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Rabenschwarz: in between
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eBook511 Seiten6 StundenRabenschwarz

Rabenschwarz: in between

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Über dieses E-Book

Kaito realisiert beim Besuch seines besten Freundes Rin, dass er in ihn verliebt ist. Schmetterlinge, Herzklopfen, das volle Programm. Diese Erkenntnis für sich zu behalten ist schon schmerzhaft genug, wäre da nicht noch die Tatsache, dass Rin aus unbekannten Gründen den Kontakt so weit verringert, bis er vollends abbricht.

Mit den Erwartungen seines Vaters im Nacken und dem Anspruch an sich selbst, ein verantwortungsbewusster, großer Bruder für seine Schwestern zu sein, trifft Kaito Entscheidungen, mit denen er nicht nur sich selbst schadet, sondern auch seinem Umfeld.

Aber der Gedanke, die eigene Sexualität überlisten zu können, ist zu verlockend, als ihm keine Macht über seine Handlungen zu verleihen. Doch was passiert, wenn alles zu viel wird? Was ist, wenn das Doppelleben auf einmal so erdrückend wird, dass selbst Kaito diese Last nicht mehr tragen kann?

»Ich wünsche mir, dass es keinen Tag in deinem Leben mehr gibt, an dem du dich dafür verurteilst.«


Triggerwarnungen: (Internalisierte) Homofeindlichkeit, Substanzenmissbrauch (Alkohol), körperliche und seelische Gewalt
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum14. Juni 2023
ISBN9783347945388
Rabenschwarz: in between
Autor

Nina Linz

Ich bin Nina, geboren 1996 in der Oberpfalz und seither dort geblieben. Meine Ausbildung zur Steuerfachangestellten habe ich 2019 abgeschlossen und gemerkt: Das hier soll nicht meine Zukunft sein. Ende 2019 habe ich angefangen, die Geschichte, die später meine Trilogie "Hidden Spirits" geworden ist, als Webtoon zu zeichnen. Schnell fiel mir auf, dass ich all die Worte in meinem Kopf nicht nur mit Bildern ausdrücken kann. Und dann fing ich an zu schreiben. Wie ich es früher in meiner Kindheit schon getan habe, aber mir immer dachte: Wie soll ich davon schon leben? Innerhalb von 2 Monaten habe ich den 1. Band meiner Trilogie (Hidden Spirits - Eisblau) geschrieben und diesen nach einigen Runden Probelesen schließlich im Mai veröffentlicht. Darauf folgte Band 2 (Hidden Spirits - Feuerrot) und Band 3 (Hidden Spirits - Schneeweiß). Zwischen Band 2 und 3 habe ich auch noch in Eigenproduktion ein Hörbuch zu Band 1 aufgenommen, das mir den letzten Nerv geraubt hat, aber hey - ich hab's geschafft, nicht wahr? Diese Trilogie ist mein Schatz, damit fing alles an. In diesen Seiten habe ich meine Gedanken, Wünsche & Ängste verarbeitet und all mein Herzblut hineingesteckt. Diese Charaktere sind fiktiv, aber sie waren über die ganzen Monate an meiner Seite und sind mir ans Herz gewachsen, völlig egal ob real oder nicht. Mit dem letzten geschriebenen Satz der Trilogie war mir aber klar: Das war's noch nicht. Dieses Universum muss weiterleben. Und so entstand "Rabenschwarz - sleepless nights". Rin, der Hauptcharakter, ist eine Figur, die mir persönlich sehr, sehr viel bedeutet, in die ich am meisten meiner eigenen Persönlichkeit gesteckt habe. Ich habe ihm Leben eingehaucht - mit meinem eigenen. Und damit ist er nicht alleine. Werde ich jemals aufhören zu schreiben? Ich hoffe nicht. Ich hoffe ich lache meiner Angststörung irgendwann ins Gesicht und sage: "Du bist zwar ein Teil von mir, aber du kontrollierst mich nicht." Und ich bin auf einem guten Weg dorthin. Denn die Angst vor der Veröffentlichung habe ich nun schon 4 mal besiegt - und wer sagt, dass das nicht immer wieder funktionieren kann?

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    Buchvorschau

    Rabenschwarz - Nina Linz

    Kapitel 1

    Der letzte Tag

    Jup. Das waren definitiv Schmetterlinge in seinem Bauch. Beim Anblick seines besten Freundes vor der zischenden Kaffeemaschine ihres Hotelzimmers. Milchschaum an der Stirn, die Bedienungsanleitung in der Hand und der Blick so traurig, als hätte er gerade einen Kuchen aus dem Ofen geholt und prompt auf den Boden fallen lassen.

    Aber von vorne.

    Als Kaito und Rin an diesem Nachmittag in ihr Hotelzimmer eincheckten, waren da noch keine Schmetterlinge. Gut, okay, ein paar Raupen vielleicht. Die ein oder andere unter Umständen geschlüpft, was auch immer. Zumindest verhielten sie sich zu diesem Zeitpunkt noch friedlich genug, um sich ignorieren zu lassen.

    Rin war bei ihm zu Besuch. In Japan. Vor einem halben Jahr war Kaito mit seiner Familie – nach zehn Jahren in Deutschland – zurück in ihr Heimatland gezogen. Seinen besten Freund Rin in Deutschland zurückzulassen, war die wohl größte Qual für ihn gewesen.

    Und war es noch immer.

    Obwohl sie noch vor ein paar Monaten bereits fünf Stunden Zugfahrt getrennt hatten, lagen nun sieben Stunden Zeitverschiebung und eine Menge Land und Wasser zwischen ihnen. Das war noch mal eine ganz andere Liga.

    Für die letzte Nacht in Japan hatte Rin Kaito mit einer Übernachtung in diesem Hotel überrascht. Rins Eltern schliefen in einem Hotelzimmer, das auf der gegenüberliegenden Seite des Hotels lag. Da sie beide erst 17 Jahre alt waren, hatten Rins Eltern die Zimmer gebucht, doch Rin ließ es sich nicht nehmen, sie zu bezahlen.

    Das Hotelzimmer war geräumig, stilvoll eingerichtet und hatte eine unschlagbare Besonderheit: einen eigenen, privaten Onsen auf der Terrasse, von dem man einen atemberaubenden Blick übers Tal hatte. Vom Frühjahr waren sie leider noch zu weit entfernt, sonst würden wohl überall rosa Kirschblütenblätter von den Bäumen tanzen.

    Kaito liebte alleine den Gedanken, sich bei der Kälte, die der Februar mit sich brachte, in heißes Quellwasser gleiten zu lassen und einfach nur zu entspannen.

    »Gehen wir direkt in den Onsen?«, fragte er Rin. Sein Blick traf auf amüsierte, graue Iriden, versteckt hinter schwarzen Haarsträhnen, die Rin schon fast in die Augen piksten.

    »Keine Zeit vergeuden, hm?«, kam es neckisch von Rin zurück, der seinen Koffer in einer Art Wohnküche parkte. Es war viel mehr eine kleine Küchennische mit Kaffeemaschine, Kühlschrank und Wasserkocher und daneben ein Kotatsu, aber das reichte vollkommen.

    Über den Kotatsu freute Kaito sich neben dem Onsen am meisten. Sich abends mit einer Tasse Tee dorthinsetzen und weiterhin unter dem kniehohen Tisch beheizte Beine haben? Das war der Jackpot.

    Kaito warf seinen Rucksack auf einen mit beigem Stoff bezogenen Holzsessel und stellte sich an das Fenster zur Terrasse.

    »Dir macht’s nichts aus, wenn ich nackt reingehe, oder?«, fragte er und drehte Rin, der hinter ihm stand, den Oberkörper zu.

    »Äh, nein«, antwortete Rin. »Ich …«

    »Du musst nicht nackt rein, Rinji«, beruhigte er seinen besten Freund mit einem versichernden Lächeln. »Aber meine Badehose wär sonst nur nass, am Ende trocknet die über Nacht nicht und letztlich ist es mir eh völlig egal, wer mich nackt sieht.«

    »Okay«, sagte Rin nickend, schlurfte in Richtung Koffer und öffnete ihn. »Ich komm dann gleich nach.«

    »Perfekt!«

    Kaito streifte prompt seine Kleidung ab, schnappte sich Bademantel und Handtuch und schlüpfte durch einen schmalen Spalt in der Terrassentür nach draußen, ehe er selbige wieder hinter sich schloss.

    Von hier aus war der Ausblick noch eindrucksvoller. Der Onsen sah aus wie eine kleine Grotte, schätzungsweise fünf mal zwei Meter lang, wovon das hinterste Stück unter einem modellierten Felsen verschwand. Außenrum war alles mit Holzplanken ausgelegt, welche zwar ihre besten Zeiten hinter sich hatten, aber dennoch nicht gammlig wirkten. Es sah harmonisch und gemütlich aus, vermittelte eindeutig das Gefühl einer Wellnessoase.

    Den Bademantel hing Kaito an einem Haken auf, legte das Handtuch auf einen Schemel und stieg ins Becken. Heißes Quellwasser umspülte seine Knöchel, seine Knie und schließlich auch seinen Bauchnabel. Viel tiefer ging es nicht, weil man in diesem Becken für gewöhnlich lag oder saß, um sich zu entspannen. Kaito verschränkte die Arme auf dem felsigen Beckenrand, legte den Kopf darauf ab und schloss die Augen.

    Als er ein Klacken neben sich vernahm, schielte er mit einem halb geöffneten Auge in Richtung Tür und staunte nicht schlecht, als er Rin erblickte.

    Nackt, wohlgemerkt.

    Eigentlich keine erwähnenswerte Sache, wenn man bedachte, dass das eben die Kultur hier war und es auch in Deutschland sowas wie Saunen oder Gemeinschaftsduschen gab. Aber Kaito kannte seinen besten Freund besser und wusste, was es für Rin bedeutete, sich so zu zeigen.

    Um ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, angestarrt zu werden, schloss Kaito wieder die Augen. Als Rin ins Wasser stieg, schwappten seichte Wellen über Kaitos eisig kalte Schultern und ließen ihn zufrieden seufzen.

    »Bin ich froh, dass wir hier ’nen privaten Onsen haben«, sagte Rin, während er sich ins heiße Wasser gleiten ließ. Er tat es Kaito gleich und spiegelte seine Pose mit den Armen auf dem Beckenrand.

    »Ist aber auch ein echt cooles Hotelzimmer«, erwiderte Kaito, der Blick nun Rin zugewandt. »Danke, dass du das organisiert hast.«

    Rin sah zwar geradeaus aufs Tal, doch Kaito bemerkte Rins sorgenvoll gerunzelte Stirn trotzdem.

    »Ich weiß, dass du dich überarbeitest. Hiermit geh ich sicher, dass du dich wenigstens an deinem letzten Urlaubstag entspannst.«

    Kaito senkte bedrückt den Blick. Wenn das doch nur so einfach wäre.

    Im nächsten Moment spürte er allerdings wieder warmes Wasser in seinem Nacken und sah sich über die Schulter. Rin hatte sich ihm zugedreht und erzeugte mit der Hand kleine Wellen, die ihm über die Haut schwappten.

    »Du unterkühlst sonst noch.«

    »Sagst gerade du?«, konterte Kaito und stieß ein leises Lachen aus, ehe er mit einer Hand eintauchte, etwas Wasser in selbige schöpfte und es über Rins Schulter tröpfeln ließ. Mit dem letzten Tropfen senkte er seine Hand ab und strich Rin über die Haut.

    Sie hatten ein so enges Verhältnis zueinander – obwohl sie sich auch in Deutschland nur dreimal gesehen hatten –, dass es Kaito eigentlich nicht überraschen sollte, wenn Rin wie jetzt den Kopf schief legte und sich mit der Wange an seine Hand schmiegte.

    In diesem Moment setzte erstmals etwas in Kaito aus, wenn auch nur für eine Sekunde. Seine Hand verharrte in ihrer Bewegung, während er Rin perplex anstarrte. Noch bevor Rin misstrauisch werden konnte, führte Kaito seine Hand an Rins Nacken und massierte ihn dort. Zeichnete mit seinem Daumen Kreise um das herzförmige Muttermal zwischen Rins Schultern.

    Rin war sein bester Freund. Sein engster Freund. Kaito war in den düstersten Zeiten an Rins Seite gewesen, und Rin auch an seiner. Aufgrund der immensen Selbstzweifel, die Rin begleiteten, würde er zwar wohl nie hundertprozentig glauben, dass Kaito so dankbar für ihn war wie andersherum, aber es war so.

    Situationen wie diese waren für ihn deshalb so besonders, weil er wusste, dass Rin große Probleme mit Nähe hatte. Rins Exfreundin hatte ihn gegen seinen Willen angefasst und bedrängt, was Rin völlig aus der Bahn warf. Selbstverständlich.

    Sie beide hatten allerdings schon bei Kaitos letztem Besuch in Deutschland – Monate nach dem Vorfall mit Rins Exfreundin – miteinander gekuschelt. Sich im Bett fest umarmt und auf Wange und Stirn geküsst. Auch wenn diese Küsse alle von Kaito ausgingen, wusste er, dass Rin sie in jenem Augenblick genoss.

    Was Kaito faszinierte, war, dass sie nicht erst wieder das Eis brechen mussten, als Rin mit seinen Eltern in Japan ankam. Sie waren von der ersten Sekunde an so vertraut miteinander gewesen, dass es Kaito das Herz brach, nur daran zu denken, seinen besten Freund bald wieder gehen lassen zu müssen.

    Als ihm aufgrund seiner Gedanken ein tiefes Seufzen entkam, drehte Rin ihm den Kopf zu und zog fragend die Augenbrauen in die Höhe.

    »Ich kann mich nicht entspannen«, flüsterte Kaito trübselig.

    Rin zog ganz sachte einen Mundwinkel in die Höhe. »Na komm. Du hattest ’nen coolen Urlaub, startest voller Energie in eine neue Arbeitswoche und hast auch wieder ein bisschen mehr Zeit für dich, wo ich-«

    »Rinji«, unterbrach er Rin mit gedämpfter Stimme. »Uns beiden ist klar, dass ich normalerweise die Person bin, die sich keine Gedanken um morgen macht, aber ich bin gerade einfach traurig. Ich will nicht, dass du morgen wieder weg bist.«

    »Ich doch auch nicht«, hauchte Rin mindestens genauso niedergeschlagen.

    »Vor ein paar Monaten hab ich dir noch gesagt, dass das alles nicht so schlimm wird«, sagte Kaito und lachte wehmütig. »Aber ich vermisse es, am Abend ’ne Runde mit dir zu zocken. Dich abends immer zu hören.«

    »Mir geht’s doch auch so«, entgegnete Rin. »Aber ich dachte nicht, dass es dich so mitnimmt.«

    »Ich bin anhänglicher als ein Affenbaby, Rinji«, lachte Kaito. »Das weißt du doch.«

    »Findest du?«, meinte Rin und zuckte mit den Achseln. »Für mich bist du ganz normal.«

    »Ich hatte sogar kurz den Gedanken, abzubrechen und doch eine Ausbildung in Deutschland zu ma-«

    »Kai«, unterbrach Rin ihn in durchaus ernstem Ton. »Sprich das nicht aus. Ich bewundere dich unter anderem dafür, dass du Dinge durchziehst, egal, welches Opfer du dafür bringen müsstest.«

    »Ich würd’s ja auch nicht tun«, stellte Kaito klar. »Aber der Gedanke war da.«

    »Warum?«

    Um bei dir zu sein. »Gewohnheit?«

    Rin warf ihm aus dem Augenwinkel einen flüchtigen Blick zu. Er war skeptisch.

    »Du machst nichts einfach aus Gewohnheit. Du bist ehrgeizig und zielorientiert. Lass dich nicht davon abbringen. Durch nichts und niemanden.«

    Niemanden … Auch nicht durch dich? »Keine Sorge, werd ich nicht«, versicherte er. »Aber wenn bei dir etwas ist, hab ich einfach das Bedürfnis, dir beizustehen. In echt, nicht übers Handy. Das ist doch nicht verwerflich, oder?«

    Rin schüttelte stumm den Kopf.

    Die nächsten Minuten sprachen sie nicht, sahen stattdessen beide nachdenklich in die Ferne. Kaito war sich nicht ganz sicher, ob er Rin mit dem, was er vor ein paar Minuten sagte, verärgert hatte. Es hatte fast so gewirkt, als hätte Rin nicht hören wollen, dass Kaito gerne bei ihm sein wollte. Aber das konnte nicht sein.

    Nach einer Stunde im heißen Quellwasser machte er Rin auf ihre aufgequollene Haut aufmerksam, woraufhin sie sich entschieden, sich abzutrocknen und nach drinnen zu verziehen.

    Rin stieg als Erstes aus dem Wasser. Eine Reihenfolge, die Kaito nicht unbedingt durchdacht hatte. Warum auch? Es war nicht so, als hätte er es darauf angelegt oder extra hingestarrt, aber Rins Hintern vor seinen Augen war nichts, worüber Kaito sich lauthals beschweren wollte.

    Süß.

    Und knackig.

    Himmel, was war das denn? Wo kam dieser Gedanke her und wo verdammt nochmal wollte er hin?

    Bevor er zu lange darüber nachgrübelte, was für Synapsen sich da gerade zusammengeschaltet hatten, stieg er direkt hinter Rin aus dem Wasser und schnappte sich flink sein Handtuch, um es sich um die Hüfte zu wickeln. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Zur Sicherheit noch den Bademantel drüber und ein Abstecher auf die Toilette.

    Doppelt hält besser.

    Kapitel 2

    Die letzte Nacht

    Kaito sah sich im Badezimmerspiegel an und seufzte. Der rote Kopf kam vom warmen Wasser, okay. Aber dass er sich gerade wie irre auf die Unterlippe biss, war seiner Nervosität zuzuschreiben.

    Kopfschüttelnd griff er nach seinem Kulturbeutel, den er mit ins Badezimmer genommen hatte, und zog einen Lippenbalsam daraus hervor, den er auch prompt auftrug. Während er das tat, beäugte er seine Haare kritisch.

    Die pinke Farbe, die ihm beim letzten Besuch in Deutschland mitsamt kurzem Schnitt verpasst worden war, war schon ein paar Zentimeter hinausgewachsen. Die schwarzen Haare an den Seiten wie immer auf wenige Millimeter abrasiert, wollte er den Iro wieder auf Kinnlänge wachsen lassen. Er stellte ihn sowieso nie auf, sondern ließ ihn lieber über eine Kopfhälfte nach unten hängen. Vorzugsweise in Moosgrün.

    Ein braunes und ein grünes Auge starrten ihn im Spiegel an und fragten ihn, warum er sich gerade im Bad versteckte, anstatt so viel Zeit wie nur möglich mit Rin zu verbringen. Eine Antwort darauf hatte er selbst nicht wirklich. In diesem Augenblick schürte sich die Angst in ihm, diese beschissenen Raupen nicht mehr ignorieren zu können, je länger er sich in Rins Nähe befand. Aber das änderte nichts daran, dass er in seiner Nähe sein wollte.

    »Kai?«, erklang es aus dem Wohnbereich, worauf Kaito den Lippenbalsam zurück in den Kulturbeutel warf und die Badezimmertür aufschob.

    »Ja?«

    »Ich hab Tee gemacht«, sagte Rin, hob die Teekanne zur Demonstration und deutete mit dem Kinn in Richtung des Kotatsus. »Setzen wir uns hin?«

    »Unbedingt!«, flötete Kaito und steuerte mit federndem Gang den niedrigen Tisch an. »Aaah, Sekunde. Brauch noch Socken, meine Füße sind schon wieder kalt.«

    Rin setzte die Kanne auf einem Untersetzer ab und nahm auf einem Kissen Platz. »Nach dem Onsen?«, fragte er.

    »Meine Füße sind scheinbar nicht Teil meines Blutkreislaufs«, lachte Kaito und schlüpfte in ein Paar Socken, ehe er sich Rin gegenüber hinsetzte und die Beine unter der Decke des Kotatsus ausstreckte. Dabei rempelte er allerdings Rin am Oberschenkel an. »Ups, sorry!«

    »Gib mal her die Quadratlatschen«, sagte Rin grinsend und griff auch schon unter dem Tisch nach Kaitos Füßen.

    »Ey!«, lachte er und japste dabei empört nach Luft, ließ Rin aber bereitwillig einen seiner Füße in die Hände nehmen. »Das ist wertvolles Gut, also Vorsicht!«

    »Schon klar«, entgegnete Rin belustigt und begann damit, Kaitos Fuß mit beiden Händen durchzukneten. »Ich geb mir Mühe, deine königlichen Füße mit meinen bäuerlichen Händen nicht zu ruinieren.«

    »So ist’s recht.« Kaito grinste nur und schenkte ihnen beiden eine kleine Tasse Tee ein, während Rin von einem zum anderen Fuß wechselte. »Sorry übrigens, falls ich vorhin was Falsches gesagt hab. Wegen dem, dass du mir abgehst und so …«

    Rin hielt ganz kurz inne, massierte dann aber weiter. »Ich bin schlechter darin, im Moment zu leben, aber ich will die Zeit, die bleibt, einfach genießen. Ich will jetzt nicht an morgen denken.«

    »Okay«, entgegnete Kaito nickend. »Dann lass uns jetzt die beste Zeit haben, von der wir Jahre zehren könnten.«

    Rin sah ihn nicht an, sondern nickte wieder nur stumm. Aber er hatte ja gesagt, dass er den Moment genießen wollte, deshalb erwartete Kaito auch keine Antwort.

    Es dauerte allerdings nicht lange, da erhob Rin das Wort und schlug vor, Essen zu bestellen. Während sie darauf warteten, nahm Kaito es an sich, zum Zimmer von Rins Eltern Mareike und Natsuki zu huschen und Natsuki um zwei Flaschen Bier anzuhauen, der sie ihm mit einem Zwinkern übergab. Rin und Kaito waren zwar erst 17, aber da alkoholische Getränke wie Bier in Deutschland schon ab 16 Jahren in Ordnung waren – nicht wie in Japan ab 20 –, drückte Natsuki wohl ein Auge zu.

    Den restlichen Abend verbrachten sie auf dem Hotelzimmer. Mit ihrem Bier, dem Essen und ihren portablen Konsolen, über die sie zusammen zockten. Sie lachten, bis sie davon weinen mussten und kickten sich mit den Füßen, um den anderen zu sabotieren.

    Was Kaito den Abend über auffiel, war Rins Bedürfnis nach Körperkontakt. Als würde er für die nächste Zeit vorsorgen wollen, war er untypisch proaktiv. Er wechselte sogar die Tischseite, um neben Kaito zu sitzen, und lehnte sich an ihn, als wäre das normalerweise nicht eigentlich Kaitos Verhaltensmuster.

    Rin rieb sich mit der Wange an Kaitos Schulter, was Kaito ein leises Lachen entlockte.

    »Wollen wir uns hinlegen?«, fragte er Rin, der bestätigend nickte.

    »Schieben wir die Futons zusammen und kuscheln?«

    Gut, dass Rin den Blick auf die Konsole gerichtet hatte. Kaito riss in diesem Moment die Augen nämlich so weit auf, dass Rin das mit Sicherheit als Ablehnung gewertet hätte. Allerdings war er viel mehr überrascht davon, wie sehr Rin den Kontakt suchte.

    Ja, miteinander zu kuscheln war keine Neuheit. Dass Rin das verbal einforderte aber definitiv.

    »Gerne, ja«, hauchte Kaito und schluckte. Er konnte nur hoffen, dass die Raupen in seiner Magengegend noch weit vom Schlüpfen entfernt waren.

    Sie verstauten die Konsolen in ihren Rucksäcken, verräumten das Geschirr und machten sich auf den Weg ins Schlafzimmer. Dort schoben sie sogleich die Futons aneinander und ließen sich darauf nieder.

    Rin legte sich auf den Rücken, streckte den Arm zur Seite aus und winkte Kaito zu sich. Mit einem Lächeln auf den Lippen warf Kaito sich auf die Seite, schlang die Arme um Rins Oberkörper und bette den Kopf auf seine Brust.

    Rins Wärme, die Kaitos ganzen Körper flutete wie das Thermalwasser des Onsens, machte es verdammt schwer, die Raupen im Winterschlaf zu behalten. Als Rin einen Arm um seine Schultern legte, ihn an sich drückte und ihm mit der anderen Hand durchs Haar fuhr, setzte sein Atem endgültig aus.

    Kaito war selten überfordert oder ratlos. Aber in der jetzigen Situation war er es. Er wollte Rin bei sich behalten, wollte diese Raupen schlüpfen lassen und sie am liebsten auch seinem besten Freund einpflanzen.

    Aber das hier war nicht mehr als eine sehr enge, platonische Freundschaft. Für Rin. Für Kaito war es das lange Zeit auch gewesen, doch mit diesem Urlaub hatte sich etwas verändert. Und er musste sich zwingen, ihre Freundschaft zueinander auch als nicht mehr als das anzusehen. Rin zuliebe.

    »Danke für die schönen Tage«, hauchte Rin und tat dann etwas, was Kaito völlig aus der Bahn warf.

    Rin legte eine Hand an Kaitos Kopf, um ihn an Ort und Stelle zu behalten, und drückte ihm sanft die Lippen auf die Stirn. Aber nicht nur flüchtig, sondern mehrere Sekunden lang. Seine Haut brannte unter Rins Lippen und leitete die Hitze in Wellen durch seinen Körper, bis in die Zehenspitzen. Von eisig kalten Füßen keine Spur mehr.

    Bevor Rin die Lippen wieder von ihm löste, drückte er sie nochmal fester gegen Kaitos Stirn, aber immer noch sanft genug, dass es gefühlvoller bei Kaito ankam, als es wahrscheinlich beabsichtigt war.

    Er war verloren.

    An der Intensität, mit der Kaito sich in Rins Bademantel krallte, musste auch Rin auffallen, dass Kaito diese Geste überrumpelt hatte. Er krallte sich nur so sehr an Rin fest, weil er das Bedürfnis unterdrücken musste, den Blick zu heben und diesen auf die Lippen seines besten Freundes zu richten. Stumm darum zu bitten, diese unsichtbare Grenze zu überschreiten. Ihm mit den Fingern ins dichte, pechschwarze Haar zu fahren und zu sich zu ziehen, ihn voller Hingabe zu küssen und ihm zuzuflüstern, dass er sich wünschte, dieser Moment würde ewig anhalten.

    Als Rin dann auch noch damit begann, ihm über den Oberarm zu streicheln, wusste er, dass er das hier stoppen musste, um keine Dummheiten zu begehen. Deshalb drückte er Rin noch mal fest, löste sich schweren Herzens von ihm und drehte sich auf die andere Seite.

    »Schlaf gut, Rinji«, sagte Kaito und knipste das Licht aus.

    Kaito hätte schwören können, in Rins kurzem »Gute Nacht« ein gewisses Bedauern zu hören, weil er sich so abrupt von ihm abgewandt hatte.

    Aber das war wohl viel mehr Wunschdenken.

    Kapitel 3

    Der letzte Morgen

    Als Kaito am darauffolgenden Tag aufwachte, lag Rin schon nicht mehr neben ihm. Aber das war besser so. In seinem Halbschlaf hätte er sich wahrscheinlich nur an ihn gekuschelt und mal ehrlich, das würde die Situation nicht gerade optimieren.

    Nachdem er sich – veranlasst durch eine zweisekündige Panik – darüber versichert hatte, dass er rechtzeitig aufgewacht war und Rin noch da sein musste, hörte er schon ein Fluchen aus Richtung des Wohnbereichs.

    Er stemmte sich hoch, zupfte sich den Bademantel zurecht und schlurfte zur Tür, die er zu den Seiten hin aufschob. Dann trat er auf den kurzen Flur und riskierte einen Blick dorthin, wo er Rin vermutete.

    Und genau das war er. Der Moment. Das war exakt der Zeitpunkt, an dem Kaitos wild klopfendes Herz und diese verdammten, geschlüpften Schmetterlinge in seinem Bauch ihm unmissverständlich und unwiderruflich zu verstehen gaben, dass er verliebt war. In Rin.

    Rin stand vor der Kaffeemaschine, mit der Bedienungsanleitung in der Hand, völlig verzweifelt und hoffnungslos. Milchschaum klebte ihm an der Stirn und quoll aus dem Behälter auf der Küchenzeile, die aussah, als hätte Rin einen mit Milch gefüllten Ballon vor sich zerplatzen lassen. Und dennoch wirkte diese Situation so … heimisch. Familiär. Als wäre das hier ihr Zuhause, als müsste er nur die paar Schritte zu ihm überbrücken, ihm einen Kuss geben und alles wäre wieder in Ordnung.

    »Rinji?«

    Rin riss erschrocken den Kopf hoch und sah dann wieder panisch zu dem Chaos neben sich.

    »Äh«, stammelte Rin und kratzte sich am Hinterkopf. »Das hab ich mir jetzt anders vorgestellt.«

    Kaito konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Wolltest du dir einen Kaffee machen?«

    Ein Kopfschütteln. »Ich wollte dir einen Kaffee machen«, korrigierte Rin ihn. »Betonung liegt eigentlich auf wollte

    »Das ist sehr aufmerksam von dir.«

    »Ich dachte mir, wenn der Tag schon eher unschön endet, soll er wenigstens gut anfangen?« Rin spitzte die Lippen, als er auf die Milch sah, die von der Arbeitsplatte auf den Boden tropfte und legte den Kopf schief. »Jetzt ist der Anfang allerdings auch scheiße.«

    Er wollte Rin dafür drücken und abknutschen, dass er ihm einfach nur einen Kaffee machen wollte, um ihn aufzuheitern.

    »Der Wille zählt«, sagte er stattdessen.

    »Na toll«, schmollte Rin. »Das Ergebnis ist trotzdem scheiße.«

    »Aber es kommt nicht immer aufs Ergebnis an, sondern auf den Weg dorthin.«

    »Der war auch scheiße«, brummte Rin.

    Mit einem amüsierten Kopfschütteln ging er nun auf Rin zu, nahm ihm die Bedienungsanleitung aus der Hand und durchsuchte die Schränke nach einer Art Schwamm.

    »Ich freu mich trotzdem«, stellte er klar.

    »Ich weiß, das ist dann nicht selbst gemacht, aber darf ich dir zur Wiedergutmachung schnell einen Kaffee kaufen gehen?«

    Kaito wunderte sich ein wenig darüber, wie aufgekratzt Rin wirkte. Als würde er alles richtig machen wollen, obwohl es gar keinen Grund dafür gab. Niemand hatte Geburtstag, Namenstag oder was auch immer man vielleicht feiern würde. Und nur weil er am Nachmittag das Land wieder verließ, bedeutete das ja nicht, dass er deshalb jetzt in eine Art Vorleistung gehen musste.

    »Du brauchst doch nichts wiedergutzumachen?«, entgegnete Kaito verwirrt. »Ich mach das schnell sauber, lass mir einen Kaffee raus und du machst dir einen Tee.«

    »Wie?«, fragte Rin verwundert. »Ich hab die Maschine nicht kaputtgemacht?«

    »Du hast den Milchschäumer etwas überstrapaziert, wie’s aussieht. Aber da ist nichts kaputt.«

    Rin entkam ein enorm erleichtertes Seufzen, ehe er sich auf die Armlehne des nebenstehenden Sessels sinken ließ. »Ich dachte schon, ich müsste jetzt mit der Rezeption reden.«

    Kaito verkniff sich den Kommentar, dass er das schon für ihn übernommen hätte, und wischte die letzten Milchreste von der Theke. Den restlichen Tag verbrachten sie noch auf ihrem Hotelzimmer, bis es dann am frühen Nachmittag Zeit wurde, den Bahnhof anzusteuern, an dem sich ihre Wege trennen würden. Rin und dessen Eltern würden sich auf den Weg zum Flughafen machen und auch Kaito musste zurück nachhause fahren.

    Er hätte seine Seele dafür verkauft, Rin bei sich behalten zu können. Aber entweder hatte er keine anzubieten oder der Teufel war speziell an seiner nicht interessiert, weshalb sich das Unvermeidliche nicht länger aufhalten ließ.

    »Du machst es mir aber auch echt nicht leicht, Kai«, sagte Rin, begleitet von einem leisen, liebevollen Lachen, während sie sich umarmend am Gleis standen.

    Er wollte es Rin auch gar nicht leicht machen. Aus purem Egoismus betrachtet wollte er, dass Rin in Japan bleiben würde, mit ihm für die nächsten drei Jahre in eine Wohnung zog und sie sich zusammen ein Business aufbauten, wie sie es geplant hatten.

    Rational betrachtet war ihm jedoch klar, dass das unklug, ungesund und unreif war.

    Rins Eltern standen außer Hörweite an einem Snackautomaten und Kaito war froh darüber, weil Rin sich dadurch nicht so beobachtet fühlte. Ihre Umarmung war keine kameradschaftliche, bei der man sich mit den Händen auf den Rücken klopfte und sich dann nochmal eine Brofist gab. Sie umarmten sich anders. Vertrauter.

    Kaito, der ein kleines Stück größer war als Rin, hatte die Arme um Rins Hals geschlungen und Rin umklammerte dafür Kaitos Taille. Sie beide vergruben das Gesicht in der Schulter des anderen und hielten sich so fest, dass es wehtat. Rin roch nach Orangen, mit einem Hauch von Eukalyptus durch das Hotelshampoo.

    Was würde er dafür geben, diesen Geruch jeden Tag um sich haben zu können.

    »Du hättest einfach nicht kommen dürfen«, murmelte er in Rins Kapuze. »Wie soll ich dich denn jetzt wieder gehen lassen?«

    Er vernahm ein ganz leises, bedrücktes Seufzen von Rin, der auf die Frage lieber mit einem Themenwechsel reagierte.

    »Haben dich die letzten Tage etwas entspannen können?«

    Kaito nickte. »Ja.«

    Als er ein paar Menschen registrierte, die von der Unterführung auf den Bahnsteig traten, löste er sich von Rin. Er wusste schließlich, wie unangenehm es Rin war, in der Öffentlichkeit angestarrt zu werden. Besonders aufgrund einer innigen Umarmung. Deshalb zog er die Arme zu sich, trat einen Schritt zurück und steckte die Hände in die Hosentaschen, bevor er noch Gefahr laufen würde, nach Rins Händen zu greifen.

    »Der Zug kommt gleich«, stellte Rin nach einem kurzen Blick auf sein Handy fest und sah Kaito durch seinen schwarzen Pony hindurch an. »Du solltest dich auch auf den Weg zu deinem Gleis machen.«

    »Ich weiß«, erwiderte Kaito und bewegte sich dennoch kein Stück.

    »Ich schreib dir von unterwegs, ja?«

    »Ok.« Ein tiefes Seufzen seinerseits. »Dann verabschiede ich mich noch von deinen Eltern. Hab mich wirklich gefreut, dass du hier warst.«

    »Ich mich auch«, entgegnete Rin mit einem zarten Lächeln auf den Lippen.

    Kaito schlenderte zu Mareike und Natsuki am Snackautomaten, umarmte sie beide und bedankte sich erneut dafür, dass sie es ihnen ermöglicht hatten, sich zu sehen, obwohl Rins japanische Verwandtschaft in einer ganz anderen Präfektur lebte. Rin und dessen Eltern waren nach vier Tagen mit dem Shinkansen aus Nagano bis nach Osaka gereist, nur um noch drei Tage mit Kaito zu verbringen. Das war nicht unbedingt ein Katzensprung, weshalb er noch dankbarer dafür war, dass er Rin sehen konnte.

    Auf dem Weg zur Treppe, die zur Unterführung führte, musste er noch mal an Rin vorbei. Er lächelte seinen besten Freund an und winkte, während dieser sich schon die Ohrstöpsel in die Ohren steckte und mit seiner freien Hand kaum merklich zurückwinkte.

    Nachdem Kaito hinter einer dicken Säule um die Ecke gebogen war, blieb er stehen. Er befand sich außer Sichtweite von Rin, konnte ihn aber unbemerkt beobachten. Was er jedoch sah, schnürte ihm das Herz zusammen.

    Rin wirkte nach außen und in der Öffentlichkeit immer relativ gefasst, ließ sich Emotionen nicht gerne anmerken und hatte sein Pokerface perfektioniert. In diesem Moment war davon aber nicht mehr viel übrig.

    Mit einer Hand signalisierte Rin seinen Eltern, nicht näherzukommen, und wandte das Gesicht von ihnen ab. Unwissentlich drehte er sich in Kaitos Richtung, konnte ihn aber nicht sehen. Weil Rin sich unbeobachtet fühlte, ging er in die Knie, lehnte sich mit dem Rücken an ein Geländer und … weinte. Er wischte sich mit dem Pulliärmel übers Gesicht, dann mit den Händen über die Augen. Kaito konnte sogar aus dieser Entfernung sehen, wie es Rin durchschüttelte.

    Dass es in Japan völlig natürlich war, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder an überlaufenen Orten eine Maske zu tragen, kam Rin, der sich sowieso am liebsten unsichtbar machen wollte, sehr gelegen. Er zog sich eine schwarze Maske aus der Tasche und klemmte sich die elastischen Bänder hinter die Ohren, ehe er sich erneut mit den Pulliärmeln über die Augen tupfte.

    Allein bei diesem Anblick seines besten Freundes war Kaito zum Heulen zumute. Sollte er so tun, als hätte er etwas vergessen, um Rin auf seinen Zustand ansprechen zu können? Nein, das würde ihm viel zu unangenehm sein. Aber warum weinte er? Vermisste er ihn vielleicht auch schon? Oder war er völlig reizüberflutet und alles war ihm zu viel?

    Kaito wollte ihn so unbedingt in den Arm nehmen, aber es war ihm nicht möglich. Er konnte Rin nicht mal deshalb schreiben, weil er es ja eigentlich nicht wusste.

    Da es sich nicht richtig anfühlte, Rin heimlich zu beobachten, nahm er einen tiefen Atemzug und hüpfte die Treppen zur Unterführung hinunter.

    Sie würden das schon überstehen.

    Bis zum nächsten Besuch.

    Kapitel 4

    Ausschleichen

    Seit fast drei Jahren waren Rin und Kaito befreundet. Nach einem Vorfall im Sommer letzten Jahres, in dem Rin von seiner Exfreundin genötigt wurde und sich in seiner Verzweiflung Kaito anvertraute, wurde ihre Freundschaft allerdings erst so richtig intensiv. Intensiv, weil sie sich näher waren, als Kaito irgendjemandem in seinem Leben je gewesen war. Kaito hatte zwar enge Freunde und war auch seiner letzten Exfreundin sehr nah gewesen, aber das mit Rin war anders.

    Besonders seit diesem damaligen, für Rin traumatischen Ereignis schrieben sie täglich. Sie hielten sich immer auf dem Laufenden, tauschten sich über die größten Nichtigkeiten aus und waren zu jeder Tag- und Nachtzeit füreinander da.

    Wenn Kaito mitten in der Nacht um 3 Uhr aus einem Albtraum erwachte, in dem seinen zwei kleinen Schwestern etwas zugestoßen war, dann musste er Rin nur eine Nachricht schreiben und sprach keine Minute später mit ihm darüber. Dann philosophierten sie über Träume, recherchierten noch in derselben Nacht, wie man lernen konnte, Träume zu lenken.

    Sie schrieben mehr als zu telefonieren, aber das war ihnen auch beiden recht so. Aufgrund der Zeitverschiebung waren Telefonate sowieso eher unpraktisch und in Nachrichten konnten sie immer, wenn ihnen etwas einfiel oder sie dem anderen etwas mitteilen wollten, alles niederschreiben und sich auf die Antwort freuen.

    Zumindest Kaito freute sich immer.

    Rin hatte ein bisschen gebraucht, um zu verinnerlichen, dass auch er so eine Freundschaft verdiente. Dass er weinen, dass er Nähe zulassen durfte. Dass das kein Ausdruck von Schwäche war. Bei Rins erstem Anruf beim Psychotherapeuten war Kaito anwesend gewesen, hatte ihm beigestanden. Ihn davor und danach in den Arm genommen und ihm gesagt, wie stolz er auf ihn war.

    Kaito hatte wirklich geglaubt, dass sein bester Freund sich zu Herzen genommen hatte, wie viel er ihm bedeutete. Doch seit ein paar Tagen zweifelte er diesen Glauben an.

    Irgendetwas war anders. Seit Rins Besuch in Japan hatte sich etwas verändert. Aber nicht ins Positive.

    Eigentlich hatte Kaito angenommen, dass sie sich – wie nach jedem ihrer persönlichen Treffen – noch näher sein würden als zuvor. Stattdessen spürte er eine nie dagewesene Distanz zu Rin und es kam ihm unmöglich vor, diese zu überwinden.

    [Kaito]: Ich bin morgen im Home Office, wir können also heute Abend zocken und quatschen, wenn du Bock hast (^v^) wann ich ins Bett gehe ist nicht so wichtig \( ^o^)/

    [Rin]: Sorry, kann heute nicht

    [Rin]: Muss noch was für den Nebenjob machen

    Mittlerweile war das die fünfte Absage in Folge. Und die Ausreden wurden immer unkreativer.

    [Kaito]: Können wir doch wie früher wieder zusammen machen? Ich helf dir, dann bist du schneller durch :)

    [Rin]: Lieb von dir, aber ich muss das alleine machen

    [Kaito]: Okay …

    Und dann wieder nichts. Funkstille. Den ganzen Tag und auch den darauffolgenden. So ging das seit vier Wochen.

    Die Sache war die: Rin hatte öfter mal Phasen, in denen es ihm sehr schlecht ging und dann brauchte er Ruhe. Das sah allerdings eher so aus, dass er Kaito ganz klar mitteilte, dass er gerade nur ein bisschen viel im Kopf hatte, es nicht an Kaito lag und er sich melden würde. Und das tat er, zuverlässig.

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