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Buchvorschau
Jamaica Charlie Brown - Werner J. Egli
KAPITEL I
Ein leerer Käfig
Charlie wusste nicht, was ihn aufgeweckt hatte. Es war still in der Hütte. Es war still draußen. Mitten am Tag. Die Sonne schien durch die Spalte unter dem Wellblechdach, dort, wo sich einige Bretter von der Wand gelöst hatten. Charlie warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Sieben am Morgen. Das konnte nicht sein. Um sieben am Morgen war er nach Hause gekommen. Er hielt die Uhr gegen sein Ohr. Sie lief. Vielleicht lief sie zu langsam. Charlie schüttelte sein Handgelenk und lauschte dann noch einmal, ohne einen Unterschied feststellen zu können.
»Charlie!«
Die Stimme erklang von nebenan, gedämpft durch den bunten Vorhang, der von einem Deckenbalken hing und den Durchgang zwischen den zwei Räumen trennte. Charlie betrachtete den Sekundenzeiger der Uhr. Er rückte gleichmäßig voran.
»Charlie, weißt du, was für ein Tag heute ist?«
»Dienstag«, sagte Charlie.
»Das meine ich nicht.«
Charlie nahm die Uhr vom Handgelenk und legte sie auf die Teekiste neben seinem Bett, auf der ein Transistorradio und eine goldene Bodybuilding-Trophäe standen.
»Charlie, heute ist doch der Tag, an dem der Amerikaner kommt.«
Charlie streckte sich im Bett. Der Amerikaner. An den mochte er so früh am Morgen gar nicht denken.
»Hast du gehört, Charlie?«
»Schwesterchen, warum musst du mich ausgerechnet jetzt an den Amerikaner erinnern?«, fragte er und warf das Bettlaken, das zerknüllt über seinem ausgestreckten Körper gelegen hatte, zurück. Er blickte an sich hinunter. Alles, was er trug, waren seine zerrissenen Jeans. Auf den Muskeln seiner nackten Brust glitzerte Schweiß. Zu dieser Jahreszeit war es heiß und schwül. An diesem Morgen ging kein Wind. Deshalb war von den Schweinen nichts zu vernehmen. Sie lagen alle in ihren kühlen Drecklöchern im Pferch, ihre empfindliche Haut mit einer Schicht feuchter Erde vor der Sonne geschützt.
Neben der Teekiste, in der Ecke, stand Nairas Vogelkäfig am Boden, das Gittertürchen offen. Vor ein paar Tagen war Nairas Taube abgehauen. Jemand sagte, dass sie mit anderen Tauben unten in der Stadt herumfliege und sich zwischen ihren Flügen meistens auf dem Flachdach von McClellans Warenhaus aufhielte. Charlie hatte Naira versprochen die Taube einzufangen, falls es sich tatsächlich um ihre Taube handelte und nicht um eine Doppelgängerin. Nairas Taube war nämlich auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Täubchen ohne besondere Merkmale, taubenblau und hellgrau, mit einem dunklen Kopf. Solche Tauben gab es wie Sand am Meer. Der einzige Unterschied zwischen Nairas Täubchen und der Mehrheit der anderen taubenblauen Tauben war, dass Nairas Taube nur ein Auge hatte, und zwar das linke.
Charlie setzte sich auf den Bettrand und blickte zu Bob Marley auf, den er vor einigen Jahren selbst mit Buntstiften auf einen Pappdeckel gemalt hatte, eingerahmt von einem dicken rot-gold-grünen Rahmen. Heute war der Tag, an dem der Amerikaner kam. Der Amerikaner!
»Weißt du noch, wie er heißt?«, fragte Charlie durch den Vorhang.
»Wie wer heißt?«, fragte seine Schwester.
»Der Amerikaner.«
»Mack.«
»Mack?«
Charlie schob den Vorhang einen Spaltbreit auf. Da stand seine Schwester im Licht, das durch die Türöffnung in die Hütte fiel, vor dem Spiegel an der Bretterwand. Sie war nackt. Schlank wie er selbst und groß gewachsen. Sie trug mehrere goldene Armreifen und eine goldene Kette um ihr rechtes Fußgelenk. Sie war schön. Bestimmt war sie schön. Wie hätte er das genau wissen können. Sie war seine Schwester.
»Was starrst du mich an, Charlie?«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.
»Ich starre dich nicht an.«
»So, was tust du dann?« Sie zog das Laken von ihrem Bett, das sie mit ihrer kleinen Schwester teilte, und umhüllte sich damit. Lachend ging sie auf ihn zu und er ließ den Vorhang zurückgleiten, aber sie schlug ihn auf und trat in die kleine Kammer. Dicht vor ihm blieb sie stehen.
»Wann bist du nach Hause gekommen, Charlie?«
»Um sieben.«
»Ich habe dich nicht gehört.«
»Weil du noch nicht da warst.«
»Ich war noch nicht da? Um sieben?«
»Nein.«
Sie lachte auf und strich sich eine ihrer langen dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht.
»Ich habe im Royal Palms geschlafen. In einem wunderschönen Zimmer, das einen Balkon aufs Meer hinaus hat und einen großen Deckenventilator, der die ganze Nacht leise summte und mich kühlte und …«
»Reba, warum gehst du nicht weg von hier?«, unterbrach Charlie seine Schwester. »Warum gehst du nicht nach New York, wo du ein Fotomodell werden könntest?«
Sie setzte sich zu ihm auf den Bettrand und umarmte ihn.
»Glaubst du, dass ich schön genug dazu wäre, Charlie?«
Charlie löste sich von ihr und stand auf. Der Raum, in dem sein Bett stand, war so klein, dass er ihn hätte verlassen müssen, um sich mehr als zwei Schritte von Reba zu entfernen. Er hakte die Daumen in zwei Gürtelschlaufen an seiner Jeans und stellte sich vor sie hin, wie es früher James Dean getan hatte.
»Wie viele haben dir schon gesagt, dass du nach New York gehen sollst?«, fragte er sie.
»Viele!« Sie lachte. »Und viele wollten mich heiraten und mich in ein Paradies bringen, irgendwo in Amerika oder in Europa. Jeder Zweite meint, dass ich das nicht tun soll, was ich tue. Reba, ein Mädchen wie du ist zu schade dafür, sagen sie immer, wenn ich es mit ihnen getan habe.«
»Es stimmt«, sagte Charlie grimmig, während er sich bückte und das Türchen am Vogelkäfig vorsichtig schloss.
»Was stimmt, Charlie?«
»Dass es eine Schande ist, so wie du aussiehst.«
»Es geht mir gut, Charlie«, sagte Reba ernst. »Pass nur auf, dass dir nichts passiert in Florida!«
»Ich gehe nicht nach Florida«, murmelte Charlie.
»Was sagst du da?«
»Ich habe gesagt, dass ich nicht nach Florida gehe.«
Charlie begann das Türchen des Vogelkäfigs zu untersuchen, das Nairas Taube von innen geöffnet haben musste, wenn nicht Naira es aus Versehen offen gelassen hatte. Reba ließ den Oberkörper zurückfallen. Lang ausgestreckt lag sie auf Charlies Bett und verschränkte die Hände hinter ihrem Kopf, während sie zum fleckigen Wellblech aufblickte.
»Das Flugzeug landet um halb drei«, sagte sie plötzlich. »Charlie, du kannst unmöglich nicht nach Florida gehen, jetzt, da der Amerikaner herkommt. Außerdem hat man dir ein Visum gegeben.«
Charlie sagte nichts.
»Charlie, es ist vier Jahre her, seit Vater nicht zurückgekehrt ist. Schau dich nur mal um. Diese Hütte ist verlottert. In den Hügeln steht ein angefangenes Haus, das nie fertig geworden ist. Und unsere Mutter kann nicht schlafen, weil sie nicht weiß, was mit Vater geschehen ist. Das macht sie ganz krank.«
»Sie hat Rheuma in den Gelenken, Reba. Es sind die Schmerzen, die sie nicht schlafen lassen.«
»Es sind die Gedanken an Vater, Charlie«, beharrte Reba.
»Und da soll ich nun auch nach Florida gehen?«
»Mutter will es. Dieser Amerikaner sagt, dass er der Wahrheit auf der Spur sei. Er will mit dem alten Jerome reden, der wahrscheinlich weiß, was damals passiert ist.«
»Jerome ist ein Schnitter. Warum geht nicht er mit dem Amerikaner nach Florida?«
»Weil er dazu zu alt ist. Und weil er sich fürchtet. Du bist jung und stark, Charlie. Aus dir wird ein ausgezeichneter Schnitter, glaube es mir.«
»Ich will kein Schnitter werden, Reba. Und du hast keine Ahnung von nichts. Schau mich an!« Charlie reckte sich und stellte sich in Positur. »Sehe ich etwa aus wie ein Schnitter? Man braucht Muskeln dazu. Kraft. Und die Hände. Erinnerst du dich noch an Vaters Hände? Jedes Mal, wenn er zurückkehrte, sahen seine Handflächen aus wie eine Hügellandschaft voll mit dicken Hornhautbuckeln und tiefen Rissen, und es hat immer Monate gedauert, bis er seine Hände wieder gebrauchen konnte. Und die ganze Zeit hatte er Schmerzen. Und einmal kam er nach Hause und hatte nur noch drei Finger an seiner linken Hand, und wir fürchteten alle, dass er deswegen im darauf folgenden Jahr kein Visum mehr kriegt, aber er hat doch eins gekriegt, und dann ist er nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Sag selbst, Reba, sehe ich vielleicht aus wie Vater?«
»Nein, aber du bist groß und stark, Charlie.« Reba nahm die goldene Trophäe von der Teekiste und betrachtete sie. »Hier auf der Insel treibst du dich nur die ganze Zeit rum. Außerdem wäre es gut zu wissen, was damals wirklich passiert ist, als Vater in das Zuckerrohrfeld rannte.«
»Wieso ist es gut, in der Vergangenheit herumzuwühlen? Vater hat einen Lebensmittelladen überfallen, und als die Polizei ihn verhaften wollte, flüchtete er.«
»Das glaubst du doch nicht wirklich, Charlie! Unser Vater war ein Schnitter und ein ehrlicher Mann. Man hat ihn für etwas beschuldigt, was er nicht getan hat.«
»Warum ist er dann vor der Polizei geflüchtet?«
»Das weißt du so gut wie ich. Es hat etwas mit dem Tod des Mädchens zu tun. Jerome weiß, was danach geschehen ist, aber bis jetzt fürchtete er sich die Wahrheit zu sagen.«
Reba erhob sich vom Bett. »Das Flugzeug landet um halb drei«, erinnerte sie ihn noch einmal an die Tatsache, dass dies für alle ein besonderer Tag war.
»Es ist erst sieben«, sagte Charlie mit einem Lächeln.
»Sieben? Es ist bald zwölf.«
»Dann schau auf die Uhr, Reba.«
Reba tastete nach der Uhr auf der Teekiste, ergriff sie und betrachtete sie von vorn und von hinten.
»Wo hast du diese Uhr her?«
»Lewis hat sie mir gegeben.«
»Chicago Lewis?«
»Ja.«
»Dann hat er sie einem Touristen geklaut.«
»Kann sein.«
»Die Uhr geht falsch.«
»Das ist, weil nicht Hochsaison ist.«
»Es ist Billigsaison« sagte Reba. »Niemand verdient gut. Ich habe zwar in einem schönen kühlen Zimmer geschlafen, aber ich habe nur zwanzig Dollar verdient.«
»Wenn du nur zwanzig Dollar die Nacht verdienst, könntest du auch in einem Bauxit-Bergwerk arbeiten.«
»Sag das lieber deinem Freund Chicago Lewis. Diese Uhr ist nämlich wertlos, weil sie fast fünf Stunden nachgeht. Das ist eine lange Zeit, Charlie. In fünf Stunden kann viel passieren.«
»Zum Beispiel könnte ich fünf Stunden lang schlafen, und wenn ich das nächste Mal aufwache, ist noch einmal Mittag.«
Charlie nahm den Käfig auf und ging hinaus. Der andere Raum der Hütte war größer. In ihm waren zwei Betten untergebracht, das Bett, in dem Reba und Naira schliefen, falls Reba mal eine Nacht zu Hause war, und Mutters Bett, außerdem eine alte Truhe, ein Schrank und ein Tisch mit zwei Stühlen. Neben dem Eingang standen der Kochherd und eine Plastiktonne, die einmal Pimiento enthalten hatte. An den Wänden hing allerlei Zeug: Pfannen und Bilder, Fahrradreifen und ein großes Poster, auf dem die Bobmannschaft von Jamaica abgebildet war, mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund und den olympischen Ringen. Daneben hingen ein alter Hut, den Merril Brown, Charlies Vater, an Sonntagen getragen hatte, und darunter das Hochzeitsfoto mit der weißen Schleife, die im Laufe der Jahre fleckig geworden war.
Charlie stellte den Vogelkäfig mitten auf den Tisch, ging hinaus und streckte sich im weißen Licht der Mittagssonne. Der Himmel über den Hügeln war leer und aus irgendeinem Grund ging kein Wind. Sonst wehte fast immer ein angenehmer Wind hier in der weiten Bucht von Montego Bay. Doktor Brise nannten ihn die Jamaikaner, weil er ihnen Linderung von der Sommerhitze brachte. Entweder wehte er direkt vom Meer her, oder er kam von der anderen Seite der Insel über die Berge hinweg, die sich hinter den Hügeln dunkel in den wolkenlosen Himmel hoben.
Dort, in einem der Bergtäler, lebte ganz allein der alte Schnitter Jerome Harper mit seiner Geschichte, die er noch nie jemandem erzählt hatte und die er hoffentlich auch diesem Amerikaner nicht erzählte, der heute nach Jamaica kam. Wem nutzte das schon, so fragte sich Charlie, als er zum Klohäuschen ging, wenn Jerome Harper die Wahrheit erzählte und sein lang gehütetes Geheimnis preisgab.
Ein kleiner Hund lief ihm bis zu dem kleinen Bretterhäuschen, das sich etwa fünfzig Schritte von der Hütte entfernt befand, nach und wartete draußen auf ihn, bis er wieder erschien und zur Hütte zurückging.
Als Charlie die Hütte wieder betrat, war Reba angezogen. Sie trug enge Jeans und ein weißes eng anliegendes Leibchen mit dünnen Schulterträgern. Keinen BH, dafür aber Pumps mit bleistiftdünnen Absätzen. Das lange schwarze Haar umrahmte ungekämmt und wild ihr Gesicht.
»Wo gehst du hin?«, fragte Charlie seine Schwester.
»Joe holt mich ab. Wir fahren nach Ocho Rios.«
»Hat dir Joe auch versprochen, dass er dich heiratet? Oder ist er nur dein Zuhälter?«
Reba wirbelte herum und wollte ihn an den Haaren packen, aber er wich ihr schnell aus und sprang aus der Tür.
»Charlie, vergiss lieber nicht den Amerikaner vom Flughafen abzuholen, damit er nicht einem deiner Freunde in die Finger gerät!«, rief ihm Reba wütend nach.
Charlie blieb auf dem Platz in der stechenden Sonne stehen. »Vielleicht will er zuerst ein schönes kühles Zimmer mit Meerblick und ein hübsches Mädchen, das mit ihm schläft. Vielleicht solltest du ihn vom Flughafen abholen, Reba.«
»Bestimmt ist er zu hässlich, als dass ich mit ihm schlafen würde«, entgegnete Reba schnippisch und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch das Haar. Von der Straße drang Lärm herauf. Hinter dem Gestrüpp beim Schweinepferch stieg Staub auf und legte sich wie dünner Nebel über die Hänge. Der kleine Hund raste über den Platz, vorbei an einem Berg von Müll und dem Wrack eines Militärjeeps, der umgedreht und ohne Motor und Räder im Staub lag.
»Sag Joe, dass seine Karre nur noch auf sechs Zylindern läuft«, sagte Charlie, der dem knatternden Motorengeräusch zuhörte.
»Wisch dir den Rotz von der Nase, bevor du zum Flughafen gehst, Charlie«, entgegnete Reba und verschwand im Haus. Als sie wieder herauskam, hatte sie eine kleine schwarze Ledertasche bei sich, und ihre Lippen waren dunkelrot angemalt. Mit schwingenden Hüften ging sie auf die alte Karre zu, die in diesem Moment von der Straße abschwenkte und mit dem Auspuff am Boden aufschlug, als Joe sie durch den ausgetrockneten Wassergraben beim Toilettenhäuschen steuerte. Es schien fast, als würde die alte Karre hängen bleiben, aber dann vollführte sie einen Satz und blieb in einer Staubwolke mitten auf dem Platz neben dem Müllhaufen stehen.
Der kleine Hund rannte kläffend um die Karre herum. Hinter dem Steuer saß Joe Pike mit seiner verspiegelten Sonnenbrille und dem straff zurückgekämmten Brillantinehaar. Sein ganzer Stolz war das alte himmelblaue Kabrio, das keine Scheinwerfer und kein Verdeck mehr hatte, dafür aber auf der Fahrerseite eine senfgelbe, halb durchgerostete Tür.
»He, Charlie«, sagte Joe. »Was geht ab, Mon?«
»Fuck you, Mon«, sagte Charlie und drehte Joe und seinem Kabrio den Rücken zu.
»American Airlines!«, rief ihm Reba zu. »Und der Amerikaner heißt Mack. Kevin Mack. Er kommt aus New York. Über Miami.«
Charlie ging unter das Vordach der Hütte und legte sich auf die alte Fitnessbank, die sein Vater vor einigen Jahren aus Florida mit nach Hause gebracht hatte. Eine Zeit lang lauschte er dem Lärm von Joes Karre, als sie über das steile Straßenstück auf der anderen Seite des Hügels rumpelte. Lustlos absolvierte Charlie sein Übungsprogramm. Über ihm, am Wellblechdach, hing ein fleckig verblasstes Filmposter, das Arnold Schwarzenegger in seiner ganzen Muskelpracht zeigte. Mr. Universum, Weltmeister der Bodybuilder. Nach zehn Minuten lief Charlie der Schweiß in Strömen über den Körper, und es fehlte ihm die Kraft, die Gewichte noch einmal hochzustemmen. Er gab auf, ging zum Brunnen und wusch sich.
KAPITEL 2
Der Amerikaner
Noch im Flugzeug überlegte Kevin Mack, warum Amys Eltern ausgerechnet ihm den Auftrag gegeben hatten, den rätselhaften Tod ihrer Tochter aufzuklären. Immerhin gab es in New York und Umgebung knapp gerechnet mindestens hundertzwanzigtausend Privatdetektive, von denen sich Amys Eltern, bis auf einen oder zwei der ganz großen, jeden hätten leisten können. Sogar Merrick, zum Beispiel. Clifford M. Merrick, der unter zehntausend Riesen die Woche, plus Prämien und Spesen, nicht zu haben war. Im Vergleich zu Merrick machte Mack Trinkgeld. Das Einzige, was sie gemeinsam hatten, waren ein paar Buchstaben ihres Namens. Beide fingen mit einem M an und hörten mit einem ck auf.
Während jedoch Merrick seine Büros in einem der obersten Stockwerke eines Glaspalastes in der renommierten Park Avenue hatte, befand sich Kevin Macks Höhle in der 164. Straße im ersten Stock über einem Fischladen, mit Blick auf die schmutzige Backsteinmauer des Nachbarhauses, in dem ein Sargmagazin und eine Firma, die Knochenleim herstellte, untergebracht waren.
Über Macks Büro hatte sich vor kurzem ein Ire eingenistet, der illegal in die Staaten eingereist war und jetzt jeden Tag stundenlang wie ein Besessener auf Blecheimern herumtrommelte, weil er sich für ein noch unentdecktes Schlagzeug-Genie hielt.
Dem Büro direkt gegenüber befand sich die Toilette für die ersten drei Stockwerke, die Mack aus hygienischen Gründen nur einmal benutzt hatte, nämlich vor genau zwei Wochen, als der Besitzer des Fischladens von irgendwelchen ausgelaugten Straßenstrolchen mit Entzugserscheinungen regelrecht abgeschlachtet worden war. Sechzehn Messerstiche und zwei Schussverletzungen hatte die anschließende Autopsie ergeben, von denen mindestens sieben Messerstiche tödlich gewesen waren.
Damals war Mack der Erste gewesen, der die Treppe hinunterstürzte und mit schussbereiter Pistole durch die Hintertür in den Laden stürmte, wo Mr. Wong in einer riesigen Blutlache vor der rostigen Langnese-Kühltruhe lag, in der er seine Seezungen und Wolfsbarsche aufbewahrte. Mack kam gerade noch dazu, sich über Mr. Wong zu beugen und ihn zu fragen, wer denn diese Schweinerei angerichtet hätte. Eine Antwort erhielt er jedoch nicht mehr, denn bei Mr. Wong erlosch eben in diesem Moment das Lebenslicht.
Nachdem die Bullen vom nahen Revier endlich da waren, ging Mack die Treppe hinauf und wusch sich im Klo die blutigen Hände, und da tauchte ausgerechnet der Ire von oben auf, zerzaust wie ein vom Wirbelwind gebeutelter Apricot-Pudel,
