Let Me Go: Wenn die Depression nicht loslässt
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Über dieses E-Book
Hinter mir liegt ein langer, steiniger Weg. Und auch vor mir türmen sich immer noch Berge und reißen Schluchten auf, die es zu überwinden gilt.
Durchlaufen Sie mit mir eine Zeit, in der ich ganz unten im Tal, und dem Tod näher als dem Leben war. Und mich doch wieder aufgerappelt habe und die felsigen Klippen emporgeklettert bin.
Ein Buch über das Verzweifeln und Hoffnungsschöpfen, vom Anfang und vom Ende. Und von der Kunst, sich doch nicht aufzugeben.
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Buchvorschau
Let Me Go - Stefan Gatzemeier
Eiskalt
Dass sich mein Leben am Freitag, den 02.07.2010, schlagartig ändern würde, hätte ich nie gedacht. Ich ging davon aus, dass die größte Veränderung die Geburt meines ersten Kindes bedeuten würde, aber nicht, dass meine Frau mich verlässt.
Dass etwas nicht stimmte merkte ich natürlich. Wir waren im Schlafzimmer. Sie löste sich aus meiner Umarmung, stand auf und schlug ihre Bettdecke zusammen, was sie in den letzten siebeneinhalb Jahren nie getan hatte.
Ja, wir hatten während der letzten Tage etwas Stress miteinander wegen des Umzugs gehabt. Er sollte ein Neuanfang in ein besseres Leben werden und für Abstand zu ihren Eltern sorgen. Seit fünf Tagen wohnten wir nun in unserer neuen Wohnung. Der Umzug war vollbracht und fast alle Kartons ausgepackt.
Wir haben uns nahezu komplett neu eingerichtet und viele Möbel und alte Erinnerungen weggeworfen.
Stress war für uns nichts Neues, wir brauchten das. Das machte uns aus. Die Fetzen flogen und danach ging es uns wieder gut. In den ganzen Jahren gingen wir nur einmal ohne Aussprache ins Bett.
Liebst du mich noch?
, fragte ich sie, als sie aus dem Schlafzimmer gehen wollte.
Sie drehte sich um, schaute mich kurz an und verließ dann wortlos den Raum. Keine fünf Minuten später kam sie zurück, schaute mich wieder an und sprach dann die Worte, die mein Leben total auf den Kopf stellten.
„Ich habe keine Gefühle mehr für dich." Meine Welt brach in diesem Moment wie ein Kartenhaus zusammen.
Sie erklärte mir, dass sie bereits seit langem nur noch wie Bruder und Schwester fühle.
Außerdem hätte ich mich nicht weiterentwickelt und sie hätte mit ihren Problemen nicht mehr zu mir kommen können. Mit meinen Depressionen und Aggressionen käme sie sowieso nicht klar.
Ich habe sie in diesem Moment nicht wiedererkannt. Sie war emotionslos und eiskalt. Noch heute läuft mir ein eisiger Schauer den Rücken herab, wenn ich daran denke.
Mir fehlen die Worte um das, was ich in diesem Moment gespürt habe, zu beschreiben. Die Frau, die ich so sehr liebte, mit der ich Kinder haben wollte, erklärte mir, dass ich ein Verlierer bin. Es schien mir, als wäre es nicht meine Frau, die diese Worte von sich gab, sondern eine Fremde.
Meinen Einspruch, dass sich mein Zustand verbessert habe, lehnte sie vehement ab und bestand darauf, dass es schlimmer geworden wäre mit mir. Überhaupt sei sie mit mir nur in diese Wohnung gezogen, um aus ihrem Elternhaus zu entkommen – zu jedem Preis.
Sie meinte noch, dass es keinen anderen Mann gäbe. Mit mir geschlafen habe sie nur noch, weil sie „Bock" darauf hatte, nicht, weil sie mich liebte. Ausgerechnet sie, die Liebe und Sex nicht trennen konnte, sagte mir so etwas?! Nachmittags bot sie mir sogar noch an, mit mir zu schlafen.
„Ich mache sofort die Beine breit", waren ihre Worte.
Ich saß noch immer kerzengerade im Bett, nachdem sie zur Arbeit gegangen war, verstand gar nichts mehr und verfiel in eine Art Schockstarre. Für mich war an Arbeit ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken und ich nahm mir ohne zu zögern frei. Dass der voran gegangene Tag mein letzter Arbeitstag für viele Wochen gewesen sein würde, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Alles, was ab diesem Tag bis zu meiner Aufnahme in der Klinik 12 Tage später passierte, daran erinnere ich mich nur schemenhaft.
Wer war ich? 29 Jahre alt, fast 4 Jahre verheiratet, geprägt von Vorurteilen anderen Menschen gegenüber und stark nationalsozialistisch eingestellt. Meiner Meinung nach war ich so, wie andere es von mir erwarteten.
Ich habe gelernt Leid zu ertragen, Schmerzen zu verbergen und mit Tränen in den Augen zu lachen... NUR, um den anderen zu zeigen, dass es mir gut
geht und, um sie glücklich zu machen!!!
Dass ich Depressionen hatte, war mir im vergangen Jahr (2009) richtig klargeworden. Es war Ende Oktober und ich hatte 3 Wochen Urlaub. Ich hatte niemandem meine Sorgen anvertraut. Drei voneinander unabhängige Tests habe ich im Internet gemacht und alle hatten dasselbe Ergebnis: Sofort behandlungsbedürftige Depressionen. Ich dachte mir damals schon, dass es Depressionen sein könnten, hätte sie aber niemals auf behandlungsbedürftig eingestuft. Und ich war der Meinung allein damit klar zu kommen. Dass mich die Depression damals schon komplett im Griff hatte, daran hatte ich nicht gedacht. Kaum ein Mensch, der nicht die Vielschichtigkeit einer Depression kennt, hätte das damals erkannt.
Erst im Weihnachturlaub auf den Malediven habe ich mich ihr anvertraut. Dadurch entstand der größte Streit unserer Beziehung.
Ihr Kommentar dazu war simpel. Wo andere zu ihren Ehemännern sagen: „Mit Liebe schaffen wir das, erklärte meine Frau: „Ich weiß nicht, ob ich damit leben will!
Das Fazit war, dass wir es vorerst ohne ärztliche Hilfe versuchen wollen. So starteten wir ins neue Jahr.
Unser Streit entfachte sich schließlich durch das Pärchen, das wir auf dem Hinflug von Frankfurt kennengelernt hatten: Sie war ein Niemand und er ein Prahler.
Solche Männer mochte meine Frau. Angeber, die gut reden können und viel Geld verdienen. Die Frau des Möchtegerns ließ sich von ihm aushalten, doch das alles sah meine Frau nicht. Die beiden verstanden nicht, warum ich am Strand sitzen und meine Ruhe haben wollte. Er war der Meinung, sich ein Urteil über mich bilden zu können, indem er feststelle, dass ich nicht normal sei. Er riet meiner Frau sogar, sich rechtzeitig von mir zu trennen. Jung genug sei sie schließlich.
Als sie mir davon berichtete, wollte ich wissen: „Hast du mich wenigstens verteidigt?"
Sie schüttelte nur den Kopf. Das zog mir förmlich den Boden unter den Füßen weg. Meine eigene Frau hält nicht zu mir!
Als wir wieder zu Hause waren, rief ich meine Mutter an und gestand ihr unsere Probleme und meine Depressionen. Dass ich Depressionen habe, wüsste sie schon lange. Sie habe sich lediglich nicht in unser/mein Leben einmischen wollen. Außerdem hätte ich ihr sowieso nicht geglaubt. Zudem wäre ihr bekannt, dass ich Probleme mit meinen Aggressionen habe. Sie hatte recht: Hausratsgegenstände, Wände, Türen wurden in den letzten Jahren in Mitleidenschaft gezogen.
An jenem Freitag folgte die erste Nacht, die ich auf der Matratze in der Stube verbrachte. Ich hatte Heulkrämpfe und lag mit Schmerzen auf dem Boden, sie ließ mich liegen ohne eine einzige Regung. Ich war gefangen in einem Alptraum, von dem ich nicht aufwachte und ich flehte innerlich: „Weckt mich endlich auf!"
Am frühen Abend des darauf folgenden Tages, sie war bei ihren (damals noch unseren) Freunden zum Fußball schauen, begann ich Tabletten zur Beruhigung zu schlucken. Ein Muskelrelaxan, ein Mittel, das die Muskeln entspannt und einen sehr schnell schläfrig macht und inzwischen vom Markt genommen worden ist.
Ich hatte es früher vom Arzt verschrieben bekommen. Nach der dritten Tablette musste ich, warum auch immer, an meinen Arbeitskollegen denken. Er war bestimmt sauer, dass ich ihn auf der Arbeit sitzen ließ. Ich rief ihn an und erzählte ihm alles. Ich glaube heute, dass genau dieser Anruf mir das Leben gerettet hat. Die Packung mit den Pillen hätte ich leer gemacht, was mir mit Sicherheit das Leben gekostet hätte. Nachschub hatte sich über die Jahre reichlich angesammelt. Dass ich mir in diesem Moment die Lichter ausschießen wollte, wurde mir erst später klar. Es ist erschreckend zu was man in der Lage ist, wenn man verzweifelt ist. Der Griff zu den Tabletten war in diesem Moment ein Automatismus.
Als meine Frau mich so sah, legte sie mir nahe auszuziehen, weil sie meinen Anblick nicht mehr ertragen könne.
Trotz der Tabletten die ich zu mir genommen hatte, zog ich in der Nacht zum Sonntag aus. Wie ich um halb drei Uhr morgens bei meiner Mutter landete, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich an die Fahrt zu ihr nicht erinnern.
Ab diesem Zeitpunkt habe ich nahezu nichts mehr gegessen und getrunken. Kaum noch ansprechbar und abwesend brachte mich meine Mutter am Sonntagmittag zum Notarzt, der mich ohne lang zu überlegen sofort mit dem Krankenwagen in die psychiatrische Klinik nach Köthenwald bringen ließ. Da auf der offenen Station kein Bett frei war und der Oberarzt mich nicht auf die geschlossene schicken wollte, durfte ich nach Hause. Er sagte mir aber einen Platz zu, sobald er verfügbar wäre.
Zuhause gab es für mich nicht mehr. Auch wenn es in dem Moment mein geringstes Problem war, war die Tatsache, keine eigene Wohnung mehr zu haben, sehr beschämend. Meine Mutter wurde angewiesen, mich unter ständiger Beobachtung zu halten.
Am Montagvormittag rief meine Frau mich an und erzählte mir irgendetwas von Kontoauflösung und Autokredit Umschreibung. Sie hätte auch vor, sich komplett von mir zu trennen, erzählte sie mir beiläufig. Einen notariellen Vertrag hätte sie in Bearbeitung, damit die Scheidung so schnell wie möglich über die Bühne gehen würde. Meine wichtigsten Sachen könnte ich abholen.
Scheidung... Da war es, dieses Wort, das ich in unserer Ehe nie hören wollte. Doch in diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges. Es ging mir schlagartig besser, weil ich nicht mehr zusehen musste, meine Ehe zu retten. Sie war vorbei und ich konnte mich auf mich selbst konzentrieren. Ich konnte die Scheidungsunterlagen an meine Anwältin abgeben und hatte eine Last weniger zu tragen. Ich brauchte Hilfe, Unterstützung für ein anderes Leben. Unterstützung oder wenigstens Verständnis bekam ich von der ganzen Familie. Meiner Familie!
Die nächsten Tage verbrachte ich mit organisatorischen Vorgängen: Umschreibungen, Kontoeröffnung, meine persönliche Sachen aus der Wohnung holen usw. Ja, meine Habseligkeiten waren bereits verpackt. Die Wohnung betrat ich nur noch unter Zeugen und wenn sie nicht da war. Ich wollte ihr nicht mehr begegnen. Einzelne Zimmer waren abgeschlossen. Ich hätte darin nichts zu suchen, so ihre Erklärung. Wahllos war alles zusammen geworfen. Es folgten noch einige Telefonate mit meiner Frau, wo sie mir noch einiges vorwarf und nur noch die schlechten Zeiten in unserer Ehe aufzählte – z.B. warum sie mich doofes Schwein überhaupt lieben konnte. Solange ich mit ihr in Kontakt stand, kam sie mir eiskalt und mit einer von ihr unbekannten Hochnäsigkeit entgegen. Sie wusste ganz genau, wo sie mich treffen konnte. Eineinhalb Wochen später war ich dann stationär in der „Klinik für die Seele".
Zur Vorbereitung auf meinen Klinikaufenthalt sollte ich meine Erwartungen aufschreiben. Ich musste nicht lange darüber nachdenken.
Da meine Frau sich inzwischen komplett von mir getrennt hat, brauche ich mich nicht mehr darum zu kümmern, eine Ehe zu retten. Ich muss lernen, mit diesem Schmerz und dieser tiefen Enttäuschung, umzugehen. Zeit heilt bekanntlich alle Wunden, doch nicht immer geht der Schmerz! Mir tut es unendlich weh zu sehen bzw. zu hören, dass es ihr ohne mich gut geht. Der Gedanke, dass es dort mal einen anderen Mann geben wird, den sie liebt, der sie berührt, der sie tröstet, wenn sie traurig ist, ruft ein unheimlich schmerzvolles Gefühl und Selbstzweifel in mir hervor. Ich habe früher immer darüber gelacht, wenn jemand sagte „mein Herz wurde gebrochen oder „mein Herz ist in tausend Teile gesprungen
. Heute kann ich diese Worte mehr als verstehen. Ich kann sie am eigenen Leib spüren. Mein Herz wurde förmlich aus mir herausgerissen. Ja, die Schmerzen sind nicht nur in meiner Seele, in meinem Herzen auch!
Ich möchte lernen damit umzugehen, eine Narbe wird bleiben, aber ich muss mit dieser Narbe leben können.
Narben auf dem Körper sind Zeichen, dass man gelebt hat.
Narben auf der Seele, dass man geliebt hat!!!
Zudem muss ich lernen wieder allein zu sein, was ich die letzten 8 Jahre nie wirklich war. Es gibt nichts Schlimmeres als allein zu sein. Ich fange dann immer an mich „einzuigeln" und bin alles andere als kontaktfreudig. Ich starre regelrecht vor mich hin, mich überkommen Traurigkeit, Selbstzweifel und Grübeleien. Auffällig oft, wie auch gerade, verbunden mit Schlafstörungen und Nervosität. Häufig kommt das in der dunklen Jahreszeit vor.
Dann gibt es noch diese andere Seite von mir, die aber merkwürdigerweise zu 90% nur in meinem Privatleben vorkommt. Nicht auf der Arbeit. Da dauert es recht lange bis das Fass zum Überlaufen gebracht wird. „Der geht hoch, wie ein HB Männchen" passt am besten zu mir im Privatleben. Ich habe das nur nicht mehr unter Kontrolle, ich sage und mache Sachen, die ich eigentlich so nicht will. Ich werde aggressiv und leider seit einiger Zeit auch gewalttätig. Keinem anderen Menschen gegenüber, da gebe ich Brief und Siegel drauf. Mir selbst Gegenüber. Ich schlage mich, ich boxe mich und ich bin ein Meister darin, mir selber seelische Schmerzen zuzufügen. Unsere Katzen lehnen mich ab und da könnte ich durchdrehen. Ich will den beiden doch nur Gutes, warum haben sie Angst vor mir? Ich hasse mich so sehr. Ich bin ein schlechter Mensch!
Klappt oder funktioniert etwas nicht bzw. sage ich wieder böse Sachen, verspüre ich diesen Drang, mich selbst zu verletzten. Mich zu bestrafen.
Ich schlage gegen Wände, sage wieder Sachen, die alles noch schlimmer machen oder zerstöre leicht beschädigte Sachen komplett. Ich möchte einfach lernen, wie ich mich besser unter Kontrolle halten kann, bevor noch alles viel schlimmer wird. Wie man mit Depressionen, Traurigkeit und Selbstzweifel umgehen kann. Ich will mich ändern. Es wird ein hartes Stück Arbeit, das weiß ich. Man kann alles lernen, man braucht für manches aber einen Lehrer, eine Anleitung und einen Schubs in die richtige Richtung.
Ich will (muss) mich ändern! Brauche dafür aber Hilfe, weil mein Akku zurzeit nur noch auf Reserve läuft!
Mit freundlichen Grüßen
Stefan Gatzemeier
Boxer
An meinem zweiten Tag in der Klinik waren meine Gedanken fast ausschließlich bei meiner Frau. Die Frau, die mich nicht mehr wollte. Der Visite habe ich gesagt, dass ich keine Beruhigungstabletten mehr nehmen möchte. Ich war müde, als hätte ich tagelang nicht geschlafen, und konnte nur geschwollen reden. Doch zum Reden war ich schließlich dort. Also wurde mir gestattet, sie bei Bedarf zu nehmen. Lediglich die Antidepressiva waren Pflicht.
Die Entscheidung, meine Frau derzeit nicht sehen zu wollen, war meines Erachtens die absolut richtige. Mit ihrem Verhalten machte sie es mir leichter. Was auch immer in ihr vorging – ich verstand es nicht und es machte mich traurig. Wie kann jemand ertragen, den Menschen, den man mal geliebt hat, so leiden zu sehen?! Eines wusste ich: ihrem Freundeskreis erzählte sie Halbwahrheiten. Mir zu sagen „Ich liebe dich nicht mehr" ist eine Sache. Musste sie aber noch in der Wunde herumstochern? Immerhin war ich derjenige gewesen, der sich nach dem Tod ihrer Großeltern aus dem Streit mit ihrer Mutter herausgehalten hatte. Es gab Ungereimtheiten beim Verteilen des Erbes, und erst als meine Frau durch diesen Streit krank wurde, bat ich alle an einen Tisch für eine Aussprache. Es half alles nichts, sie sprach nach der Aussprache noch weniger mit ihr als zuvor. Jetzt hieß es, ich hätte sie angeblich angestachelt und ich wäre an diesem Streit Schuld. Zudem hielt sie mir vor, ich würde ihr Geld für den LKW-Führerschein schulden, den ich am Anfang unserer Ehe gemacht hatte. Der LKW-Führerschein ist zum großen Teil von der Steuer absetzbar und wir vereinbarten bei der Rückerstattung, dieses Geld für einen gemeinsamen Urlaub zu verwenden. Letztendlich waren wir davon 15 Tage in der Karibik. Doch das sah sie jetzt völlig anders.
Und sie betonte erneut, dass es ja mehr als gerecht ist, wenn wir die neue Wohnung neu einrichteten und ich davon jetzt nichts mehr bekommen sollte. Ich wusste, dass ich diese Gedanken loswerden musste. Ich wünschte mir jedoch, dass ihr Freundeskreis alles herausbekommen und sie dafür bestrafen würde. Waren das schon diese Hass-Gedanken, von denen man mir berichtet hat? Darf man die haben? Ich wusste es nicht und war ratlos. Ich hatte bereits viele Niederlagen erlitten, doch diese schlug mich k.o. Davon musste ich mich nun erholen. Mir war klar, dass es nicht einfach werden würde und Zeit bedurfte. Aber ich wollte aufstehen. Ein Boxer beendet nur selten seine Karriere mit einem erhaltenen k.o. Hoffentlich gehörte ich zu jenen Kämpfern, die sich erholen. Es fühlte sich sogar fast so an, als freute ich mich auf einen Neuanfang und die Herausforderung. Ja, ich würde wiederkommen, vielleicht sogar stärker als zuvor.
Gefühlschaos
Am dritten Tag in der „Klinik für die Seele" bestanden meine Gefühle aus Angst und Unsicherheit. Ich versuchte mich nicht unterkriegen zu lassen.
Der Weg, den ich gehen musste, war lang und steinig und ich fürchtete, über diese Steine oder gar über meine eigenen Füße zu stolpern. Alle Probleme, die ich hatte, die mich quälten, wollte ich am liebsten auf einmal lösen, damit ich von ihnen befreit wurde. Allerdings waren langsame und kleine Schritte angebracht. Außerdem musste ich den Fokus auf mich selbst richten, ohne an die Sorgen anderer zu denken. Schließlich schleppte ich genügend Ballast mit mir herum.
Die Hilfe, die ich erhielt, brauchte ich. Das erste Gespräch mit der Psychologin tat gut. Frau Korona hatte sofort einen Zugang zu mir gefunden. Sie warnte mich jedoch vor, dass mich demnächst eine Kollegin betreuen würde, weil sie selbst in den Urlaub ging. Mir war das egal, ich wollte mir alles von der Seele reden, mit wem auch immer. Der Schmerz und die Frage nach dem Warum fraßen mich auf.
Ich konnte mir gar nicht vorstellen, die Klinik ohne ambulante Unterstützung zu verlassen. Von meinem Arbeitgeber erhielt ich Rückendeckung. Zum Glück, denn ich hatte gerade erst zum Anfang des Monats meinen Festvertrag bekommen. Eine weitere Last, die mir genommen worden war. Nur wer seine Gedanken unter Kontrolle hat, ist wirklich
