Der Baum des Lebens und andere christliche Symbole
Von Roberta Russo
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Buchvorschau
Der Baum des Lebens und andere christliche Symbole - Roberta Russo
/ DER BAUM DES LEBENS
¹ / Der Weltenbaum
Der Archetyp
Der Weltenbaum oder auch Baum des Lebens ist eines der ältesten, bekanntesten und bedeutungsträchtigsten Symbole der Menschheitsgeschichte. Ein Archetyp des kollektiven Bewusstseins schlechthin.
Der Laubbaum mit seinen Jahr für Jahr neu austreibenden Blättern war vor allem ein Sinnbild der Wiedergeburt des Lebens, das regelmäßig den Tod besiegt, während der Nadelbaum als Symbol der Unsterblichkeit betrachtet wurde.
Die Gestalt des Baums – mit seinen fest im Boden verankerten Wurzeln, dem kräftigen, senkrecht nach oben wachsenden Stamm und der scheinbar den Himmel berührenden Krone – ist seit jeher ein Verweis auf die existierende Verbindung zwischen den Tiefen der Erde und dem Kosmos, dem irdischen Leben und den wertvollen Geschenken des Himmels (Wasser, Licht, Wind …). Diese Aspekte spiegeln sich in der Vorstellung vom Weltenbaum wider, der entweder als Stütze der Erde oder – noch häufiger – als Verkörperung des kosmischen Baumes gesehen wurde: In der nordischen Mythologie ist zum Beispiel Ygdrasil, die »mythische Esche«, bekannt; in der ägyptischen Esoterik spielen die heilige Sykomore und der Djed (das Rückgrat des Osiris) eine wichtige Rolle. Unter anderen Namen findet sich dieselbe Vorstellung auch in weiter entfernten Kulturen verankert: Der Baum des Lebens wurde und wird von den Hindus Aśvattha und von den Buddhisten ficus religiosa genannt.
Die dichten Baumkronen dieser »Bäume des Firmaments« galten häufig als von Fabelwesen sowie den Seelen der Verstorbenen und der ungeborenen Kinder bewohnt oder man nahm an, dass ihre Äste die auf- und untergehenden Sterne, darunter Sonne und Mond, stützten.
Wohl in Anlehnung an die Tierkreiszeichen glaubte man vor allem in Indien und in China, dass im Geäst des kosmischen Baumes die zwölf Sonnenvögel als die Verkörperung der zwölf Entwicklungsstufen des Seins wohnten.
Ebenso verbreitet sind die anthropomorphischen Deutungen: Der Baum steht aufrecht wie der Mensch und wie dieser altert er und stirbt; bei etlichen Naturvölkern in Zentralasien, Japan, Korea und Australien tritt er als mythologischer Urahn der Menschen in Erscheinung. Von einer Identifikation des Baumes mit dem Menschen zeugt auch der in verschiedenen Gebieten Indiens verbreitete Brauch, die Braut vor der Hochzeit mit ihrem Bräutigam erst mit einem Baum zu vermählen, auf dass die Ehe fruchtbar sein möge; in einem ähnlichen religiösen Kontext ist die symbolische Vermählung zweier Bäume zu sehen, deren Kraft sich dann auf das Brautpaar überträgt.
Auch war der Glaube verbreitet, dass das Feuer verborgen im Holz bestimmter Bäume wohne und sich durch Reibung hervorlocken lasse.
Die Hindutradition entwickelte zudem – in Verbindung mit der mythischen Vorstellung von Höhe und Tiefe – die Idee eines kopfüber wachsenden Baums, dessen Wurzeln im Himmel verankert sind und dessen Äste sich unterirdisch ausbreiten.
Aus dem Baum der Welt ging später der Baum des Lebens (siehe Baum des Lebens, Nr. 2) hervor, Sinnbild der physischen und der immateriellen Kraft und der Verbindung zwischen der materiellen und der spirituellen Welt.
² / Der Baum des Lebens
Am Anfang
Man nimmt an, dass der Baum des Lebens eine hebräische Adaption der bereits in antiken Kulturen verbreiteten Symbole ist (siehe Der Baum der Welt, Nr. 1).
Im ersten Buch des Alten Testaments steht: »Dann pflanzte Gott, der HERR, in Eden, im Osten, einen Garten und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse« (Gen 2,8–9).
Die dem Midrasch (eine der Auslegungsmethoden religiöser Texte nach den Regeln der jüdischen Schriftgelehrten) und dem Zohar (das bedeutendste Buch der kabbalistischen Mystik) verpflichtete Tradition glaubte, dass die beiden Bäume ursprünglich vereint gewesen seien. Adam selbst habe ihre Wurzeln geteilt, als er vor der Erbsünde noch Macht über die Schöpfung und direkten Zugang zur göttlichen Weisheit besessen habe.
Nach dieser Trennung gebot Jahwe dem Menschen: »Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben« (Gen 2,16–17).
Das Verbot erstreckte sich einzig auf den Baum der Erkenntnis. Vor dem Ungehorsam hatte Adam tatsächlich sämtliche Früchte essen können, auch die vom Baum des Lebens.
Nach dem Sündenfall verbirgt Gott den Baum des Lebens, um Adam, der das Böse inzwischen kennengelernt und gekostet hat, daran zu hindern, Zugang zum Geheimnis des ewigen Lebens zu finden und dadurch das Prinzip des Bösen absolut zu setzen. Die Stammväter sollten zukünftig die Erfahrung des Todes und der Zerstörung machen, die sie selbst gewählt hatten.
Nach dem verlorenen Zustand der Unschuld im Garten Eden (siehe Garten, Nr. 10) hatte die Menschheit keinen direkten Zugang zum Baum des Lebens mehr, der jedoch für die jüdische mystische Kabbala die einzig wahre Antwort auf das dem menschlichen Herzen innewohnende Verlangen nach Freude, Unendlichkeit und Ewigkeit darstellt.
Der Baum des Lebens ist die Synthese der wichtigsten Lehren der Kabbala. Er ist ein abstraktes und symbolisches Diagramm in Form eines Baumes, bestehend aus zehn Sephirot genannten Emanationen des Göttlichen, die entlang dreier parallel verlaufender vertikaler Äste angeordnet sind. Die Sephirot entsprechen wichtigen metaphysischen Vorstellungen, das heißt verschiedenen spirituellen Ebenen, die es zu erreichen gilt, um sich wieder mit dem Göttlichen vereinigen zu können. Dem praktizierenden Juden dienen sie zudem als ethischer Lehrpfad.
Der Baum des Lebens ist das Programm, nach dem sich die Schöpfung der Welten vollzogen hat: ein langer Weg des Abstiegs, in dessen Verlauf die Seelen und Lebewesen ihre aktuelle Form angenommen haben, aber auch ein aufwärtsweisender Pfad, über den die gesamte Schöpfung zu jenem Ziel zurückkehren kann, nach dem sich alle verzehren: zur Einheit im »Schoß des Schöpfers«, laut eines berühmten Ausdrucks der jüdischen Mystik. Der Baum des Lebens ist die Jakobsleiter (siehe Leiter, Nr. 65), deren unteres Ende auf dem Boden steht und deren oberes den Himmel berührt. Wie die Engel steigt auch das Bewusstsein der Menschen auf dieser Leiter auf und ab.
³ / Der Baum der Erkenntnis
Der Griff nach der Weisheit
Der Baum des Lebens symbolisiert sowohl den ursprünglichen Überfluss des Paradieses als auch die Erfüllung der eschatologischen Verheißung vom Ende der Zeiten. Der zweite in der Genesis erwähnte Baum im Garten Eden, der Baum der Erkenntnis, verkörpert mit seinen verführerischen Früchten hingegen die Versuchung, das göttliche Gebot zu missachten, und ist der Quell der sogenannten »Erbsünde«, die aus Adam und Evas Ungehorsam dem Verbot Gottes gegenüber folgt, von seinen Früchten zu essen.
Die beiden Interpretationen – die jüdische und die christliche – jener urzeitlichen Grenzüberschreitung unterscheiden sich fundamental voneinander und dem Baum selbst kommt je nach symbolischer Auslegung eine völlig andere Bedeutung zu.
Folgt man dem Text der Genesis, stand der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse im Zentrum des Gartens Eden.
Adam und Eva aßen von den verbotenen Früchten und verdienten so die von Gott angedrohte Strafe: den Tod. Um das Recht auf Leben wiederzuerlangen, hätten sie die Frucht vom Baum des Lebens essen können, doch Gott entschied: »Aber jetzt soll er nicht seine Hand ausstrecken, um auch noch vom Baum des Lebens zu nehmen, davon zu essen und ewig zu leben« (Gen 3,22).
Nach den Worten der Schlange sollte Adam, nachdem er vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, so allmächtig wie Gott werden, doch er wurde umgehend aus dem Paradies verjagt, damit bis in alle Ewigkeit kein Mann und keine Frau jemals mehr vom Baum des Lebens würde essen können. Eva gab sodann auch den Tieren vom Saft der verbotenen Frucht zu trinken und von diesem Moment an waren auch sie für immer dem Tod geweiht.
Die Schriftgelehrten der jüdischen Tradition interpretieren den Ungehorsam als den in gewisser Weise entschuldbaren Versuch, nach der Weisheit zu greifen. Diese freie Entscheidung war jedoch Ursprung und Wurzel allen folgenden Übels.
Ein Midrasch lehrt, dass der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ursprünglich mit dem Baum des Lebens verbunden war und beide sich im Garten Eden befanden: Mit der Sünde Adams wurde diese Verbindung zerstört. Eine andere Auslegung bekräftigt, dass Adam, bis zu jenem Moment mit himmlischer Weisheit gesegnet, sehen wollte, was sich auf der anderen Seite des Guten befände, also die Welt der Unreinheit: Die von Adam und Eva geraubte Erkenntnis war tatsächlich nicht die der Thora, sondern jene in der Sünde verwurzelte.
Für einige jüdische Exegeten ist die Thora selbst der Baum des Lebens, doch die Menschen sind sich dessen nicht bewusst. Für das Christentum ist der Baum der Erkenntnis das Symbol der Versuchung und der Sünde, des Hochmuts und der menschlichen Gebrechlichkeit.
Die Geschichte vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse findet auch im Koran, dem heiligen Buch des Islam, Erwähnung, wo Mohammed in einer Sure klar mahnt, sich von diesem Baum fernzuhalten: »Adam, bewohne du mit deiner Frau den Garten und esst daraus in reichem Maß, wo immer ihr nur wollt! Doch naht euch diesem Baume nicht, denn sonst gehört ihr zu den Frevlern!« (Sure 2,35).
