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Radanika. Die Gefangene des Urwalds
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eBook287 Seiten3 Stunden

Radanika. Die Gefangene des Urwalds

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Über dieses E-Book

Radanika ist im indischen Dschungel unter wilden Tieren aufgewachsen, von ihrer Treuen Leopardin Maha beschützt. Eines Tages wird Maha von Hindujägern getötet und Radanika selbst gefangen genommen und in ein Gefängnis verschafft. Der Engländer Sir Kennath, der vor einigen Jahren seine Frau Mary durch ihren Selbstmord verloren hat, leidet seither an einer tiefen Gemütskrankheit und erfährt seltsamen Visionen. Von einem indischen Fakir erfährt er, dass seine Frau in Tiergestalt wiedergeboren sei. "Während ihres zweiten Lebens als Leopardin Maha war sie Beschützerin und Gefährtin ihrer hilflosen Schwester, des Kindes der Wildnis, das in Gestalt des reinsten Mädchens lebt." Sir Kennath macht sich auf die Suche nach Radanika und verliebt sich in sie. Doch lässt sich die Kluft zwischen den Kulturen, Religionen und Seelen überhaupt überwinden? Und sucht der Engländer in der jungen Inderin vielleicht vielmehr doch nur seine verlorene Frau? Heymanns Indienroman berauscht durch seine Exotik und seinen Überschwang an fremd-östlichen Weisheiten und Wundern.
SpracheDeutsch
HerausgeberSAGA Egmont
Erscheinungsdatum5. Mai 2016
ISBN9788711503706
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    Buchvorschau

    Radanika. Die Gefangene des Urwalds - Robert Heymann

    1.

    Aus dem tiefgrünen Vorhang der Laubgänge am Rande der Dschungeln tritt ein menschliches Wesen, schlank und schmal, jede Bewegung verhalten, geschmeidig. Ein Mädchen, bronzefarbig, seltsam weiss gefleckt — so steht es im funkelnden Gerank des Convolvus und blinzelt träge in das sinkende Licht, wie der Panther, ehe er sich aufmacht, auf Raub zu wandern. Rosenrot sinkt die Sonne. Die gelben Augen des Waldkindes folgen ihr, als könnte kein Blitz diese goldenen Sterne blenden.

    Ein wundersames Geschöpf, halb Kind, halb Weib. Blauschwarz flutet das Haar über den zarten Nacken. Sie hebt das Haupt. Spannung ist der Körper. Sprungbereit sind die sehnigen Muskeln.

    Ein Tier richtet sich zu ihren Füssen auf. Ein Leopard von seltsamer Schönheit und Grösse. Die dunklen Flecken um die Maulwinkel schieben sich drohend zurück. Das gewaltige Gebiss, über das selbst der königliche Tiger nicht verfügt, funkelt unter der hochgehobenen Schnauze. Senkrecht stehen die schwarzen Streifen über der gelben Iris. „Was siehst du, Maha?" fragt das Mädchen. Eine leise, hinsingende Stimme, die der Wind entführt. Ihre kleine Hand ruht auf dem mächtigen, runden Kopf des Raubtieres. Doch die Berührung der Menschenhand beruhigt das Tier nicht. Zornig mit dem langen Schweif das Unterholz peitschend, hebt der Leopard flüchtig und warnend den Kopf zu der Gebieterin, stösst ein heiseres Miauen aus. Sein kurzer Hals ist in unruhiger Bewegung. Der geschmeidige Körper windet sich wie in unsichtbaren Fesseln. Er wendet zur Flucht, kehrt wieder zurück, unhörbar, ein Bild unheimlicher Anmut und Leichtigkeit.

    Das Kind wendet die Augen in die Richtung, die die hellen Lichter ihres Begleiters nehmen.

    „Maha! Du träumst! Oder spielt schon die Nacht in deinem Blut? Witterst du Beute?"

    Der Leopard hebt knurrend eine Pranke. Dann umschleicht er, sein geflecktes weiches Fell an ihren Knien reibend, die Herrin. Hält wieder inne, wittert und stösst plötzlich ein durchdringendes Brüllen aus.

    Mit gesträubtem Schwanz steht das mächtige Tier, das mehr als zweieinhalb Meter misst, im Glanze des scheidenden Tages. Und wachsamer, aufmerksam die ährenfarbigen Augen nach den Bambusbüschen wendend, lauscht Radanika.

    „Gefahr, Maha?" stammelt sie. Presst sich an den Freund.

    Der Leopard heult auf.

    Lauschend steht jetzt Radanikas Kopf auf palmschlankem Halse. Ihre Augen brennen goldgelb ins hereinbrechende Dunkel. Der heisse rote Mund ist leicht geöffnet, zittert in Erwartung.

    Unheimliches geht vor am Rande der Dschungeln!

    Fremde Witterung trägt der Wind zu.

    Leise warnend neigen sich die scharlachroten, gesprenkelten Orchideen den Händen des Mädchens entgegen. Wie eine Rakete, hundert bunte Farben sprühend, geht ein Schwarm von Vögeln aus dem Bambusdickicht hoch in die Luft.

    Ein Schrei des bronzefarbenen Mädchens antwortet den Warnern, so tief, als stiesse ihn das Herz der Dschungeln aus. Der Urwald schweigt. Ein tödlich banges Schweigen.

    Die runden Schultern hochziehend, geht das Mädchen langsam rückwärts. Ein mächtiger Pandanus senkt seine Riesenblätter über das Kind, als wolle er es einhüllen in seinen schillernden Mantel, bergen vor den Späheraugen der Räuber, die, Flinten in den Händen, leise, unhörbar durch die Bambusbüsche schleichen, von dem mehr als zwanzig Fuss hohen Rohre gedeckt.

    Pfeilschnell wendet sich jetzt die Gefährdete. Zu spät.

    Schon ist es einigen Räubern gelungen, ihr den Rückweg abzuschneiden. Aus dem langen Gras springen sie auf, treiben mit lautem Geschrei, als gelte es, Tiger in die Schusslinie der Jäger zu schrecken, das edle Wild vor sich her, denen entgegen, die sich von der anderen Seite laufend nähern.

    Noch einen verzweifelten Schrei stösst das Menschengeschöpf aus, und das Echo antwortet aus den Dschungeln.

    Ein Brüllen, unheimlich rollend, anwachsend zur Lava von Mordgier und Zorn. Ein Elefant bricht trompetend zum Rande der Wildnis vor. Sein Rüssel knickt einen Bananenbaum in helltönender Wut. Die gelben Trauben der Früchte regnen wie Gold in das Grab der Riesenblätter.

    Die Dschungeln drohen.

    Jeder Hindujäger, der kühnste Mann weisser Rasse, würde flüchten vor diesem Inferno der Wut.

    Doch diese Horde mit dem Lingamzeichen auf den Stirnen fürchtet nicht den Zorn des „Erleuchteten Siddhartha". Diese Menschenjäger beten heute zu Siwa, morgen zu irgendeinem Götzen, den die Laubkrone eines Margosabaumes birgt. Denn die indischen Götter Brahma und Buddha teilen ihre Macht mit Wischnu, dem Erhalter der Welt, dem Gott der Sonne, den die Waischnasvas verehren. Die Saivas beten zu Siwa, auf dem weissen Stiere reitend.

    Seit Wochen lauern die Räuber auf die märchenhafte Beute, nachdem einer sie beobachtet hat, wie sie zur Tränke kam, weiss und braun, eine Blume an Schönheit, ein Vogel in flüchtigem Flug, dem Leoparden gleich, wenn sie geschmeidig den Körper zur Sonne dehnte.

    Völlig eingekreist rennt die Gejagte hierhin, dorthin. Meinen die Jäger das Wild schon greifen zu können, dann schnellt es hoch wie eine getroffene Antilope, entgleitet den plumpen Eingeborenenhänden, schiesst wie ein Pfeil durch das Buschwerk, verkriecht sich in undurchdringliches Gebüsch, flieht, aufgescheucht durch Gewehrsalven, von neuem dem Urwald zu.

    Wieder eilen ihr von dort die unbarmherzigen Jäger entgegen.

    Wieder wirft die Unglückliche das Haupt zurück, dass die Haare wie Pfauenfedern in der stillen Luft stehen, wieder jagt sie zurück. Immer enger wird der Menschenring, immer undurchdringlicher ziehen sich die Maschen des lebenden Netzes zusammen. Wirrer, flackernder wird der Blick der Geängstigten.

    Sie stürzt in Schlammlöcher. Dschungeligel saugen sich an das Geäder der schlanken Beine. Ihre Arme fliegen. Der Leib neigt sich, sie verschwindet, taucht dicht vor einem der Verfolger auf, bannt ihn mit ihrem starren, sonnengelben Blick, nützt die Überraschung, verschwindet wieder, schnellt in waghalsigem Sprung über kniende Männer und glucksende Wasser.

    Und vor ihr, neben ihr rennt in langen geschmeidigen Sprüngen das gefleckte Tier. Nicht eine Sekunde lässt es die Gefährtin aus den Augen.

    Fauchend, ein langgezogenes Miauen ausstossend, jagt der Leopard, lange Sätze springend, wieder umkehrend, den geliebten Menschenkörper umkreisend, zur Eile spornend, vor dem schönen Geschöpf her, dem es durch rätselhafte Kräfte verbunden scheint. Tier und Mensch suchen in wildem Jagen einen Ausweg.

    Jetzt hat einer der Schützen im pappelhohen Bambus den Leoparden gesichtet.

    Der schnelle Fuss der gehetzten Herrin verklingt im Teppich der Blumen und Gräser.

    Sekundenlang äugt der Leopard, versucht, die Flucht des Menschengeschöpfes, dem seine Seele gehört, zu decken. Nimmt den Feind an.

    Dieser ist im Jagdeifer zu weit vorgedrungen. Hat sich von den anderen getrennt, die, geblendet von dem Anblick des menschlichen Wildes, Auge und Ohr nur für das Mädchen hatten.

    Der Schütze, Visier nehmend, schreit, Auge in Auge mit dem wilden Raubtier, um Beistand.

    Die Riesenkatze duckt sich. Bildet einen Knäuel von Gelb und Schwarz. Brüllt auf und schnellt sich zu fliegendem Sprung.

    Der Schuss kracht, der Schütze hat das Ziel gefehlt. Er wirft die Flinte fort und flieht.

    Ebenso schnell saust der Leopard durch die Luft.

    Das fürchterliche Gewicht klatscht auf die Schultern des baumstarken Jägers. Von Todesangst und Entsetzen gepeitscht, wankt dieser keuchend, schreiend mit der fürchterlichen Last einher. Blutlachen folgen dem schauerlichen Ritt.

    Der Überfallene stürzt, der Leopard hat sein gewaltiges Gebiss in die Wirbelsäule des Menschen geschlagen. Über den Sterbenden kollert das Tier. Die Freunde des Getöteten eilen herbei, von Wut und Furcht zum Äussersten getrieben.

    Mit einem Sprung ist der Leopard auf einem wilden Farnbaum. Schneller kletternd als die gewandten Affen, duckt er sich in Blätterbündel.

    Schüsse knattern.

    Doch unbeweglich funkelt die herrliche Schabracke des Tieres in grüner Deckung.

    Blind vor Jagdwut rennt wieder ein Schütze vor, ihn vom Baum zu knallen. Zum zweiten Male fliegt der herrliche Körper geschmeidig durch die Luft, und während von allen Seiten die Gewehre knattern, während viele Kugeln das buntfarbige Fell durchbohren, schlägt das Tier noch im Todeskampf einen der Schützen mit einem Prankenhieb nieder.

    Dann ist es zu Ende!

    2.

    Zur selben Minute —

    Viele, viele Meilen entfernt:

    Ein europäisches Wohnhaus, umschattet von Tamarindenbäumen, Kaffeesträuchern. In der Ferne weisse Teeblüten. Noch ferner die blaue Silhouette der Berge. Silbern das Bungalo, silbern der Mond. In den Ställen stampfen die Büffel, die Kühe. Der Arbeitselefant trompetet aufgeregt, Grauen witternd.

    Einsamkeit. Stille.

    Einsamkeit über dem Teich der goldenen Lilien. Im offenen Arbeitszimmer des Sahib brennt Licht. Von dem Schreibtisch springt Sir Kennath auf. Eine Salve, noch eine ... klatschend schlagen die Schüsse an sein Ohr. Er stürzt ans Fenster.

    Still liegt der Park. Der zahme Sambarhirsch lugt nach dem Herrn im Licht.

    Die Bäume regen sich nicht. Kein Hund schlägt an. Ein Stoss ... ein Poltern ... und das Fallen eines mächtigen Körpers. Ein Todesschrei, ein letzter lauter Atemzug in hinlöschender Qual — ——

    Sir Kennath fährt herum und klammert sich an das Gesimse.

    Schweigen ringsum. Nur: Die Stelle an der Wand über dem Schreibtisch, wo das Bildnis der wunderschönen Lady Kennath hing, ist leer.

    Das Gemälde ist von der Wand gestürzt!

    In weiter Ferne, als trügen Radiowellen das Geräusch an das Ohr des mit allen Fibern Lauschenden, erlischt Geschrei.

    Sir Kennath reisst, zerrt an der Klingel. Farbige Diener stürzen verstört herein.

    „Wer schoss? — Wer ruft? — Wer starb?" stammelt der Sahib mit irren Augen. Winzige Schaumflocken stehen weiss auf seinen Lippen.

    Die Hindu sehen sich an. Herbeigelockt von dem Alarm eilen der Pferdeknecht, der Boy hinzu. Trotz aller Hast so leise, als bewegten sie sich im Sahasrastam-Mandapam, im Tempel der tausend Säulen.

    Von allen kommt die gleiche Antwort:

    „Nichts, Sahib! Niemand schoss. — Niemand schrie. — Kein Mensch ist gestorben!"

    Sir Kennaths Augen wandern zu dem Bildnis. Diensteifrig hebt es der Schikari, der Jäger, von der Erde auf.

    „Ihr hörtet nichts?" wiederholt der Engländer mit dunkelnden Augen.

    „Nichts Sahib! Nichts!"

    „Dann fiebere ich ... träume ... aber nein! Nein! Ihr alle lügt! — So täuscht kein Wahn! — Ein Mensch starb! ... Ein Wesen seufzte in letzter Todesnot! Noch schwingt der leise Ton hier in der Luft — ach, so seufzte Mary, ehe sie starb."

    Der Schikari, treuester Gefährte des Europäers seit Jahren, deutet auf das Bild:

    „Runde Löcher, Sahib, wie von Schüssen!"

    Sir Kennath zittert. Doch er antwortet nicht.

    Der Schikari schaut seinen Herrn an und neigt nur leise das Haupt, als verstehe er die seltsamen Gedankengänge des Sahib. Das Gesinde schleicht sich fort.

    „Durga, die Grausame, ist erzürnt, flüstert draussen der Boy. „Sie hat ihre Dämonen über den Sahib gesandt. Er ist krank.

    Der Schikari ist noch bei dem Herrn, wirft sich zu Boden vor dem Götzen, der auf Sir Kennaths Schreibtisch steht, berührt den Staub des Erdbodens.

    „Siwaja nama", sagt er leise in verzückter Andacht.

    „Ich bete dich an, Siwa" — dann erhebt er sich.

    „Sahib, das Bild der toten Memmsahib ist durchbohrt. Die edle Memmsahib hat den zweiten Tod erlitten!" Der Engländer starrt seinen Jäger, den tapferen Genossen bei manch waghalsigem Abenteuer, sprachlos an.

    „Lady Memmsahib, fährt dieser geheimnisvoll fort, „ist vor Jahren gestorben. Ihre Seele musste wandern. Alle Seelen wandern. Was willst du, Sahib? Selbst die Götter werden Menschen in der Wiedergeburt. Menschen können Götter werden. Die ruhelosen Seelen wandern auch in Steine und Tiere. Finster ist der Weg der Seelen bis zum Nirwana.

    Der Engländer lächelt. Ein müdes, trauriges Lächeln.

    „Tscham, sagt er mit unsicherer Stimme, „die Seelen der Toten wandern nicht. Die Memmsahib, meine angebetete junge Frau — war sie nicht wie ein Engel unter euch? Habt ihr sie nicht alle geliebt?

    „Wir haben sie alle geliebt, Sahib. Aber so sprach Gautama Buddha, der Vollendete, vor seinem Tode zu seinen Jüngern im Rhandagama: ‚Ohne Ruhe und ohne Rast müssen wir den mühsamen Weg der Wiedergeburt wandern, weil uns noch nicht die Erkenntnis von den vier Dingen geworden ist: von der Moral, der Selbstbestimmung, der Weisheit und der Erlösung!‘ — Sahib, wenn die Erleuchteten so viele Leben leben müssen, wundert es dich, dass der Weg der Nichtwissenden lang und mühselig ist?"

    Sir Kennath antwortet:

    „Ich verstehe dich nicht, Tscham, und ich will nichts wissen. Meine Gattin ist tot — —"

    Der Schikari aber antwortet rasch:

    „Und wer schoss in dieser Nacht auf sie?"

    „Niemand! Wer schiesst auf Tote in Gräbern?"

    „Es gibt keine Toten. Alles Leben lebt, Sahib. Du hast die Schüsse gehört, denn die Liebe ist stärker als der Tod. Sündige Menschen haben die Memmsahib in ihrem zweiten Leben getötet!"

    „Ich will nichts mehr hören! ruft der Europäer und hält sich die Ohren zu. „Du machst mich wahnsinnig, Tscham!

    „Ich gehe, sagt der Schikari unterwürfig. „Doch noch eins, Sahib: In den Dschungeln wohnt ein Heiliger, ein Yoghin, ein Brahmane, der wie der Erleuchtete selbst allen Glanz des Lebens verlassen hat und nur der Besinnung lebt. Er ist mitten unter den wilden Tieren, aber die Seelen erkennen ihn. Frage den Erleuchteten, dessen Haupthaar so lang ist, wie sein Körper an Höhe misst, dessen Augen so unergründlich sind wie die Smaragde des Himalaja. Frage ihn, Sahib.

    Der treue Schikari geht.

    Sir Kennaths Blick ruht auf dem Bildnis der Toten. Ihre Augen waren gross, länglich und von dunklem Blond. Sie hielten den Beschauer magisch fest, ohne sich ihm selbst jemals gefangen zu geben. Die Brauen spannten sich darüber wie zierliche Lackbogen, flüchtig und schnell beweglich, die schmerzliche Süsse um den mädchenhaften Mund steigerte den Eindruck einer Seele, die, stets beschwingt, dem Leben bald traurig entgegenfliegt, bald mit gebrochenen Flügeln ihm entflieht ...

    Bei diesen Gedanken senkt Sir Kennath den Kopf auf die Hände. Denn Lady Kennath hat in der Blüte ihres Lebens ihrem Leben selbst ein Endegesetzt — und nie konnte ihr Gatte erfahren, was sie zu dieser Flucht aus einer harmonischen Ehe bewogen hatte. Was konnte ihr fehlen?

    Tochter eines schottischen Grossgrundbesitzers aus altem Adel, war sie selbst sehr reich. Ihre Mutter freilich — hier zieht fahle Blässe über das braune Gesicht des Engländers — ihre Mutter war die berühmte Schulreiterin Viktoria Maria Sulfon gewesen, und beide, Vater und Mutter, hat ein unbekanntes grausames Geschick verschlungen.

    Sir Kennath ist wieder allein in der Einsamkeit mit seinem Schmerz und seiner Trauer, die wie das Fieber in den Dschungeln in ihm wütet.

    Fieber?

    Was ist das? Was sieht er?

    Fieber?

    Eine Vision?

    Ein Gesicht?

    Wie er scheu hinunterblickt zu dem herabgestürzten Bildnis, da löst sich aus dem fahlen Dunkel ein Schatten. Ein Tier. Sir Kennath hat nicht das Bewusstsein, dass dieser geschmeidige Leib einem Leoparden angehört. Und doch ist es ein Leopard, der unhörbar durch die blaue Finsternis schreitet. Seine Lichter leuchten hinüber zu dem Einsamen. Eine unendliche Wehmut ergreift ihn. Schmerz ohnegleichen. Und Furcht. Unheimliches Bangen, Grauen erschüttern ihn. Seine Augen sind glanzlos, als hätten sie ihr Licht nach innen in seine Seele gesandt. Vielleicht sieht nur seine Seele, was keines Sterblichen Auge erblicken würde. Dieses Tier, sonst gefürchtet, gejagt, gehetzt und gehasst, dieses Tier blickt ihn an in unbeschreiblicher Güte, mit einem Ausdruck himmlischr Sanftheit. Dieser überirdische Glanz senkt sich schmerzhaft und glühend in das Herz des Mannes in dieser Nacht der Wunder.

    Er ist losgelöst von aller Nüchternheit des Tages. Er weiss nichts von Logik, Sinn, Philosophie. Die Welt der Mathematik und Menschenweisheit ist nicht mehr.

    Seine Seele schaut und fühlt, und nur die Seele denkt im Gefühl. Und dieses Gefühl ist Musik von sinnbetörendem Wohlklang, sie trägt auf ihren Wellen alles Leid der Erde.

    Aber dieses ist die höchste Harmonie der Geistigkeit.

    Und er, der Europäer, im Banne dieser überirdischen Güte, dieser Hingabe alles Sein, dieser Verlöschtheit alles Irdischen, denkt an Mary, die Tote. Dies sind Marys Augen, als sie starb. Dieses Tier in der Nacht der Legende ist Mary, und eine Sehnsucht ergreift ihn, Sehnsucht von solcher Grenzenlosigkeit, dass sie ihn wie das Himmelsgewölbe umfängt und er sich hineinstürzt in die Unendlichkeit des Leides.

    „Mary! Liebe, Geliebte! Gütige! Tote! Du bist gekommen! Ich sehne mich! Ich liebe dich! Ich suche dich! Äonen vielleicht, Äonen! Mary!"

    Er streckt die Arme aus. Ein Atem streift ihn. Rhododendronluft weht durch das Zimmer. Eine Kältewelle stürzt herein. Der Gaurisankar scheint den Odem seiner Gletscher auszuhauchen.

    Sir Kennath schauert.

    War es ein Atemzug nur — sind Stunden vergangen? Alles ist wieder Nebel, Nebel und Nacht und Mond — das märchenhafte Tier mit den Menschenaugen ist nicht mehr — aufstöhnend schlägt Sir Kennath die Hände vors Gesicht und weint.

    Er hat einen Blick, einen kurzen Blick in die furchtbaren Geheimnisse des Lebens und des Todes getan — aber er kann sie nicht deuten.

    Ein Gesicht — —?

    Wahrheit?

    Fieber?

    Vision?

    Nur die Erleuchteten kennen die Grenze. Nur sie haben das Wissen. —

    Doch zurück!

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