Transmission von Trauma: Zur Psychodynamik und Neurobiologie dysfunktionaler Eltern-Kind-Beziehungen
Von Eva Möhler
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Über dieses E-Book
Eva Möhler
Prof. Dr. med. Eva Möhler ist stellvertretende ärztliche Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg und Chefärztin der SHG-Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie. 2008 erhielt sie die Venia Legendi der medizinischen Fakultät Heidelberg. In ihrer Habilitationsschrift sowie daran anschließenden Forschungsprojekten widmet sie sich den Themen Early Life Stress, Misshandlung und Trauma.
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Buchvorschau
Transmission von Trauma - Eva Möhler
Vorwort zur Reihe
Zielsetzung von PSYCHODYNAMIK KOMPAKT ist es, alle psychotherapeutisch Interessierten, die in verschiedenen Settings mit unterschiedlichen Klientengruppen arbeiten, zu aktuellen und wichtigen Fragestellungen anzusprechen. Die Reihe soll Diskussionsgrundlagen liefern, den Forschungsstand aufarbeiten, Therapieerfahrungen vermitteln und neue Konzepte vorstellen: theoretisch fundiert, kurz, bündig und praxistauglich.
Die Psychoanalyse hat nicht nur historisch beeindruckende Modellvorstellungen für das Verständnis und die psychotherapeutische Behandlung von Patienten und Patientinnen hervorgebracht. In den letzten Jahren sind neue Entwicklungen hinzugekommen, die klassische Konzepte erweitern, ergänzen und für den therapeutischen Alltag fruchtbar machen. Psychodynamisch denken und handeln ist mehr und mehr in verschiedensten Berufsfeldern gefordert, nicht nur in den klassischen psychotherapeutischen Angeboten. Mit einer schlanken Handreichung von 70 bis 80 Seiten je Band kann sich die Leserin, der Leser schnell und kompetent zu den unterschiedlichen Themen auf den Stand bringen.
Themenschwerpunkte sind unter anderem:
–Kernbegriffe und Konzepte wie zum Beispiel therapeutische Haltung und therapeutische Beziehung, Widerstand und Abwehr, Interventionsformen, Arbeitsbündnis, Übertragung und Gegenübertragung, Trauma, Mitgefühl und Achtsamkeit, Autonomie und Selbstbestimmung, Bindung.
–Neuere und integrative Konzepte und Behandlungsansätze wie zum Beispiel Übertragungsfokussierte Psychotherapie, Schematherapie, Mentalisierungsbasierte Therapie, Traumatherapie, internetbasierte Therapie, Psychotherapie und Pharmakotherapie, Verhaltenstherapie und psychodynamische Ansätze.
–Störungsbezogene Behandlungsansätze wie zum Beispiel Dissoziation und Traumatisierung, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Borderline-Störungen bei Männern, autistische Störungen, ADHS bei Frauen.
–Lösungen für Problemsituationen in Behandlungen wie zum Beispiel bei Beginn und Ende der Therapie, suizidalen Gefährdungen, Schweigen, Verweigern, Agieren, Therapieabbrüchen; Kunst als therapeutisches Medium, Symbolisierung und Kreativität, Umgang mit Grenzen.
–Arbeitsfelder jenseits klassischer Settings wie zum Beispiel Supervision, psychodynamische Beratung, Soziale Arbeit, Arbeit mit Geflüchteten und Migranten, Psychotherapie im Alter, die Arbeit mit Angehörigen, Eltern, Familien, Gruppen, Eltern-Säuglings-Kleinkind-Psychotherapie.
–Berufsbild, Effektivität, Evaluation wie zum Beispiel zentrale Wirkprinzipien psychodynamischer Therapie, psychotherapeutische Identität, Psychotherapieforschung.
Alle Themen werden von ausgewiesenen Expertinnen und Experten bearbeitet. Die Bände enthalten Fallbeispiele und konkrete Umsetzungen für psychodynamisches Arbeiten. Ziel ist es, auch jenseits des therapeutischen Schulendenkens psychodynamische Konzepte verstehbar zu machen, deren Wirkprinzipien und Praxisfelder aufzuzeigen und damit für alle Therapeutinnen und Therapeuten eine gemeinsame Verständnisgrundlage zu schaffen, die den Dialog befördern kann.
Franz Resch und Inge Seiffge-Krenke
Vorwort zum Band
Frühe Gewalterfahrungen können nicht nur für die Betroffenen selbst nachhaltige traumatische Folgen haben, sondern sich auch auf die nächste Generation erstrecken, wenn die Opfer von Misshandlungen durch das Trauma in ihrer eigenen Elternschaft beeinträchtigt sind. Der Mechanismus wird als transgenerationale Weitergabe von Interaktions- und Misshandlungserfahrungen bezeichnet. Einer »Transmission von Trauma« wird zunehmend Bedeutung zugemessen und auch empirisches Forschungsinteresse entgegengebracht.
Die frühkindliche Bindung zur primären Bezugsperson schafft nicht nur günstige Entwicklungsbedingungen für das Kind, sie hat direkte Einflüsse auf die Funktionstüchtigkeit des kindlichen Gehirns und führt dazu, dass wichtige Strukturen zur emotionalen Regulation sich überhaupt herausbilden können. Den frühen Interaktionen kommt also eine große Bedeutung für die Entwicklung des kindlichen Selbst zu. So führen frühe Mangelzustände an Fürsorge und Zuwendung zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit stressbedingter psychosomatischer Erkrankungen. Eltern besitzen intuitive Kompetenzen im Umgang mit dem Säugling, die jedoch durch frühe Gewalterfahrungen bei den Betroffenen beeinträchtigt werden können. Mütter mit schweren Traumatisierungen neigen eher zu emotional überschießenden Reaktionen mit erhöhter Impulsivität. Das Misshandlungstrauma führt zu vermehrten vegetativen Erregungszuständen und kann sogar dazu Anlass geben, dass das normale kindliche Schreien zum Trigger für traumatische Erinnerungen wird. Fehlinterpretationen des kindlichen Verhaltens und falsche Vorstellungen über die kindlichen Bedürfnisse können dann die Folge sein.
Die Autorin, die selbst mehrere Forschungsprojekte zu diesem Thema durchgeführt hat, gibt einen Überblick über den derzeitigen Wissensstand zum Thema transgenerationaler Einflüsse von Misshandlungstraumata auf die Interaktion mit dem Kind, insbesondere den emotionalen Dialog, wobei eine Reduktion der elterlichen emotionalen Verfügbarkeit und eine signifikant höhere Ausprägung von unsicheren Bindungsmustern nachweisbar sind. Es steigt die Gefahr, dass traumatisierte Mütter ihre Kinder emotional und/oder körperlich misshandeln. Dem Kind können schon früh Tätereigenschaften zugeschrieben werden, die schließlich im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung durch Identifikationsprozesse negative Einflüsse auf das kindliche Selbst ausüben. Solche verhinderbaren Übertragungen gewaltsamer Erlebnisse fordern geradezu eine verstärkte Prävention.
Zur intergenerationalen Transmission werden zwei eindrucksvolle Fallbeispiele geliefert, die eine Weitergabe traumatischer Erfahrungen plastisch vermitteln. Die Deutung der mütterlichen Projektionen auf das Kind steht dabei im Mittelpunkt. Eine typische Selbstwertstörung misshandelnder Eltern kommt ebenfalls zum Ausdruck.
Präventionsansätze und Interventionsmöglichkeiten haben das »Be-eltern der Eltern« zum Ziel. So sollen die intuitiven Kompetenzen verbessert, der traumatische Hintergrund aufgehellt und die malignen Deutungen und Fehlzuschreibungen gegenüber dem kindlichen Verhalten verbessert und der Realität entsprechender gestaltet werden. Mentalisierungsbasierte Ansätze, Trainingsansätze zur emotionalen Regulation und videobasierte Ansätze zur Verbesserung der emotionalen Verfügbarkeit werden vorgestellt. Einer weiteren Verbreitung der Praxis einer Eltern-Kind-Behandlung wird das Wort geredet, denn noch ist eine breite gesellschaftliche Akzeptanz nicht gegeben und die Notwendigkeit solcher präventiver Maßnahmen bei den Krankenkassen nicht hoch im Kurs.
Ein spannendes Buch, das ein gravierendes gesellschaftliches Problem auf den Punkt bringt und für alle therapeutisch Tätigen bedeutungsvoll sein kann.
Franz Resch und Inge Seiffge-Krenke
Einleitung
Dieses Buch fokussiert die Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe von Interaktions- und Misshandlungserfahrungen und ist aus der langjährigen wissenschaftlichen und klinischen Arbeit mit misshandlungserfahrenen Eltern und Kindern erwachsen. Frühe Gewalterfahrungen können schwerwiegende und lang anhaltende Auswirkungen auf die direkt Betroffenen, aber auch auf die nächste Generation haben.
Dabei wird zunächst die Bedeutung der transgenerationalen Interaktion für die seelische Entwicklung übersichtsweise dargelegt und im folgenden Kapitel die besondere Phänomenologie und Prävalenz des Misshandlungstraumas in den Blick genommen. Die bedeutsamen Komponenten der gesunden Mutter-Kind-Interaktion werden dafür am Anfang in einer kurzen Übersicht aufgeführt, damit die im anschließenden Kapitel dargestellten
