Das Oktoberfest: Zwei Jahrhunderte Spiegel des Zeitgeists
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Buchvorschau
Das Oktoberfest - Sylvia Krauss-Meyl
Zum Buch
Bühne für Tradition, Politik und grenzenloses Vergnügen
Bier, Brez’n und Gaudi – aber bei Weitem nicht nur das! Das Oktoberfest ist von seiner historischen Wirkung her viel mehr als nur das größte Volksfest der Welt. „Die Wiesn" war seit ihrer Gründung im Jahr 1810 in jeder Entwicklungsphase Spiegel und Projektionsfläche des jeweiligen Zeitgeistes. Das Fest diente als politisches Instrument zur Umsetzung programmatisch-ideologischer Zielsetzungen und als Motor des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts. Als zentrale Veranstaltung begleitete es die Geschichte Bayerns: vom Beginn der Monarchie durch alle ihre Herrschaftsepochen, über ihr Ende hinaus und bis zum heutigen Tag – mit seinen weltweiten Globalisierungsfaktoren und bayerischen Identitätsmerkmalen.
Zur Autorin
Sylvia Krauss-Meyl,
Dr. phil., geb. 1951, ist Archivdirektorin und Abteilungsleiterin im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München.
SYLVIA KRAUSS-MEYL
Das Oktoberfest
Zwei Jahrhunderte Spiegel des Zeitgeists
VERLAG FRIEDRICH PUSTET
REGENSBURG
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
eISBN 978-3-7917-6051-3 (epub)
© 2015 by Verlag Friedrich Pustet, Regensburg
eBook-Produktion: Friedrich Pustet, Regensburg
Umschlaggestaltung: Martin Veicht, Regensburg
Diese Publikation ist auch als Printprodukt erhältlich:
ISBN 978-3-7917-2651-9
Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie auf www.verlag-pustet.de
Informationen und Bestellungen unter verlag@pustet.de
»MÜNCHEN WILL GAR NICHT ERÖRTERT, MÜNCHEN WILL GELEBT UND GELIEBT SEIN.« Wer möchte Ernst Heimeran (1902–1955) ernsthaft widersprechen? Doch vielleicht wird man ihn ergänzen dürfen, ihn, den großen Verleger und Autor, der in Schwabing das Gymnasium besuchte und wie viele als „Zuagroaster" in München Wurzeln schlug: Die Liebe zur ersten oder zweiten Heimat schließt die Kenntnis über sie nicht aus – und umgekehrt.
Die Geschichte einer Stadt ist ebenso unerschöpflich wie die Geschichten, die in ihr spielen. Ihre Gesamtheit macht sie unverwechselbar. Ob dramatische Ereignisse und soziale Konflikte, hohe Kunst oder niederer Alltag, Steingewordenes oder Grüngebliebenes: Stadtgeschichte ist totale Geschichte im regionalen Rahmen – zu der auch das Umland gehört, von dem die Stadt lebt und das von ihr geprägt wird.
München ist vergleichsweise jung, doch die über 850 Jahre Vergangenheit haben nicht nur vor Ort, sondern auch in den Bibliotheken Spuren hinterlassen: Regalmeter über Regalmeter füllen die Erkenntnisse der Spezialisten. Diese dem interessierten Laien im Großraum München fachkundig und gut lesbar zu erschließen, ist die Aufgabe der Kleinen Münchner Geschichten – wobei klein weniger kurz als kurzweilig meint.
So reichen dann auch 140 Seiten, zwei Nachmittage im Park oder Café, ein paar S- oder U-Bahnfahrten für jedes Thema. Nach und nach wird die Reihe die bekannteren Geschichten neu beleuchteten und die unbekannteren dem Vergessen entreißen. Sie wird die schönen Seiten der schönsten Millionenstadt Deutschlands ebenso herausstellen wie manch hässliche nicht verschweigen. Auch Großstadt kann Heimat sein – gerade wenn man ihre Geschichte(n) kennt.
DR. THOMAS GÖTZ, Herausgeber der Buchreihe, lehrt Neuere/Neueste Geschichte an der Universität Regensburg und forscht zu Stadt und Bürgertum in der Neuzeit.
„Unter dem Lärm und dem Klirren der Krüge liegt eine feinere Partitur.
Das Oktoberfest, die Theresienwiese ist eine 35 Hektar große Bühne,
auf der sehr viele Stücke von großer Bedeutung gleichzeitig gegeben werden."
(Ullrich Fichtner, Der Spiegel vom 30.9.2013)
Der Weg durch die moderne bayerische Geschichte führt über das Oktoberfest
Der Begriff „Zeitgeist" entstammt dem Kontext der philosophischen Debatten des 18. Jahrhunderts, als fortschrittliche aufgeklärte Denker über den Geist ihrer Zeit reflektierten. Er bezeichnet das vorherrschende Gedankengut in einer bestimmten Epoche. Der Zeitgeist lässt sich von seinen Zeitgenossen nicht immer erkennen. Seine Erfassung und Untersuchung ist meistens erst aus der Retrospektive möglich.
Dabei kann er sich in den vielfältigsten Manifestationen offenbaren: durch künstlerische und literarische Werke, durch Bräuche und Moden, durch Menschen und Ereignisse etc. Er kann sich explosiv in einem einzigen Großereignis verwirklichen wie in Frankreich durch die Revolution von 1789, die einen radikalen politischen und gesellschaftlichen Umschwung erzeugte, oder durch lang währende Vorgänge, die in ihrem Fortschreiten die Wandlungen des Zeitgeistes aufzeigen.
Das Münchner Oktoberfest ist ein solches Instrument des Zeitgeistes. Aufgrund seiner fast lückenlosen Kontinuität seit mehr als zwei Jahrhunderten ist es wie kaum ein anderes Medium geeignet, den vorherrschenden Zeitgeist in jeder Epoche seines Bestehens wiederzugeben und Einblicke zu gewähren in die Wechselfälle und Zeitläufte – nicht nur der Münchner und der bayerischen Geschichte. Das Oktoberfest bot somit eine Bühne, auf der sich nicht nur Menschen, sondern auch Epochen präsentieren konnten.
In der Genese als nationales Volksfest spiegelte es die Bildung des modernen bayerischen Staates auf der Grundlage aufklärerischer Staatstheorien. Aus dieser sinnstiftenden Anfangsphase entstanden Konstanten und lange wirkende Traditionslinien. So wurde das Oktoberfest zu einer zentralen Veranstaltung, die, obgleich nichtstaatlich, dennoch staatstragend war. Sie begleitete die Geschichte Bayerns seit dem Beginn der Monarchie über deren Ende hinaus bis zum heutigen Tag.
Politik und Wirtschaft waren die beiden Hauptstränge seines mehr als 200-jährigen Bestehens. Am Anfang lag das Schwergewicht auf der Politik. Das Oktoberfest wurde für mehrere Jahrzehnte Instrument, Spielwiese und Abbild der innerbayerischen Staatsinteressen. Das erste Fest von 1810 bildete den Ausgangspunkt für den mehr als 100 Jahre wirksamen Repräsentationsort der Monarchie. Der Kern des innenpolitischen Programms der ersten bayerischen Könige bestand in der Schaffung und Durchsetzung eines identitätsstiftenden bayerischen Nationalbewusstseins. Gleichzeitig wurde das Oktoberfest auch eine Projektionsfläche für Ziele aller sozialen Gruppen, vor allem des aufsteigenden Bürgertums. Die wesentliche Voraussetzung dafür waren der egalitäre Rahmen eines Volksfestes und die aus dem aufklärerischen Gedankengut herrührende Bedeutung von Öffentlichkeit. Sie war ein Novum im frühen 19. Jahrhundert und bildete ein Fundament der modernen Demokratisierungs- und Emanzipationsprozesse.
Nach der Reichsgründung 1870/71 verschoben sich die Einflüsse vom innerbayerischen Nationalstreben zu übergeordneten Reichsinteressen: Die imperialistische Kolonialpolitik des Kaiserreichs wurde in Bayern durch exotische Völkerschauen auf dem Oktoberfest populär gemacht.
Am Ende des Ersten Weltkriegs geriet das Fest durch den Sturz des Königtums in eine existenzielle Krise, die durch den Übergang der Schirmherrschaft von der Monarchie auf die Stadt München bewältigt wurde. Von der Instrumentalisierung des Fests durch die NS-Propaganda über seine Neudefinition in der Nachkriegszeit führte die Entwicklung zum weltweit größten Massenfest der Gegenwart, das sich heute als Symbol der Globalisierung und als hochrangiger Wirtschaftsfaktor präsentiert.
Die Wirtschaft war neben der Politik ein zweiter, paralleler Entwicklungsstrang, der, bereits bei der Gründung angelegt, gerade in der Zeitspanne zur vollen Entfaltung kam, als die politische Ausrichtung des Oktoberfestes abnahm. Nach der Reichsgründung und der Einführung der Gewerbefreiheit entfalteten sich auf dem Fest die freien Kräfte des Marktes und ermöglichten technische Innovationen und deren kommerzielle Vermarktung. In der Prinzregentenzeit mündete diese Entwicklung in einen wirtschaftlichen Aufschwung, der den Münchner Brauereien und dem gesamten Vergnügungssektor auf dem Fest eine Blütezeit bescherte. Die Festelemente, die sich damals ausprägten, bilden bis heute fortwirkende Traditionslinien. Seit dem frühen 20. Jahrhundert blieb – abgesehen von der NS-Zeit – die Wirtschaft die dominierende Größe auf dem Oktoberfest.
Das gegenwärtige Oktoberfest verbindet die historischen Reminiszenzen mit der postmodernen Dynamik von Technisierung, Kommerzialisierung, Eventisierung und Konsum zu einem vielschichtigen, attraktiven Festerlebnis von weltweiter Leuchtkraft.
Anfänge unter König Max I. Joseph
Die Entstehungsgeschichte des Oktoberfestes ist aus den historischen Umwälzungen zu verstehen, die Bayern im ersten Dezennium des 19. Jahrhunderts prägten.
Am 18. Februar 1799 war der äußerst unbeliebte, aus der Pfalz stammende Kurfürst Karl Theodor (1724–1799) gestorben, der in seiner Münchner Regierungsphase ab 1778 mehrfach versucht hatte, Bayern gegen die habsburgischen Niederlande, das Gebiet des heutigen Belgien, zu tauschen. Als sein Nachfolger, der aus der wittelsbachischen Nebenlinie Pfalz-Zweibrücken stammende Max Joseph (1756–1825), in München einzog, wurde er von der Bevölkerung enthusiastisch begrüßt, da sie sich von ihm einen Umschwung der politischen Verhältnisse erhoffte. Doch brach die euphorische Stimmung binnen kurzem zusammen, als sich herausstellte, dass der neue Kurfürst am Militärbündnis mit den verhassten Österreichern gegen die Franzosen festhielt. In der Entscheidungsschlacht von Hohenlinden am 3. Dezember 1800 wurde die vereinte bayerisch-österreichische Armee durch die französische Rheinarmee vernichtend geschlagen. Bayern verlor im Frieden von Lunéville 1801 seine linksrheinischen Gebiete an Frankreich, wurde aber durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 mit säkularisierten geistlichen Besitztümern und mediatisierten reichsunmittelbaren Herrschaften entschädigt. 1805 wechselte Max Joseph die Fronten und schloss eine Allianz mit dem französischen Kaiser Napoleon (1769–1821). Der Bündniswechsel zahlte sich aus, denn Bayern erhielt in den folgenden Jahren reichen Gebietszuwachs – vor allem in Franken und Schwaben – und wurde 1806 zum Königreich erhoben. Hinter den Maßnahmen Max Josephs stand sein leitender Minister Maximilian Graf von Montgelas (1759–1838), der de facto den außenpolitischen Kurs bestimmte und im Inneren mit einer umfassenden Verwaltungsreform die Grundlagen des modernen bayerischen Zentralstaates schuf.
Der Zusammenschluss des vergrößerten Bayerns zu einem nationalen Einheitsstaat und die Rangerhöhung des Herrschers machten Maßnahmen zur Konsolidierung der neuen Herrschaftsverhältnisse erforderlich. Das aus der Pfalz kommende Königshaus, das keinerlei Wurzeln in Bayern hatte, musste um das Vertrauen des Volkes werben und Rückhalt in der Bevölkerung gewinnen. Die Untertanen mussten sich neu orientieren und in ihrem nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt werden. Zudem waren die Lebensverhältnisse nicht sicherer geworden: Infolge der napoleonischen Expansionspolitik wurde Bayern immer wieder in militärische Auseinandersetzungen hineingezogen.
Das geeignetste Mittel, um den Gemeinsinn der neubayerischen Volksteile zu fördern und ihre Bindung zum Herrscherhaus zu stärken, war eine Veranstaltung, an der Königshaus und Volk beteiligt waren und die mit ihrer bayernweiten Ausstrahlung einigend wirken konnte. Dieses Fest war mit seinem ausgreifenden Charakter auch ein Abbild aller Zeitströmungen und Einflussfaktoren des öffentlichen Lebens in Bayern in dieser Phase.
Das erste dynastische Fest des neuen Königshauses
Das erste Münchner Oktoberfest leitete sich nicht aus volkstümlichen Traditionen und historischen Wurzeln her, sondern wurde zu einem konkreten Anlass ins Leben gerufen: Es gehörte zum Begleitprogramm der Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig (1786–1868) mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen (1792–1854).
Traditionell fanden dynastische Eheschließungen im Rahmen opulenter Hoffeste statt. Auch die Kronprinzenhochzeit des Jahres 1810 sollte mit allem höfischen Pomp ausgestattet werden. Doch gab es diesmal eine beispiellose Neuerung: Vertreter des Bürgertums und Militärs übernahmen Teile der Festlichkeiten. Die Beteiligung des Volkes war ein Symptom des neuen Zeitgeistes. In der Folge der großen Französischen Revolution 1789 wurden in allen Fürstenstaaten Europas die Herrschaftsverhältnisse neu ausgelotet, die Grundlagen der monarchischen Regierungen zum Teil verfassungsrechtlich legitimiert und Entfaltungsspielraum für emporstrebende Kräfte aus dem Volk geschaffen. Ein höfisches Fest, bei dem sich Monarch und Untertanen begegneten und gemeinsam zum Gelingen der Festlichkeit beitrugen, war eine exzellente
