morgen habe ich es gemerkt.«
»Ich weiß nicht, ob ich schon um sie weine«, sagte Constance. »Ich nehme an, das kommt erst später.«
Da war eine Zurückhaltung in ihrer Stimme, etwas Hartes, Unnachgiebiges. Rita hörte es und wusste, dass jetzt nichts mehr kommen würde. Sie wartete; sie blickte sich in dem fremdartigen, makellosen Zimmer um, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in einem stetigen Strom aus.
»Mein Mann«, sagte Constance, »ist gar nicht geschäftlich verreist. Das ist nicht der Grund, weshalb er heute nicht gekommen ist. Mein Mann«, sagte sie, als spräche sie von jemandem mit einem offiziellen Titel, »schläft mit seiner Sekretärin, und meine Ehe ist am Ende.«
Nun entstand eine Stille im Raum. Rita fielen all die Fragen ein: was, wie, warum. Sie hielt sie zurück, weil sie fürchtete, sie könnten als Vorwürfe herauskommen.
»Dein perfektes Leben«, sagte sie.
»Ja«, sagte Constance. »Mein verdammtes perfektes Leben.«
Rita verließ sie um Mitternacht und ging den knappen Kilometer bis zu ihrer Wohnung zu Fuß. Sie wohnte in einer Seitenstraße in der Nähe der Old Compton Street, in einer Reihe schwarzer Backsteingebäude, in denen einst Silberschmiede und Klavierbauer gearbeitet hatten. Jetzt wurden sie von Singles bewohnt, die Schmutz, Lärm und Gestank Sohos, allgegenwärtig bis auf eine knappe Stunde am frühen Sonntagmorgen, ertragen konnten. Sie erklomm die vier Treppen bis zu ihrer Tür, trat ein, und die Vertrautheit ihres Zimmers überwältigte sie beinahe. Sie lehnte sich an die Wohnungstür und starrte ins Dunkel. Sie dachte daran, was Constance ihr geschildert hatte: wie ein Leben, errichtet auf Prinzipien und beständiger Arbeit, sich in Nichts auflösen kann, weil jemand einer einzigen zerstörerischen Laune nachgegeben hatte. Alles schien um sie herum zu tanzen, und sie schaltete das Licht an, als könnte das Licht die Dinge wieder zur Ruhe bringen, wieder gerade hinstellen.
Draußen setzte sich das Summen und Dröhnen Sohos achtlos fort. Rita öffnete des Fenster und sog den Geruch von Abgasen, italienischer Küche und Nachtluft ein. Sie blickte hinab auf ihre leere, dunkle Gasse; Autos durften hier nicht durch, und nur hin und wieder eilte ein einsamer Fußgänger, der die Abkürzung durch die Wardour Street nahm, auf dem Weg zu seinem Ziel vorbei. In der Vergangenheit, bei jenen anderen Todesfällen, die sie erlebt hatte, hatte es sie überrascht, dass die Welt nicht aufhörte, sich zu drehen, dass sie nicht einen Moment inne hielt und respektvoll den Kopf neigte. Aber nichts veränderte sich, alle gingen eilig weiter ihren Angelegenheiten nach, ihrem unterteilten Leben, und die kleine, leere Stelle, die der Verstorbene hinterlassen hatte, wurde aufgefüllt, zugedeckt, als liefe Wasser in eine Furche im Matsch, bis sie nicht mehr zu sehen war.
Der plötzliche Unfalltod ihrer Eltern ließ sie ohne Orientierung oder Beglaubigung zurück; sie hatte die beiden nicht durch lange Krankheit hindurch gepflegt oder ihr Leben in eine Serie von Krankenhausbesuchen und medizinischen Besprechungen verwandelt – sie hatte nicht einmal ihre Leichen gesehen. Ironischerweise war es Constances Mann gewesen, der beständige Peter, immer verlässlich in schwierigen Zeiten (wahrlich ironisch, fand Rita), der durch den düsteren Septemberabend gefahren war, um die beiden offiziell zu identifizieren. Hier gab es keine Tradition des Aufbahrens, wie in Amerika oder Italien, mit schön zurechtgemachten Leichen, die die Trauernden betrachten konnten. Alles, was Rita gesehen hatte, waren die beiden gleichen Särge, und sie ertappte sich dabei, wie sie unwillkürlich das Telefon anstarrte, als würde es jeden Augenblick klingeln, als würde ihr gleich die starke, ungeduldige Stimme ihrer Mutter ans Ohr dringen.
Sie hatten sich nicht sonderlich nahe gestanden, aber sie waren sich auch nicht fremd geworden; eine Stahltrosse aus Geschichte und Wissen verband sie und erstreckte sich über lange Zeiten der Trennung und große geografische Entfernungen. All die Dinge, die wir für selbstverständlich halten, dachte Rita, bis sie fort sind. Ihre Mutter war keine besonders mütterliche Frau gewesen, sie hatte nichts Behagliches an sich, kaum etwas, das zu Vertrautheit einlud oder dazu, Geheimnisse mit ihr zu teilen. Sie hatte ihre Kinder von klein auf wie Gleichberechtigte behandelt und erwartet, dass sie in die Welt hinausgingen und etwas daraus machten; sie hatte ihnen weder Ratschläge erteilt noch sie zur Vorsicht ermahnt, aber ihnen auf ihre Art Freundlichkeit und Verständnis entgegengebracht, eine große Toleranz für Schwächen und Fehler. Sie verurteilte ihre Töchter nie, sondern nahm sie einfach so, wie sie waren. Das habe ich immer als selbstverständlich hingenommen, dachte Rita, jetzt erst sehe ich, welch großes Geschenk das war, und ich werde es nie wieder bekommen.
Sie spürte Wut, und einen Moment lang dachte sie, sie sei wütend auf den kleinen Motor, der versagt und die beiden in tödlichem Sturz auf die Erde hatte fallen lassen. Doch dann erkannte sie, dass es das gar nicht war. Sie befand sich noch im frühen Stadium der Verleugnung, hatte die Endgültigkeit der Geschehnisse noch nicht ganz begriffen – dass ihre Eltern unwiderruflich fort waren und nie wiederkommen würden. Nein, sie war wütend auf den beständigen Peter, weil er ihre Schwester betrogen hatte.
Sie hatten sich lange unterhalten, sie und Constance, in diesem eleganten Hotelzimmer, beobachtet von den Geistern wohl erzogener Damen, die nach London gereist waren, um ein Museum zu besuchen oder sich ein Theaterstück anzusehen; und wie immer hatten sie um das eigentliche Thema herumgeredet. Constance war sich der praktischen Erfordernisse bewusst, dessen, was als Nächstes passieren musste, und versuchte, wie es typisch für sie war, die Scherben der Zukunft einzusammeln und zu neuer Ordnung zusammenzusetzen.
Sie sollten am nächsten Vormittag auf die Insel reisen und sich um das Haus ihrer Eltern kümmern, die gesammelten Stücke eines langen Arbeitslebens in Kisten verpacken, die Zimmer ausräumen und die losen Enden verknoten; sie würden das Haus zum Verkauf anbieten und mit Notaren, Maklern und Anwälten sprechen.
»Wenn wir zurückkommen«, sagte Constance, »suche ich mir einen guten Anwalt und reiche die Scheidung ein.«
»Einfach so«, sagte Rita. »Du hast also bereits alles entschieden.«
»Zumindest das konnte ich schon immer gut – Entscheidungen treffen«, sagte Constance. »Ich weiß, wie das geht. Diesmal muss ich natürlich ein wenig improvisieren.«
»Ja«, sagte Rita. Hiermit hatte keine von ihnen gerechnet.
»Ich will unser Haus behalten«, sagte Constance. »Das ist jetzt meines. Peter hat sich was in London gemietet. Da kann er gern bleiben, es ist mir egal, wo er hinzieht. Aber um das Haus werde ich kämpfen, wenn es sein muss. Das ist meines, ich habe es geschaffen, ich will, dass es noch da ist und die Kinder jederzeit dorthin zurückkehren können.«
Da versagte ihre Stimme. Die Zwillinge waren schon erwachsen, Anfang zwanzig, keine verletzlichen kleinen Wesen, aber für sie waren es trotzdem noch Kinder. Constance hatte ihre Träume gehabt von einem fortgesetzten Familienleben, wenn ihre Töchter selbst eines Tages heiraten und selbst Kinder bekommen und sie dann in das Haus bringen würden, das Constance geschaffen hatte, in den Ferien, zu Festen, zu Geburtstagen und an Weihnachten. Ihr ganzes Leben war auf diese Prämisse aufgebaut, die ihr jetzt grob entrissen worden war, weil jemand seine dumme Lust nicht hatte zähmen können.
Rita fragte sich, ob den Menschen das bewusst war – was sie wirklich taten, wenn sie ihre Affären und außerehelichen Abenteuer hatten. Nicht nur, dass sie den anderen demütigten und jedes Vertrauen zerstörten, sondern auch, dass sie all jene Träume von der Zukunft zerplatzen ließen, auf die ein Leben gegründet ist. Constance hatte, was für diese eilige moderne Zeit ungewöhnlich erschien, ihren Beruf aufgegeben, als sie geheiratet hatte, und entschieden, dass die Familie und das Zuhause nun ihre Arbeit sein würden. Es gab kein dickes Gehalt oder funkelnde Preise dafür, einen Haushalt zu führen und gute, ausgeglichene Kinder großzuziehen; damit wurde man nicht berühmt. Das ist so gewöhnlich, so sehr ein Teil des alltäglichen Lebens, dass die viele Arbeit unbesungen und unbelohnt bleibt. Ich bin nur Hausfrau und Mutter, sagten Frauen mit einer gewissen leisen Scham in der Stimme, wenn man sie fragte, was sie beruflich machten.
Rita wusste, dass es da kein nur gab. Sie glaubte, dass nichts auf der Welt so schwer war, wie genau das gut zu machen. Sie selbst hatte nicht diesen Wunsch, weil sie wusste, dass sie weder die Geduld noch die Demut dazu besaß, diesen kleinen Kern aus Stahl, den man brauchte, um die Unglücksfälle und Rückschläge und den absoluten Mangel an Anerkennung hinnehmen zu können. Sie brauchte ihren Augenblick an der Sonne und die täglichen kleinen Erfolge des Berufslebens.
Während sie allein in ihrer Wohnung saß – ihre Eltern waren tot, und ihre Schwester trauerte still in einem respektablen Hotel –, wurde ihr klar, dass sie Constance wirklich bewunderte. Das habe ich ihr nie gesagt, dachte sie; ich sollte es öfter tun.
Wenn ich irgendetwas vom Tod lernen kann, dachte sie, allein in ihrem schweigenden Zimmer, dann, dass ich all diese unausgesprochenen Dinge sagen sollte, bevor es zu spät ist.
Eine plötzliche Rastlosigkeit erfasste sie. Sie wusste nicht, wie sie ihr begegnen sollte – etwas trinken, etwas rauchen, einen Mann anrufen, der mitten in der Nacht vorbeikommen und die Dämonen für eine Stunde verscheuchen würde?
Hierfür gab es keine Gebrauchsanweisung. Plötzlich wünschte sie sich dringend, jemand hätte eine geschrieben und sie müsste nichts weiter tun, als das Buch aus dem Regal zu holen und das entsprechende Kapitel aufzuschlagen, nachdem sie im Inhaltsverzeichnis nachgesehen hatte: Trauerfall, unerwarteter, was tun danach.
An einer Wand stand eine Kommode aus Kiefernholz, ein billiges, praktisches Ding, das sie scharlachrot gestrichen und unfachmännisch lackiert hatte, so dass die Schubladen ein bisschen klemmten, wenn man sie herauszog. Die eine ganz oben öffnete sie nur selten; sie enthielt einige wenige Erinnerungsstücke. Rita war nicht nostalgisch, sie hütete keine Schätze aus einer goldenen Vergangenheit; sie bewegte sich rasch vorwärts in die mögliche Zukunft. Sie glaubte an die Zukunft, obwohl es inzwischen Leute gab, die behaupteten, diese sei düster und apokalyptisch und daraus könne nichts Gutes entstehen.
Sie zerrte an der Schublade, so dass sie quietschend hervorschoss und beinahe auf den Boden fiel. Dann wühlte sie ziellos darin herum, weil sie nicht recht wusste, wonach sie eigentlich suchte. Ein Foto fiel ihr in die Hand, und sie holte es heraus, um es ins Licht zu halten. Es war vor ihrer Geburt aufgenommen worden, in Schwarzweiß und sehr grobkörnig. Sonnenlicht fiel von der Seite ein; das Bild war an irgendeinem fernen, heißen Ort geknipst worden. Ihre Eltern, jung und ahnungslos, standen Seite an Seite, lächelten ein wenig fragend in die Kamera und posierten ein bisschen. All die Dinge, von denen sie damals noch nichts wussten, dachte Rita erschüttert – wovon? Bedauern, Ablehnung, Unverständnis. Sie waren damals jünger, als ich heute bin. Alles lag noch vor ihnen.
Sie hielten sich mit zögerlichem Selbstvertrauen. Sie hatten eine Art Glück und Gewissheit an sich, als wären sie am rechten Fleck gelandet und seien sich bewusst, dass sie Glück gehabt hatten; man sah ihnen verborgenes Lachen und das Versprechen großer Erfolge an. Sie sahen aus – Rita runzelte die Stirn und suchte nach dem richtigen Wort – sie sahen aus, als stünde es ihnen zu.
Mit einem Mal erinnerte sie sich daran, wie gewiss ihre Eltern sich stets gewesen waren; das war eines der Dinge, die sie gemeinsam hatten. Ihr Vater hatte sein Leben lang Fragen gestellt und manchmal gewusst, dass er die Antwort niemals finden würde; aber stets war er sicher gewesen, dass es die richtigen Fragen waren, dass sie es wert waren, gestellt zu werden. Die beiden hatten einen gewissen Schwung, genau wie ihr Leben, wie kompliziert es auch am Ende geworden war. Sie waren Menschen, bei denen auf den Gedanken sogleich die Tat folgte; nach einem Vorschlag am Telefon wurde der Hörer aufgeknallt, und dann kamen ein Flug, ein gepackter Koffer und eine hinterlassene Notiz, die kaum eine glaubhafte Erklärung enthielt.
Deshalb hatten sie auch der letzten, fatalen Reise zugestimmt. Natürlich, hörte sie die beiden sagen und voll Vorfreude lachen. Natürlich, auf geht’s, betrachten wir uns die Wüste in der Sommersonne, die Arbeit kann einen Nachmittag lang warten, warum nicht, warum eigentlich nicht? Niemals würden sie das Unvorhersehbare bedenken oder sich den Kopf zerbrechen, ob es nun so oder so getan werden sollte; los, auf geht’s, hörte sie sie sagen. Wer hat den Schlüssel?, hörte sie sie fragen, als sie die Tür zum letzten Mal hinter sich zuschlugen.
Auf einmal wollte sie das Foto zerreißen. Es schien sie zu verhöhnen mit all den unbekannten Dingen, die es enthielt. Keine Andeutung in dieser schwarzweißen Gewissheit, dass es Kinder geben würde, Untreue, gebrochene Herzen, Vorwürfe, Geheimnisse, einen plötzlichen, schockierenden frühen Tod. Sie hasste es, und doch konnte sie nicht aufhören, es anzustarren. Sie forschte in den Gesichtern nach einem Hinweis und fragte sich, ob sie die beiden überhaupt gekannt hatte. Ihre Eltern kamen ihr plötzlich vor wie Fremde; eine Verkleidung hing über ihnen wie an Models bei Modeaufnahmen für eine Zeitschrift. Sie waren so perfekt, so unberührt und unwirklich; es gab sie nicht mehr.
Wer, dachte sie, während sie die beiden musterte, soll jetzt meine Wut tragen?
Kapitel 2
Am nächsten Morgen fuhr Rita erschrocken aus dem Schlaf hoch, als hätte jemand sie gestört oder ein Geräusch sie geweckt. Einen flüchtigen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, als hätte sie etwas verschlafen, einen Termin oder ein Flugzeug oder eine Prüfung. Dann machte sich die Erinnerung an die gestrige Beerdigung breit, und sie wusste, dass sie nichts verpasst hatte.
Es war erst kurz nach sieben, aber heute ließ sie ihren üblichen Morgenspaziergang ausfallen. Die Stadt konnte dieses eine Mal ohne sie weiterlaufen. Die Stadt wusste nicht, dass es Rita gab, und würde sie nicht vermissen. Sie dachte daran, was ihr der Inselphilosoph vor Jahren über Bischof Berkeley erzählt hatte – wenn man den Raum verließ, gab es ihn dann noch? Als Kind hatte ihr diese Geschichte gefallen, und obwohl sie keine Ahnung von Philosophie hatte, erinnerte sie sich immer noch an den Zweifel an einem Raum; manchmal fühlte sie sich selbst wie das Zimmer. Das war eines von den Dingen, die sie nicht zugab. Ihre Rolle, die sie sich selbst ausgesucht hatte, war trotzig vorhanden, präsent in dieser Welt, ein bisschen überlebensgroß. Die Leute sagten immer, sie würden es sofort merken, wenn sie einen Raum betrat, und sie ließ niemanden wissen, dass das eine defensive Strategie war, eine Überkompensation gegen die allgegenwärtige Angst, dass sie, wenn sie sich nicht bewegte und keine Geräusche machte, um ihre Anwesenheit zweifellos zu beweisen, einfach verschwinden würde.
Sie stieg aus dem Bett und zog die Jalousien auf. Draußen schien eine dünne Morgensonne, keine Sommersonne mehr. Sie hatte an Dichte und Wärme verloren und spendete nur noch ein dünnes Herbstlicht, zarter und subtiler als sein knalliger Cousin vom Sommer. Sie wickelte sich in einen scharlachroten Morgenmantel und ging ins Nebenzimmer, wobei ihre Füße leise und diskret auf den Holzboden klopften.
Ihre Wohnung nahm ein Stockwerk eines Georgianischen Hauses ein und war Jahre zuvor in vier Räume unterteilt worden: Schlafzimmer, Küche, Bad und Wohnzimmer. Sie hatte Wände einreißen lassen, als sie eingezogen war, nachdem sie das Bauamt so lange genervt hatte, bis man ihr die Genehmigung erteilt hatte. Jetzt hatte sie also ein Schlafzimmer im Schuhschachtelformat und ein Bad, das gerade so Platz für Dusche und Waschbecken bot, beides nach hinten raus, und ein großes Zimmer vorn, mit drei hohen Schiebefenstern zur Straße hin. Die Wohnung lag im obersten Stock und vermittelte ein Gefühl der Höhe und Entfernung von der Stadt dort unten. Rita hatte das große Zimmer blau gestrichen, und hauptsächlich war es Küche. Sie konnte die Engländer mit ihren winzigen, beengten Küchen, ihrer einzelnen Gas-Kochstelle und den scheußlichen Schrankfronten nie verstehen. Sie hing, vielleicht noch aus Kindertagen, eher der mediterranen Vorstellung von einer Küche an, dass diese das schlagende Herz eines Hauses war, der Ort, von dem aus das Leben durchs Haus gepumpt wurde.
Obwohl es ein Sofa und ein paar dicke Sessel gab, aus denen zum Teil schon die Polsterung hervorquoll, nahm den meisten Platz die offene Küche ein: ein gusseiserner Herd, aus Frankreich importiert, wo man noch wusste, was man zum Kochen brauchte; eine ganze Reihe Schränke; glatte, schimmernde Edelstahlflächen und ein riesiger Tisch aus hell gescheuertem Holz, mit über zwei Quadratmetern Tischplatte, beladen mit Büchern und Zeitschriften, wankenden Türmen aus Papier, Topfpflanzen und Küchenkräutern. Dieser Tisch war wie eine eigene Stadt inmitten des Raums, der Ort, an dem sie schrieb und schnippelte, Gäste bewirtete und manchmal auch nur dasaß und die Wand anstarrte. Eleanor Pease, die Schutzpatronin der englischen Küche des zwanzigsten Jahrhunderts, hatte an ihrem Küchentisch gelebt, und Rita hatte in jungen Jahren viel über sie gelesen; wenn das gut genug für Eleanor gewesen war, dann war es auch gut genug für sie.
»Rita lebt in ihrer Küche«, sagten ihre Freunde und lachten darüber, während sie in ihren Küchen, nicht größer als ein Wandschrank, chinesisches Essen aus Pappschachteln in Teller umfüllten, weil sie in den Klauen unendlich langer Arbeitszeiten steckten und in der Tretmühle dieses gierigen Zeitalters immer weiter strampeln mussten. Rita war mit Gier durchaus vertraut, aber sie gierte nach Essen, nicht nach Geld. Sie wusste, wie man Geld verdiente; sie hatte die Hypothek von vor fünf Jahren bezahlt, indem sie jeden Job annahm, der ihr angeboten wurde, und schamlos ihre Seele verkaufte, damit sie an diesem Küchentisch sitzen konnte. Eines ihrer vielen Geheimnisse war ihr Hass auf die Leute, die sie Turboköche nannte – diejenigen, die aus ihrer Küche kamen und vor der Kamera herumtollten. Die erniedrigten das Kochen zur seichten Unterhaltung, aber dennoch schrieb sie Bücher für jene unter ihnen, die kaum den eigenen Namen schreiben konnten, bot ihre Artikel jedem Medium an, das sie vielleicht nehmen würde, und in einem besonders finsteren Jahr moderierte sie sogar selbst eine Kochsendung und versuchte, sich in dem geschmacklosen Studio eines Kabelsenders, von dem sie inbrünstig betete, dass ihn sowieso niemand einschaltete, halbwegs würdevoll zu bewegen.
»Nimm das Geld und schlag dich damit in die Hügel durch«, hatte ihr Vater immer gesagt. »Frag nicht, warum oder wie oder was, löse nur den Scheck ein und blick nicht zurück.« Er wusste, wie es war, sich zu verkaufen, denn er hatte sich für Vortragsreisen hergegeben und die Show geliefert, wenn es hatte sein müssen. An manchen Leuten bleibt das Geld nur so kleben, hatte er oft gesagt, an uns leider nicht. Rita wusste, dass ihn das nicht störte, dass er sich aus unnützem Luxus und Statussymbolen nichts machte, sondern nur genug haben wollte, um seiner Leidenschaft für etwas nachgehen zu können, mit dem sich nicht viel Geld verdienen ließ. Vor allem, hatte er gesagt, sollte man versuchen, zu leben, um zu arbeiten, nicht andersherum, aber man kann es sich eben nicht immer aussuchen.
Er sagte oft solche Sachen, die er nicht ganz ernst meinte: Seine Arbeit bedeutete ihm alles. Er sprach von der Lebenskunst, war jedoch am lebendigsten, wenn er tief in irgendwelcher uralten Erde wühlte, umgeben von einer Zivilisation, die vor tausenden von Jahren geendet hatte. Er behauptete, der Fluch des modernen Zeitalters sei, dass die Menschen von der Arbeit besessen seien, aber Rita konnte sich nicht an eine Zeit erinnern, da er sich wohl gefühlt hätte, wenn er nichts zu tun hatte. Die Sommer auf der Insel waren geprägt von der geschlossenen Tür seines Arbeitszimmers, hinter der die Atmosphäre seiner Anstrengung hervorwehte wie eine fassbare Wolke. Vielleicht lag es daran, dass Constance sich entschieden hatte, so zu leben, wie sie es tat – damit sie nicht irgendwo ihren achtzehnjährigen Kindern über den Weg lief und das Gefühl hatte, sie sollte sich ihnen vorstellen. »Constance weiß schon, wie man es richtig macht«, hatte er einmal am Telefon gesagt, als Rita Ende zwanzig gewesen war, und sie hatte es, wie immer, als unausgesprochene Kritik an sich selbst aufgefasst, obwohl sie fand, dass er nicht Unrecht hatte.
»Constance hat etwas gelernt, das ich nicht wusste«, sagte er in einem ganz untypischen Moment der Selbstreflexion. »Wie lernen Kinder all diese Dinge, die ihre Eltern ihnen nie beibringen?«, fragte er, als wisse Rita die Antwort.
All diese Dinge hat er mir gesagt, dachte sie, als sie in ihrem hohen, blauen Zimmer stand, und ich habe nie zugehört, weil ich zu jung war oder zu dämlich oder zu wütend auf ihn, da er ständig mit diesen vielen anderen Frauen herumgemacht hat, die ihm gefielen. Jetzt wird er mir nichts mehr sagen, und ich habe keine Ahnung, was für ein Gefühl das sein wird.
Sie schaltete das Radio an, damit die Stimmen aus dem schwarzen Kasten die Stimmen in ihrem Kopf vertrieben. Sie stellte die dicke, schwarze, metallene Kaffeekanne auf den Herd, und die Stimmen von Politikern, Experten und dem Meteorologen verschmolzen hinter ihr zu einer.
Sie machte sich Pfannkuchen zum Frühstück, was sie immer tat, wenn sie ein wenig Trost brauchte. Kleine, dicke Pfannkuchen mit einem einzigen Eigelb und einer Prise Natron oder Soda, damit sie luftiger wurden. Sie aß sie mit Butter und Honig, und sie bescherten ihr so etwas wie Ruhe und Vernunft, wie es dem Essen stets gelang – das Gefühl, lebendig und in der Welt verwurzelt zu sein, als werde der Raum nicht verschwinden, egal, für wie lange sie ihn verließ. Sie blickte sich noch einmal im Zimmer um, versuchte, es sich gut einzuprägen, denn sie würde es heute verlassen und wusste nicht, wann sie es wiedersehen würde und was in der Zeit geschehen mochte, bis sie hierher zurückkehrte.
Ich muss packen, dachte sie. Ich muss einen Koffer packen und zum Bahnhof gehen. Ich muss meine bequemen Schuhe anziehen und laufen.
Sie reisten zur Insel, wie sie es immer getan hatten: auf dem langen Weg. Erst mit dem Zug von Paris nach Venedig, dann mit der Fähre, danach mit einem kleineren Boot, schließlich der weite Hafen, wo ein Wagen auf sie warten würde, und die gleiche vertraute Fahrt durch den kleinen, ockerfarbenen Ort, vorbei am Marktplatz, an der Bucht entlang, wo sie die Reihe bunter Fischerboote auf dem Kiesstrand hinter sich ließen, die den heutigen Fang schon eingebracht hatten; um einen Felsvorsprung und den kurvigen Feldweg hinunter zum Haus, das ganz unerwartet auftauchte, wo man schon nichts mehr vermutet hätte.
Ich muss einen Zug erwischen, dachte Rita. Ich muss los.
Constance wartete am Bahnhof Waterloo, makellos in einer Symphonie aus camel, taupe oder beige, einer dieser Farben, die eigentlich gar keine sind, diese kaum wahrnehmbare Schattierung, die nur eine sehr elegante Frau wahrhaft überzeugend tragen kann. Ihre Welt fällt um sie her in Trümmer, dachte Rita neidisch und verärgert, und sie sieht immer noch aus wie eine dieser Frauen, die in den siebziger Jahren griechische Großreeder geheiratet haben.
»Beeil dich«, sagte Constance, »du bist spät dran.«
Ich bin spät dran, dachte Rita, und du bist perfekt. Constance in ihren makellosen Kleidern umfing ein Hauch von Tragödie, aber nicht genug, um die Pferde scheu zu machen. Alles im rechten Maß, dachte Rita, hier werden keine Grenzen überschritten oder Barrieren gesprengt. Alles am rechten Platz und im rechten Maß. Sie straffte Gesicht und Schultern, hob ihren Körper aus der Hüfte heraus an, wie es Tänzer taten, um Haltung und Balance zu finden; der Bahnhof war weiß und seltsam gedämpft; Menschen in dunkler Großstadt-Kleidung gingen still, aber rasch und zielstrebig vorbei, denn sie mussten irgendwohin.
»Ich bin zwar spät dran«, sagte Rita, »aber jetzt bin ich da.«
Der Zug gab ein silbriges, zischendes Geräusch von sich; das war ein neues Geräusch, so gar nicht wie das alte Rattern und Klappern der Züge, an die Rita sich von früher erinnerte. Diese alten Züge hatten eine Sprache gesprochen – klapp-klapper-klapp, papperlapapp, mach noch nicht schlapp, der Bach läuft bergab – Reime, die sich im Kopf festsetzten und dort einen Rhythmus vorgaben. Die schnittigen, modernen Züge sprachen mit niemandem, sondern flüsterten nur kühl mit sich selbst, während sie sich von ihren Passagieren und der bedeutungslosen Landschaft draußen distanzierten.
Sie kamen aus dem Tunnel nach Frankreich hinein, das die erste halbe Stunde lang England beunruhigend ähnlich sah, bis plötzlich und unerwartet, wie eine Geburtstagsüberraschung oder ein Paket in der Post, das erste unzweifelhaft fremdländische Ding auftauchte – eine Reihe tintengrüner Zypressen, ein halb verschalter Schuppen, ein Bauernhof, dessen Wohnhaus nicht aus den für England typischen roten Backsteinen gebaut war, sondern aus großzügigem weißen Stein, sorglos über Jahrhunderte hinweg erweitert, voll seltener Gänse und gelbem Korn und generationenlang weitergereichter Rezepte und Geheimnisse.
Wenn der alte Zug hätte sprechen können, dann hätte er gemahnt: Steig um in Paris, steig um in Paris; wenn dieser stumme neue Zug ein paar Worte für sie übrig gehabt hätte, so hätte er gesagt: Deine Eltern sind tot, deine Eltern sind tot. Er hätte gefragt: »Was wirst du nun tun?«
Rita verspürte das plötzliche Verlangen, in Paris auszusteigen und in der Stadt zu verschwinden. Ein kurzer Zelluloidtraum lief in ihrem Kopf ab: Sie buchte sich in einem anonymen Hotel ein, im Marais vielleicht, zwischen den roséfarbenen Gebäuden des alten Judenviertels, ging in eine Bar, bandelte mit einem Mann an, dessen Namen sie nicht kannte, nahm ihn mit auf ihr Zimmer. Nach einem Todesfall war ihr immer nach Sex, das wusste sie noch von früher. Der Tod weckte in ihr das Bedürfnis, sich lüstern und leichtfertig zu verhalten, als wolle sie damit das lebendige Fleisch dem wahllosen Schnitter entgegensetzen, der uns am Ende alle holt. Wir alle wissen, dass es geschehen wird, aber wir wissen nicht, wie oder wann. Ein alter Dichter hat irgendwann geschrieben, es sei das Seltsamste am menschlichen Dasein, dass die einzige Gewissheit, die wir haben, die Unausweichlichkeit des eigenen Todes sei, ohne dass wir jedoch etwas von den Umständen ahnten; er sagte, es sei seltsam, dass die Menschen das wüssten, aber dennoch nicht vor Entsetzen kreischten, wenn sie morgens aus dem Bett stiegen.
In Paris war Constance völlig verkrampft vor Trauer; sie hielt sich still und aufrecht im trüben Licht des Bahnhofs, während sie auf ihren Anschlusszug warteten. Rita rauchte eine Zigarette und trank ein demi-pression; der dichte, erinnerungsträchtige Geschmack von französischem Bier unterschied sich so stark vom Londoner Lagerbier wie Lachen von einem Regenguss. Der Geschmack erinnerte sie an ihre Teenagerzeit, als sie auf dem Weg in die Schulferien hier Station gemacht hatte; sie erinnerte sich an den Kitzel der Freiheit, der Reise ohne Begleitung; das Gefühl, im Ausland zu sein, das ihr dieses Bier vermittelte; den verbotenen Genuss, sich Alkohol zu bestellen, eine zerknautschte Packung heimlich gekaufter Zigaretten hervorzuholen, umgeben von fremden Gerüchen und Menschen, die sie nie kennen lernen würde; klammheimliche Laster zu genießen, die ihre gestrenge Schulleiterin vor Missbilligung hätten erstarren lassen. Sie erinnerte sich an das unglaublich erregende Gefühl, dass sie alles Mögliche tun könnte, und niemand würde je davon erfahren. Da hatte sie erkannt, dass sie genau das wollte: die Freiheit, alles zu tun, was ihr in den Sinn kam, die Freiheit, sich weder um das Urteil der anderen zu scheren, noch um all die uralten ungeschriebenen Regeln, die das Leben in einen Irrgarten unterirdischer Erwartungen und Anforderungen verwandelten. Sie wollte all das abwerfen und nicht um Erlaubnis heischend über die Schulter blicken, und vielleicht war es das, was sie so viele Jahre später immer noch antrieb.
Constance, die Selbstbeherrschung besaß und der verlockenden Freiheit nicht so viel Bedeutung beimaß, trank eine Tasse Pfefferminztee und sagte nichts. Um sie her hielten alle Nationen der Welt ihre Zusammenkünfte ab: ein Tisch voll Deutscher hier, eine Gruppe Finnen dort, ein dichtes Knäuel Kurden in der Ecke; zwischen ihnen segelten die Pariser hindurch wie Schiffe, die sich ihrer heimischen Überlegenheit bewusst waren.
Constance dachte bestimmt nicht an Sex, das wusste Rita. Sie dachte an Fahrkarten und Reisepässe, daran, ob die Bettwäsche sauber sein würde, wenn sie auf der Insel ankamen. Constance hielt nicht viel von fleischlichen Genüssen; manchmal zuckte sie unwillkürlich zusammen, wenn Rita sprach, als sei deren sinnlich gelebtes Leben ein Affront oder eine Anomalie.
Ich muss das alles vergessen, dachte Rita und trank langsam ihr Bier. Ich muss die Geschichte vergessen und ihr jetzt helfen, weil ihr Mann sie verlassen und ihr Leben sich in Staub aufgelöst hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll, dachte sie, und ich habe nicht die passenden Worte für sie. Plötzlich wünschte sie, sie wären in einer Küche, damit sie kochen könnte. Ich finde nicht die richtigen Worte, um sie zu trösten und ihr etwas zu geben, dachte sie, aber ich kann sie mit Essen beruhigen. Nur leider aß Constance nicht. Diese Vergangenheit, dachte sie, die uns gepackt hält wie ein Krokodil. Wir reisen in die Vergangenheit zurück, und für mich ist sie wahrlich ein fremdes Land.
Der nächste Zug brachte sie vom herbstlichen Norden in den heißeren Süden, wo die Sonne noch eine gewisse Überzeugungskraft besaß, und dann weiter in die Nacht hinein. Hundert Mal, sinnierte Rita, habe ich diese Reise schon unternommen, und ich habe nie an den Tag gedacht, an dem ich sie unter diesen Umständen machen würde.
Als sie in Venedig aufwachte, flatterten Aufregung und Erinnerung in ihrem Magen, beinahe Vorfreude. Sie nahmen ein Wassertaxi vom schwarzen, dampfigen Bahnhof hinunter zum Hafen und erhaschten einen Blick auf diese unwahrscheinliche Stadt, die Rosa- und Gelbtöne; wie immer war die Lagune weiter und größer, als Rita sie in Erinnerung gehabt hatte. Glocken läuteten, und der vertraute Geruch von Wasser und Abwasser trieb wie Rauch zu ihr heran. Constance saß, immer noch makellos, hinten im Boot; der Wind zupfte kaum an ihrem Haar, und eine Sonnenbrille verbarg ihre traurigen Augen.
Dann kamen sie auf das Schiff, das nach Metall, Öl und heißem Essen roch; das rastlose Gefühl des Abschieds stellte sich ein. Aber noch immer keine richtige Unterhaltung; nur kleine, praktische Fragen – Hast du die Tickets? Hast du auch an ... gedacht? Weißt du, wo das ... ist?
Eigentlich bewundernswert, überlegte Rita und sah ihre Schwester an, dieser eiserne Wille. Niemand würde es erraten, wenn er nicht Bescheid wüsste.
Später in ihrer Koje überwältigte sie die Geschichte erneut, all diese Erinnerungen, die sie am liebsten von sich geschoben hätte. Ich will mich nicht erinnern, dachte sie, ich will mich auf die Gegenwart konzentrieren und nicht zurück in die Vergangenheit gelockt werden. Es kam ihr so vor, als wäre dies dieselbe Kabine, die sie immer belegt hatte, von Anfang an, als sie noch klein gewesen war.
Die Schwestern wurden fortgeschickt, eine nach der anderen, an kleine englische Internate, wo der Kohl gekocht wurde, bis kein Leben mehr darin war, wo die Böden nach dickem Bohnerwachs rochen und es immer kalt war. Sie waren zwanzig Welten entfernt von der heißen, gelben Insel, auf der sie aufgewachsen waren. Aber ihre Eltern waren zu viel unterwegs, zogen von einer Ausgrabung zur nächsten, und die Kinder mussten aus dem Weg geräumt werden. Deshalb legten Rita und Constance jedes Mal, wenn sie Ferien hatten, diesen langen Weg von England hierher zurück. Manchmal kamen sie heim und fanden das Haus hallend leer vor, und nur Penelope, die schon eine alte Frau war, seit sie mit siebenundzwanzig zur Witwe geworden war und seither nur Schwarz trug, war da, um sie willkommen zu heißen. Penelope, das traurige Herz des Hauses, die immer auf sie wartete, dafür sorgte, dass sie sich hinter den Ohren wuschen und ihr Gemüse aufaßen, und ihnen apokalyptische Geschichten vom Weltuntergang erzählte. Ab und zu waren ihre Eltern auch schon da, und manchmal hallte das Haus vor Stille wider, bis ihre Eltern nach der Hälfte der Ferien auftauchten; dann wurden die Fensterläden weit geöffnet, und die hellen Räume füllten sich mit Fröhlichkeit und Menschen.
Rita erinnerte sich an jene Reisen ihrer Kindheit, mit der verqueren Mischung aus Freiheit und Heimkehr; und Furcht, Furcht vor dem, was sie erwartete – nicht nur davor, ob das Haus nun leer sein würde oder nicht, sondern davor, wie ihre Eltern sein würden, falls sie da sein sollten. Manchmal waren sie wie trunken vom Triumph eines grandiosen Fundes; dann klingelte das Telefon unaufhörlich, Leute baten sie, Artikel zu schreiben, Vorträge zu halten und sich der Welt zu zeigen. Dann wieder lag ein Schleier von Frustration und Versagen über dem Haus wie Nebel, ihre Eltern stritten sich und fuhren sich gegenseitig an, bis Ritas Vater seine Tasche packte, die Fähre nahm und tagelang nichts von sich hören ließ; alle wussten, dass er bei einer anderen Frau war, doch niemand erwähnte es.
»Wie ist denn dein Vater?«, hatte eine von Ritas Schulfreundinnen vor einer Ewigkeit einmal gefragt, und Rita hörte sich noch jetzt mit kindlicher Stimme ernsthaft antworten: »Er ist ein launenhafter Mann.« Welch seltsame Ausdrucksweise für eine Neunjährige – das musste sie in irgendeinem gestelzten Buch gelesen haben, das ihre Sprache mit einer vorübergehenden Rechtschaffenheit angesteckt hatte.
Ihre Mutter war niemals launisch. Sie hatte einen zuverlässigen Mittelpunkt und sah die meisten Dinge philosophisch, fatalistisch; sie nahm die Welt, wie sie kam, und war sich des wechselnden Barometers von Triumph und Katastrophe bewusst. Ihr Vater hingegen betrachtete das Schicksal als persönlichen Affront; jegliches Versagen, kritische Bemerkungen von Kollegen oder gescheiterte Pläne erschienen ihm als Anzeichen einer Verschwörung, die sich direkt gegen ihn persönlich richtete. Dann wurden Türen zugeschlagen, tagelang wurde geschwiegen, ein Miasma der Frustration vergiftete das gemeinsame Frühstück, und die Kinder wussten, dass man besser wie auf rohen Eiern ging, bis es vorüber war. Wenn ihre Mutter eine Figur in einem amerikanischen Film gewesen wäre, dann hätte sie so etwas gesagt wie: »Ihr braucht nicht alles auf euch zu beziehen«, aber ihre Mutter stammte aus dem alten Europa und sagte derlei nicht.
Rita hatte das wechselhafte Temperament ihres Vaters geerbt. Deshalb erwachte sie morgens auch manchmal mit dem schweren, unerklärlichen Gefühl, dass die Welt zu Ende war, nichts mehr Wert besaß und das Leben ein kranker Scherz war. Dann musste sie sich selbst aus dem schwarzen Sumpf herausziehen und sich ein wenig Vernunft einreden. Constance dagegen nahm alles so, wie es kam, und wusste, dass man rasch vor nackten Mauern stand, wenn einem die Dinge zu viel bedeuteten und man zu sehr strebte.
Erinnerungsfetzen kamen zurück, fielen in Ritas Gedanken ein und wieder heraus, wie Knistern aus dem Radio oder eine Vorschau auf den Hauptfilm. Das Haus voller Leute, ein guter Sommer nach einer gelungenen Ausgrabung. Die richtigen Objekte waren aus der Erde geholt worden, Museen hatten Anfragen geschrieben, die Artikel wurden unter gelegentlichem akademischen Beifall verfasst, ihre Eltern waren ruhmreich nach Hause gekommen, und jeder Tag brachte Besuch und Lachen. In solchen Zeiten wurde ihrem Vater alles verziehen, wenn er am Kopf der Tafel saß, charmant und stets einen Scherz auf den Lippen, und das undurchschaubare Lächeln ihrer Mutter so etwas wie Erleichterung zeigte.
Rita dachte an die alten Männer, die sich auf der Terrasse versammelten, an das heiße Gefühl von Freundschaft, schönen Tagen und Geschichte, während alle Wein tranken und angeregt diskutierten. Sie wusste noch genau, wie ihre Mutter stets dabeisaß, ruhig und unberührbar, wie ihre Augen rätselhaft blitzten, als denke sie an einen Witz, den sie nur mit sich selbst teilte.
Rita erinnerte sich, in dieser ganzen Zeit, ihrer langen Kindheit, ihre Mutter nur ein einziges Mal ängstlich gesehen zu haben, und einmal zornig; zwei krasse Gipfel, die aus der Masse der halb vergessenen Ereignisse herausragten. Angst hatte ihre Mutter gehabt, als Constance die Steintreppe zum Meer hinabgefallen war und von der Insel fort ins Krankenhaus gebracht werden musste, damit ihr gebrochener Arm geschient und ihr angeknackster Schädel versorgt werden konnte. Damals hatte Rita Entsetzen in den Augen ihrer Mutter gesehen, nacktes, erschreckendes Entsetzen; das vergaß sie nie, und sie sah es auch nie wieder. Der Zorn war später gekommen, als Rita in ihren turbulenten Teenagerjahren steckte. Sie sollte bald ihr Examen in Französisch ablegen und rang mit den Mysterien des subjonctif, und ihre Freundinnen lachten sie aus, weil ihre Mutter Französin war – sie verstanden nicht, warum sie sich damit so schwer tat. Als Rita auf die Insel kam, fühlte sie sich wie eine dumme Versagerin und stapfte allein über den Strand, voller Vorwürfe, bis ihre Mutter fragte, was los sei.
»Warum hast du nie Französisch mit mir gesprochen?«, platzte Rita plötzlich heraus. »Ich könnte die Beste in der Klasse sein, stattdessen kapiere ich gar nichts, und das sollte ein Fach sein, in dem ich wirklich gut bin, aber was Michel mir beigebracht hat, reicht nicht. Du hast immer Englisch mit uns gesprochen. Warum hast du das getan?«
Sie wusste nicht, was sie nun erwartete: eine Entschuldigung, eine Erklärung, ein paar beruhigende Worte. Ihre Mutter hatte Paris als kleines Kind verlassen und sprach Englisch inzwischen fast ohne jeden Akzent, so dass man gar nicht merkte, dass sie nicht aus den Überresten des Empires stammte; nur sehr selten betonte sie etwas falsch oder ordnete einen Satz nicht ganz richtig.
Und plötzlich
