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Zimmer ohne Fenster
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eBook476 Seiten6 Stunden

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Über dieses E-Book

Der Journalist Robert Heller befindet sich auf einer Dienstreise, um die Geschichte eines Justizverbrechens zu recherchieren. Nach Hause zurückgekehrt, erfährt er vom Tod Katrinas, der Frau, die seinem unsteten Leben Halt gegeben hat. Katrina hinterlässt Heller einen Brief, in dem sie ihm ein Geheimnis aus ihrer brasilianischen Heimat anvertraut. Sie bittet ihn, nach den Spuren ihres ehemaligen Lebensgefährten, eines berühmten Malers und dessen Hinterlassenschaft zu forschen. Doch das wahre Geheimnis verschweigt sie ihm Heller macht sich auf eine abenteuerliche und lebensbedrohliche Reise, doch schon bald stellt sich heraus, dass der von Xavanté hinterlassene Kunstschatz millionenschwer ist und einstweilen unauffindbar. In Rio de Janeiro bekommt er einen Vorgeschmack dessen, vorauf er sich eingelassen hat: er wird ausgeraubt, verliebt sich in eine junge Frau, die er aber in der Metropole schnell aus den Augen verliert und lässt sich in seiner Not mit einem Ganoven ein, ohne die Regeln auf der anderen Seite des Gesetzes zu beherrschen. Schnell gerät er immer tiefer in einen Sumpf aus Verbrechen und Leidenschaft ...
SpracheDeutsch
Herausgebertredition GmbH
Erscheinungsdatum31. Okt. 2014
ISBN9783732308033
Zimmer ohne Fenster
Autor

Norbert Mitschka

Norbert Mitschka, geboren in Breslau, wuchs in verschiedenen Städten auf. Er studierte in Frankfurt Literatur- Theater- Film- u. Fernsehwissenschaft u. Sozialpsychologie. Danach arbeitete er viele Jahre als Redakteur für einen Fernsehsender. Ab den 90er Jahren ist er freier Journalist und Filmautor Durch zahlreiche Recherche- und Drehreisen, u.a. nach Brasilien, hat er das riesige Land und seine Menschen bestens kennen gelernt. Parallel zu seiner Filmarbeit wendete er sich der Schriftstellerei zu. Und so gab eine szenische Filmarbeit in Brasilien: 'Gefangen im Zauber Brasiliens', den Anstoß zu diesem seinem ersten Roman.

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    Buchvorschau

    Zimmer ohne Fenster - Norbert Mitschka

    1. Turbulenzen

    Robert Heller sah von seinem Schreibtisch auf und lauschte; außer dem Rauschen der Klimaanlage und gedämpften Geräuschen von der Straße war nichts zu hören. Er spürte, wie das Blut in seinen Schläfen pulsierte, und obwohl es angenehm kühl war in seinem Hotelzimmer, begann er zu schwitzen.

    Man kann weder unverwandt in die Sonne schauen noch in den Tod. Der Satz ging ihm einfach nicht mehr aus dem Sinn. Warum zum Teufel verfolgte ihn dieser Gedanke wie ein drohender Schatten? Als säßen ihm die ungleichen Komplizen Sonne und Tod im Nacken, sprang er von seinem Stuhl auf, trat so nah an das Fenster, dass seine Nasenspitze die Scheibe berührte. Er starrte hinaus, als hoffte er, dort die Ursache seiner quälenden Einflüsterungen zu finden. Auf dem Roxas Boulevard wälzte sich träge der Verkehrsstrom. Ein Mann ohne Beine ruderte unter flirrendem Hitzeschild auf einem Rollbrett zwischen unzähligen Stoßstangen umher. Beklommen ließ Heller seinen Blick über ein ausgetrocknetes, absterbendes Rasenstück hinauf in das tiefe Blau des Himmels schweifen, als könne er dort oben Erhellendes entdecken. Er wandte sich ab, und eine heraufdämmernde Ahnung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Er ging ins Bad, drückte sich flüchtig ein Handtuch aufs Gesicht, betrachtete sein Spiegelbild, versuchte es anzulächeln, doch es war nicht mehr als ein mattes Zucken um den Mund. Sonne und Tod! Sonne und Tod!

    Heller nahm sich aus der Minibar eine Dose Mangosaft, kehrte zu seinem mit Papieren und Büchern überfrachteten Schreibtisch zurück, zog den Stuhl heran und versuchte, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren: ein Drehbuch für eine Fernsehdokumentation über ein verabscheuungswürdiges Justizverbrechen. Er ordnete einen Stapel beschriebener Blätter, nahm den Füller zur Hand und ging seine Story erneut Satz für Satz durch.

    Der Morgen graute, am Horizont kündigte ein zarter Schleier von Rot und Violett den Tag an, als eine herausgeputzte Gesellschaft – es waren mehr als hundert Personen – sich um eine Hinrichtung zusammenfand, als handele es sich um die Eröffnung der Fiestas von Valencia. Einige riefen: Viva España!

    Ein Arzt untersuchte gewissenhaft Puls und Blutdruck des Verurteilten. Dessen Gesicht war von der Kerkerhaft grau und eingefallen. Ein Soldat band dem Mann im dunklen Paletot ein schwarzes Tuch um die von Trauer und Schmerz erfüllten, aber immer noch glühenden Augen. Sein Wunsch, mit dem Gesicht Richtung aufgehende Sonne stehen zu dürfen, wurde erfüllt – die Gewehre des Exekutionskommandos zielten auf seinen Rücken: Es war sieben Uhr und drei Minuten, als eine Gewehrsalve krachte und der Mann auf der Stelle in sich zusammensackte; seine Hoffnung, im Sterben der Sonne entgegenzufallen, erfüllte sich nicht.

    Die Presse, fügte Robert Heller mit königsblauer Tinte hinzu, war über die geistige Größe des Hingerichteten ungebührlich lautlos hinweggegangen. An den Rand des Textes notierte er: weitere Nachforschungen wegen des ungesühnten Justizverbrechens à la Volksgerichtshof. Das Schicksal des Freiheitskämpfers José Rizal mag einem ungerecht erscheinen, rekapitulierte er, es gehört dennoch unverbrüchlich zur Geschichte der Philippinen.

    Von seinem Fenster aus konnte Heller die Turmspitze sehen, unter der sich die Hinrichtungsstätte befunden hatte. Das Unglück, trifft die meisten auf leisen Sohlen, dachte Heller mit dem vagen Gefühl, selbst einem Fiasko entgegenzugehen. Vergeblich hatte er in seinen Aufzeichnungen nach der Ursache seiner bedrohlichen Schatten gesucht.

    Vom altehrwürdigen Manila Hotel aus hatte Heller einen freien Blick zum weitläufigen Park und zum Rizal-Monument, das sich, von einer Ehrengarde umstanden, vor der gewaltigen Festungsmauer erhob. Die Wachtürme schauten noch immer Furcht einflößend auf die Müßiggänger herab. Wochenlang war er durch Manila und die Hauptinsel Luzon gestreift, hatte mit Akribie die Spuren von José Rizal, Nationalheld und berühmtester Mann seines Landes, für seine Filmvorlage verfolgt: José Rizal, Doktor der Medizin, Schriftsteller und Revolutionär, war mit vierunddreißig Jahren ermordet worden, weil er die verbrecherischen Taten katholischer Bruderorden entlarvt hatte. José Rizal hatte zum Ende einer Epoche beigetragen, in der im Namen Jesu Christi auch Mord und Totschlag ungestraft geschehen konnten. José Rizal, ein Zeitgenosse Gandhis, war ein Mann des geschriebenen Wortes gewesen, nicht der Gewalt.

    Heller würde hervorheben, dass Rizal, beeindruckt vom europäischen Geist der Aufklärung, während eines längeren Aufenthaltes in Heidelberg den aufsehenerregenden Roman „Rühr mich nicht an" geschrieben hatte. Er hatte sich dazu notiert: Das Buch traf seine Feinde empfindlicher als Gewehre und Kanonen, schnitt wie ein Skalpell in das eitrige Geschwür, als das der Autor die spanische Tyrannei in seiner philippinischen Heimat ansah. Für die Reportage hatte Heller sich eine sarkastische Titelzeile einfallen lassen: Ergreift den Dichter und tötet ihn – Amen!

    Er sah die Szene schon vor sich: Ein Mestize niederer Herkunft steigt die Stufen der San-Augustin-Kirche in Manila hinauf und betritt den Beichtstuhl, um Rizal an seine Todfeinde, die ihrer Scheinheiligkeit entlarvten Mönche, zu verraten.

    Da riss das Rasseln des Telefons, es war siebzehn Uhr, Heller aus seiner Arbeit. Die Augen noch auf seine Aufzeichnungen gerichtet, tastete er nach dem Hörer und hob ab.

    „Ja, Heller!"

    „Guten Morgen, Herr Kollege, sag mal, wo steckst du und was treibst du eigentlich, hast du meine Nachricht nicht bekommen?", legte die Stimme im Stakkato los.

    „Hallo Sandra, was ist los?", unterbrach Heller den Wortschwall seiner Kollegin, mit der er sich ein Büro in Frankfurt teilte.

    „Es geht um deine Bekannte, zuweilen spricht sie Portugiesisch – sie sucht dich ziemlich verzweifelt. Warte – wie heißt sie noch mal?"

    „Katrina, das ist Katrina, die hab ich völlig vergessen. Heller fuhr sich durch die struppigen Haare. „Mist, so ein Mist, redete er mit sich selbst und rieb sich den Nacken.

    „Bist du noch dran?"

    „Ja, ja, ich … entschuldige. Ich bringe das in Ordnung, ich bringe das gleich in Ordnung. Morgen haue ich sowieso hier ab, für meine Story habe ich alles – ich fliege morgen zurück."

    Für einen Moment sah er Katrinas Augen auf sich gerichtet; es war der Augenblick, als sie sich anschickte ihm etwas anzuvertrauen, das sein Leben untrennbar mit dem ihren verbinden sollte.

    Er hatte Katrina über eine Anzeige kennengelernt, in der sie Portugiesischunterricht angeboten hatte. Sie war Brasilianerin und lebte damals, von ihrem deutschen Ehemann geschieden, seit einigen Jahren allein in Deutschland. Aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis hatte sich eine seltsame Beziehung entwickelt. In einer Art Seelenverwandtschaft waren sie innig miteinander verbunden; obgleich voller zärtlicher Gefühle füreinander, war nie die Intimität einer Liebesbeziehung entstanden. Heller hatte der Gedanke immer gefallen, dass ohne seine Zurückhaltung mehr möglich gewesen wäre.

    Katrina litt an heftigen Depressionen, und wenn ein Schub kam, brauchte sie seine Hilfe. In äußerster Not, das wusste sie, konnte sie sich auf ihn verlassen. Wenn ihr die Decke ihrer auf den Kopf fiel und sie ihn anrief, holte er sie meist ab und sie gingen spazieren.

    Heller erinnerte sich noch ziemlich genau an ihren letzten Spaziergang. Es war kurz vor seiner Abreise. Sie wollte ihm ein Geheimnis aus ihrer Zeit in Brasilien anvertrauen. Sie sprach von einem sehr wichtigen Auftrag, den er für sie ausführen solle. Und er erinnerte sich, wie angespannt ihr Gesicht und wie bittend ihre Augen auf ihn gerichtet waren. Es ging um Xavanté, einen mysteriösen Künstler, mit dem sie offenbar ein Verhältnis gehabt hatte, und dessen Nachlass. Xavanté sei ein Pseudonym, seinen deutschen Familiennamen habe sie nie erfahren. Doch etwas schien plötzlich wie ein Gespenst hinter ihrer Stirn herumzugeistern. Sie brach das Gespräch ab und erklärte, dass sie ihm die ganze Geschichte verrate, wenn er von seiner Reise zurückgekehrt sei.

    Hellers Hand lag noch immer auf dem Hörer; seine Blicke wanderten durch das Zimmer, über das gepflegte Rattanmobiliar, den taubenblauen Veloursteppich; an zwei Schwarz-Weiß-Fotos, die am Boden lagen, blieb sein Blick hängen: Das eine zeigte einen waffenstarrenden NPA-Kämpfer, das andere das verhungernde Kind eines Zuckerarbeiters, von dem er wusste, dass es gestorben war.

    Er registrierte das alles, als sei er gerade aus einer Trance erwacht, als sei er an einem Ort, an dem er gar nicht sein wollte. Mechanisch nahm er sein Notizbuch, blätterte die Seiten durch. Ja, er hatte seinen Aufenthalt in Manila um etliche Tage überzogen und dabei einen festen Termin mit Katrina völlig übersehen. Das war jetzt schon eine Woche her.

    Was hatte Sandra gesagt? Sie habe ihm eine Nachricht geschickt. Heller rannte zum Fahrstuhl, doch der hing irgendwo fest, und er nahm die Treppe. An der Rezeption hing eine Traube von Menschen, und Heller drängelte sich durch.

    „Excuse me, there must be a message for me, have a look, please!"

    Der Portier entdeckte tatsächlich eine Mitteilung für Heller, sie war aus Versehen im falschen Fach gelandet und bereits zwei Tage alt.

    „Hallo Robert, ich habe schlechte Nachrichten. Deine Bekannte, Katrina, hat sich x-mal bei mir gemeldet. Sie machte einen verzweifelten – einen sehr verzweifelten Eindruck. Sie sagte etwas, worauf ich mir keinen Reim machen kann: Vergiss Bahia nicht! Also pack deine Koffer und mach dich auf den Weg. Sandra."

    Vergiss Bahia nicht!

    Heller lief vor seinem Schreibtisch auf und ab, auf dem sich die Bücher für seine Recherche stapelten. Beinahe vorwurfsvoll betrachtete er das großformatige, handgeschriebene Exemplar „Noli me tangere" von Rizal, das aufgeschlagen wie eine Bibel vor ihm lag, und klappte es entschlossen zu, als könne er mit der Geste etwas rückgängig machen, könne für sein Versäumnis Abbitte leisten.

    Er erinnerte sich an einen Besuch bei Katrina, als er sich angeschickt hatte aufzubrechen und sich verabschiedete; sie hielt ihn an der Tür mit aller Kraft fest, und er sah die Angst in ihren Augen, Angst, allein in ihrer Wohnung zu bleiben. Ein andermal hatte sie gedroht, vom Balkon zu springen.

    Egal was du ihr vorlügst, du musst sofort anrufen, dachte Heller. Jetzt, auf der Stelle. Nach dem dritten Rufzeichen schaltete sich ihr Anrufbeantworter ein, und als er ihre warme, rauchige Stimme vom Band hörte, klopfte sein Herz, als habe man ihn bei einer unverzeihlichen Sünde ertappt. „… por favor deixe um recado depois do siñal."

    „Hallo Katrina, schön, deine Stimme zu hören, wenn du zu Haus bist, bitte nimm ab. Geht’s dir gut? Ich weiß, ich hab dich verdammt lange warten lassen, muito desculpa. Also dann, ich versuche es später noch mal – ciao."

    Sicher war sie zu Hause und nahm nicht ab, weil sie wütend auf ihn war. Er kannte das. Beunruhigt fuhr sich Heller durch die zerzausten Haare. So lässig, wie er sich kleidete, Jeans, weißes bequemes Hemd und offener Kragen, so ungezwungen gestaltete er auch meist seine Amouren. Hellers jungenhafte Erscheinung ließ auf den ersten Blick nicht erkennen, dass er jenseits der vierzig war, und auch nicht, dass er unterdessen mit seinem ungebundenen Singleleben haderte. Zweisamkeit, hatte er gehört, sei erstrebenswert für Geist und Körper und für die Gesundheit. Um die Abkehr von seinen Eskapaden nicht aus den Augen zu verlieren, schrieb er sie als Vorsatz, als eine Art wiederkehrenden Psalm zwischen seine täglichen Notizen.

    In diesem Moment aber dachte er nur an Katrina. Sie war die beste Freundin, ohne die er sich sein umtriebiges Leben nicht vorstellen konnte. Sonne und Tod! Sonne und Tod!

    Heller machte sich daran, die Bücher und einige Devotionalien, die er als Filmrequisiten besorgt hatte, einzupacken. Sie füllten eine ganze Reisetasche.

    Wie wichtig ihm Katrina war, schien er ausgerechnet jetzt zu begreifen, jetzt, da er beinahe zwanzig Flugstunden von ihr entfernt war. Heller sah alle Telefonnummern von Leuten durch, die nach Katrina schauen könnten. Aber die, denen er sich anvertrauen konnte, waren nicht zu erreichen. Er rief Katrina immer wieder an, vergeblich.

    Es war Abend geworden. Er war ohne Ziel die nahe Manila-Bay entlanggeschlendert und in eine der Seitenstraßen eingebogen, die nach Ermita, in Manilas Nachtleben führte. Er zog von Bar zu Bar, versuchte mit Bier und Tandoney-Rum seine Unruhe zu betäuben. Als er dem müden, routinierten Tanz der Gogo-Girls nicht mehr zusehen mochte und sich auch Nenas „Neunundneunzig Luftballons" in seinen Ohren stauten, kehrte er ins Hotel zurück. Es war nach Mitternacht, als er Katrinas Nummer abermals anwählte, er vernahm schon das Knacken des Hörers, den Klang ihrer rauchig warmen Stimme. Doch da war nichts. Er lief zur Rezeption hinunter und schickte ein Blitztelegramm.

    „hallo Katrina, warum versteckst du dich / ich hätte mich früher melden sollen, aber in dieser verdammten hitze, da tickt alles ein bisschen anders, desculpa / übrigens, ich bin gespannt, ob du mir den rest deines bahia-geheimnisses verrätst / und jetzt bitte calma meu amor / in einigen stunden bin ich zurück / um beijo robert."

    Im Flughafen herrschte chaotisches Gedränge, einige Flüge hatten Verspätung. Die Klimaanlage war ausgefallen, und die Ausdünstungen der Fluggäste verwandelten die Wartehalle in ein Treibhaus. Die Menschen starrten durch die blinden Scheiben, an denen die kondensierte Feuchtigkeit in Rinnsalen herunterlief. Heller war froh, als sein Flug aufgerufen wurde. Als er das Flugticket aus der Brieftasche nahm, fiel sein Blick auf ein Foto, das er seit Jahren bei sich trug. Es musste ein glücklicher Moment gewesen sein, Katrina strahlt ihn an, während sie ihn mit aller Kraft umarmte. Sie gab ihm stets gute Wünsche mit auf die Reise und rief ihm „Cuidado!" hinterher. Ja, er sollte auf sich aufpassen und sie nie vergessen. Heller biss sich auf die Lippen.

    Obwohl inzwischen ein Unwetter über der Manila-Bay aufgezogen war, rollte die voll besetzte Boeing 747 nach Frankfurt planmäßig zu ihrer Startposition. Regen peitschte gegen die Kabinenfenster, nur die gelben Markierungsleuchten waren zu sehen, zerliefen in Rinnsalen auf der Fensterfläche ins Nichts. Die Triebwerke sirrten schrill, eine schier endlose Startphase, dann hörte das harte Schlagen des Fahrwerks auf. Mit einem heftigen Zittern, als ob er die Last verweigere, hob der Jet endlich ab. Heller starrte durch das Kabinenfenster, die Reihe der Orientierungslichter riss ab. Es war Nachmittag, aber draußen schien es Nacht zu sein. Ein Blitz traf die Tragfläche, es war, als fahre eine riesige Kralle über das Metall, immer wieder warf eine Bö die Maschine wie ein Blatt im Wind hin und her, sie sackte ab und wurde von einer Faust wieder nach oben gedrückt. Sein Nachbar hatte die Augen geschlossen, als wünsche er keine Unterhaltung. Heller schaute auf die andere Seite, in stumme, unbewegte Gesichter. Ausgeliefert, dachte er, der verrinnenden Zeit ausgeliefert. Zwei Reihen vor ihm, auf einem Klappsitz vor dem Notausgang saß eine der Stewardessen. Sie hatte nach buddhistischem Ritual demutsvoll ihre Hände aneinandergelegt, als befände sie sich im Gebet, und sie lächelte. Sicherlich bittet sie Buddha um einen guten Flug, dachte Heller. Er ließ seine Blicke durch die schaukelnde Kabine wandern, an der Leuchtschrift Emergency Exit blieb er hängen; für einen Moment glaubte er, es gehöre zu einem Bild, das er längst vergessen hatte. Er war am Morgen in Schweiß gebadet aufgewacht und glaubte, ins Bodenlose zu stürzen. Er hatte geträumt, er schwebe in einem gähnend leeren Raum, mit weit geöffneten Fenstern durch das Universum und werde von einem erbarmungslosen Sog hinausgezogen. Er zog seinen Gurt fester.

    Sandras alarmierende Nachricht wegen Katrina, dachte er, war nun schon drei Tage alt. Katrina war nicht sein Leben, aber sie gehörte dazu – wie zur Balance des Glücks. Heller spürte einen Stich im Magen, als er daran dachte, dass sie – seine gute Fee – mit einem Mal nicht mehr da sein könnte. Sie, die immer tröstend zur Stelle war, wenn er sich in seiner Rolle als Prinz auf der Suche nach einer Prinzessin geirrt hatte.

    Dong, dong, dong, dong! Ein Passagier betätigte unablässig die Ruftaste in seiner Armlehne, es nervte. Über dem Kopf der Stewardess leuchtete das Telefon auf, mit einem Ratsch zog sie den Hörer aus der Wandhalterung. Hellers Herz schlug, er wollte aufspringen und sie um das Telefon bitten; in der ersten Klasse musste es möglich sein. Er wollte mit Katrina reden, jetzt und keinen Moment später.

    2. Katrinas Vermächtnis

    Erschöpft landete Heller am frühen Morgen in Frankfurt und fuhr auf dem schnellsten Weg nach Hause. Ohne nach der Post und sonstigen Dingen zu schauen, duschte er schnell, zog sich frisch an und machte sich auf den Weg zu Katrina. Aus dem Gepäck nahm er einen Seestern, den sie sich gewünscht hatte, weil er Glück bringen sollte. Unterwegs kaufte er einen Strauß Feldblumen, die sie liebte.

    Während er sich dem Haus bis auf einige Schritte näherte und an der grauweißen Mauer hinaufsah, bemerkte er, dass das Fenster neben dem Balkon gekippt war wie immer, wenn sie zu Hause war. Er glaubte, dass die Gardine sich bewegt hatte, und verharrte einen Augenblick. Seit sie, aus dem Kreis ihres wohlhabenden Familienclans verstoßen, mittellos und auf eine Sozialwohnung angewiesen war, ging sie kaum noch aus dem Haus. Eine Ausnahme waren ihre Spaziergänge mit ihm. Als er das letzte Mal bei ihr geklingelt hatte, war sie auf dem Balkon erschienen und hatte hinunter gerufen „Bleib unten, wir laufen etwas, ich brauche frische Luft – und außerdem – ich muss dir was erzählen. Es ist wichtig. Tudo bem?" Mit lauten, klackenden Schritten rannte Katrina die Treppen hinunter, zog die Tür hinter sich zu und folgte Hellers Blick, der auf die Fenster der Nachbarn gerichtet war.

    „Ich bin die Einzige in diesem Haus, die lüftet, sagte sie leise. „Wenn ich Besuch bekomme, spüre ich ihre Ohren an den dünnen Wänden. Ich ersticke noch mal in diesem Haus. Eine Hütte in Brasilien, selbst in einer Favela, wäre mir lieber. Und dann sagte sie wie immer „moço", gab ihm einen Kuss links und einen rechts, ergriff seinen Arm und lachte. „Vamos", flüsterte sie und zog ihn weg.

    Heller ging die letzten Schritte auf den gesichtslosen Zweckbau zu, entfernte das Papier des Blumenstraußes, atmete tief durch und klingelte zweimal kurz, wie ausgemacht. Auf dem Balkon erschien Katrina nicht, er klingelte noch mehrmals, ehe die Haustür geöffnet wurde.

    Katrinas Wohnungstür im ersten Stock war eine Handbreit geöffnet, einen Moment lauschte er, es war still in der Wohnung. Langsam drückte er die Tür auf und betrat den Korridor. Aus dem Wohnzimmer kam ihm ein Mann entgegen, er mochte in seinem Alter sein. Heller glaubte, ihn schon einmal gesehen zu haben. Ein Liebhaber? Der Mann machte keine Anstalten, ihm die Hand zu geben. Am liebsten hätte Heller die Blumen hinter seinem Rücken versteckt, sein Gegenüber schien ebenso unsicher zu sein. „Guten Tag?", sagte er in fragendem Ton.

    „Guten Tag, ich bin Robert Heller, ich wollte eigentlich nur etwas abgeben." Er blickte zur Seite, auf dem Wohnzimmertisch stand eine Glaskanne mit Früchtetee, wie ihn Katrina täglich trank, neben dem Sofa ein Stapel Veja- und Manchete-Magazine, auf dem Fußboden das Radio, Zeitungen, alles war so wie immer. Er sah wieder zu dem Mann, der, eine schwarze Mappe in der Hand, ihn fragend ansah.

    „Wo ist Katrina?, fragte Heller. „Ich meine, wo ist Frau Schulte-Borges?

    „Ich muss Ihnen eine unangenehme Mitteilung machen, der Mann blickte mit einem Ausdruck des Bedauerns auf seine Mappe. „Sie kommen zu spät.

    Heller stand da mit den Blumen und dem Seestern und überlegte, wie er die Äußerung verstehen sollte.

    „Wieso zu spät?", fragte er tonlos.

    „Frau Schulte-Borges ist vor drei Tagen verstorben", sagte der andere unbeteiligt. Er sei für das Sozialamt hier, um die Räumung der Wohnung vorzubereiten. Sofern Heller mit der Verstorbenen nicht verwandt sei noch einen rechtlichen Anspruch auf bestimmte Gegenstände habe, möge er die Wohnung bitte verlassen. Über die näheren Umstände ihres Todes, nein, darüber könne er nichts sagen.

    Heller spürte, wie das Blut aus seinem Kopf wich, der Mann vor ihm schien zu verschwimmen, Katrina schien sich hinter ihm, wo sie immer saß, zu verbergen. Heller stand in der Nähe der Tür, fasste nach dem Rahmen, als suchte er einen Halt. Einen Moment standen sich beide Männer schweigend gegenüber. Heller hätte am liebsten einen Schluck von dem rot schillernden Früchtetee getrunken, seine Kehle war trocken. Er sah sich im Zimmer um. Vielleicht gab es einen Brief an ihn oder irgendeine Nachricht? Heller fragte danach, aber der Mann winkte unwillig ab. Er ging jetzt einen Schritt auf Heller zu, er müsse nun wieder an seine Arbeit, und ehe Heller sich versah, schloss sich die Tür hinter ihm. Als er im Erdgeschoss ankam, ging eine Wohnungstür auf, eine Nachbarin steckte ihren Kopf heraus. Heller kannte sie, er blieb einen Moment stehen. Die Frau sagte mit leiser Stimme, die Polizei habe erklärt, es sei wahrscheinlich Selbstmord gewesen. Man habe auf ihrem Nachttisch eine Menge Tabletten gefunden und den Rest einer Flasche Sekt. Heller nickte nur stumm. Er schenkte der Frau den Blumenstrauß und verließ das Haus.

    Katrina würde nie wieder auf seine unzähligen Anrufe antworten.

    Jetzt spürte Heller, wie sehr er sie geliebt hatte, und dass sein Verlangen, sie in die Arme zu nehmen, unerfüllt bleiben würde. Er dachte daran, wie sie zusammengesessen und Musik von Maria Bethânia gehört hatten, sie zwischendurch unruhig in der Wohnung herumgelaufen war. Katrina hüstelte andauernd, es war eher ein nervöses Räuspern, ihre Nase zuckte dabei auf und ab; ein Zeichen, dass etwas sie bewegte. Er hatte noch einmal versucht, etwas über den mysteriösen Nachforschungsauftrag in Brasilien zu erfahren, aber an jenem Tag war nichts mehr aus ihr herauszubringen. Dieser Auftrag war jetzt so etwas wie ein Vermächtnis, dachte er, und wenn er ihm Folge leistete, könnte er ihr noch ein wenig Liebe und Freundschaft über den Tod hinaus mitgeben.

    Noch in Gedanken, was er mit Katrinas wenigen Hinweisen anfangen konnte, bemerkte Heller, dass er die falsche Richtung eingeschlagen hatte, er fuhr aus der Stadt hinaus, den Weg, den er das letzte Mal mit Katrina gefahren war. Plötzlich hatte er das Bedürfnis, mit jemandem zu reden. An der nächsten Telefonzelle stoppte er seinen Wagen und rief Sandra in ihrem gemeinsamen Büro an.

    „Hallo Sandra. Ich bin wieder da, ich komme gerade von Katrinas Wohnung."

    „Ich hab’s schon vom Sozialamt erfahren – wenn ich gewusst hätte, dass …"

    „Schon gut, mach dir keinen Vorwurf, es ist nur …"

    Sandra räusperte sich.

    „Katrina hat einen Brief für dich hinterlassen. Er lag unfrankiert in unserem Briefkasten."

    Einen Moment war es still in der Leitung.

    „Können wir uns in irgendeinem Café treffen. Ich möchte jetzt nicht ins Büro kommen. Am besten gleich?"

    „Kein Problem. Wir treffen uns unten am Rhein, gegenüber dem Kastell an der Brücke ist ein Bistro. Da haben wir Ruhe."

    Als Sandra eintraf, saß Heller schon dort. Er stand auf und umarmte sie, was er noch nie gemacht hatte. Sie setzten sich wortlos an den Tisch und Sandra gab ihm den Brief. Eine Weile saßen beide schweigend da, bis die Kellnerin an den Tisch kam, um die Bestellung aufzunehmen.

    Heller öffnete den Umschlag vorsichtig, auf dem nur sein Name stand.

    „Soll ich eine Weile spazieren gehen?", sagte Sandra.

    „Nein, nein, erwiderte Heller, „es wäre mir lieber, wenn du bliebst. Heller entnahm dem Umschlag einen Brief und eine herausgerissene Seite aus einem brasilianischen Magazin.

    Robert, mein Lieber –

    es ist schade, sehr schade, dass Du jetzt nicht bei mir bist. Draußen ist ein schöner, sonniger Tag, aber in mir ist es finster, so finster, wie ich es noch nie empfunden habe und die Schatten, die alles so finster machen, wachsen aus meinem Herzen. So verloren hab ich mich noch nie gefühlt. Sicher liegt es daran, dass Du jetzt nicht da bist – aber da ist noch etwas anderes, das mir Angst macht, eine Angst, die ich nicht beschreiben kann.

    Robert, mein Herz, ich mache Dir keine Vorwürfe, dass Du mich über Deiner Arbeit für den Moment vergessen hast, etwas treibt mich, wie soll ich es beschreiben. Die Zeit, meine Zeit, scheint mir wie Sand zwischen den Fingern durchzurieseln – und dann diese Leere, eine endlose Leere, darüber wird mir schwindelig. Vielleicht spürst Du meine Gedanken, ich wünsche mir, dass Du zurückkommst. Pronto!

    Ich habe mir gerade etwas zusammengemixt (Chemie à la carte), damit meine Dämonen mich eine Weile in Ruhe lassen, um Dir diesen Brief zu schreiben. Moço, ich habe es Dir ja schon vor Deiner Reise gesagt, Du musst unbedingt nach Brasilien gehen, alles über Xavanté und was er hinterlassen hat herausfinden. Du musst Dich auch auf Überraschungen einstellen. Aber das bist Du ja gewöhnt von mir. Und Du musst es tun. Bitte. Du bist der Einzige, dem ich vertraue, Du bist ja ein Teil meiner Seele. Tudo bem. Ich werde Dir alles aufschreiben, was Du wissen musst. Ich weiß, ich habe um ‚mein Bahia‘ immer ein Geheimnis gemacht. In Brasilien wirst Du alles erfahren.

    Bevor ich Karl Heinz, meinen Ehemann, kennenlernte und nach Deutschland ging, war ich mit Xavanté, einem deutschen Maler, zusammen, ich habe ihn wegen Karl Heinz aufgegeben. Und ich habe damals einen großen Fehler gemacht. Xavanté lernte ich in Salvador da Bahia kennen. Dort haben wir auch gelebt. Es war eine schöne Zeit mit ihm, damals, ich bewunderte seine Kunst. Seine ersten Arbeiten hatte er unter dem Pseudonym Gisbert Severin vorgestellt, später, in Brasilien, hatte er dann den indianischen Namen Taua Xavanté angenommen. Dass er ein Pseudonym annahm, hing mit Konflikten in seiner Familie zusammen. Mit einem neuen Namen wollte er einen Strich unter seine Vergangenheit ziehen, und so verließ er Familie und Heimat. Ich habe seinen richtigen Namen nie erfahren.

    Robert, Du musst herausfinden, wo er zuletzt gelebt hat, bevor er starb, dort findest Du auch seinen Nachlass, einen umfangreichen Kunstschatz. Aber nicht nur das. Mich interessiert dabei etwas ganz anderes. Es bedrückt mich seit Jahren, und jeder Tag hat mir mehr den Mut genommen, mein Schweigen zu brechen. Mehr kann ich Dir auch in diesem Moment nicht sagen. Du wirst es erfahren, wenn es so weit ist.

    Es könnte auch publizistisch in Deinem Interesse sein, den umfangreichen Gemäldenachlass zu finden. Wie ich erfahren habe, sind schon einige unberufene Geister hinter ihm her. Das ganze Oeuvre an Exponaten soll ein Vermögen wert sein. Du könntest dafür sorgen, dass alles in die richtigen Hände kommt. Was er geschaffen hat, war große Kunst. Du wirst es selbst herausfinden. Mit seinem ersten Bilderzyklus, ‚Arlekin mit Flügelschlag‘ und ‚Messias auf fliegendem Teppich‘ hat er sich in Südamerika, aber auch in Europa einen Namen gemacht. Robert, du bist Journalist, Du wirst eine Story wollen: Der berühmte Ethnograf Pierre Verger (lebt wahrscheinlich in Bahia) und Brasiliens berühmtester Schriftsteller Jorge Amado gehörten zu seinen Freunden und Bewunderern.

    Du musst deine Nachforschungen bald aufnehmen und den unbefugten Geistern zuvorkommen – es muss verhindert werden, dass Xavanté und meine Zeit mit ihm auf die Straße gezerrt werden. (Das wirst Du verstehen, wenn Du Xavanté auf die Spur gekommen bist.) Der liebe Gott und alle Orixas da Bahia mögen Dir beistehen.

    Ein paar Informationen für deine Recherchen kann ich Dir geben. Die erste Fährte von Xavanté solltest Du in Rio de Janeiro aufnehmen, er hatte dort Kontakte zu einigen Galeristen, in einer Bar, in der wir verkehrten, hängt vielleicht noch ein Bild, mit dem er seine Rechnungen beglichen hat. In Rio musst Du ohnehin umsteigen, weil Du Anacristina treffen wirst, eine gute Freundin, sie wird Dir helfen Dich in Bahia zurechtzufinden. Auf der beiliegenden Seite aus dem Veja-Magazin ist ein Foto von ihr (von einer Modemesse in São Paulo). Anacristina ist sehr hübsch, verguck Dich nicht in sie, sie ist nichts für Dich. Sie ist eine Carioca und braucht das Leben am Zuckerhut wie die Luft zum Atmen. Tudo bem.

    Wichtigster Ort deiner Nachforschungen wird Salvador da Bahia sein, im Bundesstaat Bahia, im Nordosten Brasiliens. In der Hafengegend Salvadors hat X. die Motive gefunden, von denen er geträumt hat, und ist geblieben. Was ich Dir an Portugiesisch beigebracht habe, wird Dir für Deinen Auftrag genügen, und Du hast ja noch Anacristina.

    Ich fühle mich jetzt etwas leichter – aber ich muss schließen für heute.

    Cuidado, moço – beijos, Katrina

    Als Heller den Brief zusammenfaltete, erinnerte er sich daran, wie herzlich sie sich beim letzten Mal verabschiedet hatten. Als er Katrina umarmte, glaubte er außer einer Kaffee- auch eine Alkoholfahne wahrgenommen zu haben, aber er hatte sich weiter nichts dabei gedacht. Als er ihr Haus verließ, hatte er noch einmal hinaufgesehen, er konnte sie nicht sehen, aber er spürte, dass sie ihm nachschaute.

    „Kann ich irgendetwas für dich tun", unterbrach Sandra das Schweigen. Heller gab ihr keine Antwort. Er saß da, und starrte auf das Kuvert in seinen Händen.

    Hellers Beine waren schwer wie Blei, als er die Stufen zu seiner Wohnung hinaufsteigen wollte. Vielleicht war das der Grund, dass er nach wenigen Stufen stehen blieb und keinen Impuls verspürte, weiterzugehen. Aus dem Tritt gekommen, dachte er.

    Er stieg die Stufen wieder hinab und trat auf die Straße. Der Himmel war grau, es wehte ein unangenehmer, feuchtkalter Wind. Am oberen Ende der Straße befand sich eine Wirtschaft, in der er noch nie gewesen war. Jetzt ging er dort hin, blieb einen Moment davor stehen.

    Aus dem Tritt gekommen. „Scheißegal, da geh ich jetzt rein", murmelte er.

    Es war erst Nachmittag, aber in der Kneipe saßen schon etliche Männer am Tresen und rauchten, ein Bier vor sich. Einige Gäste saßen vor dem Fernseher, ein alter Mann hatte sich einen Barhocker vor einen Spielautomaten gezogen und spielte unablässig. Der Wirt betrachtete Heller, als habe er sich verlaufen. Heller setzte sich in eine Ecke und bestellte ein Bier. Seine Augen wanderten zu den Trinkern am Tresen, zu den Leuten vor dem Fernseher, zum Alten vor dem Spielautomaten. Der Alte schien dort immer zu sitzen, schien seine Zeit mit Zocken totzuschlagen. Alles Geld, das hin und wieder unten herausklimperte, steckte er sogleich oben wieder hinein.

    Die Zeit totschlagen, dachte Heller. Er fasste nach Katrinas Seestern in der Tüte, fühlte die spitzen Zacken durch das Plastik. Er trank sein Bier aus, bestellte ein weiteres. Heller dachte an den Mann in Katrinas Wohnung, der jetzt ihre Habseligkeiten auflistete. Ihre Lebenswelt, dachte er, verschwand jetzt, in diesem Augenblick, in einem schwarzen Ringbuch DIN A5.

    Der Geldautomat klapperte wieder, der Alte schob die Münzen im Schacht geübt zur Seite und starrte auf die rotierenden Scheiben. Heller trank noch ein Bier und noch eins. Für einen Moment zog er die Magazinseite mit Anacristinas Foto heraus, und erst jetzt bemerkte er, dass Katrina auf den Rand Adresse und Telefonnummer geschrieben hatte. Viel war im Kneipendämmerlicht nicht zu erkennen, der Zigarettenqualm wurde immer dichter und brannte in den Augen. Er faltete das Papier sorgfältig wieder zusammen und steckte es weg.

    Aus dem Tritt gekommen. Er bestellte noch ein Bier, trank es nur zur Hälfte, rief den Wirt und zahlte.

    Als er in das Halbdunkel der Straße trat, traf die frische Luft ihn wie ein Schlag, dann ging er unsicheren Schrittes zu seinem Haus.

    Heller wohnte in einem typisch wilhelminischen Bürgerhaus der Jahrhundertwende. Bis auf einige ältere Bewohner, die seit Jahrzehnten in dem fünfstöckigen Haus lebten, doch selten aus der Tür traten, kannte er niemanden. Er wäre jetzt gern jemandem begegnet, um einen guten Abend zu wünschen, einfach ein paar Worte zu wechseln. Aber es begegnete ihm niemand im Treppenhaus, nur dickblättrige Gummibäume, die sich in den Zwischenstöcken wie Unkraut vermehrten, streckten sich ihm wie schwammige Finger entgegen.

    Als er im dritten Stock ankam, schlug sein Herz wie nach

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