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Das Auge des Tigers: Der kleine Kapitän Band 2
Das Auge des Tigers: Der kleine Kapitän Band 2
Das Auge des Tigers: Der kleine Kapitän Band 2
eBook323 Seiten3 Stunden

Das Auge des Tigers: Der kleine Kapitän Band 2

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Über dieses E-Book

Die zehnjährige Toto ist die Tochter eine verschwundenen Maharadschas aus Indien. Das Mädchen lebt bei ihren Adoptiveltern in Portugal ein normales Leben, als völlig unerwartet ein Gangster aus Indien auftaucht, und das Mädchen entführt. Totos Familie und natürlich ihr bester Freund Manolito machen sich auf eine spannende Verfolgungsjagt.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition GmbH
Erscheinungsdatum15. Mai 2025
ISBN9783384445193
Das Auge des Tigers: Der kleine Kapitän Band 2
Autor

Holger Antz

Nach der Ausbildung zum Kaufmann und Informatiker arbeitete Holger Antz einige Jahre als leitender Manager bei verschiedenen Softwareherstellern und Unternehmensberatungen. Bereits mit 33 Jahren gründete er sein erstes eigenes Unternehmen, eine Unternehmensberatung mit dem Schwerpunkt Marketing. 1989 erkannte Holger Antz den technischen Medienwandel und spezialisierte sich auf die Digitalisierung des Hörfunks in Europa. 2003 gründete er ein weiteres Unternehmen, welches sich auf die Entwicklung und die Vermarktung einer bekannten Personalsoftware konzentriert. Erst in 2002 fasste Holger Antz den Entschluss zu schreiben. Er löste damit ein viele Jahre altes Versprechen gegenüber seinen beiden Kindern ein. „Widu“, der kleine Hund der fliegen kann wenn er sich sehr freut, ist die erste Figur, über die er ein Kinderbuch schrieb. Der kleine Kapitän, eine Abenteuergeschichte, aus der sich eine kleine Buchreihe ergab folgte.

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    Buchvorschau

    Das Auge des Tigers - Holger Antz

    Stürmische Zeiten

    Der September hatte gerade begonnen. Aber auch wenn es in diesen Tagen immer noch sehr warm in Portimao war, konnte man spüren, dass sich das Wetter veränderte und der Herbst langsam näher kam. Manolito schien es geradeso, als würde der Wind von Tag zu Tag zunehmen, und Großvater Mario hatte deswegen Bedenken, die Kinder mit der Esmeralda aufs Wasser ziehen zu lassen. Dem alten Mann saß immer noch der Schrecken des Sommers in den Gliedern, und wenn er als erfahrener Segler an diesem Abend auf die mit Schaumkronen verzierten Wellen blickte, dann stellten sich ihm die Nackenhaare auf. Eine früher nicht gekannte Unruhe überkam den bärtigen Mann mit seiner abgetragenen Mütze: Allein die Vorstellung, einem seiner Lieblinge würde etwas passieren, ließ buchstäblich seine Glieder verkrampfen. Ihm hatte der Sturm auf der letzten Reise übel mitgespielt, weil er trotz des Seegangs nicht angeseilt an Deck hantiert hatte. Der Aufprall einer großen Welle schleuderte ihn derart in die Luft, dass er beim anschließenden Sturz gegen eine Deckskiste knallte und sein rechtes Bein brach.

    Fast zwanghaft spielte sich vor seinen Augen ab, was vor wenigen Wochen den Kindern hätte zustoßen können, wenn das Schicksal es nicht gut mit Ihnen gemeint hätte. Seinerzeit waren alle vier mit dem Segelschiff in einen Sturm geraten und schließlich bis nach Marokko abgetrieben. Er selbst lag da noch im Krankenhaus, das gebrochene Bein in Gips und nicht ahnend, dass die Bande ohne Erlaubnis mit der Esmeralda auf das Meer hinausgehen würde. Dank Manolitos Talent zum Segeln und dem Zusammenhalt der Kinder hatten sie es gemeinsam geschafft, zurück nach Portugal zu finden. Die quälenden Gedanken und Ängste, die Mario plagten, wollten trotzdem nicht aus seinen Erinnerungen verschwinden.

    Herbststürme in Portugal konnten es in sich haben, das wusste auch Manolito nur zu gut. Erst vor einigen Tagen war ein Sturm über das Meer gezogen, der es unmöglich machte zu segeln. Nur Dummköpfe oder unerfahrene Segler gingen bei Wetterbedingungen, deren Gefahren man nicht abschätzen konnte, aufs Meer, das hatte er gelernt. Im Sommer hatte er Toto und den beiden Jungen imponieren wollen und deshalb deren Drängen bei glatter See und Sonnenschein nachgegeben. Die Verlockung, ein solches Traumschiff segeln zu dürfen, war einfach zu groß. Schon lange hatte der Junge davon geträumt, irgendwann so ein Schiff zu besitzen. Und als Großvaters Adoptivkinder ihn fragten, ob er segeln könne, da war er schwach geworden. Eine kleine Runde wollte er an der Küste drehen und zeigen, was er draufhatte, dann überraschte sie ein Sturm, der förmlich aus dem Nichts kam. Binnen weniger Minuten verdunkelte sich der Himmel. Die Sonne, die eben noch friedlich strahlte, hatte sich hinter mächtigen Wolkentürmen verkrochen. Und kaum hatten die Kinder es geschafft, die Segel zu reffen, türmten sich die Wogen um das Schiff herum und der Sturm packte das Boot und riss es mit sich.

    Beim Abendessen hatte Großvater Mario den Kindern noch in ausschweifender Weise beschrieben, wie riesig die Wellen in Portugal tatsächlich werden konnten. „In Nazare an der Küste, zum Beispiel, kann es im September Wellen mit über zwanzig Metern geben", hatte er mit eindringlicher Stimme erzählt und dabei derart mit Händen und Armen gestikuliert, dass die Kinder seinen Worten mit geöffneten Mündern lauschten. „Wenn da ein Schiff wie die Esmeralda in halb so hohe Wogen gerät, dann begräbt die brechende Welle das Boot unter sich, als wäre es ein kleiner Thunfisch." Forschend und beinahe bohrend hatte Mario seinen Schützlingen einem nach dem anderen in die Augen geschaut, um sicher zu sein, dass sie seine Worte auch wirklich gehört und verstanden hatten. Nein, verboten hatte der alte Seebär das Segeln nach dem unfreiwilligen Sommerabenteuer nicht. Bei gutem Wetter ließ er sie schon ziehen. Aber sobald sich eine Gelegenheit bot, die Kinder an den Leichtsinn des Sommers zu erinnern, da nutzte er die Chance und ging ihnen mittlerweile gehörig auf die Nerven. Beinahe schien es, als wolle er nicht mehr aufhören, ihnen die Geschichte wieder und wieder aufs Brot zu schmieren. Und so litt vor allem Manolito unter den nicht enden wollenden Vorwürfen seines Großvaters und haderte mit seinem schlechten Gewissen. Auch ohne die ewigen Ermahnungen verspürte keines der Kinder rechte Lust, mit dem Schiff hinauszuschippern. Das Beinahe-Unglück hatte sie einiges gelehrt und noch nicht einmal Toto, die waghalsigste von ihnen, verspürte den Drang, die anderen zu einem neuerlichen Abenteuer zu überreden.

    Anstatt mit der Esmeralda auf dem Meer Manöver zu trainieren, benutzten die Kinder das Schiff zur Abwechslung als Clubhaus und Treffpunkt am Hafen, wo sie niemand störte, der nicht eingeladen war, wenn sie es nicht wollten. Allein einen solchen Ort für sich zu haben, war schon etwas Besonderes, aber das war nur ein Teil der Bedeutung, die dieses Boot für die eingeschworenen Freunde bekommen hatte.

    Der alte Mario hatte sich in den vergangenen Wochen verändert, zumindest kam es seinem Enkel so vor. Er, der sonst so redselig war, wirkte verschlossen und regelrecht zurückhaltend. Dem Jungen war aufgefallen, dass sein Großvater häufig abwesend wirkte, und wenn man ihn in solchen Momenten ansprach, erschrak der förmlich und musste sich buchstäblich sortieren, bevor er in der Lage war, eine verständliche Antwort zu geben. Dass er womöglich krank sein könnte, hatte Manolito zu seiner Erleichterung bereits ausgeschlossen. Er hatte seine Großmutter gründlich ausgefragt, und die war sich ganz sicher, dass Mario kerngesund war. Es musste also einen anderen Grund für die Veränderung geben, nur welchen, das fragte sich der Junge immer wieder.

    Die Großfamilie Perez und Pereira war seit dem Sommer wieder vereint. Finanzielle Sorgen schien es auch nicht zu geben, und so erschien das veränderte Verhalten dem Jungen sonderbar. Er war aufmerksam und ein recht guter Beobachter, diese Eigenschaft hatte er wohl von seinen Eltern übernommen. Und da er seinen Opa tief in sein Herz geschlossen hatte, bohrte in ihm regelrecht die Frage, was wohl im Kopf seines Großvaters vorgehen mochte. Ungewöhnlich war auch, dass ausgerechnet sein Großvater, der das Segeln über alles liebte, neuerdings Themen ins Gespräch brachte, die nichts, aber auch gar nichts mit dem geliebten Segelsport zu tun hatten, und besonders das konnte der Junge nicht nachvollziehen.

    Stärkere Taue, größere Winschen oder einen Satz neue Segel für das Schiff, das waren für gewöhnlich Marios Themen, für die er, wenn nur jemand das Stichwort erwähnte, binnen Sekunden brannte. Andere Themen wie dicke Autos oder Fußball, ließen den alten Seebären mehr oder weniger kalt. Gerade deshalb konnte sich der Junge nicht des Eindrucks erwehren, dass sein Mario bewusst die Gedanken der Kinder in Richtungen lenken wollte, die nichts mit dem Segeln auf der Esmeralda zu tun hatten. Erst beim Frühstück hatte er gefragt, was die Kinder vom Skateboarden oder Windsurfen hielten. „Windsurfen, bei diesen Wellen? hatte Manolito belustigt zurückgefragt. „Da würde ich niemals mit einem Brett rausgehen, das ist doch Selbstmord! „Nein, hatte Mario geantwortet, „natürlich nicht bei solchen Wellen, wie wir sie momentan haben, ich meine generell, Windsurfen oder Wellenreiten sind doch auch super Sportarten. Das kann man sogar allein machen, dafür benötigt man kein Schiff, keine Crew und beim Skaten ist das auch nicht anders!

    Der achtjährigen Toto zumindest gefielen die Vorschläge ihres Adoptivpapas. Wenn sie und die Jungs nicht mehr so oft segeln sollten, dann waren zumindest ihr sportliche Alternativen willkommen. „Wenn ich Skaten gut finde Paps, bekomme ich dann zum Geburtstag ein eigenes Skate-board? fragte das Mädchen mit den schwarzen Locken vorsichtig und in einem Ton, der besonders Mädchen wie ihr zu eigen war. Toto war sich völlig bewusst, wann und wie sie ihren Charme spielen ließ, und sie wusste nur zu gut, dass Mario ihr nur schwer eine Bitte oder einen Wunsch abschlagen konnte, wenn sie es darauf anlegte. „Wir vielleicht auch? ergänzte Luigi aufgeregt, der mit seinen dreizehn Jahren sofort verstand, was seine Adoptivschwester mit ihrer Frage beabsichtigte. „Mal sehen, brummte Mario in seinen grauen Bart. Ihm war natürlich bewusst, dass er mit seiner Frage etwas in Gang gesetzt hatte, das Folgen haben könnte. Insgeheim hatte das alte Schlitzohr sogar gehofft, dass von den Kindern ein solcher Wunsch kommen würde. Schließlich hatte er den Köder bewusst ausgelegt, und nun hatte der „Fisch zumindest schon einmal kräftig daran geknabbert. „Wir setzen uns heute Abend zusammen und reden", meinte er knapp und tat nicht sonderlich interessiert, die Unterhaltung fort-zusetzen. Toto, Luca und Luigi dagegen war sehr daran gelegen, das Gespräch fortzusetzen, denn so wie Mario sich ausgedrückt hatte, gab es gute Aussichten auf eine spannende Abwechslung. Und gegen ein schickes Skateboard hatte keines der drei Kinder etwas einzuwenden.

    Manolito erging es in diesem Moment völlig anders. Zum einen fragte er sich immer noch, was mit seinem Großvater nicht stimmte, und zum anderen hatte er gerade das Gefühl gehabt, abseits zu stehen. Zum ersten Mal, seit der Rückkehr seines Großvaters, traute er sich nicht zu fragen, ob das angekündigte Gespräch am Abend auch für ihn gelten würde. Ein befremdliches Gefühl breitete sich in der Magengegend des sensiblen Jungen aus. Immerhin waren die drei anderen nun Opas Adoptivkinder und er „nur der Enkel. Und da er seinen Großvater zuvor für mehrere Jahre nicht gesehen hatte, wusste er nicht so recht, wie er sich in dieser Situation verhalten sollte. Normalerweise hätte er gerne gefragt oder zu verstehen gegeben, dass er ebenfalls interessiert sei. Aber in diesem Moment, der sich so befremdlich anfühlte, wusste er nicht, was er tun oder sagen sollte. So schaute er mit einem unsicheren Blick zu seinem Opa herüber. Zum Glück verstand der sofort die Situation und bemerkte intuitiv, was in dem Jungen vorging. Als wäre ihm nichts aufgefallen, setzte er einfach seine Rede fort und ergänzte in seiner kumpelhaften Art: „Krümel, was hältst du davon, wenn du und deine Mama auch dazukommt, dann ist der Familienrat komplett und wir können das gemeinsam besprechen. Immerhin sind wir jetzt eine Großfamilie, was meinst du? Krümel, so nannten ihn nur seine Mutter und eben Großvater. Manolito liebte diesen Kosenamen, den sonst niemand in der Familie trug. Binnen einer Sekunde begannen die Augen des Jungen zu leuchten, die gerade noch Sorge ausgedrückt hatten. Mario hatte förmlich die Gedanken seines Enkels erraten und Worte gewählt, die seinem Enkel die Befürchtungen nahmen, die ihn offensichtlich bewegten. Das unangenehme Gefühl, das den Jungen gerade noch befallen hatte, war verflogen.

    Skaten, das würde Manolito nur zu gerne lernen. Viele der Kinder in der Nachbarschaft hatten bereits Skateboards und präsentierten mit Stolz ihre kleinen Kunststücke auf der Straße. Einer der älteren Jungen, den er so auf sechzehn oder siebzehn Jahre schätzte, war ihm besonders aufgefallen. Der Bursche sauste auf der Promenade mit seinem Board herum und benutzte die Passanten wie Pylone, um im rasanten Slalomstil zwischen ihnen hindurchzuschlüpfen. Die elegante Art, wie er sein Brett beherrschte, hatte Manolito sehr beeindruckt und schon deshalb hatte er oft darüber nachgedacht, ob er sich zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Skateboard wünschen sollte. Andererseits hatte er im Sommer den Surfern vom Strand aus zugesehen und sich manchmal gefragt, was es wohl für ein Gefühl sein würde, auf so einem Brett durch die Wellen zu gleiten.

    Natürlich war die Aussicht auf neue Sportgeräte für die Kinder gleichermaßen verlockend, wer würde da schon nein sagen.

    Manolito aber war auch so schon zufrieden, sein lang gehegter Traum war mit der Esmeralda in Erfüllung gegangen. Und da er in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs, wusste er nur zu gut, dass nicht alle Wünsche, die ihm durch den Kopf gingen, in Erfüllung gehen würden.

    Großmutter Penelope war das, was man eine Frohnatur nannte, unaufhörlich sang sie die Lieder, die im Radio gespielt wurden, und der Junge war erstaunt darüber, wie viele der Texte seine Oma auswendig kannte. Obwohl sie viele Jahre im Ausland gelebt hatte, schien sie die meisten der aktuellen Lieder, die in Portugal gespielt wurden, zu kennen und der Junge staunte immer, wenn seine Oma sich wie ein junges Mädchen tänzelnd und die Hüften schwingend durch das Haus bewegte. Manolito bewunderte die junggebliebene Art seiner Oma, und hätten die Fältchen in ihrem Gesicht nichts über ihr Alter verraten, so hätte er nach dem Wiedersehen vor einigen Wochen leicht annehmen können, die ältere Schwester seiner Mutter wäre gerade angekommen.

    Unermüdlich war Penelope dabei, das Haus einzurichten und zu verschönern, das die Großeltern in der Nachbarschaft gekauft hatten. Zu ihrer großen Freude, durfte sie den gesamten Hausstand neu anschaffen, denn das Anwesen, das Manolitos Großeltern auf Jamaika besessen hatten, war samt Einrichtung abgegeben worden. Lediglich einige Bilder und Lieblingsstücke hatte ein Transportunternehmen von der Karibikinsel herübergebracht. Anfangs stand in dem großen Haus nicht einmal ein Stuhl, auf den man sich hätte setzen können. Und so war die gesamte Familie gezwungen gewesen, drei lange Wochen auf der Esmeralda unterzukommen. Am Tag des Einzugs in ihr neues Domizil stieß Penelope einen regelrechten Freudenschrei aus, als sie das Schlafzimmer betrat „endlich wieder ein richtiges Bett unterm Hintern, das steht wenigstens ruhig und schaukelt nicht unentwegt", lachte sie und hüpfte wie ein junges Mädchen mit einem Sprung in das neue Doppelbett.

    Am Abend saß die Familie in der frisch renovierten Küche und Luigi, der für sein Leben gern kochte, servierte zusammen mit Toto gegrillten Fisch, den die beiden höchstpersönlich geangelt hatten. Toto hatte sich schick gemacht und wieder einmal eine der Küchenschürzen von Penelope ausgeliehen. Bei ihrer Statur wirkte die Schürze allerdings eher, als würde sie ein Kleid tragen, das um einiges zu groß für die kleine Person war. Toto störte das wenig. Sie spielte wieder einmal Kellnerin, ging fröhlich um ihre Gäste herum und hielt jedem so vornehm wie möglich die Platte mit dem perfekt gegrillten Fisch unter die Nase und platzierte dann gekonnt das ausgewählte Stück auf dem Teller. Die beiden Frauen zwinkerten sich gegenseitig zu, und Manolitos Mutter fragte Toto und Luigi: „Sagt mal ihr zwei, ihr könnt uns gerne so oft ihr wollt bekochen. Oma und ich, wir denken uns auch ein Dankeschön aus, würde euch das Spaß machen?" Luigi machte fasst einen Luftsprung und weil er sah, wie sehr auch seiner kleinen Schwester der Vorschlag gefiel, schaute er sie lediglich kurz an, hob die Hand und klatschte mit ihr ‘High Five’ ab.

    Dann endlich, nachdem die Kinder schon vermuteten, dass Mario das Angebot vom Nachmittag womöglich vergessen hatte, meldete sich Manolitos Mutter zu Wort und eröffnete feierlich den Familienrat: „Also, es ist so, begann sie umständlich und nestelte während sie sprach mit den Fingern in einer ihrer langen Haarsträhnen, „ach was, Papa, ich kann das nicht unterbrach sie sich selbst, kaum dass sie begonnen hatte. „Sag du es, du kannst das besser. Dabei schaute sie ihren Vater bittend an. „Hmkrrr, räusperte sich der alte Mann und verschaffte sich Gehör, „es ist so, begann auch er stockend und mit ernsterer Stimme als gewöhnlich: „Ihr vier, seid allesamt prächtige Segler geworden und wir sind stolz darauf, dass ihr euch, seit ihr wisst schon wann, an unsere Anweisungen haltet. Aber der Sturm in diesem Sommer, bei dem es leicht zu einem Unglück hätte kommen können, hat uns einen riesigen Schrecken bereitet und gezeigt, was alles passieren kann, wenn man nicht damit rechnet. Ich will euch auch keine Vorwürfe machen. Ihr wisst ja selbst, wie schnell etwas Unvorhergesehenes geschehen kann. Nun unterbrach das Familienoberhaupt seine Erklärung und machte eine kleine Pause, bevor er weitersprach. „Ich habe mir deshalb etwas zu eurem Schutz und zu unserer Beruhigung überlegt! Mit Unverständnis schauten die Kinder ihr Gegenüber fragend an. Schutz, Beruhigung? Was meinte er mit, vor wem oder was wollte er sie beschützen? „Ich will es kurz machen, setzte dieser endlich fort, bevor auch nur eines der Kinder ihn unterbrechen konnte, „wir Eltern haben beschlossen, das Schiff einer kleinen Verjüngungskur zu unterziehen."

    Mit Falten auf der Stirn lauschte Manolito den Worten seines Großvaters, denn alles was er verstand war „Bahnhof, wie man so sagt. „Ich verstehe gar nichts. Opa, was meinst du mit Verjüngungskur? fragte er mit skeptisch klingender Stimme und blickte dabei nachdenklich nach oben, um seiner Frage ein wenig Nachdruck zu verleihen. Er schien mit seiner Frage genau den Punkt getroffen zu haben, der auch seine Freunde in diesem Moment bewegte. „Willst du die Reling austauschen oder das Deck mit rutschfester Farbe lackieren? Das hast du doch bereits alles auf Jamaika gemacht, und segeln lässt sich die Esmeralda doch fantastisch, das geht doch gar nicht besser! Mit einer Reaktion wie dieser hatte der erfahrene Mann gerechnet, das Boot war dem Jungen „heilig, er und die anderen drei würden mit Sicherheit nicht in Begeisterung ausbrechen, wenn er gleich seine Vorschläge machte. Immerhin gehörte das Schiff jetzt ihnen und allein der Gedanke, dass die geliebte Yacht verändert werden sollte, würde ihren Widerstand herausfordern.

    „Na ja, nahm Mario jetzt das Wort wieder an sich und sprach in beruhigendem Ton weiter, denn er hatte die Aufregung in der Stimme seines Enkels wohl bemerkt. „Ich habe mir überlegt, wie wir das Schiff sicherer und zugleich etwas moderner machen können und wenn ihr mir vertraut und wir die Pläne, die ich habe, heute Abend gemeinsam beschließen, dann kann ich loslegen, und wir Eltern können endlich wieder ohne Alpträume schlafen. Einen Haken wird die Sache allerdings haben, das sage ich gleich, wenn ihr zustimmt, dann werdet ihr für eine Weile nicht segeln können. Mit weit aufgerissenen Augen blickten die Kinder sich gegenseitig an. Auch das noch, eine Zeit lang nicht mehr segeln zu dürfen, das kam ja einer nachträglichen Bestrafung gleich und alles nur, weil der alte Seebär Angst hatte, es könnte noch einmal so etwas passieren wie im Sommer! Trotzig, enttäuscht und mit finsterer Miene schauten die Kinder den bärtigen Mann vor ihnen an. Seit Wochen hatten sie sich an sämtliche seiner Anweisungen gehalten und wollte Mario die skeptischen Kinder von seinen Ideen überzeugen, dann musste er jetzt schon sehr gute Argumente vorbringen.

    Stumm beobachtete Mario die Gesichter der vier, bevor er endlich weitersprach. Wahrscheinlich waren nur zwei oder drei Sekunden vergangen, aber die Art, wie Mario die Kinder ansah, erinnerte zumindest seinen Enkel an den Moment Anfang des Sommers, als er seinen Großvater zum ersten Mal wiedersah. Seinerzeit war er unerlaubt an Bord der Esmeralda gegangen, weil die Neugier ihn trieb und er unbedingt herausfinden wollte, wem das alte Segelschiff gehörte. Wie einen Verbrecher hatte die englische Bulldogge Namens Krause ihn gestellt und seinem Gebell folgend, hatten Luigi, Luca und Toto ihn dann in das Schiffsinnere geführt und dem alten Mann vorgestellt. Auch damals hatte Großvater Mario ihn so wie jetzt angesehen, und als der Junge erkannte, wer vor ihm stand, da fiel die Angst des Momentes von ihm ab. Etwa so erging es ihm auch in diesem Moment und wie von selbst entspannte sich sein Körper und das Gesicht begann vertrauensvoll zu lächeln.

    „Uns ist doch klar, wie sehr ihr das Schiff liebt, tönte Marios tiefe Stimme weiter, „und auch, wieviel Zeit ihr auf der alten Lady täglich verbringt! Ich liebe das Schiff mindestens so sehr wie ihr und ich würde nie etwas unternehmen, was der alten Lady nicht gut tun würde. Ihr sollt auch nicht bestraft werden, falls das jemand von euch gerade gedacht hat, ganz bestimmt nicht! Als Entschädigung dafür, dass ihr für einige Wochen auf die Segelei verzichtet, möchten wir euch ein Angebot machen, dem ihr hoffentlich zustimmen werdet. Ein Angebot, bei dem ihr eure Freizeit für eine Weile auf andere Weise verbringen werdet, danach könnt ihr wieder frei entscheiden, was ihr in eurer Freizeit unternehmen wollt.

    „Paps, meldete sich Toto, nach deren Meinung ihr Vater wieder einmal zu lange um den heißen Brei herumredete „was genau willst du uns sagen? Raus mit der Sprache, was wirst du mit dem Schiff machen und womit sollen wir uns die Zeit vertreiben? „Na ja", antwortete Mario, dem das Temperament seiner kleinen Tochter imponierte und deren klare und direkte Art

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