Über dieses E-Book
Der katholische Junggermanist Tom alias „Dutschki“ gerät an der Uni Mainz in die Ausläufer der Studentenproteste zur Zeit des Berliner Dutschke-Attentats. In einer Schauspielgruppe, die provokative Theateraktionen ausprobiert, lernt er Adi, den Sohn eines SS-Offiziers, kennen. Ein heißes, aufregendes Sommersemester lang führen die beiden zwischen Hörsaal, nicht sturmfreien Studentenbuden und Straße einen gehetzten Dialog. Auf Messers Schneide wogen Debatten über die alte Zeit. Aber wie soll die neue aussehen? Das Alphabet der Väter und Mütter hat ausgedient. Die ganze Welt, von Vietnam bis in die deutsche Provinz, muss – so scheint es – neu durchbuchstabiert werden. Kann es tatsächlich gelingen, die engen Lebensverhältnisse lustvoll in eine neue Freiheit umzustülpen? Dann ein skurriles Unglück, das mittelbar mit den Studentenprotesten zusammenhängt. Das Band zwischen Adi und Tom droht zu zerreißen. Auch dessen neue Beziehung zu Maria hat vielleicht keine Chance mehr.
Auf der Folie historischer Fakten und satirischer Phantasie erzählt Michael Bauer packend und ironisch eine Geschichte um die Themen Liebe, Macht und Tod, die aktueller nicht sein könnte.
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Buchvorschau
Dutschki vom Lande - Michael Bauer
Rede von Toms Mutter vor dessen Abreise zum Studium nach Mainz auf dem Bahnsteig des Hauptbahnhofs Kaiserslautern
»Mein lieber Thomas! Acht Jahr ist das jetzt her, dass dein Vater gestorbe ist. Du bist unser Nachkömmling. Ich war schon über vierzig Jahr alt, als du auf die Welt gekomme bist. Wie ich dich unter meim Herz getrage hab, war des große Hungerjahr nach dem Krieg. Oft hab ich im Wald Bucheckern, Brombeere, Heidelbeere und Pilze gesammelt, damit wir satt geworde sind. Hab oft zur Gottesmutter gebetet, dass du ein Mädche wirst, das mir im Haushalt helfe kann. Aber du bist ein Junge geworde. Da hab ich immer wieder zur Gottesmutter gebetet, dass du einmal den Priesterberuf ergreifst. Deshalb hab ich euch aufs Gymnasium gehe lasse. Auch für den Hans, deinen Bruder, hab ich viel gebetet. Auch er ist kein Priester geworde. Hat aber einen anständigen Beruf gelernt, geheirat und einen Sohn bekomme. Hauptsach, dass ihr anständige Mensche seid und net vom Pfad abkommt. Ich weiß, du wärst gern Schauspieler geworde. Du hast dich schon als Kind immer gern verkleidet. Hast in der Schultheatergrupp auch lange Rolle gespielt, sogar den Faust von Goethe. Aber Kunst ist leider ein unmoralisches Geschäft. Die Künstler sind ein viel zu freies Volk. Moderne Schauspieler springen oft nackt auf de Bühn rum. Das hab ich dir immer und immer wieder gesagt. Du bist immer wieder sehr zornig gewese. Bei meinen alten Fotos hast du dann des Bild rausgesucht von mir, wo ich beim bunte Abend vom Cäcilienverein die Rolle der Tempeltänzerin Salome spiel. Ich geb zu, da hab ich ein sehr kurzes Kleid angehabt. Nach Art von einer Tempeltänzerin halt. Wir haben uns gestritte. Ich hab dir eine Backpfeif gegebe. Es hat mir dann leid getan. Aber ich hab lang mit dem Herr Pfarrer geredet. Und gesteh dir jetzt zu, dass du auf Deutschlehrer studierst. In dem Rahme kannst du ja auch in Vorlesunge gehe, wo über Theater gesproche wird. Der Pfarrer hat gesagt, dass das sowieso mit dem Fach zusammehängt. Wenn noch Zeit ist zwische deine Studie, kannst du ja auch schauspielern. Als Hobby und wenns keine unmoralische Stücke sind. Denk aber dran, dass net viel Geld da is. Guck, dass du schnell vorwärts kommst. Iss und trink genug, aber net übermäßig. Rauch net so viel. Du weißt, dass dein Vater am übermäßige Rauche gestorbe is. Geh am Sonntag in die Kirch. Ich hab mich erkundigt. Es gibt in Mainz junge frische Kapläne für die Studente. Die predigen modern. Geh früh schlafe und lüft dein Zimmer gut. Geb net viel Geld aus. Aber wenn du in Not bist: Ich hab in all den Jahren von meiner Witwenrente immer wieder etwas auf die Seit gelegt. Des is für dich. Wenn es nötig is! Sei ein braver Bub. Versprech mir des, Thomas! Man hört so viel von de Studente in der letzte Zeit. Sie wollen nimmer studiere und gammeln auf de Straße rum. Sie gehen kreuz und quer miteinander in die Bette. Sie demonstrieren und zünden Autos an. Ich bet zur Gottesmutter, dass aus dir kein gottloser Kommunist wird. Dein Bruder Hans hat net nach links und net nach rechts geguckt. Mach’s auch so! Ich halt jetzt für vierzehn Tag mit den Fraue vom Marienkreis eine längere Einkehrzeit im Marienheiligtum in Kevelaer. Die Gemeinde bezahlt. Hier hast du die Adress. Du musst schaue, wie du deine Wäsch wäschst. Vielleicht kannst du se im katholische Studentenheim in Mainz mitwasche lasse. Da kommt ja schon dein Zug. Lass dir von deiner Mutter noch es Kreuzzeiche auf die Stirn mache und nehm das hier an dich!«
»Ein Rosenkranz?«
»Nein. Du wirst schon sehe! Das ist was von deim Vater. Und stell dich unter den besondere Schutz der Gottesmutter!«
Als Tom zwischen seiner Reisetasche und dem alten Koffer im Zugabteil sitzt, öffnet er das kleine violette Päckchen. Es enthält einen Zwanzigmarkschein und ein militärisches Abzeichen aus dem Ersten Weltkrieg, bestehend aus einer Medaille, die von einem groben Stoff in den ausgebleichten Farben Blau und Weiß verziert ist. Auf dem Stoff sind zwei gekreuzte Schwerter aus Blech fixiert. Und der Schriftzug »Verdun 1916«.
Auf einem Zettel steht: Das ist das Abzeichen von deinem Vater. Du sollst es jetzt haben, wo du in die Welt hinausgehst! Du weißt ja, dass er sich selbst in der Todesgefahr von der Verdun-Schlacht um seinen besten Freund gekümmert hat, der von einer französischen Kugel verwundet auf dem Schlachtfeld gestorben ist. In den Armen deines Vaters.
Tom verstaut das Abzeichen und das Geld in seinem Geldbeutel und steckt ihn in die Tasche. Kurz bevor er aus dem Haus gegangen ist, hat er auch noch sein blaues Vokabelheft eingepackt. Es hat lange unter einem Bücherstapel in der Nähe des Fensters in seinem Geburtshaus herausgespitzt. An dieser Ecke hat das Heftchen sein ursprüngliches Blau verloren und zeigt stattdessen ein von der Sonneneinstrahlung herrührendes blasses, fast weißliches Hellblau. Auf dem Umschlag steht kleingedruckt »holzfrei, liniert«. In der Mitte jeder Seite befindet sich ein vertikaler roter Strich. Die linke Seite ist für fremdsprachige Vokabeln gedacht, rechts ist Platz für ihre deutsche Bedeutung.
Tom hatte sich das Heft ursprünglich einmal für den Lateinunterricht angeschafft, aber nie eine Vokabel hineingeschrieben. Erst vor einem Jahr hat er begonnen, Wörter oder Sätze einzutragen, die ihm gefallen oder ihn geärgert haben. Darunter sein Lieblingswort Tausendgüldenkraut. Während der Personenzug durch die pfälzische Landschaft zuckelt, schreibt er hinein: Die Kunst ist immer unmoralisch.
Die Bude
Toms Vermieterin heißt Frau Christ. Sie empfängt ihn am Hoftor ihres Gehöftes in Mainz-Bretzenheim. Die Treppe zu seinem Zimmer führt direkt an ihrer Wohnung vorbei. Sie bittet ihn in die Wohnküche. Es ist rosa Unterwäsche zum Trocknen ausgelegt. Auf allen Stühlen, auch auf dem Herd. Korsette. Büstenhalter. Dazwischen steht ein Marmeladenglas auf einem Stück Zeitung. Lesbar ist das Wort Studentenunruhen. Daneben das Foto von einem brennenden Auto. Ein Weihwasserkessel und ein Kruzifix über der Eckbank. Dahinter ist ein staubiger Buchsbaumzweig geklemmt. Schräg unterhalb vom Gekreuzigten das Foto eines Mannes im Metallrahmen. Der Mann trägt eine Wehrmachtsmütze. Er beugt seinen Oberkörper schräg nach vorne, als würde er jeden Moment aus dem Bild auf die Anrichte fallen. Sein Blick geht an der Kamera vorbei in die Ferne. Neben dem Foto ein Ölbild mit einer pechschwarzgelockten Zigeunerin. Ihr Blick ist dem Betrachter zugewandt, der Träger des Kleides über ihre Schulter gerutscht. Auf ihrer Wange zittert eine Träne.
»Wann Sie e Weibsbild mit ufs Zimmer nemmen, is de Deifel los!«
Die Wirtin muss den Tisch freiräumen, wenigstens zur Hälfte, damit Thomas den Mietvertrag unterschreiben kann. Die Miete ist für das Sommersemester im Voraus fällig.
»Alle drei Monate?«
»Alle drei. Sofort.« Und wie gesagt: Wehe, er bringt ein Weibsbild mit. Moment! Er muss noch die doppelseitige, kugelschreibergeschriebene Hausordnung unterzeichnen. Viele Stellen sind rot unterstrichen und mit Bündeln von Ausrufezeichen versehen.
Die Wirtin überreicht Tom zwei große Eisenschlüssel.
»Der ganz große is fers Hoftor. Der fer die Haustür.«
Zum Zimmer geht es die Holzstiege hoch. Das Klo auf halber Treppe. Tom öffnet die Tür. Eine Bettcouch. Das Rückenpolster kann man nachts wegräumen, um genug Platz zum Schlafen zu haben. Ein alter Wohnzimmertisch. Ein Bücherregal und ein kleiner Schrank. Anrichte mit Kochplatte. Ein dünner Teppich auf Linoleum. An der Wand Waschbecken und Spiegel.
Die Wirtin hat Tom allein gelassen. Das Geräusch der schweren Wirtinnen-Schritte verliert sich auf der knarzenden Treppe. Tom räumt seine Kleider in den Schrank. Neben der Couch findet er eine Steckdose mit Dreifachstecker. Da wird sein kleines gelbes Radio stehen und der billige graue Plattenspieler, den er mitgebracht hat. Der überzählige Anschluss gehört der kleinen, mit einem Blumenmuster-Lampenschirm ausgestatteten Nachttischlampe. Vier Langspielplatten kommen mit den mitgebrachten Büchern zusammen ins Regal.
Tom tritt ans Fenster. Das Nachbarhaus ist aus Ziegelstein gebaut. An einem der Fenster hängt ein Kleid aus hellblauer indischer Seide mit bunten Ornamenten. Am Horizont sind Spargeläcker zu sehen, die sich weit in die flache Landschaft ziehen. Die Obstbaumreihen, die danach kommen, verlieren sich in einem feinen, sonnigen Frühjahrsdunst. Am Horizont bläulich ein Höhenzug. Das muss der Taunus sein. Dazwischen irgendwo die Rheinbiegung. Die Universität und der Dom liegen in entgegengesetzter Richtung. Tom beginnt, seine Habseligkeiten wegzuräumen. Die Wäsche, die Bücher. Seine Waschsachen finden gerade so Platz auf der schmalen Abstellfläche des Waschbeckens. Ganz zuletzt rückt er sein gelbes Radio ans Kopfende seiner Bettcouch. Das Kabel reicht knapp bis zu einer der beiden Steckdosen. Tom schaltet den AFN ein. Er hört noch den Schluss eines zu Ende gehenden Songs, verklingende Gitarrentöne:
»… some flowers in your hair …«, murmelt und summt er vor sich hin, während er Tee kocht. Tom schlürft die warme Pfefferminzbrühe. Er blättert in Büchern, im Vorlesungsverzeichnis, bis es draußen dämmert. Die Nachrichten melden, dass es wegen des Pistolenattentats auf den Studentenführer Dutschke in Berlin Krawalle gibt. Tom nimmt sein Vokabelheft aus der Tasche. Er legt es auf das Radio. Macht das Fenster seines Zimmers weit auf. Irgendwo im Frühsommerdunst schimmert eine Art Abendrot in den Hof mit dem Kopfsteinpflaster herein. Und ein Geruch von frischem Mist weht von einem der umliegenden Höfe herüber. Tom atmet ihn tief ein. Er zieht seine Kleider bis auf die Unterhose aus und legt sich auf die harte Couch. Sein kleines Heft klappt er zu und legt es behutsam neben die Nachttischlampe mit dem zerschlissenen Kabel. Tom kann sich nicht entschließen, das Licht zu löschen. Er liegt lange wach.
Der Hustenprofessor
Am anderen Morgen steht Tom auf dem umfriedeten Campus der Universität. Die Aktentasche unterm Arm, schaut er auf die grünenden Laubbäume und die Blumenrabatte. Es ist ein wehrhaftes Quadrat, das sich vor ihm ausdehnt. Hier hat er alles beisammen für ein anständiges Germanistikstudium. Links das Studentensekretariat, wo er sich eingeschrieben hat. Weiter vorne die Institutsbibliothek. All das untergebracht in den klotzigen, flachen, grauen Gebäuden der alten Kaserne. Am Ende des Platzes führt eine breite Treppe zur Mensa und zum Audimax. Hier wird er zu essen haben. Und dort findet jetzt gleich die erste Vorlesung statt.
Tom setzt sich in eine der steil ansteigenden Platzreihen, neben eine Studentin, die über ihren Schreibblock gebeugt ist. Er sieht nur ihr langes, dunkles Haar. Dann blickt sie zu ihm. Die Brille ist ihr auf der Nase nach ganz vorne gerutscht. Die Gläser sind kreisrund. Sie schiebt sie zurück zur Nasenwurzel und guckt Tom keck in die Augen.
»Ich bin die Maria«, sagt sie.
»Ich heiße Tom.«
Der Professor für mittelhochdeutsche Literatur und Sprache heißt Meier und ist Kettenraucher. Er raucht auch während seines Vortrags. Neben dem Katheder hat ein blasser, schmaler, lächelnder wissenschaftlicher Assistent einen riesigen Aschenbecher hingestellt. Schon nach ein paar Minuten beginnt der Professor zu husten. Er steckt sich ein Bonbon in den Mund, hustet aber weiter. Stößt eine Entschuldigung hervor. Kann nicht mehr weitersprechen. Bekommt schließlich einen bellenden Hustenanfall. Ein Rasseln und Ächzen beginnt, das sich bedrohlich ausweitet und nicht mehr enden will. Der Professor läuft blaurot an.
Kommilitonin Maria zieht ein frisches Taschentuch aus ihrer Mappe. Sie will ihm zu Hilfe eilen. Da ist der Anfall schlagartig vorbei.
Mit rauchigem, rasselndem Bass beginnt der Professor, alte Namen zu nennen. Es sind die Namen mittelalterlicher Dichtersänger. Der Professor weiß diese klangvollen Namen, die Tom zum ersten Mal hört, eindrücklich zu intonieren: Geoffrey von Monmouth, Crétien de Troyes, Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach.
»Ich höre den Klang dieser Namen unheimlich gern«, flüstert Maria Tom zu.
»Ich auch«, antwortet Tom. Er bemüht sich mitzuschreiben.
Der Professor erzählt die Geschichte von den zwei Artusrittern Erec und Iwein, denen jedem ein großes Epos gewidmet ist. Erec ist ein Weichling, der sich nach der Hochzeit seinem maßlosen Minne-Verlangen hingibt und sein Ehebett nicht mehr verlassen will, Iwein ein Draufgänger, der von einer Drachenvernichtung zur anderen eilt. Angesichts der vielen Erstsemester, die ihm mit offenen Mündern gegenübersitzen, würzt der Professor seine Rede mit allgemeinen Lebensweisheiten: »Wissen Sie, ein Germanist soll ein allseits entwickelter Mensch sein, der sich nicht nur in der Literatur, sondern auch im Leben auskennt und offenen Sinnes durch die Welt geht. Wer dazu nicht fähig ist, wird auch die Schönheit des Wortes nicht zu schätzen wissen. Waren Sie schon mal in den bretonischen Wäldern?«
Kopfschütteln im Hörsaal.
»Trampen Sie da doch einmal hin in Ihren Semesterferien. Wenn Sie auf den Fischermärkten dort das Meeresgetier gesehen haben, die Zangen und die aufgerissenen Mäuler der Riesenfische, dann wissen Sie, dass die Ungeheuer, gegen die die Artus-Helden gekämpft haben, Abbilder dieser Wesen gewesen sein müssen.«
Wieder baut sich ein Hustenanfall auf und ebbt ab.
»Und dann die bretonische Landschaft! Diese knorrigen Kiefern und Eichen. Pinien, von oben bis unten bewachsen mit Moos. Zweige und Äste eingewickelt in Efeu. Da meinen Sie, eine Schar von Recken hinter lauter edlen Frauen durch den wilden Wald streifen zu sehen. Nach dem Motto: Dem stärksten Mann die schönste Frau! Wenn Sie es nicht bis zur Bretagne schaffen, dann fahren Sie wenigstens mal zu den Felsen des Pfälzer Waldes. Da sieht es so ähnlich aus.«
Wieder ein Hustenanfall. Das Schnauben des Professors klingt wie das eines Rosses, wenn nicht wie das eines Drachens. Sein Husten scheint die Inhalte, die er schildert, phonetisch zu bebildern. Dazwischen entstehen lange Pausen.
»Ist an der Uni eigentlich Schwätzen erlaubt?«, fragt Tom in Richtung Maria.
»Ich würd gern auch mal da hin.«
»Wohin?«
»In die Bretagne oder wenigstens mal in die Pfalz.«
»Ich komm aus der Pfalz!«
Maria lässt den seidigen Vorhang ihrer Haare zwischen sich und Tom niedergehen.
»Und woher kommst du?«, fragt Tom.
»Aus Wittlich. Eifel.«
»Wissen Sie«, fährt der Professor fort, »ich bin schon so alt, das könnt
