Maria Stilke. Der Roman einer Lehrerin
Von Robert Heymann
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Rezensionen für Maria Stilke. Der Roman einer Lehrerin
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Buchvorschau
Maria Stilke. Der Roman einer Lehrerin - Robert Heymann
I. Kapitel.
Maria Stilke schritt langsam und gesenkten Hauptes durch die Wiesen von Tannenau. Wo die Wege nach Niederbuchbach und Dreihügelfeld sich trennen, steht eine Madonna unter grob geschnitztem Holzdach, von Seraphinen umgeben, die eine plumpe, gläubige Hand auf hellblauen Hintergrund gemalt hat. Dieses Bildnis ist nicht ohne Kunstfertigkeit geschnitzt; dem Antlitz der Heiligen hat sein Schöpfer die natürliche helle Farbe gelassen, während die steifen Falten des Gewandes in grelle rote und blaue Farben getaucht sind. Der Betschemel davor, in Haselnussgesträuch versteckt, von Astern umstanden, ist wurmstichig und von vielen Knien gehöhlt.
Maria zählte die goldenen Schwertspitzen, die das Herz der heiligen Mutter durchbohren.
Wie sie in der Glorie ihrer Leiden dastand, hatte sie als Ausdruck naiven Glaubens und bedingungsloser Liebe etwas überwältigend Schönes. Das junge Mädchen sank in die Knie und bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen. Es waren Hände, die in der Reinheit ihres Geäders an ein Kunstwerk aus Elfenbein gemahnten; sie waren weiss und schlank und fein.
Ihr Gesichtchen war trotz des Schmerzes, der augenblicklich in ihr war, in die frohe Heiterkeit der Siebzehnjährigen getaucht. Freudige Lebensbejahung goss den Glanz der Jugend über ihre Züge, deren pikanter Reiz durch kleine Unregelmässigkeiten erhöht wurde.
Maria Stilke hatte rehbraune Augen. In ihrem Blick war ein geheimnisvolles Licht, das aus dem Grunde ihrer Seele auftauchte und die grossen Pupillen seinem Zauber erschloss.
Diese Augen beschatteten lange, schwere Wimpern. Wenn sie sich hoben, sah man in zwei lautere Quellen der Unschuld. Diese spiegelten bis jetzt keine andere Frage, als: was ist das Leben?
Doch die Frage war hinreichend gewaltig, um in Maria Stilkes jungem Herzen die Fackeln der Sehnsucht zu entzünden. Solche Sehnsucht war ihr Erbteil. Das Erbteil der Berufenen, denen bestimmt ist, zu leiden und zu irren, um dieses einzigen Paradieses willen, das nie verloren ging. Sehnsucht war der Grundzug ihres Wesens. Ungeklärt, ohne bestimmte Form, rein als Symbol des Gottgedankens in der Natur, verklärte sie die junge Gestalt und wob um ihre Flechten den Schein der Verheissung. Helle Flechten, die nicht blond und nicht dunkel waren; die bald sattrot, bald golden, bald kastanienbraun erschienen, je nachdem sich das Licht über sie breitete oder in den Zöpfen dunkle Schatten walteten.
So lag Maria Stilke, ein Bildnis der Schönheit, auf den hölzernen Stufen vor der Madonna und faltete die Hände andachtsvoll unter dem weichen Kinn.
Bauern, die vorübergingen, achteten ihrer kaum. Doch zwei Betschwestern, die keine Stunde je versäumten, Gott durch gedankenlosen Götzendienst zu erzürnen, lächelten hämisch. Die zwei alten Frauen hatten welke, runzelige Lippen von unnachahmlicher Beweglichkeit. Mit diesen Gebetmühlen glaubten sie dem Herrn zu dienen und spotteten über die stille Andacht des Kindes, dessen Seele in Wahrheit bei Gott weilte, weil sie litt.
„Die Pfarrerstochter", sagte eine der beiden Stimmen. Der Wind aber nahm das Wort mit sich und zerpflückte es über den Feldern; so drang es nicht an das Ohr der Betenden.
Gestern erst war sie mit einer Freundin aus dem Münchener Seminar angekommen, die Ferien bei dem Pflegevater zu verbringen. Pfarrer Händel hatte sie vor vielen Jahren an Kindesstatt angenommen. Das war alles, was sie von ihm, von sich und ihren Eltern wusste. Seitdem war sie im Kloster herangewachsen, ohne dass ihr je auf die stumme, brennende Frage, die ständig auf den schmalen Lippen lag, Antwort geworden wäre. Diese Frage, durch die ihr Gesicht einen Zug rührender Nachdenklichkeit bekommen, liess sich in das beseligendste Wort jugendlicher Sehnsucht fassen: Mutter . . .
Maria Stilke erhob sich und schritt dem Dorfe zu. Sie hatte eine feine Gestalt, deren spätere Vollkommenheit jetzt schon in sicheren Konturen angedeutet war.
Das Pfarrhaus lag in der Mitte des Ortes, in ein Meer von Obstbäumen gebettet. Es hatte weisse Mauern mit hellen, grünen Fensterläden, zwischen denen Blumen blühten. Eine Mauer zog sich um den Garten, über die man mühelos blicken konnte.
Der Pfarrer stand auf der andern Seite; seine hohe Gestalt in dem schwarzen Rocke hob sich gegen die hellen Steine ab. Er hielt ein Heft in der Hand und memorierte die Predigt.
Denn es war Sonnabend.
Die Sonne stand sichtbar und flammend, wie ein goldenes Rad, an dem blauen Himmel und goss ihr weisses Leuchten über das Dorf, das Pfarrhaus und den Pfarrer selbst, dass er ganz im Lichte stand.
Maria Stilke trat schnell in das Haus. Die Köchin, die am ersten des nächsten Monats wegen übler Nachreden den Dienst verlassen sollte, wich dem Kinde aus, als sei es von giftiger Atmosphäre umgeben. Maria sah und fühlte es wohl. In ihre klaren Augen traten Tränen; sie konnte sie nicht schnell genug trocknen, um dem Pfarrer ihre Verwirrung zu verbergen.
„Was ist Dir, Maria?" fragte er und nahm sie bei der Hand.
„Nichts, Herr Pfarrer . . . wirklich nichts . . ."
Sie versuchte, ihre Verlegenheit hinter einem erzwungenen Lächeln zu verbergen.
Er ging mit ihr tiefer in den Garten hinein. Die Köchin schlug geräuschvoll ein Fenster zu, dass einige Vögel erschreckt aus den Zweigen des Holunderstrauches aufflatterten.
„Hat man Dich gekränkt?"
„Nein, Herr Pfarrer."
„Sprich die Wahrheit, mein Kind!"
„Anna Wagner ist mir heute ausgewichen."
„Hattest Du Dich mit ihr verabredet?"
„Wir wollten gemeinsam einen Spaziergang untersnehmen."
„Sie wurde vielleicht verhindert?"
„Sie liess sich verleugnen, Herr Pfarrer, denn ich habe ihr Kleid hinter dem hohen Gitter, das die Besitzung ihrer Eltern abschliesst, schimmern sehen!"
Sie schwieg eine Weile, dann setzte sie hoffnungslos hinzu, während sie nur mit Mühe die Tränen zurückhielt:
„Sie ist meine beste Freundin — wir siebten uns — ich fühle deutlich, dass sie sich von mir lossagen will. Man muss etwas über mich gesagt haben, das sie enttäuscht hat, und doch bin ich mir keiner Schuld bewusst."
Der Pfarrer führte seine Pflegetochter zu einer grün gestrichenen Bank und nahm neben ihr Platz. Sein Kopf war weiss; sein Gesicht aber strafte dieses Symbol des Alters Lügen. In seinen Mienen zeigte sich jener überlegene Adel des Friedens, den die Natur nur nach schweren, geistigen Kämpfen verleiht. Seine Augen hatten für gewöhnlich einen stählernen Glanz, denn er war ein überzeugter Streiter seiner Kirche. Jetzt aber war sein Blick nur gütig. Seine Stimme hatte nicht den sonstigen sicheren Ton, da er fragte:
„Hast Du etwa — Bestimmtes — erfahren, Maria?"
Sie schüttelte das Haupt.
„Nein, Herr Pfarrer. Aber im Kloster sagte schon einmal eine andere zu mir —"
„Was sagte sie, mein Kind?"
„Ich hätte keine Mutter . . ."
Pfarrer Händel schwieg. Nach einer Pause erwiderte er mit Anstrengung:
„Ist das eine Sache, daraus man Dir einen Vorwurf machen kann, Maria? Ist es nicht vielmehr sehr traurig, keine Mutter zu haben?"
„Ja, das ist sehr traurig, entgegnete Maria in einem Ton, der den Priester betroffen aufsehen liess. „Aber
, fuhr sie fort, „jene wollte mich kränken. Es war im letzten Präparandenkurs, als sie das sagte. Ich habe es Ihnen nur bisher verschwiegen, Herr Pfarrer. Sie fügte ihren Worten bei: Du hast keine Mutter, weil man Deinen Vater nicht kennt . . ."
Die Sonne stand hoch, es war erdrückend heiss.
„Gehen wir in das Haus", sagte der Priester.
Maria gehorchte und es wurde nicht weiter über diese Frage gesprochen, die einen Sturm schmerzlicher Gefühle in ihr geweckt.
Der Pfarrer war bei Tische schweigsam und verschlossen; der Kooperator bemühte sich vergeblich, ihn aufzuheitern.
Schliesslich wandte er sich an Maria.
„Heute über ein Jahr haben sich die Pforten des Seminars bereits hinter Ihnen geschlossen. Freuen Sie sich darauf?"
„Ich fürchte mich vor dem Alleinsein, Herr Kaplan. Die Schwestern sind sehr gut zu mir und besonders Schwester Benedikta habe ich ins Herz geschlossen."
Der Pfarrer sah flüchtig auf. Sein Blick haftete eine Weile an seiner Pflegetochter und wanderte dann durch das offene Fenster. Wie Gold stand das Getreide. Davor dehnten sich die Wiesen reif zum Mähen. Übersät mit falschem Schirling, erweckten sie den Eindruck schneeiger Flächen; sattrot schimmerte dazwischen der Klee. Am Ende der Ebene tauchte der Horizont in einen blauen Dunstschleier gehüllt, in den Himmel.
„Du wirst in München praktizieren! sagte er. „Ich mache mir bereits Sorge darüber, wo ich Dich am besten unterbringe!
„Anna Wagners Eltern wollten mich so gerne bei sich haben, erwiderte Maria. „Aber es ist, als hätten sie sich eines anderen besonnen.
Der Kaplan warf dem Pfarrer einen fragenden Blick zu. Die Köchin trat ein und brachte die Post. Er warf einige Schreiben zornig beiseite:
„Den Inhalt kenne ich schon an der Schrift. Schmähungen über Schmähungen!"
„Es scheint, als wollte diese Flut kein Ende nehmen", murmelte Pfarrer Händel. Darauf der Kaplan:
„Wann findet die Gemeindeversammlung statt?"
„In einigen Tagen."
„Und Sie haben wirklich die Absicht, im Falle eines Misstrauensvotums zurückzutreten?"
„Ja, kann ich länger meines Amtes in der Gemeinde walten, wenn die Saat des Misstrauens und der Verleumdung erst solche Früchte getragen hat?"
„Verleumdet man Sie, Herr Pfarrer?" fragte Maria Stilke. Ihre Augen bekamen plötzlich einen leidenschaftlich erregten Ausdruck, Pfarrer Händel schien über die Frage zu erschrecken, denn er antwortete schnell, verwirrt:
„Du hast uns missverstanden, und an den Kaplan gewandt: „Ich habe jetzt Unterricht zu erteilen und dann eine Beschwerde zu erledigen, die mir in meiner Eigenschaft als Lokalschulinspektor zugegangen ist.
„Ich halte um vier Uhr den Rosenkranz ab." —
Maria war wieder allein. Die Einsamkeit drückte auf sie. Sie empfand sie doppelt schwer, da die Köchin sie keines Blickes würdigte, ihr kein gutes Wort gönnte. So nahm sie ihre Bücher vor und studierte. Die Zeit bis zur Seminarschlussprüfung würde schnell vorüber sein. Dann kam das letzte Examen, und schliesslich würde sich ihr die Welt öffnen, die ihr bis jetzt verschlossen gewesen, von der sie kaum etwas wusste. Sie würde in engste Verbindung mit dem Leben da draussen treten, das ihr ein Buch mit sieben Siegeln war.
Dann war sie Praktikantin, — Lehrerin.
Dann waren ihr, wenn auch noch unter Aufsicht, junge Menschenkinder anvertraut. Sie wollte wahrlich gut zu ihnen sein. Wenn sie an diese Kinder dachte, die sie noch gar nicht kannte, machte sie sich ganz bestimmte Vorstellungen. Der Knabe würde braune Augen, jener blonde Haare haben. Der würde ganz schwarz sein, und dann musste sie ein Mädchen in ihrer Klasse haben, das nie müde werden würde, zu fragen.
Sie stellte sich im Geiste vor, was sie auf allen Wissensdurst der Kinderseelen antworten würde. Von ihrem Geiste wollte sie ihnen geben, von ihrer Sehnsucht, von allem, was in ihr nach Leben und Betätigung drängte.
Und von ihrer Liebe . . .
Sie setzte sich an’s Fenster und sah auf die Strasse hinab. Dem Pfarrhof gegenüber lag das Gasthaus zur Post.
Vor der Posthalterei standen die gelbgestrichenen Wagen der Postillone. Einer tränkte eben die Pferde und sang:
Im Garten ein rot Blümelein
Steht leuchtend wie Blut,
Das brech’ ich am Abend fein
Und steck’ mir’s an Hut.
Dann schenk’ ich’s der Liebsten mein,
Die busselt’s und lacht.
Und da brennt das rot Blümelein
Wie ein Licht’l zur Nacht.
Über dem Eingang an der Wand, links und rechts in gleicher Höhe von der eichenen Tür mit schwerem Schnitzwert, befanden sich die verwitterten Bilder des Heiligen Antonius und Florian, der eine betend, auf einer Wolke schwebend, der andere in kriegerischer Rüstung, ein Miniaturbauernhaus löschend.
Marias Aufmerksamkeit wurde durch einen Fremden angezogen, der, ein Ränzel auf dem Rücken, einen derben Stock in der Hand, mit schnellem, elastischem Schritt dem Gasthof zustrebte.
In dem sonngebräunten, energisch geschnittenen Gesicht lag ein offener Ausdruck. Die hellen Augen waren voll Frohsinn und Heiterkeit. Maria Stilke beobachtete, wie er jedes Haus betrachtete, wie ihm nichts von jenen Einzelheiten entging, die auch ihre Freude bildeten, wenn sie durch das Dorf schritt: vor dem Bürgermeisterhof die breite Linde, das alte Bauernhaus, in dem sich die Käserei befand, und der geschmückte Ziehbrunnen davor, den ein goldverzierter heiliger Nepomuk beschützte.
Der Staub auf den Stiefeln des Wanderers lag dicht und zeugte von langem Marsch.
Wie er sich dem Pfarrhaus näherte, warf er einen Blick herauf. Da sah er das jugendliche Mädchen, und da sie nicht schnell genug über ihn hinwegblicken konnte, so begegneten sich ihre Augen.
Er zog den Hut, den er wohl auf früheren Wanderungen durch das bayrische Hochland mit Edelweiss geschmückt, und grüsste herauf; dabei lachte er übermütig. Maria aber wurde purpurrot und so verlegen, dass sie augenblicklich vom Fenster zurücktrat und sich in die Tiefe des Zimmers flüchtete. Eine heisse Welle ging über sie hinweg. Sie zitterte vor Aufregung.
Was war dem Fremden eingefallen? Wenn das Schwester Benedikta mit angesehen hätte!
War es nicht Sünde, sich von einem Unbekannten grüssen zu lassen?
Dann aber lächelte sie über sich selbst. Er hatte nichts an sich gehabt, das ihr Misstrauen gerechtfertigt hätte. Er war einfach und heiter gewesen und sein Gruss hatte sicher nur Höflichkeit ausgedrückt.
Sie war nun ärgerlich über sich selbst, ihm nicht wenigstens gedankt zu haben.
Als sie wieder an’s Fenster trat, sah sie ihn unter der Türe des Gasthauses stehen.
Er blickte verstohlen herüber. Sie setzte sich hinter die gehäkelten Vorhänge und beobachtete ihn.
Er mochte kaum dreissig sein. Das Gesicht beherrschten kühne, trotzige Augen. Die Lippen waren halb geöffnet und sogen begierig die mit Heu- und Blumenduft gesättigte Luft ein.
Eben kam der Kaplan aus der Kirche. Die Glocke läutete schon seit einer Weile; die Kirchtüren oben auf der kleinen Anhöhe standen weit offen und liessen die letzten Nachzügler heraus, die schwerfällig über die steinernen Stufen herabkamen.
Der Kaplan und der Fremde sahen sich einen Augenblick an, dann traten sie schnell auf einander zu und wechselten einige Worte. Sie hörte den Kaplan laut lachen. Er war immer lustig und guter Dinge. Der Fremde lächelte und nickte mehrmals, dann folgte er ihm in den Pfarrhof. Sie hörte unten die Glocke gehen, die immer anklang, wenn jemand eintrat.
Ihr Herz schlug hörbar; sie wurde bald blass, bald rot und flüchtete sich schnell über die dunklen Gänge in ihr Zimmer. Dort verriegelte sie die Tür hinter sich, als fürchte sie, man könnte sie verfolgen.
Indes hörte sie auch bald die sonore Stimme des Pfarrers. Eine Weile später rief er nach ihr. Sie ging zögernd hinab.
„Wo steckst Du denn, mein Kind?" fragte er und führte sie in das grosse Wohnzimmer. Der Fremde, der dem Kaplan gegenüber an dem grossen Eichentisch sass, stand auf und verneigte sich.
„Das ist ein famoser Zufall, sagte der Kooperator. „Thomas Förster wird voraussichtlich in diesem Jahre Ihr Lehrer werden, Fräulein Maria!
Sie erschrak ordentlich und wagte kaum, den Fremden anzusehen. Er reichte ihr über den Tisch die Hand:
„Sind Sie mir noch böse?"
„Was haben Sie ihr denn schon getan?" fragte Pfarrer Händel mit einem Lächeln.
„Ich habe die Kühnheit gehabt, sie bei meinem Einzug in Tannenau lachend zu grüssen — wirklich, mein Fräulein, es war nicht schlimm gemeint! Es schien mir nur ein gutes Zeichen für meine Ferienfahrt, solch reizendes Gesichtchen gerade im Pfarrhof zu finden, sozusagen als ersten Gruss, den mir das Leben jenseits der Schule spendete."
„Maria Stilke ist meine Pflegetochter", sagte der Pfarrer. Das passte eigentlich gar nicht hierher. Die Fröhlichkeit des Kaplans verstummte plötzlich und es lag wieder die alte, drückende Stimmung über dem Pfarrhaus. Maria wagte kaum, aufzuatmen. Der Kaplan brach schliesslich die Stille. Er erzählte, dass Thomas Förster sein bester Jugendfreund gewesen sei; vor ein paar Jahren hatten sie sich aus den Augen verloren.
„Ich wollte eigentlich erst Medizin studieren, aber schliesslich neigte ich doch mehr dem geistlichen Berufe zu. Es war auch der Wunsch und Wille meiner alten Mutter."
„Und bei mir reichten die Mittel nicht aus für ein langjähriges Universitätsstudium, warf Thomas Förster ein. „Nun habe ich es glücklich zum Seminarlehrer gebracht und komme Ihnen zweifellos furchtbar wichtig vor, was, Fräulein Stilke?
Sie nickte ernsthaft und wollte nicht begreifen, dass der Kaplan sie deshalb auslachte.
Der Pfarrer bat, ihn zu entschuldigen. Er musste sich noch mit der morgigen Predigt beschäftigen. Auch der Kooperator hatte zu tun.
„Ich möchte gern die Kirche sehen", sagte Thomas Förster.
„Maria mag Sie begleiten, Herr Seminarlehrer — Händel wandte sich an seine Pflegetochter — „Du kennst ja die Kirche und magst darum Herrn Förster am besten als Führerin dienen.
Maria brachte nicht sogleich eine Antwort heraus. Fast fürchtete sie sich, allein mit dem Fremden zu gehen.
Wie sie aber in das Sonnenlicht hinaustraten und die schwere, mit geschnitzten Engelsköpfen gezierte Eichentüre des Pfarrhofes sich hinter ihnen schloss, fand sie ihren natürlichen Frohsinn wieder. Sie vergass, dass der Herr neben ihr in kurzer Zeit ihr Lehrer sein sollte. Er war ihr schon gar nicht mehr so sehr fremd, obgleich er plötzlich schweigsam und in sich gekehrt war.
„Sind Sie schon lange hier, Fräulein Stilke?" fragte er schliesslich.
„Seit einem Tag, Herr Seminarlehrer. Ich verbringe meine Ferien bei dem Herrn Pfarrer."
Er hob ihr Kinn sanft in die Höhe und blickte ihr unter den Strohhut mit dem schwarzen Samtband.
„Sprechen Sie doch nicht immer dieses greuliche „Herr Seminarlehrer aus! „Förster
genügt! Sie haben gewiss keine Eltern mehr?" Sie stockte.
„Vater ist wohl tot . . ." stammelte sie fassungslos. Er sah sie betroffen an.
„Verzeihen Sie . . . natürlich . . . ich konnte mir doch denken, dass Sie keine Eltern mehr haben, wenn Pfarrer Händel an Ihnen Vaterstelle vertritt.
Sie traten in die kühle Kirche; dieser Ort, der ihr so sehr vertraut war, gab ihr Ruhe und Sicherheit wieder. Thomas Förster betrachtete mit grosser Aufmerksamkeit die kostbaren Einzelheiten, über die Maria ihn nicht ohne Stolz aufklärte:
„Dies Bildnis der stabat mater hier zur linken Bankreihe, wo die alten Frauen sitzen, ist uralt und gewiss nicht ohne grossen Wert. Betrachten Sie, bitte, den Glanz der Farben, der heute kaum mehr erreicht wird."
Er sah eine Weile das Gemälde an, dann Maria.
„Wer hat über das Bildnis zu Ihnen gesprochen?"
„Der Herr Pfarrer lobte mehrmals den unbekannten Meister . . . ich habe gewiss eine Torheit gesagt . . . aber ich meine, heutzutage fände kein Künstler Farben von so unmittelbarem Glanz . . ."
„Haben Sie denn Kunstausstellungen besucht?"
„Im verflossenen Jahr fuhr der Herr Pfarrer während der Ferien mit mir nach München. Ein Studienfreund von ihm führte mich in den Glaspalast."
„Das war ein gutes Werk . . ." murmelte Thomas Förster. Sein Blick streifte sie mit seltsamem Ausdruck.
„Hier, Herr Förster, auf der anderen Seite, sehen Sie die Maria Hilf mit Sonne, Mond und Wolken . . . ein wertvolles Gemälde, wenn es auch die stabat mater an Ausdruck nicht erreicht. Dies hier ist das marmorne Taufbecken mit Johannes dem Täufer auf dem Deckel. Die Figur ist ganz aus Holz geschnitzt und übermalt . . . und hier, der Engel auf erzenem Sockel, wurde zum Gedächtnis unserer Soldaten gestiftet, die im Kriege 1870 vor dem Feinde fielen."
Er sah kaum auf die Dinge, die sie ihm zeigte, und behielt von diesem Guss eigentlich nur den alten Raupenhelm in Erinnerung, der als Skulptur unter anderen Waffen das Denkmal schmückte. Maria erklärte indes die Seitenaltäre — den der Heiligen Antonius und Mathias, den Nepomukaltar und den des heiligen Saturninus . . . und dann die kostbaren Statuen an den Seitenwänden, den heiligen Sebastian und Franziskus, die heilige Apollonia und Notburga. Zwischen diesen stand ein kunstvoll geschnitzter Beichtstuhl. Der Vorhang hatte eine warme, blaue Farbe, Thomas Försters Auge ruhte einige Sekunden darauf, um sich schliesslich dem Muttergottesaltar zuzuwenden, unter dem die sterbliche Hülle eines Heiligen, in Edelstein und Stickereien gekleidet, hinter schützendem Glase lag.
„Gehen wir ins Freie", sagte er. Sie zeigte ihm aber noch die Kanzel mit der strahlengeschmückten Maria auf der Schalldecke und den Hochaltar mit den prächtig geschnitzten Chorstühlen, ehe sie ihm nach dem Kirchhofe folgte. Sie berichtete, was sie von diesen Toten wusste. Seitwärts, wo die Kirchhofmauer steil den Hügel hinaufstieg — man sah hier über blühende Felder hinweg in den Pfarrgarten — lag ein vereinzeltes Grab.
Ein Grab mit einem einfachen Kreuz und einem Namen. Die Inschrift besagte,
