Glauben und Handeln aus Gottes Liebe: Das Apostolische Glaubensbekenntnis im alltäglichen Leben
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Über dieses E-Book
Kurz: Was bedeutet es für das konkrete Leben, wenn wir als Christen an den dreifaltigen Gott glauben und von Vater, Sohn und Heiligem Geist jeweils unterschiedliche Dinge bekennen? Was haben Schöpfung, Erlösung und die Kirche des Geistes mit dem Leben der Christen im Alltag und in der Gesellschaft zu tun? Und wie gelingt die Brücke vom Glauben an Gottes Liebe hin zu einem erfüllten Leben in Liebe - vom ersten Satz des Credo "Ich glaube an Gott..." bis zum letzten Satz "und das ewige Leben"?
Peter Schallenberg
Peter Schallenberg, geb. 1963, Msgr. Dr. theol. habil., Professor für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn, Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach sowie Konsultor am Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen.
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Buchvorschau
Glauben und Handeln aus Gottes Liebe - Peter Schallenberg
1. Ich glaube an Gott, den Vater …
Was ist eigentlich ganz genau das Christentum? Das christliche Glaubensbekenntnis, das in diesem Jahr 2025 mit dem Jubiläum des Ersten Ökumenischen Konzils überhaupt, dem Konzil von Nicäa im Jahre 325, 1700 Jahre alt wird, beginnt in der großen wie auch der kleinen Fassung mit dem programmatischen Satz: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen …" Das ist in der Tat eine steile Ansage und ein sehr anspruchsvoller Aufschlag. Und das Glaubensbekenntnis hat in der schon vom heiligen Ambrosius überlieferten Tradition zwölf Artikel, also Abschnitte, gemäß der Zahl der zwölf Apostel im Neuen Testament und der Zahl der zwölf Stämme des Volkes Israel im Alten Testament, weil sich nach christlichem Glauben die Berufung des Volkes Israel als auserwähltes Volk und Zeichen der Erlösung der ganzen Menschheit vollendet in der Berufung jedes Menschen zum Volk Gottes in der von Christus gestifteten Kirche. Zwölf ist die heilige Zahl der Vollkommenheit: Alle Menschen sind zur Erkenntnis der Wahrheit, zur Erkenntnis Gottes, zur ewigen Liebe Gottes durch die Auferstehung gerufen. Schauen wir aber erst kurz auf die Vorgeschichte dieses ersten Konzils des Christentums.
Das Konzil war nicht etwa vom Papst oder einem der Bischöfe, sondern vom Kaiser selbst, von Kaiser Konstantin dem Großen einberufen worden, nach Nicäa, dem heutigen Iznik in der Türkei, südöstlich und unweit von der Hauptstadt Konstantinopel gelegen. Das Konzil war vom Kaiser ausdrücklich nicht bloß als eine regionale Synode gedacht, sondern als Bischofsversammlung für die gesamte Kirche. Der äußere Grund für ein solches Konzil waren Streitigkeiten vornehmlich im griechisch sprachigen Raum der Kirche über die Trinitätslehre, also über das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott, oder, wie wir heute sagen: zu einem Gott in drei Personen. Ausgelöst worden waren die heftigen Auseinandersetzungen und theologischen Debatten durch den Priester Arius (260-327). Dieser leugnete die Wesenseinheit von Gottvater und seinem Sohn Jesus Christus und sah Jesus von Nazareth als einfachen, allerdings moralisch vorbildlichen Menschen an; alles andere widersprach seiner Meinung nach einem strikten Monotheismus, also dem Glauben an einen und einzigen Gott. Nur der Vater ist wahrer Gott, der Sohn, der dann in Jesus von Nazareth irdischer Mensch wurde, ist hingegen nicht wahrer Gott, sondern ein einzigartiges Geschöpf des Vaters. Daher gab es auch eine Zeit, in der der Sohn noch nicht existierte. Der Sohn hat einen Anfang gehabt, aus der Erschaffung durch den Vater; nur dieser, nämlich Gottvater, ist ohne Anfang und ewig, der Zeit und der Vergänglichkeit entzogen. Daraus folgert Arius dann auch: Am Kreuz hat nur ein Mensch gelitten und ist dort gestorben, nicht aber Gott; Christus auf Erden und am Kreuz hat nur eine menschliche Natur gehabt. Die Gegner des Arius und seiner Theologie widersprachen im Namen der Erlösungslehre, der so genannten Soteriologie: Erlösung des Menschen durch den Sohn Jesus von Nazareth kann es nur geben, wenn dieser Sohn eines Wesens mit dem Vater ist, gleichursprünglich mit dem Vater und zugleich wahrer Mensch. Aus der präzisen Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes folgt also die präzise und korrekte Lehre von Jesus dem Christus, dem Messias und Erlöser; aus der Trinitätslehre entfaltet sich die Christologie. Widerstand gegen Arius und seine Lehre entstand vornehmlich bei den Theologen des Westens und zumal bei Athanasius von Alexandrien. Im Hintergrund des ungemein heftigen Streites in der frühen christlichen Kirche steht das mächtige Verlangen nach Erlösung. Denn im Unterschied zum griechischen und römischen Heidentum versteht sich das Christentum von Anfang an als Erlösungsreligion und propagiert – ganz im Anschluss an den jüdischen Glauben an Jahwe – die Notwendigkeit der Erlösung des Menschen aus der Sünde und – jetzt im Unterschied zum jüdischen Glauben an den noch ausstehenden Messias – die Tatsache der von Gott bewirkten Erlösung durch den eigenen Sohn, in dem sich der Vater selbst offenbart und durch dessen Leiden, Tod und Auferstehung der Vater die Menschheit (und damit jeden Menschen) von der Sünde der Gottesferne erlöst und befreit.
Die Mythen der Griechen und ihre Götterreligion kannten im Grund nichts von Sünde, verstanden als Abwendung des Menschen vom liebenden Schöpfergott; sie kannten nur schicksalhafte Schuld und damit verbunden unerlöste Tragik. Dem christlichen Glauben hingegen ist diese griechische und heidnische Tragik vom Wesen her fremd. Was ist gemeint? Der große katholische Theologe Romano Guardini (1885-1968) bemerkt in seinem wunderbaren Buch „Der Herr: „Man hat gefragt, ob es im Christentum das Tragische gebe …
Und er gibt die Antwort:
Zum Tragischen gehört eine Welt, die nicht in der Hand des lebendigen Gottes liegt. Es bedeutet, dass in dieser Welt das Edle untergeht, weil es mit Schwäche oder Überhebung verbunden ist; durch eben diesen Ursprung aber in einen „idealen Raum aufsteigt. Der letzte Kern des Tragischen ist – trotz aller Erhebung und Freiheitsahnung, die der Miterlebende empfinden mag – doch Ausweglosigkeit. Hinter der alten Tragödie stand noch die Adventshoffnung; hinter jener der Neuzeit aber steht eine in sich geschlossene Welt, die keine wirkliche Möglichkeit mehr über sich hat, sondern nur einen Traum. Auf ihr liegt ein schrecklicher Ernst; aber auch er ist im Grunde nur ästhetisch. Das zeigt sich gerade in jener darüber aufsteigenden „idealen
oder „geistigen" Sphäre. Sie ist der letzte, verblassende Schimmer des einst geglaubten wirklichen Reiches der Freiheit, nämlich Gottes und seiner Gnade. Davon ist nur dieser Rest geblieben, der zu nichts verpflichtet; der den Betrachtenden nur tröstet, solange er nicht genau zusieht … Für den christlichen Glauben gibt es weder eine derart in sich verschlossene Welt noch einen derartigen geistig idealen Raum. Es gibt den Menschen und die Dinge, und sie stehen vor Gott. Gott ist ihr Herr, aber auch ihr Erlöser; der unbestechlich Richtende, aber auch der über alles menschliche Hoffen hinaus Vergebende und Neuschaffende. Tragisch ist im Geschick eines Menschen, wenn etwas Hohes hätte sein können, aber verloren ging; doch im letzten Sinne ist selbst das in den Willen Gottes aufgenommen, welcher der Liebende und der Allmächtige ist – allmächtig auch über Schuld und verlorene Möglichkeit. (Würzburg 1951, 378)
Man vergleiche die großen und bekannten Gestalten der griechischen Sage und Mythologie – Ödipus, Medea, Antigone, Iphigenie – mit den Gestalten der jüdischen und dann der christlichen Überlieferung – Adam und Eva, Kain und Abel, König David, der Prophet Elias, Johannes der Täufer, und man bemerkt sofort den Unterschied, übrigens ganz unabhängig von Fragen der historischen Echtheit der genannten Figuren. Am Ende macht den Unterschied, ob ein namenloses Schicksal und eine desinteressierte Geschichte oder ein sich mit Namen offenbarender Gott die Macht hat, schaltet und waltet, schafft und Freiheit gibt und zur Antwort aufruft.
Erst auf diesem Hintergrund wird dann aber auch das Wort von der Erlösung verständlich, das in der Frühzeit des Christentums und am Vorabend des Konzils von Nicäa so heftig umstritten war; erst jetzt wird überhaupt deutlich, was jüdisch und christlich mit Erlösung eigentlich gemeint ist. Verständlich wird dies nur, wenn das Verständnis von Sünde geklärt ist, und wenn deutlich genug Sünde und Schuld unterschieden sind. Mehr noch: Die von Gott angesprochene Freiheit des Menschen, zur Entscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Liebe und Hass, zwischen Leben und Tod muss betont werden, und damit auch die stets im Leben des Menschen anwesende Prüfung bis hin zur Versuchung. Auch hierzu notiert Romano Guardini sehr schön einige Kapitel später in seinem schon genannten Buch „Der Herr":
Dann kam der Mensch in die Prüfung und sündigte. Die Sünde bedeutete mehr, als daß er nun bloß „schuldig war. Der Mensch existiert nicht aus einfachem Vorhandensein, wie der Stein oder das Tier, sondern auf das Gute hin. Im freien Gehorsam gegen Gottes Willen soll er sich verwirklichen. Als der Mensch gesündigt hatte, war er nicht das gleiche Wesen wie vorher, nur „schuldig
, sondern bis auf den Grund des Seins in Frage gestellt. Er hätte auf Gott hin leben sollen; statt dessen fier er von Gott ab. Nun existierte er im Wegsturz von Gott auf das Nichts hin. Aber nicht auf das blanke, gute Nichts des Noch-nicht-da-seins, sondern auf die Zerstörung durch das Böse. Diese Zerstörung wird nie ganz erreicht, denn der Mensch der sich nicht selbst geschaffen, kann sich
