Trauer als wandelnde Kraft: Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen begleiten
Von Christoph Bevier
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Über dieses E-Book
Christoph Bevier
Christoph Bevier war als evangelischer Pfarrer in Gemeinde, Gefängnis und Gymnasium tätig und arbeitet derzeit als Klinikpfarrer in einer psychiatrischen Klinik und ist Supervisor im Bereich von Hospiz, Krankenhaus, Seelsorge; Seelsorgeausbildung (KSA), Weiterbildung in systemischer Familientherapie, Bibliodramaleiter, Supervisor (DGfP).
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Buchvorschau
Trauer als wandelnde Kraft - Christoph Bevier
1Einleitung: Trauer bei Menschen mit psychischen Erkrankungen
Hinführung
Das Thema Trauer war für mich von Anfang an, seit ich in der Psychiatrie als Seelsorger arbeite, präsent. Stationen empfahlen Patientinnen und Patienten, die mit Verlusterfahrungen und Trauer beschäftigt waren, mit der Seelsorge zu sprechen. Ich ging oft mit Patientinnen und Patienten spazieren, die in Trauer waren. Manche trugen den Verlust naher Angehöriger, der viele Jahre und Jahrzehnte zurücklag, als eine präsentische Erfahrung mit sich, als sei der oder die Angehörige erst vor wenigen Wochen verstorben. Andere beschäftigte die Vorstellung, sie seien schuld am Tod ihrer Angehörigen, sie hätten etwas falsch gemacht oder unterlassen, was den Tod der Angehörigen verursacht habe. Andere waren durch die Trauer oder mit der Trauer in eine depressive Erkrankung gekommen und fragten sich, ob die Trauer ursächlich für die Depression sei oder die Depression die Trauer so schwer und erdrückend mache.
Ich machte die Erfahrung, dass diese Menschen es als sehr hilfreich empfanden, dass jemand da war, der Zeit für sie hatte, sie ernst nahm und ihnen zuhörte. Es war schon sehr viel wert für sie, dass sie nicht das Gefühl vermittelt bekamen, falsch zu fühlen, falsch zu handeln, falsch zu sein in ihrer schweren Trauer. Sie schätzten es, keine Empfehlungen oder Normen gesagt zu bekommen, Trauer müsse nach so und so vielen Jahren »bearbeitet« sein, Schuldgefühle seien falsch, der Tod gehöre zum Leben und so weiter.
Für mich als Seelsorger war es auch wichtig, den Patientinnen und Patienten Angebote zu machen, wie sie ihre Trauer als wandelnde Kraft leben könnten. Ich fragte sie, ob sie sich vorstellen könnten, mit mir zu beten. Ich bot ihnen Imaginationsübungen an, die ich aus den Büchern von Roland Kachler und Luise Reddemann kannte. Wenn möglich, machten wir die Imaginationsübungen in der Kirche der Klinik. Die Imaginationen bewirkten sehr oft eine Verwurzelung der Menschen in sich selbst und hatten eine mit der eigenen Geschichte versöhnende Wirkkraft.
Je länger ich in der Psychiatrie arbeitete, desto mehr wurde mir bewusst, mit wie vielen Abschieden und Verlusten Patientinnen und Patienten beschäftigt sind. Verlust von Gesundheit. Verlust von Freiheit. Verlust von Identitätszuschreibungen. Verlust von Zukunftsvorstellungen. Verlust von Berufstätigkeit. Verlust von Partnerschaft.
Ein Patient muss nach seiner Psychoseerfahrung lange von seinem Beruf pausieren und stellt irgendwann fest, dass er überhaupt nicht mehr in seinen Beruf zurückkann. Er steht vor der Aufgabe der Trauer um sein Bild von sich selbst, Trauer um die Vorstellungen von der eigenen Zukunft. Er muss sich von vielem, was ihm verlässlich schien, verabschieden. Trauer hilft ihm, sich auf sein verändertes Leben mit seiner Erkrankung einzustellen. Sie ist eine Kraft der Veränderung und sie öffnet einen Weg, das Unveränderliche anzunehmen und sich den neuen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen.
Ein Patient erzählt, wie viel Lebenszeit er für die Organisation seiner Sucht verbrauchte und was er alles an Kreativem, seinem Leben Förderlichen mit seiner Kraft und Zeit hätte tun können. Er hält seiner Sucht seit einigen Jahren stand und lebt abstinent, aber die Vorstellung, viele Jahre verschleudert zu haben, belastet ihn immer noch. Trauer hilft ihm, sich auf den Schmerz der Sucht einzulassen, auf die Vergeblichkeit, die sie produziert und deren Sinnbild sie zugleich ist. Trauer hilft ihm, sich von der Fixierung auf das eigene Fehlverhalten zu lösen und das gedankliche Spiel mit einem Rückfall zu reduzieren. Trauer hilft ihm auch, den Lustfaktor bei Rausch und Verschwendung zu würdigen.
Einen Forensik-Patienten quält, dass er in einem psychotischen Schub einen Freund attackiert und umgebracht hat. Er trauert und weiß nicht recht, ob er überhaupt trauern darf, weil er derjenige ist, der den Mann getötet hat. Er weint und sagt gleichzeitig: »Unglaublich, dass ich weine, ich habe kein Recht dazu.« Als Täter trägt er die Schuld; als Forensik-Patient ist er nach § 63 StGB schuldunfähig; die Trauer billigt er den Angehörigen seines Freundes zu, aber nicht sich selbst. Er befindet sich in mehreren Trauerprozessen, die er sich nicht erlaubt. Trauer um seinen Freund. Trauer um seine Integrität. Trauer um seine Gesundheit. Trauer um seine Freiheit. Mit welcher Trauer soll er beginnen? Jede Trauer scheint ihn zu überfordern.
Angehörige kamen in meinen Blick.
Ein Vater schaut wie gebannt auf seine psychotische Tochter, die ihr Zimmer nicht mehr verlässt und manchmal laut herumschreit. Er kann von nichts anderem mehr reden als von seiner Tochter. In seinen Worten hält er die Phantasie von der gesunden Tochter fest und stellt sie gegen die Realität, die er als unbegreiflich und unerträglich erlebt. Die Tochter habe gerade ein Studium begonnen. Sie müsse zu den Vorlesungen gehen. Sie müsse sich auf die Klausuren vorbereiten. Sie vernachlässige die Beziehung zu ihrem Freund. Sie sei auf dem Weg ins Leben – und jetzt schließe sie sich in ihrem Zimmer ein, dusche nicht mehr, putze sich nicht mal mehr die Zähne und komme den ganzen Tag nicht ins Freie. Der Vater spricht mit vielen Fachleuten und beharrt aufseinem Standpunkt, dass nicht sein könne, was ist. Trauer hilft ihm, sich der Realität langsam anzunähern, denn Trauer wird seinen Gefühls- und Handlungsspielraum erweitern. Trauer bedeutet in seinem Fall, die eigene Seele und das eigene Herz langsam und liebevoll auf den Weg zu schicken, die Erkrankung seiner Tochter zuzulassen und anzuerkennen, die Fixierung auf das Ergehen und Befinden der Tochter zu lockern und aufzuhören, das eigene Leben, die eigenen Wünsche, die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Trauer hilft ihm, eine neue Balance zu finden zwischen Fürsorge für die Tochter und Fürsorge für sich selbst.
Beziehungen unter Erwachsenen sind betroffen.
Ein Mann, dessen Ehefrau seit vielen Jahren an Depressionen leidet, sagt, er könne nicht mehr, er halte die Depressionen seiner Frau nicht mehr aus, er halte die Angst nicht mehr aus, ob sie sich etwas antue, er könne nicht mehr alles für sie organisieren, er könne nicht mehr die gesamte Verantwortung für ihr Leben tragen und sich selbst und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche ans Leben völlig zurücknehmen. Er traut sich nicht, die Entscheidung ernsthaft zu durchdenken, weil er befürchtet, dass seine Frau bei einer Trennung Suizid beginge. Am liebsten, sagt er, wäre mir, sie stürbe, dann wäre ich frei – und erschrickt sofort über seine Aussage und nimmt sie zurück, so habe er das nicht gemeint, da sei etwas mit ihm durchgegangen. Dabei war sie nur Ausdruck seiner tiefen Verzweiflung.
Trauern bedeutet für ihn, sich auf den Verlust einzulassen, dass seine Frau nicht mehr die ist, die er geheiratet hat, sondern eine andere geworden ist, eine Frau, die an schweren, wiederkehrenden depressiven Phasen leidet. Der Hinweis auf Trauer und das aktive Trauern helfen ihm, seine Gefühle und Gedanken nicht mehr mit Schuld aufzuladen, sondern sie als das anzuerkennen, was sie sind: eben seine Gefühle und Gedanken.
Auch professionell Helfende sind mit Trauer im beruflichen Kontext beschäftigt.
Eine Patientin begeht Suizid, nachdem sie wieder einmal auf einer Station in der psychiatrischen Klinik aufgenommen worden ist. Sie hat viele, oft monatelang andauernde Schübe ihrer depressiven Erkrankung erlebt, spürt, dass ein neuer Schub kommt, und lässt sich auf der Station aufnehmen, um den Schub möglichst abzufangen. Nach einigen Tagen merkt sie, dass die Depression zunimmt, sie kommt in einen Zustand von Hoffnungslosigkeit, Müdigkeit und Schwachheit und beschließt, dass sie diese nächste Phase der Depression nicht mehr aushalten will. Sie begeht Suizid. Wenn es auf der Station zu einem Suizid kommt, heißt es oft, das sei nachvollziehbar, man dürfe sich kein Urteil erlauben, dieser Mensch habe so viel erlitten, wer weiß, wie man selbst gehandelt hätte. Es ist eine rationale Haltung, die als professionell eingeschätzt wird. Man benennt das Elend und lässt es doch nicht an sich heran.
In vereinzelten, persönlicher werdenden Kontakten zeigt sich, dass manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tiefer von dem Schicksal der Patientin betroffen sind. Sie stellen ihre eigene Arbeit infrage, sie stellen das System infrage, in dem sie arbeiten. Was nutzt unsere Arbeit überhaupt, wenn wir dieser Frau nicht helfen konnten? Haben wir zu wenig getan? Hätte man sie in eine Klinik einweisen müssen, in der eine speziellere Behandlung möglich gewesen wäre? In solchen Fragen scheint Trauer durch: Trauer als Schuldgefühl. Manche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen auch: Das ist schlimm. Mir geht das richtig zu Herzen. Mich hat das richtig kalt erwischt. Man kann eine elektrische Kerze zum Gedenken im Flur der Station aufstellen oder einen kleinen Tisch, auf dem Patientinnen und Patienten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Karte, ein Bild, eine Blume, einen Grashalm, eine Kastanie oder einen aufgeschriebenen Satz niederlegen können. So wird der Abschied sichtbar und die Trauer bekommt eine Lebensform und Gestalt.
Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer psychiatrischen Klinik
Zur Vorbereitung dieses Buches habe ich einige Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der psychiatrischen Klinik geführt, in der ich als Seelsorger arbeite. Ich traf auf viel Wohlwollen. Wenn ich mein Anliegen vortrug, über das Thema Trauer bei Menschen mit psychischen Erkrankungen zu sprechen, hörte ich oft Sätze wie: Das ist ein wichtiges Thema, gut, dass das Thema jemand aufgreift. Einige Beobachtungen aus diesen Gesprächen gebe ich im Folgenden wieder.
•In allen Gesprächen zeigte sich die Erfahrung, dass die Trauerthematik in Gestalt von Verlust- und Abschiedserfahrungen in der Psychiatrie stark präsent ist und sich nicht selten in affektiven Störungen und dysfunktionalen Verhaltensweisen unverarbeitete Trauerprozesse verbergen.
•Das Thema Trauer löste bei allen Gesprächspartnerinnen und -partnern intensive Erinnerungen an Patientinnen und Patienten aus, in denen eine enge Verbindung, große Fürsorge und oft etwas Liebevolles aufschienen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren bei dem Thema Trauer sehr schnell eng mit ihren Patientinnen und Patienten verbunden, und sofort tauchten Schicksale vor ihrem inneren Auge auf.
•Das Verständnis von Trauer als Reaktion auf den Verlust von Lebensperspektiven und Lebensentwürfen wurde in den Gesprächen oft genannt und beschrieben. Die Verluste seien oft so gewaltig, dass die Trauer blockiert werde und Patientinnen und Patienten in der Wut und Aggression stecken blieben. Viele Patientinnen und Patienten verharrten im Widerstand und bräuchten deshalb Menschen, die ihnen helfen, den Widerstand aufzugeben. Den Widerstand aufzugeben sei Trauerarbeit. Trauerarbeit geschehe hier vor allem als Benennen der Wirklichkeit und der Gefühle.
•Trauer als Reaktion auf Verlust durch Tod, sagte eine Mitarbeiterin der Pflege, sei in der Psychiatrie eher selten, und es bleibe auch dann die Schwierigkeit, Krankheits- und Trauerphänomene zu differenzieren. Trauer als Reaktion auf Verluste, die durch die Krankheit entstehen, sei in der Psychiatrie häufiger, werde aber oft umschrieben mit Worten wie »Last«, »Krise«, »Klage«, »Müdigkeit« oder mit diagnostischen Vokabeln. Trauer verstecke sich hinter solchen Begriffen und tauche nicht auf, weil sie als solche nicht benannt werde. Da Trauer nicht als solche benannt werde, verhalte sich das Umfeld auch weniger stützend und tragend als im Fall von Trauer bei Verlust durch Tod. Gerade bei Psychoseerkrankungen, aber auch bei anderen psychischen Erkrankungen kämen Stigmatisierungen hinzu, was nicht nur den Umgang mit Trauer bei den Patientinnen und Patienten, sondern auch bei Angehörigen erschwere. Einem Angehörigen werde es gesellschaftlich viel schwerer gemacht, zu sagen: »Mein Sohn ist depressiv« oder »Meine Tochter hat eine Psychose« als: »Ich bin Witwer« oder »Mein Mann ist verstorben«. Es sei einfacher zu sagen: »Ich kann nicht schlafen, weil mein Mann vor Kurzem verstorben ist« als: »Ich kann nicht schlafen, weil mein Sohn an Depressionen leidet« oder »Ich kann nicht mehr schlafen, weil ich an Depressionen leide«. Die Wirklichkeit von Stigmatisierungen schaffe Tabus, die Gefühle wie Scham, Schuld und Angst betreffen. Trauer als
