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Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes: Der Weg, der in den Tag führt - Buch ZWEI
Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes: Der Weg, der in den Tag führt - Buch ZWEI
Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes: Der Weg, der in den Tag führt - Buch ZWEI
eBook431 Seiten5 Stunden

Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes: Der Weg, der in den Tag führt - Buch ZWEI

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Über dieses E-Book

Das Prequel zur Brautschau-Saga geht weiter:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil Zwei - Die Verliese des Elfenbeinerenen Palastes

"Herrin der Nacht, du Allessehende und Allerbarmende. Höre mich. Sechs Männer waren es, die meine Schwester töteten. Heute Nacht werden sie für die Untat büßen, die sie vor 20 Jahren begangen haben. Keiner von ihnen wird seinem Schicksal entkommen!"

Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen ein paar Diebe die Gunst der Stunde. Sie wollen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers der von Karukora eine Landkarte stehlen. Sie soll einen Weg aufzeigen, der durch die "Ebenen des Ewigen Krieges" hinein das sagenhafte Pardais führt.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des "Unterwerfers" sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes in die Tote Wüste flüchten und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie. Wird es ihnen gelingen, Pardais zu erreichen? Und was wird sie dort erwarten?

Neue, atemberaubend spannende Abenteuer in den "Überlebenden Landen"

Buch 2 der Trilogie
"Der Weg, der in den Tag führt"
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum17. Mai 2020
ISBN9783752952643
Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes: Der Weg, der in den Tag führt - Buch ZWEI
Autor

Nikolaus Klammer

Nikolaus Klammer, geboren 1963 in Augsburg, ist ein deutscher Schriftsteller. Seit vielen Jahren bereichert er die literarische Landschaft mit Werken, die sich durch stilistische Vielseitigkeit, feinsinnigen Humor und tiefgründige Gesellschaftsbeobachtungen auszeichnen. Er veröffentlichte Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen, Essays und Glossen, oft mit einem Hang zum Absurden und Skurrilen. Neben seiner Tätigkeit als Autor betreibt Klammer den Literaturblog „Aber ein Traum“, auf dem er eigene Texte sowie Rezensionen und literarische Experimente veröffentlicht. Sein schriftstellerisches Schaffen ist geprägt von sprachlicher Präzision und einer Vorliebe für ungewöhnliche Perspektiven.

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    Buchvorschau

    Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes - Nikolaus Klammer

    Nikolaus Klammer

    DER WEG, DER IN DEN TAG FÜHRT

    EIN ROMAN AUS DER WELT VON BRAUTSCHAU

    Teil 2

    „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes"

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    E-Book-Ausgabe

    Diese Geschichte spielt im Sommer vor den Ereignissen, von denen der Roman „Meister Siebenhardts Geheimnis" erzählt.

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    Texte und Bilder:

    © Copyright by Nikolaus Klammer

    Umschlaggestaltung:

    © Copyright by Nikolaus Klammer

    klammer@email.de

    Druck:

    epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

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    Was bisher geschah

    Auf den Überlebenden Landen lastet der ungewöhnlich heiße Sommer des Jahres 5879 nach der Großen Welle, die die alte Welt der Vorgänger zerstörte. Der Stadtstaat Karukora ist auf der Höhe seiner Macht. Das Juwel der Wüste, wie die große Stadt von ihren Einwohnern genannt wird, befindet sich inmitten unwegsamer Wüsteneinöden und westlich eines gewaltigen, von einem Ringgebirge umschlossenen Kraters. Dort liefern sich in den sogenannten Ebenen des Ewigen Krieges seit Jahrtausenden drei Roboterarmeen Nacht für Nacht eine erbitterte und doch nie endende Schlacht – eine Schlacht, die keinen Sieger und keine Verlierer kennt. Aber Karukora liegt auch am Kreuzungspunkt der wichtigsten Handelsrouten der Überlebenden Lande mitten im Mündungsdelta des vielbefahrenen, gewaltigen Stromes Marat ins Südmeer. Die erste Erwähnung Karukoras, das offenbar auf den Grundmauern der alten Vorgängerstadt Athini errichtet wurde, findet sich in der Khronika prima Kaesari sine nomine von der legendären Geschichtsschreiberin Hannalah d‘Ryst aus dem Jahre 3112. Stadt und Staat werden von jeher durch eine Abfolge von Herrscherfamilien und ihrer Satrapen regiert, deren erste, die sogenannte Bingh–Dynastie, sich direkt von dem legendären Gründer Karukoras herleitete, dessen Name jedoch im Dunkel der Zeit verlorengegangen ist. An der Spitze des Staates steht deshalb seit vielen Jahrhunderten der sogenannte Namenlose Herrscher, der, von seinem Diwan und seinem Vezir–Bey beraten, vom Falkenthron des Elfenbein–Palastes aus, die Geschicke der Stadt und der umliegenden Wüsten– und Oasenlandschaften bis hinauf zum Helmgebirge und dem Großen Wall lenkt. Dort grenzt das Herrschaftsgebiet der Namenlosen an das Fürstentum der Lamargue, mit dem Karukora seit seinen Gründungstagen in Grenzstreitigkeiten und kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt ist und sich heutzutage in einem prekären und brüchigen Waffenstillstand befindet.

    Der augenblickliche Herrscher, der sich auch der „Unterwerfer nennen lässt, entstammt der relativ jungen Bişra–Dynastie. Sein machtgieriger und intriganter Vezir Ómer Sud, mit dessen hochschwangerer Tochter Eóra der Namenlose vermählt ist, plant schon lange dessen Sturz, um sich selbst zum Regenten zu machen und seine eigene Sud–Dynastie zu begründen. Ómer hat sich für seinen Putsch mit dem mächtigen General Paşa Ultem verschworen und will auf einem Gastmahl zuschlagen, das er für den „Bären von Jasir, den Regno Raul IV., seines Zeichens oberster Fürst und Beherrscher der Lamargue, im Palast ausrichten lässt. Dieser befindet sich gerade zu diplomatischen Beratungen und Handelsgesprächen in Karukora. Er wird von seiner Entourage und seinem Geheimdienstchef Idrichson Galves begleitet, der die „Schwalbe von Avríl" genannt wird, Auch die oberen Zehntausend Karukoras und Miladí da Hiver, die rätselhafte Botschafterin des technologisch fortschrittlichen 5–Städte–Bundes, weit im Nordosten der Überlebenden Lande, sind zu dem Fest eingeladen, das Ómer mit großem Aufwand geplant hat, um seine Gäste mit der Überlegenheit der Karukorer Kultur zu beeindrucken. Er erhofft sich gleichzeitig ihre Unterstützung bei seinem Handstreich, der ihn an die Macht befördern soll. Doch sein Festmahl, dessen Höhepunkt ein Vortrag des berühmten alten Märchenerzählers Alis Dabinghi sein soll, ruft noch andere Verschwörer auf den Plan, von denen Ómer nichts ahnt.

    Druşba es Sakr, die geheimnisvolle Anführerin der legendären Karukorer Assassinengilde „Kalte Hand", die eigentlich als ein lange vergessener Mythos galt, plant an diesem Abend ein bezahltes Attentat auf den hünenhaften Regno Raul. Der Auftraggeber für diese Mordtat bleibt zwar noch im Verborgenen, aber Meister Adelf von Süderbal, der Botschafter des Mönchsstaats Italmar in Karukora, erfährt durch einen Zufall von dem Komplott. Doch bevor er den Regno oder jemanden anderen warnen kann, wird er von der „Kalten Hand" aus dem Weg geräumt. Allerdings kann er eine Botschaft hinterlassen, die der Mönchsadept Sahar findet, der sich eigentlich in Karukora aufhält, um nach dem abtrünnigen Meister Siebenhardt zu suchen, der von Italmar wegen Ketzerei und Diebstahls von Kircheneigentum gesucht wird. Sahar überredet die skeptischen Raul und Galves, dass auch er als ein weiterer Märchenerzähler verkleidet an dem Fest teilnehmen kann, um die Assassinin auf frischer Tat zu entlarven und ihren Anschlag vereiteln zu können.

    Auch der alte Alis Dabinghi hat eigene Pläne für das Fest. Er lebt mit seinem Enkel Selin, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, und mit seiner älteren Tochter Sirtis in ärmlichsten Verhältnissen in Hamdala, dem Scherbenviertel von Karukora, dem er mit seiner Familie entfliehen möchte. Er will den Abend des Fests dazu nutzen, um mit der Hilfe eines Dieners von Ómer, seines stummen, alten Freundes Muhar, einen wertvollen Schatz aus dem Elfenbein–Palast zu stehlen. Diesen Raub soll für ihn der junge und geschickte Selin durchführen, während Alis selbst auf der Bühne steht und eines seiner Märchen vorträgt. Das Objekt seiner Begierde ist der „Weg, der in den Tag führt". Dabei handelt es sich der Sage nach um eine Karte oder eine Wegbeschreibung, die eine Möglichkeit aufzeigt, wie man unbeschadet die Ebenen des Ewigen Krieges durchqueren kann, um zu der legendären Stadt des Friedens und des Glücks Pardais zu gelangen, die inmitten des Schlachtfelds liegt. Soweit Alis, der ein direkter Nachfahre der früheren Bingh–Dynastie ist, aus den Familienüberlieferungen weiß, ist „Der Weg, der in den Tag führt" in einem Geheimfach im Falkenthron direkt im Thronsaal des Elfenbein–Palastes verborgen. Da Selin zwar seinem Großvater gehorsam, aber kein Dieb, sondern ein Student ist, der sich auf seine Staatsexamen vorbereitet, macht Alis einen Vertrag mit der Diebeszunft von Karukora, damit diese ihn bei seinem Raubzug unterstützt. Die Diebe schmuggeln zwei ihrer Mitglieder auf das Fest, die Selin unterstützen sollen: Das sind Jalah, die Dienerin von Semira Binsa, die mit ihren reichen Eltern ebenfalls an dem Fest teilnimmt und Selins heimliche Geliebte ist, und der geheimnisumwitterte Meisterdieb Ludo Sorriento, der sich als der Kaufmann Juel aus dem 5–Städte–Bund ausgibt und niemand anderer als der von Sahar gesuchte, ehemalige Meister Siebenhardt ist.

    Schließlich beginnt Ómers Gastmahl und während sich Sahar und Alis vor den hohen Gästen ein Duell liefern, wer von ihnen der bessere Märchenerzähler ist, machen sich Selin und Juel heimlich in Richtung Thronsaal auf, um den „Weg, der in den Tag führt" zu rauben. Auch Jalah schleicht sich davon. Sie wird von der neugierigen und aufmerksam gewordenen Semira verfolgt, die sich fragt, was ihr Freund und ihre Dienerin vorhaben.

    Der traditionelle Satz, mit dem ein Märchenerzähler zum Schluss seines Vortrags kommt, lautet: „Aber das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen. Ómer hat mit Paşa Ultem verabredet, dass diese Worte, wenn sie Alis ausspricht, das Signal sein sollen, ihre Palastrevolte gegen den Namenlosen zu starten. Doch auch der ehrgeizige General hat seine eigenen Pläne. Er hat den Vezir gemeinsam mit dem Seneschall Radik Emre an den „Unterwerfer und an die Elitesoldaten des Namenlosen, die „Treuwacht, verraten und vereitelt mit seiner Truppe Wüstenkriegern den Putsch. Ómer wird sofort verhaftet und auf der Stelle ins Verlies des Palastes gebracht. Das Gastmahl könnte nun weitergehen. Doch in diesem Augenblick stürzt der Regno Raul von seinem Stuhl. Er wurde von der Assassinin der „Kalten Hand vergiftet.

    Ein paar Stunden vor diesen Ereignissen, kurz vor Sonnenuntergang, nähert sich ein Eselsgespann, das von einer dicken Frau auf dem Kutschbock gelenkt wird, der großen Alhaşra–Karawanserei vor den Toren von Karukora …

    1. Kapitel

    EINE NACHT IN DER KARAWANSEREI

    Auf diese merkwürdige Weise verdingte sich meine Schwester Irta schließlich am Hof des Namenlosen Herrschers. Sie war eine niedrige Dienerin unter tausend anderen und doch eine ganz besondere, denn in ihrer Hand lag für kurze Zeit das Schicksal Karukoras«, sagte Sirtis und reckte ihre geballte Faust zu den blinkenden, gleichgültigen Sternen hinauf, als würde sie ihnen drohen. »Und heute ist die Nacht, in der ich zum ersten Mal ihre Geschichte erzählen werde.«

    Das große Feuer in der Mitte des quadratischen Innenhofs der Alhaşra–Karawanserei, die in der Nähe des großen Marsfeldes direkt vor dem Ambra–Nordtor außerhalb der Stadt Karukora stand, war beinahe erloschen. Längst flackerten und glommen die letzten Glutnester der niedergebrannten Holzscheite und der stinkenden Briketts aus gepresstem und getrocknetem Kamel–Dung nur noch in dunklem, orangefarbenen Schein, als wäre an dieser Stelle die Erde kreisrund aufgebrochen und es würde ihr Brand aus dem Inneren an die Oberfläche emporquellen und dort einen kleinen Lavasee bilden. Wenn der Herbergsvater Hüsëttin ab und an mit seinem langen, eisernen Haken in der Glut wühlte und rührte, um sie noch einmal anzustacheln, dann sprühten nur wenige Funken in die Höhe und tanzten bis zu ihrem schnellen Verlöschen über den Häuptern der Versammelten. Doch keiner unter den Reisenden, den Kaufleuten, ihren Dienern, den Kamelhütern und Sklaven dachte daran, dass er am frühen Morgen beim ersten Hahnenschrei vor Sonnenaufgang wieder aufstehen musste und es daher langsam ratsam wurde, sich zur Nachtruhe zu begeben. Auch die Beschäftigten des Rasthauses wollten noch nicht an das Ende dieses Abends glauben, der sie alle so aufgewühlt hatte. Man rutschte nur näher heran an die in sich zusammenfallenden, glühenden Kohlen, deren Hitze immer schneller von der Kälte der Nacht geschluckt wurde und die in der Runde wandernden Flaschen mit wärmendem Geist wechselten häufiger ihre Besitzer.

    Wie Verdurstende hingen alle an den Lippen der aufgeschwemmten, älteren Frau, die bei Sonnenuntergang auf dem Kutschbock eines schwerbeladenen Eselskarrens in die Karawanserei gekommen und ganz offensichtlich eine eingeborene Bewohnerin des Juwels der Wüste war. Diese Frau war freilich keine andere als Sirtis, die wohlgenährte und immer gutgelaunte Tochter des Märchenerzählers Alis, die an diesem Abend die ehrwürdige Tradition ihrer Familie weiterführte und sich aus Gründen, die nur ihr selbst bekannt waren, dazu entschieden hatte, eine ganz besondere Geschichte vorzutragen.

    Sirtis hatte sich in der Alhaşra mit einem unscheinbaren Mann getroffen, der kurz nach ihr vom auch für Fremde geöffneten Stadtteil Karus her auf einem von zwei kräftigen Maultieren gezogenen Kaufmannswagen in den Hof gefahren war und sein grün gestrichenes Gefährt direkt neben ihrem Karren abgestellt hatte. Der von Hüsëttin misstrauisch beobachtete und durchaus etwas suspekt wirkende kleine Kerl war bestimmt nicht der Besitzer des schönen und offenbar gut mit allerlei fremdländischen Waren angefüllten, mit üppigen Schnitzereien verzierten Wohnwagens, der eindeutig eine Anfertigung aus den Oststädten war. Bestimmt war der ein wenig unheimliche Mann nur der Diener eines reichen und erfolgreichen Kaufherren. Halb unter einer Mütze verborgen, zierte eine tiefrote Rosentätowierung die Männerglatze des Mannes. Sie machte ihn als einen freigekauften oder geflohenen Sklaven aus den Vergessenen Ländern von jenseits der gewaltigen Wasserfläche des Südmeers kenntlich. Aber der zwielichtige Mann bezahlte seinen Standplatz für den Wagen und das Futter für seine Tiere für eine Nacht ohne zu murren oder wie alle anderen Gäste zu feilschen. Stattdessen gab er ein üppiges Trinkgeld im Voraus und die dabei zum Vorschein kommende, große und prall gefüllte Geldkatze wog in der Meinung Hüsëttins schwerer als seine Bedenken.

    Tonino, wie sich der schweigsame und überaus ernste Mann nannte, dessen Lippen sich anscheinend noch nie zu einem Lächeln verzogen hatten, hatte der dicken Sirtis nur leichthin wie einer flüchtigen Bekannten zugenickt und sich dann um seine Maulesel gekümmert, die er in dem angemieteten Stallabteil unterbrachte, eigenhändig mit Stroh abrieb und aufmerksam versorgte. Selbstverständlich waren diese beiden auffallenden und außergewöhnlichen Gäste der Alhaşra–Herberge sofort von einem Haufen Neugieriger und Herumlungerer umringt worden, die alle darauf brannten, ihr Woher und ihr Wohin in Erfahrung zu bringen. Niemand konnte vermuten, dass die beiden ein gemeinsames Ziel hatten, das jeden vor Erstaunen schwindlig gemacht hätte, wenn er es erfahren hätte. Tonino blieb jedoch so beharrlich stumm, als hätte ihm ein Al‘kadi wegen eines Vergehens die Zunge herausschneiden lassen und knurrte nur abweisend und unhöflich, wenn er angesprochen wurde. Das war für einen Diener eines Kaufmanns von jenseits des Großen Walls sehr ungewöhnlich, denn ein guter Händler und sein Gefolge verkauften ja nicht nur Waren und Dienstleistungen aller Art, sondern immer auch Neuigkeiten, Mitteilungen, Gerüchte und Geschichten, mit denen sie oft mehr verdienten als mit ihren Handelsgütern. Gerade die Feuer der Karawansereien waren eine lebhafte Börse, an der mit diesen Nachrichten und Märchen gefeilscht wurde. Dafür war die Frau umso gesprächiger. Einige erkannten sie als Sirtis, die Tochter von Alis, und sie wussten, dass sie wie ihr Vater eine begabte Märchenerzählerin war, die ihm jedoch nur selten Konkurrenz machte.

    Sirtis strahlte jeden der Müßiggänger lachend und scherzend mit ihren wundervollen, weißen Zähnen an und lud bald alle auf eine gegorene Ziegenmilch ans hoch emporlodernde Hauptfeuer, das der Herbergsvater mit seinen Gehilfen in der am Rand der Wüste schnell heraufziehenden Abenddämmerung entfacht hatte. Sie versprach, dort alle Fragen zufriedenstellend zu beantworten, denn dies wäre einer der Gründe, die sie in die Alhaşra geführt hätten.

    »Eine besondere Nacht zieht herauf und sie verdient eine besondere Geschichte«, sagte sie. Und so kam es, dass die Frau und die ganze Karawanserei auch lange nach Mitternacht noch beisammensaßen. Sie hielt alle mit ihrem schier endlosen Märchen in Atem. Sogar Tonino hatte sich nach einer Weile zu ihnen gesellt und lauschte aufmerksam, auch wenn auf seinen finsteren, tief eingegrabenen Gesichtszügen keine Regungen zu sehen waren, die erkennen ließen, ob er die Geschichte von Sirtis ablehnte oder ob sie ihm gefiel.

    Ja, das Talent von Sirtis Dabinghi war dem ihres Vaters Alis wahrhaft ebenbürtig, obwohl sie niemals seinen Beruf ergriffen und ihre Märchen vor einem zahlenden Publikum erzählt hatte, weil sie sich schon als junge Frau in ihr Schicksal ergeben hatte, Alis’ Haushalt führen zu müssen und ihren verwaisten Neffen Selin großzuziehen. Sie hatte nicht umsonst seit ihrer frühen Jugend zu den Füßen ihres Vaters gesessen, wenn er auf den Plätzen ferner Städte und später dann auf dem Bazaar oder im Akadis, dem alten Haus der Stimmen, dem heute verwahrlosten Gildengebäude der Märchenerzähler, seine Sagen vortrug. Sirtis hatte dabei stets aufmerksam seinen Worten und Geschichten gelauscht und sie so lange in ihrem Gedächtnis aufbewahrt, sie wieder und wieder memoriert und ihren Spielgefährtinnen und Freundinnen vorgetragen, bis sie Alis fast ebenbürtig geworden war und über ein ebenso großes Repertoire verfügte. Umringt von ihren begeisterten Zuhörern log Sirtis anfangs das Blaue vom Himmel herab und flocht manchmal sogar mit einem nachsichtigen Lächeln die eine oder andere Wahrheit in ihre phantasievollen Geschichten ein, die aus ihrem Mund allerdings noch unglaubwürdiger klang als ihre schamlosen Märchen voller Prinzen, Zauberer, Ungeheuer, Fâeris und Golemen. Schließlich, nachdem sie auf diese Weise ihr Publikum eingefangen hatte und es begierig an ihren Lippen hing, begann sie mit einem Mal von ihrer Schwester Irta und deren denkwürdigem und bedauernswertem Schicksal zu erzählen.

    Der Tag, dessen Abend und Nacht die Menschen in der Karawanserei erlebten, war in Karukora ein denkwürdiger, ein Tag der Wunder gewesen. Der Elfenbeinerne Palast, der sich unweit von dem großen Gasthof auf seiner Halbinsel, die von der großen Maratschleife umflossen wurde, trotzig und gewaltig in den Himmel streckte und den höchsten Punkt der Stadt bildete, war noch immer taghell von unzähligen Fackeln und Laternen erleuchtet und strahlte sein Licht weiß und rein hinaus in die Finsternis der umgebenden Wüsten, die Karukora wie eine Insel in einem trostlosen, öden Sandmeer umschlossen. Noch aus vielen Meilen Entfernung konnte man von den flachen Dünen die pompöse Wohnstätte der Namenlosen erkennen, deren schlanke Türme und Bauten nach dem Himmel griffen. Diese hoch emporgehobene Fackel der Zivilisation, die die Einwohner des Juwels einst dem todbringenden Staub, der Hitze und dem blanken Nichts der trockenen Wüsten abgetrotzt hatten, strahlte sogar noch heller als der gebündelte Lichtstrahl des Leuchtturms auf der Flussinsel Gidabé, wo sich das Fernhandelszentrum Karukoras mit seinen Lagern, Unterkünften, Geschäften, Gesandtschaften und Kontoren befand. Während Sirtis erzählte, fielen immer wieder sehnsüchtige Blicke auf das riesige, blendend weiße Bauwerk des legendären Palastes, an dem unzählige Generationen gearbeitet hatten, bis es seinen heutigen Umfang und Höhe erreicht hatte. Aber niemand im Hof der Alhaşra hätte im Moment seinen Platz am niedergebrannten Feuer mit einem Stuhl in den hohen Sälen des Palastes tauschen mögen, in denen der grausame Vezir Ómer zu Ehren der ausländischen Gäste aus der barbarischen Lamargue für die Reichen und Mächtigen der Stadt ein rauschendes Fest gab. Denn Sirtis führte sie mit der Erzählung über das Schicksal ihrer Schwester an Orte des Palastes, die ihnen verschlossen waren und rührte sie mit der Tragödie ihrer Schwester, über die sie berichtete, zu Tränen:

    »War Irta in den ersten Monaten ihrer Anstellung nur eine von vielen gewesen, die niedrige Aufgaben und entwürdigende Sklavenarbeiten in den Palastküchen erledigen, die Gemüse putzen, Fleisch schneiden, Enten und Hühner rupfen, Fische entschuppen und ausnehmen, Kartoffeln schälen, Kraut stampfen und nächtelang fettiges Geschirr spülen und eingebrannte Töpfe schrubben, die die klebrigen Böden kehren und wischen und immer und immer wieder Feuerholz heranschleppen, erkannte doch eines Tages der Hofmeister des namenlosen Herrschers „Erquickende Wüstenoase", der Serail‘Usta und Seneschall Aismek Bey, welch ein ungeschliffener Diamant dort unten in den verräucherten Gewölben der Küchen im Unrat lag und verhalten unter all dem Dreck funkelte. Ihn dauerten die aufgeplatzten, roten Hände der Dienerin zutiefst, denn er sah mit seinem Kennerblick trotz der sackartigen, schmutzigen Kleidung, den strohigen, verfilzten Haaren und den verweinten Augen, durchaus ihre Schönheit, ihre Grazie und ihr Geschick. Lange zögerte er, denn er wusste, dass ein Eingreifen seine Kompetenzen überschritt, denn die Küchen waren nicht sein Reich. Doch dann sprach Aismek wie von Ungefähr eines Tages Irta im Hof an und erkannte das Talent und die guten Umgangsformen des jungen Mädchens, das nicht nur eine angenehme Hülle besaß, sondern dazu ein liebreizendes Wesen besaß und dazu voller Geist, Witz und Geschick war. Irta würde das Hohe Serail seines Bişra zieren wie schon lange keine Odaliske mehr vor ihr, die den Frauen des Namenlosen in den luxuriösen Räumen seines Harems diente.

    Zäh und erbittert musste der Serail‘Usta jedoch zuallererst mit seinem alten Erzrivalen Türbin Bey verhandeln, jenem heute noch berühmten und damals von fast allen Palastbediensteten gefürchteten Oberkoch, der während der Regentschaft in den Eingeweiden des Herrschersitzes ein überaus strenges Regiment führte und dort unten zwischen den Fleischtöpfen und Herdfeuern mächtiger als der Vezir oder gar der Namenlose selbst war. Eifersüchtig hütete Türbin sein Reich und seine Untergebenen, als wäre er der verdammte Inet selbst, der in seiner eiskalten Gehenna die Seelen der Verstorbenen mit Seilen an sich fesselt und auf ewig quält. Er war durchaus nicht gewillt, Irta ohne Kampf und freiwillig herauszugeben und auf keinen Fall sollte sie in die Hände seines persönlichen Lieblingsfeindes Aismek gelangen, der sich einst unvorsichtig und abfällig über eine Lammleber–Pastete geäußert und an ihrer Frische gezweifelt hatte. Doch der hochberühmte Koch war wie alle Küchenbeys dem von der Allerbarmerin verfluchten Laster der Trunksucht verfallen, das ihn dann nur wenige Zeit später vernichtete. Ein Fass dunkles, schäumendes Bier aus dem fernen Danmark ließ Türbin doch endlich weich werden und schließlich in den Handel mit Aismek einwilligen. Das Fass war später meine Rettung, aber Türbins Verhängnis. Aber die Geschichte vom verhexten Geschenks des Seneschalls ist eine weitere Geschichte nach dieser Geschichte und ich will sie euch in einer anderen Nacht erzählen. Irta jedenfalls, die ihr Glück kaum fassen konnte, durfte den Bauch des Elfenbeinernen Palastes verlassen und in die von den Beschnittenen streng bewachten Frauengemächer ziehen, die sich zu dieser Zeit in den luftigsten, aber zugleich auch in den abgelegensten Räumen des Herrschersitzes befanden. Doch glücklich wurde Irta im verbotenen Serail anfänglich nicht.

    Nachdem sie sich rasch eingewöhnt hatte, gingen ihr die Arbeiten dort zwar leicht und schnell von der Hand, aber obwohl sie Adalante, der unnahbaren Hauptfrau des Bişra und Mutter des Infanten Dagor, und den unzähligen Gattinnen und Gespielinnen des Namenlosen bald mehr eine Freundin als eine Dienerin war, erschienen ihr die Tage in den Frauengemächern endlos öde und ihr war die meiste Zeit ganz entsetzlich langweilig. Aber immerhin wurde sie nun besser entlohnt und musste von ihren sauer verdienten Denires nichts mehr für Kost und Logis abgeben. Ihr Beutel mit den Kupfermünzen schwoll langsam, aber stetig an. Sie hauste nun auch nicht mehr auf ein paar Laken in einem großen, schmuddeligen Schlafsaal wie unten in den fetttriefenden Katakomben der stickigen Küchen, sondern sie hatte ihr eigenes luftiges, allerdings auch winziges Zimmerchen, das mehr ein begehbarer Wandschrank als ein Raum war. Aber die Kammer gehörte ihr ganz allein und sie konnte sie hinter sich abschließen, wenn sie die Einsamkeit suchte. Irta besaß sogar ein kleines Fenster, durch das sie hinunter in einen verwunschenen, verwilderten Palastgarten hinabblicken konnte, in dem hohe, alte Bäume wuchsen und sich ein Drillingsblumenstrauch–Labyrinth mit einer hässlichen Statue des „Prächtigen" in dessen Mitte befand. Meist aber lag sie in den langen Nächten auf ihrem Lager am Boden, von dem aus sie die munter über dem Südmeer glitzernden Sterne sehen konnte. Ab und an durfte sie auch noch vor Morgengrauen für einen Tag den Harem und den Palast verlassen und ihren Vater in der Stuhlwebergasse besuchen. Diese dreißig endlose Tage lang mit heißem Herzen herbeigesehnten und kostbaren Stunden bedeuteten Irta mehr, als ihr euch vorstellen könnt.

    So verging ohne Abwechslung oder Veränderung ihrer Lage beinahe ein Jahr und hätte nicht ab und an der treue Aismek das eine oder andere Buch mitgebracht und sich auf eine Partie Dakmak zu ihr gesetzt, wäre sie wohl umgeben von stummen Eunuchen, grazilen Schönheiten, Wohlgerüchen, erlesenen Stoffen und Spezereien begleitet von den zarten Klängen der Leierspielerinnen wie ein Zeisig in einem zu kleinen Käfig vor Langeweile eingegangen.

    Der Namenlose besuchte seinen Harem während dieser Zeit kein einziges Mal. Wie ihr sicherlich wisst, hatte ihn ein Sturz von seinem liebsten Reitpferd in seine frühe Kindheit zurückgeworfen und er besaß nun das Gemüt und die Geisteskräfte eines dreijährigen Knaben. Die Regierungsgeschäfte führte für ihn als Regent sein guter Onkel Bathu Paşa und „Erquickende Wüstenoase selbst saß sabbernd und kichernd auf dem Falkenthron und ließ sich von Muhar, dem Märchenerzähler, Abenteuergeschichten mit Drachen und kühnen, muskelbepackten Rittern vortragen. Der rasche und für die meisten auch überraschende Tod von „Wüstenoase kurze Zeit später, beschenkte uns alle mit der milden und segensreichen Regierung seines Sohnes, des „Unterwerfers, der – welch ein erstaunlicher Zufall – just einen Tag vor dem Ableben des Bişras volljährig geworden war und damit auch nicht mehr die Führung seines Großonkels Bathu benötigte, sondern auf seine neuen Einflüsterer Ómer Sud und Paşa Ultem hörte. Viele hielten den Tod der „Wüstenoase für eine Gnade der Allerbarmerin, doch ich bin heute hier, um euch eine andere, nämlich die wahre Geschichte zu erzählen.«

    Der bissige Tonfall hatte die letzten Worte von Sirtis Lügen gestraft, doch nun gehorchte sie der Sitte der Märchenerzähler, nach einer Erwähnung des regierenden Namenlosen eine Pause einzulegen. Sie wartete geduldig die unvermeidlichen Lobpreisungen und Trinksprüche auf das Wohl des „Unterwerfers" ab. Schließlich hatte der Vezir Ómer überall seine Augen und Ohren und kannte einige exquisite Folterinstrumente für diejenigen, die abfällig über ihren Herrscher redeten oder lieber verstockt schwiegen, wenn es an der Zeit war, ihn zu bejubeln. Dann fuhr Sirtis fort, von ihrer Schwester zu erzählen:

    »Das Fernbleiben des Namenlosen vom Hohen Serail mochte die Frauen des Bişra vielleicht erleichtern – wir wissen nicht, was in ihnen vorging, denn keine von ihnen hat uns je von ihrem Leben in der Abgeschlossenheit erzählt –, die quirlige Irta jedoch betrachtete die Ruhe und Geborgenheit des Frauenhauses beinahe wie eine Strafe, die ihr ein boshafter Qarin eingebrockt hatte. Ihre Hauptbeschäftigung neben der Pflege und dem Waschen der Haare und Körper ihrer Herrinnen, ihnen mit einem Palmblatt Kühle zuzufächeln oder ihnen Konfekt zu reichen, war es, die Tage und Stunden bis zu ihrem nächsten Urlaubstag zu zählen und sich in der Nacht durch ihr außerordentlich schmales Fenster zu lehnen und traurig die Sterne anzuseufzen. Damit sie zu diesem Zweck das recht hohe, enge Fensterchen überhaupt erreichen konnte, stellte sie sich immer auf einen Hocker und quetschte anschließend ihren Oberkörper halb ins Freie.

    Doch in einer Nacht bemerkte sie mit einem Mal, dass sie von dem Garten unterhalb ihres winzigen Gemachs aus dabei beobachtet wurde, wie sie ihren Kopf und ihre Schultern durch den Fensterrahmen zwängte und ihre Sehnsüchte flüsternd der Dunkelheit anvertraute: Sie hatte in dem Schlagschatten einer Palme die Bewegungen eines dort verborgenen Menschen gesehen und stieß erschrocken einen Schrei aus. Sofort trat mit gesenktem Kopf schuldbewusst ein auffallend großer, muskulöser und hellhäutiger Mann aus der Finsternis halb in das unzuverlässige Licht, das aus den rückwärtigen Fenstern des Hohen Serails in den Garten fiel. Er trug fremdländische, selbst für eine kalte Wüstennacht wie diese, viel zu warme Kleidung und eine hässliche Fellkappe auf seinem kahlen Schädel. Obwohl Irta ihm noch nicht begegnet war, wusste sie sogleich, um wen es sich bei dem nächtlichen Störenfried handelte, der nun spielerisch seine Arme über den Kopf hob, als hätte ihn die Treuwacht überwältigt. Es war Raul, der junge lamargische Prinz. Er hielt sich mit seinem Vater Yves III. samt großem Gefolge in Karukora auf. Es ging um die hohe Politik, die Irta in ihrer begrenzten Haremswelt sehr fern erschien. In zähen Verhandlungen mit dem Diwan des Regenten, die oft bis in die Nacht andauerten, wurde seit einer Woche über komplizierte Handelsverträge, den Freihafen Şdarda an der Mündung des Helm in den Marat und die in der letzten Zeit zunehmenden Grenzprobleme zwischen dem Juwel der Wüste und Jasir gestritten. Die fremdländischen, exotischen Fürsten, die vollbärtigen, rohen Diplomaten und ihre barbarischen Begleiter in ihren hässlichen, roten Uniformen waren in diesen Tagen das Gesprächsthema der gelangweilten Frauen des Bişras; auch wenn unter ihnen bisher kaum eine einen Blick auf sie hatte erhaschen können.

    Es konnte sicher nur ein Zufall sein, der Raul, der nur wenig älter als Irta war, aus den einige Stockwerke tiefer gelegenen Gastquartieren hierher in diesen gut versteckten, kleinen Park direkt unter ihrem Fenster geführt hatte. Aber es war doch eine flegelhafte Unverschämtheit von ihm, sich so lange nicht bemerkbar zu machen und sie heimlich bei ihrem Kummer zu beobachten. Mochte die Tränenreiche wissen, wie viele der Seufzer der jungen Dienerin der Fremde bereits unerlaubt erlauscht hatte! Wütend auf den unverschämten Beobachter und auch voller Scham wollte Irta eilig ihren Kopf zurückziehen und die blickdichten Fensterläden vor ihrer Kammer schließen. Aber der Hocker, auf dem sie stand, rutschte ihr durch die heftige Bewegung unter ihren Füßen weg und so steckte sie mit einem Mal unglücklich im Rahmen gefangen fest, konnte für den Moment weder vor– noch rückwärts. Der Prinz, der von ihrer misslichen Lage nichts mitbekam, wollte die günstige Gelegenheit nicht verstreichen lassen.

    „Warte, du Schöne!, rief er und trat vollständig aus seinem Versteck, kam ganz nah an die Mauer des Serails heran. Wusste Raul, in welcher Gefahr er schwebte? Würden ihn jetzt die Eunuchen entdecken, die misstrauisch den Harem des Namenlosen bewachten, dann würde er zweifellos an Ort und Stelle seinen Kopf verlieren und der Krieg zwischen Karukora und der Lamargue von Neuem ausbrechen. „Fürchte dich nicht vor mir, flehte er. Irta hatte keine Angst, aber sie zappelte hilflos mit ihren nackten Beinen in der Luft und versuchte angestrengt, sich mit ihren Händen abzustützen und sich nach innen in ihr Zimmer zu drücken.

    Raul deutete ihren gequälten Gesichtsausdruck falsch. Er riss seine hässliche Fellmütze vom Kopf und steckte sie in die Tasche seiner Jacke. „Ich werde dir nichts tun", versuchte er sie zu beruhigen. Irta stieg vor Anstrengung das Blut in den Kopf und sie war froh über die Schatten der Nacht, die zumindest ihr peinliches Erröten verbargen. Sie warf dem Prinzen einen – wie sie hoffte –, vernichtenden und strafenden Blick zu, doch anstatt betroffen zurückzuweichen, wie sie es von einem wohlerzogenen Edelmann erwarten konnte, trat er ermutigt über ihr Verbleiben direkt unter ihr Fenster, ohne sich um die duftenden Blumen zu kümmern, die er in dem Beet unter seinen Füßen zertrampelte. Dieser Barbar stapfte einfach achtlos in sie hinein! Obwohl Irtas Kammer fast ein Stockwerk über dem Boden des Beets lag, war Raul so groß, dass er sie nun hätte berühren können, wenn er weiterhin seine Arme nach oben gestreckt hätte. Ein Lichtstrahl fiel auf sein Gesicht und Irta stockte der Atem – nicht, weil ihr der Fensterrahmen weiterhin gegen die Brust drückte –, sondern weil Raul sie mit seinem ebenmäßigen und edel geschnittenen Gesichtszügen so liebevoll musterte, als erblicke er das Wertvollste und Schönste auf der Welt.

    „Was hast du für ein liebliches Gesicht, flüsterte der Prinz ihr zu und schloss genießerisch seine Lider. „Das Ebenholz deines Haars und deine grauen Augen sind so … lieblich!

    Irta konnte nicht

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