Maidan – Tahrir – Taksim: Plätze, die die Welt verändern – Protest, Aufbruch, Repression
Von Jürgen Wertheimer, Isabelle Holz und Florian Rogge
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Über dieses E-Book
Die Nachbeben dieser Erschütterungen sind bis in die Gegenwart spürbar und lassen die Plätze noch immer als beunruhigende, latent eruptionsbereite Zonen des politischen Kräftespiels erscheinen. Dieses Buch vergleicht "die Sprache der Plätze", versucht sie neu zu lesen und Erklärungen für Ereignisse auf dem Maidan, Tahrir und Taksim zu geben. Es ist ein absolutes Muss für all diejenige, die mehr über die Bedeutung von Plätzen, ihre Funktion als öffentliches Forum der Diskussion und Symbolträger sowie ihre Rolle bei den jüngsten politischen Umwälzungen erfahren wollen.
Ähnlich wie Maidan – Tahrir – Taksim
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Rezensionen für Maidan – Tahrir – Taksim
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Buchvorschau
Maidan – Tahrir – Taksim - Jürgen Wertheimer
1.
EINFÜHRUNG
1.1. Der Platz als politisches Zentrum
Die Sprache der Plätze ist das Resultat einer sehr speziellen kulturellen Entwicklung. Die Zahl der sogenannten »Unabhängigkeitsplätze« ist Legion – versteinerte Träume eines so gut wie nie erreichten Zustands. Platz und Stadt gehören im europäischen Kulturraum zusammen und häufig ist in Europa der Sitz der kommunalen Regierung auch der Geburtsort eines Platzes. Besonders eindrucksvoll zu sehen ist dies an Orten wie Siena (Piazza del Campo) (Abb. 1) und Venedig (Piazza San Marco) (Abb. 2).
Deutlich verschieden von dieser Art Plätze sind jene machtrepräsentativen Riesenflächen inmitten von im 20. Jahrhundert aus dem Boden gestampften Städten wie zum Beispiel Brasilia (Brasilien) (Abb. 3) oder Astana (Kasachstan). Offenbar waren die international renommierten Architekten dieser Städte der Ansicht, dass große Plätze zu einer modernen Stadt dazugehören. Allerdings wirken diese Plätze allenfalls monumental und künstlich – sie sind keine historisch gewachsenen Zentren.
Abbildung 1
Abbildung 2
In amerikanischen oder asiatischen Metropolen ist es gar nicht so einfach, einen Platz des Typus jener zentralen, in sich gegliederten leeren Flächen zu finden, die für Europa zu Selbstverständlichkeiten geworden sind. Roland Barthes hat in seinem Buch Das Reich der Zeichen auf die wesentliche Zentrumslosigkeit der japanischen Stadt-Kultur verwiesen: so kreist die japanische Hauptstadt um einen verbotenen und indifferenten Ort, ein »heiliges ›Nichts‹« – den Kaiserpalast. Anders als in europäischen Städten, in denen sich im Zentrum maßgebliche Institutionen der westlichen Zivilisation (Kirche, Banken, Kaufhäuser) sammeln bzw. verdichten und die damit die »soziale Wahrheit« verkörpern, ist das Zentrum der japanischen Hauptstadt eine »Idee«. Eine Idee, die nicht die Aufgabe hat, »Macht auszustrahlen«, sondern den Zweck erfüllt, »einer ganzen städtischen Bewegung den Halt ihrer zentralen Leere zu geben«³.
Abbildung 3
Die Geschichte der europäischen Plätze ist Ausdruck eines sehr speziellen Raumgefühls, aber auch Ausdruck eines umfassenden gesellschaftlichen Wandels. Genauer gesagt ist die Art der Gestaltung der Plätze ein ziemlich präziser Indikator für den Stand und Bestand des politischen Bewusstseins. Es ist kein Zufall, dass das hierarchisch geordnete Sparta kaum Wert auf einen ausgedehnten Versammlungsort für seine Bürger legte, während eine demokratisch organisierte griechische Polis wie Athen ihre jeweilige Agora als Herz der Stadt betrachtete. Als die Perser Athen 480 v. Chr. unter Xerxes I. eroberten, zerstörten sie die Agora, das Herz der Stadt, zu einem großen Teil. In ihren Augen musste dieses öffentliche Forum der Diskussion und Argumentation als bedrohlicher Fremdkörper erscheinen. Selbst große Metropolen des persischen Reiches wie etwa Persepolis kannten bei aller Toleranz gegenüber unterworfenen Völkern keinen bürgerlichen Versammlungsort im Sinne der Agora. Es gab Paläste, Bazare, Handelshäuser, den berühmten Hundertsäulensaal, Tempel von beeindruckender Gestalt, aber eben keinen öffentlichen Raum der Verhandlung. Wozu auch? Unter der Regentschaft der persischen Großkönige war eine kontrovers über Staatsgeschicke diskutierende Bürgerschaft nicht vorgesehen.
In Europa ist das Aufkommen der Plätze untrennbar mit sozialen Emanzipationsbestrebungen verknüpft. Die Plätze sind Ausdruck eines bürgerlichen Selbstbewusstseins. Mit der Piazza del Campo, dem Zentrum der toskanischen Stadt Siena, errichtete sich ab 1169 eine damals starke Kaufmanns- und Händlerschaft eine Marktfläche, in der auch ihr »Gottesdienst«, das jährlich zweimal stattfindende Ritual des mythischen Pferderennens rund um den Platz, abgehalten wurde. Mehr als hunderttausend Bewohner der Stadt und ihrer Contraden (Stadtteile Sienas) fanden sich dabei über Stunden auf dem Campo zusammen und verwandelten ihn so in einen wahren Hexenkessel kollektiver Gefühle, die alle ergriffen und jeden in das städtische Gefüge einbanden. Der Platz als »Arena« identitätsstiftender Emotionen ist in Siena nach wie vor alljährlich hautnah zu erfahren.
Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte rückte der »Platz« als öffentlicher Ort immer mehr ins Zentrum nicht nur des ökonomischen, sondern zugleich auch des politischen Interesses. Insbesondere republikanisch organisierte Staatskörper erinnerten sich der antiken Traditionen – der Agora und des Forums – und so wurde der Platz mehr und mehr zum symbolischen Ort nicht nur der kommunalen, sondern weit mehr noch der nationalen Repräsentanz. Oft verweisen noch heute allegorische Darstellungen, meist in der Mitte des jeweiligen Platzes, auf diese neue Funktion. Spätestens im 19. Jahrhundert begannen sich die Plätze mehr und mehr ideologisch aufzuladen und zur Projektions- und Repräsentationsfläche zu werden: Aufmärsche, nationale Gedenkfeiern, Paraden, Kranzniederlegungen – der Platz wurde zum Mausoleum großer Gefühle, zum Schauplatz symbolischer Gesten.
Doch nicht nur Machthaber benutzten den Platz als Forum der Selbstinszenierung. Immer wieder beanspruchte auch das Volk ihn für sich. In Krisensituationen werden Plätze häufig umfunktioniert zu »Laboratorien für Öffentlichkeit und Demokratie«: Wie – neben dem Tahrir, dem Taksim und dem Maidan – zum Beispiel auch auf dem Syntagma-Platz in Athen 2012, wo »junge Anarchisten« neben »Omas mit Pelzkragen-Mäntelchen« gemeinsam gegen das zweite Sparpaket der EU demonstrierten⁴. Erinnerungen an weitere, mit Menschen überflutete Plätze stellen sich ein: die »Samtene Revolution« auf dem Prager Wenzelsplatz 1989, die »Alexanderplatzdemonstration« aus demselben Jahr; die im Jahr 2005 vom »Place des Martyrs« ausgehende »Zedernrevolution« im Libanon.
Wichtig ist dabei neben dem Raum auch der Faktor der Zeit. Im Unterschied zu bloß einmaligen Demonstrationen spielt das Phänomen der Präsenz auf Dauer oder zumindest in rhythmischen Abständen über einen längeren Zeitraum hinweg die entscheidende Rolle. Der Menschenschwarm verdichtet sich zu einer kompakten Masse, ineinander verklumpt, als könne er so den bedrohlichen Angriff von außen besser abwehren. Diesen Prozess der Massenverdichtung beschreibt auch Elias Canetti 1960 in seinem Klassiker Masse und Macht. Und in der 2013 erschienen Streitschrift Demokratie! Wofür wir kämpfen vergleichen die Gesellschaftsphilosophen Antonio Negri und Michael Hardt den Platz der Metropole mit der Fabrik der industriellen Arbeiterklasse: War im 19. und 20. Jahrhundert die Fabrik als Ort der materiellen Reichtumsproduktion umkämpft, so wird heute um die Plätze gekämpft, an denen »soziale Beziehungen, Ideen und Wünsche produziert werden«⁵. Dieses Gebilde mutiert in solchen Momenten zu einem Organismus, der alles Individuelle in einen neuen Zustand transformiert. Dieses Etwas manifestiert sich dann in Form einer Neubenennung, die einer existenziellen Wandlung, einer parareligiösen Umwidmung, einer säkularisierten Taufe
