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Buchvorschau
es geht immer weiter! - Jens Henning
Inhaltsverzeichnis
es geht immer weiter!
von
Jens Henning
© Autor Jens Henning
Kapitel: Das Ende
Wie krass geil ist das denn? — Völlig abgefahren! — Gigantisch!! Mir fehlen einfach die Worte für das, was ich sehe und fühle!!!
Ich stehe hier oben und schaue über die Welt, wie von einem Dach. Einem sehr hohen Dach zugegebenermaßen. Man kann sehen, wie sich die Erde krümmt, wie sich der Horizont dort entlang biegt, um irgendwann, tausende Kilometer später, eine ganze Kugel daraus zu machen. — Wahnsinn! — Es gibt ein paar Wolken weiter unter mir, die gegen den Berg stoßen. Darunter sehe ich den Boden. Den Boden von was eigentlich? Also wohl eher die Hülle der großen Kugel, die irgendwie im Raum schwebt. — Absolut surreal. —
Hier stehe ich nun auf dem Dach von Afrika, dem Kilimandscharo. Ich habe es geschafft, ganz allein. Ohne, dass SIE dabei ist. Ein Schritt wieder zu mir, auf mich zu, für mein Vertrauen in mich. Irgendwie ist alles eins, die Kugel, die als Welt alles zusammenhält. Damit wird Paula aber auch immer ein Teil von meiner Welt sein. Ich bin am Ende der Welt und habe das Gefühl, hier meine Mitte wiedergefunden zu haben.
Ich merke, wie mir Tränen in die Augen schießen, wie ich anfange zu weinen, wie ich es zulassen möchte. - Doch plötzliche Verwunderung in meiner Gefühlslandschaft. Gerade wollte ich mich voller Melancholie dem Tränenfluss hingeben, da merke ich, dass mir Sauerstoff fehlt. Weinen strengt tatsächlich an und ich habe hier nix zu atmen! Es geht einfach nicht.
Eine durchaus lustige Erkenntnis und ich will anfangen zu lachen, bekomme fast die Krise, weil auch das nicht geht. Kein Sauerstoff. Ich schüttele den Kopf, grunze in mich hinein und kämpfe damit, beide Gefühle in den Griff zu bekommen. Schließlich gelingt es mir. Und so kann ich dann einfach den Moment in mich aufnehmen, ihn genießen und auf mich wirken lassen. — Ein so einzigartiger Blick!
Kapitel: Der Anfang
Freitag, 1. Januar 2015
Ein grauer und verregneter Tag. Hamburg. Ich gehe über die Einkaufsstraße von Winterhude, durch die Straßen, vorbei an Geschäften. Mein Blick streift umher, fokussiert Kleinigkeiten, unwichtige Dinge, sucht Halt. Meine Gedanken hängen an ihr. Sie fehlt mir schon jetzt, meine Brust ist eingeschnürt. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, als würde mein Herz zerreißen. Ich will heulen, schreien, weinen, mich hinwerfen, zusammenkauern, weg sein, verloren gehen.
Warum hat sie das nur gemacht? Auf Facebook: Paula ist nicht mehr verlobt! — Was soll ich damit anfangen? — Wo soll ich das hintun, wo in meinem Herzen gibt es einen Platz, an dem mir das nicht wehtut?
Ich schaue immer wieder auf mein Handy, in der Hoffnung, dass sie etwas schreibt, sich meldet, irgendeine ganz plausible Erklärung hat, und heute Abend liegen wir einfach wieder, wie auch gestern und heute Morgen, im Bett und alles ist gut. Um drei Uhr habe ich einen Friseurtermin. Das ist meine Frist. Wenn sie bis dahin nicht zurückgeschrieben hat, dann ist es AUS, dann geht es nicht mehr.
Vor drei Monaten sind wir aus unserer gemeinsamen Wohnung in Hamburg ausgezogen. Sie hat eine kleine Einzimmerwohnung bezogen, in der ich jetzt wie zu Besuch bin. Ich bin nach München gezogen, das war unser gemeinsamer Plan. Sie wollte in einem halben Jahr nachkommen, noch ein Projekt fertigmachen. Wir wollten neu durchstarten, unter einem neuen Dach, uns neu wiederfinden, aus alten Mustern rauskommen. Mit diesem Gedanken keimte Hoffnung in mir auf.
Jetzt ist es drei. Ich sitze beim Friseur. Mein Friseur und ich kennen uns schon einige Jahre. Wir haben aber immer nur über Kleinigkeiten gesprochen, dies und das, nichts Weltbewegendes.
Ich erzähle ihm von uns und bin dabei merkwürdig gefasst. Er sagt, dass man nach sieben Jahren eine Beziehung nicht einfach so wegwirft. Natürlich will er mir Mut machen, dass noch nicht alles verloren ist. Das tut gut. Aber er weiß ja nicht alles. Man solle sich an einem neutralen Ort treffen und dort über alles sprechen, rät er. Eine gute Idee finde ich. Man ist neutral, verbindet weder Positives noch Negatives mit der Situation und hat die Möglichkeit, sich voll auf den Kern zu konzentrieren. Wir sind fertig und ich bezahle.
Es ist halb vier, ich schaue auf mein Handy. Sie hat nicht geschrieben. Ich fühle mich wie auf Drogen. Das war dann wohl die Antwort. Das war es dann wohl, so unausweichlich. Die Antwort steht vor mir. Sie ist nicht verpackt in etwas Nettes oder Liebes. Sie ist kalt, hart und unbarmherzig.
Heute Morgen war noch alles gut. Wir sind normal zusammen aufgestanden. Und dann lese ich, eine Stunde nachdem sie aus der Wohnung gegangen ist, bei Facebook „Neueste Aktivität von Paula: Paula ist nicht mehr verlobt", mit einem kleinen roten Herzen davor, so wie es Facebook immer anzeigt, wenn man verliebt, verlobt oder verheiratet ist. Dann macht das ja auch Sinn, ein solches Zeichen. Im umgekehrten Fall, wie jetzt, ist das wie ein hämisches Grinsen, ein Schlag in die Fresse — zusätzlich. Ein Messer, das im Herzen steckt, und jedes Mal, wenn du diese Zeile liest, bewegt jemand dieses Messer. Die von Facebook generierte Herzchen-Meldung lässt sich löschen. Das hat sie wohl nicht gesehen? Oder lässt sie das sogar extra stehen?
Per SMS habe ich Paula heute Morgen gefragt, warum sie eine solche „neueste Aktivität" zwar der Welt, aber nicht mir mitteilen kann. Es kommt von ihr lediglich die Ansage, sie wolle einen neutralen Status haben. — Ah ja, auf einmal? — Warum denn auf einmal neutral? Geht das in Richtung Trennung? Und dann über Facebook! Warum redet sie nicht mit mir persönlich?
Wir sind verlobt seit knapp einem Jahr. Vielleicht aber auch schon ein Indiz dafür, dass etwas nicht stimmt, denke ich. Zu viel Zeit dazwischen, in der nichts passiert ist. Nun im Moment schleicht die Zeit im Sekundentakt. Ich kann sie förmlich fühlen, jede Sekunde, wie sie sich in mein Hirn zu brennen scheint, damit ich alles auch ja nie vergesse.
Ich kriege es nicht klar in meinem Kopf. Fast irre, wirr, wahnsinnig, rasen die Dinge an mir vorüber. Wir sind doch ein Paar, haben — wie immer — vor zwei Wochen das Weihnachtsfest zusammen verbracht, waren gemeinsam mit meinen Eltern in den Niederlanden über Silvester und sind vor zwei Tagen wiedergekommen. Ich habe noch länger Urlaub als sie, bevor ich wieder nach München muss. Sie arbeitet schon wieder. Seit sieben Jahren sind Paula und ich zusammen.
Und das war es jetzt? Wie geht es denn jetzt weiter, was soll ich tun? Spielt sie jetzt keine Rolle mehr in meinem Leben? Ich fühle mich wie in einer leeren Hülle, tot innen drin. Ich mag nicht mehr. So fühlt sich ein kaputtes Herz an, denke ich. Eines, das man rausgerissen hat. Sie hat es herausgerissen! — Ich bin unendlich leer.
Mir fehlt Halt, mein Bezugspunkt ist weg, mein Nordstern ist untergegangen. Ich bin aus meinem Leben rausgeschmissen worden, ich verliere unvermittelt die Kontrolle. Wirklich unvermittelt? Keine leise Ahnung gehabt?, frage ich mich selbst. Keinen Grund gesehen? Vielleicht, aber im Moment weiß ich es nicht, kann keine klaren Gedanken fassen. Mir ist die Möglichkeit, zu handeln, genommen worden, obwohl ich sie mir ja quasi selbst genommen habe mit meiner Drei-Uhr-Frist. Ich kann nichts mehr tun, ich habe mich entschieden, ich ziehe es durch, eine Trennung. Ich bin ohnmächtig. Was mache ich denn jetzt? Meine Sachen sind bereist gepackt. Das habe ich heute Morgen schon intuitiv gemacht, nachdem ich DAS bei Facebook gelesen habe. Als Aufbäumen, als Versuch die Kontrolle zu behalten. Und doch habe ich sie jetzt verloren...
Wir verabreden uns für später am Abend, ein offizielles Meeting also. Wir treffen uns an einem neutralen Ort, in einer Bar. Ein förmlicher Charakter für ein Paar, das seit sieben Jahren zusammen ist, sich gestritten und geliebt hat. Ich warte und sehe sie kommen, mit ihren langen blonden Haaren, sie sieht so schön aus. Eine Ewigkeit scheint zwischen uns zu liegen. Ein flüchtiger Kuss auf den Mund. So bitter, so süß. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber jetzt fühle ich ihre zärtlichen Lippen, wie sie sich mit Mut und der notwendigen Distanz auf meine drücken, nur kurz und dann war es das. Wir reden. Ich habe sie erdrückt, wäre omnipräsent. Sie habe gefühlt keine freie Minute gehabt, ich würde sie ständig fordern, ständig fragen, nachfragen, nachbohren. Sie fühle sich gestalkt! Sie kann nicht mehr. — Ich fühle mich natürlich angegangen, ungerecht behandelt. Aber die Frage danach, woher dieser Wandel kommt, diese Sichtweise, beantwortet sie mir nicht. Ebenso die Frage danach, wie sie sich vorstellt, wie ich mit ihrem neuen „Status" bei Facebook umgehen soll. Sie weiß es nicht, kann es nicht sagen. Sowas kann sie doch nicht mit mir machen. Ich muß das beenden.
Ich bin fassungslos in mir drin: Erst gab es einen Typen in Berlin, dem sie ihre Nummer gegeben hat und mit dem sie nachts geschrieben hat, während ich für 2 Wochen für meine Firma in den USA war in der ich neben der Studium gearbeitet habe. Dann gab es ein großes Geldproblem von ihr, wo sogar fast der Gerichtsvollzieher bei uns geklopft hätte und jetzt mit dem Gefühl, dass sie wieder jemanden kennengelernt hat, kann sie mir nicht sagen, wie ich mit ihrem neuen neutralen Status umgehen soll?! Mir ist es zu viel.
Der Berliner Typ rief damals bei uns an und war hörbar überrascht, einen Mann am Telefon zu haben. So kam das ganze raus. Ich übergab das Telefon, by the way hätte er ja auch einfach ihr Handy anrufen können, an Paula und schaute mir die Szenerie zwischen Gestammel und hoch rotem Kopf an. Extrem peinliche Situation, für alle glaube ich. Klar habe ich auch irgendwie mal geflirtet, aber so nicht. Aber gut, nach einigen klärenden Gesprächen, Liebesschwüren und so weiter konnte ich das Thema abhacken, war es vom Tisch. Aber in Summe geben vermeintliche Kleinigkeiten doch wieder ein Bild. Wie auch immer.
Ihre Schulden machte sie mit dem Kauf eines gebrauchten Autos. Es mußte ein blauer Golf V sein, während des Studiums. Naja, wobei ich ja das mit dem Auto schon verstehe, also ich jetzt so, als Mann. Hatte sich einfach einen „easy Kredit" über schlappe 10.000€ organisiert und zahlte nicht. Verschleppte Mahnungen und schob sie einfach unter den großen Stapel auf ihrem Schreibtisch. Blöder Zufall dass ich sie in ihren Semesterferien mit einem Bahnticket überrascht habe, dass sie zu ihren Eltern in den Skiurlaub fahren konnte. Ich konnte nicht mitgekommen, weil ich arbeiten mußte, um mein Studium zu finanzieren. Wie skurril im Nachhinein.
In der Zeit kam dann gerade der Brief vom Gerichtsvollzieher und eine Welt stürzte bei uns zusammen. Nicht nur das beschämende Gefühl, überhaupt nichts davon mitbekommen zu haben, in einer Parallelwelt gelebt zu haben, sondern auch die Enttäuschung darüber, dass sie nicht mit mir darüber hat sprechen können. Wo hätte das hinführen können? Die von ihrer Tochter sehr enttäuschten Eltern meinten, ich solle darüber nachdenken, ob ich diesen Vertrauensbruch in der Beziehung verzeihen könnte. Aber klar, viel nachdenken brauchte ich nicht, ich liebe doch meine Paula und wir werden nur stärker damit.
Naja, und nun will sie neutral sein. Nee, is klar. Ich nehme eher an, dass das mit einem neuen Typen zu tun hat. Ich hatte damals schon so ein komisches Gefühl. Wir hatten ihn sogar vor 6 Monaten zusammen mit ihrer Freundin Petra kennengelernt haben, der aus Köln kommt. Über ihre beste Freundin, die in Köln studiert natürlich. Dort war sie zweimal zu Besuch, auf irgendwelchen Partys. Und dieser Typ ist dann durch Zufall eben der beste Freund von dem Freund ihrer besten Freundin und heißt Peter. Alles klar? Aber irgendwie ist man ja naiv, ich wohl offensichtlich sogar sehr. Glaube an ein Heiratsversprechen. Armer Tropf. Mann bin ich behämmert.
Naja, und nun will sie neutral bleiben und kann mir den Grund dafür nicht sagen. Ja und was zum Teufel nochmal denkst du soll ich davon halten? Du raubst mir meinen letzten Stolz. Ich liebe dich, will uns, habe mich für uns entschieden, habe in meinem Kopf meinen Schalter umgelegt. Und jetzt verlangst du, dass ich dem Typen im Spiegel nicht mehr in die Augen schauen kann, weil er sich verloren hat. Weil er sich belügt und seine Verlobte ihm nicht sagt, was sie fühlt, was sie denkt, was sie braucht, was ich tun soll. Sie ignoriert es, verdrängt es, macht die Augen zu um nicht mehr da zu sein und hofft, dass es weg ist, wenn sie die Augen wieder auf macht. Ja, sie verdrängt. Wurde überflutet von Liebe und den Dingen, die wir zusammen gemacht haben. Hat konsumiert, war nur da, hat alles mitgemacht und genossen. War aus ihrem Prinzessinnenhaus ihrer Eltern als Einzelkind ausgezogen, in unsere gemeinsame Wohnung, in der das Leben, ihr Leben, einfach so weiter ging. Naja, und nun hat sie die Schnauze voll. Neutraler Status und so. Von Verantwortung keine Spur, Verantwortung dem Partner gegenüber und solchen Entscheidungen wie einer Verlobung, aber auch Verantwortung ihrem eigenen Leben gegenüber, sich selber in die Pflicht zu nehmen, von sich selber mehr Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu fordern. Und am Ende stehe ich als Übungsgerät zur Verfügung. Jetzt hat man trainiert und nun mag man nicht mehr. Man wird wieder neutral und geht. Ist das wirklich so einfach? Für mich nicht! Ich habe mein innerstes verloren!
Ich sage ihr, wenn sie mir das nicht erklären kann, irgendetwas geben kann woran ich mich festhalten kann, dann muß ich heute, hier, jetzt Schluss machen. Ich lasse den Satz so stehen. Eine halbe Ewigkeit vergeht. Keine Gegenwehr. Stille Akzeptanz. Vielleicht sogar Erleichterung? So einfach ist das? Die Leere in mir, die darauf hofft von einer liebevollen Antwort gefüllt zu werden wird von einem aufsteigenden Gefühl von „echt jetzt, das war‘s?", Wut, Verzweiflung, Orientierungslosigkeit und einem ganze bunten weiteren Blumenstrauß von Emotionen aufgefressen. Das war‘s. Trotz macht sich breit. So nicht mit mir!
Wir zahlen und gehen von der Bar zu ihrer Wohnung. Stille, nichts weiter begleitet uns. Kein Wort wechselt die Seiten. Reden sich beide Durchhalteparolen in den Kopf? Leute begegnen uns. Ich denke, die haben überhaupt keine Ahnung, was in meinem, unserem Leben gerade erdrutschartig passiert ist. Warum bäumt sich die Welt nicht auf und versucht dieses Unheil zu beenden? Aber es bleibt still, es passiert nichts. Es bleibt alles so, wie es ist. Bei ihr zu Hause angekommen packe ich mein Auto mit allem voll, was noch dort ist. Ein Auszug. Sie steht teilnahmslos daneben, während ich alles zu verstauen versuche.
Und dann fahre ich. Oh Gott, mach was! Lass irgendwas passieren, lass sie rufen „nein, Hannes, bleib hier, ich liebe dich"! Aber nichts, es passiert nichts.
Ein letzter Blick. Sie steht auf dem Balkon, weint, schaut zu mir.
Ein Bild wie ein Foto in meinem Kopf. Der Vorhang fällt.
Ende.
Die Zeit dann ist tot. Sie geht einfach vorüber. Ich bin zurück in München, sitze in Meetings, mir schießen plötzlich die Tränen in die Augen und ich muß mich entschuldigen. Ein über das andere mal passiert mir das. Sie, die Gedanken an uns werfen mich aus der Bahn, ich schreie in meinem Herzen. Ich bin so stumm und hilflos das es mich ankotzt, so sein zu müssen. Ich bin so unendlich verloren und ich weiß nicht mehr, wo ich Halt bekommen soll. Meine Nana (ja, meine Eltern sind getrennt und mein Vater hat neu geheiratet. Meine Stiefmutter nenne ich Nana) wird mehrmals am Tag von mir konsultiert. Ich denke aber dass sie sich darüber freut, irgendwie jedenfalls. Ich kann mich abladen und sie ist da, einfach da, wie eine Freundin. Zu meiner Mutter habe ich in der Zeit nicht so intensiven Kontakt, was eher an mir liegt. Mit meiner Nana geht das so, Tage um Tage, Woche um Woche… Die Tränen werden weniger, die Abstände der Tränen-Ereignisse größer. Als Ingenieur würde man sagen, die Frequenz und Amplituden der Tränen werden geringer. Ein Kurvenverlauf um eine Nulllinie der sie sich annähert. Wie eine Gitarrensaite die man zupft. Sie wird ausgelenkt und schwingt so lange hin und her bis sie irgendwann wieder zu ihrer Ausgangslage zurückkommt. Ich mag diese Vorstellung. Man kommt zur Ruhe. Findet wieder zu sich, zu seiner Mitte.
Es gibt noch ein paar Dinge die Paula von mir bekommt bzw. ich noch bei ihr habe liegen lassen. Anfang März bin ich für ein Wochenende wieder in Hamburg, ein Freund hat Geburtstag und ich will noch diese paar Sachen bei ihr abholen. Ich reise schon donnerstags an, Freitagvormittag will ich zu ihr. Sie kann aber leider nicht da sein wie sie mir per SMS mitgeteilt hat, ist mit der Firma unterwegs, und ich weiß nicht, ob das schön oder schade ist. Ich hole den Schlüssel bei ihren Eltern ab und trinke mit ihrer Mama bevor ich zu ihrer Wohnung fahre noch einen Kaffee. Alles fast wie früher. Sie fragt wie es mir geht, naja, ich vermisse sie schon, aber wir gehen nicht weiter in die Tiefe. Irgendwie alles herzlich und doch distanziert. Vielleicht bin ich noch gar nicht so weit aus dem Leben dort raus, wie ich dachte? Schließlich fahre ich zur Wohnung und will meine Sachen holen. Dabei möchte ich noch eine Tasche austauschen die sie von mir bekommt bzw. ich von ihr. Ich öffne die Tür und komme mir wie ein Fremder und doch gleichzeitig wie ein Vertrauert vor. Ganz komisches, ambivalentes Gefühl. Ich schaue mich um, alles ordentlich, ihr Duft liegt in der Luft. Vertraut, fast heimisch. Ein bißchen wie nach Hause kommen und doch irgendwie so weit weg und fremd. Ich will nicht lange hierbleiben und die fröhlichen Gefühle, die mein Herz gerade signalisiert, zu groß werden lassen. Ich suche ihre Sporttasche, in der sie immer alle möglichen anderen Taschen zusammenpackt. Schließlich finde sie, und öffne den Reißverschluss, aber es sind andere Sachen darin. Pullover, Männerdeo, Duschgel. Mein Kloß im Hals kommt wieder, die unerbittliche Antwort auf meine Fragen… Was mache ich hier eigentlich, frage ich mich? Ich bin schockiert, irritiert, brutal wieder auf der Erde angekommen. Was soll das? Was ist das? Ich muß raus hier. Ich bin sauer, könnte schon wieder schreien aber bleibe stumm. Ich denke nach und versuche mich zu beruhigen. Die Bilder auf dem Regal von ihr und mir sind so wunderbar kitschig ordentlich hingestellt, so arrangiert, es passt nicht zusammen. Bevor ich fast fluchtartig mit meinen Sachen aus der Wohnung renne lasse ich ihr doch noch den Brief da, den ich für sie geschrieben habe….
Meine liebe Paula!
Nun, jetzt ist es soweit, ich habe meine letzten Sachen bei dir abgeholt und dir umgekehrt deine Sachen mitgebracht… Damit haben wir nichts mehr voneinander, außer der Erinnerung in unseren Herzen. Schon sehr komisch, nach so einer langen Zeit.
Ich habe dir noch eine DVD mitgebracht. Dort sind alle Fotos drauf, unsere Urlaube und solche an die du ggf. auch Erinnerungen hast und du sie vielleicht haben möchtest. Knapp sieben Jahre waren eine lange Zeit, dass sieht man wenn man die Bilder durchschaut, und es war eine wunderschöne Zeit...!
Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen sehr viel nachgedacht. Die Liebe, so wie wir sie bezeichneten, hat nicht ausgereicht, um zusammen zu bleiben. Warum auch immer. Derzeit befinden wir uns wohl beide in einem Schwebezustand, in dem nicht klar ist, wohin wir wollen, mal hoffen wir vielleicht wieder zusammen zu sein, mal nicht und wir denken an Liebe zwischen uns, um nicht alleine zu sein und uns glaubend zu machen, dass alles wieder gut wird. Ich möchte nicht mehr schweben, sondern zurück auf den Boden. Ich möchte nicht mehr von Liebe oder von Küssen, von Sehnsüchten oder Einsamkeit mit dir sprechen müssen. Ich kann es nicht mehr, weil es mir jedes Mal ins Herz sticht. Wir haben uns getrennt und entschieden, den Weg nicht mehr gemeinsam zu gehen. Ich habe dir gesagt, dass ich unter diesen Umständen und der Art, wie diese Situation herbeigeführt wurde, nicht mehr mit dir zusammen sein kann. Du konntest dazu nichts sagen. Vielleicht warst du dir über die Tragweite nicht im Klaren, aber du hast es auch nicht mehr versucht.
Meine Liebe ist verletzt. Ich war sehr oft, vielleicht zu oft dazu bereit, gegen meine innere Stimme anzugehen und mich glaubend zu machen, dass alles gut ist. Vielleicht habe ich mich selber damit betrogen. Aber das möchte ich nun nicht mehr machen.
Ich möchte das Gefühl wieder fühlen, dass jemand alles für mich tun würde, alles, um den einen Menschen zu halten, glücklich zu machen, zu umsorgen, und das ohne Kompromisse, ohne Ausreden, ohne Hintertür.
Das vermisse ich. Ohne das geht Liebe bei mir nicht. Solange man nicht bereit ist, sich völlig nackt zu machen und vor den anderen hinzustellen ohne Wenn und Aber, solange man sich nicht sicher ist, solange die Liebe in dir nicht sagt, dass du bedingungslos kämpfen musst, werde ich keine Kraft und keinen Grund haben, darüber nachzudenken, ob es mit uns noch einmal etwas wird oder nicht. Man kann an die Liebe keine Bedingungen stellen. Man muß bereit sein, der Liebe zu vertrauen, erst dann kann die Liebe ihre Größe zeigen.
Bevor wir uns trennten wußte ich und hatte das Gefühl, dass wir uns bewegt haben. Gerade die letzten Monate, gerade vielleicht die letzten Gespräche habe mir gezeigt, dass auch ich mich unbedingt bewegen muß, eine Veränderung einzuleiten, um auch dir wieder die Luft zum Atmen zu geben. Dafür war es aber offensichtlich zu spät. Du warst schon zu weit weg.
Auch ich bin mittlerweile traurig über einiges, was passiert ist und das raubt mir die Kraft, wieder auf dich zugehen zu können. Ich bin verletzt und manchmal hoffte ich so sehr, du würdest kämpfen, aber ich glaube nicht, dass du es tust.
Liebe kann man nicht an- und ausknipsen und Liebe ist eben da, oder nicht. Liebe beflügelt einen und lässt einen Dinge tun, zu denen man sonst nicht bereit gewesen wäre. Liebe wägt nicht ab, Liebe misst nicht, sondern Liebe tut immer dass, was sie tun möchte, zu jeder Zeit. Wir vermissen einander, die Zweisamkeit, die Nähe und Fürsorge, der eine mehr, der andere weniger. Den Gesprächspartner, denjenigen, der einen auffängt, wenn es einem nicht gut geht. Verwechseln wir das mit „Liebe"? Es ist mittlerweile Gewohnheit und liebgewordene Kleinigkeiten die uns das denken lassen, aber auch sie werden verblassen. Oder wird man sich darüber klar, dass es doch Liebe ist bzw. war? Hoffentlich nicht zu spät...
Aber es liegt sicherlich nicht nur an dir und deiner Bereitschaft, ob du wieder mit mir zusammen sein willst oder nicht, sondern es liegt auch an mir und meinem Willen, ob ich das noch will und kann. Ich weiß es im Moment nicht, ob ich es jemals wieder möchte, und ich habe nicht das Gefühl, das darum gekämpft wird. Für meine Liebe habe ich gekämpft, ich war nicht immer fair, oft sehr hart, vielleicht zu anspruchsvoll, zu bestimmt. Aber alles im Hinblick auf eine gemeinsame Zukunft, für eine gemeinsame Basis. Aber damit bin ich alleine geblieben. Ich habe für dich und mich, für uns und unsere Liebe, unsere Zukunft gekämpft, dachte ich. Ich war zu jederzeit für uns da und nun ist dieser Kampf verloren. Du hast auch gekämpft, und das gleiche versucht, auf deine Art. Aber wir müssen uns wahrscheinlich eingestehen, dass wir dabei nicht den gleichen Kampf geführt haben. Und nun fehlt die Basis. Solange ich nicht das Gefühl habe, dass mein Gegenüber mit mir an unsere Liebe glaubt, solange ist es keine Liebe.
Meine Liebe war immer echt, mein Bedürfnis nach deiner Nähe, deiner Zärtlichkeit, dem Wunsch alles mit dir zu erleben, Träume mit dir teilen zu können, nicht nur meine Freundin und Verlobte zu sein, sondern auch meine „Freundin". Ich habe mir Kinder mit dir vorgestellt. Aber ich war mit diesen Gedanken wohl alleine und habe es dir schwer gemacht, mir zu folgen.
Und nun ist es so, wie es ist, und es ist wahrscheinlich auch gut so. Du hast die Möglichkeit nun Dinge zu erleben und zu erfahren, die du mit mir deiner Meinung nach hast nicht erleben können. Der Drang nach Freiheit war so groß, dass es unsere Liebe gekostet hat. Vielleicht hast du mich auch gerettet, weil ich einige Dinge mir nicht richtig eingestanden habe.
Wie dem auch sei, du wirst dich irgendwann neu verlieben, jedenfalls wünsche ich dir das von ganzem Herzen. Natürlich erfreut mich diese Vorstellung im Moment nicht, aber das ändert sich mit der Zeit, auch das verblasst. Du hast es verdient, glücklich zu sein.
Ich habe nicht die Konsequenzen aus bestimmten Situationen gezogen wie ich es eigentlich gemusst hätte. Es geht bei alle dem, was man getan hat darum, was einem sein eigenes Wort, was einem die eigene Liebe wert war und ob man sein bestmöglichstes gegeben hat. Mir ist meine eigene Liebe sehr viel wert, weil ich weiß, dass ich mein letztes Hemd für meine Liebe gegeben hätte, für dich. Das kann gut aber auch schlecht sein. Ich vermisse dich manchmal so wahnsinnig, dass ich die Zeit ungeschehen machen möchte. Ich vermisse so viele Dinge mit dir und sie zeigen mir immer wieder, wie nah wir uns eigentlich waren. So etwas ist selten und ich musste 28 werden um einen Menschen wie dich zu finden. Nun haben wir uns verloren und ich hoffe, dass es einen Sinn haben wird.
Ich denke du wirst diese Zeit die nun vor dir liegt brauchen. Es war mutig, diesen Weg zu gehen, wahrscheinlich hattest du keine die Wahl. Du wirst viele Erfahrungen machen die dich stärker machen. Ich hoffe sehr, dass du den Mut und den inneren Antrieb haben wirst, diesen Weg zu gehen, Entscheidungen zu treffen, dich in unbequeme Situationen zu begeben, um an ihnen zu wachsen und stärker zu werden. Sie sind so wichtig. Ich hoffe inständig, dass du diesen eingeschlagenen Weg gehst, dass du dir bewusster wirst über dich, dass du tiefer in dich hinein denkst, es zulässt, dich den Problemen stellst und sie nicht verdrängst. Ich wünsche mir diese Kraft und diesen Mut für dich!
Manchmal hat man auch erst durch den Menschen, der einen liebt, die Kraft bekommen, bestimmte Dinge zu tun, Entscheidungen zu treffen und erst dann den Freiraum, über viele Wünsche und Träume nachzudenken. Vielleicht erkennst du das irgendwann und es wird dir dann wert sein, für eine Liebe zu kämpfen.
Eine Liebe oder besser die Liebe ist etwas, was es zu schützen gilt, unbedingt und unter allen Umständen. Man darf sie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Der Liebe muß man mit Dankbarkeit, Respekt und Demut begegnen, ansonsten hat man sie nicht verdient. Aber man muß erst lernen zu sehen, wie groß die Liebe sein kann und was sie im Stande ist, zu tun. Erst dann wird man die Kraft und die Gelassenheit haben, an sie zu glauben und zu sehen, wie groß sie sein kann. Ich hoffe du wirst irgendwann sehen, wie sehr ich dich geliebt habe.
Wir können sicherlich Kontakt haben, wie auch immer er aussehen mag.
Für mich ist das hier ein Abschiedsbrief. Das tut weh. Du weißt nicht, wo du hin willst und ich kann einfach nicht mehr. Ich habe die Zeit gebraucht, um über die Dinge so wie sie sind, nachzudenken. Ich weiß, dass du dafür Verständnis hast, dass ich meinem Herz das nicht mehr antun will.
Es war eine wundervolle Zeit, und es fällt mir sehr schwer sie, und damit dich, gehen zu lassen. Ich könnte dir unendlich viele Dinge aufzählen, die ich vermisse und wegen jeder Einzelnen davon mir Tränen über das Gesicht laufen. Es war schön, dich zu sehen.
Du bist immer in meinem Herzen, dafür liebe ich dich.
Mit einem dicken Kuss für dich,
für immer,
dein Hannes
Nach dem Wochenende mit ansonsten unspektakulären Ereignissen mache ich mich wieder auf den Weg nach München. Der Brief bleibt unbeantwortet. Wie ins kalte kühle Nass sind diese Gefühle gesprungen und gehen einfach unter, weil niemand da ist, der sie rettet. Ich höre nichts mehr von ihr und die Tage vergehen weiter …
Der bevorstehende 60. Geburtstag von Paula’s Papa ändert auch nichts daran. Er feiert beim Skifahren in den Bergen, Hintertuxer Gletscher. Von München aus ein Katzensprung. Eigentlich war auch das alles schon im Dezember mal geplant ein Besuch. Wir würden ihn beim Skifahren besuchen fahren und hätten die Zeit zusammen genossen. Eigentlich ja eine schöne Idee. Sie fährt ganz wunderbar Ski und auch Snowboard. Toll was wir alles zusammen gemacht haben an Aktivitäten, was wir an Spaß hatten und zusammen erlebt habe. Ich fahre natürlich nicht mehr zu ihren Eltern und sage per SMS ab. Ihr Dad schreibt mir daraufhin eine Mail.
Von: Alexander
Gesendet: Donnerstag, 19. März 2015 18:02
An: Hannes
Betreff: Wiedersehen
Lieber Hannes,
schade, dass du nicht zu meinem Geburtstag zu uns kommen kannst. Wir verbringen schöne Tage hier, und ich hätte mich sehr über dein Kommen gefreut. Wir habe uns ja leider nicht sehen können, als du in Hamburg warst. Leider hast du Gründe, weshalb du den Weg nicht zu uns gefunden hast. Ich frage mich jedoch, ob die selbigen ausreichend
