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Highway ins Verderben: Kriminalroman
Highway ins Verderben: Kriminalroman
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eBook299 Seiten3 Stunden

Highway ins Verderben: Kriminalroman

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Über dieses E-Book

Aus einem Kleinstadtmuseum wird "Die Leopardin" gestohlen. Das Gemälde, eine hoch versicherte Leihgabe, taucht bald darauf wieder auf. Schnell steht auch fest, wer die Kunstdiebe und die Drahtzieher des Coups waren. Das Lösegeld bleibt jedoch verschwunden.
Zwei Ehepaare, die zeitgleich, aber aus völlig unterschiedlichen Motiven eine große Amerikareise antreten, geraten den Fokus der Ermittler von Polizei und Versicherungsdetektiv. Eine dramatische Verfolgungsjagd über die Highways Nordamerikas beginnt.
SpracheDeutsch
Herausgeberepubli
Erscheinungsdatum11. Jan. 2020
ISBN9783750271258
Highway ins Verderben: Kriminalroman
Autor

Hildegard Grünthaler

Hildegard Grünthaler ist bisher als Reisebuchautorin bekannt. Nach jahrelangen Wohnmobilreisen durch Nordamerika, Neuseeland und Australien hat die Autorin zwei Reisebücher und Fernwehschmöker verfasst, die im Conrad Stein Verlag erschienen sind. Nach zwei Kinder- und Jugendbüchern schreibt Hildegard Grünthaler nun Krimis. Die Highways in Nordamerika, Australien und Neuseeland, auf denen die Autorin lange Jahre im Wohnmobil unterwegs war, sind in ihren neuen Büchern Schauplatz spannender Krimis. Doch trotz Mord und Verbrechen kommt auch der Humor in ihren Krimis nicht zu kurz. https://www.wohnmobil-weltreise.de/

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    Buchvorschau

    Highway ins Verderben - Hildegard Grünthaler

    Inhaltsverzeichnis

    Highway ins Verderben

    Das Buch:

    Über die Autorin:

    Prolog

    1

    2

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    Epilog

    Nachwort

    1. Leseprobe »Die Beschwörungsformel«

    KALATUR, DER GEIST DES RAUCHES

    DER BANN

    EIN SOUVENIR AUS MARRAKESCH

    2. Leseprobe aus dem Jugendroman »Römer, Ritter, Fußballhelden

    Tante Calpurnias Abschiedsgeschenk

    Von Rittern, Raubrittern und falschen Helden

    Das Buch:

    Aus einem Kleinstadtmuseum wird »Die Leopardin« gestohlen. Das Gemälde, eine hoch versicherte Leihgabe, taucht bald darauf wieder auf. Schnell steht auch fest, wer die Artnapper und die Drahtzieher des Coups waren. Das Lösegeld bleibt jedoch verschwunden.

    Zwei Ehepaare, durch Zufall zeitgleich auf großer Amerikareise, geraten ins Visier der Ermittler von Polizei und Versicherung. Eine dramatische Jagd über die Highways Nordamerikas beginnt.

    Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

    Die Autorin

    Über die Autorin:

    Bis zu dem Zeitpunkt, als Hildegard Grünthaler begann, Hausrat und Möbel zu verscherbeln, das Haus vermietete und zusammen mit Ehemann Peter das auf den allerletzten Drücker gekaufte Wohnmobil über den Großen Teich nach Baltimore verschiffte, verlief ihr Leben ohne größere Ereignisse.

    Nach drei Jahren Wohnmobilreise durch Nordamerika, Neuseeland und Australien war zwar das größte Fernweh gestillt, die Sehnsucht nach der Weite Nordamerikas kam aber bald zurück. Für ein weiteres Jahr verschiffte das Ehepaar ein Wohnmobil nach Halifax an Kanadas Ostküste. Über diese Reisen hat die Autorin zwei Bücher verfasst, die vielen Travellern ein Begriff sind.

    Nach Jahren im Wohnmobil ist die Autorin wieder sesshaft und Großmutter von zwei Enkelkindern.

    Prolog

    »Anmeldename«, murmelte Jürgen Brombacher. Er tippte »womodriver« in die Eingabemaske. »Passwort, wie hieß das doch gleich? ›highway19‹? ›traveller17‹?«

    Er lupfte den Laptop, holte die Liste mit den Zugangsdaten hervor, fuhr mit dem Zeigefinger die Zeilen entlang und tippte schließlich »18amerika#« in die Maske. Auf seine Anfrage waren sieben Zuschriften eingegangen. Ein gewisser mobilspezialist hatte geschrieben:

    »Amerika kannst du vergessen, viel zu gefährlich! Lauter Gangster dort! Bleib lieber in Deutschland, da weißt du, was du hast!«

    »So ein Depp!«, entrüstete sich Helga, die ihm von hinten über die Schulter sah. Jürgen scrollte weiter. mark12 empfahl ihm ein Buch. Jürgen kopierte den Titel, bevor er die nächste Antwort anklickte. Solarpaneele mit 400 Watt und Gelbatterien mit 800 Ampere wären das mindeste, was ein Wohnmobil für eine derartige Reise bräuchte, hatte ihm freak mitgeteilt. Ein Typ mit dem Pseudonym asterix99 hatte bereits seinen Senf zu der Antwort gegeben:

    »Blödsinn, braucht man nicht, auch in Amerika kommt der Strom aus der Steckdose!« Jürgen stöhnte und klickte weiter: mäuserich hatte ihm kundgetan:

    »Weiß ich nicht. War noch nie in Amerika«.

    »Spar dir doch die Mühe und die Zeit mit diesen blöden Foren«, forderte ihn Helga auf. »Dort sind doch nur Klugscheißer unterwegs!«

    Jürgen antwortete nicht, er hätte ihr sonst recht geben müssen. Stattdessen klickte er die Antwort von rumkugel an.

    »Verkauf deine windige Karre! Die bricht Dir auf der ersten Schotterstraße zusammen. Leg Dir ein anständiges Expeditionsmobil zu! Wie willst Du ohne Allradantrieb durch Alaska kommen? Bei minus 50°, bei Eis und Schnee und in totaler Finsternis? Dort gibt es kaum Straßen!«

    Jürgen widerstand dem ersten Impuls, der Rumkugel eine Erwiderung auf den hirnrissigen Stuss zu tippen. Stattdessen klickte er sich ziemlich ernüchtert durch den Rest der sinnentleerten Zuschriften.

    »So ein richtig schickes Mobil wär aber schon was«, schwärmte Helga, »mit allem Schnickschnack und allem Pipapo ...«

    »Da müsstest du vorher das vermietete Häuschen meiner Eltern verkaufen oder aber im Lotto gewinnen. Das Häuschen wird nicht verkauft, ein Lottogewinn ist nicht planbar, und unsere Konten und Reserven wollen wir doch nicht angreifen. Deshalb werden wir die Reise mit unserem guten, alten, zuverlässigen Wohnmobil machen. Ohne Schnickschnack und ohne Pipapo. Eine Solaranlage werden wir aber wirklich brauchen!«, entschied Jürgen. Er loggte sich aus und startete die Googlesuche.

    1

    Bevor sich Johannes Werning der Krawatte entledigte, musterte er sich noch einmal prüfend im Spiegel. Der gut geschnittene Anzug ließ ihn schlanker erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Er kaschierte auch die Kugel, die sich unter dem Sakko zu wölben begann. Das Grau, das Wernings dunkles Haar langsam aber stetig immer stärker dominierte, hatte er mit einer Tönung überdeckt. Dass die Stirn sichtbar höher wurde, ließ sich leider nicht so leicht vertuschen. Trotzdem fand er, dass er mit seinen 57 Jahren durchaus passabel aussah.

    Werning hängte den Anzug über den Herrendiener, warf das Oberhemd aufs Bett und begutachtete sich noch einmal im Spiegel.

    »Jo, du kriegst einen Bauch!«, hatte Nina letzte Woche so ganz beiläufig bemerkt. Seinen Protest hatte sie mit der gnadenlosen Bemerkung abgeschmettert:

    »Einen Rettungsring auch!«

    Reflexartig zog er den Bauch ein, hielt die Luft an. Doch mit dem Ausatmen wölbte sich die verflixte Kugel schlagartig wieder nach vorne. Er gestand sich ein, dass er unübersehbar schlaff wurde.

    Werning wusste genau, Nina hatte ihn mit ihrem beiläufigen Hinweis auf den Bauch nicht nur necken wollen. Den Nadelstich hatte sie gezielt gesetzt. Schließlich hatte sie auf ein schickes Penthaus gehofft. Jetzt war sie enttäuscht, dass das Liebesnest nur eine kleine Zweizimmerwohnung in einem schon etwas heruntergekommenen, aber billigen und vor allem anonymen Hochhaus geworden war.

    Was dachte sie denn, welche Reichtümer der Direktor eines Kleinstadtmuseums verdient? Es war schon schwierig genug, die Miete für die kleine Wohnung unauffällig abzuzweigen. Ganz zu schweigen von dem vielen Geld, das die teuren Klamotten kosteten, die Nina bevorzugte. Von den paar Kröten, die ihr Studentenjob einbrachte, konnte sie sich die edle Garderobe schwerlich leisten.

    Werning seufzte. Es war verdammt anstrengend, sich eine 23-jährige Geliebte zu leisten. Noch anstrengender war es, sie vor der Ehefrau geheim zu halten. Das Geld für die Miete und ihre vielen Wünsche gab er Nina in bar. Keinesfalls wollte er irgendwelche nachvollziehbaren Spuren auf seinen Kontoauszügen hinterlassen. Zum Glück ging Sabine völlig in ihrem Beruf als Studienrätin auf. Abends war sie meist mit Unterrichtsvorbereitungen beschäftigt, saß über Korrekturen und zusätzlich leitete sie die Theatergruppe der Schule.

    Werning kramte die neuen Fitnessklamotten aus der Kommode und schlüpfte in einen Trainingsanzug. Er konnte Nina kein Penthaus mieten, geschweige denn kaufen, also musste er wohl oder übel etwas gegen den Bauch tun. Kurz darauf verließ er die Wohnung. Seine Frau saß noch immer in ihrem Arbeitszimmer am Schreibtisch.

    »Tschüs!«, rief er im Vorbeigehen. »Ich gehe ins Fitnessstudio. Du weißt ja, dass mir der Arzt das dringend angeraten hat!« Das war nicht mal gelogen.

    Sein Kopf färbte sich vor Anstrengung tiefrot. Mit gepresstem Atem und brennenden Oberschenkeln drückte er gegen die Platte der Beinpresse. Vergeblich! Er schaffte es nicht, das verflixte Ding nach vorne zu drücken. Noch keine halbe Stunde hatte er trainiert und schon jetzt war er fix und fertig. Voll Neid beobachtete er den Typen am Gerät nebenan. Scheinbar spielerisch bewegte der die Butterfly-Maschine. Der tätowierte Bizeps schwoll sichtbar unter dem engen Muskelshirt.

    Du musst dich noch mehr anstrengen, befahl Werning sich selbst, und drückte noch einmal mit aller Kraft gegen die Presse.

    Der Muskeltyp verließ den Butterfly. Schnell wechselte Werning selbst zu dem Gerät. Dem ersten Impuls, die Gewichte zu reduzieren, widerstand er. Was der konnte, musste er doch auch schaffen.

    »Es ist anfangs besser, ein paar Gewichte weniger aufzupacken«, mahnte der Typ, der sich als Harry vorstellte, lächelnd. »Überanstrengung hilft Ihnen nicht weiter.«

    »Ja, das leuchtet mir ein. Ich bin nur etwas ungeduldig. Ich möchte mir so schnell wie möglich starke Muskeln und einen harten Waschbrettbauch antrainieren«, gestand Werning.

    Harry nickte mitfühlend. »Verstehe! Die ersten Male können extrem frustrierend sein.«

    »Wie lange dauert es, bis man den Erfolg der Schinderei sieht?«

    Harry witterte seine Chance. Lässig wischte er sich die feuchten schwarzen Locken aus der Stirn, ließ seine vom Schweiß glänzenden Muskeln spielen. Er fand, dass es an der Zeit wäre, zu einem vertraulichen Du überzugehen.

    »Wenn du so trainierst, wie man es dir in der Einführung gezeigt hat, dauert es ewig.«

    »Das heißt, du kennst eine Methode, mit der es schneller geht?« So schnell zu duzen war Werning zwar fremd, doch er wollte nicht spießig erscheinen.

    »Aber hundertpro! Trainieren musst du dabei zwar auch, aber es gibt da gewisse Mittel ...«, Harry legte eine Kunstpause ein, lauerte darauf, dass sein Gegenüber anbiss.

    »Jaaa?«

    »... gewisse Pülverchen und Pillen, die nicht nur die Muskelbildung, sondern auch die Fitness enorm beschleunigen.«

    Zufrieden stellte Harry fest, dass es in den Gehirnwindungen seines Gegenübers sichtbar zu rattern begann. Bevor der Typ weiter nachfragen konnte, dozierte er mit ernsthafter Miene:

    »Wie du sicher schon gehört hast, verbrennen starke Muskeln wesentlich mehr Fett als schlaffe. Deshalb ist es nicht nur für die Optik, sondern auch für die Gesundheit besser, für starke Muskeln zu sorgen. Aber wer hat schon Zeit, täglich Stunden im Fitnessstudio zu verbringen.«

    Weil Werning nicht gleich reagierte, schob Harry augenzwinkernd nach:

    »Na, und Frauen stehen sowieso auf Muskeln. Garantiert!« Dabei ballte er lässig die Faust und ließ seinen Bizeps hervortreten.

    »Diese Pillen - kriege ich in der Apotheke?«

    »Nein, die kriegst du von mir!«

    »Das heißt auf Deutsch: Die Pillen sind illegal?«

    Harry hatte mit diesem Einwand gerechnet:

    »Was heiß illegal - es geht doch niemanden was an, wie wir unsere Muskeln aufpeppen. Der Staat sollte froh sein, wenn wir was für die Gesundheit tun und nicht der Krankenkasse zur Last fallen«. Mit gesenkter Stimme fügte er hinzu: »Du bekommst die Pillen natürlich zu einem Sonderpreis!«

    Werning nickte: »Ich werde die Pillen mal ausprobieren!«

    Na endlich hat der Schlaffi angebissen, dachte Harry.

    2

    »Sie sind nicht die Höchstbietende«, erschien auf dem Display. Verena zögerte nur kurz, bevor sie ihr Gebot auf 95 Euro erhöhte. 12 Euro war das Mindestgebot gewesen - ein Hammerschnäppchen für diese Designerhandtasche. Regulär kostete die im Laden um die 300. Mindestens. Es gab Leute, die konnten sich das leisten. Einfach so. Mal hier ein Täschchen für 300 Euro, mal da ein paar High Heels für 400 oder ein Kleid für einen schlappen Tausender.

    »Sie sind nicht die Höchstbietende!«, reklamierte die Versteigerungsplattform. Verena dachte kurz an ihr überzogenes Konto bevor sie auf € 98,55 erhöhte. Immer noch ein Schnäppchen!

    »Herzlichen Glückwunsch, Sie sind derzeit die Höchstbietende!«

    Na also! Noch fünf Minuten, dann gehörte die Tasche ihr. Vor Aufregung wurden ihre Hände feucht. Sie wischte sie an der Jeans ab, die sie letzte Woche für 130 Euro ersteigert hatte. Ein Schnäppchen hatte sie gedacht - obwohl, mehr kostete die im regulären Handel auch nicht. Aber das hatte sie erst hinterher festgestellt. Verena griff wieder nach der Maus und aktualisierte.

    »Sie sind nicht mehr die Höchstbietende«.

    Sie zog nach. Noch vier Minuten. Verdammt - warum musste sie jetzt im Endspurt ständig überboten werden? Verena erhöhte, der unsichtbare Mitbieter auch, Verena erhöhte wieder ...

    »Herzlichen Glückwunsch! Der angebotene Artikel gehört Ihnen. Bitte überweisen Sie € 175,90 an ...« Der Rest verschwamm vor ihren Augen. Weil ihr just in diesem Moment die Mahnung einfiel, die auf dem Tisch lag. Es war die Dritte, und sie wusste, dass sie nicht bezahlen konnte. Sie hatte die Lederjacke aus einem Impuls heraus bestellt und gedacht: Nur mal reinschlüpfen, einen Tag damit ausgehen und dann postwendend zurückschicken ...

    Die kurze Jacke passte so toll zur neuen Jeans, die ihre schlanke Figur so gut zur Geltung brachte. Dazu hatte sie Ihr schulterlanges, dunkles Haar zu einem modischen Dutt geschlungen und die Nägel verschiedenfarbig lackiert. Dummerweise hatte sie an diesem einen Tag heißen Kaffee über den Ärmel der Jacke geschüttet. Coffee to go - so was blödes. Durch den Styroporbecher hatte sie nicht gespürt, wie kochend heiß die Brühe war und unvorsichtig einen zu großen Schluck durch den Strohhalm genommen. Sie hatte vor Schreck den Becher fallen lassen und dabei nicht nur die Lederjacke ruiniert, sondern auch die erst kürzlich ersteigerten Schuhe. So ein Desaster! Sie konnte sich die Handtasche gar nicht leisten - nicht von ihrem mickerigen Gehalt als Sachbearbeiterin. Im Grunde brauchte sie die Tasche gar nicht, weil bereits fünf ähnlich teure »Schnäppchen« im Schrank lagen. Warum kam sie nicht gegen die Versuchung an, sich ständig in der E-Vote-Plattform oder bei den Internetshops anzumelden. Längst stand ihr das Wasser bis zum Hals - nicht nur wegen der Mahnung auf dem Tisch.

    Geldeintreiben war wirklich nicht sein Ding. Aber besondere Vorkommnisse erforderten besondere Maßnahmen - notfalls auch den kurzzeitigen Job bei einem berüchtigten Kredithai. Er war nicht zimperlich. Aber das Bürschchen, das sich mit der Abzahlung des um drei Nummern zu dicken Sportwagens übernommen hatte, mit dem Gesicht in die Kloschüssel zu tauchen, hatte ihm keinen Spaß gemacht. Dem kleinen, vor Angst zitternden Mädchen die Zöpfchen abzuschneiden, damit der Vater an seine fälligen Raten erinnert wurde, war im Grunde auch nicht sein Stil. Jetzt stand Gott sei Dank nur noch ein Auftrag an. Dieser Auftrag war der einzige Grund, warum er den unangenehmen Job überhaupt angenommen hatte. Er würde ihn zwar 400 Euro kosten, so hoch war die Forderung des Kredithais, aber besondere Vorkommnisse erforderten besondere Maßnahmen.

    Sebastian Wilke musterte sich im Spiegel. Das, was er dort sah, gefiel ihm nicht, war nicht sein Stil. Er bevorzugte perfekt geschnittene Anzüge oder lässig elegante Freizeitkleidung, nicht diese primitiven Rockerklamotten. Sollte er das aufgemalte Tattoo abwaschen? Die Nietenhosen und das schwarze Shirt ausziehen? Er hatte sich ursprünglich den Brutalo für den Notfall aufsparen wollen. Aber die Zeit drängte. Wenn er mit der sanften Tour käme, müsste er mehrere vergebliche Versuche einplanen. Wahrscheinlich würde schon seine martialische Aufmachung reichen, um diese Verena weichzukochen.

    Sie zappte sich unkonzentriert durchs Abendprogramm. Die anstehende Ratenzahlung für diesen verflixten Kredit, den sie bei einem windigen Unternehmen abgeschlossen hatte, schob sich immer wieder in ihr Bewusstsein. Als es an der Tür läutete, zuckte sie zusammen.

    »Beim nächsten Verzug hetzen wir dir einen brutalen Geldeintreiber an den Hals!«, hatte man ihr gedroht.

    Sollte sie das Klingeln einfach ignorieren? Oder besser doch nachsehen? Mit angehaltenem Atem schlich sie auf Zehenspitzen zur Tür und spähte durch den Spion. Der Typ, der da draußen stand, sah nicht gerade vertrauenerweckend aus. Wie ein Rocker und Schläger! Was sollte sie tun? Sie hatte weder Geld, noch wusste sie, wo sie es beschaffen sollte. Sie konnte niemanden mehr anpumpen. Nicht mal ihre Mutter war bereit, ihr nochmals Geld zu leihen.

    Ich mach einfach nicht auf! Ich bin nicht zuhause! Wenn ich mich ruhig verhalte, haut der Kerl vielleicht wieder ab. Aber im nächsten Moment drückte der Typ noch einmal auf die Klingel.

    »Frau Schäfer, ich weiß, dass Sie hier sind. Ich komme wegen Ihrer fälligen Ratenzahlung. Das müssen wir aber nicht zum Amüsement der ganzen Nachbarschaft im Treppenhaus besprechen. Wollen Sie, dass hier jedermann von Ihren Schulden erfährt? Ich will Ihnen nur einen fairen Deal vorschlagen!«

    Verena sah, dass die Tür von der Wohnung gegenüber aufging. Die neugierige Alte, die dort wohnte, bereits in Nachthemd und Morgenrock, streckte ihren Kopf heraus. Der Rockertyp drehte sich um und sagte freundlich zu der Alten:

    »Es ist alles in Ordnung, Sie können getrost wieder ins Bett gehen.«

    Verena wartete kein drittes Läuten ab, sondern öffnete die Tür.

    3

    »Den Chef des Bankhauses müssen wir auf jeden Fall einladen«, erklärte Dagmar Pohl. »Und natürlich Frau Brombacher. Sie hat ja letztendlich die ganze Finanzierung des Umbaus und der Sicherheitssysteme gemanagt.«

    »Ja, ja, Sie machen das schon«, murmelte Johannes Werning ohne aufzublicken. Er konnte kaum noch gerade auf seinem Stuhl sitzen, weil es am ganzen Körper keinen Muskel gab, der nicht höllisch wehtat.

    Sie legte ihm eine Liste auf den Schreibtisch.

    »Ihren Mann ebenfalls. Ich denke, das gehört sich so.«

    »Ihren Mann? Wieso das?«

    »Wäre Frau Brombacher ein Mann, würden wir ganz selbstverständlich die Ehefrau einladen, also gehört es sich genauso selbstverständlich, dass ihr Ehemann mit eingeladen wird!«

    Werning blickte irritiert auf. Es war ungewöhnlich, dass Frau Pohl so bestimmt auftrat. Frau Pohl, die graue Maus - aber irgendwie sah sie heute anders aus. Nicht mehr ganz so grau. Hatte sie etwa Lippenstift aufgetragen? Tatsächlich! Er hatte die Pohl vorher noch nie mit Lippenstift gesehen! Nicht nur das, sie musste auch beim Friseur gewesen sein. Ihr normalerweise formlos angeklatschtes Haar wellte sich jetzt zu einer überraschend modischen Frisur.

    »Machen Sie das, wie Sie denken!«, erwiderte er und war froh, dass er sich nicht selbst um den ganzen Kram kümmern musste.

    Als Dagmar Pohl zu ihrem eigenen Schreibtisch zurückging, dachte er bei sich: Die wird doch mit ihren knapp 40 Jahren nicht plötzlich einen Verehrer haben? Frau Pohl, die personifizierte alte Jungfer? Aber warum auch nicht. Wie heißt es doch so schön: ›Zu jedem Topf passt ein Deckel‹. Warum sollte sich nicht ein einsamer älterer Herr für sie erwärmt haben.

    »Die alten Urkunden sind übrigens alle digitalisiert. Ich gebe Ihnen die Links, dann können Sie alle Texte und Gemälde jederzeit abrufen!«

    Das war eindeutig Frau Pohls Stimme, aber sie klang anders als sonst. Nicht so gehemmt und verklemmt.

    »Oh, Frau Pohl, das ist ja ganz reizend von Ihnen!«

    »Wenn ich Ihnen bei Ihrer Arbeit behilflich sein kann, ist das doch selbstverständlich!«, flötete jetzt die graue Maus in einer völlig ungewohnten Tonlage.

    »Trotzdem, die Zusammenhänge kannte ich bisher nicht. Wie gut, dass ich Sie gefragt habe«.

    Von plötzlicher Neugier gepackt, ignorierte Werning den brennenden Schmerz in Bauch und Oberschenkeln. Er hievte sich vom Stuhl in die Höhe und folgte dem Klang der Stimmen. Unbemerkt blieb er im Blickbereich zum Saal 3 stehen.

    Das ist doch ... Ja, das ist dieser Historiker, der sich

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