Allein durch die Antarktis: Bericht einer Trans-Antarktis-Soloexpedition
Von Borge Ousland
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Über dieses E-Book
Borge Ousland
Børge Ousland, * 1962 in Oslo, von 1984 bis 1993 Tiefseetaucher, danach Militärdienst bei einer Marinespezialeinheit. Zahlreiche Expeditionen, 1996 Solodurchquerung der Antarktis, 2001 Solodurchquerung der Arktis von Sibirien nach Kanada über den Nordpol, 2004 Expedition durch Patagonien zus. mit T. Ulrich, 2006 zus. mit M. Horn erste Winterexpedition zum Nordpol, 2007 zus. mit T. Ulrich vom Nordpol nach Franz-Josef-Land zum Nachvollzug der Reise von F. Nansen und H. Johansen 100 Jahre zuvor. Bei Klaus Isele Editor sind folgende Bücher von ihm erschienen: »Allein zum Nordpol«, »Allein durch die Antarktis«, »Allein über den Nordpol«.
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Buchvorschau
Allein durch die Antarktis - Borge Ousland
INHALT
Vorwort von Sir Edmund Hillary
Wieder unterwegs
Punta Arenas
Patriot Hills
Berkner Island
Wujek Ridge
Das Plateau
Schwere Schritte
Gratwanderung
Niemandsland
Der Südpol
Richtung Norden
Tanzboden des Teufels
Axel Heiberg
Zig Zag Bluff
Das Ross Schelf
McMurdo
Epilog
Cape Evans
VORWORT
Am 22. Januar 1997 flog ich mit einer Hercules-Maschine der Royal New Zealand Air Force vom neuseeländischen Christchurch aus in Richtung Süden zum McMurdo-Sund in der Antarktis. In erster Linie wollten wir das 40. Jubiläum jenes Tages feiern, an dem wir die neuseeländische Flagge auf der Scott Base gehisst haben, wo ich als Leiter für den Aufbau der Station und die Durchführung umfangreicher kartographischer und geologischer Erkundungsaufgaben verantwortlich gewesen war. Außerdem gelangte unter meiner Führung erstmals eine Fahrzeuggruppe auf dem Landweg zum Südpol.
Von der Eislandebahn der McMurdo Base fuhren wir zur Scott Base, die jetzt aus einer viel stattlicheren Anzahl von Gebäuden bestand als denjenigen, die ich vor 40 Jahren dort eingerichtet hatte. Es war schön, an diesen warmen, behaglichen Ort zu kommen. Das Personal der Antarktisstation begrüßte mich und stellte mir dann Børge Ousland vor, der gerade einmal fünf Tage zuvor an der Scott Base eingetroffen war, nachdem er als erster Mensch im Alleingang die Antarktis durchquert hatte.
Mein erster Eindruck von ihm war der eines hochgewachsenen, durchtrainierten und völlig entspannten Mannes. Obwohl das Team der Station ihn angesichts seiner Leistung berechtigterweise äußerst respektvoll behandelte, hatte er sich wie ein ganz normales Mitglied in die Gruppe eingefügt. »Er ist wie einer von uns«, stellte der Ingenieur der Station erstaunt fest. Damit brachte er auf den Punkt, was Børge Ousland ausmacht: Souveränität und herausragende Kompetenz, aber keine Spur von Arroganz.
Im Laufe der folgenden Tage hatte ich mehrfach das Vergnügen, mich mit Børge zu unterhalten. Mir wurde schnell klar, warum ihm seine große Unternehmung geglückt war: Er konnte einen reichen Erfahrungsschatz mit sorgfältiger Vorbereitung verbinden und befolgte seine Planungen für jeden Tag mit einem Höchstmaß an Effizienz. Wichtiger noch: Er war extrem motiviert; er wollte diese großartige Herausforderung unbedingt bestehen. Zugleich verhielt er sich nie leichtsinnig. Wir unterhielten uns über unser beider Furcht vor versteckten Gletscherspalten und die Erleichterung, wenn man sicher aus solch einer Gegend herausgekommen war.
Gemeinsam flogen Børge und ich mit einer amerikanischen Ski Hercules zum Südpol. Es herrschten - 35 ˚C und ein kräftiger Wind. Es war kalt. Und trotzdem hatte Børge bei ähnlichen Temperaturen 64 Tage lang auf Skiern gestanden. Ich habe mich gefragt, wie es ihm wohl vorge kommen sein mag, die Strecke so einfach durch die Luft zurückzulegen, um in der warmen, gemütlichen Station anzukommen. Beim vorigen Mal war er auf Skiern hier und zog seine Behausung auf einem kleinen Schlitten hinter sich her.
Børge Ousland ist ein wahrer Abenteurer. Er sucht das Abenteuer nicht des Ruhmes oder gar des Geldes wegen. Nicht um den Kampf gegen die Elemente geht es ihm, sondern um den Kampf gegen sich selbst. Er begegnet der freien Natur mit ungeheurem Respekt, und nichts ist ihm wichtiger, als sie zu erhalten.
Bei seiner Durchquerung der 2845 Kilometer des antarktischen Kontinents musste er sein ganzes Können, sein ganzes Organisationstalent und seinen ganzen Mut einsetzen – und er hat die Aufgabe gemeistert. Børge Ousland ist ein bewundernswerter Mann.
Sir Edmund Hillary, Juli 1977
WIEDER UNTERWEGS
Mich reizte das Sprengen von Grenzen. Allein die Antarktis zu durchqueren, ein Traum und ein Abenteuer. Diese Trophäe war die große Kraftprobe der 90er Jahre. Physisch und mental musste ich an die Grenzen gehen, es überstieg alles bisher Erreichte. Die Idee selbst war nicht neu. Der englische Polfahrer Ernest Shackleton hatte die Durchquerung der Antarktis schon 1915 als »letzte große Landreise, die noch niemand unternommen hatte«, bezeichnet.
1994 ging ich als Erster allein zum Nordpol. Ich war am Kap Arktichesky in Sibirien gestartet und 52 Tage später am Nordpol angekommen. Für mich war es ein großer und wichtiger Sieg. Nach einer Reihe von weiteren arktischen Expeditionen in den vergangenen Jahren wurde es Zeit, den Blick nach Süden zu richten.
1995 entschied ich mich, die Antarktis zu durchqueren. Ich lief mehr als 1000 Kilometer bis zum Südpol, aber dort war Schluss. Unterwegs hatte ich mir einige Erfrierungen und aufgescheuerte Blasen zugezogen, die das Weitergehen unmöglich machten. Wenige Tage nach dem Südpol musste ich abbrechen. Anstatt mein Ziel auf der anderen Seite zu erreichen, wurde ich nun auf halber Strecke mit dem Flugzeug abgeholt. Die Entscheidung war schwer gefallen. Im Unterschied zum Nordpol und dem dortigen Triumph stand ich nun auf der gegenüberliegenden Seite der Erdkugel und musste eine Niederlage verdauen. Ich hatte zwar geglaubt, ich könnte es schaffen, aber daran war nicht zu denken – ich musste akzeptieren, dass ich die Schlacht verloren hatte.
Scheitern gefiel mir ganz und gar nicht, und nun stellte sich die Frage, ob ich einen zweiten Versuch wagen würde. Sollte ich das Risiko eingehen, noch einmal aufgeben zu müssen? Die Fallhöhe war verhältnismäßig hoch, wenn es nicht klappte. Als ich nach Hause kam, dachte ich mit Grausen an eine neue Vorbereitungsrunde: Training mit Autoreifen und schwerem Rucksack, die ganze Mühe mit der Suche nach Sponsoren und nicht zuletzt noch ein Abschied von der Familie. Bei all der Unsicherheit, die eine solche Expedition mit sich bringt, ist es vielleicht am schlimmsten, dass man seine Familie zurücklassen muss. War ich dafür eigentlich schon wieder bereit?
Im Februar 1996 machte ich eine Skitour über die Hardangervidda. Abends im Zelt dachte ich oft an die Antarktis. In der polaren Welt, in der ich mich bewegte, wo fast nichts unerreicht geblieben ist, war und blieb dies eine der letzten klassischen Herausforderungen, die noch übrig war. War es möglich, den gesamten Kontinent zu durchqueren? Ich hatte es schließlich versucht und nicht geschafft. Der Zweifel nagte an mir, aber zu Hause hing immer noch die Südpolkarte mit der eingezeichneten Route an der Wand.
Ähnlich wie bei dem Wettlauf zwischen Robert Scott und Roald Amundsen im Jahre 1911 ging es nicht darum, die Welt zu retten, sondern der Erste zu sein. Zwar hätte ich es nicht ohne all die anderen Elemente machen können, die einer solchen Expedition etwas Wertvolles verleihen, aber zu gewinnen war wichtig. Wie in allen Arenen ist der Wunsch zu gewinnen ein Antrieb an sich, nicht zu vergessen die Anerkennung und der historische Aspekt. Hätte ich die Tour gewagt, wenn sie jemand vor mir unternommen hätte? Andere Touren, aber nicht diese. Ich wusste, wie hart sie war, die Antwort hätte Nein gelautet.
Mitte März rief mich Marek Kaminski aus Polen an. Marek war sowohl zum Nordpol als auch zum Südpol gegangen, und wir kannten uns relativ gut von früher.
»Børge, ich habe ein bisschen über die Sache mit der Antarktis nachgedacht; ich glaube, ich werde quer hinübergehen. Dieses Jahr.«
»Noch dieses Jahr?«
»Ja, es muss jetzt passieren – falls ich es schaffe, Sponsoren zu finden; das polnische Fernsehen ist in teressiert, und ich rechne damit, dass ich mich aufmachen werde.«
»Verfluchter Mist«, sagte ich, nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte. Im Grunde war ich nicht überrascht. Nach dem missglückten Versuch, den ich Anfang des Jahres unternommen hatte, lag es auf der Hand, dass andere es versuchen würden.
Eine Woche zuvor hatte ich mit dem englischen Polfahrer David Hempleman-Adams gesprochen. Er berichtete, dass ein anderer Engländer, Ranulph Fiennes, es auch probieren wollte. Fiennes kannte die Verhältnisse gut. Zusammen mit Mike Stroud hatte er 1993 einen soliden, aber misslungenen Versuch unternommen, die Antarktis zu durchqueren. Sie waren weit gekommen, mehr als 2000 Kilometer, und hielten lange den Rekord in der längsten Skitour ohne nachträgliche Versorgung per Flugzeug oder andere Hilfe von außen.
Nun wurde die Konkurrenz härter. Zwei Menschen waren bereits mitten in den Vorbereitungen. Für die anderen war der Startschuss eigentlich schon vor vielen Wochen gefallen, im Januar, als ich abbrechen musste. Ich war immer noch unsicher. Sie waren im Vorteil. Ihnen verschaffte es Auftrieb, dass ich es nicht geschafft hatte, mich warf es definitiv zurück.
Tief im Inneren wusste ich wohl, dass ich es noch einmal versuchen würde. Wenche, meine Lebensgefährtin, hatte das schon lange begriffen. Sie wusste auch, dass ich mich mein Leben lang ärgern würde, wenn ich es nicht wenigstens versucht hätte. »Mach es«, sagte sie, »du schaffst das.«
Odd Harald Hauge, ein anderer norwegischer Polfahrer, legte mir die Alternativen dar. Während einer Wintertour in Jotunheimen brachte ich meine Zweifel zum Ausdruck.
»Wenn du es nicht versuchst, könnte es jemand anders schaffen. Vielleicht schon dieses Jahr«, sagte er. Odd Harald, der 1994 mit Cato Zahl Pedersen und Lars Ebbesen zum Südpol gegangen war, wusste, wovon er sprach.
»Doch was, wenn es nicht klappt?«, fragte ich.
»Dann hast du wenigstens dein Bestes gegeben, ich bezweifle, dass du genug Motivation hast, um es ein drittes Mal zu versuchen. Und wenn du es jetzt schaffst, wirst du der Erste sein, denn du hast am meisten Erfahrung. Wenige haben so viel Schlitten geschleppt wie du. Du bist der bessere Skiläufer. Du bist der Schnellste. Du wirst nicht damit fertig, bevor du es nicht hinter dir hast, du musst nur anfangen, je früher, desto besser.«
Allmählich kam mein Körper wieder in Gang. Ich holte zwei Autoreifen aus der Garage und machte mit ihnen im Schlepptau eine Tour durch den Wald. Ich spürte, wie es sein würde, wieder den Schlitten zu schleppen, aber ich wollte auch testen, wie es um meine Motivation bestellt war. Es war gar nicht schlecht. Die Reifen blieben wie immer an Wurzeln und Steinen hängen, aber ich gab deswegen nicht auf und flennte. Die Kraft war da und der Wille auch. Das gab mir neuen Mut. Beim nächsten Mal hingen hinten drei Autoreifen an mir, auch das ging gut. Zufrieden merkte ich, dass der »Hunger« zurückkam, und von nun an trainierte ich regelmäßig.
Ende März traf ich eine Entscheidung. Ich war erleichtert. Endlich stand fest, dass der Heimweg mich durch die Antarktis führen würde. Nun stürzte ich mich ernsthaft in die Vorbereitungen. Vieles war bereits in Verbindung mit der ersten Expedition erledigt worden, aber ich wünschte mir einige Veränderungen. Das Gewicht des Schlittens musste verringert werden, beim letzten Mal waren es zu viele Kilos gewesen, und ich verwendete viel Mühe auf die Gewichtsreduktion. Hauptsächlich, indem ich die Anzahl der Tagesrationen herabsetzte, aber es wurde auch jeder andere Ausrüstungsgegenstand gedreht und gewendet, um jedes verzichtbare Gramm einzusparen. Die Segelschirme, die ich bei gutem Wind als Zugkraft benutzen wollte, mussten verändert werden. Ich entschied mich für zwei Schirme, einen kleinen und einen großen, um den Wind besser ausnutzen zu können.
Eine andere Sache war meine Einstellung. Beim ersten Versuch war ich zu hart rangegangen, ich hatte keine Rücksicht auf meinen Körper genommen, und das hatte zu Verletzungen geführt. Der Triumph am Nordpol hätte ein guter Ausgangspunkt sein können, aber ich ging nicht gut damit um und überschätzte mich. Deshalb arbeitete ich diesmal mehr an meiner mentalen Haltung. Der Sportpsychologe und ehemalige Hochspringer Leif Roar Falkum war bei diesem Prozess maßgeblich beteiligt. Wir gingen alle Phasen der Expedition durch, besprachen alles, was mir wahrscheinlich begegnen würde. Hauptsächlich ging es darum, dass ich sowohl meine starken als auch meine schwachen Seiten so gut wie möglich kennenlernte. Das sollte es mir ermöglichen, meine inneren Prozesse zu verstehen und in allen möglichen Situationen die Kontrolle zu behalten. Während die anderen aus meiner Niederlage bei der vorigen Tour einen Vorteil zogen, konnte ich aus meinen Fehlern lernen und mit einer demütigeren und reflektierten Haltung in diese Expedition gehen. Darin bestand mein Vorteil.
Alle drei wollten es mit Skiern und Schlitten auf die klassische Weise versuchen, ohne Flugzeugversorgung, Schlittenhunde oder Motorkraft. Nur aus eigener Kraft. Wenn man unterwegs zwei-, vielleicht sogar dreimal über die Luft mit Nahrungsmitteln versorgt wurde, halbierte sich das Schlittengewicht. Die Durchführung war letzten Endes eine Frage der Ökonomie. Wenn man dagegen vom ersten Tag an alles selber zog, einen Schlitten, der fast 200 Kilo wog, war es etwas ganz anderes. Erfahrung, Kraft, Ausdauer und nicht zuletzt die Vorbereitungen waren entscheidend. Die Grenzen sind feiner und der Schwierigkeitsgrad sehr viel höher, aber darin bestand auch die Herausforderung.
Es war geplant, dass ich Ende Oktober nach Punta Arenas in Chile flog, von dort sollte ich mit der Fluggesellschaft Adventure Network International nach Patriot Hills in der Antarktis fliegen. Patriot Hills liegt zwischen den Bergen auf 80° Süd und wird als Versorgungsbasis und Transitstation für Flüge in der Antarktis genutzt.
Wie beim letzten Mal sollte der Start auf der Berkner-Insel stattfinden, einer Insel, die im Eis des Weddell-Meers eingefroren ist. Ich wollte an der Meereskante der Berkner-Insel starten, bis zum Südpol gehen und von dort aus weiter durch die Antarktis laufen, bis ich hoffentlich mein Ziel in McMurdo im Ross-Meer auf der anderen Seite erreichen würde. Eine Strecke von fast 3000 Kilometern in einem extrem harten Klima.
Ich hatte ein kleines, aber starkes Team, das hauptsächlich aus Hans Christian Erlandsen und Kjell Ove Storvik bestand. Beide waren bei den meisten meiner Expeditionen ein unverzichtbarer Bestandteil des Teams gewesen, das mich unterstützte. Hans Christian als Pressesprecher und Verantwortlicher für die Entscheidungen, die in Norwegen getroffen werden mussten, und Kjell Ove als Fotograf und Mann für alles Mögliche draußen im Feld. Nun sollte Kjell Ove zusätzlich als Funker arbeiten, er würde in Patriot Hills im Zelt liegen und Funkkontakt mit mir halten, während ich unterwegs war.
Nach einer letzten Tour mit Kjell Ove in Jotunheimen nahmen wir einige letzte Verbesserungen vor, dann waren wir zufrieden. Die Zeit war knapp gewesen, nur sieben Monate, und ohne die Erfahrungen, die ich bereits gewonnen hatte, wäre es unmöglich gewesen, eine solche Expedition in so kurzer Zeit vorzubereiten. Wollten wir noch mehr Feinschliff, mussten wir ihn in Punta Arenas vornehmen. Am 21. Oktober gingen wir mit 400 Kilo Übergewicht an Bord eines Langstreckenflugflugzeugs der Aeroflot. Nun war ich endlich wieder auf dem Weg nach Süden.
