Die Villen vom Wiener Cottage: Wenn Häuser Geschichten erzählen
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Über dieses E-Book
Ein Villenviertel mit Grünflächen bietet dem Wiener Bürgertum ab 1872 ein attraktives neues Wohngebiet – das Währinger und Döblinger Cottage nach einer Idee des Architekten Heinrich von Ferstel.
Bald siedeln sich aufstrebende Familien aus Kunst, Kultur und Wissenschaft hier an. Der Musikwissenschaftler Guido Adler, die intellektuellen Schwestern Elise und Helene Richter, die Bildhauerin Hanna Gärtner, die Ärztinnen Melanie Adler und Marianne Stein leben hier ebenso wie Felix Saltens Kinder. Später folgen Persönlichkeiten aus Industrie und Wirtschaft wie der Tabakimporteur Kiazim Emin Bey oder der Handelsvertreter und Radrennfahrer Alfred Montor. Wer ist der Schöpfer des Schlagers »Sag beim Abschied leise Servus«? Was hat das »Rote Wien« mit dem Cottage gemeinsam? Und wie legt sich der Schatten des Nationalsozialismus auch über das idyllische Cottageviertel?
Dieser einzigartigen Welt von gestern widmet sich Marie-Theres Arnbom in ihrem neuen Buch, das so manch vergessener Familie ihre Geschichte zurückgibt.
Mit zahlreichen Abbildungen und Karte
Marie-Theres Arnbom
Geboren 1968 in Wien, Dr. phil., Historikerin und Autorin mit langjähriger Erfahrung im Kulturmanagement. Diverse Publikationen:
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Die Villen vom Wiener Cottage - Marie-Theres Arnbom
Marie-Theres Arnbom
_____________________________
Die Villen vom Wiener Cottage
Marie-Theres Arnbom
Die Villen vom Wiener Cottage
Wenn Häuser Geschichten erzählen
Mit 134 Abbildungen
Gefördert vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus
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© 2024 by Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagabbildungen: Postkarte: Sternwartestraße um 1890
© Bezirksmuseum Währing; Fotohalter: © iStock.com
Lektorat: Martin Bruny
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz, Erding
Gesetzt aus der 11/13,96 pt Minion Pro und der Myriad Pro
Designed in Austria, printed in the EU
ISBN 978-3-99050-254-9
eISBN 978-3-903441-25-5
Inhalt
Was ist das Cottage?
Gebrauchsanweisung
Weg 1
1 Fanatismus des Wahrheitssuchers. Guido Adler Lannerstraße 9
2 Elise Richter: »Eine gescheite Frau ist mir lieber als ein dummer Mann« Weimarer Straße 83
3 Von Erbsen und Pferden. Familie Tonelles Lannerstraße 22
4 Géza Kobler, »der Hakim aus dem Abendlande« Lannerstraße 30
5 Warum lügst Du, Chérie? Lannerstraße 32
6 Unser Freund Tom Anninger Lannerstraße 36
7 Das Schwimmbecken unserer Kindheit Blaasstraße 12
8 Marianne Stein. Ärztin aus Herz und Seele Blaasstraße 4
9 Der Fez in Strakonitz. Familie Fürth Hasenauerstraße 32
10 Ein Erfinder. Eine Schriftstellerin. Eine Bildhauerin. Familie Gärtner Gustav-Tschermak-Gasse 26
11 »Grete Weinberger. Bildnis meines Vaters« Gregor-Mendel-Straße 36
12 Solo-Zündhölzer im Cottage Gregor-Mendel-Straße 36
Weg 2
13 Die arme Gretl Sonnenthal ist ins Wasser gegangen Anton-Frank-Gasse 20
14 Der Tabakkönig Kiazim Emin Bey Weimarer Straße 49
15 Ein magischer Silberschein, wie im Hause eines Gnomenkönigs Weimarer Straße 59
16 Ephraim Herdan-Bey. Zwischen Jassy, Kairo und dem Cottage Hasenauerstraße 17
17 »Bob und Baby«. Die Geschichte von Paul und Anna Salten Cottagegasse 37
18 Eine verschwundene Villa. Familie Schwarz Gustav-Tschermak-Gasse 11
19 Diamanten, Autos und Radfahren. Ein Clan zwischen Singapur und Wien Hasenauerstraße 51
20 Der große Architekt Friedrich Schön Türkenschanzstraße 44
21 Hubert Gessner Sternwartestraße 70
22 Zucker und Musik. Familie Strakosch Sternwartestraße 56
Anmerkungen
Literatur und Quellen
Bildnachweis
Namenregister
Die Autorin
Eine der vielen Cottage-Villen. Der Architekt, 1895
Was ist das Cottage?
Ein Buch über das Cottage zu schreiben, klingt eigentlich überflüssig. Denn viele Menschen haben sich mit diesem so speziellen Viertel Wiens bereits beschäftigt. Gerade feierte der Cottage-Verein 150. Bestandsjubiläum, alte Postkarten schmückten das Gitter des Türkenschanzparks und führten in die Vergangenheit. Ein umfangreicher Jubiläumsband ist erschienen, mehrere Bücher porträtieren bekannte Bewohner. Wir wissen: Arthur Schnitzler lebte im Cottage ebenso wie Erich Wolfgang Korngold, die Schauspielerdynastien Thimig und Sonnenthal, Schauspieler wie Josef Kainz, die Industriellenfamilie Gutmann, der Komponist Emmerich Kálmán.
Doch im Cottage entstehen mehrere Hundert Villen – kleiner und größer, bombastisch und bescheiden. Ich habe mich also auf die Spuren von Familien begeben, die in Vergessenheit geraten sind und die ich nun kennenlernen durfte. Die Recherchen haben sich ausgezahlt. Und einen völlig neuen Blick auf das Cottage mit sich gebracht.
Die Fläche, auf der das Cottage entstand, war eine brachliegende Sandgrube. Wer baut dort ein Haus, umgeben von Sand und bei Regen von Lehm, außerhalb des Linienwalls, ohne öffentliche Verkehrsanbindung?
Idealisten, von manchen auch als Spinner bezeichnet. Exzentrische Künstler, über die so mancher Kutscher den Kopf schüttelt. Menschen, denen die Idee des Cottages gefällt, die im Grünen wohnen wollen. Mit den Jahren und der zunehmenden Anzahl an Villen, mit einem Bus, der die Anbindung in die Stadt vereinfacht, ändern sich auch die Bewohner des Cottages. Industrielle siedeln sich ebenso an wie die Intelligenzia, Ärzte lassen sich hier nieder.
Viele der Töchter zählen zu der ersten Generation der Studentinnen, sie erkämpfen ihr Recht auf akademische Bildung und gehen verschiedene berufliche Wege. Elise Richter, die erste Privatdozentin Österreichs, lebt ebenso hier wie Hanna Gärtner, die erste Bildhauerin, die einen Auftrag für den öffentlichen Raum erhält.
Das soziale Engagement vieler Cottage-Bewohner und -Bewohnerinnen überrascht in seiner Dichte. Der Einsatz für die Volksfürsorge, die Volksbildung, den sozialen Wohnbau des Roten Wien zeigt sich in vielen Aspekten: Bücher und Beratungen, Vorträge zu unterschiedlichen Themen legen Zeugnis ab für den großen sozialen, aber auch politischen Einsatz, oftmals für die Anliegen der Sozialdemokratie.
Das Cottage also als Wiege der Sozialdemokratie? Auf den ersten Blick erstaunlich, doch stammen die Begründer der Bewegung oftmals aus dem sozial denkenden Großbürgertum, dem es ein wahres Anliegen ist, die Lebensbedingungen der Arbeiter und Arbeiterinnen zu verbessern.
Erstaunliche Persönlichkeiten bevölkern nun dieses Buch, sie alle haben Spuren hinterlassen, denen es nachzugehen gilt. Die meisten waren mir unbekannt, manche verehre ich seit Studienzeiten, wie Guido Adler, den Begründer des Instituts für Musikwissenschaft. Manche gehören in unterschiedlicher Art zu meiner eigenen Familiengeschichte, wie die Familien Strakosch, Sonnenthal, Friedmann und Gessner.
Viele Menschen lernte ich kennen und tauchte mit ihnen in mir zum Teil völlig unbekannte Welten ein: die Welt des Tabaks, der Abnehmkuren, der Musikwissenschaft, der Fürsorge, der Architektur, der Zündholzproduktion, der Bildhauerei, der Pferderennen und der Operettenschlager. Die Spuren führten mich nach Ägypten wie auch nach Singapur und Thessaloniki – eine bunte Gesellschaft.
Das Jahr 1938 ändert alles radikal. Enteignung, Vertreibung, Ermordung verschonen das Cottage nicht. Viele der Menschen, die hier leben, gelten für die Nationalsozialisten als jüdisch, und einmal mehr zeigt sich, dass Religion keine Rolle spielt, sondern allein der »rassische« Aspekt gilt. Viele der Familien sind lange schon getauft, die Familien haben ihre Familiengräber auf dem Döblinger Friedhof, wie auch heute noch zu sehen ist. Die Villen im Cottage sind begehrt, viele werden an Privatpersonen »verkauft«, manche vom Deutschen Reich beschlagnahmt und weiterverkauft. Vielen der vor allem älteren Bewohner gelingt die Flucht nicht mehr, sie kommen in den Vernichtungslagern um.
Das Cottage leidet besonders unter Bombardements, viele Villen werden beschädigt oder zerstört. Nach dem Krieg versuchen die Familien, die 1938 flüchten mussten, ihren Besitz zurückzubekommen – ein schwieriges und meist langwieriges Unterfangen. In den 1950er-Jahren stehen viele der Villen wieder zum Verkauf, oft in sehr schlechtem Zustand.
Ohne Archive wäre die Forschung unmöglich. Die Mitarbeiter des Wiener Stadt- und Landesarchivs haben unermüdlich zahlreiche Aktenbestände zusammengetragen. Ich danke auch den Mitarbeitern des Österreichischen Staatsarchivs, die immer meine vielen Bestellungen bearbeitet und vorbereitet haben. Das Leo Baeck Institute in New York digitalisiert bereitwillig die umfangreichen Bestände und stellt sie zur Verfügung – eine große Hilfe und Unterstützung. Die Public Library of Performing Arts in New York hat mir ein unbekanntes Manuskript von Hans Lengsfelder in wenigen Tagen digitalisiert und geschickt.
Die unersetzbare Plattform ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek hat wieder unbezahlbare Dienste geleistet – die digitalisierten Tageszeitungen bringen Details zutage, die man gar nicht sucht.
Ulrike Polnitzky vom Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek hat mich in der heißen Phase der Bilderfindung rasch und unbürokratisch unterstützt.
Auch im Familienbesitz erhalten sich manche Erinnerungen, Briefe und Fotografien, Familiengeschichten werden niedergeschrieben, in denen der Geist und die Atmosphäre zu spüren sind. Ich danke Tom Anninger für seine langjährige Freundschaft und das Buch, in dem er sich so ausführlich mit seiner Familie beschäftigt. Ich durfte Marietta Pritchard kennenlernen, deren Buch viele Details der Familie Fürth beinhaltet. Eva Newbrun teilte mit mir per E-Mail und telefonisch ihre Erinnerungen an eine wunderschöne Villa, die schon lange nicht mehr existiert. William Hall gab mir Einblick in die Familienalben der Familie Freund. Giuliana Schnitzler erzählte mir Geschichten, die ich nur aus anderer Perspektive kannte, und ließ mich Bilder und Artefakte ihrer Familie kennenlernen.
Ein Familienhaus-Modell namens »Heimchen am Herde«. Was das wohl bedeuten mag? Wochenschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines, 1887
Viele Gespräche und Hinweise haben neue Aspekte mit sich gebracht. Ich danke Miguel Herz-Kestranek, Julia Krenslehner, Markus Kristan, Christiane Mühlegger, Sylvie Reidlinger, Solveigh Rumpf-Dorner, Ursula Storch und Christopher Wentworth-Stanley für Informationen, Fotos und Übersetzungshilfen von Französisch bis Türkisch. Verdient gemacht um die Erfassung der Cottagevillen hat sich Heidi Brunnbauer.
Mein bewährtes Mitleser-Team hat einmal mehr Durchhaltekraft bewiesen: mein Mann Georg Gaugusch, ohne dessen Recherchen vieles viel schwieriger gewesen wäre, meine Mutter Christiane Arnbom, die sehr genau alle Unklarheiten und Fehler findet; meine Schwester Elisabeth Kühnelt-Leddihn, meine Freundinnen Silke Ebster, Hanna Ecker und Monika Kiegler-Griensteidl, die gelesen, diskutiert, angeregt haben.
Der Amalthea Verlag hat mich einmal mehr unterstützt – danke!
Das Leben der in diesem Buch geschilderten Menschen bewirkte viel und muss gewürdigt werden – das grauenhafte Ende darf die Verdienste niemals übertünchen. Die Erinnerung bleibt.
Gebrauchsanweisung
Ich bin mir dieses Buch ergangen und habe neue Ecken, alte Häuser und interessante Details entdeckt. Für all die Kenner des Cottages und auch die vielen Neuentdecker habe ich zwei Wege zusammengestellt, die gemächlichen Schrittes eine gemütliche Runde ermöglichen und Geschichten aus den Villen zum Leben erwecken – ein Weg führt durch Währing, der andere durch Döbling.
So viele Geschichten hätte ich noch gerne geschrieben, doch jedes Buch hat nun einmal ein Limit. Leider. Immer, wenn ich durch das Cottage fahre, möchte ich noch viel mehr entdecken und erforschen – dieses Buch bietet wirklich nur einen Bruchteil der Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.
Natürlich muss man nicht physisch anwesend sein, auch auf dem Sofa lassen sich die Schicksale der beschriebenen Menschen erlesen, denn die Lebenswege führen in die ganze Welt, nach Amerika, Singapur und Kairo.
Das Buch möchte dazu anregen, in die Atmosphäre einzutauchen, die all diese Menschen prägte und ihnen viele unvergessliche Jahre beschert hat, in guten wie in schlechten Zeiten. Aber es möchte auch neugierig machen, sich für die eigene Umgebung, die eigene Villa zu interessieren. Wer waren die Menschen, die dieses Viertel geformt haben, die eine außergewöhnliche Atmosphäre geschaffen haben? Jedes Buch steht am Anfang der Forschung – viele Geschichte schlummern noch und wollen entdeckt werden!
Weg 1
1 Fanatismus des Wahrheitssuchers. Guido Adler
Lannerstraße 9
Drei unscheinbare braune dtv-Taschenbücher begleiteten mich durch mein Studium: das dreibändige Handbuch der Musikgeschichte, herausgegeben von Guido Adler, 1924 erstmals erschienen. Kleine Schrift, wenig Ränder, Notenbeispiele und unglaublich dichte, interessante und spannende Information zur Musikgeschichte der verschiedenen Epochen. In vielen Kapiteln finde ich beim Durchblättern meine eigenen Unterstreichungen, mit Bleistift und Lineal. Von Guido Adler selbst stammt das Kapitel über die Wiener klassische Schule, aus jedem Satz leuchten seine Begeisterung und sein fundiertes Wissen.
Guido Adler begleitet mich also schon viele Jahrzehnte. Und nun folge ich ihm in seine Villa im Cottage. Doch noch ist es nicht so weit, Guido Adler muss sich erst etablieren. Seine Liebe gilt der Musik, eigentlich der Musikgeschichte. Er studiert am Konservatorium und Jus an der Universität Wien – und aus dieser Kombination entsteht 1898 das von ihm begründete Institut für Musikwissenschaft. »Das musikhistorische Institut in Wien heißt: Guido Adler«, schreibt seine ehemalige Studentin, die Journalistin Elsa Bienenfeld. »Mit diesem Namen ist seine Gründung, sein Aufblühen verknüpft und weit darüber hinaus die Bedeutung, die es gewonnen hat. Guido Adler begann damit, die Geschichte der Musik nach den Methoden einer exakten Wissenschaft auszubauen. Er brachte System in die musikalische Forschung. Die Musik hat, als einzige unter den Künsten, die Eigenschaft abzusterben, wenn sie nicht von lebendigen Menschen gepflegt wird.« Und dann folgt ein bezeichnender Satz, der als Motto seines ganzen Schaffens gelten kann: »Er setzte den Fanatismus des Wahrheitssuchers dafür ein.«¹
Als glühender Verehrer Richard Wagners ist Adler federführend 1873 an der Gründung des Wiener Akademischen Wagner-Vereins beteiligt und begegnet dem verehrten Meister auch in Bayreuth. Mit Gustav Mahler verbindet Adler eine innige Freundschaft – er lebt in der Welt der Komponisten im Wissen, dass sein Talent dafür nicht ausreicht und er der Musik eben auf andere Weise dienen will und kann.
1887 heiratet er Betti Berger, deren Großvater Simon und Vater Heinrich zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des Wiener orthodoxen Judentums zählen.² Sie etablieren in Wien ein erfolgreiches Indigo- und Farbwarengeschäft, das es Heinrich ermöglicht, die Parzelle Gonzagagasse 5/Salztorgasse 3 an der Wiener Ringstraße zu erwerben und ein Zinshaus errichten zu lassen. Er stirbt 1899 und hinterlässt seiner Tochter Betti genügend Vermögen, um im Jahr 1900 das Grundstück Lannerstraße 9/Ecke Vegagasse 13 zu kaufen. Guido und Betti lassen sich von den Stadtbaumeistern Viktor Fiala und Oskar Laske eine Villa erbauen mit genügend Platz für die Kinder Melanie und Hubert Joachim – und die stets wachsende Bibliothek.
Villa Adler in der Lannerstraße 9
Guido Adler zu seinem 70. Geburtstag. Der Tag, 1. November 1925
Guidos Kollege Carl Engel beschreibt die Atmosphäre: »Das große Fenster von Adlers Arbeitszimmer blickte auf seinen Garten mit seinen schattenspendenden Bäumen, in denen die Vögel fleißig sangen. Die Wände des Raumes waren mit Bücherregalen bedeckt, die bis zur Decke reichten. Sein Schreibtisch stand in der Nähe des Fensters; der mit Büchern und Noten bedeckte Flügel stand in einer Ecke; eine Etagere mit Farnen und Blumentöpfen trug den Garten ins Zimmer; und zu guter Letzt war da noch das Sofa für seine Siesta, an der er ebenso konsequent festhielt wie an seiner Nachmittagsjause – Kaffee und Kuchen –, unverzichtbar für jeden echten Wiener.«³
Die Beschäftigung mit Musik entwickelt sich zur Wissenschaft – eine völlig neue Herangehensweise, die Studenten und Studentinnen anzieht, wie Elsa Bienenfeld erzählt: »Während früher die Vorlesungen kaum beachtet waren, nahm die Frequenz unter Adler einen rapiden Aufschwung, und vor Ausbruch des Krieges gab es mehr als hundert im Semester inskribierte Studenten und Studentinnen. Die größte Zahl der an österreichischen und deutschen Bühnen wirkenden Kapellmeister hat musikwissenschaftliche Bildung genossen. Es gehört nicht zu den geringsten Verdiensten Adlers, diesen Stand intellektuell bedeutend gehoben zu haben.«⁴
1905 erhält Guido Adler von seinem Freund Gustav Mahler ein ganz besonderes Geschenk: die Originalpartitur des Liedes Ich bin der Welt abhanden gekommen mit einer ganz besonderen Widmung: »Meinem Freund Guido Adler (der mir nie abhanden kommen möge) als ein Andenken an seinen 50. Geburtstag.«
Doch wie kann man sich diesen Wissenschafter, der auf allen Fotos vollbärtig ernst in die Kamera blickt, vorstellen? Sein Kollege Carl Engel, Leiter der Musikabteilung der Library of Congress in Washington, beschreibt ihn: »Er ging mit elastischem Schritt und führte lebhafte Gespräche in seinem flotten Wiener Vokabular. Wenn ihm danach war, hielt er Menschen jeden Alters und jeder Herkunft auf der Straße an und redete mit ihnen über alles, was ihm passierte.«⁵
Die Kinder Hubert Joachim und Melanie treten in die Fußstapfen ihres Großvaters Joachim Adler und studieren beide Medizin – ein Karriereschritt, der ihrem Vater verwehrt wurde, musste doch seine Mutter ihrem Mann am Totenbett versprechen, dass keines ihrer Kinder Medizin studiere.⁶ Für die Enkelkinder gilt dieses Versprechen aber nicht mehr. Hubert Joachim eröffnet eine Ordination in dem ihm und seiner Schwester gehörenden Haus in der Gonzagagasse 5. Melanie studiert in Wien und Innsbruck und promoviert 1936, übt ihren Beruf jedoch nie aus.
Tom Adler, Hubert Joachims Sohn, erinnert sich an Erzählungen über seine Tante: »Ihre eigene Familie, möglicherweise mit Ausnahme ihres Vaters, sah Meli als einen seltsamen Vogel an. Nach ihrem Abschluss ließ sie sich nirgendwo nieder, arbeitete nie, hatte nur wenige oder keine Freunde in Wien und lebte getrennt von der Familie an einem unbekannten Ort – bis sie 1938 zu Guido zog. Sie ›ging weg‹ nach München, Graz oder einem der vielen Kurorte auf dem Land, und niemand in der Familie wusste, warum. Möglicherweise suchte sie nach einem Heilmittel für eines ihrer mysteriösen und möglicherweise eingebildeten Leiden.«⁷ Für ihre Familie bleiben Meli und ihr Lebensstil ein Rätsel. »Auf keinem der Familienfotos lächelt sie, ihre Kleider waren schlicht, sie verwendete kein Makeup. Ihr Lebensstil sorgte für Gerüchte in der Familie, Betti meinte über ihre Tochter: ›Sie tat Dinge, über die man nicht sprach.‹«⁸ Für Spekulationen bleibt auch innerhalb der Familie reichlich Platz.
1927 endet Guido Adlers Zeit als Vorstand des von ihm gegründeten und entwickelten Instituts für Musikwissenschaft. Man sollte meinen, dass seine Meinung bei der Nachbesetzung seiner eigenen Stelle eine gewichtige Rolle spielt – doch die immer stärker spürbaren politischen Gegensätze weisen in eine völlig andere Richtung, sogar die Zeitungen schreiben darüber. Favorit der Universität ist Professor Robert Lach, der im schärfsten Gegensatz zu Guido Adler steht. »Die Angelegenheit hat nämlich eine Wendung genommen, aus der hervorgeht, daß bei der Besetzung der Lehrkanzel bei Guido Adler keineswegs sachliche, sondern in erster Reihe politische Momente extremster Natur maßgebend gewesen sind«, berichtet das Neue Wiener Journal am 30. September 1927. »Der Kandidat der Universität ist nämlich niemand anderer als Professor Doktor Robert Lach, über dessen unkünstlerische Einstellung in Fragen der modernen Musik keine Zweifel vorherrschen können. Hat sich doch Lach nicht gescheut, das Künstlertum eines Gustav Mahler in einer kritisch kaum ernst zu nehmenden Weise herabzusetzen, ebenso spielt er sich als Gegner von Richard Strauss auf, ohne jedoch auch nur einen Gedanken auszusprechen, der ein tieferes Verständnis für Strauß und seine künstlerische Mission verraten würde.«
Drei Jahre zuvor hat sich Guido Adler dafür eingesetzt, Richard Strauss das Ehrendoktorat der Universität Wien zu verleihen, doch opponierte Robert Lach dagegen und »versuchte der Fakultät glaubhaft zu machen, daß Richard Strauss ein nicht ernst zu nehmender Blender und ein ›musikalischer Faiseur‹ sei. Seinen Haupttrumpf spielte er jedoch damit aus, daß er folgendes zu bedenken gab: Richard Strauss hat seine Hauptwerke gemeinsam mit Hugo von Hofmannsthal, der Jude ist, geschrieben, und es wäre gegen den Geist der Fakultät, einem derartigen Künstler den Hut des Ehrendoktors aufzusetzen.«⁹
Robert Lach wird zu Guido Adlers Nachfolger berufen.
Dieser zieht sich in seine Bibliothek, seine Villa zurück und widmet sich umso intensiver der Forschung und der Kontaktpflege mit Absolventen und Absolventinnen. 1933 stirbt seine Frau Betti, Tochter Melanie kümmert sich zunehmend um den Vater und zieht 1938 wieder ganz in die Lannerstraße. In Zeiten von Angst rücken Vater und Tochter eng zusammen.
Hubert Joachim gelingt mit seiner Frau Marianne und den beiden Kindern die Flucht. Am 22. August 1938 erreichen sie mit der siebenjährigen Evelyn und Tom,
