Über dieses E-Book
Armin Götz war mit sich und der Welt zufrieden.
»Zwanzigtausend Mark in knapp drei Wochen – das soll mir erst mal einer nachmachen«, murmelte er vor sich hin, während er die Geldscheine nahezu liebevoll sortierte und dann gewissenhaft in seiner Reisetasche verstaute.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß er sich beeilen mußte, wenn er seinen Zug noch erreichen wollte – und das wollte er nicht nur, sondern mußte er sogar! Es wurde nämlich höchste Zeit für ihn, diesem beschaulichen norddeutschen Städtchen den Rücken zu kehren. Ein einziges Mal hatte er den Fehler begangen und war zu lange in einem Ort geblieben, mit dem Ergebnis, daß er schließlich die Polizei am Hals gehabt hatte. Das würde ihm niemals wieder passieren, wie er sich geschworen hatte.
Er sah sich in dem ärmlichen Raum um, in dem er die letzten drei Wochen verbracht hatte, doch er war sicher, daß er nichts vergessen hatte, dann ergriff er seine Reisetasche und verließ das schindelgedeckte, wie hingeduckt wirkende Häuschen.
»Josias!«
Die flehend klingende Frauenstimme ließ Armin mitten in der Bewegung innehalten.
»Josias, Sie müssen mir helfen!«
Mit betont langsamen Bewegungen drehte sich Armin um und zeigte der auf ihn zueilenden Frau ein gütiges Lächeln, das er in stundenlanger Arbeit vor dem Spiegel einstudiert hatte.
»Inken, du kommst spät«, meinte er, und seine Stimme glich dabei einem sanftem Singsang.
»Ich weiß«, stieß die knapp vierzigjährige Frau atemlos hervor. »Mein Mann… er war dagegen… aber die Rückenschmerzen… sie sind wiedergekommen. Bitte, Josias, helfen Sie mir.«
Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des außergewöhnlich stattlich wirkenden
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Rezensionen für Der Wunderheiler
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Buchvorschau
Der Wunderheiler - Marie Francoise
Dr. Daniel
– 46 –
Der Wunderheiler
Marie Francoise
Armin Götz war mit sich und der Welt zufrieden.
»Zwanzigtausend Mark in knapp drei Wochen – das soll mir erst mal einer nachmachen«, murmelte er vor sich hin, während er die Geldscheine nahezu liebevoll sortierte und dann gewissenhaft in seiner Reisetasche verstaute.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, daß er sich beeilen mußte, wenn er seinen Zug noch erreichen wollte – und das wollte er nicht nur, sondern mußte er sogar! Es wurde nämlich höchste Zeit für ihn, diesem beschaulichen norddeutschen Städtchen den Rücken zu kehren. Ein einziges Mal hatte er den Fehler begangen und war zu lange in einem Ort geblieben, mit dem Ergebnis, daß er schließlich die Polizei am Hals gehabt hatte. Das würde ihm niemals wieder passieren, wie er sich geschworen hatte.
Er sah sich in dem ärmlichen Raum um, in dem er die letzten drei Wochen verbracht hatte, doch er war sicher, daß er nichts vergessen hatte, dann ergriff er seine Reisetasche und verließ das schindelgedeckte, wie hingeduckt wirkende Häuschen.
»Josias!«
Die flehend klingende Frauenstimme ließ Armin mitten in der Bewegung innehalten.
»Josias, Sie müssen mir helfen!«
Mit betont langsamen Bewegungen drehte sich Armin um und zeigte der auf ihn zueilenden Frau ein gütiges Lächeln, das er in stundenlanger Arbeit vor dem Spiegel einstudiert hatte.
»Inken, du kommst spät«, meinte er, und seine Stimme glich dabei einem sanftem Singsang.
»Ich weiß«, stieß die knapp vierzigjährige Frau atemlos hervor. »Mein Mann… er war dagegen… aber die Rückenschmerzen… sie sind wiedergekommen. Bitte, Josias, helfen Sie mir.«
Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des außergewöhnlich stattlich wirkenden Mannes, dessen hellblondes Haar in der Sonne schimmerte, als trüge er einen Heiligenschein. Daß er mit der Blondierung seiner Haare genau diesen Effekt beabsichtigt hatte, wußte niemand.
»Du kommst spät, Inken«, wiederholte er bedauernd und verlieh seiner Stimme dabei erneut diesen leise singenden Klang. »Der Herr hat mich an einen anderen Ort berufen.«
Da sank Inken Mathies vor ihm auf die Knie, ergriff den Saum seines weißen Mantels und drückte einen Kuß darauf, ehe sie mit flehendem Blick wieder zu ihm aufsah.
»Es dauert doch nicht lange, Josias, ich bitte Sie inständig… helfen Sie mir!«
Armin bebte innerlich vor Wut über diese Verzögerung. Wenn er sich jetzt nicht beeilte, dann würde er den Zug tatsächlich noch versäumen. Andererseits konnte er es nicht darauf ankommen lassen, daß Inken mit ihrem Flehen um Hilfe womöglich noch die Nachbarschaft aufmerksam machen würde.
»Also schön, Inken«, stimmte er zu. »Ich werde versuchen, meine heilenden Kräfte noch einmal über dir zu verströmen.«
Bevor Inken nun in wortreichem Dank ausbrechen konnte, drängte Armin sie ins Haus und in den kleinen Raum hinein, wo er in den vergangenen drei Wochen an Inken und anderen Gutgläubigen fürstlich verdient hatte.
»Entkleide dich, Inken«, bat er, »dann werde ich sehen, was ich für dich tun kann.«
Die Frau gehorchte und legte sich dann auf das schmale Sofa. Armin trat zu ihr und strich mit beiden Händen über ihren Rücken, dabei konnte er die harte Stelle direkt neben der Wirbelsäule ertasten.
»Das Böse ist noch immer in dir«, erklärte er, und seine Stimme klang dabei vorwurfsvoll – so, als wäre Inken an ihrem Zustand selber schuld.
Die Frau brach in Tränen aus. »Ich weiß, Josias. Deshalb bin ich ja hier. Wenn Sie mich davon nicht befreien können – wer dann?«
»Du kannst es selbst, Inken«, erklärte er und warf dabei einen kurzen Blick auf die Uhr. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. »Du mußt genau das tun, was ich dir immer gesagt habe. Natürlich werde ich versuchen, dir noch Hilfe zuteil werden zu lassen. Ich werde das Böse in dir schmelzen lassen. Das wird dir jetzt und auch noch in den nächsten Tagen Schmerzen bereiten, aber wenn du Verzicht übst – so, wie ich es dir befohlen habe, dann wird dich das Böse verlassen und nie mehr Macht über dich gewinnen.«
Inken nickte. »Ich werde nur den Tee trinken, den Sie mir gegeben haben, Josias, und trockenes Brot dazu essen.«
»Das ist gut«, stimmte Armin ihr zu. »Die Sünden der Zivilisation haben dich krank werden lassen, aber wenn du deinen Körper in dieser Weise züchtigst, wird er sich auf die wahren Werte besinnen und alles Böse fahren lassen.«
Dann beugte er sich über Inken und massierte die Geschwulst an ihrem Rücken, während er beschwörende Worte vor sich hin murmelte. Inkens schmerzvolles Stöhnen ignorierte er.
»Geh jetzt nach Hause«, befahl er schließlich. »Und halte dich an meine Anweisungen. In ein paar Wochen wirst du wieder gesund sein.«
Obwohl der Schmerz in ihrem Rücken schlimmer tobte denn je, blickte Inken voller Dankbarkeit zu ihm auf.
»Niemals werde ich vergessen, was Sie für mich getan haben, Josias.«
*
Dr. Robert Daniel erstarrte nahezu, als ihm der Brief zwischen die Finger geriet. Diese ausgesprochen eigenwillige Schrift hätte er noch unter Tausenden herausgekannt.
»O nein, nicht schon wieder«, stöhnte er leise auf, dann legte er den Brief zur Seite, als könnte er sein Eintreffen damit ungeschehen machen.
Abrupt erhob er sich und trat zum Fenster, doch immer wieder wanderte ein unwilliger Blick zu dem Brief auf seinem Schreibtisch hinüber. Auch wenn er es noch so sehr hinauszögerte – irgendwann mußte er ihn ja doch öffnen. Aber gerade als er sich dazu entschlossen hatte, klingelte es.
»Laß nur, Irene, ich gehe schon!« rief er rasch, als seine Schwester, die ihm hier den Haushalt führte, nach unten eilen wollte. Diese Störung paßte ihm im Augenblick sogar ganz ausgezeichnet! Er eilte die Treppe hinunter und öffnete die Haustür.
»Manon! Ist etwas passiert?« fragte er erschrocken, als er sich so unverhofft der Frau seines Herzens gegenübersah.
Manon Carisi, die Allgemeinmedizinerin hier am Ort, lächelte nachsichtig. »Also hör mal, Robert, muß erst etwas Schlimmes passieren, damit ich zu dir kommen darf?«
Zärtlich nahm er die attraktive Frau in den Arm. »Nein, Liebes, natürlich nicht. Aber wir waren für heute abend ja ohnehin verabredet.«
»Genau deswegen komme ich auch«, entgegnete Manon mit bedauerndem Gesichtsausdruck.
Dr. Daniel seufzte abgrundtief. »Ich ahne tatsächlich Schreckliches.«
Liebevoll stupste Manon ihn an der Nase. »So schrecklich ist es nun auch wieder nicht. Der Kollege aus der Kreisstadt, der die Wochenendbereitschaft hätte, ist krank geworden und hat mich gebeten, für ihn einzuspringen.«
Inzwischen hatten sie Dr. Daniels Wohnung im ersten Stockwerk betreten, und Manon wurde auch von Irene herzlich begrüßt.
»Es tut mir sehr leid, Irene, aber ich fürchte, du mußt deinen Bruder heute selbst bekochen«, erklär-
te Manon. »Gelegentlich soll man zwar auch als Bereitschaftsarzt ein ruhiges Wochenende haben, aber ich persönlich bin leider noch nie in diesen Genuß gekommen.«
»So tragisch ist das nicht«, meinte Irene lächelnd. »Für Stefan, Karina und mich hätte ich sowieso etwas zu essen machen müssen, und erfahrungsgemäß koche ich ja meistens für eine ganze Kompanie.« Sie warf ihrem Bruder einen neckischen Blick zu. »Allerdings wird dem armen Robert nun natürlich das Herz bluten.«
»Ja, ja, macht euch nur lustig über mich«, erklärte Dr. Daniel, mußte dabei aber auch lächeln, dann strich er mit einem Finger zärtlich über Manons Wange. »Ich werde heute abend trotzdem mal hinüberkommen. Für ein Gläschen Wasser wird die Zeit schon reichen.«
Manon lachte. »Wasser! Das ist ja wirklich sehr verlockend.«
Dr. Daniel zuckte die Schultern. »Wein ist für einen Bereitschaftsarzt nicht drin, und wenn du Verzicht üben mußt, dann leide ich selbstverständlich mit dir.«
»Du Dummer«, urteilte Manon zärtlich, dann küßte sie ihn. »Ich muß jetzt nach Hause, falls ein Anruf kommt.«
Dr. Daniel nickte. »Wir sehen uns dann.«
Er begleitete Manon noch hinaus, dann kehrte er ins Wohnzimmer zurück, wo der unheilverheißende Brief beinahe provozierend auf dem Tisch lag. Dr. Daniel seufzte, griff nach dem Umschlag und riß ihn beherzt auf. Ein dezent duftender Briefbogen fiel ihm in die
