Kommt und Seht - Die Gastfreundschaft als grundvoraussetzung des interreligiösen Dialogs: Beiträge zur zivilgesellschaftlichen Entwicklung in Mittel- und Osteuropa
Von Markus Leimbach (Editor)
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Buchvorschau
Kommt und Seht - Die Gastfreundschaft als grundvoraussetzung des interreligiösen Dialogs - Markus Leimbach
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort
Herman Weber
Aufhebung des Fremden: Differenzerfahrung inmitten der Globalisierung
Georgi Kapriev
Gastfreundschaft und Toleranz des Gastes als Basis des produktiven Dialogs. Anselm von Havelberg in Konstantinopel
Ilona Anna Urbán
Hospitality in the Light of the Rabbinic Literature and its Current Practice
Lingchang Gui
Ordnung und Vorbestimmung – die religiösen Aspekte der ostasiatischen Gastfreundschaft
Carlos Miguel Gómez Rincón
Towards an Intercultural Hermeneutics of Amazonian traditional medicine in Colombia
Milan Dordevic
Religion and Social Change in South-Eastern Europe – the Macedonian Case
Davor Dzalto
Quo Vadis Europa? On Christianity, Hospitality, and the Refugee Crisis
Autorenverzeichnis
VORWORT
Der vorliegende Band ist eine Dokumentation der KAAD-Alumni–Konferenz die vom 26. - 29. November 2019 in Ohrid/Nordmazedonien stattfand. Neben Alumni des KAAD aus Nordmazedonien, Bulgarien und Serbien sowie Mitgliedern der Fachgruppe „Religion im Dialog" aus China, Kolumbien und dem Iran waren der Generalsekretär Dr. Hermann Weber und der Referatsleiter Osteuropa Markus Leimbach dabei. Vorbereitet wurde die Konferenz von Pfr. Prof. Dr. Milan Dordevic von der theologischen Fakultät in Skopje.
In seinem Einführungsvortrag entfaltete Dr. Hermann Weber begriffliche Zugänge zum Fremden. Ausgehend von psychoanalytischen und theologischen Ansätzen diskutierte er die postmoderne Begriffsbildung und Metaphorik („Wurzellosigkeit" etc.) kritisch und zog Schlussfolgerungen für die Arbeit des KAAD im Rahmen der internationalen Bildungsmigration.
Der bedeutende Byzanzforscher Professor Georgi Kapriev von der Universität in Sofia/Bulgarien setzte in seinem Vortrag bei der historischen Dialogkonstellation des Theologen Anselm von Havelberg im Konstantinopel des 12. Jahrhunderts an. Dieser definiert Toleranz als eine Tugend (beider Dialogpartner), sodass Gastfreundschaft und Toleranz für ihn Ansätze zu einem interreligiösen Dialog wurden.
Der hellenistische Ansatz der Gastfreundschaft findet sich auch im Judentum wieder, wie die ungarische Judaistin Ilona Urban ausführte. Aktiv Gäste suchen und nicht auf die Gäste warten, vorbereitet sein, Gäste zu empfangen, all dies ehre den Gastgeber. Es komme nicht darauf an, wer als Gast komme, sondern dass ein Gast komme. Die Einladungspraxis, Gäste zum Sabbatmahl willkommen zu heißen, wird heute weitergeführt.
Lingchang Gui stellte die Aussage von Jacques Derrida: „dem Gast ist die Gastfreundschaft zunächst selber fremd an den Anfang seiner Ausführungen über Gastfreundschaft im asiatischen Kontext. Diese ist in Ostasien keine einseitige Entscheidung. Sie ist Teil der moralischen Ordnung und der historischen Tradition. In der ostasiatischen Kultur gibt es kein Außen („das Fremde
), daher müssen beide Seiten die Rituale (ein-)üben. Vor allem in der chinesischen Tradition ist die Vorbestimmung bzw. das Schicksal Teil der Gastfreundschaft. Der Begriff „Yuanfen" (affirmatives Schicksal) beschreibt dieses traditionelle Verhalten, welches auch heute noch von etwa 70% aller Studenten in China akzeptiert wird.
Professor Dr. Carlos Gómez (Bogotá, Universidad del Rosario) stellte in seinem Vortrag den Schamanismus der indigenen Völker im Amazonasgebiet vor. Die Schamanen sind sowohl Ärzte als auch politische Führer und geistliche Betreuer, wobei die geistliche Betreuung in dieser erforschten Gruppe auch auf einem christlichen Glauben beruht. Gastfreundschaft ist hier ein grundsätzliches und natürliches Element des Umgangs miteinander. Die interkulturelle Hermeneutik ist für den Forscher ein wichtiges Element, um den Schamanen und seine Position im gesellschaftlichen Beziehungsgefüge verstehen zu können.
Professor Milan Dordevic richtete im Rahmen einer historischen Analyse der interreligiösen Dialogpraxis in Nordmazedonien einen kritischen Blick auch auf das Verhalten der orthodoxen Kirche. Diese sei bei Veranstaltungen immer nur Gast, da sie selber kaum etwas organisiere oder zu Veranstaltungen einlade. In der jetzigen Zeit des Umbruchs bestehe aber die Notwendigkeit, dass die Religionsgemeinschaften, besonders auch die Kirche, durch eine wechselseitige Gastfreundschaft den Boden für einen fruchtbaren Dialog, der jeweils intrinsisch motiviert sei, bereiten.
Der serbische Wissenschaftler Davor Dzalto ging in seinem Vortrag näher auf das Thema Flüchtlinge im Kontext von Gastfreundschaft ein. Beginnend mit der Frage, warum Flüchtlinge ihr Land verlassen, wies er darauf hin, dass dies ein natürlicher Vorgang sei, der seit den letzten Jahrhunderten kontinuierlich stattfinde. In unserer heutigen Zeit werde dies jedoch zu sehr als Bedrohung wahrgenommen. Auch einzelne Kirchenvertreter würden auf den populistischen Zug aufspringen und schürten die Angst vor Flüchtlingen, während andere Gruppen, vor allem Privatpersonen, oftmals Flüchtlinge unterstützten. Er konstatierte eine allgemein vorherrschende Angst vor dem Fremden und vertrat die Meinung, dass man bei der Hilfe für Flüchtlinge realistisch in Bezug auf mögliche Gefahren vorgehen solle. Nicht nur die unkonditionierte Aufnahme sei wichtig, sondern vor allem auch die Fluchtursachenbekämpfung.
Insgesamt hat das Fachkolloquium gezeigt, dass Gastfreundschaft in allen Religionen und Kulturen eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Zusammenleben spielt. Die durchaus auch kontroversen Diskussionen kreisten (zusammenfassend) um eine religiös begründete („absolute) Gastfreundschaft in Spannung zu (verantwortungsethischen) Regulierungen und Begrenzungen, z. B. von Migrationsbewegungen. Die Verwurzelung in Gott zeigte sich als tiefster Grund der Überwindung von abgrenzenden Identitätsbildungen. Anders als bei einem „bunten
Nebeneinander („diversity") führt dies aber zum Versuch eines radikalen dialogischen Fremdverstehens, das auch den Wahrheitsanspruch des Anderen anerkennt und dem die je aus den Traditionen der beteiligten Religionen heraus begründete gastfreundliche Auf- und Annahme vorausgeht.
AUFHEBUNG DES FREMDEN:
DIFFERENZERFAHRUNG INMITTEN DER GLOBALISIERUNG
HERMANN WEBER (BONN)
Abstract
This contribution discusses concepts and metaphors of (cultural) „foreignness ollowing a dialectical path („Aufhebung
) of the concept in a triple (German) sense of saving, canceling and moving to a higher level. Starting from Freuds famous psychoanalytic approach, it moves to ethical-political concepts (cosmopolitan
, Julia Kristeva), cultural anthropology (postmordern thinking of rootlessness
, including an interpretation of the novel Boussole
by Mathias Énard) and finally to theological aspects of radical foreignness rooted in God. The distincition between an (esthetic) concept of diversity
and an ethical one (difference
) leads finally to a reflection on the principles of the hosting organization KAAD and its understanding of foreignness
and hospitality
.
Einleitung
„Die Bruderliebe soll bleiben. Die Gastfreundschaft vergeßt nicht. Durch sie haben ja manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt. (Hebr 13,1f.) Die Schlussermahnungen des neutestamentlichen Hebräerbriefes erinnern uns vorrangig an die Gastfreundschaft: Unmittelbar nach der Philadelphia, ja wie als deren wichtigste Konsequenz, nennen sie die Philoxenia, die Liebe zum Fremden, denn in ihr kann sich – unbemerkt, sagen wir: unbewusst, verborgen (griech. élathon) – die Begegnung mit etwas ganz Anderem abspielen, das für unser Leben entscheidend ist, hier als „Engel
bezeichnet. Auch die gehemnisvollen drei Männer, denen Abraham in Genesis 18 huldigt und die er bewirtet bzw. durch Sara bewirten lässt wie fremde Fürsten, werden in der Tradition mit Engeln identifiziert. Auf einer sehr frühen christlichen Mosaikdarstellung in S. Maria Maggiore in Rom ist der Mittlere von ihnen durch einen Ätherkreis herausgehoben: ihr Sprecher, wohl Jahwe selbst, so in jene auratisch nahegekommene Ferne ge- und entrückt, die der Erfahrung des Heiligen eigen ist. Nach Rudolf Otto ist es ja „Mysterium fascinosum und „Mysterium tremendun
zugleich. Die Engel, die sich im Fremden verbergen können, sind eben nicht die lieben Engelein, die wir gemütlich und mit gut arrangiertem Zeremoniell in unseren warmen Stuben aufstellen können. Möglicherweise bringen sie auch so wunderbare und wunderliche Kunde wie die von der Fruchtbarkeit der alten Sara, über die diese zunächst nur lachen kann…
Sind das nicht uralte Erzählungen, Mythen? Was bedeuten sie in einer globalisierten Welt, in der uns das Ferne und Fremde unablässig nahezukommen scheint, real, durch stetig wachsende und beschleunigte Migration jeder Art, und virtuell, durch unerschöpflich scheinende Vernetzungs- und Visualisierungs-möglichkeiten, technologisch offenbar alternativlos vorangetrieben? Fremdes und Fernes scheint aufgehoben, schnell zuhanden, Geheimnisvolles weggeklickt…
Vor diesem Hintergrund sollen die folgenden Überlegungen begriffliche Zugänge zum „Fremden" in Erinnerung rufen und dabei psychologische, ethisch-politische, kulturanthropologische und theologische Konzeptionen miteinander in Beziehung setzen, verstanden als Vorüberlegungen zu unserer gemeinsamen interreligiösen Annäherung an das Phänomen der Gastfreundschaft in einer durch Migrationen und Identitätsansprüche gezeichneten Welt. Zum Schluss soll auch ein Blick auf die uns zusammenführende Institution, den KAAD, geworfen werden, der als „Ausländer-Dienst" seit seiner Gründung vor über 60 Jahren immer auch der Gastfreundschaft verpflichtet war.
Das Unheimlich-Vertraute des Fremden
Sigmund Freuds Abhandlung „Das Unheimliche von 1919 beginnt mit einer linguistisch-philologischen Recherche nach Synonymen zum deutschen Wort „unheimlich
. Nur im Griechischen, der Sprache auch des Neuen Testaments, stößt er auf „xénos, den Fremden, im Hebräischen und Arabischen, Sprachen der heiligen Schriften des Judentums und des Islam, fällt es mit „dämonisch
zusammen (vgl. Freud, 139f.), was, wie später zu lesen ist, auch auf die heimlich-unheimliche Präsenz der Götter älterer, gestürzter Religionen deuten könnte. In einer weitausholenden Analyse der „Gefühlsregungen des Unheimlichen, die embryonale und frühkindliche Stadien genauso einbezieht wie Träume, neurotische Überspannungen und Todeserfahrungen, dabei immer wieder literarische Zeugnisse aufruft, kommt Freud zu einer Schlussfolgerung, welche schon eine Bedeutungsnuance der deutschen Sprache – bei der „heimlich
und „unheimlich zusammenfällt – ahnen ließ: „denn dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist.
(Freud, 160f.)
Dies „von alters her Vertraute" kann Regressionen einschließen, sowohl in animistische Stufen der Menschheitsgeschichte, noch lebendig etwa im kindlichen Spiel, als auch in die Geborgenheit des Mutterleibes, kann unheimlich-heimlich Ängste in Lust umschlagen lassen. Für eine Aufarbeitung dieser – nennen wir es einmal so – Differenzerfahrung ist also die Erkenntnis entscheidemd: „Das Unheimliche des Erlebens kommt zustande, wenn verdrängte infantile Komplexe durch einen Eindruck wiederbelebt werden oder wenn überwundene primitive Überzeugungen wieder bestätigt scheinen." (168f.)
Das Verborgene und Ferne des Fremden ist also nach dieser Analyse das uns Entfremdete, das wir – im Rückwärtsgang – einholen, aus seiner abgespaltenen, uns bedrohlich gegenüberstehenden Erscheinungsweise in uns zurückholen, als das uns eigentlich Vertraute wiedererkennen können. Im Unbewussten, dem sich die psychoanalytische Arbeit und
