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Du sollst dir kein Bildnis machen - Ein Roman aus Hollywood
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eBook335 Seiten4 Stunden

Du sollst dir kein Bildnis machen - Ein Roman aus Hollywood

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Über dieses E-Book

Ein absolut faszinierendes Buch über den Einfluss von Hollywood!Dr. Paul Pauer, ein deutscher Schriftsteller, kann es kaum fassen, als er gemeinsam mit seiner Frau Claire in Amerika landet: Eine große Filmgesellschaft hat sich tatsächlich dazu entschieden, eins seiner Bücher zu verfilmen – und zwar mit seiner Frau in der Hauptrolle. Das Leben des Paares könnte nicht besser sein, bis der Autor feststellen muss, dass aus dem Menschen Claire immer mehr der Filmstar Claire wird...-
SpracheDeutsch
HerausgeberSAGA Egmont
Erscheinungsdatum9. März 2020
ISBN9788726416374
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    Buchvorschau

    Du sollst dir kein Bildnis machen - Ein Roman aus Hollywood - Arnold Höllriegel

    I.

    „Die wir dem Schatten Wesen sonst verliehen,

    Seh;’n Wesen jetzt als Schatten sich verziehen."

    („Peter Schlemihl.")

    Der New-Yorker Broadway an einem schönen, nur ein bisschen dunstigen Abend im Oktober 1926. Von dem Dutzend Millionen Menschen, die Gross-New-York bewohnen, ist seit fünf Uhr, seit der Stunde des Arbeitsendes, vielleicht eine Million unterwegs, auf der Suche nach Lichtern und Freude.

    Unter den Zahllosen, in ihnen verloren, sind drei, die zusammengehören. Ein deutscher Schriftsteller, erst vor wenigen Stunden in New-York angelangt. Dr. Paul Pauer heisst er. Die zierliche Frau mit den schönen, rotbraunen Haaren ist Claire Pauer. Matelian ist bei ihnen, Josef Baron Matelian, Pauers Freund. Er hat sie am Hafen erwartet.

    Die Strasse, durch die sie langsam vorwärtsrücken, der Broadway, ist jetzt wie ein Strom einer anderen Welt; zwischen hohen, phantastischen Ufern wälzt er sich mit einem dumpfen Rollen und Brausen, ein Mississippi von Menschen. Es ist sonderbar, in so einer Menge zu sein, in der man niemanden kennt, keinen Menschen, kein Ding und keinen Gedanken. Es ist wie ein Abendspaziergang in einem Traum. In der Mitte der endlosen Strasse, auf der breiten Fahrbahn, verschieben sich ruckweise, langsam und fast ohne Lärm die Autos, unzählbare, zur dichtesten Kette zusammengefügt; die schönen lackierten Dächer werfen das blendende Licht von den Häusern zurück wie dunkle Spiegel. Langsam verschieben sie sich und willenlos; es ist, als ob nicht die Autos führen, von Menschen gelenkt, es ist, als führe unter ihnen die Strasse; eine zentrale Maschine, verborgen und unermesslich, scheint alles hier zu bewegen, ein übertechnisches Uhrwerk. Die Gehsteige wieder sind menschlich, organisch lebendig; die Fussgänger, eng beieinander, bilden zwei Strömungen, Strasse auf, Strasse ab, jede ein zähes Gemenge von einzelnen und von kleinen, zusammenhängenden Gruppen. Zwei sind immer beisammen, drei oder mehr, verbunden durch Wort und Geste, durch Blutsverwandtschaft und Ehe und Liebe, oder nur durch blosse gesellige Adhäsion, so wie aus Wasseratomen ein Tropfen sich bildet. Die Tropfen, öfters entzweigerissen im Wirbel der Strömung, finden sich wieder, vereinigen sich, bleiben schliesslich doch abgegrenzt. Nie verfliesst der Mensch mit dem Menschen, so sehr sie einander gleichen. Hier, auf dem breiten Weg der grössten Weltstadt, der tausendsprachigen, sind sie einander erstaunlich gleich, und bleiben doch einzelne. Neger sind unter ihnen, Chinesen, Malaien, was nicht? Ein Sioux, der mit seinen Adlerfedern auf dem Kopf spazierengeht, von irgendeiner Missionsgesellschaft zu irgendeinem Kongress nach New-York gebracht; er fällt gar nicht auf, wird nicht angeblickt; zu gross ist um ihn die Menge der völlig normal Gekleideten, sie presst ihn ein, seine Federn verschwinden unter den tausend und tausend weissgrauen Hüten der Männer, den Glockenhüten der Frauen, all der Herbstmode, aus den nämlichen Warenhäusern stets von den nämlichen Menschen bezogen. Auch sieht man einander nicht an, zu überwältigend ist dieses Schauspiel der nächtlichen Strasse; das Menschenantlitz zählt nicht mehr mit, und nicht, was man denkt oder sagt; nur die Augen bleiben im grossen Wirbel erhalten, Augenpaare, die gierig schauen ― ―

    Tief unten sind diese Menschen, die Hunderttausende. Dort, wo sie sich um sie presst, in der Höhe des Menschenleibes, ist die steinerne Strasse ganz deutlich und tut sich ihnen ganz auf; die Steine zerfliessen zu Glas, und Tore öffnen sich weit, und riesige Fenster lassen den Blick durch. Dann höher, über den Köpfen, ist auch noch Glas, doch es spiegelt, ist nur noch ein Glanz auf ungeheuren, steilen Wänden, die in das Unendliche ragen, auf beiden Seiten des Broadways. Ein Cañon aus Wolkenkratzern am Tage, eine Alpenschlucht aus Geschäftsgebäuden; jetzt in der Nacht schwindet vollends die Wirklichkeit, da der Himmel mit den unsichtbaren Dächern verschwimmt: das ist schon kein Cañon mehr, keine Alpenklamm; nichts, was die Natur selbst erbaut hat, kann hier mitverglichen werden; Kulissen aus Glas und Stahl und Stein und Nebel und Licht, aus dem Kosmos herabgehängt, von einem Schnürboden irgendwo, rechts und links von den vielen, kleinen Statisten des Schauspiels: so kann man es fassen.

    Die beiden Menschen aus Deutschland, die ihr New-Yorker Freund durch diese Nachtmar steuert, stehen, japsend und fassungslos, an einer Strassenecke, in einem geschützten Winkel, den irgendein Baugerüst von den flutenden Massen abdämmt. Er, Paul Pauer, schlank, geschmeidig, nicht gross, in den Dreissigerjahren, eher zu mager; im Grunde noch knabenhaft, aber vom Leben ein wenig ausgedörrt und trocken geworden; Kriegsjahre, sibirische Jahre des Kriegsgefangenen, dann Bohème und mancherlei Künstlernot haben den Körper da hager gehämmert. Die blondbraunen Haare werden über der Stirn schon ein wenig dünn, das Gesicht aber ist noch ganz jung, und die feine Mundpartie sogar schön: die weichen Lippen des Träumers über einem entschieden männlichen, kraftvollen Kinn. Die graublauen Augen, mit grünen Reflexen manchmal, reden die gleiche Sprache wie dieser Mund; es sind Augen in Versen, doch nicht in schmachtenden Versen. — Jetzt legt der Mann der Frau, die neben ihm steht, eine leichte Hand auf die Schulter, eine Hand, die liebkost und doch auch Besitz ergreift, eine Ehehand. Claire Pauer, in einem armen, kleinen, grauen Reisekostüm, ein bisschen faltig, hat einen guten Hut auf, einen Hut von der Farbe des Perlhuhns, er steht gut zu dem wundervoll schönen Rotbraun der Haare, die sie halblang trägt; das Köpfchen ist fein und scharf gezeichnet. Josef Freiherr von Matelian, der frühere k. u. k. Husarenrittmeister, jetzt, nach New-Yorker Jahren, ein wenig plumper geworden, gealtert, in fertiggekauften Kleidern, doch angesichts einer schönen Frau schon wieder der Kavalier von einst, nimmt sich vor, ihr etwas Freundliches über den Hut zu sagen; er fängt an, sie aber hört nicht und weiss nicht, dass er vorhanden ist, sie weiss nicht einmal, dass sie einen Hut hat; so kindisch-fassungslos steht sie da und starrt auf die leuchtende Wunderstrasse, auf die Wasserfälle von buntem Licht, die überall stürzen und rieseln und tröpfeln und dann wieder aufwärts schäumen.

    Nach oben verlieren sich diese traumhaft schimmernden Mauern in ein unbestimmtes Verdämmern, nur dass dort oder hier phantastische Kuppeln und Zinnen und Türme schneeweiss beleuchtet sind oder blauviolett, aus magisch durchfunkten Röhren und kriechenden gläsernen Schlangen. Darüber ist eine fahle Helle, im durchleuchteten Nebel erlöschen die Sterne der Gottesnacht; dann reisst ein Scheinwerferlicht, in den Weltraum bombardiert, auf einmal den Himmel weit auf, brutal dringt das Licht in ihn ein, dann verfliegt es wieder. Und Licht ist auf Licht gestickt, läuft über das Licht, tanzt über das Licht, buntes Licht über weisses Licht, geometrisch liniiertes Licht über Flächen von Licht, bewegtes Licht über das stille. Da drehen sich blutrote Kreise; dort schreiben unsichtbare Gigantenhände die Worte der Flammenschrift; es entstehen Bilder: der feurige Wagen Elias fährt über den Himmel, schnell, schnell; zwei Cherubim, ganz aus edelsteinfarbigen Flammen, beginnen miteinander zu kämpfen, wie Satan und Gabriel; Autoreklame, Reklame für den morgigen Boxkampf; sogar ein lohendes Kreuz ganz hoch oben im Atelier ist eine Reklame, für eine bekannte Evangelistin, die predigen wird und Sünder bekehren ― ―

    Neben Claire, die noch haltlos ins Licht hinein träumt, wie ein Kind an der Tür des Christbaumzimmers, der eben und plötzlich geöffneten, beginnt Paul Pauer bewusst zu denken. Sein Blick geht empor zu dem riesigen Haus gegenüber, das einen hohen Dom, von Quecksilberlichtern magisch umrandet, in den siebenten Himmel reckt: Pantheon, Gralsburg! Und dort wieder sind, am Horizont, die Türme und Zacken und Zinnen des Paramount-Kinos in das nächtliche Weltall gezeichnet; und da und dort, wohin er blickt, auf dem Ozean dieser Lichter, schwimmen die Lichterinseln, die wieder noch heller sind und bedeuten: Theater, Kino, Zirkus, Varieté, Revue und Kino. Immer wieder ein Kino. Ein sprühendes Feuerwerk aus Reklametexten meisselt aus Licht und graviert in Licht Namen, die Spiele mit Licht bedeuten; die Flammenschwerter unsichtbarer Erzengel schreiben mit ihren Spitzen auf einmal ein mystisches Menetekel in die magische Feuersbrunst dieser Nacht:

    JANNINGS IN „VARIETE ― GRETA GARBO ALS DIE „VERSUCHERIN.

    Matelian, der das alles schon kennt und gewohnt ist, möchte weitergehen, ins Restaurant an der Ecke der Vierundvierzigsten Strasse; doch er kriegt seine Freunde noch nicht vom Fleck. Wie betrunken blickt Claire vor sich, ohne einen Gedanken im wirbelnden Kopf; Paul aber sieht schon mit schätzenden und bedenkenden Augen. Von den phantasmagorischen Lichtreklamen der oberen Luft blickt er abwärts in die nahen Regionen. Hier fassbar und zugänglich, sind die grossen Portale von tausend Vergnügungsstätten, die hellen Fenster der zahllosen Speisehäuser. Torhüter, Riesen in Uniform, mit goldenen Schnüren und klappernden Ordensreihen am Rock, stehen stramm vor eintretenden Gästen oder schieben Drehtüren auf; vor dem Kino, in dem „Beau Geste gegeben wird, zum fünfundvierzigsten Male, halten zwei Männer die Wache, die als französische Fremdenlegionäre verkleidet sind, mit Gewehr, Bajonett und knallroten Hosen; sie sagen fortwährend laut vor sich hin: „Alle Sitze ausverkauft! Durch die Glasscheiben der Kakaostube „Merry Old Holland" sieht man Kellnerinnen in Spitzenhäubchen; ein Speisewirt hat einen weissgekleideten Koch ins Schaufenster gestellt, der an einem riesigen Spiess über einem lohenden Herd einen ungeheuren und dampfenden Braten wendet und wendet; sieht man näher zu, dann bemerkt man, dass der Herd kein Herd ist, die Kohlen nur rotes Glas sind, elektrisch beleuchtet, mit flackernden Stoffflammen dazwischen, die ein elektrischer Wind bewegt, und dass der appetitliche Dampf gar nicht von dem Braten kommt, sondern aus einer Röhre.

    Paul Pauer blickt auf den Broadway und sieht kein Ende und keinen Wechsel. Haus an Haus, jedes magisch beschienen von den lockenden Lichtern; jedes Tor ist offen und saugt an der Menschenmenge, die doch nicht versiegt; ein Kino und ein Restaurant ist in jedem Haus, oder ein Restaurant und ein Theater; man ahnt Kilometer und Kilometer von illuminierten Fronten und superlativen Reklameschriften und romantisch klingenden Titeln von Filmen und völlig gleichen Menüs aus der gleichen Konservenbüchse. Da drinnen, hinter den beiden leuchtenden Fronten der Riesenstrasse muss lauter Musik sein, stets die gleiche Musik, doch nur selten sickert das Seufzen des Saxophons bis heraus auf die Strasse, kein einzelner Klang kommt hier auf gegen das allgemeine und majestätische Stromgetöse des Broadways.

    Paul Pauer steht nur und starrt. Er ist in Amerika, weil er von dieser neuen Kunst einer neuen Zeit träumt, dem Film. Er ist, mit Claire, nach Hollywood unterwegs, in der Absicht, dort grosse und schöne Filme zu dichten. Zu dichten, so wie ein Dichter. Deswegen hat er eine Gelegenheit rasch benutzt; Matelian war es, der sie gefunden hat. Auf dem Weg ins ferne Traumland im Westen, nach Hollywood. Und hier nun ― ―

    Der Mann, der wie ein Dichter Filmbilder dichten möchte, begreift sehr gut, was er hier jetzt sieht, gleich auf der Schwelle Amerikas. Das da gehört schon zu Hollywood. Diese Strasse ist doch das grosse Schaufenster Hollywoods; magisch beleuchtet und herrlich betitelt. Kilometer und Kilometer von Namen der Hollywood-Filme, in Leuchtbuchstaben nebeneinander geschrieben, von der Dreissigsten Strasse bis zur Sechzigsten, ohne Unterbrechung fast:

    „ENTFESSELTE ELEMENTE MIT VILMA BANKY DIE GROSSE PARADE WAS KOSTET DER RUHM BARDELYS DER GROSSARTIGE MIT JOHN BARRYMORE MARY PICKFORD SPERLINGE IN PARIS GESTRANDET LUBITSCH - SUPERFILM DAS IST PARIS TOM MIX DIE PFERDERÄUBER VOM KAKTUS-CAÑON STROHEIM DIE LUSTIGE WITWE" ― ― ―

    Die leuchtende Schlange kriecht rastlos weiter, Buchstaben ringelnd; von hier aus umschlingt sie den Globus, das weiss Paul Pauer.

    Auf dieser unfassbaren Strasse des Massenvergnügens erfasst ihn ein Grauen. Was tut er, um Gottes willen, denn hier, ein europäischer Künstler, der das Einzelne, Seltene lieb hat? Eine Million gleichförmiger Menschen kommt täglich her auf den Broadway, zwischen fünf und elf, um eine Pflicht zu erfüllen, eine Funktion, die Vergnügen heisst. Vorher, nachher und zwischendurch dieses Abendessen, aus allen Konservenbüchsen Chicagos in Amerikas Mägen geschüttet. Bohnen und Speck für alle, für alle. Oder, wenn die Seelen noch festlicher schwingen, Konservenhuhn. Eis-Cream nachher, mit Soda, ekelhaft süss. Da sitzen sie, mit ihren Frauen, und lieben alle die gleiche Liebe, aus der blechernen Büchse, und essen alle den Maschinenfrass; dann wollen sie (denkt sich Paul Pauer) am Ende die gleiche Konservenkunst, eine ekelhaft süsse. Den Film, in dem ein verwegener Held, ganz voll von Edelmut, ein edles Mädchen errettet; da krümmt sich der sterbende Bösewicht, am glücklichen Ende der Story ― ―

    Was will ich hier, um Gottes willen, denkt sich Paul Pauer, mit meinen revolutionären Absichten? Diesen Konservenkonsumenten, diesen Massenhaften, etwas Einzelnes und Einziges geben, ein Kunstwerk? Wollen sie’s? Werden sie es ertragen? Bin ich ein Herakles, dass ich diese brennende Schlange entzweireissen könnte?

    *

    Und dann, auf einmal, befällt diesen zweifelnden Dichter das Selbstvertrauen wie ein narkotischer Rausch. Es ist doch auf dieser unendlichen Strasse des Lichts eine Menge von Freude, sogar von Schönheit ― ― Er blickt zu den magisch schimmernden Zinnen und Türmen der Gralsburg empor, des Paramount-Kinos. Warum nicht? fragt in seiner Seele die Stimme der Zuversicht. Ja! Einmal hier siegen, einmal nur; diese Lichtburg bezwingen, einen einzigen guten und menschlichen Film nur hier spielen lassen, und eine Schlacht ist gewonnen. Ein einziges Kunstwerk, denkt Paul, möchte ich hier mit Feuer auf diese feurigen Zinnen schreiben ― ―

    Hollywood! denkt er, mit einer Sehnsucht. Er wird von Hollywood aus diese breite Strasse erobern, und dann die übrige Welt!

    Da wird er froh in Gedanken, und er wendet sich zu Claire um, die hinter ihm ist, ihr zu zeigen, wie froh er ist. Sie steht, so wie er, schon seit zehn Minuten und redet kein einziges Wort. Matelian, drei Schritte weiter, hat sich ein wenig gelangweilt, er versteht die Verzückung dieser Berliner Kleinstädter nicht, die auf dem Broadway so tun, als wüssten sie gar nichts von Lichtreklame.

    Er hat an der Strassenecke ein Abendblatt käuflich erworben und hält es halb entfaltet; er sucht was Bestimmtes darin, jetzt hat er’s und liest und lächelt befriedigt ― ―

    Claire Pauer blickt nur auf einen Punkt:

    „GRETA GARBO, liest sie, „ALS DIE VERSUCHERIN. Paul, neben ihr, errät ganz plötzlich, was sie eigentlich sieht, mit diesen weit geöffneten Augen. Sie sieht einen anderen Namen, einen, den sie einst getragen hat, ihren alten Bühnennamen.

    „CLARA DARA."

    In Flammenlettern träumt sie den alten Namen, den sie verloren hat. Hier sollte der Name jetzt brennen! Paul liest ihn förmlich in ihren Augen und runzelt heftig die Stirne. Er hat diesen Namen immer gehasst.

    Matelian hat das Abendblatt eingesteckt und wendet sich wieder den beiden zu, er möchte mit ihnen zum Abendessen. Er weiss ein Heimwehlokal in der Vierundvierzigsten Strasse, sehr deutsch, mit Eisbein und Würsten auf weissgescheuerten Tischen. Da sieht er Paul Pauer und seine Frau, wie sie in die Höhe blicken; und merkt, wie die Blicke der beiden einander am Himmel begegnen. Er weiss von den beiden nicht allzuviel; nicht, dass Paul Pauer den Namen verabscheut, den seine Frau in den hellsten Zeichen an diesem nächtlichen Himmel geträumt hat. Er denkt sich, Matelian: Jetzt lesen die beiden schon den Namen des Films, den Pauer verfassthat. ― ― In flammenden Lettern:

    „ERPRESSUNG."

    Und Matelian freut sich. Den Varietésketch Pauers „Erpressung hat Matelian glücklich hier in Amerika zum Verfilmen verkauft. Das ist ihm gelungen. Und der Gute sucht im Gesicht des Kameraden den freudigen Stolz. Auf dem Weg nach Hollywood, um dabei zu sein, wie man die „Erpressung verfilmt! — Matelians Lächeln erlischt, da er Pauers Gesicht sieht und daneben das Antlitz dieser schönen Frau. Die Augen der beiden sind in die leuchtende Nacht projiziert, die über New-York liegt, und ihre Blicke fechten, ja, fechten am fernen Himmel.

    II.

    Später in dieser Nacht. Claire ist schlafengegangen, und die beiden Männer sitzen beisammen, zum erstenmal seit den vielen Jahren. Sie haben eine gutgepolsterte Ecke des Rauchsalons für sich allein; sie sitzen in Schaukelstühlen, die Paul so sonderbar scheinen. Matelian hat Mineralwasser kommen lassen und dann, da der Kellner gegangen war, eine Aluminiumflasche mit Gin aus der Hintertasche gezogen. Paul Pauer traut seinen Augen nicht: ist das der aristokratische Josef Matelian, der eine Flasche voll Schnaps, in die Formen des menschlichen Hinterteils listig gebogen, an sich herumträgt? — Während Matelian Gin ins Mineralwasser giesst, sieht sich Paul seinen alten Freund erst mal schärfer an und findet ihn jetzt doch gealtert und recht verändert. Die Züge sind etwas vergröbert und, ja, man ahnt etwas von Alkohol in dem Gesicht. Der Kavalier von einst hat er nur geschienen, solang eine schöne Frau mit zugegen war. Jetzt wirkt er doch recht reduziert — —

    Auf einmal kommt es Paul ins Empfinden, wie wenig sie jetzt voneinander wissen, sie, die die Jahre der Kriegsgefangenschaft in einer so engen Gemeinschaft verbrachten.

    Sie haben zusammen Sibirien überstanden. Der preussische Vizefeldwebel Dr. Pauer, durch eine zufällige Schrulle der russischen Militärbureaukratie in das sonst fast nur von k. u. k. Offizieren bewohnte Kriegsgefangenenlager von Pjestschanka verschlagen, war, als ein in Berlin eingebürgerter Sachse stark norddeutsch orientiert, den österreichischen Offizieren von vornherein nicht gar zu sympathisch gewesen, oder doch fremd; bis dem in der Baracke Elf melancholisch Vereinsamten der k. u. k. Husarenrittmeister Baron von Matelian kräftig geholfen hat. Matelian, im slowenischen Küstenlande geboren, doch in der Armee vollkommen germanisiert, ein aristokratisches Menschenwesen, mit dem Horizont des Berufshusaren, hatte in dem viel jüngeren Kameraden, in diesem richtigen Doktor der Philosophie und schon mehrfach gedruckten lyrischen Dichter, einerseits einen fast göttergleichen Geistesgiganten zaghaft verehrt, und andererseits einen unbeholfenen, schüchternen, unsoldatischen Jungen ein bisschen von oben herab protegiert; die beiden haben vier Jahre gemeinsam ein kleines Zimmer bewohnt, allein mit den Wanzen. Jetzt, nach acht Friedensjahren, sitzt Pauer, der Jüngere, viel herber und härter und männlicher, zum erstenmal wieder neben dem Kameraden der Stacheldrahtjahre. Sie haben einander kaum mehr gesehen, seitdem sie im Frühjahr Achtzehn zusammen quer durch das brennende Russland westwärts geflohen sind. An der Grenze hat man sie gleich getrennt; Paul Pauer ist krank, wie er war, ins Spital gekommen, Matelian gleich wieder an die Front am Piave. Dann der Zusammenbruch. Matelian, dem sein Beruf abhanden gekommen ist, geht kurz entschlossen nach Amerika, mit seinem neuen jugoslawischen Pass, der ihm das gleich nach dem Kriegsende möglich macht. — Paul Pauer geht nach Berlin, in die wildeste Literaturbohème. Von der Zeit an, wie es so kommt, schreiben sie einander immer nur den äusseren Umriss ihrer Erlebnisse: „Es geht mir gut: ich habe den ersten amerikanischen Job gefunden, als Verkäufer im Warenhaus Macy. Ich verkaufe, denke Dir, Bürsten. — „Es geht mir gut, ich schreibe so kleine Sachen, und manchmal erscheint was in Sonntagsbeilagen. — Dann Briefe von Pauer aus einem unwahrscheinlichen Nest irgendwo im Fränkischen, Neustadt an der Irgendetwas, wo die Kunst des Dichters nach journalistischem Brot geht: „Es geht mir gut, aber das ist ein grässliches Schilda. Ja, Du kannst lachen, dass Du in Amerika lebst, in der offenen Welt! — Doch der Amerikafahrer macht keine Miene, Millionen von Dollars zu sammeln und in eigenen Jachten zum Besuch nach Europa zu kommen: „Es geht mir soso, lala, ich habe die siebente Stellung in diesem Kalenderjahre, die aber ist relativ gut, dreissig Eiserne-Harte die Woche. Er übersetzt schon aus dem amerikanischen Slang, und englische Worte kriechen in sein Husarendeutsch. Der Feuilletonredakteur und Theaterkritiker des „Generalanzeigers für Neustadt an der Rosach und Umgebung meldet nach einiger Zeit, dass er es nicht mehr ist. Wieder nach Berlin gegangen, mit einem schönen Mädchen, das er geheiratet hat. Sie war früher Schauspielerin am Stadttheater von Neustadt, aber sie verlässt nun die Bühne. Photographie eingeschlossen. — Gratulationsbrief aus New-York, auch an Paul Pauers Frau gerichtet. Und ein klein bisschen elegisch. Entbehrt der hinreissende Husar etwas im Kreise der schönen amerikanischen Misses? Es klingt fast so. — Die Briefe Dr. Pauers während der nächsten Jahre beginnen kaum mehr: „Es geht mir gut. Er lebt mit seiner Frau in Steglitz, wo der Schwiegervater eine kleine Druckerei hat, und redigiert irgendwelche Fachzeitschriften, die dort verlegt werden. Eines Tages kommt ein Brief in New-York an, der ein getipptes Manuskript enthält. „Ich habe da so einen Mist zusammengeschrieben, eine Art Varietésketch, der in Amerika spielt, ,Die Erpressung‘. Kannst Du den nicht irgendwie in New-York anbringen? Du hast doch bestimmt Beziehungen" — —

    *

    Dieser mässige Sketch, von einem an der höheren Literatur verzweifelnden Lyriker einmal verwegen hingeschrieben, nach einem Kaffeehausabend, an dem ihm irgendeine Art Einfall gekommen war, vielleicht sogar ein fremder, — „Die Erpressung" ist der Grund dafür und hat es bewirkt, dass die beiden Freunde jetzt plötzlich in einem kleinen Hotel an der Neunundzwanzigsten Strasse New-Yorks beieinander sitzen, ja, dass in dem gleichen Hotel auch Pauers Gattin im Bett liegt und Flammeninschriften träumt, über Wolkenkratzern, die dem Stadttheater in Neustadt sonderbar ähnlich sind.

    Jetzt, da sie allein beieinander sitzen, die beiden sibirischen Leidensgefährten, und die nicht miteinander verlebten Jahre so peinlich empfinden, und alles einander zu sagen hätten und doch nicht wissen, wovon sie denn sprechen sollen, — kommt es Paul Pauer gelegen, dass er dem Matelian gar nicht richtig für diese Hilfe gedankt hat. „Das hast du glänzend gemacht, beginnt er, in einem zu burschikos angelegten Ton, „das mit dem Film! Und so ein riesiges Honorar, wirklich! Woher hast du nur die Beziehungen?

    „Schau," sagt Matelian und wird ein wenig rot und trinkt einen umständlichen Schluck vorher, „schau, jetzt kann ich es dir ja gestehen, es ist mir hier manchmal schäbig genug gegangen. — Aber, wie ich das Manuskript von dir bekommen habe, hatte ich eben den besten Job, den ich je hier bekommen habe: Verkäufer in einer kleinen deutschen Buchhandlung, die nachher prompt eingegangen ist, ich hab’ schon so ein gottverfluchtes Pech!

    Alsdann, das ist eine Geschichte für sich. Gut. Eines Tages, weisst du, kommt ein Gent zu uns ins Geschäft und schmökert in den neuen deutschen Büchern herum und weiss halt nicht recht, was er eigentlich haben möchte. Ich sehe, er kann nicht einmal ordentlich Deutsch, ein Deutschamerikaner, mit einem Wort. Alsdann, ich sage ihm, was in einigen von den Büchern steht, soweit ich nämlich — — Weisst, es wird einem manchmal fad, und man liest in dem Zeug. — Gut, es stellt sich nachher heraus, dass dieser Kerl so eine Art Lektor in einer Filmfabrik ist, in der Fantoma Film Corporation, die ihre Zentrale hier auf Long Island hat und das Atelier drüben in Hollywood. Da ist er halt Chief Editor, wie sie das sagen. Alsdann, er ist auf der Suche nach europäischen Büchern, in denen vielleicht ein guter Filmstoff für ihn stecken könnte. Wie ich das im Gespräch bemerken tu’, fallt mir der Varietésketch ein, den du mir da geschickt hast — —"

    Matelian lächelt, brüderlich ungeniert, zum erstenmal wieder: „Alsdann, denk’ ich, einer Music Hall hab’ ich den Dreck nicht verkaufen können, vielleicht dass er idiotisch genug ist für einen Film! Ich sage also dem Mister Brakenbosh, das ist der Lektor, das trifft sich gut, ich bin doch der

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