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Dezemberfieber
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eBook343 Seiten4 Stunden

Dezemberfieber

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Über dieses E-Book

Weihnachten in den Tropen – eigentlich ein Traum! Doch statt eines entspannten Urlaubs mit Freundin Nina erlebt Bastian in Thailand sein ganz persönliches Fegefeuer: Rastlos sitzt er auf glühenden Kohlen im Paradies, geplagt von Erinnerungen an seine Kindheit in einer zerbrechenden Familie. Als er auf eine rätselhafte Botschaft in einem Bücherregal stößt, nimmt die Reise eine unerwartete Wendung: Was als Geocaching-Abenteuer durch Thailands Nationalparks beginnt, endet für Bastian in einer selbstzerstörerischen Konfrontation mit seiner eigenen Schuld …
SpracheDeutsch
Herausgeberduotincta
Erscheinungsdatum19. Nov. 2015
ISBN9783946086031
Dezemberfieber
Autor

Frank O. Rudkoffsky

Frank O. Rudkoffsky, 1980 in Nordenham geboren, lebt in Stuttgart und ist Mitherausgeber der Literatur- und Kunstzeitschrift ]trash[ pool. In Tübingen studierte er Allgemeine Rhetorik, Neuere Deutsche Literatur, Politikwissenschaft sowie am Studio Literatur und Theater. Neben Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien stand er 2011 mit einem frühen Auszug aus Dezemberfieber im Finale des Prosanova-Literaturwettbewerbs.

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    Buchvorschau

    Dezemberfieber - Frank O. Rudkoffsky

    EINS

    An Ninas rechtem Knie knistert der Golf von Thailand. Bastian richtet sich auf und küsst sie, schmeckt erst Mango, dann Tabak, und sinkt wieder aufs Papier zurück, die Andamanensee im Rücken und die Ellenbogen im Nichts. Ninas Sommersprossen werden unsichtbar, ihre Wangen glänzend und rot. Das Duschen hätte sie sich sparen können. Im Hotelzimmer ist es noch genauso stickig wie vor einer halben Stunde. Nach vier Wochen ohne Nina hätte Bastian am liebsten gleich mit ihr geschlafen. Als sie endlich aus dem Bad kam, musste es darum schnell gehen, schneller jedenfalls, als sie die Landkarte vom Bett werfen konnte. Sie beugt sich zu ihm hinunter und atmet in sein Ohr, streift mit ihren nassen Haaren immer wieder seinen Hals. Anders als sonst versucht Nina nicht, den Orgasmus hinauszuzögern, sondern schläft mit ihm, wie sie Sport treibt, ergebnisorientiert, verbissen. Bastian will auf sie warten, kann sich aber nicht länger zurückhalten. Er greift ihr an den Po und verkrallt sich in die Karte, kommt dann mit einer Wucht, die ihn fast erschreckt. Nina legt eine Hand auf seine Brust und lächelt.

    »Danke«, flüstert er.

    »Schon gut.«

    Sie stützt sich auf, um aus dem Bett zu steigen. Bastian hält sie noch einen Augenblick fest und merkt erst, als er loslässt, dass er mit seiner anderen Hand ganz Bangkok zerknüllt hat.

    Kaum hat sich Nina ihr Duschhandtuch umgebunden, ist sie schon in Eile. Sie zieht die Karte vom Bett, faltet sie zusammen und streicht die Kanten glatt, damit sie wieder in den Plastikbeutel passt. Demons­trativ kehrt sie Bastian den Rücken zu, als sie den kleinen Beutel mit der Karte zurück in den großen Beutel mit den anderen Dokumenten legt und diesen dann mit einem Clip verschließt. Er hat sich oft genug über ihren Ordnungstick lustig gemacht. Ihre Packliste, deren neueste Version sie ihm regelmäßig per Mail zukommen ließ, hat er immer wieder um Posten wie Laminiergerät oder Pudelmütze ergänzt. Bastian muss jetzt nichts sagen. Während Nina mit vorwurfsvoller Hektik ins Bad eilt, liegt er noch immer regungslos im Bett, quer zur holzvertäfelten Wand und mit einem Bein am Boden. Das ist Kommentar genug. Sie kommt nur wenige Sekunden später mit leeren Händen zurück und öffnet das Fahrradschloss an ihrem Rucksack. Zuhause hatte sie ihre Kleidung platzsparend zusammengerollt und nach Farbe sortiert. Genauso akkurat packt Nina auch wieder aus. Sie klemmt sich nacheinander T-Shirts unters Kinn, mustert sich im Spiegel und faltet sie zu Rechtecken. Ein olivgrünes Top landet auf der Kommode, alles andere im Schrank.

    Bastian muss grinsen. Morgen um diese Zeit sitzen sie bereits im Nachtzug nach Surat Thani.

    »Gib’s zu: Jetzt ärgerst du dich, dass das Bügeleisen nicht mehr in deinen Rucksack gepasst hat!«

    Nina nimmt ihr Handtuch ab und lächelt ihm im Wandspiegel zu.

    »Was meinst du, warum deiner so schwer ist?«

    Es hat lange gedauert, bis sie sich ohne Hemmungen vor ihm ausziehen konnte. Sie fand sich einfach nie hübsch genug, geschweige denn sexy. Dabei sind es gerade die kleinen Widersprüchlichkeiten, die Bastian an ihrem Körper so mag. Nina hat eine weibliche Figur und weiche, fast kindliche Gesichtszüge. Anders ihr Rücken: Dort ähneln ihre Schulterblätter gestauchten Eisschollen, erinnert ihre Wirbelsäule an die Schiene einer Zahnradbahn.

    »Wolltest du nicht duschen gehen?«

    Bastian antwortet nicht, sondern verschränkt die Arme hinter seinem Kopf und wartet auf die übliche Choreographie, wenn er eine ihrer Aufforderungen ignoriert: halbe Drehung samt Schulterblick, dicht gefolgt von Augenrollen und Zungenschnalzen. Stattdessen steigt sie in ihren Slip und cremt sich so eilig ein, dass etwas Lotion am Arm zurückbleibt. Der weiße Klecks klebt gleich neben einem ihrer großen, scherenschnittartigen Leberflecke, von denen Nina gerne behauptet, sie hielten Vögel von versehentlichen Kollisionen ab. Bei einem spielerischen Rorschachtest hatte Bastian auf ihrem Rücken einmal mehrere Staaten und Prominente identifiziert. Jetzt zieht sich Nina ihren BH an und verpasst Winston Churchill mit einem der Träger einen Pornobalken.

    »Du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du mich so mit deinen Blicken sezierst.«

    »Mein Interesse ist rein anthropologisch!«

    Nach einem genervten Seufzen verschwinden Kopf und Oberkörper im Top. Nina schlüpft mit der Nase voran durch den Ausschnitt und streicht sich die Haare aus dem Nacken. Plötzlich fährt sie herum und wirft Bastian das Handtuch ins Gesicht.

    »Bitte weitergehen – hier gibt es nichts zu sehen«, imitiert sie die Stimme eines Verkehrspolizisten.

    Bastian lacht künstlich ins Frottee, hört Nina etwas Unverständliches sagen, dann nur noch ihren Fön. Er versucht erst gar nicht, gegen seine Müdigkeit anzukämpfen. Seit dem Sex fühlt er sich wie aus einer zu straffen Spule gelöst. Es ist inzwischen fast eine Woche her, dass er schlafen konnte, und obwohl er noch vor dem Start fünf Bier getrunken hatte, kam er auch im Flugzeug nicht zur Ruhe. Wann immer ihm die Augen zufielen, riss Bastian wieder etwas heraus. Erst stieß ihm eine Flugbegleiterin mit dem Servierwagen ans Bein, dann musste sein Sitznachbar aufs Klo. Beim dritten Mal stand sich Bastian selbst im Weg: Er schrak im Halbschlaf aus einem Traum, in den er auf keinen Fall zurückkehren wollte. Die Nacht war spätestens ab den Turbulenzen über Indien gelaufen, die so heftig waren, dass ihm selbst drei Stunden nach der Landung noch schwindelig ist. Kaum schließt er die Augen, kommt er sich vor wie in einem eiernden Karussell; sogar die schneidenden Luftzüge des Ventilators geben ihm das Gefühl von Bewegung. Das Handtuch hebt sich immer flacher über seinem Mund und heizt sich am Atem auf. Als Nina das Gebläse des Föns eine Stufe höher stellt, wird Bastian schwerer, driftet weg. Die Bilder in seinem Kopf knüpfen nahtlos an den Traum im Flugzeug an: Bastian sieht Ivan im Zimmer seiner Eltern. Er ist dumm vor Wut, knurrt und winselt und bellt, rauft sich mit dem Bettvorleger und verbeißt sich in den Teppich. Ivan ist verrückt geworden, glaubt Bastian, tollwütig vielleicht; der Hund schreckt auf und starrt ihn an, Flokatifasern statt Schaum zwischen den Zähnen. Dann sieht auch Bastian die Leiche.

    Er reißt sich das Handtuch vom Gesicht und springt mit einem Satz aus dem Bett.

    »Scheiß aufs Duschen!«

    Nina zieht den Fön aus der Steckdose.

    »Bitte?«

    »Wir sind in Thailand! Duschen kann ich später noch – lass uns lieber raus und was sehen!«

    »Wollten wir nicht Pause machen?«

    Bastian schnürt seinen Rucksack auf und findet gleich obenan die Sachen, die er für den ersten Tag gepackt hat: Cargohose, Leinenhemd und Flipflops.

    »Dann wird der Jetlag nur noch schlimmer. Wir sollten uns besser schnell an den neuen Rhythmus gewöhnen!«

    Er knöpft sein Hemd erst falsch, dann richtig zu und schaut aus dem Fenster. Was Nina bei ihrer Ankunft irritiert als Gewusel bezeichnete, ist genau das, wonach er sich seit Tagen gesehnt hat. Unter dem Schilder­wald aus Neon und Blech strömen Touristen an dampfenden Garküchen, Bars und Geschäften vorbei. Sie schwärmen aus wie Termiten nach einem Fußtritt in ihren Bau, bilden immer neue Muster auf dem Asphalt. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Gestern hörte Bastian seine Schritte noch in leergeräumten Zimmern hallen.

    Nina schaut auf die Uhr und zuckt mit den Achseln.

    »Ach, warum nicht! Müssen’s ja nicht gleich übertreiben.«

    Bastian ist wieder hellwach. Er öffnet ein Bier aus der Minibar und nimmt die Flasche mit ins Badezimmer. Weil der Lüftungsschacht mit Klebestreifen abgedichtet ist, ist es drinnen so feucht, dass ihm sofort der Schweiß ausbricht. Bastian will lieber nicht wissen, was sich auf der anderen Seite befindet; er schaudert beim Gedanken an verklebte Chitinpanzer und im Todeskampf ausgerissene Fühler. Aber auch ohne Kakerlaken ist das Bad bereits widerlich genug. Schwarzer Schimmel breitet sich metastatisch über die Deckentapete aus. An den Kacheln kleben blutige Moskitoreste, im Abfluss Haare, die ganz sicher nicht Ninas sind. Angeekelt atmet Bastian durch den Mund und sprüht sich großzügig mit Deo ein. Als er mit seinem Ärmel ein Bullauge in den Spiegel wischt, ist er fast dankbar, dass er gleich wieder beschlägt. Bastian wäscht sein fahles Gesicht, ohne sich abzutrocknen und drückt mit seinem Unterarm die verkantete Tür auf. Die Zimmerluft ist jedoch nicht erfrischend, sondern so satt und schwer, dass Bastian das Gefühl hat, zu ersticken. Er will nur noch raus. Nina hat es offensichtlich nicht ganz so eilig. Sie liegt bäuchlings im Bett, liest im Reiseführer und wippt langsam ihre angewinkelten, an den Füßen überkreuzten Beine.

    »Wonach suchst du?«

    »Ich guck nur schnell, wo man hier gut essen kann.«

    »Wir sind mitten auf der Khao San Road«, sagt Bastian und schaut wieder aus dem Fenster.

    »Die eine Straße schaffen wir gerade noch so ohne Fremdenführer.«

    Unten versucht ein Thailänder mit einem mannsgroßen Bambuskorb am Rücken vergeblich, Besen an eine Gruppe trinkender Jugendlicher zu verkaufen. Keine zwei Sekunden später bleibt an ihrem Tisch eine alte Frau mit Origamifiguren stehen. Bastian platzt vor Ungeduld. Überall da draußen tauschen Backpacker bei Pad Thai und Singha ihre Abenteuergeschichten aus, feilschen um gefälschte Ed Hardy- oder Hard Eddy-Shirts, stoßen auf sich und das Leben an. Er stellt sich unter den Ventilator, zieht sein nass geschwitztes Hemd in die Länge und versucht, sich auf den Klang der Straße zu konzentrieren, ein diffuses Rauschen aus Schritten, Stimmen und Musik, das immer wieder jäh vom Geraschel vor- und zurückgeblätterter Seiten zerschnitten wird.

    »Hm. Möchtest du lieber am Stand was essen oder ins Restaurant?«

    Bastian seufzt hörbar. Es ist so typisch: Nina tritt immer dann auf die Bremse, wenn er Gas geben will, zieht immer dann die Reißleine, wenn er lieber fallen will. Die Anspannung der letzten Tage ist sofort wieder da: die schlaflosen Nächte im Haus seiner Eltern, die vielen Stunden am Schalter, der zähe, holprige Flug nach Thailand. Am meisten hatte ihm ausgerechnet die Taxifahrt zugesetzt. Auf dem Weg zum Hotel standen sie zwei Stunden im Stau, in denen Nina schlief und er mit seinen Gedanken alleine war. Beim Verkehrsinfarkt wirkte Bangkok wie eine begehbare Plastik seines Gehirns – alles in Bewegung, doch nichts kommt voran.

    Nina dreht sich um. Halb verunsichert, halb gereizt fragt sie:

    »Was ist denn?«

    Bastian schaut zu Boden. Sie kann nichts dafür, dass seine Nerven momentan so blank liegen. Nach einer Pause sagt er:

    »Nichts. Wärst du mir böse, wenn ich schon mal runtergehe und eine rauche?«

    »Ich bin dir grundsätzlich böse, wenn du rauchst.«

    »Und davon einmal abgesehen?«

    »Solange du nicht mit dem erstbesten Tuk Tuk durchbrennst«, grinst sie, »darfst du dich in einem Radius von fünf Metern frei bewegen.«

    »Ich binde mich gleich an die nächste Laterne, versprochen. Komm einfach runter, wenn du soweit bist!«

    »Ich beeil mich. Ist wirklich alles okay?«

    »Alles gut, keine Sorge.«

    Bastian beugt sich zu Nina hinunter und gibt ihr einen Kuss. Dann schnappt er sich Portemonnaie und Zigaretten vom Nachttisch und verlässt das Zimmer, nimmt Treppe statt Fahrstuhl, zwei Stufen statt einer. In der Lobby drängelt er sich an einer Horde britischer Backpacker vorbei und eilt aus der Tür. Ein paar Schritte weiter, und er steht mitten auf der Khao San: vor ihm ein 7-Eleven, der jeden Besucher mit einem schrillen Signalton empfängt, links zwei Mädchen, die sich Ramsch andrehen lassen, rechts drei Tuk Tuk-Fahrer, die durcheinander quasseln wie die Kontrollgruppe einer Ritalin-Studie. Das, was hinter ihm liegt, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Seine Gedanken verlieren sich im Lärm, und er fühlt sich augenblicklich besser.

    *

    Bastian drückt die Zigarette bis zum Filter ins Fruchtfleisch, und es geht ganz leicht, fast ohne Druck. Ein kurzes Zischen, schon stinkt es, als hätte jemand in einen heißen Wok gekotzt. Die Durian wird ihrem Spitznamen wirklich gerecht: Stinkfrucht. Nina hatte sie unbedingt probieren wollen, das teigige Obst aber nach nur einem Bissen angewidert an Bastian abgetreten. Während er sie vom Bordstein aus in der Menschentraube um einen T-Shirt-Stand verschwinden sieht, fischt er drei weitere Stummel aus der Hosentasche und bohrt sie ebenfalls hinein. Man findet so ziemlich alles auf der Backpackermeile, aber keinen einzigen Mülleimer. Auf Ninas Geheiß hatte er seine Zigaretten darum bislang auf dem Asphalt ausgedrückt und eingesteckt. Er stellt die Durian zur Seite und zündet sich gleich die nächste Zigarette an. Dann streifen seine Augen wieder rastlos umher, und er muss an Ninas Satz im Hotelzimmer denken: Du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du mich so mit deinen Blicken sezierst. Bangkok ziert sich nicht. Im Gegenteil: Die Menschen auf der Khao San Road buhlen geradezu um Bastians Aufmerksamkeit. Fliegende Händler, Gaukler und Huren konkurrieren auf nur wenigen hundert Metern Straße mit Geschäften, Bars und Garküchen um die grellsten Reize. Bastian kann sich kaum sattsehen an den vielen neuen Eindrücken, und genau das ist es, was er jetzt braucht. Er hat genug von kargen Räumen, hat genug davon, Erinnerungen an leere Wände zu projizieren. In den letzten Tagen hat er alles versucht, um sich abzulenken. Während der Haushaltsauflösung drehte er die Musik auf, so laut es die Boxen erlaubten, sang manchmal sogar aus vollem Hals mit. Auf der Beerdigung studierte er die Marotten der Trauergäste oder starrte aufs Brusthaar des Pfarrers, das buschig wie Zuckerwatte aus seinem Talar hervorragte. Einzig Ivans Tod musste Bastian ohne Ablenkung ertragen. Das war er ihm schuldig.

    Vor ihm bleibt ein Wagen mit getrockneten und gepressten Tintenfischen stehen. Der Verkäufer, ein verhutzelter Thailänder mit weißen Haaren, ruft Bastian etwas zu und deutet auf die Squids, die von hinten mit einer Lichtorgel bestrahlt werden. Seine Zähne sehen aus, als hätte er einen Haufen Kieselsteine mitsamt Erde in seinen Mund gestopft. Trotzdem lächelt er stolz und breit.

    »Khop-Khun Khrap«, lehnt Bastian dankend ab. Kaum hat der Alte seinen Fischladen weitergeschoben, versucht eine Frau in der traditionellen Tracht thailändischer Bergvölker gelangweilt, pawlowsche Kaufreflexe in ihm zu wecken: Sie reckt ihm einen faustgroßen Holzfrosch entgegen und ratscht mit einem Klöppel über dessen Rücken, um ein Quaken zu imitieren.

    »I have a better one«, sagt Bastian und zeigt auf den Tabakigel zu seiner Linken.

    Die Froschfrau lässt die geschnitzte Amphibie noch mehrere Male ohne besonderen Enthusiasmus quaken, zieht aber erst weiter, als sich Bastian von ihr abwendet. Wenig später kehrt Nina mit einer grünen Tüte vom Klamottenstand zurück und nimmt neben ihm auf der Bordsteinkante Platz.

    »Sieht aus, als hättest du ordentlich zugeschlagen!«

    »Klar, bei den Preisen! Ich hab den Typ auf 500 Baht für drei Shirts heruntergehandelt!«

    »Da lässt sich die Schwäbin nicht lumpen!«

    »Es gab auch einiges, das dir gefiele!«

    »Heute nicht mehr. Obwohl ich vorhin im Spiegel fast wie ein Vampir aussah, bist du die Blutsaugerin von uns beiden.«

    Nina beugt sich vor und mustert Bastian mit zusammengekniffenen Augen.

    »Okay, blass bist du vielleicht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dich in eine Ahnenreihe mit Brad Pitt und Tom Cruise stellen würde.«

    »Ich dachte da auch eher an den späten Bela Lugosi.«

    »Klingt … sexy!«

    Nina legt eine Hand auf sein Bein.

    »Zum Glück kann ich dich beruhigen: Vampire haben kein Spiegelbild!«

    »Das macht sie umso mysteriöser! Hast du je einen schlecht frisierten Vampir gesehen?«

    »Du wärst der erste!«

    Bastian versucht, seine Zähne zu fletschen, muss dann aber grinsen.

    »Komm, lass uns was trinken gehen!«

    »Nach Euch, Herr Graf!«, lacht Nina und lässt sich von ihm aufhelfen.

    Sie scheren wieder in den Touristenstrom ein und ignorieren die aufdringlichen Verkäufer, die ihnen ständig maßgeschneiderte Anzüge, Scherzartikel oder very strong cocktails andrehen wollen. Gegenüber einem Pub mit Livemusik finden sie einen Tisch mit guter Sicht auf die Passanten und amüsieren sich über Individualtouristen im Kollektivrausch. Als sie einander mit styroporummantelten Bierflaschen zuprosten, können Bastian und Nina nicht anders, als sich vor Erleichterung anzustrahlen. Sie hatten ihren Urlaub seit fast einem Jahr geplant und sich, je stärker ihnen ihre Distanzbeziehung zusetzte, immer öfter mit der Aussicht auf zwei Wochen Asien vertrösten müssen. Ein Urlaub zu zweit im Paradies war, wie Nina nach jedem Streit betonte, genau das, was sie brauchten, um sich als Paar wieder zu eichen. Darum hatte sie Bastian sogar einen selbstgebastelten Thailand-Kalender geschenkt, dessen Motive immer denselben Monat illustrierten: Dezember 2008. Kurz vor der Reise wurde das Paradies aufgrund von Logistikproblemen aber plötzlich geschlossen: Regierungsgegner hatten Bangkoks Flughafen besetzt und den internationalen Luftverkehr lahmgelegt. Bis zuletzt glaubte Bastian nicht mehr an ihren Abflug.

    Jetzt ist er dafür umso euphorischer. Die Khao San Road ist genauso, wie er sie sich vorgestellt hatte. Die Backpacker aus aller Welt könnten kaum unterschiedlicher sein, doch ihre Ausgelassenheit eint sie wie in einer Fankurve. Am liebsten würde Bastian die ganze Nacht sitzen bleiben und ihnen einfach bloß zusehen. Nina kann ihre Müdigkeit allerdings immer schlechter verbergen. Sie wird minütlich stiller und öffnet ihren Mund fast nur noch zum Gähnen. Obwohl noch Bier in ihren Flaschen ist, bestellt Bastian beim Kellner zwei neue und richtet ihren Tisch zur Liveband gegenüber aus. Die Thais spielen Rockklassiker aus den Siebzigern und Achtzigern und klingen wie Profis. Der Sänger trifft beinahe akzentfrei jeden Ton zwischen Axl, Ozzy und Zappa, offenbart in seinen Ansagen jedoch, dass seine Akribie vor allem der Mimikry gilt. Er bedankt sich beim Publikum in verstolpertem Englisch, fährt in den Strophen von Paradise City dann aber wieder mit derart unfallfreiem Staccato fort, als hätte er nie eine andere Sprache gesprochen. Nach dem Mainset steht Bastian auf, um der Band Trinkgeld in die Box zu legen. Ninas anfängliche Neugierde schlägt dagegen zunehmend in Desinteresse um. Beim Beginn der Zugabe schaut sie erst lange auf ihre Uhr, dann holt sie einen Zettel hervor und bittet Bastian, mit ihr noch einmal die Programmpunkte für morgen durchzugehen: auschecken um elf, danach zu Fuß zum liegenden Buddha. Von dort zum Pier und auf dem Chao Praya zur nächsten Skytrain-Station. Fahrt zum Chatuchak-Wochenendmarkt, dann bummeln. Wenn die Zeit reicht, den Sonnenuntergang im Lumpinipark genießen und Warane beobachten. Schließlich mit dem Taxi zum Bahnhof, rechtzeitig für den Nachtzug um 19:30.

    »Puh, da haben wir uns ganz schön was vorgenommen, was?«, lächelt sie unschuldig.

    Bastian streicht vor ihren Augen mit der Hand durch die Luft und versucht es mit einem Jedi-Gedankentrick:

    »Du bist nicht müde.«

    »Ich bin nicht müde«, wiederholt Nina wie in Trance.

    »Du willst noch ein Bier trinken.«

    »Ich will noch ein Bier trinken.«

    »Das sind nicht die Droiden, die du suchst.«

    Nina schenkt ihm ein mitleidiges Lächeln und steigt aus dem Spiel aus. Sie langweilt sich, wenn sie Filme ein zweites Mal sehen muss. Ähnlich reagiert sie auch bei schlechten Witzen. Beim Kellner bestellt Bastian zwei Singha, wird von Nina aber gleich wieder ausgebremst: Sie habe genug für heute. Bastian versucht zu lächeln, so gut es mit zusammengepressten Lippen geht. Dann streckt er sich zum Nachbartisch aus, um ihr eine Getränkekarte zu holen.

    »Falls du was anderes möchtest. Die Cocktails sehen lecker aus!«

    »Danke, aber mir reicht der Jetlag – da brauche ich nicht auch noch einen Kater.«

    »Du könntest eine Cola trinken.«

    »Dann kann ich nicht schlafen.«

    »Umso besser!«

    Nina gähnt nur und sagt dann nichts mehr. Stattdessen stützt sie ihren Kopf auf und schaut gelangweilt dabei zu, wie die Musiker ihre Instrumente einpacken. Bastian starrt so lange in die entgegengesetzte Richtung, bis ihm der Nacken schmerzt. Als ihm sein neues Bier serviert wird, revanchiert er sich für ihr vorwurfsvolles Schweigen, indem er die Flasche zunächst minutenlang nicht anrührt und dann bloß aus ihr nippt. Zwei Zigaretten später kann er sich nicht länger zurückhalten:

    »Du willst allen Ernstes, dass ich mich jetzt schuldig fühle, oder?«

    »Wir sind seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen«, erwidert sie ruhig. »Ich bin einfach nur müde. Deswegen brauchst du dich aber nicht gleich angegriffen zu fühlen. Oder habe ich irgendetwas gesagt, als du dein Bier bestellt hast?«

    Bastian weicht ihrem Blick erneut aus und beobachtet, wie sich ein Thailänder in exzentrischen Gewändern und mit mangogroßen Sonnenbrillengläsern neben Touristen fotografieren lässt. Seine knallbunt ausstaffierte Fahrradrikscha trägt den Schriftzug Mr. Thailand, er selbst erinnert Bastian aber eher an Mr. Libyen, den exaltieren Despoten Gaddafi.

    »Du kannst gerne schon aufs Zimmer gehen, das wäre echt kein Problem. Ich komme einfach nach.«

    »Sehr großzügig, danke«, lacht Nina bitter, fügt dann aber etwas leiser hinzu: »Ich lasse dich momentan ganz bestimmt nicht alleine.«

    »Du hast recht, das wäre unverantwortlich. Auf Bangkoks Straßen droht Waisenkindern bekanntlich ein Schicksal wie bei Dickens.«

    »Das ist nicht witzig, Bastian. Ich mache mir eben Sorgen um dich.«

    Im Pub gegenüber ist das Mikrofon nun fest in der Hand von Karaokesängern. Ein Brite mit nacktem Oberkörper scheitert grandios an den langgezogenen Vokalen in Wonderwall, dann lallt ein Amerikaner Sinatras My Way, verliert aber schon nach wenigen Takten den Faden. Beim Versuch, das Etikett auf seiner Flasche zu lesen, spürt auch Bastian den Alkohol. Der Schwindel ist inzwischen so stark, dass es ihm schwerfällt, seine Augen auf einen Punkt zu fixieren. Richtet er sie auf die ausgeblichenen Fähnchen, die an Leinen über die Straße gespannt sind, streift sein Blick schon bald den hepatitisgelben Mond am Himmel und wandert zum Kabelgewirr am Strommast ab.

    »Es geht mir gut. Ich möchte einfach ein bisschen runterkommen, das ist alles.«

    »Das verstehe ich ja. Aber es würde dich ganz sicher mehr entlasten, wenn du endlich über alles sprichst. Wie wär‘s damit: Wir holen uns im 7-Eleven einen Sixpack, gehen zurück aufs Zimmer und reden da weiter. Was denkst du?«

    Bastian nimmt einen großen Schluck Bier und muss aufstoßen. Nina begreift es einfach nicht. Dass er nicht traurig, sondern wütend ist. Und dass darüber zu reden das Letzte ist, was er will.

    Neben ihnen bleiben zwei Deutsche stehen, die sich nach einem freien Tisch umsehen. Der Mann ist ungefähr in Bastians Alter, Ende zwanzig, Anfang dreißig, die Frau an seiner Seite dagegen schwer einzuschätzen. Die jugendliche Kleidung kann nicht über ihr sonnengegerbtes, faltiges Gesicht hinwegtäuschen; ihr Batikkopftuch ist von Dreadlocks ausgebeult, die auf Höhe ihrer Schläfen den Weg ins Freie suchen und sich von dort bis hinter die Ohren zurückkringeln. Bastian findet sie lächerlich. Trotzdem dreht er sich zu ihnen um und lädt sie ein, Platz zu nehmen. Sie geben ihm und der irritierten Nina die Hand und stellen sich als Peter und Marie vor. Die beiden wirken nicht wie ein Paar: Peter passt nicht zu Marie. Im V-Ausschnitt seines Poloshirts verraten entzündete Haarwurzeln allzu akribische Körperpflege, und der Bart, den er sich vermutlich gerade zum ersten Mal im Leben stehen lässt, ist alles andere als frei gewachsen, sondern erinnert in Gleichmäßigkeit und Farbe eher an Schnitzelpanade.

    »Echt nett, dass ihr uns die Stühle angeboten habt!«

    »Tja, so ist mein Freund nun mal«, entgegnet Nina, schaut dabei aber nicht Peter, sondern Bastian an. »Denkt immer zuerst an andere.«

    *

    Es bringt nichts, die Augen zu schließen. Die Stroboskopblitze

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